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Die megascharfe Maus von Milo

Die megascharfe Maus von Milo

Vierundzwanzig neue Arbeiten des Herakles

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Die megascharfe Maus von Milo — Inhalt

Keine gute Zeit für Griechenland: Die Drachme verfiel, Troja drohte, die Währungsunion zu verlassen, die Perser forderten den Peloponnes, um im Ferienparadies gemäß dem Gewohnheitsrecht des Stärkeren ihre Flotte zu stationieren, und jeden Tag gab es ein Dutzend Erdbeben. Man hatte das Gefühl, dass die Götter verrückt sein mussten, und das waren sie wohl auch. Außer Sklaven gab es im ganzen Land nur eine einzige Person, die ohne Lohn ackerte, angestellt vom skrupellosen König von Mykene. Der Name des Idioten: Herakles von Theben, ein trotz psychosomatischer Gebrechen liebenswerter Halbgott. Dieser hatte nämlich aus Versehen seine Frau erschlagen und das folgende Urteil lautete: 24 Strafarbeiten, die zusammen 24 Jahre dauern sollten, obwohl einige, wie »Die megascharfe Maus von Milo ansprechen (nüchtern!) und ihr die Handy-Nummer abluchsen«, auf den ersten Blick nicht viel Zeit in Anspruch nehmen würden. Aber sie sollten ja auch ordentlich vor- und nachbereitet werden. Herakles machte sich an die Arbeit.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.02.2016
208 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7881-0
»Ein Kosmos bevölkert von urwüchsigen Gestalten, beseelt von Eros und Thanatos, durchwebt von Intrigen und Gewalt, Obsession und purem Chaos – bei Hannemann fängt der Olymp gleich hinter Neukölln an. Die ebenso kurzweilige wie im Subtext bissige Lektüre wirft die Frage auf, ob Uli Hannemann seine Neuköllner Sicht auf die Welt von Ilias und Odyssee übertragen hat. Oder ob er nicht vielmehr Neukölln schon immer mit der Sicht des mythenbildenden Chronisten angeschaut hat. Hannemann – ein Neuköllner Homer? Das schriftstellernde antike Vorbild heißt in der Sagensatire übrigens – Humor.«
Neues Deutschland
»Der erfolgreiche Lesebühnenveteran, Autor und Satiriker Uli Hannemann hat wieder einmal zugeschlagen und entführt die Leser nun in seinem neuen Buch 'Die megascharfe Maus von Milo' von der Talsohle Neuköllns ins ebenso schräge antike Griechenland.«
bücher
»Neben einem Buch, das 'Die megascharfe Maus von Milo - Vierundzwanzig neue Arbeiten des Herakles' heißt, eigentlich jeder weitere Gag ein Auswärtsspiel hat.«
tip Berlin
»Nichtsnutziges Leserlein, du wirst während der Lektüre dein blaues Wunder erleben. Feingeist Hannemann schickt dich auf die gnadenlose Reise durch eben jene Mythen, denen du im Unterricht und vielleicht sogar im Studium immer zu entkommen trachtetest. Nun bekommst du es Janz Dicke hinter deine Ohren gebimmst. Das Buch ist gnadenlos lustig, ohne billig zu sein. Es biedert sich nicht an, es verzichtet auf Zitate berühmter Homers auf dem Klappentext, brilliert im schönen Rot, hat einen Schlüpper auf dem Buchrücken und lässt jeden aufgeklärten Menschen tief in den Nebel unvergleichlicher Freunde versinken. Kauf oder lauf!«
weltexpress.de
»Wenn es dem gewieften Lesebühnen-Autor damit gelingen sollte, der Jugend Interesse an der Antike einzubimsen, dann hätte er damit seine eigene Heldentat vollbracht.«
XAVER stadtmagazin

Leseprobe zu »Die megascharfe Maus von Milo«

»Ist doch die Zunge des Menschen gelenk und
an allerlei Reden reich, und endlos erstreckt
sich umher das Gefilde der Worte.« (Homer)

Dem Anämischen Löwen ein Bein stellen

 

Die erste Arbeit, die Eurystheus seinem Gratisknecht auftrug, hatte es gleich ordentlich in sich. »Eine harte Nuss«, wie Eichhörnchen und Mathematiker sie unisono kategorisieren würden. Der Einsatzort lag eine Wochenreise entfernt, was im Vergleich zu kommenden Arbeiten allerdings noch ein Katzensprung war.

 

Der Anämische Löwe war ein Riesenarschloch, nur traute sich das zwischen [...]

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»Ist doch die Zunge des Menschen gelenk und
an allerlei Reden reich, und endlos erstreckt
sich umher das Gefilde der Worte.« (Homer)

Dem Anämischen Löwen ein Bein stellen

 

Die erste Arbeit, die Eurystheus seinem Gratisknecht auftrug, hatte es gleich ordentlich in sich. »Eine harte Nuss«, wie Eichhörnchen und Mathematiker sie unisono kategorisieren würden. Der Einsatzort lag eine Wochenreise entfernt, was im Vergleich zu kommenden Arbeiten allerdings noch ein Katzensprung war.

 

Der Anämische Löwe war ein Riesenarschloch, nur traute sich das zwischen Olymp und Hades keiner auch nur laut zu denken. Stattdessen einigte man sich auf eine Sprachregelung, die von vergiftetem Lob à la »Halt ein Typ mit Ecken und Kanten«, »Einer, der ehrlich sagt, was er denkt« oder »Wunderbar eigenwilliger Kerl« nur so troff. In Wahrheit ging er jedem mit seiner Wehleidigkeit unendlich auf den Sack. Seine tatsächlich diagnostizierte leichte Blutarmut machte ihn dabei noch unleidlicher, als er es ohnehin schon gewesen wäre. Den Wisch mit seinen Blutwerten trug er wie einen Freibrief zum Nervtöten für alle sichtbar in einer Klarsichtfolie um den Hals.

 

Zu sehen, wie er sich theatralisch die Tatze vor die Stirn schlug und hauchend eine Ohnmacht ankündigte, brachte jeden Beobachter dieser abgeschmackten Show zur Weißglut. Denn der Löwe wusste, ähnlich wie seine Cousine, die Migräne von Myrtha, jede konstruktive Kommunikation bereits im Keim zu ersticken. Immer nur ging es um ihn und um seine angebliche Krankheit oder seine Sammlung kleiner Porzellanpüppchen, das einzige Thema, das er abseits seines Gesundheitszustands gelten ließ. Er war eine grauenhafte Diva, die von jedermann und in jeder Lebenslage Rücksicht erwartete, sich selbst jedoch verhielt wie die Axt im Walde. Zwar war er schwach auf der Brust, doch stark mit der Klappe. Manchmal, wenn ihm danach war, setzte er sich in einen Rollstuhl und ließ sich in seiner Heimatstadt Anäma die steilen Gassen hochschieben. An manchen Stellen betrug die Steigung fast achtzehn Prozent. Dabei kommandierte er launig »Hau ruck« oder »Schneller« und schlug mit seinem dreckigen langen Schweif scheinbar unabsichtlich nach dem Helfer. Die blutigen, an den Rändern mit Kot verschmutzten Striemen infizierten sich häufig und heilten schlecht. Zivildienststelle und Himmelfahrtskommando waren in Anäma eins.

 

Gegen Mittag des achten Tages traf Herakles auf der Fuhrwerksstation nahe dem kommunalen Elefantenfriedhof ein und begab sich zum nächsten Kiosk. Er hatte noch etwas Zeit, denn der Anämische Löwe war erfahrungsgemäß noch nicht mal aufgestanden.

 

»Eine Amphore alkoholfreien Retsina und eine Mykener Morgenpost bitte.«

 

»Wir haben hier leider nur den Anämischen Anzeiger

 

»Dann eben den. Danke.«

 

Auf einer Parkbank blätterte Herakles lustlos in der Lokalzeitung. Die Artikel wirkten ziemlich blutleer. Eine Abbildung der Porzellanpüppchensammlung des Anämischen Löwen. Das jüngste Bulletin seiner Schamanen, Wunderheiler und Physiotherapeuten, verbunden mit den »wärmsten Genesungswünschen der gesamten Redaktion«. Ein zweites Bild mit den Porzellanpüppchen des Löwen von hinten.

 

Endlich aber war die Zeit gekommen, da der Löwe auf seiner täglichen Mitleidstour auch jenen Park durchquerte, in dem Herakles auf ihn wartete. Schon von Weitem kündigte der Jammerlappen durch lautes Ächzen und Stöhnen seine Ankunft an. Gegen sein gottserbärmliches Gewinsel erschien selbst der Heulende Hypochonder von Hymen wie ein echter Indianer. Vor ihm her rannte eine Horde von Mitbürgern, Frauen und Männer, Junge und Alte, Edelleute, Handwerker und Soldaten. Sie alle flohen vor der Gefahr, den Rollstuhl schieben zu müssen.

 

Nur Herakles blieb seelenruhig sitzen.

 

Als der Anämische Löwe seiner gewahr wurde, ließ er ein triumphales Gejaul vom Stapel. »Schieb mich den Berg hoch«, befahl er barsch. »Ich bin sehr, sehr krank!«

 

Im klassischen Altertum hatte man keine Wahl – das wusste der Löwe natürlich. Die Götter hatten die unbedingte Pflicht zur Barmherzigkeit gegenüber Greisen, Krüppeln und Siechen ausgerufen. Auch wenn sie sich wie üblich selber nicht daran hielten: Es galt das heilige Gebot der Mildtätigkeit. Das war nicht wie heute, da man die Alten und Schwachen auf eine Müllkippe des Pflegenotstands verfrachtet, wo sich Geier und Marabu als private Betreiber die letzten verwertbaren Reste – Sparguthaben, Wertpapiere, Schmuck – aus dem Elend herauspicken.

 

In der Antike war die einzige Möglichkeit, dem Schlamassel zu gewährleistender Fürsorge zu entkommen, noch kränker zu sein als der angeblich Hilfsbedürftige. Daraus ergab sich ein erniedrigender Wettstreit der eingebildeten Kranken, der zu einer fratzenhaften Persiflierung des paralympischen Gedankens führte.

 

Das war auch die Karte, die Herakles zu spielen gedachte. Er hub soeben zu einer Antwort an, als eine abgerissene Gestalt aus dem Gebüsch brach und die beiden verwirrt anblinzelte. Jeder kannte ihn: Es war Odysseus, ein völlig verpeilter Stromer, der nie wusste, wo er war und wo er hinwollte. Meist brabbelte er in endlosen Selbstgesprächen leise vor sich hin, nur zwischendurch polterten mal ein paar Phrasen laut aus ihm heraus. Schwer zu verstehen, wie alles andere auch, doch es klang so ähnlich wie: »Mein Haus, meine Insel, meine Frau.«

 

»Sag mal«, bat ihn Herakles nach außen hin ruhig, doch innerlich angespannt. »Kannst du uns beide bitte mal kurz in Ruhe lassen? Wir haben hier was zu klären. Geht das, ja? Meinst du, das geht?«

 

Odysseus blickte stumm zu Boden. Hätte man es nicht besser gewusst, hätte man glauben können, dass er angestrengt nachdachte. Ohne ein Wort verschwand er schließlich wieder.

 

»Ich bin noch kränker als du.« Herakles zog nun endlich seinen Trumpf aus der Tasche: ein zusammenphantasiertes Attest, das von Äskulap, dem Gott der Heilkunst, persönlich stammte. Beziehungen musste man eben haben oder zumindest wissen, wer gern einen geblasen bekam. »Ich leide an chronischer Ejaculatio Praecox. Streng genommen dürfte ich nur noch liegen.«

 

Der Anämische Löwe wusste genauso wenig wie Herakles, was diese Diagnose bedeutete, und wurde ob der gefährlich klingenden Malaise seines Gegenübers grün vor Neid. In seinem blinden Zorn vergaß er sich und schnellte wie ein Springteufel aus dem Rollstuhl.

 

Auf diesen Moment hatte Herakles gewartet. Blitzschnell eilte er hinzu und stellte dem Schwächling ein Bein. Der Löwe fiel hart auf die Fresse und fing sofort an, fürchterlich zu plärren.

 

»Jetzt biste krank«, spottete der Halbgott. »Jetzt kannste weinen. Und hier …« Er ließ den Anämischen Anzeiger auf den Kopf des Gestürzten fallen, wo das Presseorgan krachend in tausend Stücke zersprang. »… haste noch was zu lesen. Das ist ja immer ganz schön, wenn man krank ist. Gute Nacht und gute Besserung!«

 

Beflügelt machte er sich auf den Weg zurück zur Fuhrwerksstation.

 



Dem Pyknischen Wagenlenker an den Karren fahren

 

Herakles nahm den Einkaufszettel in die Hand und las: »Ei. Blut. Kakao …« Er stutzte: »Wieso eigentlich Blut?«

 

»Der König von Sparta kommt am Samstag mit seinem Gefolge zum Abendessen. Und die Spinner vertragen ja im Grunde nichts anderes. Wenn die irgendwas essen, wo kein Blut drin ist, kriegen sie sofort Megablähungen. Dann kann ich hinterher den Palast neu tapezieren. Nein danke.«

 

Herakles fand Eurystheus’ Bemerkung respektlos gegenüber dessen Gästen. Er selber mochte die Spartaner und fand, sie waren ihm irgendwie ähnlich mit ihrem stets leicht wehmütigen Blick in die Ferne, der Klugheit und stillen Schmerz verriet. Mit ihrer Wortkargheit. Mit ihrer entschlossenen Grausamkeit gegen den Feind, die nun mal ein notwendiges Übel war, um die Welt zu verbessern und vom Unrat zu befreien. Und natürlich hasste er es auch, von seinem Dienstherrn zwischen den eigentlichen Arbeiten noch zusätzlich für banale Botengänge herangezogen zu werden.

 

Doch Widerspruch war zwecklos. »Ein lupenreiner Demokrat«: Das war das allgemeine Urteil der Experten über den König von Mykene. Wen auch immer man fragte, ob seine Königskollegen wie den Kotzbrocken von Karpathos und den Argbold von Anthrazyt, oder ob Ares, den Gott des Gemetzels, sie alle wussten nur Lobendes über Eurystheus’ Regierungsstil zu sagen. Klar gab es auch ein paar Oppositionelle. Aber das waren aufrührerische Tröpfe, die zum Schutze des Volkes und sicher auch zu ihrem eigenen Besten im Kerker darbten, und zwar dort, wo er am tiefsten war.

 

Nach Herakles’ Einschätzung konnte Eurystheus nur bestimmen, delegieren und verurteilen. Damit hatte sich das Portfolio seiner Fähigkeiten schon erschöpft. Dennoch standen in Mykene die Statuen an jeder Ecke: Eurystheus mit nacktem Oberkörper hoch zu Ross. Eurystheus mit nacktem Oberkörper ringt mit einem Löwen. Eurystheus mit nacktem Oberkörper bringt zwei Adlerküken das Fliegen bei und hilft ihnen dann noch bei den Hausaufgaben. Natürlich stilisierte die künstlerische Freiheit – besser noch: der künstlerische Überlebensdrang – zu einem feuchten Traum, was in natura eher einem rachitischen Hähnchen glich.

 

Mit grimmiger Miene stapfte der Halbgott über den Wochenmarkt und verrichtete seine Besorgungen. Nachdem er sie im Palast abgeliefert hatte, machte er sich mit einem spezialgefertigten Rennfuhrwerk endlich auf nach Pyknien.

 

Dort angekommen, fragte er einen Passanten nach dem Weg zur Rennstrecke. »Entschuldigung – wo geht’s denn hier zum Start?«

 

»Keine Ahnung«, antwortete der und grinste dämlich, »ich weiß, dass ich nichts weiß.« Erst an dieser hohlen Phrase erkannte ihn Herakles: Vor ihm stand Sokrates, ein berühmter Spaßvogel und Philosoph – das war damals nicht nur kein Widerspruch, sondern ein und dasselbe. Ein-en-gende Schubladen heutiger Denkungsweise bildeten sich erst später mit Hunnen, Goten und Vandalen heraus.

 

»Geht ’ne Frau zum Gynaikologos …«, begann der Komiker nunmehr munter loszuschwatzen. Vor Jahren hatte er mal eine Witzesammlung herausgebracht, die berühmten Zellophanischen Zoten, und lebte seitdem recht gut von den Tantiemen.

 

»Lass gut sein.« Herakles seufzte resigniert. Bereits bei seiner zweiten Arbeit bekam er einen Vorgeschmack auf das, was ihn fürderhin erwarten sollte: Anstatt ihn nach Kräften zu unterstützen, würde man ihm allerorten Knüppel zwischen die Beine werfen, schale Witze auf seine Kosten machen und seiner ambitionierten Aufgabe mit Ignoranz begegnen. Besser, er gewöhnte sich schnell daran.

 

Der Festplatz, auf dem das Wagenrennen beginnen sollte, war zum Glück auch ohne Hilfe leicht zu finden. Die ganze Welt schien darauf zuzuströmen. Herakles schloss sich der Menge an und holte sich im Organisationstempel seine Startnummer ab.

 

Mit seinem Fuhrwerk reihte er sich in die Formation der wartenden Rennteilnehmer ein und beäugte die Konkurrenz aus dem Augenwinkel. Links neben ihm scharrte ein herrischer Hermaphrodit mit den Hufen seiner Pferde: der Propyläe Pythagoras, Sohn des Perfides und Tochter der Kamasutra. Rechts knabberte der Sensible Saftsack von Syphilis an seinen Fingernägeln. Unter vielen anderen erwarteten auch der Lümmel von Lykien, der Kormoran von Kantor und der Flinke Fötus von Fanx, ein beachtenswerter Nachwuchsstar, den Startschuss. Doch ganz außen lauerte siegesgewiss der Lokalmatador: der unschlagbare Pyknische Wagenlenker.

 

Was die Kunst des Wagenlenkens betraf, hatten die Götter die große Gießkanne mit dem Talent fast vollständig über Pyknien ausgeschüttet. Für die anderen Völker blieben da gerade ein paar Tropfen. Scherzhaft wurde behauptet, die pyknischen Kinder würden bereits mit Rädern statt Beinen geboren. Ein Körnchen Wahrheit enthielt die Redensart sogar: Die Pykner waren durch die Bank von rundlicher Gestalt, sodass selbst ihr Schritt ein wenig einem Rollen glich.

 

Noch nie war es einem Auswärtigen gelungen, den »Großen Preis von Pyknien« zu gewinnen. Zu deutlich war die Überlegenheit der Einheimischen. Und geriet deren Sieg dann ausnahmsweise doch mal in Gefahr, so halfen Schiedsrichter, fanatische Zuschauer oder die Gundula.

 

Das Schnalzen des Startkatapults eröffnete das Rennen. Vom Start weg inszenierte Herakles einen Ausreißversuch. Der Pyknische Wagenlenker ließ ihn ungehindert ziehen. Verächtlich kicherte er in sich hinein: Dem Fremden würde bald die Luft ausgehen, führte dieser doch törichterweise auch noch einen schweren Anhänger im Schlepptau.

 

Schnell hatte Herakles eine beachtliche Strecke Weges zwischen sich und die anderen Fahrer gelegt. Dass das keine ökonomische Rennaufteilung war, war ihm schnuppe, denn zu gewinnen war ja nicht sein Auftrag. Er verfolgte einen anderen Plan, der einen solchen Frühspurt nun mal erforderte.

 

Als es bergauf ging, schaltete Herakles einen Gang herunter: Er hielt kurz, öffnete die Klappe des Hängers, trieb die dort schon ungeduldig trippelnden, zähen Schneeponys, ein Mitbringsel seines ehemaligen Austauschschülers Thoralf Gulbrandsson aus Thebens lappländischer Partnergemeinde Kaurismakkilainenpoppanttalä, nach vorne und spannte sie anstelle der großrahmigen Araberhengste ein, die für die Dauer der Steigung nunmehr auf dem Hänger rasten durften. Den Trick hatte sonst keiner drauf. Der verschaffte ihm einen wichtigen Vorteil: die erste Gangschaltung beim ersten Boxen-Stopp der Menschheitsgeschichte.

 

Trapp, trapp, trapp. Mit kleiner Übersetzung erklommen die Ponys scheinbar mühelos die Höhe. Oben angekommen, bremste Herakles erneut und blickte auf die klobige Sonnenuhr an seinem Handgelenk: In etwa zehn Minuten dürfte der Pykner an der Spitze des Verfolgerfeldes eintreffen. Links und rechts ragten schroffe Felswände empor. Dieser Engpass wäre ideal, um den Widersacher abzupassen und ihm an den Karren zu fahren.

 

Da hallte ein grässliches Kreischen durch die schmale Schlucht. Herakles erbleichte: die Gundula! Die hatte er ganz vergessen.

 

Die Gundula war ein grauenhaftes Ungeheuer, eine Mischung aus Hase und Hausdrache. Sie konnte Feuer spucken und sehr weit hopsen. In kürzester Zeit würde sie hier sein. Vielleicht wäre er besser doch nicht alleine so weit vorgefahren.

 

Herakles scharte sich beschützend um die Ponys. Das war nicht einfach, denn die Ponys waren vier und er war nur einer. Doch er war nun mal ein großer Tierfreund. Hätte damals schon die Evolutionstheorie existiert, die den Menschen auch nur als eine Tierart unter vielen sieht, hätte er bestimmt nicht halb so viele Leute umgebracht.

 

Hops, hops, hops. Innerhalb von Sekundenbruchteilen überwand die Gundula sieben Meilen und stand brüllend vor unserem Helden. Natürlich spuckte sie nun auch Feuer, eh klar, das volle Programm. Herakles wusste sich nicht anders zu helfen, als behände an ihr hochzuklettern und ihr das Hörgerät aus dem Ohr zu reißen. Damit hatte sie nicht gerechnet, das hatte sie noch nie erlebt. Sie war vollkommen verwirrt und hilflos. Ihr letzter akustischer Eindruck blieb ein langgezogener Piepton.

 

Herakles schallerte ihr so lange abwechselnd links und rechts eine, bis ihr nach dem Hören auch das Sehen so gründlich vergangen war wie ein belangloser Traum, den man schon vor dem Erwachen wieder vergessen hat. Am Ende war sie so betäubt, dass sie sich sogar dafür bedankte, dass wenigstens das Hörgerät heil geblieben war. Anschließend verzog sie sich leise wimmernd und fauchend.

 

Vor Freude über den Triumph tanzten Herakles und die Ponys miteinander Ringelreihen. Doch eben noch rechtzeitig erinnerte er sich an seine Arbeit. Er war schließlich nicht hergekommen, um Ungeheuer zu verkloppen – für so etwas war der Kammergroßjäger zuständig. Er aber hatte damit viereinhalb Minuten seiner wertvollen Zeit vergeudet und weitere zweiunddreißig Sekunden mit dem Jubeltanz. Zeit, die er dringend benötigte, um dem Pyknischen Wagenlenker einen Hinterhalt zu legen.

 

Rasch wechselte er erneut die Pferde. Die Vollblüter waren schneller und besaßen in der Ebene mehr Wucht. Er zog sein Gefährt zurück in einen Spalt, den ein saisonaler Bergbach in den Fels gewaschen hatte, und verbarg das Gespann zur Straße hin mit Zweigen.

 

Im nächsten Moment bog bereits der Pyknische Wagenlenker um die Ecke. Die Rosse glänzten vor Schweiß, der Wagen blitzte in der Sonne und der Lenker selber war ein Ausbund an Kraft, Eleganz und Rundlichkeit. Die Peitsche knallte, des Fahrers Halsschlagader schwoll armdick an im Eifer seiner Aufholjagd. Es war ein herrliches Bild – Herakles kam nicht umhin, sich das insgeheim zuzugestehen. Kurzzeitig bemächtigte sich ein nie gekanntes Sehnen seiner Lenden.

 

Doch auch jetzt besann er sich noch eben seiner Pflichten. Er war hier nicht in der Schwulensauna. Was er bewunderte, stand nicht zur Debatte – im Gegenteil: Das Objekt der Bewunderung musste unbedingt vernichtet werden.

 

Mit einem lauten Schrei verließ er die Deckung, donnerte mit seinem Fuhrwerk auf den Pyknischen Wagenlenker zu und fuhr ihm mit einer Heftigkeit an den Karren, von deren Ausmaß er selbst überrascht war. Die Kiste des Dicken zersplitterte in winzig kleine Holz-, Metall- und Lederpartikel, sein Gespann zerlegte sich in rosinengroße Pferdebuletten, ehe einer der Gäule auch nur um Hilfe wiehern konnte.

 

Der Pyknische Wagenlenker selbst zerplatzte in winzig kleine Fetzen. Bei der Identifizierung konnte nicht mal mehr das Zahnschema helfen.


Uli Hannemann

Über Uli Hannemann

Biografie

Uli Hannemann, geboren 1965 in Braunschweig, lebt als Autor in Berlin-Neukölln. Er ist Mitglied der Berliner Lesebühne »LSD - Liebe statt Drogen«.

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»Ein Kosmos bevölkert von urwüchsigen Gestalten, beseelt von Eros und Thanatos, durchwebt von Intrigen und Gewalt, Obsession und purem Chaos – bei Hannemann fängt der Olymp gleich hinter Neukölln an. Die ebenso kurzweilige wie im Subtext bissige Lektüre wirft die Frage auf, ob Uli Hannemann seine Neuköllner Sicht auf die Welt von Ilias und Odyssee übertragen hat. Oder ob er nicht vielmehr Neukölln schon immer mit der Sicht des mythenbildenden Chronisten angeschaut hat. Hannemann – ein Neuköllner Homer? Das schriftstellernde antike Vorbild heißt in der Sagensatire übrigens – Humor.«

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»Der erfolgreiche Lesebühnenveteran, Autor und Satiriker Uli Hannemann hat wieder einmal zugeschlagen und entführt die Leser nun in seinem neuen Buch 'Die megascharfe Maus von Milo' von der Talsohle Neuköllns ins ebenso schräge antike Griechenland.«

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»Neben einem Buch, das 'Die megascharfe Maus von Milo - Vierundzwanzig neue Arbeiten des Herakles' heißt, eigentlich jeder weitere Gag ein Auswärtsspiel hat.«

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»Nichtsnutziges Leserlein, du wirst während der Lektüre dein blaues Wunder erleben. Feingeist Hannemann schickt dich auf die gnadenlose Reise durch eben jene Mythen, denen du im Unterricht und vielleicht sogar im Studium immer zu entkommen trachtetest. Nun bekommst du es Janz Dicke hinter deine Ohren gebimmst. Das Buch ist gnadenlos lustig, ohne billig zu sein. Es biedert sich nicht an, es verzichtet auf Zitate berühmter Homers auf dem Klappentext, brilliert im schönen Rot, hat einen Schlüpper auf dem Buchrücken und lässt jeden aufgeklärten Menschen tief in den Nebel unvergleichlicher Freunde versinken. Kauf oder lauf!«

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»Wenn es dem gewieften Lesebühnen-Autor damit gelingen sollte, der Jugend Interesse an der Antike einzubimsen, dann hätte er damit seine eigene Heldentat vollbracht.«

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