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Die neue Aufklärung

Wirtschaft und Gesellschaft nach der Corona-Krise - Nominiert für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2020

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Die neue Aufklärung — Inhalt

Zeit für einen neuen Humanismus!

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaften und Ökonomien in die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Die Gefahr ist groß, dass sie die Weltgemeinschaft weiter spaltet. Es gibt gute Gründe für Pessimismus, aber es gibt bessere für Optimismus. Die Pandemie zeigt uns die Widersprüche unseres Handelns auf. Sie hat zu einem moralischen Bewusstsein geführt, das uns als Gesellschaft einen hohen Wert auf Gemeinschaft und den Schutz der Schwächsten legen lässt. Dieser neue Humanismus erfordert Reformen des Sozialstaats, um allen Menschen Chancen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus, die drei Ideale der Aufklärung, sind heute wichtiger denn je und werden entscheiden, wie die Welt und wir als Gesellschaft aus dieser Pandemie herauskommen werden.
Der renommierte Experte legt eine tiefgreifende Gesellschaftsanalyse vor und hält ein engagiertes Plädoyer, die Krise als Chance für Gesellschaft, Staat und Wirtschaft zu nutzen.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 12.10.2020
224 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1432-0
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 31.08.2020
224 Seiten
EAN 978-3-8270-8019-6
„Mit seinem Buch ist ihm ein neuer, analytischer Blick auf die Krise und ihre Auswirkungen gelungen.“
Wirtschaftswoche Online

Leseprobe zu „Die neue Aufklärung“

Einleitung

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaften und Ökonomien in die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Selten zuvor hat ein Ereignis die gesamte Menschheit gleichermaßen in so kurzer Zeit so stark getroffen. Kein Menschenleben ist durch das Virus unberührt geblieben. Viele Hunderttausende Menschen haben ihr Leben verloren, mehr als 15 Millionen weltweit waren bereits Ende Juli 2020 infiziert worden. Die Pandemie hat Gesundheits- und Sozialsysteme überfordert und zum Teil zum Zusammenbruch gebracht. Sie hat das Leben eines und [...]

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Einleitung

Die Corona-Pandemie hat die Gesellschaften und Ökonomien in die tiefste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Selten zuvor hat ein Ereignis die gesamte Menschheit gleichermaßen in so kurzer Zeit so stark getroffen. Kein Menschenleben ist durch das Virus unberührt geblieben. Viele Hunderttausende Menschen haben ihr Leben verloren, mehr als 15 Millionen weltweit waren bereits Ende Juli 2020 infiziert worden. Die Pandemie hat Gesundheits- und Sozialsysteme überfordert und zum Teil zum Zusammenbruch gebracht. Sie hat das Leben eines und einer jeden zumindest vorübergehend eingeschränkt und für viele dauerhaft verändert. Sie hat dazu geführt, dass Menschen- und Bürgerrechte temporär beschnitten wurden. Die Auswirkungen des Virus haben die Weltwirtschaft in einen Kollaps getrieben: Mehr als 100 Millionen Menschen haben ihre Arbeit und noch viel mehr ihre Lebensgrundlage verloren.

Und die Krise ist noch lange nicht vorbei. Die Hoffnung auf eine schnelle Erholung und Normalisierung wird sich als unbegründet erweisen. Die Arbeitslosigkeit wird weltweit und auch in Deutschland weiter steigen, Einschränkungen bleiben bestehen, und Sorgen und Ängste werden groß bleiben. Viele Länder sind bei Weitem stärker bedroht als Deutschland. Wirtschaftliche Depression bis hin zu Hungersnöten, die große Migrationsströme und militärische Konflikte verursachen, sind reale Risiken. Wenig wird wieder so sein, wie es einmal war; auch in Deutschland werden sich Wirtschaft, Gesellschaft und Politik grundlegend ändern. Die Pandemie hat die Welt in ihren Grundfesten erschüttert und ist dabei, sie für immer zu verändern.

Dabei kennt das Virus keine Grenzen und unterscheidet nicht zwischen Hautfarbe, Vermögen oder Herkunft. Niemanden trifft die Schuld und Verantwortung für sein Auftreten und die Ausbreitung. Niemand sollte sich moralisch erhöhen und der eigenen Verantwortung verweigern. Die Krise macht uns bewusst, dass die zentralen Fragen der Menschheit – von der Bekämpfung der Pandemie bis hin zu Frieden und einer intakten Umwelt – alle gleichermaßen betreffen und Lösungen nur gemeinsam gefunden werden können.

Das Zeitalter der Extreme

So überraschend die Pandemie die Welt überwältigt hat, ist sie doch der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Konflikten und Krisen der vergangenen dreißig Jahre – seit Francis Fukuyama mit dem Ende des Kalten Krieges und der deutschen Wiedervereinigung „das Ende der Geschichte“ ausrief. Selten zuvor hat die Welt so grundlegende Veränderungen und so große Herausforderungen erlebt wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Davon sind zahlreiche Veränderungen große Erfolge einer Epoche, die von Globalisierung und technologischem Wandel dominiert wird.

Die vergangenen Jahrzehnte waren gezeichnet von einem fast unfassbaren Anstieg des wirtschaftlichen Wohlstands, der Milliarden Menschen aus der Armut gehoben und ihnen eine Zukunftsperspektive eröffnet hat. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für China und zum Teil für Indien, die zusammen ein Drittel der Weltbevölkerung ausmachen. Vor allem China hat sich von einer politisch marginalen und wirtschaftlich abgehängten Nation zum Beginn seiner Transformation 1979 zu einer politischen und wirtschaftlichen Weltmacht entwickelt. Auch andere Teile Asiens und Lateinamerika sind dabei, im Vergleich mit dem Westen wirtschaftlich aufzuholen.

Der wirtschaftliche Wohlstand ist einhergegangen mit einem Anstieg der Lebensqualität und der Autonomie großer Teile der Menschheit. Lebenserwartung und Gesundheit haben sich für die meisten deutlich erhöht. Immer mehr junge Menschen haben Zugang zu Bildung, die Zahl der Analphabeten geht deutlich zurück. Der Ausbau der Sozialsysteme hat den ungleichen Zugang zu Bildung, Gesundheit und zum Arbeitsmarkt in den meisten Teilen der Welt reduziert. Auch politische und militärische Konflikte zwischen Staaten haben abgenommen, und es starben weniger Menschen durch solche Konflikte.

Kurzum: Selten zuvor hat die Menschheit so großen Fortschritt erlebt und so viel Gutes geschaffen wie in den vergangenen dreißig Jahren. Gleichzeitig haben diese Erfolge jedoch auch eine Kehrseite, stehen ihnen doch große Versagen der Weltgemeinschaft und vor allem der westlichen Demokratien gegenüber. Zwar hat die Welt eine gigantische Konvergenz in Bezug auf Wohlstand, Bildung und Lebensqualität zwischen Ländern und Regionen erlebt, aber gleichzeitig hat die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit innerhalb der allermeisten Nationen zugenommen. Es sind meist die wirtschaftlichen und politischen Eliten, die besonders vom Wandel der Globalisierung und des technologischen Fortschritts profitieren. Viele Millionen Europäer und Amerikaner haben durch die Globalisierung ihre Arbeit verloren und Schwierigkeiten, sich in einer Welt, die ein hohes Maß an Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, Mobilität und eine gute Bildung verlangt, zu behaupten. Einkommen, Vermögen und Lebenschancen sind in vielen westlichen Gesellschaften ungleicher geworden. Viele haben Schwierigkeiten, sich zu verorten und zu identifizieren in und mit einer Welt des stetigen Wandels, die eben nicht immer als Chance, sondern auch als Bedrohung empfunden wird.

Viele Europäer und Amerikaner vermissen eine ausreichende Gerechtigkeit, und sie sind zunehmend unzufrieden mit Politik und Gesellschaft. Das Vertrauen in Staat und Politik schwindet fast überall in der westlichen Welt. Das Resultat ist eine zunehmende soziale und politische Polarisierung, die weltweit zu einer Politik der drei P – Populismus, Protektionismus und Paralyse – geführt hat. Zahlreiche Politiker und Parteien ziehen ihre Macht aus dieser Polarisierung und dem systematischen Ausspielen gesellschaftlicher Gruppen gegeneinander. Nationalismus, Abschottung und der Versuch einer Zementierung des Status quo sind die Gegenreaktion in einer Welt des Wandels, die zunehmend von Globalisierung und Technologie geprägt ist.

Hinzu kommt, dass die vergangenen Jahrzehnte von einer Reihe tiefer wirtschaftlicher und sozialer Krisen gekennzeichnet waren, die vor allem zulasten der Schwächsten und Verletzlichsten gingen: Die Transformation zu demokratischen Gesellschaftsordnungen in Zentral- und Osteuropa sowie in Teilen Asiens und Lateinamerikas hat viele Menschen nicht nur gefordert, sondern auch überfordert. Die Sehnsucht nach Sicherheit, Stabilität und einem starken Staat hat autokratischen Kräften Auftrieb gegeben. Der wirtschaftliche Wandel hat zahlreiche tiefe Wirtschafts- und Finanzkrisen verursacht, von denen vor allem die globale Finanzkrise 2008/2009 einen enormen wirtschaftlichen und sozialen Schaden gerade für die verwundbaren Länder und Menschen weltweit bedeutet hat.

Die vier Konfliktlinien unserer Zeit

Die Krise hat ungelöste Konflikte an die Oberfläche gebracht – von nationalen Konflikten in Europa über politische Konflikte innerhalb von Demokratien bis hin zu offenem Widerstand gegen Diskriminierung von Schwarzen in den USA und anderswo. Dabei läuft die Welt seit Jahren offenen Auges in eine Reihe weiterer Krisen. Die Ursachen der Flüchtlingskrise seit 2015 sind genauso wenig überwunden wie zahlreiche Konflikte in vielen Teilen Afrikas und des Mittleren Ostens. Vor allem aber ist die schwelende und sich stetig verschärfende Klimakrise ungelöst. Seit dreißig Jahren kann niemand mehr die Tatsache des Klimawandels und die katastrophalen Folgen leugnen. Trotzdem fehlt es global, und auch national in Deutschland, am politischen Willen, der Wahrheit ins Auge zu schauen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.

Die Corona-Krise ist zwar der Höhepunkt dieser Konflikte und Krisen, sie ist aber auch grundlegend anders als die Krisen der Vergangenheit: Sie ist universell und betrifft sofort und unmittelbar jedes Land und jeden Menschen. Sie ist in vielerlei Hinsicht blind in Bezug auf Hautfarbe, Einkommen, Nationalität, Geschlecht und andere individuelle Merkmale. Sie erlaubt es nicht, irgendjemandem die Schuld für die Katastrophe zu geben, sondern fordert Gemeinsamkeit der Verantwortung. Und sie offenbart das Unvermögen aller, selbst der mächtigsten und reichsten Länder der Welt, eine überzeugende Antwort auf die Krise anzubieten.

Wieso gab es in den letzten dreißig Jahren so viele Katastrophen und Krisen, obwohl die Welt so viel Gutes geschaffen hat? Wieso bleiben so viele Fragen und Herausforderungen unserer Zeit ungelöst, obwohl Technologie und Wissen eigentlich Antworten parat halten? Und wieso sind so viele Menschen, vor allem in der westlichen Welt, so unzufrieden und verunsichert, obwohl die globalisierte Welt so viele Chancen und Möglichkeiten anbietet?

Die Antworten auf diese Fragen sind in vier grundlegenden Konflikten zu finden: zwischen Ethik und Wirtschaft, zwischen Staat und Markt, zwischen Multilateralismus und Nationalismus und zwischen Wissenschaft, Medien und Politik. In der Corona-Pandemie haben sie sich schmerzvoll offenbart. Die Lösung dieser Konflikte wird entscheidend für unsere Zukunft sein.

Eine neue Aufklärung

Die Corona-Pandemie könnte deshalb einen Wendepunkt darstellen, der ein neues Zeitalter einläutet – ein Zeitalter der Aufklärung, das die Herausforderungen unserer Zeit meistert und mit einem Bewusstseinswandel hin zu einem neuen Humanismus einhergeht; ein Zeitalter, in dem die Eigenverantwortung des Individuums, die Wissenschaft und Rationalität sowie die Fokussierung auf die großen Fragen unserer Zeit im Mittelpunkt stehen.

Die erste Epoche der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert war geprägt von Fortschritt in Wissenschaft, Bildung und Technologie, von grundlegenden politischen Veränderungen mit einer Stärkung der Menschenrechte und der Freiheit des Einzelnen, vom Aufstieg des Nationalstaats und einer Säkularisierung, aber auch von Veränderungen gesellschaftlicher Werte und Moralvorstellungen. Dabei ist es natürlich nicht so, dass es solche Veränderungen nicht auch in den Jahrhunderten und Jahrtausenden zuvor gegeben hätte. Der Fortschritt in der Wissenschaft mag zum Beispiel in Zeiten der Renaissance noch bedeutender gewesen sein und bezogen auf Technologie und Wirtschaft auch in der chinesischen Tang-Dynastie zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert.

Was die Epoche der Aufklärung jedoch so einzigartig macht, ist die Kulmination von grundlegenden Veränderungen in den unterschiedlichen Bereichen von Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft, die zusammengenommen disruptiv waren. Die Französische und die US-amerikanische Revolution sind nur zwei – allerdings wichtige – Beispiele. Die Welt wurde auf einen grundlegend anderen Entwicklungspfad gesetzt, der die industrielle Revolution und den technologischen Fortschritt ermöglichte. Der heutige wirtschaftliche Wohlstand liegt hier begründet. Vieles, was unser Leben und Denken heute bestimmt, wurde mit der Epoche der Aufklärung und durch sie geprägt.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, beschrieb Immanuel Kant die Bedeutung dieser Epoche für die Menschheitsgeschichte. Dabei handelt es sich bei der Aufklärung nicht nur um ein Zeitalter, sondern vielmehr um ein Bewusstsein, um eine Geisteshaltung, die die Vernunft als zentrales Element für das Handeln der Menschen identifiziert. Wie oben zitiert, sieht Kant die Aufklärung als das Resultat eines Prozesses, bei dem sich der Mensch aus seiner eigenen Unmündigkeit befreit. Dies erfordert nicht nur ein kritisches Bewusstsein, sondern auch den Willen und die Freiheit zu selbstbestimmtem und eigenverantwortlichem Handeln. Der Philosoph Michel Foucault beschrieb die Aufklärung als ein kritisches Bewusstsein in der Tradition des griechischen Ethos, einer Art des Denkens und Fühlens und des Handelns und Verhaltens.

Nicht alle bewerteten und bewerten die Aufklärung und deren Resultat jedoch als uneingeschränkt positiv. Vertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule wie Max Horkheimer und Theodor Adorno sahen darin die Entzauberung der Welt. Die „instrumentelle Vernunft“, wie Horkheimer es ausdrückte, hat eben nicht nur zu einer Herrschaft des Menschen über die äußere und innere Natur beigetragen, sondern auch zur institutionalisierten Herrschaft von Menschen über Menschen, auch in den heutigen Demokratien der westlichen Welt. Die „Verschlingung von Mythos und Aufklärung“, so Jürgen Habermas, führe eben nicht erzwungenermaßen zur Befreiung, sondern könne einen Selbstzerstörungsprozess in Gang setzen. Eine kritische Betrachtung der Aufklärung und ihrer Instrumente sei daher essenziell, um diesem Prozess Einhalt zu gebieten.

Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus

Der französische Historiker Tzvetan Todorov beschreibt die drei essenziellen Elemente der Aufklärung als Autonomie, Universalismus und Humanismus. Das Ideal der Autonomie zielt auf die Freiheit eines jeden Einzelnen, ein selbstbestimmtes Leben nach den eigenen Vorstellungen führen zu können. Universalismus meint die Gleichheit eines jeden Menschen in Bezug auf die Grundrechte und die Achtung seiner oder ihrer Menschenwürde. Und der Humanismus unterstreicht die Rolle des Menschen als soziales Wesen, das durch Vernunft, Empathie und die Suche nach Fortschritt das gemeinschaftliche Leben gestaltet.

Die zentrale These dieses Buches lautet, dass diese drei Ideale der Aufklärung heute wichtiger sind denn je und dass sie darüber entscheiden werden, wie die Welt und wir als Gesellschaft aus dieser Pandemie herauskommen. Sie waren und sind die Grundlage für den Fortschritt und den Wohlstand, den die Welt in den vergangenen zwei Jahrhunderten hat erringen können. Die großen Probleme und Fehler unserer Zeit – von einer wachsenden sozialen Polarisierung und schwindenden Gerechtigkeit über ein Erstarken von Populismus und autokratischen Regimen bis hin zu einer drohenden Klimakatastrophe – können nur gelöst werden, wenn wir uns auf diese drei Prinzipien der Aufklärung besinnen und sie neu denken.

Dies erfordert ein neues Bewusstsein dafür, wie die Herausforderungen unserer Zeit bewältigt werden können. Die Pandemie ist ein Weckruf, der uns die Widersprüche unseres Handelns bewusst macht, aber auch einen neuen Weg in die Zukunft weist. Das Prinzip der Autonomie erfordert, dass Freiheit nicht nur das Privileg einiger weniger sein darf, sondern viel breiter und umfassender geteilt werden muss. Nicht nur zwischen Ländern, sondern auch innerhalb von Gesellschaften, auch in Deutschland, sind die Chancen für Eigenverantwortung und ein selbstbestimmtes Leben sehr ungleich verteilt. Durch das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und aufgrund von Diskriminierung verfestigen sich nicht nur soziale Klassen, sondern werden Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und zahlreichen anderen Gruppen wichtige Chancen verwehrt.

Universalität erfordert Reformen, um dem Gefühl der Ungerechtigkeit und der Entfremdung vieler Menschen unserer Gesellschaft zu begegnen. Dies macht einen gesellschaftlichen Diskurs darüber notwendig, wie Leistung honoriert und Bedürfnisse in einer zunehmend diversen Gesellschaft befriedigt werden können. Gerechtigkeit hat auch eine wichtige gesellschaftsübergreifende Dimension. Gerade wohlhabende Gesellschaften wie die deutsche dürfen nicht die Augen vor den Bedürfnissen anderer verschließen. Und Gerechtigkeit hat eine wichtige Dimension über Generationen hinweg. Gerade in der Diskussion um den Schutz von Klima, Umwelt und Biodiversität wird uns bewusst, dass die gegenwärtigen Generationen zu lange auf Kosten künftiger Generationen gelebt haben und noch immer leben.

Humanismus erfordert eine neue Definition von Fortschritt. Die Corona-Pandemie zeigt, dass wir einen großen Schritt hin zu einer solchen Definition tun können. Die Krise hat zu einem beeindruckenden Bewusstsein einer Moral geführt, die die meisten Gesellschaften einen hohen Wert auf Gemeinschaft und den Schutz der Schwächsten legen lässt. Sie sind gewillt, einen signifikanten wirtschaftlichen Preis dafür zu zahlen. Mehr noch, diese Gesellschaften haben die Krise meist besser gemeistert als andere, die eine dominante Marktwirtschaft oder einen überbordenden autokratischen Staat haben. Dieser Humanismus erfordert auch Reformen des Sozialstaats, der nicht mehr nur eine Absicherung gewährleisten soll, sondern befähigend wirken muss, um Menschen Chancen zu eröffnen und eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Ein neuer Humanismus erfordert es, Nationalismus und Populismus zurückzudrängen und Multilateralismus und globale Kooperation zu stärken. Dies gilt für die Bekämpfung von Pandemien und der Ursachen von Konflikten genauso wie für den Schutz von Klima, Umwelt und Diversität. Und es gilt für die Herausforderungen durch Globalisierung und technologischen Wandel. Digitalisierung und künstliche Intelligenz könnten unser Leben in den nächsten Jahrzehnten so grundlegend verändern, dass sie zwar viele neue Chancen und Wohlstand ermöglichen, aber auch die Ursache für neue Konflikte sein könnten.

Die Pandemie könnte eine wichtige Bewusstseinsveränderung herbeiführen, die eine neue Balance zwischen Staat und Markt, zwischen starken Sozialsystemen und einer innovativen Wirtschaft und zwischen Wissenschaft und Politik hervorbringt sowie eine Stärkung Europas und des Multilateralismus. Die Gefahr ist allerdings groß, dass die Corona-Krise die Weltgemeinschaft spaltet und weniger zukunftsfähig macht. Die Krise ist jedoch auch eine Chance, die überfälligen Konsequenzen aus den Konflikten der vergangenen Jahrzehnte zu ziehen und eine neue Phase der Aufklärung einzuläuten.

Als Wissenschaftler ist es meine Aufgabe, nicht zu glauben oder zu fühlen, sondern Wissen zu schaffen und dieses zu teilen. Die Corona-Pandemie macht mir bewusst, wie wenig wir wirklich über unsere Welt wissen. Als Mensch und Bürger ist es unmöglich, die Krise ausschließlich rational zu betrachten und nicht zutiefst berührt zu sein von dem Leid, das sie verursacht, aber auch von der Menschlichkeit des Umgangs vieler miteinander. Und als Ökonom, der auch einen Background in Philosophie und politischer Philosophie hat, realisiere ich, wie inadäquat die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften und auch meine eigene Forschung ist, um Antworten auf die wichtigen Fragen unserer Zeit zu finden.

Das Buch ist mein Versuch als Wissenschaftler, Erkenntnis zu ziehen aus dem, wie Politik, Gesellschaft und Wirtschaft auf diese noch nie da gewesene Krise reagieren und wie dies unser Bewusstsein über die großen Herausforderungen unserer Zeit verändern wird.

Dieses Buch zeigt, wie eine neue Aufklärung aussehen und wie die Stärkung der drei Ideale Freiheit, Gerechtigkeit und Humanismus gelingen kann. Bei allen Risiken und Gefahren ist der Grundtenor von Optimismus geprägt. Die technologischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Voraussetzungen, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, sind bereits vorhanden. Die Pandemie hat viele dieser positiven Ansätze verstärkt und einen Weg in die Zukunft aufgezeigt. Nun gilt es, diese größte globale Krise seit 75 Jahren klug zu nutzen und den Weg hin zu einer neuen Aufklärung frei zu machen.


Teil 1: Ethik versus Wirtschaft

„Eine Welt, die Platz für die Öffentlichkeit haben soll, kann nicht nur für eine Generation errichtet oder nur für die Lebenden geplant sein; sie muss die Lebensspanne sterblicher Menschen übersteigen.“

Hannah Arendt

 

Die Corona-Pandemie hat die Welt und auch Deutschland zum größten Teil unvorbereitet getroffen. Trotz einiger Warnungen von Experten in den vergangenen Jahren und der Aufforderung, sich besser auf mögliche Pandemien vorzubereiten, hat die Welt das Risiko größtenteils ignoriert. Zwar sterben jeden Winter viele Tausende Menschen in Deutschland an der Grippe (Influenza); da dies jedoch zur Normalität geworden ist, konnte oder wollte man sich nicht vorstellen, wie viele Opfer eine weltweite Pandemie fordern könnte.

Als Mitte Januar 2020 auch in Europa bekannt wurde, wie ernst die Epidemie, die in der chinesischen Großstadt Wuhan ihren Ursprung hatte, in China grassierte und sich ausbreitete, ignorierten Europa und der Rest der Welt das Problem und erwarteten, dass das Virus – ähnlich wie SARS 2003 und 2004 – ein regionales Problem Chinas oder Asiens bleiben würde. Erst als einige Hundert Menschen in Italien Symptome des Virus zeigten, wachte die Weltgemeinschaft auf und verfiel zunächst einmal in Panik. Schnell wurden Maßnahmen und Strategien konzipiert, mit wenig Abstimmung und Koordination, und vor allem, ohne viel über das Virus und dessen Verbreitung zu wissen.

Innerhalb weniger Wochen im März 2020 veränderte sich das Leben in Europa grundlegend. Die Schließung von Unternehmen, Geschäften, Schulen und vielen anderen Einrichtungen brachte das öffentliche Leben fast zum Stillstand. Jede Regierung und jedes Land ergriffen unterschiedliche Maßnahmen und verfolgten diverse Strategien. Alle mussten jedoch die gleiche Abwägung treffen: Welche Rolle soll dem Schutz der Gesundheit, vor allem der Risikogruppen und der Schwächsten der Gesellschaft, zukommen? Wie wichtig sollen in der Pandemie wirtschaftliche Aspekte sein, insbesondere der Erhalt von Arbeitsplätzen und die Vermeidung der Insolvenzen von Unternehmen, die für viele die wirtschaftliche Lebensgrundlage bilden? Wie weit kann die Beschneidung der Grundrechte gehen, und wie lange kann diese aufrechterhalten bleiben?

Jedes Land hat eine andere Antwort auf diese Fragen gegeben. Entscheidungen mussten trotz hoher Unsicherheit und Unwissenheit getroffen werden, wohl wissend, dass diese, auch wenn sie heute sinnvoll und richtig erscheinen, sich morgen schon als falsch und schädlich erweisen könnten. Fast alle Länder haben im Laufe der Pandemie ihre Strategien und Maßnahmen angepasst, um neuen Fakten und Realitäten Rechnung zu tragen. Andere, wie Großbritannien, haben eine komplette Kehrtwende in ihrer Strategie vollzogen, auch weil man in der Politik außer Acht gelassen hatte, dass eine erfolgreiche Strategie letztlich auf einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen beruht.

Der erste Teil des Buches diskutiert diese Abwägung zwischen den häufig, aber nicht zwingendermaßen miteinander konkurrierenden Zielen in Bezug auf Gesundheit, Wirtschaft und Grundrechte. Die Entscheidungen in jedem Land, auch in Deutschland, sagen viel über die Werte der jeweiligen Gesellschaft aus. Und die Erfahrungen zeigen, dass die Pandemie zu einem neuen Bewusstsein, einer Besinnung und Stärkung von gesellschaftlichen Werten geführt hat, die unser Zusammenleben und unseren Gesellschaftsvertrag nachhaltig ändern werden.

Kapitel 1: Die Kosten der Pandemie für Menschen und Gesundheit

Die Corona-Pandemie hat bereits im Sommer 2020 enormes menschliches Leiden verursacht. Bei mehr als 15 Millionen Menschen weltweit war das Virus bis Ende Juli 2020 nachgewiesen worden, 600 000 Menschen haben ihr Leben verloren. Dies ist nur eine Momentaufnahme, und es sind lediglich die offiziellen Statistiken – die Pandemie breitete sich in manchen Ländern weiter aus, und die Gefahr einer zweiten Welle ist omnipräsent.

Zudem waren wohl viele Menschen infiziert, ohne es zu wissen und ohne getestet worden zu sein. Vor allem in ärmeren Ländern sind vermutlich viele am Virus gestorben, ohne dass eine offizielle Statistik das Leiden und die Opfer erfassen konnte. Die Pandemie hat eine globale menschliche Tragödie ausgelöst, die es – abgesehen von den Kriegen – zuletzt während der Spanischen Grippe 1918 bis 1920 gegeben hatte, bei der schätzungsweise zwischen 17 und 100 Millionen Menschen starben.[i]

In diesem Buch geht es jedoch nicht um die gesundheitlichen Aspekte und Auswirkungen des Coronavirus, sondern um die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, auf unsere Wirtschaftsordnung, auf die globale Weltordnung und um das gesellschaftliche Bewusstsein, das sich durch diese Krise verändert. Trotzdem sollen die wichtigsten Fakten und Entwicklungen der Pandemie kurz skizziert werden, um besser darstellen zu können, warum sie unser Leben so grundlegend verändert.

Die Ausbreitung des Virus

Die Fakten zeigen, dass zwar kein Land ungeschoren der Pandemie entkommt, aber Länder und bestimmte Bevölkerungsgruppen sehr unterschiedlich betroffen sind. Das reichste Land der Welt, die USA, hatten über den Sommer 2020 hinaus die bei Weitem höchsten Infektions- und Opferzahlen zu beklagen. Ärmere Länder wie Brasilien, Indien und Russland folgten als die Länder mit der nächsthöchsten Zahl an Infizierten und Toten. Das Virus macht also an keinen Ländergrenzen halt, unterscheidet nicht nach Einkommen, Wohlstand, Geschlecht oder Hautfarbe.

Gleichzeitig gilt auch: Nicht alle Menschen haben das gleiche Risiko, an dem Virus zu sterben. Zur Gruppe derer, die besonders gefährdet sind, an einem schweren Krankheitsverlauf zu leiden, zählen ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen (wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und möglicherweise auch Menschen mit einem spezifischen Konsumverhalten (zum Beispiel Raucher). In Deutschland gehören 38 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger zu dieser Risikogruppe. Doch die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, geht über die einzelne Person hinaus: Auch wenn man selbst keiner Risikogruppe angehört, gibt es wohl in jeder Familie eine oder mehrere Personen, die einer Gruppe mit erhöhtem Risiko angehören und damit eher bedroht sind, am Virus zu sterben oder zumindest erhebliche gesundheitliche Schäden davonzutragen. Das Virus lässt also niemanden unberührt.[ii]

Die vergangenen Monate haben die meisten von uns wohl viel über Epidemiologie und öffentliche Gesundheit gelehrt. Dennoch ist es sinnvoll, einige Schlaglichter hervorzuheben, um den Vergleich von Ländern zu ermöglichen. Dabei ist es hilfreich, eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Faktoren vorzunehmen, die durch menschliches Handeln beinflussbar sind, und virusspezifischen Eigenschaften, die nicht beeinflussbar sind.

Die virusspezifischen Eigenschaften spielen eine große Rolle, indem sie die Grundlage für jede Einschätzung des Pandemieverlaufs darstellen. Dazu gehören die Inkubationszeit, also die Zeit, bis die Krankheit nach der Infektion bei der betreffenden Person ausbricht, der Beginn und die Dauer der Infektiosität, die Saisonalität und die mögliche Immunität von Personen in der Bevölkerung. Problematisch ist, dass viele dieser Eigenschaften besonders zu Beginn einer Pandemie schwierig abzuschätzen sind.

Das Coronavirus – SARS-CoV-2 – und die dadurch ausgelöste Infektionskrankheit COVID-19 zeichnen sich durch einige Aspekte aus, die eine Bekämpfung von Anfang an schwieriger gestalten, als das bei anderen Krankheiten der Fall ist. Die relativ lange Inkubationszeit – die Anzahl der Tage, die es braucht, bis sich Symptome zeigen – sowie die relativ lange Infektiosität einer Person sind Beispiele dafür. Derzeit wird davon ausgegangen, dass infizierte Personen bereits vor dem Erkrankungsbeginn – das heißt hier vor dem Beginn der Symptome – andere Personen anstecken können. Eine Person ist laut aktuellen Schätzungen im Mittel zehn Tage ansteckend. Das bedeutet, dass eine infizierte Person viele Menschen anstecken kann, ohne zu wissen, dass er oder sie das Virus bereits in sich trägt und weiterverbreitet. Auch sind die Symptome der Krankheit relativ generisch und häufig nicht von den Anfangssymptomen einer Erkältung zu unterscheiden – oder sie können ganz ausbleiben.

Eine weitere fundamentale Größe zur Einschätzung der Situation ist die Basisreproduktionszahl R0. Sie gibt an, wie viele Personen eine infektiöse Person zu Beginn der Ausbreitung ansteckt, das heißt in einer Bevölkerung, in der sonst niemand infiziert ist. Je höher diese Zahl, desto schneller schreitet die Verbreitung des Virus voran. An der sperrigen Beschreibung wird allerdings bereits klar, dass die Basisreproduktionszahl eine nicht in der Realität beobachtbare Größe ist und ihrerseits geschätzt werden muss. Dabei spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle: die durchschnittliche Zahl der Kontakte einer infektiösen Person pro Tag, die Übertragungswahrscheinlichkeit bei einem solchen Kontakt und die durchschnittliche Dauer der Infektiosität. In den frühen Studien wurde die Basisreproduktionszahl auf einen Wert zwischen zwei und drei geschätzt. Dies würde bedeuten, dass eine Person im Mittel zwei bis drei Personen mit dem Virus ansteckt. Im Vergleich zu anderen übertragbaren Krankheiten würde das Coronavirus damit zwar weit unterhalb der Reproduktionszahl von Masern (R0 bei etwa 10–18) oder auch Pocken (R0 bei etwa 3,5–6) liegen. Dennoch liegt sie aber weit oberhalb von vielen gewöhnlichen Grippewellen.

Wie stark sich bereits kleine Änderungen in der Reproduktionszahl auswirken, macht ein Beispiel deutlich: Eine Reproduktionsrate von zwei bedeutet, dass ein einzelner Infizierter zwei weitere Personen ansteckt, die wiederum jeweils zwei Personen infizieren. Nach zehn Infektionsrunden haben mehr als tausend Menschen das Virus, da sich die Anzahl der Infizierten bei jeder Runde potenziert. Eine Reproduktionsrate von drei dagegen bedeutet, dass nach zehn Infektionsrunden fast 60 000 Menschen mit dem Virus infiziert sind. Ein scheinbar moderater Anstieg der Reproduktionsrate hat also dramatische Auswirkungen auf die Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung.

Neben der relativ hohen Ansteckungsgefahr ist das Coronavirus so gefährlich, weil es bislang weder eine Impfung noch eine verlässlich wirksame Behandlung gibt. In den meisten Fällen können Ärzte und Ärztinnen nur unterstützende Maßnahmen durchführen. Dieser Punkt unterstreicht die Wichtigkeit der Eindämmung der Ansteckungen.[iii]

Wie tödlich COVID-19 tatsächlich ist, lässt sich bisher nicht feststellen. Dazu müsste die tatsächliche Zahl der erkrankten Fälle bekannt sein. Doch da nur ein kleiner Teil der tatsächlich Erkrankten bekannt ist, überschätzt die häufig behelfsmäßig verwendete Kennziffer des Fall-Verstorbenen-Anteils die „Tödlichkeit“ der Krankheit tendenziell. Der Fall-Verstorbenen-Anteil, gibt an, wie hoch der Anteil bestätigter Todesfälle durch/mit Corona gegenüber der Zahl der bestätigten Infizierten ist. Mitte Juli 2020 lag sie ungefähr bei 4,4 Prozent weltweit – von tausend als infiziert bestätigten Personen sterben also durchschnittlich etwas mehr als 44 Personen. Damit läge der Fall-Verstorbenen-Anteil weit über dem der üblichen saisonalen Grippe.

Diese Kombination aus einer relativ hohen Ansteckungsgefahr, einer vergleichsweise hohen Fall-Verstorbenen-Rate und der Nichtverfügbarkeit wirksamer und verlässlicher medizinischer Behandlungsmöglichkeiten macht das Coronavirus so gefährlich. Sobald sich eine Person angesteckt hat und die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt, kann häufig nur eine künstliche Beatmung helfen, um das Leben der Person zu retten. Doch genau hier besteht ein Engpass in jedem Gesundheitssystem: In der Anfangsphase der Pandemie im März und April 2020 hatte man in Deutschland ungefähr 28 000 Notfallbetten mit Beatmungsgeräten. Die große Sorge war, dass Infizierte nicht behandelt werden könnten, weil nicht genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen.

Daher galt die Ansteckungsreduktion von Anfang an als eines der wichtigsten Ziele. Erst wenn die Reproduktionsrate kleiner als eins ist, wird die Ausbreitung graduell verlangsamt. Eine geringe Reproduktionsrate heißt jedoch nicht, dass das Virus gestoppt ist. Eine solche Verlangsamung war in den meisten Ländern, auch in Deutschland, ein wichtiges Ziel, damit die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht überlastet werden.

Deshalb ist in diesem Zusammenhang von flattening the curve – der Abflachung der Infektionskurve – die Rede. Langfristig infizieren sich also nicht zwangsläufig weniger Menschen mit dem Virus, sondern der Zeitpunkt der Infektion wird für viele in die Zukunft verschoben, um eine Überlastung der Kapazitäten im Gesundheitssystem zu vermeiden.

Dieses Ziel ist in Deutschland erreicht worden – das Gesundheitssystem war in den allermeisten Fällen nicht überlastet. Schon allein weil alle Statistiken mit großer Vorsicht behandelt werden müssen, sollten wir natürlich vorsichtig mit vorschnellen Urteilen sein. Aufgrund der Tatsache, dass in den allermeisten Ländern nur vergleichsweise wenige Menschen getestet werden können, wissen wir nicht mit Sicherheit, wie viele Menschen sich infiziert haben und wie viele tatsächlich an und mit COVID-19 gestorben sind.

Einer der Indikatoren, die aber zumindest einen Eindruck geben können, ist die sogenannte Übersterblichkeit. Kurz gefasst, vergleicht sie die Zahl der verstorbenen Personen in einem bestimmten Zeitraum mit der entsprechenden Zahl der Vorjahreszeiträume. Die Übersterblichkeit ist also keine Kennzahl, die spezifisch auf das Coronavirus als Todesursache abstellt, sondern sie erfasst alle Verstorbenen ganz unabhängig von der Ursache. Diese Zahl gilt oftmals als robusterer Vergleichsrahmen im internationalen Kontext als die gezählten COVID-19-Toten. Denn: Zwar sterben einige Menschen mit und nicht an Covid-19, das Virus mag für sie also nicht die ausschlaggebende Todesursache sein; in vielen Ländern könnten jedoch sehr viele Menschen gestorben sein, ohne dass sie getestet wurden, sodass die wirkliche Anzahl von Infizierten und Todesopfern wohl deutlich über den offiziellen COVID-19-Statistiken liegt.

Für Deutschland lag die Übersterblichkeit im Jahr 2020 bis zum 7. Juni bei 9800 gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Natürlich ist die Zahl von fast 10 000 verstorbenen Personen erschreckend. In anderen europäischen Ländern war die Situation jedoch noch erschütternder: Großbritannien (✝65 700, 26. Juni), Spanien (✝48 500, 21. Juni) und Italien (✝48 600, 29. April) haben besonders hohe Zahlen zu beklagen.


[i] Siehe Johnson, N. P. and J. Mueller (2002), „Updating the accounts: global mortality of the 1918–1920 ›Spanish‹ influenza pandemic“. Bulletin of the History of Medicine, 76(1), S. 105–115, und: Patterson, K. D. and G. F. Pyle (1991), „The geography and mortality of the 1918 influenza pandemic“. Bulletin of the History of Medicine, 65(1), S. 4.

[ii] Laut Analysen und Angaben des RKI: www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html

[iii] Siehe www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2020/35/Art_01.html

Marcel Fratzscher

Über Marcel Fratzscher

Biografie

Marcel Fratzscher ist Wissenschaftler, Autor und Kolumnist zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen. Er ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) - eines der führenden und unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitute und think tanks in Europa -...

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