Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Die NomenDie NomenDie Nomen

Die Nomen

Die komplette Saga

Hardcover
€ 16,00
Taschenbuch
€ 12,00
E-Book
€ 12,99
€ 16,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 12,00 inkl. MwSt.
Vorbestellung möglich
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 12,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Nomen — Inhalt

Seit Generationen leben die kleinen Nomen friedlich im Kaufhaus »Arnold Bros«. Die Jahreszeiten Winterschlussverkauf, Frühjahrsmode, Sommerschlussverkauf und Weihnachten kommen und gehen – bis plötzlich andere Nomen auftauchen und von einem geheimnisvollen »Draußen« erzählen. Und als die Parole »Räumungsverkauf« ausgerufen wird, muss schleunigst ein Plan her, um in dieses »Draußen« zu gelangen. Ein Lastwagen scheint die Rettung zu sein – und mit vereinten Kräften schaffen es doch auch Winzlinge, ein solches Gefährt zu steuern, oder?! Aber auch ihr neues Zuhause »Steinbruch« wird bald von den Menschen bedroht. Da hilft nur noch die Rückkehr in ihre wahre Heimat. Doch dafür müssen die Nomen erst das Raumschiff »Schwan« finden, das sie zurück ins All bringen kann, von wo sie einst herkamen.

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 03.04.2018
Übersetzt von: Andreas Brandhorst
480 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-70486-1
€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erscheint am 02.04.2019
Übersetzt von: Andreas Brandhorst
480 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28197-3
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 03.04.2018
Übersetzt von: Andreas Brandhorst
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99079-0

Leseprobe zu »Die Nomen«

Über Nomen und die Zeit

 

Nomen sind klein. Im Großen und Ganzen leben kleine Geschöpfe nicht lange, aber vielleicht leben sie schnell.

Hier mag eine Erklärung nötig sein.

Eins der kurzlebigsten Geschöpfe auf dem Planeten Erde ist die gewöhnliche Eintagsfliege. Ihre Lebenserwartung beträgt genau einen Tag. Andererseits gibt es Mammutbäume, die über viertausend Jahre alt sind und sich noch immer bester Gesundheit erfreuen.

Eintagsfliegen halten das vielleicht für ungerecht, aber wichtig ist nicht die Länge des Lebens, sondern wie lang es zu sein scheint.

 [...]

weiterlesen

Über Nomen und die Zeit

 

Nomen sind klein. Im Großen und Ganzen leben kleine Geschöpfe nicht lange, aber vielleicht leben sie schnell.

Hier mag eine Erklärung nötig sein.

Eins der kurzlebigsten Geschöpfe auf dem Planeten Erde ist die gewöhnliche Eintagsfliege. Ihre Lebenserwartung beträgt genau einen Tag. Andererseits gibt es Mammutbäume, die über viertausend Jahre alt sind und sich noch immer bester Gesundheit erfreuen.

Eintagsfliegen halten das vielleicht für ungerecht, aber wichtig ist nicht die Länge des Lebens, sondern wie lang es zu sein scheint.

Für eine Eintagsfliege haben sechzig Minuten vielleicht die Länge eines Jahrhunderts. Man stelle sich vor, wie alte Eintagsfliegen beieinandersitzen und darüber klagen, das Leben in dieser Minute sei nicht mehr so wie in den guten alten Minuten vor langer Zeit, als die Welt jung war, als die Sonne heller schien und Larven noch Respekt zeigten. Bäume hingegen sind nicht wegen ihrer schnellen Reaktionen bekannt; möglicherweise bemerken sie das seltsame Flackern des Himmels erst, wenn sie bereits von Trockenfäule und Holzwürmern heimgesucht werden.

Alles ist relativ. Je schneller man lebt, desto mehr dehnt sich die Zeit. Für einen Nomen dauert ein Jahr ebenso lange wie zehn Jahre für einen Menschen. Denken Sie daran. Ohne deshalb betrübt zu sein. Die Nomen kümmert es nicht. Sie haben überhaupt keine Ahnung davon.

 

 

 

Kapitel 1

 

Dies ist die Geschichte der Heimkehr.

Es ist die Geschichte vom Gefährlichen Pfad.

Es ist die Geschichte vom Lastwagen, der durch eine schlafende Stadt donnert, gegen Straßenlaternen stößt, Schaufenster zerschmettert und von der Polizei angehalten wird. Und als die verblüfften Beamten zum Streifenwagen zurückkehrten, um Bericht zu erstatten – Ja, Sie haben richtig gehört: Es sitzt niemand am Steuer! –, wurde daraus die Geschichte des Lastwagens, der wieder den Motor startete, von den verdutzten Männern fortrollte und in der Nacht verschwand.

Aber die Geschichte fand hier kein Ende.

Sie begann auch nicht an dieser Stelle.

 

Es regnete Stumpfsinnigkeit. Es regnete Kummer. Es handelte sich um jene Art von Regen, der viel zu feucht ist, um einen Regen, der in großen Tropfen fällt und platscht, um einen Regen, der einem senkrechten Meer mit Schlitzen darin gleicht.

Der Regen trommelte auf die alten Hamburger-Schachteln und Pommes-frites-Tüten im Abfallkorb, der Masklin derzeit als Versteck diente.

Beobachten Sie ihn. Er friert. Er ist nass, besorgt und zehn Zentimeter groß.

Normalerweise bot der Müllbehälter ein gutes Jagdrevier, selbst im Winter. Oft enthielten die Tüten noch das eine oder andere Kartoffelstäbchen, manchmal sogar Knochen von einem Hähnchen. Gelegentlich stieß Masklin auf eine Ratte. Über die letzte Ratte hatte er sich sehr gefreut – sie reichte für fast eine Woche. Es gab nur ein Problem: Am dritten Tag konnte man kein Rattenfleisch mehr sehen. Eigentlich blieb einem schon der dritte Bissen im Hals stecken. Masklin starrte zum Parkplatz.

Und dort kam er, pünktlich wie immer, pflügte durch Pfützen und hielt mit zischenden Bremsen.

Seit vier Wochen traf der Laster an jedem Dienstag- und Donnerstagmorgen ein. Masklin wusste auch, wie viel Zeit sich der Fahrer ließ.

Sie hatten genau drei Minuten. Für jemanden, der so klein ist wie ein Nom, entspricht das einer halben Stunde.

Masklin kroch an schmierigem Papier vorbei, sprang unten aus dem Abfallkorb und lief zu den Sträuchern am Rand des Parkplatzes. Dort warteten Grimma und die anderen.

»Er ist da«, sagte er. »Kommt!«

Sie standen auf, ächzten und murrten. Mindestens ein dutzendmal hatte Masklin mit ihnen geübt. Es war sinnlos, sie anzuschreien: Damit verwirrte er sie nur, und dann regten sie sich auf und murrten noch mehr. Sie meckerten immer. Über kalte Pommes frites, selbst wenn Grimma sie aufwärmte. Über Rattenfleisch. Ab und zu dachte Masklin daran, einfach fortzugehen, doch die mahnende Stimme des Gewissens hinderte ihn daran. Die anderen brauchten ihn. Sie benötigten jemanden, über den sie nörgeln konnten.

Aber sie waren zu langsam. Masklin hätte am liebsten geweint.

Stattdessen wandte er sich an Grimma.

»Wir müssen uns beeilen«, drängte er. »Treib sie irgendwie an. Es dauert zu lange!«

Grimma klopfte ihm auf die Hand.

»Sie fürchten sich. Geh du voraus. Wir folgen dir gleich.«

Masklin widersprach nicht – dazu war die Zeit zu knapp. Er eilte durch den Schlamm zum Parkplatz zurück, holte unterwegs Seil und Haken hervor. Eine Woche hatte es gedauert, um den Haken aus einem Stück Zaundraht anzufertigen, und anschließend übte er tagelang. Der Nom holte bereits damit aus, als er das Rad des Lasters erreichte.

Beim zweiten Versuch verfing sich der Haken oben an der Plane. Masklin zog an dem Seil, stützte die Füße an den Reifen ab und zog sich hoch.

Nicht zum ersten Mal begann er mit einer solchen Kletterpartie. Oh, er hatte schon drei oder vier hinter sich. Gekonnt kroch er unter die dicke Plane in eine Welt der Finsternis, rollte noch mehr Seil aus und befestigte es an einem tauartigen Strick, dick wie sein Arm.

Dann schlüpfte er wieder zum Rand und atmete erleichtert auf: Grimma führte die Alten tatsächlich über den Platz. Er hörte, wie sie sich über die Pfützen beklagten.

Masklin sprang ungeduldig auf und ab.

Stunden schienen zu vergehen. Eine Million Mal hatte er es den anderen erklärt, aber als Kinder waren sie nie auf Lastwagen gezogen worden und sahen nicht ein, warum sie jetzt damit anfangen sollten. Oma Morkie bestand darauf, dass alle Männer zur Seite blickten, damit sie ihre Unterröcke nicht sahen. Und der alte Torrit wimmerte so laut, dass Masklin ihn wieder hinabließ; Grimma legte ihm eine Augenbinde an. Nachdem er die ersten heraufgeholt hatte, war es etwas leichter für ihn, denn die anderen halfen ihm am Seil. Trotzdem wurde die Zeit knapp.

Grimma kam als Letzte an die Reihe. Sie war leicht. Eigentlich wog niemand besonders viel – sie bekamen nicht jeden Tag Rattenfleisch.

Erstaunlich, schließlich befanden sich alle an Bord. Masklin hatte ständig nach den Geräuschen von Schritten auf Kies gelauscht, nach dem Knallen der zufallenden Fahrertür, aber nichts dergleichen geschah.

»Na schön«, sagte er und zitterte vor Anstrengung. »Das wär’s. Wenn wir jetzt …«

»Ich habe das Ding fallen lassen«, brummte der alte Torrit. »Das Ding. Ich habe es fallen lassen, verstehst du? Neben dem Rad, als mir Grimma die Augen verband. Hol es, Junge!«

Masklin riss erschrocken die Augen auf, spähte unter der Plane hervor und … Ja, dort lag es, tief unten. Ein winziger schwarzer Würfel auf dem Boden.

Das Ding.

Es ruhte in einer Pfütze, doch das machte dem Ding sicher nichts aus. Es widerstand allem, sogar dem Feuer.

Und dann hörte Masklin, wie der Kies in regelmäßigen Abständen knirschte. Jemand kam.

»Wir haben keine Zeit mehr«, flüsterte er. »Es ist zu spät.«

»Ohne das Ding können wir nicht aufbrechen«, stellte Grimma fest.

»Natürlich können wir das. Es ist doch nur ein – ein Ding. Wir brauchen das verdammte Objekt nicht mehr.«

Masklin bedauerte die Worte sofort und staunte darüber, dass sie ihm über die Lippen gekommen waren. Grimma wirkte entsetzt. Oma Morkie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und zitterte am ganzen Leib.

»Du solltest dich schämen!«, blaffte sie. »Es gehört sich nicht, so etwas zu sagen! Habe ich recht, Torrit?« Sie stieß ihm den spitzen Ellbogen in die Rippen.

»Wenn wir das Ding nicht mitnehmen, bleibe ich hier«, erwiderte Torrit verdrießlich. »Es ist kein …«

»Der Anführer spricht mit dir«, fuhr Oma Morkie fort. »Gehorch ihm gefälligst. Das Ding zurücklassen! Es wäre nicht richtig. Es wäre nicht anständig. Hol es, und zwar sofort.«

Masklin starrte wortlos in den Schlamm hinab, warf verzweifelt das Seil über den Rand und hangelte sich daran nach unten.

Es regnete jetzt stärker, und auch Hagelkörner fielen. Der Wind zerrte an Masklin, als er am großen Rad vorbeifiel, dann in der Pfütze landete. Er bückte sich, griff nach dem Ding …

Und der Lastwagen setzte sich in Bewegung.

Zuerst dröhnte etwas, so laut, dass eine massive Wand des Lärms daraus wurde. Stinkender Qualm wehte Masklin entgegen, und er spürte eine alles erschütternde Vibration.

Ruckartig zog er an dem Seil und rief den Alten zu, sie sollten ihn hochziehen – aber er hörte nicht einmal die eigene Stimme. Doch Grimma oder jemand anders begriff offenbar, worauf es jetzt ankam: Als das riesige Rad losrollte, straffte sich die Leine, und Masklin verlor den Boden unter den Füßen.

Er stieß gegen die Radkappe und prallte ab, schwang hin und her, während man ihn quälend langsam hochzog. Nur wenige Zentimeter trennten ihn vom Reifen, der jetzt ein schwarzer Schatten war, und ständig hämmerte das grässliche Wummern auf ihn ein.

Ich habe keine Angst, dachte er. Dies ist viel schlimmer als alles andere, womit ich jemals fertig werden musste, und ich fürchte mich nicht davor. Etwas so Schreckliches lässt gar keine Furcht zu.

Er fühlte sich wie in einem kleinen warmen Kokon, fern von Wind und Lärm. Ich sterbe, fuhr es ihm durch den Sinn. Ich muss mein Leben für das Ding opfern, das uns nie geholfen hat, nie irgendeinen Nutzen hatte. Ja, jetzt ist es so weit, jetzt komme ich in den Himmel. Torrit hat oft erzählt, was passiert, wenn man stirbt. Ich frage mich, ob er recht hat. Schade, dass man sterben muss, um es herauszufinden. Jahrelang habe ich jeden Abend den Himmel beobachtet, ohne dort oben auch nur einen Nom zu sehen …

Aber es spielte gar keine Rolle. Es betraf Masklin überhaupt nicht mehr. Er schwebte nun in einer anderen Wirklichkeit …

Hände streckten sich ihm entgegen, fassten ihn unter den Armen, zogen ihn unter die knatternde Plane, lösten ihm mühsam das Ding aus den verkrampften Fingern.

Hinter dem schneller werdenden Lastwagen senkten sich neue Regenvorhänge auf weite Felder herab.

Und im ganzen Land gab es keine Nomen mehr.

 

Es hatte viel mehr gegeben, damals, als es nicht so häufig regnete. Masklin erinnerte sich an mindestens vierzig. Doch dann kam die Autobahn: Der Bach wurde durch Rohre geleitet, die nächsten Hecken wurden mit den Wurzeln ausgegraben und entfernt. Die Nomen hatten immer in den Ecken der Welt gelebt, und plötzlich bekamen solche Ecken Seltenheitswert.

Immer weniger Nomen blieben übrig. Das lag zum größten Teil an natürlichen Ursachen, und wenn man nur zehn Zentimeter groß ist, haben »natürliche Ursachen« meistens Zähne und Hunger. Eines Nachts führte der besonders abenteuerlustige Pyrrince eine verzweifelte Expedition über die Fahrbahn, um den Wald auf der anderen Seite zu erforschen. Er und seine Begleiter kehrten nie zurück. Manche sagten später, sie seien Falken zum Opfer gefallen. Oder einem Laster. Einige spekulierten sogar, sie hätten die Hälfte der Strecke hinter sich gebracht und auf dem Grünstreifen in der Mitte festgesessen, gefangen zwischen endlosen Reihen dahinrasender Autos.

Dann baute man das Café an der Straße, was zu einer gewissen Verbesserung führte. Es hing vom jeweiligen Blickwinkel ab. Wenn man kalte Pommes frites und Hähnchenknochen mit Fleischfetzen dran für Nahrung hielt, dann gab es für alle genug zu essen.

Schließlich wurde es Frühling. Masklin blickte sich um und stellte fest, dass die Gruppe nur noch aus zehn Nomen bestand. Acht von ihnen waren zu alt für weite Streifzüge – Torrit ging auf den zehnten Geburtstag zu.

Ein schrecklicher Sommer folgte. Grimma organisierte mitternächtliche Raubzüge zu den Abfallkörben und nahm die wenigen Artgenossen mit, die sich noch einen Rest von Flinkheit bewahrt hatten. Masklin versuchte sich als Jäger.

Allein auf die Jagd zu gehen … Er hatte dabei das Gefühl, stückchenweise zu sterben. Die meisten Dinge, denen er nachstellte, schlüpften ebenfalls in die Rolle des Jägers. Und selbst wenn er einen Erfolg erzielte und etwas erlegte – wie sollte er die Beute nach Hause schaffen? Bei der Ratte dauerte es zwei Tage, und des Nachts musste er Wache halten, um andere Geschöpfe abzuwehren. Zehn starke Jäger konnten alles schaffen – Bienennester plündern, Mäuse in Fallen locken, Maulwürfe fangen, alles –, aber wenn jemand allein loszog, ohne einen Gefährten, der ihm im hohen Gras Rückendeckung gab … Ein solcher Nom war die nächste Mahlzeit für alles, was Krallen und Zähne besaß.

Um für genug Nahrung zu sorgen, benötigte man viele Jäger. Und für viele Jäger benötigte man genug Nahrung.

»Im Herbst wird’s besser«, versprach Grimma, als sie Masklins Arm verband. Ein Wiesel hatte ihn gebissen. »Dann gibt es Pilze, Beeren, Nüsse und so weiter.«

Aber die Suche nach Pilzen blieb vergeblich, und es regnete so sehr, dass die Beeren vor der Reife verfaulten. An Nüssen herrschte jedoch kein Mangel. Der nächste Haselstrauch war einen halben Tagesmarsch entfernt. Masklin konnte ein Dutzend Nüsse tragen, wenn er vorher ihre Schalen zertrümmerte und eine geeignete Papiertüte fand. Er brauchte einen ganzen Tag, um sie heimzubringen – unterwegs riskierte er, von Falken angegriffen zu werden –, und sie reichten auch nur für einen Tag.

Dann stürzte der hintere Teil des Baus ein, weil es zu lange und zu stark geregnet hatte. Masklin empfand es fast als angenehm, ihn zu verlassen, denn die Alten nörgelten einmal mehr und warfen ihm vor, notwendige Reparaturen vernachlässigt zu haben. Oh, und das Feuer! Ein Feuer im Zugang der unterirdischen Höhle war unverzichtbar. Es diente nicht nur zum Kochen, sondern auch zum Fernhalten unerwünschter Besucher. Eines Tages machte Oma Morkie ein Nickerchen, und das Feuer erlosch. Was selbst sie in Verlegenheit brachte.

Als Masklin an jenem Abend zurückkehrte, starrte er lange Zeit in die kalte Asche, rammte seinen Speer in den Boden und lachte schallend. Er lachte, bis er schließlich zu weinen begann. Er konnte den anderen nicht gegenübertreten und hockte sich draußen nieder. Nach einer Weile brachte ihm Grimma eine Haselnussschale mit Nesseltee, mit kaltem Nesseltee.

»Alle sind sehr bestürzt«, sagte sie.

Masklin lachte erneut, doch es klang nicht sehr humorvoll. »O ja, ich weiß«, erwiderte er. »Ich hab’s gehört. ›Bring beim nächsten Mal einen Zigarettenstummel mit, Junge; mein Tabak ist alle.‹ Und: ›Bekommen wir überhaupt keinen Fisch mehr? Vielleicht findest du demnächst Zeit für einen Abstecher zum Fluss.‹ Und: ›Du denkst immer nur an dich selbst; was anderes fällt den jungen Leuten von heute nicht mehr ein …‹«

Grimma seufzte. »Sie geben sich Mühe. Aber sie verstehen nicht, dass sich unsere Situation geändert hat. Damals, als sie jung waren, gab es Hunderte von uns.«

»Es dauert bestimmt Tage, ein neues Feuer zu entzünden.« Masklin dachte an das Brillenglas, das ihnen zur Verfügung stand. Es funktionierte nur, wenn die Sonne lange genug schien.

Verdrossen stocherte er im Schlamm herum.

»Ich hab genug«, brummte er. »Ich verlasse euch.«

»Aber wir brauchen dich!«

»Ich brauche mich ebenfalls. Ich meine, was ist dies für ein Leben?«

»Die Alten sterben, wenn du fortgehst.«

»Sie sterben ohnehin«, entgegnete Masklin.

»So etwas solltest du nicht sagen!«

»Es stimmt. Irgendwann stirbt jeder. Zumindest wir. Nimm dich selbst als Beispiel. Du verbringst die ganze Zeit damit, zu waschen, aufzuräumen, zu kochen und dich um andere Leute zu kümmern. Du bist fast drei und solltest endlich ein eigenes Leben führen!«

»Oma Morkie hat mich gut behandelt, als ich klein war«, wandte Grimma ein. »Irgendwann wirst auch du alt.«

»Meinst du? Und wer rackert sich dann für mich ab?«

Zorn brodelte in Masklin auf. Er war sicher, recht zu haben, aber er fühlte sich im Unrecht, und dadurch wurde alles schlimmer.

Er hatte lange darüber nachgedacht, und seine Überlegungen führten immer zu einer Mischung aus Wut und Schuldgefühl. Die Klugen, Kühnen und Tapferen waren längst fort. Ganz deutlich erinnerte er sich an ihre Abschiedsworte: Guter, alter Masklin, auf dich ist Verlass. Pass du hier auf. Wir sind bald wieder da; wir suchen nur nach einem besseren Ort. Wenn sich der gute, alte Masklin daran erinnerte, prickelte Empörung in ihm – weil er geblieben war. Er gab immer nach. Darin bestand sein Problem, und er wusste es. Ganz gleich, was er sich zu Anfang versprach: Schließlich wählte er den Weg des geringsten Widerstands.

Grimma starrte ihn an.

Er zuckte mit den Schultern.

»Schon gut, schon gut«, murmelte Masklin. »Die Alten können uns begleiten.«

»Du weißt, dass sie nicht mitkommen. Sie sind zu alt und hier aufgewachsen. Es gefällt ihnen hier.«

»Es gefällt ihnen hier, weil wir sie dauernd bedienen«, murmelte Masklin.

Sie beließen es dabei. Zum Abendessen gab es Nüsse, und in seiner Portion fand Masklin eine Made.

Später ging er nach draußen, saß oben an der Böschung, stützte das Kinn auf die Hände und beobachtete das breite Asphaltband.

Die Autobahn präsentierte ihm einen langen Strom aus roten und weißen Lichtern. Menschen hockten in Kästen und gingen ihren geheimnisvollen Angelegenheiten nach. Aus irgendwelchen rätselhaften Gründen schienen sie immer in Eile zu sein.

Masklin vermutete, dass sie kein Rattenfleisch aßen. Menschen hatten es eigentlich sehr leicht. Sie waren groß und langsam, aber niemand zwang sie, in feuchten Löchern zu wohnen und darauf zu warten, dass dumme alte Frauen ein Feuer ausgehen ließen. Es schwammen keine Würmer in ihrem Tee. Sie gingen und fuhren, wohin sie wollten, verhielten sich immer so, wie sie selbst es für richtig hielten. Die ganze Welt gehörte ihnen.

Sogar des Nachts waren sie stundenlang unterwegs, in ihren kleinen Lastern mit Lampen vorn und hinten. Schliefen sie denn nie? Es muss Hunderte von ihnen geben, überlegte Masklin.

Manchmal träumte er davon, mit einem Lastwagen aufzubrechen. Sie hielten oft am Café, und es konnte nicht schwer sein, jedenfalls nicht zu schwer, auf einen hinaufzuklettern. Sie glänzten sauber; bestimmt ermöglichten sie ihm eine bessere Zukunft. Die Alternative wirkte alles andere als verlockend. Hier überstehen wir den Winter sicher nicht, dachte er und schauderte bei der Vorstellung, über die Felder zu wandern, wenn das schlechte Wetter begann.

Natürlich blieben es Träume. Masklin malte sich aus, den dahinhuschenden Lichtern zu folgen, aber er brachte nicht den Mut auf, sich diesen Wunsch zu erfüllen.

Und über der Autobahn … Die Sterne. Torrit hielt die Sterne für sehr wichtig. Derzeit sah sich Masklin außerstande, diese Ansicht zu teilen. Man konnte sie nicht essen. Ihr Schein genügte nicht einmal für gutes Sehen. Sterne waren recht nutzlos, wenn man genauer darüber nachdachte …

Jemand schrie.

Masklins Körper sprang auf, noch bevor er einen Befehl vom Gehirn erhielt. Lautlos stürmte er durchs Gebüsch zurück.

Ein Fuchsrüde hatte die Schnauze in den Bau geschoben und wedelte aufgeregt mit der Lunte. Der Nom erkannte das Tier sofort: Er war ihm schon einmal begegnet und mit einem gehörigen Schrecken davongekommen.

Irgendwo in Masklins Kopf hielt das wahre Selbst – jenes Selbst, über das sich Torrit so oft beklagte – entsetzt den Atem an, als er nach dem immer noch im Boden steckenden Speer griff und ihn mit ganzer Kraft an den Hinterlauf des Fuchses schlug.

Das Tier jaulte, wich zurück und wandte sich hungrig und überrascht um. Zwei gelbe Augen hielten Ausschau und entdeckten Masklin, der sich keuchend auf seinen Speer stützte und den Eindruck gewann, dies sei eine der Gelegenheiten, bei denen die Zeit langsamer verging, wodurch alles realer erschien. Vielleicht spürten die Sinne den nahen Tod und versuchten, möglichst viele Einzelheiten wahrzunehmen, solange sich noch Gelegenheit dazu bot …

Blutflecken klebten an der Schnauze des Fuchses.

Neuer Zorn erwachte in Masklin und schwoll an wie eine dicke Blase. Er hatte nicht viel, und dieses knurrende Etwas wollte ihm selbst das wenige nehmen.

Eine rote Zunge tastete aus dem Maul, und der Nom begriff, dass es nur zwei Möglichkeiten für ihn gab, Flucht oder Tod.

Stattdessen entschied er sich für den Angriff. Wie ein Vogel flog ihm der Speer aus der Hand und traf den Fuchs an der Schnauze. Der jaulte erneut, noch lauter diesmal, und hob die Pfote zur Wunde. Und Masklin lief. Er rannte durch den Schlamm, angetrieben vom Motor der Wut, grub die Hände in zotteliges rotes Fell. Rasch zog er sich an der Flanke des Tiers hoch, saß kurze Zeit später rittlings auf dem Hals und holte mit einem Steinmesser aus. Immer wieder stieß er zu, stach auf alles ein, was mit der Welt nicht in Ordnung war …

Der Fuchs heulte und sauste davon. Hinter Masklins Stirn herrschte noch immer Chaos. Andernfalls wäre ihm klar geworden, dass er mit dem Messer kaum Schaden anrichtete, sondern seinen Gegner nur verärgerte. Doch das Geschöpf war nicht an Mahlzeiten gewöhnt, die sich mit solcher Entschlossenheit zur Wehr setzten, und es wollte jetzt nur noch weg. Es erreichte die Böschung und setzte die Flucht in Richtung Autobahn fort.

Die Vernunft kehrte in den Nom zurück, alarmiert vom Lärm des nahen Verkehrs. Er ließ sich fallen und landete im hohen Gras, als das Tier zum Asphalt rannte.

Der Aufprall nahm ihm den Atem, und er rollte sich ab.

Masklin vergaß nie, was anschließend geschah. Er erinnerte sich selbst dann noch daran, nachdem er so viele seltsame Dinge gesehen hatte, dass in seinem Gedächtnis eigentlich gar kein Platz mehr sein konnte.

Der Fuchs erstarrte in gleißendem Scheinwerferlicht und zischte herausfordernd, als er versuchte, einen zehn Tonnen schweren und mehr als hundert Stundenkilometer schnellen Lastwagen allein mit dem Blick aufzuhalten.

Ein dumpfes Pochen, ein Wusch – und Dunkelheit.

Eine ganze Weile lag Masklin mit dem Gesicht nach unten auf kühlem Moos. Dann stand er auf, schlurfte langsam nach Hause und fürchtete sich vor der Situation, die ihn dort erwartete. Unterwegs versuchte er, seine Fantasie im Zaum zu halten.

Grimma stand vor dem Eingang des Baues und hielt einen Zweig wie eine Keule in der Hand. Sie hätte Masklin fast den Schädel eingeschlagen, als er aus der Finsternis heranwankte und sich an die Böschung lehnte. Müde hob er den Arm und drückte den Zweig beiseite.

»Wir wussten nicht, wo du warst«, sagte Grimma. Hysterie vibrierte in ihrer Stimme. »Wir hörten ein Geräusch, und dann kam der Fuchs, und du hättest hier bei uns sein sollen, und er erwischte Herrn Mert und Frau Coom, und er grub noch tiefer …«

Sie unterbrach sich und ließ die Schultern hängen.

»Oh, keine Sorge, ich bin unverletzt«, erwiderte Masklin kühl. »Danke der Nachfrage.«

»Was … was ist geschehen?«

Er schenkte Grimma keine Beachtung, stapfte in den dunklen Bau und legte sich hin. Die Alten flüsterten und raunten, als er in einen tiefen, kalten Schlaf sank.

Ich hätte hier bei ihnen sein sollen, dachte er.

Sie brauchen mich.

Wir verlassen diesen Ort. Wir alle.

Terry Pratchett

Über Terry Pratchett

Biografie

Terry Pratchett, geboren 1948 in Beaconsfield, England, erfand in den Achtzigerjahren eine ungemein flache Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten und einer Riesenschildkröte ruht, und hatte damit einen schier unglaublichen Erfolg: Ein Prozent aller in Großbritannien verkauften Bücher sind...

Pressestimmen

Locus

Geistreich, lustig, weise... alles in allem hinreißend, diese Nomen-Trilogie.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden