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Die Martini-Affären

Die Martini-Affären

Roman

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Die Martini-Affären — Inhalt

Textchefin Bea hat es geschafft – ihre Kampagnen sind erfolgreich, sie wird von den Mitarbeitern geschätzt. Was ihre Kollegen nicht wissen: Beas Beziehung ist gescheitert und sie als über 30-jährige damit ein hoffnungsloser Fall. Nicht viel besser geht es Fernsehproduzentin Desi, die in ihren perfekten Kostümen zwar stets neidische Blicke erntet, privat aber vor einer Katastrophe steht: Sie heiratet einen Mann, für den sie nichts empfindet. Sekretärin Stella möchte genau so werden wie Desi und Bea: Schön, beliebt und erfolgreich, doch fehlt ihr eine entscheidende Gabe: Sie ist nicht im Geringsten kreativ. Diesen Makel macht sie mit ihren Königsdisziplinen wett: Intrige, Anbiederung, Ideenklau. Und diese Talente, kombiniert mit ihren neuen Jane-Debster-Peeptoes, führen sie tatsächlich immer weiter nach oben …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.03.2013
Übersetzer: Stefanie Retterbush
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96191-2

Leseprobe zu »Die Martini-Affären«

1. Kapitel


Guy K Garland beugte sich über seinen Schreibtisch und spielte mit den kunterbunten angespitzten Bleistiften, die in einem weißen Casa-Pupo-Becher steckten. Nach kurzem Überlegen – als wählte er ein zur Krawatte passendes Einstecktuch aus – entschied er sich für den dunkelblauen Stift. Den legte er auf seinen Terminkalender, der bei Montag, den 10.September 1962 aufgeschlagen war, dann klopfte er eine Zigarette aus einer Papierpackung Kents und steckte sie sich mit dem Filterende in den Mund. Während er zum Telefonhörer griff, kramte er in [...]

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1. Kapitel


Guy K Garland beugte sich über seinen Schreibtisch und spielte mit den kunterbunten angespitzten Bleistiften, die in einem weißen Casa-Pupo-Becher steckten. Nach kurzem Überlegen – als wählte er ein zur Krawatte passendes Einstecktuch aus – entschied er sich für den dunkelblauen Stift. Den legte er auf seinen Terminkalender, der bei Montag, den 10.September 1962 aufgeschlagen war, dann klopfte er eine Zigarette aus einer Papierpackung Kents und steckte sie sich mit dem Filterende in den Mund. Während er zum Telefonhörer griff, kramte er in der Uhrtasche seines Jacketts nach dem Feuerzeug und sagte: »Mavis, meine Liebe. Ich brauche eine Leitung.«

»Ja, Mr Garland«, säuselte die Stimme in seinem linken Ohr. Man hörte ein Klicken und dann das Tuten einer freien Leitung. Er steckte die Radiergummispitze des Bleistifts in die Wählscheibe des Telefons und drehte.

Dann zog er an der Zigarette, atmete den Rauch tief ein, pustete einen zittrigen Rauchkringel in die Luft und wiegte sich auf den Rollen seines Danish-Modern-Stuhls sanft vor und zurück. Vor dem Fenster schimmerte gegenüber auf dem Dach des AWA-Gebäudes in der York Street eine Nachbildung des Eiffelturms vor dem klaren blauen Himmel. Für ihn ein Musterbeispiel, dass die Australier sich lieber von ausländischem Design inspirieren ließen, statt Mut zu Originalität und einem eigenem Stil zu beweisen. Wohl ein Überbleibsel aus Kolonialzeiten. Die Kreativabteilung dieser Werbeagentur war ein Paradebeispiel dafür. Freddie Hackett heftete mit Vorliebe Werbekampagnen von Doyle Dane Bernbach aus New York oder Leo Burnett aus Chicago an seine Pinnwand und hielt seine Texter an, sie ganz genau zu studieren.

»Cowper.« Die Stimme klang mehr nach Befehl denn nach freundlicher Begrüßung. Zumindest ging dieser Kunde selbst ans Telefon, statt sich hinter seiner Sekretärin zu verschanzen.

Als legte er einen Lichtschalter um, knipste Guy sein strahlendstes Lächeln an, weil er hoffte, man könne es durch das Telefon hören. »Russ! Guy hier. Zeit zum Mittagessen?«

»Was denn, heute?« Obwohl er bloß Vertriebsleiter bei Crop-O-Corn war – oder womöglich gerade deshalb – gebärdete Russ sich genauso herablassend-aggressiv wie sonst nur das höhere Management.

»Wir sollten besprechen, in welche Richtung es im nächsten Jahr gehen soll. Ich dachte ans Beppi’s.« Russ erwiderte nichts darauf, und nach ein paar Sekunden fuhr Guy, der fand, Geschäftliches lasse sich am besten bei einem guten Mittagessen besprechen, fort: »Ich weiß, es ist noch früh in der Woche, aber ich würde gerne einige grundlegenden Dinge abklären, ehe wir weitere Mitarbeiter ins Boot holen. Wenn wir dem Team die Marschrichtung vorgeben, wollen wir doch, dass sie der richtigen Fährte folgen.« Clever, wie Guy war, verwandte er das kollektive »Wir«, um dem Kunden das Gefühl zu vermitteln, sie teilten die Verantwortung für den Ausgang des kreativen Prozesses, wie auch immer der aussehen mochte.

»Ja, also, ich habe gerade mal in meinen Terminkalender geschaut.« Russ sprach deutlich und mit leicht amerikanischem Akzent, als wolle er jedem unter die Nase reiben, dass er mal für drei Monate im Mutterkonzern von Crop-O-Corn in Chicago gearbeitet hatte. »Also gut. Um eins?«

»Bestens.« Guy legte den Hörer auf und brüllte: »Stella!« Obwohl er gerade mal knapp eins siebzig groß war und so drahtig wie der Jockey George Moore, der in der Vergangenheit Prinz Aly Khans Pferde in Frankreich zu ruhm- und glorreichen Siegen geritten hatte, wollte Guy doch lieber als echter Macho gelten, so wie Marlon Brando in Endstation Sehnsucht. Ja, manchmal fragte er sich, ob seine Entscheidung vor zwei Monaten, Stella Janice Bolt einzustellen, womöglich maßgeblich ihrem Namen geschuldet war.

Stellas Bienenkorbfrisur erschien in der offenen Tür. »Soll ich meinen Schreibblock mitbringen?« Wenigstens war sie nicht so liederlich wie Kim Hunter im Film, auch wenn er sich wünschte, sie würde sich von ihrem hochtoupierten Haarturm trennen, diesem altbackenen Überbleibsel aus den Fünfzigern. Die Frisur passte nicht zu ihrem schmalen Gesicht und auch nicht zum Markenbild des Unternehmens. Nur ein Mann mit einer Meise unterm Pony würde sich zu einer Frau mit einer Vogelnestfrisur hingezogen fühlen, dachte Guy und klopfte sich für dieses Wortspiel, das er als höchst geistreich erachtete, insgeheim selbst auf die Schulter. Laut sagte er aber bloß: »Buchen Sie uns einen Tisch im Beppi’s. Ich gehe mit Russ Cowboy zum Mittagessen.« Sein schiefes Grinsen war Stellas Einsatz, über den schlechten Witz zu lachen und nachsichtig wie eine Mutter zu sagen: »Das war aber gar nicht nett, Mr Garland.«

Mit geschäftlichem Ton fragte sie dann: »Um ein Uhr, und ein Taxi, das Sie abholt?« Worauf sie sich umdrehte und er ihr anerkennend auf den wohl gerundeten Po schaute. Wäre sie nicht so flachbrüstig, sie hätte eine ganz passable Figur. Aber dumm war sie nicht. Und was ihr an Erfahrung fehlte, machte sie mit ihrem Eifer wieder wett. Guy merkte sehr wohl, wie viel Mühe sie sich gab, ihre Aufgaben so gut wie irgend möglich zu erfül-len, aber sie konnte ihre Herkunft einfach nicht verleugnen. Zwar war ihre Mutter eine Sprosse auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben geklettert, als sie in einem Vorort von Sydney, gleich an der Bahnlinie nach Cronulla, einen Bungalow geerbt hatte, aber Stella stand es quasi auf die Stirn geschrieben, dass sie aus einer der etwas heruntergekommenen Vorstädte stammte. Man sah es am billigen Stoff ihres hellgrünen Prinzesskleides – von ihrer Mutter nach einem Butterick-Schnittmuster auf der Singer genäht, kein Zweifel – und hörte es an ihrer nasalen Stimme, die muhte wie die Kühe auf der Farm, die seine Eltern als Zeitvertreib in Windsor unterhielten. Ihre Knöchel waren allerdings ganz ansehnlich, und in den spitzen schwarzen Pumps mit den Stilettoabsätzen wirkten sie heute besonders vorteilhaft.

»Goldrichtig, Stella.«

Worauf Stella zu ihrem Schreibtisch zurückging und sich, während sie die nötigen Anrufe tätigte, fragte, wie es wohl wäre, bei Beppi’s zu essen, dem Restaurant, von dem sie schon so viel gehört hatte. Dort musste es nur so wimmeln vor Werbeleuten und Agenturchefs, die auf Spesenkosten speisten. Das wusste sie deshalb so genau, weil es zu ihren Aufgaben gehörte, sich um Guys Spesenabrechnungen zu kümmern, die sich normalerweise auf den Preis eines neuen Mark-Foy’s-Kleides aus der Ladenpassage beliefen.

Als die Zeiger ihrer Uhr auf elf sprangen, klapperte Stella auf ihren hohen Absätzen zur Firmenküche, um Guy Garland seinen morgendlichen Tee zu holen.

Desi, eine Produzentin aus der Fernsehabteilung, war auch gerade da und unterhielt sich mit Assunta, der Teedame. Desi erschien Stella immer wie ein langbeiniges Tier; so als hätte jemand sie an Kopf und Füßen gepackt und in die Länge gezogen wie einen Wrigley’s-Juicy-Fruit-Kaugummi. Sie überragte Assunta um mehr als Haupteslänge und musste sich zu ihr herunterbeugen, um sich mit ihr in einer Sprache zu unterhalten, bei der Stella nur Bahnhof verstand. Ihr einziger Kontakt mit einer Fremdsprache war der Französischunterricht an der St George Girls High School in Kogarah gewesen, und Frère Jacques war das Einzige, woran sie sich nach zwei Jahren Französisch noch erinnern konnte.

Assunta hatte derweil Pappbecher auf ihren Servierwagen geladen, der sich bereits unter zwei riesigen metallenen Teemaschinen, Milchflaschen, einer Dose mit weißem Zucker, einem Stapel Holzrührstäbchen und zwei Schachteln Arnott’s-Assorted-Biscuits-Keksmischungen bog, und schob nun mit dem Wagen von dannen.

»Ciao, Assunta«, rief Desi und goss sich kochendes Wasser über ihr Nescafé-Pulver. Sie hielt inne, lächelte Stella zu und reichte ihr die Teedose, dann holte sie aus dem Regal über der Spüle eine Packung rosa glasierter VoVo-Kekse mit Himbeermarmeladenstreifen. Stellas Blick fiel auf den enormen Strassklunker am Ringfinger von Desis linker Hand.

»Dein Strassring ist wunderschön«, sagte sie ehrlich bewundernd. »Ich habe noch nie einen Stein gesehen, der so funkelt.«

Eigentlich war es Desi peinlich, einen so protzigen Ring am Finger zu tragen, aber es würde Tom kränken, wenn sie ihn zu Hause ließe und nicht zur Arbeit mitnähme.

Just in diesem Augenblick, als Desi noch überlegte, was sie darauf erwidern sollte, kam einer der Kuriere herein, Kelvin, ein mageres Kerlchen, das sich anschickte, das Keksregal zu plündern.

»Das ist ein echter Diamant, du Holzkopf«, prustete er lachend.

Desi wurde rot und haute ihm auf die Finger, als er frech in die Schachtel mit den VoVo-Keksen griff. Trotzdem zog er zwei davon heraus und verschwand dann fröhlich pfeifend durch die Tür, während Stella völlig sprachlos dastand und vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. Da keine der beiden Frauen etwas zu sagen wusste, hantierten sie etwa für die Dauer einer fünfzehnsekündigen Radiowerbung emsig mit Löffeln und Bechern und Tabletts und Papierservietten.

Endlich brach ein »Hattest du ein schönes Wochenende?« das Schweigen. Desis Aussprache war rund und geschliffen wie die der Nachrichtensprecher auf 2BL, auch wenn es in Stellas Ohren klang, als hätte sie geschwollene Mandeln.

Sie hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, da hätte Desi sich schon am liebsten auf die Zunge gebissen. Eigentlich wollte sie überhaupt nichts über Stellas Privatleben erfahren, sie hatte nur von ihrem Ring ablenken wollen. Und nun ging ihr auf, dass sie Stella geradezu eingeladen hatte, ihr ebenfalls persönliche Fragen zu stellen.

Im Laufe des Jahres, das sie nun schon bei Bofinger, Adams, Rawson und Keane (alias BARK) arbeitete, hatte Desirée Whittleford die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass die meisten Menschen, sobald sie etwas über ihre Herkunft oder ihre Familie erfuhren oder herausfanden, wo sie lebte, entweder eingeschüchtert waren oder ihr mit unverhohlener Abneigung begegneten. Jedenfalls war es nicht gut, sich über die Vorzüge ihres Verlobten zu ergehen; ein junger Mann, der als Architekt sicher eine blendende Karriere hinlegen würde – behaupteten zumindest ihre Eltern. Das behielt sie lieber für sich. Sie wollte nicht anders behandelt werden als die Menschen, mit denen sie zusammenarbeitete. Vielmehr war sie fest entschlossen, sich einzufügen und möglichst nicht aufzufallen, weshalb es sie auch so freute, dass ihre Kollegen ihren Namen zu Desi abgekürzt hatten.

»Ähm…« Stella fehlten die Worte. Weniger wegen des beeindruckenden Akzents, sondern weil sie sich nun schnell etwas einfallen lassen musste, um nicht zugeben zu müssen, dass sie den Samstagmorgen damit zugebracht hatte, zu Bebarfalds zu gehen und den Nierentisch zu bezahlen, den ihre Mutter hatte zurückstellen lassen. Und am Nachmittag hatte sie sich die Haare gewaschen, sie anschließend auf Wickler gedreht und dann die Nagelhaut an den Fingern mit einem Orangenholzstäbchen zurückgeschoben. Am Abend schließlich war sie mit Dolores, die zwei Häuser weiter in der Wyralla Road in Miranda wohnte, ins Kino gegangen.

»Am Samstagabend habe ich West Side Story gesehen«, platzte sie schließlich heraus. »Ich war hin und weg. Die Platte wünsche ich mir von meiner Mum zu Weihnachten.«

»Ja, das ist wirklich ein mitreißendes Musical.« Desi konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie bei der Premiere der Bühnenversion 1958 in London im Publikum gesessen hatte, war aber zu wohlerzogen, um das zu erwähnen, weil es klingen könnte, als wolle sie sich aufspielen.

Die Angst, gefragt zu werden, wie ihr Wochenende gewesen war, erwies sich als grundlos; Stella war nicht so geübt im höflichen Austausch von Nettigkeiten wie die Gesellschaft der noblen Sydneyer Vororte im Osten der Stadt, weshalb sie ihren Einsatz glatt verpasste. Stattdessen hantierte sie eifrig mit dem Wasserkocher, setzte ihn wieder auf, versuchte krampfhaft, nicht an ihren Fauxpas zu denken, und zerbrach sich den Kopf, womit sie Desi beeindrucken könnte. Woher sollte sie auch wissen, dass Desi mehr als beeindruckt war, zutiefst dankbar nämlich?

»In der Mittagspause gehe ich zu Palings und kaufe mir die neue Platte von Shirley Bassey«, sagte Stella schließlich.

»Bist du ein großer Fan von ihr?«

»Oh ja«, rief Stella, aber dann wurde ihre Stimme ganz klein, als ihr aufging, dass sie sich womöglich einen Patzer geleistet hatte. »Du nicht?«

»Ich mag Elvis lieber. Hast du Fools Rush In schon gehört?«

»Oh ja, den mag ich auch«, quiekte Stella.

»Ich würde ja mitkommen, aber wir gehen alle zu Diethnes zum Mittagessen«, verkündete Desi mit ihren makellos gerundeten Vokalen. »Freddie Hackett hat heute Geburtstag.«

Stella wusste, dass Freddie einer der Kreativdirektoren war und Desi mit »alle« die anderen Texter, Kreativdirektoren und Fernsehproduzenten meinte. Ging man nach den letzten ähnlichen Anlässen, dann würde die eine Hälfte vermutlich irgendwann nach fünf angeschickert ins Büro zurückkommen und mit Freddie den Konferenzraum stürmen, um dann den dortigen Getränkeschrank zu plündern, während die andere Hälfte im Journalists’ Club versacken und erst am nächsten Morgen wieder auftauchen würde.

Desi beobachtete sie. »Guy wird dir wohl nicht erlauben mitzukommen, oder?« Es gab in der Werbebranche eine unausgesprochene Regel, die da lautete, Sekretärinnen dürften nicht mit den »Kreativen« fraternisieren. Besonders männliche Kreativdirektoren stellten ein großes Risiko für die Disziplin der Angestellten dar. Einmal war Noreen aus der Buchhaltung sturzbetrunken aus der Mittagspause zurückgekommen und wurde später schnarchend unter ihrem Schreibtisch entdeckt, als sie eigentlich ein dringendes Schreiben für ihren Chef tippen sollte. Es gab noch weitere unschöne Zwischenfälle dieser Art, aber über die redete man nicht, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Darüber wurde höchstens hinter vorgehaltener Hand im Vorraum der Toilette getuschelt.

Stella ließ sich von der Verlockung, mit den anderen zum Griechen zu gehen, nicht verführen, obwohl sie wuss-te, dass Guy sicher erst spät von Beppi’s zurückkommen und daher nie erfahren würde, wo sie ihre Mittagspause verbracht hatte. Nur, dass es eines Tages vielleicht doch ans Licht kommen könnte, weil jemand sich verplapperte, absichtlich oder unabsichtlich, und sie wollte nicht Gefahr laufen, sein Vertrauen oder ihre Arbeitsstelle aufs Spiel zu setzen. Als kleine Sekretärin wusste sie, wo sie hingehörte. Zumindest vorerst.

»Lieber nicht«, sagte sie. »Außerdem will ich mir unbedingt Shirley Bassey holen.«

Der Nachmittag zog sich endlos dahin. Alles war totenstill, bis auf Lavinia Olszanski, die Besetzungschefin. Wie alle in der Agentur wussten, war sie Bühnenschauspielerin gewesen und schien auch heute noch zu glauben, sie stünde auf den Brettern, die die Welt bedeuten, so schmetternd und volltönend trompete sie immer; gerade so, als müsse ihre Stimme auch noch die Zuschauer in der allerletzten Reihe des voll besetzten Saals erreichen. Sie selbst behauptete, sie habe früher im Tivoli getanzt, aber bei ihrem zerfurchten Gesicht und dem ausladenden Hinterteil, das eher an ein Brauereipferd denn an eine grazile Tänzerin erinnerte, konnte Stella sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Lange Beine allerdings hatte sie, das musste man ihr lassen, also hatte sie womöglich in ihrer Jugend das Tanzbein geschwungen.

Von Guys Büro aus gesehen saß Lavinia am anderen Ende des Gangs, aber Stella konnte sie trotzdem laut und deutlich hören, als sie am Telefon über Sedcards und die immer gleichen Gesichter schwadronierte. »Um Himmels willen, nicht die schon wieder.« Ihre Stimme schwoll dramatisch an. »Die sieht aus wie eine britische Hausfrau. Ich will eine Eingewanderte, eine neue Australierin, oder wie auch immer ihr uns jetzt nennt, etwas Exotisches…die Lollobrigida, nur älter, wie ihre Mutter. Du weißt schon, für Spaghetti eben, Herzchen, nicht für Hafergrütze.«

Stella brachte gerade Guys Rollkartei auf Vordermann, als ihr Telefon klingelte. Dankbar für die Ablenkung griff sie zum Hörer, noch ehe es ein zweites Mal geläutet hatte.

»Mr Garlands Büro.«

»Ist er da?«

»Darf ich fragen, wer am Apparat ist?« Stella wollte Desi nicht nachäffen, aber sie klang plötzlich genauso affektiert und quietschig zugleich.

»Hä? Hier spricht Tim Broughton von Slazenger. Ich bin der Produktleiter Bälle.«

»Mr Garland ist momentan außer Haus bei einer Kundenbesprechung. Ich weiß leider nicht, wann er zurückkommt.«

»Tja, es ist aber dringend. Könnten Sie mich bitte zu Freddie Hackett durchstellen?«

»Der ist ebenfalls in einer Kundenbesprechung«, sagte Stella. Die Lüge kam ihr ganz leicht über die Lippen. »Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?«

»Wir brauchen ein Skript für einen Dreißigsekünder, der heute Nachmittag live auf 2UE laufen soll.«

»Hat das nicht Zeit bis morgen?«

»Nein!« Er war hörbar aufgebracht. »Rod Laver hat den Grand Slam in Amerika gewonnen – mit unseren Bällen! Ist wenigstens ein Texter da?«

Stella zögerte keinen Augenblick. »Am Apparat.«

 

 

2. Kapitel


Englisch war in der Schule nicht gerade Stellas Stärke gewesen, aber für ihre Aufsätze hatte sie meist ziemlich gute Noten bekommen, wenn nicht für die übersichtliche Gliederung, so doch zumindest für ihren überbordenden Einfallsreichtum. »Stella hat eine blühende Phantasie« lautete die Anmerkung eines Lehrers auf einem ihrer Grundschulzeugnisse, »aber sie muss mehr auf Rechtschreibung und Grammatik achten.«

Statt sich den Kopf über das Mysterium von Gerundien und Infinitivkonstruktionen mit eingeschobenem Adverb zu zerbrechen, hatte Stella schnell den Dreh raus, wie man sich mithilfe strebsamer Mitschüler bequem durchmogeln konnte. Mit zehn hatte sie sich beigebracht, einfache Wörter zu lesen, auch wenn sie auf dem Kopf standen; eine Fähigkeit, die ihr im späteren Leben noch oft zugute kommen sollte. Jegliche Gewissensbisse, eine Betrügerin und Hochstaplerin zu sein, erstickte sie mit dem Totschlagargument, das Leben sei ihr etwas schuldig, auch wenn sie nicht so genau sagen konnte, was eigentlich.

Damals waren ihre Eltern noch ein Paar gewesen und sie hatten zusammen in Granville gewohnt. Nachmittags, wenn Stella aus der Schule nach Hause kam, saß ihre Mutter Hazel immer am grünen Resopaltisch in der Frühstücksecke und puhlte Erbsen oder fädelte Bohnen, während im Hintergrund das Radio lief. Radiowellenfrei war der Familienbungalow der Bolts eigentlich nur, wenn alle zu Bett gegangen waren. Die einzige Sendung, bei der auch Stella gebannt lauschte, war Die Suche nach dem goldenen Bumerang, aber nichtsdestotrotz hörte sie zwangsläufig die gesamte Palette der Lieblingssendungen ihrer Mutter mit, vor allem Doctor Mac (»Hallo. Hallo? Hey, ich bin’s, Doctor Mac.«) und Wenn ein Mädchen heiratet (»für alle Verliebten und die, die sich noch…erinnern«).

Und an so einem typischen Nachmittag fragte Hazel dann, ohne die Lautstärke herunterzudrehen: »Hast du dir die Schuhe abgeputzt?« Jedes Mal fragte sie das, was Stella wirklich ärgerte. Was sollte sie denn darauf antworten? Sie putzte sich immer die Schuhe ab.

Blöde Schnepfe, dachte sie dann bei sich.

»Geh, wasch dir die Hände. Ich habe Pfannkuchen gemacht.« Hazel war weder groß noch dick, bewegte sich aber so langsam und schwerfällig, als würde sie von einem unsichtbaren Gewicht um die Taille nach unten gezogen. Ihre ausgewaschenen Strickjacken waren an den Ellbogen fast durchgescheuert, und ihre Haare sahen oft aus, als hätten sie seit dem Frühstück keinen Kamm mehr gesehen. Kein Wunder, dass Dad sich kaum zu Hause blicken lässt, dachte Stella, während sie im Badezimmer den Wasserhahn aufdrehte und das Stück Palmolive aus der Seifenschale nahm. Die Gefühle für ihre Mutter – mit ihrem nachlässigen Äußeren und dem ewig niedergeschlagenen Gemüt – waren zwiespältig und verwirrend: Scham, Wut, Mitleid, Abneigung und Liebe mischten sich und waren untrennbar miteinander verwoben wie Wollfäden in einem unaufgeräumten Strickkörbchen.

Nachdem Stella drei der kleinen Pfannkuchen mit goldenem Sirup gegessen und ein Glas Milch dazu getrunken hatte, nahm sie ihre Schultasche und ging über die Straße zu den Drummonds gegenüber. Deren Tochter Jean hatte ein natürliches Talent für den richtigen Sprachgebrauch und war Klassenbeste im Buchstabieren. Wenn sie und Jean gemeinsam an dem gammeligen Tisch im überdachten Farnengarten saßen und Hausaufgaben machten, brauchte Stella ihrer Freundin bloß gelegentlich heimlich über die Schulter zu schauen und schon wusste sie, was sie in ihr eigenes Heft zu schreiben hatte. Sollten Jean oder ihre Mutter je gemerkt haben, dass sie abschrieb, sie sagten jedenfalls nichts. Stella war klein für ihr Alter, hatte Charme und etwas Schelmisches, Spitzbübisches, weshalb die meisten Menschen ihr einfach nicht böse sein konnten. Man ließ ihr beinahe alles durchgehen, weshalb sie es bald nicht mehr anders erwartete. Sie tat den Leuten leid, weil ihr Vater ein hoffnungsloser Fall war und ihre Mutter sich aufgegeben hatte.

Mit vierzehn kaufte sie ihrer Mutter zum vierzigsten Geburtstag von ihrem Taschengeld einen Strauß Dorothy-Perkins-Rosen und bastelte ihr eine ganz besondere Karte. Da war ihr Vater bereits über alle Berge, und sie wohnten in Miranda. Vorne auf die Karte hatte sie einen Druck von Picassos Porträt einer Mutter mit ihrem Kind aus seiner rosa Periode geklebt. In der Karte stand ein Gedicht in ihrer schönsten Sonntagsschrift geschrieben, das Verwandte und Nachbarn in Lobeshymnen ausbrechen ließ – und ihre Mutter zu Tränen rührte – alle, bis auf Mrs Riley von nebenan, die bemerkte, wie seltsam altmodisch das kleine Gedicht klang.

Stellas Gedicht lautete:

Heut’ ist Dein Geburtstag,Blumen bring ich Dir;Mutter, nimm sie an, die Gab’von mir.

Lang sollst Du leben, empfangen, was du gibst,und lange auch uns segnenherzensallerliebst.

Der lieben Mutter zu ihrem 40.Geburtstage

Von Deiner Dich liebenden Tochter Stella.

Dass dieses Gedicht 1842 von Christina Rossetti geschrieben worden war, als diese nicht einmal elf Jahre alt war, behielt Stella wohlweislich für sich. Und da ihre Verwandten allesamt nicht sonderlich belesen waren, kam niemand dahinter, dass sie sich mit fremden Federn schmückte. Stattdessen glaubten alle, Stella verfüge über eine seltene schöpferische Gabe.

Marion von Adlerstein

Über Marion von Adlerstein

Biografie

Marion von Adlerstein, geboren 1932 in Sydney, arbeitete ab 1957 sieben Jahre lang als Webetexterin in London. Danach kehrte sie nach Australien zurück, wo sie einen Job bei der renommierten Werbeagentur J Walter Thompson fand, für die sie unter anderem neun Monate in New York arbeitete. Zurück in...

Pressestimmen

SüdhessenWoche

»Macht einfach nur Spaß.«

denglers-buchkritik.de

»Endlich ein Roman, der die erstklassige Serie "Mad Men" in Literatur umformt. Extraklasse!«

Freundin

» ›Mad Man‹ lässt grüßen.«

WOMEN in Business

»Eine unterhaltsame Story zum Hineinträumen in eine romantische Mad-Woman-Welt.«

Bolero

»Leichtes Lesevergnügen.«

Bolero

»Leichtes Lesevergnügen.«

UNICUM

»"Die Martini-Affären" ist eine wehmütige, mitreißende Momentaufnahme der bewegten 1960er-Jahre mit dem Potenzial, die Leser bis zur letzten Seite zu fesseln. (...) Dieser Roman verheißt den Lesern eine unterhaltsame Story zum Hineinträumen in eine romantische Mad-Woman-Welt. Da bleibt nur noch zu fragen: Wo ist die Zeitmaschine, die uns zurück in diese goldene Ära bringt?«

Beauty Talk

»Wer die TV-Serie ›Mad Men‹ mag, wird dieses Buch lieben!«

VOGUE

»Witzig und in geschliffener Sprache verfasst.«

Belletristik-Couch

»Ein unterhaltsamer Retro-Roman«

myself

»Die australische Version von ›Mad Men‹ als Buch. Cheers!«

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