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Die Nacht von MadridDie Nacht von Madrid

Die Nacht von Madrid

Erzählungen

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Die Nacht von Madrid — Inhalt

Eine Frau geht mit einem Messer auf ihren ehemaligen Liebhaber los. Ein vermeintlich seriöser Bauunternehmer wird zum Opfer einer stümperhaften Entführung. Und ein Mann lässt sich für seine Frau beide Knie zertrümmern. Das Verbrechen ist so abgründig wie allgegenwärtig in der "Nacht von Madrid". Selten sieht man es kommen, und immer sind es scheinbare Kleinigkeiten, harmlose Missverständnisse, die zum Schlimmsten führen und tiefe Spuren im Leben aller hinterlassen. Warum sie dennoch geschehen, und welch fatale Konsequenzen sie haben, davon schreibt Paul Ingendaay in seinem neuen Buch. Kühl, mitreißend, unentrinnbar.

€ 17,99 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 17.09.2013
176 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-492-05617-5
€ 13,99 [D], € 13,99 [A]
Erschienen am 17.09.2013
176 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96365-7

Leseprobe zu »Die Nacht von Madrid«

Auf der Hochzeit eines Freundes

Wie die Droschkenkutscher von früher, sage ich gern. Wir hocken vorn und fahren alle, die uns darum bitten. Natürlich haben wir gegenüber den alten Zeiten einen Vorteil. Wir sitzen warm unter einem Dach und bekommen von den Elementen nicht viel mit. Wir brauchen keinen Mantel und keine Mütze. Leider, denke ich manchmal, haben wir auch keine Peitsche mehr.

Unsere Tage sind lang. Zwölf, dreizehn Stunden, manchmal vierzehn. Wer vernünftig ist, hält in der Mittagszeit an und setzt sich in Ruhe hin, um was zu essen. Ich mache [...]

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Auf der Hochzeit eines Freundes

Wie die Droschkenkutscher von früher, sage ich gern. Wir hocken vorn und fahren alle, die uns darum bitten. Natürlich haben wir gegenüber den alten Zeiten einen Vorteil. Wir sitzen warm unter einem Dach und bekommen von den Elementen nicht viel mit. Wir brauchen keinen Mantel und keine Mütze. Leider, denke ich manchmal, haben wir auch keine Peitsche mehr.

Unsere Tage sind lang. Zwölf, dreizehn Stunden, manchmal vierzehn. Wer vernünftig ist, hält in der Mittagszeit an und setzt sich in Ruhe hin, um was zu essen. Ich mache es so. Wer nachts fährt, hat es schwerer, aber unmöglich ist das auch nicht. Man kennt seine Stadt. Man kommt herum und findet irgendwo in Madrid eine Nachtbar, um ein Sandwich zu essen. Müsste ich nachts fahren, würde ich Aurora bitten, mir was vorzubereiten, wie sie es früher gemacht hat, als ich noch im Sägewerk war. Alles schön klein geschnitten, ein Stück Obst dazu, Plastikdeckel drauf, damit keine Sägespäne drankamen. Ging gut, über die Jahre. Nur als das Sägewerk zumachte, musste ich mir was einfallen lassen.

Die Taxilizenz habe ich gerade noch gekauft, als sie billig war. Mein jüngerer Bruder kaufte das Ding ein paar Jahre zu spät und konnte nicht aufhören zu fluchen. Er ist ein unglücklicher Taxifahrer geworden, mein Bruder, nicht ganz im Gleichgewicht. Wir haben uns länger nicht gesehen.

Ich merke mir Gesichter und Stimmen, das ist mein Sport. Manche Fahrgäste erkennt man nicht leicht, besonders im Winter, oder sie lesen nur Zeitung und sagen nicht mal fünf Worte, wenn sie bezahlen. »Hier, nehmen Sie«, sagen sie und »Danke«, wenn ich ihnen die Quittung gebe. Das macht keinen Spaß, diese Abfertigung. Mein Taxi ist keine Hühnchenbraterei. Dann muss ich mir sagen, dass auch die Mürrischen zu meiner Sammlung gehören. Dass sie meine Sammlung, ich sag jetzt mal, bereichern. Sobald ich mir das klarmache, ist es gut.

Mein System ist leben und leben lassen. Ruhig bleiben, sich nicht einmischen. Nicht über Fußball reden. Aber vor allem ruhig bleiben. Über die Jahre wird das immer schwerer. Einmal, ein einziges Mal, habe ich mich in etwas eingemischt, weil ich nett sein wollte, und es gab eine Katastrophe. Ich denke noch heute darüber nach. Der Fall war sogar in der Zeitung. Frau geht bei einer Hochzeit mit dem Messer auf ihren Ex-Freund los. Ein geladener Gast, Enrique C.M. So nannten ihn die Zeitungen. Die Frau war nicht eingeladen. Blut auf seiner weißen Hemdbrust, ich hab die Bilder gesehen. Und alles nur, weil ich nett sein wollte.

Der Mann war einer von der alten Schule, wie man sie kaum noch sieht, groß, Mitte dreißig, wie in einer anderen Epoche aufgewachsen und mit tadellosen Manieren, als hätte ihn eine Zeitmaschine an diesem schönen Vormittag in mein Taxi geschleudert. Er saß auf der Rückbank in seinem hellen Sommeranzug mit dem weißen Hemd und der blauen Krawatte, sorgfältiger Haarschnitt, und wollte plaudern. Ich hab mich gefreut.

Er fragte, wie das Leben so wäre. Ich sagte, das Leben ist gut. Mehr sage ich zu so was nicht. Dann sage ich: »Man kämpft sich so durch.«

»Man muss weiterkämpfen. Darauf kommt es an.«

Ich will gerade antworten, da sagt er: »Entschuldigung, ich müsste kurz telefonieren. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus.«

»Nein«, sage ich, »natürlich nicht. Telefonieren Sie, bitte.«

Ich habe nicht oft Fahrgäste, die sich entschuldigen, bevor sie telefonieren. Er wählt also seine Nummer, und dann redet er von einer Hochzeit draußen in Somontes, auf der er am selben Abend eingeladen ist, die Hochzeit eines gewissen Nacho. »Weißt du schon, was du anziehst?«, fragt er. Ich vermute, das ist seine Frau oder Freundin. »Das Orangefarbene? Hast du denn einen orangefarbenen Hut? Ah, ja. Ich dachte, du würdest dich für das Grüne entscheiden. Ich finde beide zauberhaft … Doch, im Ernst … Was? … Nein, da besteht absolut keine Gefahr. Alicia wird nicht da sein. Wenn sie nicht mit mir kommt, kommt sie gar nicht. Nacho lädt sie doch nicht allein ein. Um ehrlich zu sein, er hat sie nie besonders gemocht. Allmählich müsste sie begriffen haben, dass es zu Ende ist.«

Ich tue so, als hörte ich nichts, und gucke geradeaus. Dann kommt die Rede wieder auf ihr Kleid.

»Es gibt noch einen dritten Kandidaten?«, sagt er. »Damit hatte ich gar nicht gerechnet … Ja, aber du musst wissen, worin du dich am wohlsten fühlst, Schatz. Nichts zu Schweres. Wir wollen doch tanzen … Oh, nein, nein. Ich bin sicher, du wirst die Braut ausstechen, egal, was du anziehst … Gut, ich hole dich dann ab. Wie verabredet.«

So spricht er mit der Frau, die er zur Hochzeit von Nacho mitnehmen will. Ich sage mir, wird seine Freundin sein, weil er sie abholt. Und diese Alicia schwebt noch im Hintergrund, vielleicht seine Ex. Ich lag goldrichtig, wie sich später herausstellte.

Im Allgemeinen interessieren mich Telefongespräche von Fahrgästen nicht. Ich höre weg oder stelle leise Musik an. Die Betonung liegt auf leise. Aber diesmal habe ich hingehört. Nicht wegen der Einzelheiten von Nachos Hochzeit. Sondern weil mir der Ton meines Fahrgastes so gefiel. Er hatte Humor, aber er war auch höflich und zurückhaltend. Ritterlich, mit einem alten Wort. Ich sag ja, er war in der Zeitmaschine gekommen. Da saß ein Ritter auf dem Rücksitz, und ich fragte mich nach diesem Telefongespräch, wie kommt er wohl nach Somontes? Nimmt er seinen eigenen Wagen? Dann kann er nichts trinken. Er ist der Typ, der vor dem Essen gern einen amerikanischen Cocktail trinkt, ich konnte ihn mir am Tresen von Chicote vorstellen. Also braucht er ein Taxi.

Das war schon mein Fehler, könnte man sagen.

Man denkt, die Jahre machen einen klüger, aber das stimmt nicht. Die Jahre machen einen blöder. Das ist wegen der Spannkraft. Die meisten Kollegen, das wollte ich sagen. Die meisten Kollegen schaffen es nicht. Werden krank, weil sie das Tempo der Stadt nicht aushalten, sie kriegen ein Magengeschwür oder was am Herzen. Wenn ihnen nicht was Schlimmes bei der Arbeit passiert, das gibt’s auch. Mir ist noch nie was Schlimmes bei der Arbeit passiert.

Ich sehe in den Rückspiegel und überlege, ob ich das Gespräch mit meinem Ritter wiederaufnehmen soll. Ich könnte die Rede auf Nachos Hochzeit bringen. Und ob der Herr ein Taxi nach Somontes braucht. Könnte ihm auch einen zuverlässigen Kollegen empfehlen, der ihn nachts wieder abholt und nach Hause fährt, wenn er und sein Schatz genug getanzt haben.

Ich überlege immer noch, wie ich es am besten mache, da sagt er: »Gehen Sie gern auf Hochzeiten?«

»Ja«, sage ich. »Es ist lange her, dass ich auf einer war. Aber ich mag Hochzeiten.«

»Wie lange arbeiten Sie heute Abend? Sie könnten mich abholen. Wir müssen raus nach Somontes.«

Zu Nachos Hochzeit, hätte ich fast geantwortet, ich weiß! »Bis zwanzig Uhr«, sage ich.

»Das würde ja passen. Wie steht’s? Können Sie mich um neunzehn Uhr in Salamanca abholen? Anschließend fahren wir zur Wohnung meiner Begleiterin. Und wenn Sie uns in Somontes abgeliefert haben, fahren Sie nach Hause und machen Feierabend.«

Dann sehe ich ja, welches Kleid sie gewählt hat. Und welchen Hut. »Einverstanden, gern.«

Und er nennt mir seine Adresse in der Nähe der Plaza Marqués de Salamanca.

Die Adresse passt zu ihm. Ich will damit sagen, er hat sie verdient.

»Kennen Sie Somontes?«, frage ich.

Ich schaue ihn im Rückspiegel an, so oft ich kann, weil mir sein Mienenspiel gefällt. Das Wenige, was ich im Spiegel sehen kann. Jetzt geht ein Lächeln über sein Gesicht, er hat diese feinen Kerben in den Wangen, die manche Männer schon früh bekommen, er sieht männlich aus, aber irgendwie auch vornehm, als würde er gut nachdenken, bevor er etwas tut.

»O, ja«, sagt er. »Ich kenne Somontes.«

Ich fahre und lächele in mich hinein. Dieser Mann, sage ich mir, bekommt einen Ehrenplatz in meiner Sammlung. Mit solchen Männern will man öfter fahren.

»Der gute Nacho ist ein ziemlicher Rabauke«, fährt er fort. »Der Bräutigam. Nicht unbedingt das, was sich anspruchsvolle Mütter für ihre Töchter wünschen. Aber wenn man ihn braucht, ist er da. Ich wäre bis nach Australien geflogen, um bei Nachos Hochzeit dabei zu sein. Natürlich will ich es mir auch nicht entgehen lassen, mit der Braut zu tanzen.« Jetzt lacht er. »Die Bräute unserer Freunde können sehr wichtig werden.«

»Ein Rabauke … Was meinen Sie damit?«

»Ein bisschen wild«, sagt er, als wäre er auf die Frage vorbereitet. »Ungestüm. Ein Mann mit Leidenschaften. Nicht immer ein scharfer Denker, das nicht. Manchmal sogar ein ausgesprochen träger Denker. Aber der Freund seiner Freunde. Und unermüdlich. In manchen Situationen sind das die wichtigsten Eigenschaften.«

Natürlich frage ich mich, welche Situationen er jetzt meint, irgendwelche Frauengeschichten? Duelle, Schlägereien? Das Wort »Rabauke« hört man nicht mehr oft. Wie mein Ritter auf der Rückbank es ausgesprochen hat, da klingt es, als spräche er von seinem jüngeren Bruder.

»Sie haben das gesagt, als wäre Nacho Ihr kleiner Bruder.«

Das gefällt ihm, er lächelt wieder. »Da sagen Sie was! Es würde sich lohnen, darüber nachzudenken. Manchmal glaube ich, Nacho und ich, wir wechseln uns in den Rollen des großen und kleinen Bruders ab. In manchen Dingen übernimmt Nacho das Kommando, und ich überlasse es ihm gern. In anderen wieder ich. Jeder weiß, was der andere am besten kann. Somontes zum Beispiel ist das Werk des kleineren Bruders. Wie um alles in der Welt kommt Nacho auf die Idee, seine Hochzeit in Somontes zu feiern?« Er schüttelt den Kopf.

»Was ist gegen Somontes einzuwenden?«, sage ich. »Es gibt eine Cart-Bahn, alles. Für die Kleinen ist gesorgt. Und der Garten, wenn die Tische gedeckt sind und die Kerzen auf den Tischen stehen, der Garten ist sehr romantisch.«

»Mein lieber Freund, beim besten Willen. Nein! Für diesen besonderen Tag sollte einem doch etwas anderes einfallen. Somontes hat keinen Stil. Es wird nicht Nachos einzige Stillosigkeit bleiben.« Er lächelt. »Und nicht seine einzige Hochzeit, wie zu befürchten steht. Aber das ist Nacho. Ich will ihm da nicht hineinreden. Soll er seine Romantik und die Cart-Bahn haben. Wir fahren nach Somontes und werden tanzen und die Feier genießen.«

Na ja, zum Tanzen kam er dann nicht mehr. Aber das konnte er nicht wissen.

»Könnten Sie mich bitte an der Ecke rauslassen?«

Ich halte an, da streckt er mir schon die Hand mit dem Geldschein hin. Der neue Schein zwischen Zeige- und Mittelfinger ist einmal gefaltet, und seine kräftige Hand berührt meinen Arm. Nur ganz leicht, wie eine Erinnerung daran, dass er die Formen kennt. Ich sehe die Hand und den Geldschein und weiß, dass er das oft macht.

»Danke«, sagt er. »Ich zähle heute Abend auf Sie.« Er wiederholt die Adresse. »Hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Er will noch etwas sagen, habe ich das Gefühl, es sind vielleicht wichtige Stunden in seinem Leben, und er ist sich dessen bewusst. Mein Instinkt sagt mir, dass es um seine Freundin geht. Manchmal teilen wir die wichtigsten Augenblicke mit Fremden nur deshalb, weil sie in dieser Sekunde zur Verfügung stehen. Aurora hat sich darüber schon öfter beklagt. Sagt, warum war ich nicht bei dir, als dies oder jenes geschah? Warum ist der geliebte Mensch oft fern von uns, wenn Gott uns prüft?

Was meinen Ritter betrifft, bin ich eigentlich ziemlich sicher. Seine Liebe, sie ist jung. Unter seiner perfekten Hülle von Aufmerksamkeit und Eleganz spüre ich fast den zitternden Jüngling, der mich am liebsten in eine Bar mitnehmen würde, damit ich ihm zuhöre, wie er ihr Loblied singt. Über seine Freundin mit den drei Kleidern will ich nicht urteilen, aber er, der in meinem Taxi saß, befindet sich in einer vorentscheidenden Phase. Ich könnte mir sogar denken, dass er sich schon gefragt hat, wie es wäre, mit seiner Kleiderfreundin zusammenzuziehen. Was wäre daran so unwahrscheinlich? Seine Wohnung in der Nähe der Plaza Marqués de Salamanca dürfte dafür groß genug sein, und wenn es eine von den alten ist, hinter denen die Diplomaten so her sind, ergibt sich die Aufteilung der Räume ganz von selbst. Das Büro mit den eingelassenen Bücherregalen aus Nussbaum für ihn. Das große Ankleidezimmer für sie.

Als er schon ein paar Meter entfernt ist, dreht er sich noch einmal um. Er kommt an mein Fenster, beugt sich hinunter und sagt: »Was glauben Sie denn, was meine Begleiterin heute Abend tragen wird? Das Orangefarbene? Das Grüne? Das Cremefarbene? Oder etwas ganz anderes?« Er lacht, klopft mit der flachen Hand aufs Dach und geht davon.

Ich rühre mich nicht. Er hat mir einen Blick zugeworfen, als wäre ich sein Komplize.

Also, es gibt sehr gute Tage, das wollte ich sagen. Damit meine ich nicht den Straßenverkehr oder die Baustellen. Der Madrider Straßenverkehr kennt seine Wellen, und ich kenne sie auch. Und vor den Baustellen sind wir machtlos.

Mit guten Tagen meine ich Tage für meine Sammlung. Wenn Gesichter und Stimmen Kontur bekommen. Wenn man das Gefühl hat, an etwas Schönem und Wichtigem teilzunehmen. Im Moment der Entstehung, sozusagen. Das kann das Glücksgefühl eines Fahrgastes sein, wie ich es mit meinem Ritter auf dem Rücksitz erlebt habe, ein Überschwang, der einen eleganten Herrn dazu bringt, mit seinem Taxifahrer zusammen darüber nachzudenken, welches Kleid seine Freundin auf Nachos Hochzeit tragen wird. Es kann aber auch ein tragischer Augenblick sein, eine Stunde der Not und Bedrückung. Was zählt, ist die Teilnahme. Ich spreche von meinem Berufsstand. Wenig enttäuscht mich so sehr wie Gleichgültigkeit unter Taxifahrern.

Ich gebe mal ein Beispiel, das ich kaum eine Stunde später erlebte. Eine junge Frau steigt zu, gehetzt, aufgeregt. Sie will zum Bahnhof Chamartín. Als wir fahren, sehe ich, dass sie den Tränen nahe ist. Sie atmet zu schnell, guckt aus dem Fenster, beißt sich auf die Nägel. Das mit den Nägeln kapiert jeder von uns am ersten Tag. Wir sind ein Volk von Nägelkauern. Aber diese Frau, ein Mädchen, hätte ich fast gesagt. Die kaute nicht nur, die aß. Sie aß ihre Nägel auf, während wir fuhren.

»Wie läuft’s denn so?«, sage ich.

»Oh, Mann, beschissen«, sagt sie. Sie klingt jung. »Richtig beschissen. Ich weiß nicht, wie ich ihm das erklären soll.«

»Na«, sage ich, »so schlimm wird’s schon nicht sein.«

Ein blöder Satz, aber er hilft.

Sie fängt sofort an zu erzählen. Dass sie gerade ihre Arbeit verloren hat und nicht weiß, wie sie es ihrem Mann sagen soll, der seine Arbeit einen Monat zuvor verloren hat. Na, sie kriegt ein Kind, das muss ich erwähnen. Dass sie ihren Mann in den letzten Wochen damit getröstet hat, dass sie ihre Arbeit noch hat, auch wenn er auf der Straße steht. Das war ihr Trost, ihrer und seiner. Und der Trost, er ist jetzt weg.

Ich konnte ihr nicht viel helfen. Nur raten, sie soll es ihm nicht am Telefon sagen. Sie soll am Bahnhof einen Kaffee trinken, sich fassen und in Ruhe den Nahverkehrszug nehmen. Dass Aufregung es nicht besser macht. Allgemeine Weisheiten, auf die jeder auch selbst kommen könnte, aber die nicht immer zur Verfügung stehen, wenn man sie braucht. Als sie ausstieg, ging es ihr etwas besser. Sie sagte sogar: »Danke.« Die zweite Hälfte der Fahrt, das wollte ich sagen. Die zweite Hälfte der Fahrt hat sie nicht mehr an den Nägeln gekaut.

Ein bisschen schade ist, dass ich kaum ein Gesicht wiedersehe. Man wünscht sich das, klar. Man könnte sich begrüßen und ein freundliches Wort miteinander wechseln. Macht das Ganze persönlicher. Aber in Madrid haben wir mehr als achtzehntausend Taxis. Das kann sich jeder leicht ausrechnen, wie unwahrscheinlich es da ist, sich wiederzusehen. Jeder muss selbst wissen, wie er sich auf so einem anspruchsvollen Arbeitsgebiet Verbindungslinien schafft. Deswegen hab ich mich auch so gefreut, als die Frau, die gegen halb fünf nachmittags in Chamberí zugestiegen ist, das Wort »Somontes« erwähnt. Bis dahin habe ich kaum zugehört, während sie auf der Rückbank telefoniert. Aber bei dem Wort »Somontes« spitze ich die Ohren.

»Nein, er hat gesagt, er ist in den Tagen nicht in Madrid und kann nicht hingehen. Eine Geschäftsreise nach London … Was? Weil er mir sonst davon erzählt hätte, deswegen. Jeder nennt es, wie er will, Carmen, ich nenne es Reflexionsphase. Wir müssen in Ruhe über uns nachdenken. Überleg mal, wie es zwischen dir und Antonio war, als ihr diese lange Zeit … Nein, aber er ist ausgezogen, weißt du noch? Und irgendwann wart ihr wieder zusammen … Gut, Carmen, jede Beziehung ist anders. Bei uns sind es jetzt drei Wochen … Meinetwegen, drei Wochen und zwei Tage … Also, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Das hätte er mir doch gesagt … Nein, das glaube ich nicht. Das ist nicht seine Art.«

Ich beobachte die Frau im Rückspiegel, während sie telefoniert. Und ich muss sagen, sie gefällt mir. Sie hat ein leichtes, eng geschnittenes Sommerkleid an, und wenn ich sage, hellbraun, dann kann man sich darunter nicht so viel vorstellen. Ich weiß. Aber sie gehört zu den Frauen, die eigentlich alles tragen können, weil ihnen alles steht. Ich sehe täglich eine unglaubliche Zahl von Frauen, aber wenige wie diese. Zuerst frage ich mich, ob sie wirklich Spanierin ist, ihr Haar ist so hell, aber dann sagt sie noch ein paar Sätze, und ich habe keinen Zweifel mehr. Einmal sehe ich ihr im Rückspiegel direkt ins Gesicht, das ist, als sie mit ihrer Freundin am anderen Ende der Leitung nicht einverstanden ist, sie widerspricht ihr, und dann tut sie etwas, was sie bestimmt nicht für mich tut, sondern für sich selbst, was sie auch allein zu Hause täte und was ihr Freund oder ihre Familie und ihre Bekannten sicherlich gut an ihr kennen. Sie zieht eine Grimasse und rollt die Augen.

Und dann sage ich den Satz, den ich mir seitdem schon oft vorgeworfen habe. Ich sage: »Nachos Hochzeit scheint ja eine Riesensache zu werden.«

Ein paar Sekunden lang herrscht Schweigen im Taxi. Dann sagt sie: »Sie kennen Nacho?«

»Kennen wäre zu viel gesagt. Aber ich habe viel von ihm gehört. Von einem Fahrgast heute Vormittag. Ich sag mal, heute Abend werden viele Taxis nach Somontes aufbrechen.«

»Das glaube ich auch«, sagt sie. »Nacho mag es groß. Sie scheinen ja über ihn Bescheid zu wissen, also sage ich Ihnen nichts Neues. Je mehr Taxis, desto besser.«

»Das wird ein riesiger Auftrieb«, sage ich. »Ich fahre auch hin. Die Nachtfahrt überlasse ich aber jemand anderem. Wenn die Herrschaften den letzten Tanz beenden, liege ich schon im Bett.«

Was ich zu ihr eigentlich sagen will, ist etwas anderes. Ich will sie fragen: Wissen Sie denn schon, was Sie anziehen werden? Haben Sie auch drei Kleider im Schrank, zwischen denen Sie sich nicht entscheiden können?

Selbst da hätte noch alles gut werden können. Aber ich Idiot muss mich aufspielen und mache weiter, nur um das Gespräch mit dieser sympathischen Frau nicht abbrechen zu lassen. Ich schätze sie auf Anfang dreißig. Sie erinnert mich ein bisschen an meine Aurora vor zwanzig Jahren, auch wenn Aurora nicht so helles Haar hat.

»Ich bin sicher«, sage ich, »Somontes ist seit ein oder zwei Jahren für den ganzen Sommer ausgebucht.«

Ich bin nicht stolz auf diesen Satz. Was verstehe ich davon, ob Somontes »für den ganzen Sommer« ausgebucht ist? »Seit ein oder zwei Jahren«? Wenn man es nicht genau weiß, sollte man den Mund halten und das Schwadronieren anderen überlassen. Also, ich bin selbstkritisch. Ich hätte mit der Frau in meinem Taxi keine Unterhaltung führen sollen. Aber nun waren wir einmal mittendrin, unsere Fahrt war noch längst nicht zu Ende, und ich hatte das Gefühl, sie findet Gefallen daran.

An diesem Punkt mache ich den eigentlichen Fehler, zumindest habe ich mir das später so erklärt. Ich schaue ihr in die Augen, so gut sich das im Rückspiegel bewerkstelligen lässt, und sage: »Nacho soll ja ein ziemlicher Rabauke sein.«

Sie reagiert nicht direkt. Sie sieht aus dem Fenster und beißt sich auf die Unterlippe. Dann nehme ich eine ruckartige Bewegung wahr, als fiele ihr etwas auf den Boden. Sie beugt sich hinunter und murmelt: »Ah, hier.«

»Alles in Ordnung?«, sage ich.

»Danke, alles bestens.«

Aber das stimmt nicht. Sie sieht wieder aus dem Fenster mit einem Ausdruck, den ich nicht deuten kann, wir kennen uns ja kaum, jedenfalls ist sie jetzt anders als zuvor. »In sich gekehrt«, etwas in dieser Richtung. »Gedankenverloren«. Immerhin kaut sie nicht an den Nägeln. Also, selbst wenn ich gewusst hätte, was am Abend auf Nachos Hochzeit passiert, würde das an meinen Beobachtungen nichts ändern. Ich habe die Frau gesehen, die ich gesehen habe. Punkt. Und ich kann beschwören: Sie dachte über etwas nach.

»Das hat er gesagt? ›Ein Rabauke‹? Was für ein ungewöhnliches Wort. Man hört es nicht mehr oft.«

»Eben«, sage ich. »Das habe ich auch gedacht. Ich habe den Herrn gefragt, was er damit meinte.«

»Und was meinte er?«

»Einen Mann mit Leidenschaften. Einen ungestümen Mann, der nicht immer nachdenkt, bevor er handelt.«

»Ihr Fahrgast scheint Sie ja mächtig beeindruckt zu haben«, sagt sie und lacht. Dann sieht sie wieder mit diesem gedankenverlorenen Ausdruck nach draußen.

Ich sage, ja, das hat er, der Mann war ungewöhnlich, und ich beschreibe ihn ihr. Es stellt sich heraus, dass sie ihn kennt, wie sie sagt, ein Freund von Freunden, man war schon mal in größerer Runde zusammen essen, sie erinnert sich gut, ein angenehmer Mann, der eine sympathische Begleitung dabeihatte. Wie schön, dass man sich auf Nachos Hochzeit wiedersehen wird.

Aber sie wirkt nicht wie ein Mensch, der sich freut.

»Über die Begleitung kann ich nichts sagen, er hat nur mit ihr telefoniert. Die Begleitung muss sich noch zwischen verschiedenen Kleidern entscheiden. Scheint eine größere logistische Operation zu sein.« Ich lache, um meinen Witz zu verharmlosen und klarzustellen, dass er nicht gegen einen Menschen gerichtet ist, den ich nicht kenne.

»Jetzt erinnere ich mich«, sagt sie. »Ich glaube, er hat sich vor Kurzem von jemandem getrennt. Er heißt Enrique, wenn wir denselben Mann meinen. Dann muss die Frau mit den vielen Kleidern seine neue Partnerin sein. Ich kann verstehen, dass er sie mitnehmen und seinen Freunden vorstellen will. Sicherlich ist sie hübsch.«

»Mein Eindruck war«, sage ich, »dass Nacho die Neue noch nicht kennt. Alicia, die Verflossene, die kennt er wohl. Er scheint aber nicht gut mit ihr zurechtgekommen zu sein.«

»Das hat er gesagt?«

»Das hat der Mann gesagt, ja. Enrique. Alicias ehemaliger Freund. Ich nenne ihn meinen Ritter, weil er so ungewöhnlich gute Manieren hatte. Man sieht sehr viel in diesem Beruf. Erlebt schreckliche Sachen. Da freut man sich, mit angenehmen Menschen zu tun zu haben. Mein Ritter jedenfalls zählt darauf, dass Alicia nicht zu Nachos Hochzeit kommt. Er war sich sogar ziemlich sicher, denn seine neue Begleitung machte sich deswegen Sorgen. Sie will natürlich nicht mit der Ex zusammentreffen.«

»Das kann ich verstehen«, sagt die Frau. »Das wäre eine unangenehme Situation für alle Beteiligten. Am Ende kann ja auch niemand etwas dafür. Wenn man sich trennt, bleiben Wunden zurück. Dann ist es das Beste, wenn man sich eine Weile nicht sieht.«

»Wenn diese Alicia so dächte wie Sie«, sage ich, »wäre alles gut. Aber wer weiß, welche Erfahrungen Enrique mit der eifersüchtigen Alicia gemacht hat? Ich habe mich das gefragt. Da könnte es eine Vorgeschichte geben.«

»Meinen Sie?«, sagt die Frau. »Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Aber im Ernst. Was könnte einer Frau in so einer Lage denn in den Kopf kommen? Wenn der Mann weg ist, ist der Mann weg. Dann bleibt nur, die neuen Umstände zu akzeptieren.«

»Ja«, sage ich. »In der Theorie stimmt das. Aber wenn Sie wüssten, was ich schon gesehen habe.«

»Was denn, zum Beispiel?«

Die Frau ist jetzt richtig bei der Sache, und ich freue mich, dass unsere Unterhaltung so interessant verläuft.

»Verbrechen aus Leidenschaft«, sage ich.

»Sie meinen Mord?«

»Versuchter Mord jedenfalls.« Ich bemühe mich, es nicht dramatisch klingen zu lassen. »Ich habe schon gesehen, wie Messer gezogen wurden. Von Wortwechseln und Beschimpfungen ganz zu schweigen. Was glauben Sie, wie oft die Menschen sich in meinem Taxi streiten?«

»Aber wenn jemand im Taxi ein Messer zieht, dann muss er die Tat geplant haben.«

»Er oder sie«, sage ich.

»Wie bitte?«

»Es gibt auch Frauen, die zustechen«, sage ich. »Mehr, als man glaubt. Übrigens nehmen die meisten Täter Rücksicht auf meine Sitzpolster. Wenn einer das Messer zieht, tut er es meistens draußen.«

»Er oder sie«, sagt die Frau und lacht. »Es gibt auch Frauen, die zustechen!«

Wir lachen beide. Unsere Fahrt vergeht wie im Flug.

Als ich mir während der nächsten Pause am Taxistand die angenehmsten Gespräche des Tages in Erinnerung rufe, sage ich mir: Der Ritter von heute Vormittag und die hübsche Frau am Nachmittag, die würden ein sehr nettes Paar ergeben. Da ist etwas in ihnen, was sie verbindet, eine Art des Umgangs, eine gewisse Eleganz, die Zugehörigkeit zur selben Welt. Es geht ihnen gut im Leben, könnte man sagen, beiden, über Geld brauchen sie sich keine Sorgen zu machen.

Ich stelle mir vor, was gewesen wäre, wenn die beiden sich bei jenem Abendessen in größerer Runde näher kennengelernt und ihre Telefonnummern ausgetauscht hätten. Oft ist es nur eine Kleinigkeit, die fehlt, und das Nichtgeschehene hätte sich in Geschehenes verwandelt. In meinen Gedanken jedenfalls hat die hübsche Frau im hellbraunen Sommerkleid die Kleiderfreundin meines Ritters mühelos in den Hintergrund gedrängt. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass er mit jemand anderem zusammenleben könnte als mit der Frau, die bei mir im Taxi saß. Man lernt etwas über den Menschen, wenn man so lange auf den Straßen unterwegs ist.

Pünktlich um sieben Uhr klingele ich bei der Adresse, die der Mann mir genannt hat.

»Hallo?«, kommt es aus der Gegensprechanlage. »Was wollen Sie?«

»Ihr Taxi«, sage ich. »Wir hatten uns verabredet. Ich bringe Sie nach Somontes.«

»Oh, Mist. Das hat der Concierge schon erledigt, glaube ich. Das andere Taxi müsste gleich da sein. Tut mir leid.«

»Aber wir waren verabredet. Erinnern Sie sich nicht? Ich soll Sie zu Nachos Hochzeit bringen.«

»Ja, ja. Der Concierge«, sagt er und macht eine Pause. »Können Sie sich an den Concierge halten? Er arbeitet immer mit demselben Taxiservice. Tut mir leid, da kann ich nichts machen. Lassen Sie sich vom Concierge ein Trinkgeld geben.«

Ich steige in mein Taxi und fahre los. Ganz langsam. Ich rolle um zwei Ecken und bleibe vor einer Weinhandlung stehen. Im Schaufenster sind die Weine sehr schön angeordnet. Ruhig bleiben, sage ich mir. Mein System ist leben und leben lassen. Aber der Mann, den ich meinen Ritter genannt habe, hat sich ausgesprochen rüde und unritterlich verhalten. Was mag bei ihm in den letzten Stunden vorgefallen sein? Ich bleibe sitzen, sehe mir die Weinauslage und Körbe voller Cavaflaschen an. Ich denke über alles nach.

Dann rufe ich Aurora an.

»Lass dich nicht unterkriegen«, sagt sie. »Komm bald nach Hause.«

»Ja«, sage ich. »Ein, zwei Fahrten noch. Dann bin ich da.«

Ich bleibe sitzen und denke weiter nach. Als ich immer noch zu keinem Entschluss gekommen bin, fährt das Taxi, in dem mein Ritter sitzt, an mir vorbei. Der Mann blickt starr geradeaus.

Ich lasse den Motor an und folge ihnen.

Zuerst holen sie seine Begleiterin ab. Die Kleiderfreundin wohnt am Paseo de la Habana. Als sie herunterkommt, sehe ich, dass sie das grüne Kleid gewählt hat, dazu den passenden Hut. Auch ihre Schuhe sind grün. Sie ist hübsch, aber sie wirkt unzufrieden. Sie lächelt nur kurz, als sie auf das Taxi zugeht, obwohl der Mann ausgestiegen ist und ihr die Tür aufhält. Sicherlich hat er dem Taxifahrer gesagt, bemühen Sie sich nicht, ich mache das. Sie tauschen einen flüchtigen Wangenkuss, bei dem sie darauf achtet, dass ihre Lippen nicht seine Haut berühren, vielleicht sagt sie auch, Vorsicht, mein Lippenstift. Dann setzt die Freundin sich vorsichtig ins Auto, sie will nichts zerdrücken an ihrer luftigen Sommerkonstruktion in Grün.

Sie fahren nach Somontes, und es reicht mir, sie in Sichtweite zu behalten. Es gibt viel, über das ich nachdenken muss, aber am Ende komme ich immer zu der einen Frage zurück: Warum haben der elegante Mann und die sympathische Frau im hellbraunen Sommerkleid sich bei jenem Abendessen in größerer Runde nicht näher kennengelernt und ihre Telefonnummern ausgetauscht? Dann wären wir jetzt alle nicht dort, wo wir sind. Ich bleibe dabei. Die beiden Menschen, die heute in meinem Taxi gefahren sind, hatten etwas gemeinsam, eine Art des Umgangs, eine gewisse Eleganz und Verbindlichkeit, aber alles ohne Steifheit, im Gegenteil, es herrscht ein lockerer Ton zwischen ihnen, beide haben Humor und lachen gern. Ich sehe es vor mir. Wenn nur die Kleinigkeit nicht gewesen wäre, die es verhindert hat. Aurora sagt mir immer wieder: Hör auf, über Geschehenes und Nichtgeschehenes nachzudenken. Nimm nur das Geschehene, und nimm es richtig. Dann hast du deine Pflicht erfüllt.

Ich fahre gern nach Somontes. Früher sind Aurora und ich manchmal zum Abendessen nach El Pardo gefahren, auf derselben Landstraße ein paar Kilometer weiter. Man fühlt sich wie in einer anderen Welt, weit vor den Toren der Hauptstadt. Einmal haben wir gesehen, wie ein kleines Mädchen auf dem Spielplatz vom Klettergerüst fiel und sich schlimm verletzte. Das war eine Aufregung!

Wir selbst haben keine Kinder. Aurora trug es am Anfang nicht leicht, aber wir haben das Beste daraus gemacht. Hin und wieder haben wir uns um die Kinder anderer gekümmert. Alle sagen, Aurora macht das großartig. Sie hat diese natürliche Fürsorglichkeit. Aurora wäre eine wunderbare Mutter gewesen. Sie war auch sofort zur Stelle, als die Sache mit dem kleinen Mädchen passierte. Also, wir saßen in diesem Restaurant, draußen unter dem Sonnendach. Auf der anderen Straßenseite war der Spielplatz. Am Nebentisch saßen junge Eltern, die ihre Kinder aus größerer Entfernung beaufsichtigten. Und dann passierte es. Das kleine Mädchen muss böse gefallen sein. Es schrie erbärmlich und konnte gar nicht mehr aufhören. Sah aus, als wäre der Unterarm gebrochen. Aurora bemühte sich sehr um die Kleine, aber die Eltern konnten nicht bleiben, sie mussten ihre Tochter sofort ins Krankenhaus bringen.

Ich hab beobachtet, wie der Mann es mit dem Kellner geregelt hat. Die Hauptspeisen waren noch nicht auf dem Tisch. Der Mann muss aber angeboten haben, die vollständige Rechnung zu begleichen, obwohl sie noch kaum einen Happen gegessen hatten, denn der Kellner winkte ab und schüttelte wiederholt den Kopf, nein, das komme gar nicht in Frage, was für ein Jammer, hoffentlich ist es nichts Schlimmes mit der Kleinen. Beehren Sie uns doch bald wieder, und wir werden mehr Glück haben.

Das war eine schöne Szene damals. Sie gab meinem Samstag eine Form. Ich hatte gerade erst im Sägewerk aufgehört und war noch etwas unsicher, was meine neue Rolle betraf. Ich suchte noch nach meinem System, könnte man sagen.

»Solche Leute«, sagte ich zu Aurora, »möchte ich in meinem Taxi sehen. Wie kann ich es schaffen, dass solche Leute in mein Taxi steigen?«

Viel kann ich nicht mehr erzählen, nur das, was in der Zeitung stand, und das bisschen, was ich aus ziemlicher Entfernung selbst gesehen habe. Somontes ist eine große Sportanlage, am Wochenende ist hier der Teufel los. Wenn das öffentliche Schwimmbad schließt und das Restaurant seinen Betrieb aufnimmt, kann es ein paar kritische Minuten geben. Die einen wollen weg, die anderen kommen an, es gibt das übliche Rein und Raus auf dem Parkplatz, manchmal auch Gehupe, weil einer die Parklücke nicht trifft. Nichts Besonderes.

Andere Hochzeitsgäste treffen mit uns ein, als wir ankommen. Die Sache staut sich etwas, also bleibe ich zurück, denn ich habe hier eigentlich nichts zu suchen. Ich will nur noch einen letzten Blick auf meinen Ritter werfen, wie er mit seiner Begleiterin hineingeht. Ich will seinen Gesichtsausdruck sehen, vielleicht verraten mir seine Züge etwas über seine Stimmung. Ich bin bereit, ihm zu verzeihen. Jeder erwischt mal einen schlechten Tag.

Ich lasse meinen Wagen stehen und gehe zum Eingang des Restaurants. Es ist immer noch sehr warm. Ich stelle mir vor, ich wäre zur Feier eingeladen. Auf der anderen Seite der Hecke sehe ich den Rasen und die funkelnden Gläser und weiß gedeckten Tische, genau, wie ich es mir vorgestellt habe. Während ich den Kopf recke, ob ich ihn erkennen kann, meinen Ritter, sehe ich plötzlich Unruhe in einer Gruppe, die schon im Garten an den Tischen steht. Dann höre ich einen Schrei: »Das ist ja Blut! Wir brauchen einen Arzt!« Die Gäste laufen jetzt durcheinander, nur dass zwei oder drei auf dem Boden knien, wo ein Mann im dunklen Anzug liegt, aber er liegt so gekrümmt da, dass ich ihn nicht erkennen kann. »Vorsicht, sie hat ein Messer!«, ruft eine Stimme.

Und dann sehe ich sie. Die Frau im eng geschnittenen hellbraunen Sommerkleid. Sie hat sich umgezogen, jetzt trägt sie etwas Tiefrotes, es ist ebenfalls eng, soweit ich es aus der Entfernung sehen kann. Jemand geht zu ihr und hält sie fest. Dann kommt noch jemand und legt ihr die Hand auf die Schulter. Der Mann auf dem Boden dreht den Kopf, und ich erkenne ihn. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, aber mehr noch als das sehe ich seinen Ärger. Er wollte mit seiner Kleiderfreundin tanzen! Er wollte auch mit der Braut tanzen!

Als der Notarztwagen sich einen Weg durch die ankommenden Gäste bahnt, habe ich das Taxi schon gewendet und bin auf dem Weg nach draußen.

Einer der Messerstiche, so lese ich am nächsten Morgen, traf die Magengegend und verursachte starken Blutverlust. Der Zustand des Opfers war in der Nacht nicht mehr kritisch. Der behandelnde Arzt zweifelte nicht daran, dass Enrique C.M. vollständig wiederhergestellt würde.

Die Zeitungen haben spekuliert, Eifersucht habe Alicia F.G. dazu gebracht, das Messer mit zu der Hochzeitsfeier zu bringen, zu der sie nicht eingeladen war. Als »frühere Gefährtin« von Enrique C.M. sei sie von der wenige Wochen zuvor erfolgten Trennung noch immer »emotional aufgewühlt« gewesen, unfähig, den Gedanken an die »neue Gefährtin« zu ertragen. Aber ich weiß es besser. Die Frau, die in meinem Taxi saß, sie glaubte an etwas, und sie ertrug nicht, dass es verraten wurde. Aurora hat es neulich auch wieder gesagt. Was ist mit der Welt, wenn es keinen Anstand mehr gibt?

Paul Ingendaay

Über Paul Ingendaay

Biografie

Paul Ingendaay, geboren 1961 in Köln, lebte als Schriftsteller und Journalist lange in Madrid. 1997 erhielt er den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik, 2006 wurde er für sein Debüt »Warum du mich verlassen hast« mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Nach...

Pressestimmen

Süddeutsche Zeitung

»Die Mischung aus Coolness und Empathie, in eine Sprache von unprätentiöser Direktheit umgesetzt, ergibt einen ganz eigenen Ton, und vermutlich ist es gerade der Verzicht auf Lokalkolorit, auf Beobachtungen aus der Perspektive des faszinierten Ausländers, der uns die Atmosphäre dieser Alltagsszenen und unerhörten Begebenheiten durchaus ›spanisch‹ vorkommen lässt.«

Frankfurter Neue Presse

»Ingendaay ist ein Autor, der genau aufs Leben schaut und sich nicht scheut, seine Figuren in den Widersprüchen ihrer Wünsche und Hoffnungen untergehen zu lassen.«

Ostthüringer Zeitung

»Ingendaay, wie alle großen Erzähler, hat die lebensbestimmenden Zufälle im Bild, die Absurdität von Wünschen und Träumen, das Alltägliche und die alltägliche Sehnsucht, ein anderer zu sein. Jede der Erzählungen ist auf ihre Art eine Entdeckung; und jede der Erzählungen ist eine Variation über dieses eine große Thema.«

Heilbronner Stimme

»Ingendaay lässt Opfer- und Täterrollen kunstvoll verschwimmen: Schwarz und Weiß sind für ihn keine Optionen. Ingendaay zeigt sich als Meister des Grautons, der vieles offen lässt.«

Ruhr Nachrichten

»Paul Ingendaay schreibt über schicksalhafte Verstrickungen - knapp und pointiert.«

Fuldaer Zeitung

»In Ingendaays Erzählungen wird immer der Blickwinkel verschoben und dadurch schwingt etwas mit, das die Erzählungen auszeichnet. Am Ende vermittelt der Schriftsteller einen dichten Eindruck von einem Land, das materiell wie moralisch mit sich zu ringen hat.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»›Die Nacht von Madrid‹ ist ein Gegenprogramm zur kleinbürgerlichen Melancholie am Niederrhein: eine Gebrauchsanleitung für Spanien in der Krise.«

Westfalenpost

»Paul Ingendaay verfügt über ein großartiges Schreibtalent, das er virtuos nutzt. Eine dunkle Phantasie bestimmt die Atmosphäre; Spaniens Metropole eignet sich besonders als Kulisse für diese mitunter irritierenden Geschichten.«

Passauer Neue Presse

»Elegant, spannend, unentrinnbar.«

wdr5.de_Scala

»Es sind Erkundungen der dunklen Zonen des Möglichen und Nichtgeschehenen, elegante und spannend erzählte Geschichten über die Fallstricke der Phantasie.«

kulturnews

»Gute Plots mit interessanten Wendungen machen aus dem 180-Seiter ein kurzweiliges Lesevergnügen.«

BLITZ Magazin

»Kühl, mitreißend, unentrinnbar.«

Zuhause Wohnen

»Abgründig und rabenschwarz.«

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