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Die Radsport-Mafia und ihre schmutzigen Geschäfte

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Die Radsport-Mafia und ihre schmutzigen Geschäfte — Inhalt

Der Insiderbericht über die Welt des Profiradsports: bestechend ehrlich und so spannend wie ein Thriller.

Tyler Hamilton - Naturtalent und bei US Postal zweiter Mann hinter Lance Armstrong - legt offen, wie das berühmteste Radrennen der Welt zur Tour de Farce wurde. Er enthüllt, wie korrupte Ärzte und skrupellose Teamchefs agierten und Mannschaften zu gut geölten Maschinen wurden. Wie eine ganze Sportart unter die Räder kam und eine Parallelwelt aus Lügen, Erpressung und Manipulation entstand, in der die Doping-Profis mittels Geheimcodes Absprachen trafen und den Ermittlern immer einen Schritt voraus waren.

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzt von: Gabriele Burkhardt, Dagmar Mallett, Werner Roller, Sigrid Schmid
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30409-2
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.11.2012
Übersetzt von: Gabriele Burkhardt, Dagmar Mallett, Werner Roller, Sigrid Schmid
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96177-6

Leseprobe zu »Die Radsport-Mafia und ihre schmutzigen Geschäfte«

DIE GESCHICHTE HINTER DEM BUCH

 

Daniel Coyle

 

Im Jahr 2004 zog ich mit meiner Familie nach Spanien, um ein Buch über Lance Armstrongs Versuch zu schreiben, seine sechste Tour de France zu gewinnen - ein aus vielerlei Gründen faszinierendes Projekt, in dessen Mittelpunkt das große Rätsel stand: Wer war Lance Armstrong wirklich? War er ein echter und würdiger Champion, wie viele glaubten? War er ein Dopingsünder und Betrüger, wie manch andere behaupteten? Oder bewegte er sich in dem undurchsichtigen Raum irgendwo dazwischen?
Wir mieteten ein Apartment [...]

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DIE GESCHICHTE HINTER DEM BUCH

 

Daniel Coyle

 

Im Jahr 2004 zog ich mit meiner Familie nach Spanien, um ein Buch über Lance Armstrongs Versuch zu schreiben, seine sechste Tour de France zu gewinnen - ein aus vielerlei Gründen faszinierendes Projekt, in dessen Mittelpunkt das große Rätsel stand: Wer war Lance Armstrong wirklich? War er ein echter und würdiger Champion, wie viele glaubten? War er ein Dopingsünder und Betrüger, wie manch andere behaupteten? Oder bewegte er sich in dem undurchsichtigen Raum irgendwo dazwischen?
Wir mieteten ein Apartment in Armstrongs Trainingsbasis Girona, zehn Minuten Fußmarsch von Armstrongs festungsähnlicher Unterkunft entfernt, die er sich mit seiner damaligen Freundin Sheryl Crow teilte. Ich lebte fünfzehn Monate auf dem Planeten Lance und verbrachte meine Zeit mit Armstrongs Freunden, Teamgefährten, Ärzten, Trainern, Anwälten, Agenten, Mechanikern, Masseuren, Rivalen, Kritikern und natürlich mit Armstrong selbst.
Mir imponierten Armstrongs unglaubliche Energie, sein bissiger Humor und seine Führungsqualitäten. Seine Unbeständigkeit, Heimlichtuerei und die tyrannische Art, mit der er manchmal Teamkameraden und Freunde behandelte, gefielen mir allerdings nicht. Andererseits ging es hier nicht um Kinderkram, sondern um den physisch und psychisch anstrengendsten Sport der Welt. Nachdem ich alle Aspekte der Geschichte so eingehend wie möglich beleuchtet hatte, schrieb ich Lance Armstrong’s War, zu Deutsch Armstrongs Kreuzzug. Einige von Armstrongs Teamgefährten fanden das Buch objektiv und fair (Armstrong selbst erklärte sich offiziell mit dem Buch »einverstanden«).
In den Monaten und Jahren nach Erscheinen des Buches wurde ich oft gefragt, ob ich glaubte, Armstrong würde dopen. Ich war mir nicht sicher, aber mit der Zeit kam es mir immer wahrscheinlicher vor. Einiges schien darauf hinzudeuten: Studien belegten, dass Doping die Leistungsfähigkeit um zehn bis fünfzehn Prozent erhöhte - und das in einer Sportart, bei der Rennen häufig mit dem Bruchteil eines Prozentpunkts entschieden werden. Tatsache war, dass fast jeder Fahrer, der bei der Tour de France mit Armstrong auf dem Podest stand - fünf seiner Kollegen aus dem US-Postal-Team eingeschlossen -, irgendwann mit Doping in Zusammenhang gebracht wurde. Und dann war da noch Armstrongs langjährige enge Verbindung zu Dr. Michele Ferrari alias »Dr. Evil«, dem mysteriösen Italiener, bekannt als einer der berüchtigsten Ärzte im Radsport.
Andererseits hatte Armstrong Dutzende von Dopingkontrollen mit Bravour bestanden. Er verteidigte sich stets vehement und hatte schon mehrere öffentliche Gerichtsverfahren gewonnen. Zudem hatte ich als Alternative immer die logische Schlussfolgerung im Hinterkopf: Sollte sich herausstellen, dass Armstrong tatsächlich dopte, dann waren so eben einfach die Wettbewerbsbedingungen, oder etwa nicht?
Ungeachtet der Wahrheit war ich mir hundertprozentig sicher, dass ich nie wieder über Doping und/oder Armstrong schreiben würde. Doping war ganz einfach der Horror. Sicher, auf eine abenteuerliche Art und Weise war das Thema faszinierend, aber je eingehender man sich damit beschäftigte, desto unangenehmer und undurchsichtiger wurde es: Es gab Geschichten von gefährlich unqualifizierten Ärzten, skrupellosen Teamdirektoren und krampfhaft ehrgeizigen Fahrern, die sich damit schwerwiegende physische und psychische Probleme einhandelten. Ein düsteres Kapitel, das während meines Aufenthalts in Girona noch düsterer wurde angesichts des Todes von zwei der strahlendsten Stars in der Ära Armstrong: Marco Pantani (Depressionen, Überdosis Kokain mit vierunddreißig) und José Maria Jiménez (Depressionen, Herzinfarkt mit zweiunddreißig). Dazu kam noch der Selbstmordversuch eines weiteren Stars, des 30-jährigen Frank Vandenbroucke.
Das alles umschloss, wie ein Tresor aus Stahlbeton, die Doktrin der Omertà: jenes unausgesprochene Schweigegelübde, das Radprofis auferlegt ist, sobald es um Doping geht. Die Macht der Omertà ist fest etabliert: In der langen Geschichte des Radsports hat nie ein Spitzenfahrer umfassend ausgepackt. Mannschaftspersonal und Betreuer, die über Doping sprachen, wurden aus der Gemeinschaft ausgestoßen und galten als Verräter. Bei derart wenigen verlässlichen Informationen war es eine frustrierende Aufgabe, über Doping zu berichten, vor allem was Armstrong betraf, dessen Kultstatus als Held aus dem Volk, der den Krebs besiegt hatte, zwar eingehende Prüfungen nahelegte, ihn zugleich aber auch schützte. Nachdem ich Armstrongs Kreuzzug beendet hatte, wandte ich mich jedenfalls anderen Projekten zu und war froh, den Planeten Lance in meinem Rückspiegel allmählich entschwinden zu sehen.
Im Mai 2010 aber änderte sich alles.
Die US-Regierung eröffnete vor einer großen Ermittlungskommission ein Verfahren gegen Armstrong und sein US- Postal-Team. Zu den Anklagepunkten zählten unter anderem Betrug, Konspiration, organisierte Kriminalität, Bestechung ausländischer Funktionäre und Zeugeneinschüchterung. Die Untersuchung wurde von Bundesanwalt Doug Miller und Ermittler Jeff Nowitzky geleitet, die schon im Fall Barry Bonds/ BALCO eine wichtige Rolle gespielt hatten [auch dabei ging es um einen spektakulären Fall von Doping im Sport, Anm. d. Verlags]. In diesem Sommer nun leuchteten sie in die dunkelsten Ecken von »Planet Lance«. Zahlreiche Zeugen wurden vorgeladen - Armstrongs Teamkameraden, Angestellte und Freunde -, um vor einer Grand Jury in Los Angeles auszusagen
Ich erhielt mehrere Telefonanrufe und erfuhr aus zuverlässiger Quelle, dass die Untersuchung immer größere Ausmaße annahm: Nowitzky lagen Augenzeugenberichte vor, wonach Armstrong Betäubungsmittel befördert, benutzt und verteilt hatte, und es gab Beweise, dass er vermutlich Zugang zu experimentellen Drogen zur Blutauffrischung hatte. Dr. Michael Ashenden, ein australischer Anti-Doping-Experte, der bei mehreren wichtigen Dopinguntersuchungen mitgewirkt hatte, meinte: »Wenn Lance es schafft, aus dieser Sache heil herauszukommen, dann muss er schon ein verdammter Houdini sein.«
Die Untersuchung ging voran, und ich hatte mehr und mehr das Gefühl, dass es noch etwas zu erledigen gab, dass dies die Gelegenheit war, die wahre Geschichte der Ära Armstrong zu offenbaren. Das Problem war nur, dass ich diese Geschichte nicht allein schreiben konnte. Ich brauchte einen Insider, jemanden, der in dieser Welt gelebt hatte und bereit war, die Omerta zu brechen. Und dafür kam eigentlich nur einer infrage: Tyler Hamilton.
Tyler Hamilton war kein Heiliger. Er war als Profi in der Weltspitze gefahren und hatte eine olympische Goldmedaille gewonnen, ehe er 2004 beim Doping erwischt und aus dem Radsport verbannt wurde. Seine Verbindung zu Armstrong reichte mehr als ein Jahrzehnt zurück. Von 1998 bis 2001 war Hamilton zunächst Armstrongs bester Mann bei US Postal gewesen, und nach seinem Wechsel zu CSC und Phonak, wo er die Kapitänsrolle übernahm, wurde er Armstrongs Rivale. Außerdem waren die beiden zufällig Nachbarn - im spanischen Girona wohnten sie im selben Haus, Armstrong im zweiten Stock, Hamilton und seine Frau Haven im dritten.
Vor seinem Sturz galt Hamilton als die Sorte Held, die Sportjournalisten in den I950er-Jahren gern erfanden: ein Mann der leisen Töne, gut aussehend, höflich und dabei unglaublich zäh. Er stammte aus Marblehead, Massachussetts, wo er bis zum College ein Top-Abfahrtsläufer gewesen war. Nach einer schweren Rückenverletzung entdeckte er dann seine wahre Berufung. Hamilton war das genaue Gegenteil eines schillernden Superstars: ein Arbeiter, der langsam und geduldig die Erfolgsleiter der Radsportwelt hinaufkletterte und der bekannt war für seine beispiellose Arbeitsmoral, seine zurückhaltende, freundliche Art - vor allem aber für seine bemerkenswerte Fähigkeit, Schmerzen zu erdulden.
Als Hamilton sich 2002 auf einer frühen Etappe des dreiwöchigen Giro d’Italia bei einem Sturz die Schulter brach, fuhr er weiter und biss vor Schmerzen die Zähne so fest zusammen, dass er sich nach der Rundfahrt elf Zähne überkronen lassen musste. Immerhin aber landete er auf dem zweiten Platz. »In meiner 48-jährigen Praxis habe ich noch nie einen Mann erlebt, der so große Schmerzen aushalten kann wie er«, erklärte Hamiltons Physiotherapeut Ole Kare Foli.
2003 stürzte Hamilton erneut auf der ersten Etappe der Tour de France und brach sich das Schlüsselbein. Er fuhr auch diesmal weiter, gewann eine Etappe und beendete das Rennen schließlich auf einem beachtlichen vierten Platz. Der erfahrene Tour-Arzt Gérard Porte nannte diese Leistung »das großartigste Beispiel an Tapferkeit, das mir je begegnet ist«.
Hamilton gehörte zu den beliebteren Fahrern im Peloton: Er war bescheiden, sparte nicht mit Lob für andere und blieb stets besonnen. Hamiltons Teamkollegen parodierten ihn gern. Einer spielte Hamilton, der nach einem Sturz zusammengekrümmt auf der Straße lag, ein anderer den Mannschaftsarzt, der herbeigerannt kam und bestürzt ausrief: »O mein Gott, Tyler, dein Bein ist ja ab! Bist du okay?« Und der Kollege, der Hamilton spielte, erwiderte mit einem beschwichtigenden Lächeln: »Keine Sorge, mir geht es gut. Aber wie geht es Ihnen heute?«
Ich hatte 2004 in Girona einige Zeit mit Hamilton verbracht, und es war eine unvergessliche Erfahrung gewesen. Meist verhielt er sich, wie es seinem Ruf entsprach: bescheiden, nett, höflich, durch und durch ein Pfadfinder. Er hielt mir die Tür auf, bedankte sich dreimal dafür, dass ich den Kaffee bezahlte; und er war auf charmante Art erfolglos, wenn es darum ging, seinen übermütigen Golden Retriever Tugboat zu bändigen. Wenn wir über das Leben in Girona, über seine Kindheit in Marblehead oder über seine geliebten Red Sox sprachen, war er heiter, aufmerksam und engagiert.
Aber wenn wir uns über den Radsport oder die bevorstehende Tour de France unterhielten, veränderte sich Hamiltons Persönlichkeit. Sein ausgelassener Humor verflüchtigte sich; sein Blick war stur auf seine Kaffeetasse gerichtet, und er benutzte die offenkundigsten, höflichsten und langweiligsten Sportklischees, die ich je gehört hatte. Er bereite sich auf die Tour vor, indem er »sich strikt auf den nächsten Tag, das nächste Rennen konzentriere« und »seine Hausaufgaben« mache, erklärte er mir; Armstrong sei »ein großartiger Typ, ein zäher Wettkämpfer und ein guter Freund«; es sei »eine große Ehre, bei der Tour de France dabei sein zu dürfen«, etc. etc. Es war, als litte er an einer seltenen Störung, die eine unkontrollierbare geistige Trägheit hervorrief, sobald vom Radsport die Rede war.
Bei unserem letzten Gespräch (ein paar Wochen bevor er beim Blutdoping erwischt wurde) hatte Hamilton mich überraschend gefragt, ob ich vielleicht Interesse hätte, mit ihm zusammen ein Buch über sein Leben als Radprofi zu schreiben. Ich sagte, dass ich mich geschmeichelt fühlte und dass wir uns irgendwann eingehender darüber unterhalten sollten. Ehrlich gesagt, wollte ich ihn nur hinhalten. Am Abend sprach ich mit meiner Frau darüber. Ich mochte Hamilton und bewunderte seine Leistungen als Fahrer, aber als Thema für ein Buch war er völlig ungeeignet: Er war einfach zu langweilig.
Ein paar Wochen später musste ich dann feststellen, dass ich mich geirrt hatte. Wie in den folgenden Monaten und Jahren bekannt wurde, hatte der nette Junge ein Doppelleben wie in einem Spionageroman geführt: Die Rede war von Decknamen, geheimen Telefonaten, mehreren zehntausend Dollar, bar bezahlt an einen berüchtigten spanischen Arzt, und einem Gefrierschrank namens »Sibirien« zur Aufbewahrung von Blut, das bei der Tour de France gebraucht wurde. Später fand die spanische Polizei heraus, dass Hamilton bei Weitem nicht der Einzige war: Einige Dutzend andere Spitzenfahrer waren an ähnlich ausgeklügelten Geheimprogrammen beteiligt. Trotz aller Beweise beteuerte Hamilton seine Unschuld. Seine Anträge wurden von der Anti-Doping-Behörde abgewiesen; Hamilton wurde für zwei Jahre gesperrt und verschwand prompt von der Bildfläche.
Nun, da die Untersuchung gegen Armstrong in die Gänge kam, stellte ich einige Nachforschungen an. Aus Zeitungsartikeln erfuhr ich, dass Hamilton mittlerweile fast vierzig war, geschieden und in Boulder, Colorado, einen kleinen Trainingsund Fitnessclub betrieb. Nach seiner Sperre hatte er ein kurzes Comeback versucht, welches abrupt endete, als er positiv auf ein nicht leistungssteigerndes Mittel getestet wurde, das er wegen seiner klinischen Depression eingenommen hatte, an der er seit seiner Kindheit litt. Er wollte keine Interviews geben. Ein ehemaliger Teamkamerad bezeichnete Hamilton als »the Enigma«.
Da ich noch seine E-Mail-Adresse hatte, schrieb ich ihm:

 

Hallo Tyler,
ich hoffe, es geht Dir gut.
Vor langer Zeit hast Du mich gefragt, ob wir nicht gemeinsam ein Buch schreiben sollten.
Falls Dich der Gedanke immer noch reizt, würde ich gern mit Dir darüber sprechen.
Alles Gute
Dan

 

Ein paar Wochen später flog ich nach Denver, um mich mit Hamilton zu treffen. Als ich aus dem Terminal trat, sah ich ihn hinter dem Steuer eines silbernen SUV sitzen. Hamiltons jungenhafte Gesichtszüge waren etwas härter geworden; seine Haare waren länger und grau meliert; und in den Augenwinkeln hatte er tiefe Fältchen. Als wir losfuhren, öffnete er eine Dose Kautabak.
»Ich habe versucht, damit aufzuhören. Ich weiß, es ist eine blöde Angewohnheit. Aber es hilft bei all dem Stress. Oder zumindest fühlt es sich so an.«
Wir gingen in ein Restaurant, aber Hamilton war es dort zu voll, und deshalb suchten wir uns ein leereres am Ende der Straße. Hamilton verzog sich mit mir ganz nach hinten in eine Nische, auf dem Tisch brannten zwei Kerzen. Er sah sich um. Und dann hatte es plötzlich den Anschein, als wolle der Mann, der jeden Schmerz ertragen konnte - der sich eher die Zähne ausbiss als aufzugeben -, anfangen zu weinen. Aber nicht aus Kummer, sondern vor Erleichterung.
»Sorry«, meinte er nach einer Weile. »Es fühlt sich einfach nur so gut an, endlich darüber reden zu können.«
Ich begann mit der wichtigsten Frage: Warum hatte Hamilton zuvor gelogen, als es um sein eigenes Doping ging? Hamilton schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, bemerkte ich die Traurigkeit in seinem Blick.
»Ja, ich habe gelogen. Ich dachte, damit würde ich am wenigsten Schaden anrichten. Versetz dich mal in meine Lage. Wenn ich die Wahrheit gesagt hätte, wäre alles vorbei gewesen. Der Team-Sponsor hätte sich zurückgezogen, und fünfzig Leute, fünfzig von meinen Freunden, hätten ihren Job verloren. Menschen, die mir wichtig sind. Hätte ich die Wahrheit gesagt, wäre ich für immer aus dem Geschäft gewesen. Mein Ruf wäre ruiniert gewesen. Du kannst keine halben Sachen machen - du kannst nicht einfach sagen, oh, das war nur ich, nur dieses eine Mal. Die Wahrheit ist zu groß, sie betrifft zu viele. Entweder du erzählst 100 Prozent oder gar nichts. Es gibt nichts dazwischen. Also habe ich mich entschieden zu lügen. Ich bin nicht der Erste, der das getan hat, und ich werde auch nicht der Letzte sein. Wenn man lange genug lügt, glaubt man es manchmal schon selbst.«
Vor ein paar Wochen, erzählte mir Hamilton, sei er zur Untersuchung vorgeladen, unter Eid gestellt und in einem Gerichtssaal in Los Angeles in den Zeugenstand gerufen worden.
»Bevor ich hineinging, habe ich lange darüber nachgedacht. Mir war klar, dass ich das Gericht auf keinen Fall anlügen durfte. Aber wenn ich schon die Wahrheit sagte, dann wollte ich das ganze Programm durchziehen. Zu hundert Prozent alles offenlegen. Keine Frage sollte mich aufhalten. Und so war es dann auch. Ich sagte sieben Stunden lang aus. Ich beantwortete jede Frage, so gut ich konnte. Man fragte mich ständig nach Lance - ich sollte mit dem Finger auf ihn zeigen. Aber ich deutete immer zuerst auf mich selbst. Ich machte ihnen klar, wie das ganze System funktionierte, wie es sich mit den Jahren entwickelte, und dass man nicht einfach eine einzelne Person herausgreifen konnte. Es ging um alle. Alle.«
Hamilton krempelte die Ärmel hoch, drehte seine Handflächen nach oben und streckte die Arme aus. Er deutete auf seine Armbeugen, auf die nahezu identischen spinnwebartigen Narben entlang seiner Adern. »Wir alle haben solche Narben«, erklärte er. »Wie ein Tattoo von einer Bruderschaft. Wenn die Haut gebräunt war, waren sie besonders deutlich zu erkennen, und ich musste jedes Mal lügen; ich behauptete, ich hätte mich bei einem Sturz geschnitten.«
Ich fragte Hamilton, wie er es all die Jahre geschafft habe, nicht positiv getestet zu werden, und er lachte trocken.
»Es ist ganz leicht, bei den Tests zu mogeln«, sagte er. »Wir sind den Tests weit, weit voraus. Sie haben ihre Ärzte und wir unsere, aber unsere sind besser. Und mit Sicherheit besser bezahlt. Außerdem möchte die UCI [Union Cycliste Internationale, der Radsport-Weltverband] bestimmte Burschen gar nicht erwischen. Und warum? Weil es sie Geld kosten würde.«
Ich fragte ihn, warum er seine Geschichte gerade jetzt erzähle.
»Ich habe so viele Jahre geschwiegen«, meinte er. »Ich habe es so lange mit mir herumgetragen. Ich habe es nie wirklich von Anfang bis Ende erzählt, und deshalb ist es mir auch nie so richtig klar geworden. Als ich anfing, die Wahrheit zu sagen, spürte ich, wie dieser gewaltige Damm in mir brach. Es fühlt sich so gut an, alles zu erzählen, ich kann dir gar nicht sagen, wie phantastisch es ist. Endlich bin ich diese enorme Last los, und ich weiß, dass ich das Richtige tue, für mich und für die Zukunft meines Sports.«

 

Am nächsten Morgen traf ich mich mit Hamilton in meinem Hotelzimmer und legte drei Grundregeln fest.

 

1. Kein Thema sollte tabu sein.
2. Hamilton sollte mir Zugang zu seinen Tagebüchern, Fotos und Quellen gewähren.
3. Sämtliche Fakten sollten, wenn möglich, von unabhängiger Seite bestätigt werden.

 

Hamilton stimmte ohne zu zögern zu.
An diesem Tag sprach ich acht Stunden lang mit ihm - es war das erste von mehr als sechzig Interviews. Im Dezember verbrachten wir eine Woche in Europa und besuchten wichtige Schauplätze in Spanien, Frankreich und Monaco. Um Hamiltons Darstellung zu überprüfen und zu untermauern, interviewte ich zahlreiche unabhängige Gewährsleute - Teamkollegen, Mechaniker, Ärzte, Ehepartner, Teamassistenten und Freunde sowie acht ehemalige Fahrer von US Postal. Ihre Schilderungen sind ebenfalls in diesem Buch enthalten; einige von ihnen kommen zum ersten Mal zu Wort.
Im Verlauf unserer Beziehung stellte ich fest, dass Hamilton seine Geschichte nicht einfach nur erzählte, sondern dass sie regelrecht aus ihm herausplatzte. Er besitzt ein ungewöhnlich präzises Gedächtnis, und seine Erinnerungen waren sehr exakt, was vielleicht auf die emotionale Intensität der ursprünglichen Erlebnisse zurückzuführen ist. Hamiltons Schmerztoleranz erwies sich ebenfalls als nützlich. Er schonte sich nicht und ermutigte mich sogar, mit denjenigen zu sprechen, die ihn möglicherweise in einem ungünstigen Licht erscheinen ließen. In gewisser Weise war er besessen davon, die Wahrheit ans Licht zu bringen, so wie er früher einmal davon besessen gewesen war, die Tour de France zu gewinnen.
Die Gespräche zogen sich fast über zwei Jahre hin. Manchmal kam ich mir dabei vor wie ein Priester, der die Beichte abnimmt, und manchmal wie ein Psychiater. Mit der Zeit bemerkte ich, wie sich Hamilton beim Erzählen allmählich veränderte. Unsere Beziehung wurde für uns beide zu einer Reise. Für Hamilton war es eine Reise weg von aller Geheimnistuerei hin zu einem normalen Leben; und für mich war es eine Reise ins Zentrum einer völlig unbekannten Welt.
Wie sich herausstellte, ging es in der Geschichte, die er erzählte, nicht um Doping, sondern um Macht. Sie handelte von einem ganz normalen Jungen, der sich in einer außergewöhnlichen Welt an die Spitze hocharbeitete, der lernte, ein dubioses Spiel aus Strategie und Informationen zu spielen und sich am äußersten Rand menschlicher Leistungsfähigkeit zu bewegen. Es ging um eine korrupte, zugleich aber seltsam ritterliche Welt, in der man alle möglichen Chemikalien schluckte, um schneller zu sein, und dennoch auf seinen Gegner wartete, wenn dieser stürzte. In erster Linie aber ging es um die unerträgliche Belastung, ein geheimes Leben führen zu müssen.
»An einem Tag bin ich ein ganz normaler Mensch, der ein ganz normales Leben führt«, erklärte Hamilton. »Und am nächsten Tag stehe ich an irgendeiner Straßenecke in Madrid mit nicht zurückverfolgbarem Handy und einem Loch im Arm. Und ich blute wie ein Schwein und hoffe, dass man mich nicht verhaftet. Es war völlig verrückt. Aber damals schien es die einzige Möglichkeit zu sein.«
Manchmal erzählte mir Hamilton von seiner Angst, Armstrong und seine einflussreichen Freunde könnten gerichtlich gegen ihn vorgehen, aber er äußerte niemals Hassgefühle gegenüber Armstrong. »Ich kann mit Lance mitfühlen«, sagte Hamilton. »Ich begreife, wer er ist und wo er steht. Er hat dieselbe Wahl getroffen wie wir alle, um mit im Spiel zu sein. Dann gewann er die Tour, die Sache geriet außer Kontrolle, und die Lügen wurden immer mehr. Jetzt bleibt ihm keine andere Wahl. Er muss weiter lügen und versuchen, seine Leute davon zu überzeugen, bei der Stange zu bleiben. Er kann nicht mehr zurück. Er darf nicht die Wahrheit sagen. Er sitzt in der Falle.«
Armstrong reagierte nicht auf die Bitte um ein Interview für dieses Buch. Stattdessen machten seine Rechtsvertreter deutlich, dass er sämtliche Dopingvorwürfe strikt zurückweise.
Nachdem die US-Anti-Doping-Behörde (USADA) Armstrong, seinem Trainer, Dr. Ferrari und vier seiner Postal-Teamkollegen ein Dopingkomplott zur Last gelegt hatte, äußerte sich Armstrong in einer Erklärung vom 12. Juni 2012 folgendermaßen: »Ich habe nie gedopt, und im Gegensatz zu vielen meiner Ankläger habe ich als Ausdauersportler 25 Jahre lang ohne irgendwelche leistungssteigernden Mittel Wettkämpfe bestritten, mich über 500 Dopingtests unterzogen und habe sie alle bestanden.«
Einige von Armstrongs Kollegen, die von der USADA angeklagt wurden, haben ebenfalls mit Vehemenz jede Beteiligung an Dopingaktivitäten bestritten, unter ihnen der ehemalige Postal-Direktor Johan Bruyneel, Dr. Luis del Moral und Dr. Ferrari. In einem Interview mit dem Wall Street Journal erklärte del Moral, er habe nie verbotene Mittel eingesetzt oder bei Sportlern illegale Methoden angewendet. In einer Erklärung auf seiner Website schrieb Bruyneel: »Ich war nie an irgendwelchen Dopingaktivitäten beteiligt, und ich bin in allen Anklagepunkten unschuldig.« Ferrari erklärte in einer E-Mail: »Mein Leben lang war ich NIEMALS im Besitz von EPO oder Testosteron. Ich habe NIEMALS einem Sportler EPO oder Testosteron verabreicht.« Dr. Pedro Celaya und Pepe Marti, Dr. del Morals Assistent, die ebenfalls von der USADA angeklagt wurden, gaben keine öffentlichen Erklärungen ab. Alle fünf reagierten nicht auf Bitten um Interviews für dieses Buch. Bjarne Riis, der von 2002 bis 2003 Hamiltons Teamdirektor bei CSC war, gab folgendes Statement ab: »Ich bin wirklich traurig über diese Vorwürfe, die gegen mich vorgebracht werden. Aber da dies nicht das erste Mal ist, dass jemand versucht, mich in Misskredit zu bringen, und es wahrscheinlich leider auch nicht das letzte Mal sein wird, werde ich darauf verzichten, mich zu diesen Vorwürfen zu äußern. Ich persönlich bin der Ansicht, dass ich meinen Platz in der Welt des Radsports verdient habe und dass ich meinen Beitrag dazu geleistet habe, die Anti-Doping-Arbeit im Radsport zu verbessern. Ich habe mein eigenes Bekenntnis zum Doping abgelegt, ich habe bei der Erstellung des biologischen Passes eine entscheidende Rolle gespielt, und ich leite ein Team mit einer klaren Anti-DopingPolitik.«
»Lance war immer anders als wir anderen«, erklärte Hamilton. »Wir alle wollten gewinnen. Aber Lance musste gewinnen. Er musste sich jedes Mal hundertprozentig sicher sein, dass er gewinnen würde, und deshalb hat er meiner Meinung nach Dinge getan, die über das Ziel hinausschossen. Mir ist klar, dass er für eine Menge Leute viel Gutes getan hat, aber es ist trotzdem nicht richtig. Sollte er für das, was er getan hat, angeklagt und ins Gefängnis gesteckt werden? Ich finde nicht. Aber sollten ihm sieben Siege nacheinander bei der Tour zuerkannt werden? Ganz sicher nicht. Ich glaube, die Leute haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren. Sie sollen wissen, wie alles wirklich war, und anschließend können sie sich ihre eigene Meinung bilden.«

Daniel Coyle

Über Daniel Coyle

Biografie

Daniel Coyle ist Sportjournalist und Autor, u.a. des New-York-Times-Bestsellers "Lance Armstrong's War". Für das vorliegende Buch hat er mehr als zwei Jahre recherchiert und Gespräche mit Tyler Hamilton, dessen ehemaligen Teamgefährten und Konkurrenten geführt. Coyle lebt mit seiner Familie in...

Tyler Hamilton

Über Tyler Hamilton

Biografie

Tyler Hamilton, 1971 geboren, war einer der leistungsstärksten Profiradfahrer. Er hatte großen Anteil an Lance Armstrongs ersten drei Erfolgen bei der Tour de France. 2002 wurde Hamilton beim Giro d'Italia trotz einer gebrochenen Schulter Zweiter. Bei den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen...

Medien zu »Die Radsport-Mafia und ihre schmutzigen Geschäfte«

Pressestimmen

Welt am Sonntag

»Eine Biografie wie ein Kriminalroman. Spannend, anschaulich, nachdenklich stimmend, dabei mit viel Humor und Empathie.«

Forum

»Spannend und packend wie in einem Spionagethriller fügen Hamilton und Coyle das Puzzle Stück für Stück zusammen, gewähren ungeahnte Einblicke in die Welt der Radsport-Mafia und die Machenschaften des "Saubermanns" Lance Armstrong.«

Münstersche Zeitung

»Packende Beichte. (...) Eine lesenswerte Lektüre nicht nur für Radsportler.«

Deutschlandradio Kultur

»Ein beeindruckendes Wahrheitsplädoyer«

Rund ums Rad

»Eine beeindruckende und schockierende Beichte von Tyler Hamilton, (...) die für jeden Radsportfan als Pflichtlektüre gelten sollte!«

Saarbrücker Zeitung

»Endlich gibt es ein Buch, in dem offen mit dem Dopingsystem im Radsport abgerechnet wird. (...) Hamilton schreibt anschaulich, spannend und oft sogar witzig. Das trägt Züge eines echten Krimis. (...) Der Leser erfährt schier Unfassbares und trotzdem bleibt die Faszination des Radsports erhalten: Das macht letztlich den besonderen Wert des Buches aus.«

Süddeutsche Zeitung

»Ein realer Sport-Krimi und ein Insider-Report - Pflichtlektüre für ein aufgeklärtes Publikum.«

Westdeutsche Zeitung

»Man wird von diesem Buch irgendwann einmal sagen, dass es eines der wichtigsten über eine wunderbare Sportart und deren Doping-Verseuchung ist. (...) Ein Buch, das man lesen muss.«

Reutlinger General-Anzeiger

»Spannender als mancher Krimi und ohne Zweifel das Aufdeckungsbuch des Jahres.«

Berliner Zeitung

»Das eindringlichste Buch zum Thema Doping, das jemals publiziert wurde.«

Hessische/Niedersächsische Allgemeine

»Seine Doping-Beichte ist gnadenlos ehrlich, schockierend und spannend wie ein Thriller.«

Rhein-Zeitung

»Ein spannendes und schockierendes Sittengemälde des Radsports. Niemals zuvor hat jemand derart aus dem innersten Zirkel berichtet.«

Tagesanzeiger

»Es ist die bislang aufschlussreichste Beichte eines Radsportlers.«

Inhaltsangabe

INHALT

Die Geschichte hinter dem Buch

1 Im Spiel

2 Die Wirklichkeit

3 Eurodogs

4 Zimmergenossen

5 Geborene Verlierer

6 2000: Die Siegmaschine

7 Die nächste Ebene

8 Kleine Hilfen unter Nachbarn

9 Neustart

10 Ganz oben

11 Die Attacke

12 Alles oder nichts

13 Erwischt

14 Novitzkys Bulldozer

15 Versteckspiel

16 Ausgetrickst?

Nachwort

Dank

Weiterführende Literatur

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