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Die Letzten und die Ersten MenschenDie Letzten und die Ersten Menschen

Die Letzten und die Ersten Menschen

Roman

Eine Geschichte der nahen und fernen Zukunft

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Die Letzten und die Ersten Menschen — Inhalt

Das visionäre Zukunftsepos der Science-Fiction-Legende Olaf Stapledon: Was wird uns in 100 Jahren erwarten, welche Zivilisationen werden in 1.000 Jahren regieren, welche Kriege in 500.000 Jahren geschlagen? Welchen kosmischen Lebensformen werden wir in Milliarden Jahren begegnen, und wie wird die Menschheit in undenkbarer, entferntester Zukunft ihr Ende finden? In diesem 1930 erstmals erschienenen Klassiker erzählt Autor und Philosoph Olaf Stapledon die gesamte Menschheitsgeschichte von der Gegenwart bis zum Sterben der letzten Galaxie ... Einer der außergewöhnlichsten, faszinierendsten und ambitioniertesten Romane aller Zeiten in hochwertiger Sammlerausstattung.

Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Kurt Spangenberg
464 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-70362-8
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Kurt Spangenberg
464 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97178-2

Leseprobe zu »Die Letzten und die Ersten Menschen«

Vorwort

Dies ist ein Roman. Ich habe versucht, mir eine Geschichte auszudenken, die eine mögliche oder doch zumindest nicht völlig unmögliche Darstellung der Zukunft der Menschheit sein soll, und ich habe diese Geschichte unter Berücksichtigung der sich gegenwärtig wandelnden Zukunftsperspektiven des Menschen zu entwickeln versucht.
Wenn man in die Zukunft schweift, so mag dies ­aussehen, als würde man, um des Fantastischen willen, seiner unbezähmbaren Spekulationslust nachgeben. Doch eine kontrollierte Fantasie auf diesem Gebiet kann für alle diejenigen [...]

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Vorwort

Dies ist ein Roman. Ich habe versucht, mir eine Geschichte auszudenken, die eine mögliche oder doch zumindest nicht völlig unmögliche Darstellung der Zukunft der Menschheit sein soll, und ich habe diese Geschichte unter Berücksichtigung der sich gegenwärtig wandelnden Zukunftsperspektiven des Menschen zu entwickeln versucht.
Wenn man in die Zukunft schweift, so mag dies ­aussehen, als würde man, um des Fantastischen willen, seiner unbezähmbaren Spekulationslust nachgeben. Doch eine kontrollierte Fantasie auf diesem Gebiet kann für alle diejenigen eine sehr wertvolle Denkübung sein, die angesichts der Gegenwart und deren Entwicklungsmöglichkeiten verwirrt sind. Wir sollten heute jeden ernsthaften Versuch, sich ein Bild von der Zukunft der Menschheit zu machen, begrüßen und sogar aus ihm lernen, nicht nur um die sehr unterschiedlichen – und oft tragischen – vor uns liegenden Möglichkeiten zu begreifen, sondern um uns auch damit vertraut zu machen, dass viele der von uns besonders gehegten Ideale einem höher entwickelten Intellekt mit Sicherheit kindisch erscheinen würden. Wenn also Streifzüge in die ferne Zukunft unternommen werden, dann in dem Bemühen, die Menschheit im kosmischen Rahmen zu sehen und um uns für das Akzeptieren neuer Werte zu öffnen.
Aber wenn solche Entwürfe imaginärer, möglicher Zukünfte wirklich bedeutungsvoll sein sollen, dann muss unsere Fantasie einer strengen Kontrolle unterworfen sein. Wir müssen uns bemühen, die Grenzen des Möglichen nicht zu überschreiten, die durch die besondere Art von Kultur und Zivilisation, in der wir leben, abgesteckt sind. Das bloß Fantastische hat wenig Überzeugungskraft. Nicht, dass wir uns etwa mit Voraussagen über das beschäftigen sollten, was tatsächlich eintreten könnte, denn außer in eher einfachen Sujets wären solche Prophezeiungen in jeder Hinsicht nutzlos. Wir sind keine Historiker, die statt über die Vergangenheit über die Zukunft zu forschen versuchen. Wir können nur einen einzelnen Faden aus dem Gewirr ebenso vorstellbarer Möglichkeiten aufgreifen. Aber dies muss bewusst geschehen. Womit wir es hier zu tun haben, ist keine Wissenschaft, sondern Kunst, und sie sollte die ihr gemäße Wirkung auf den Leser haben.
Wir beabsichtigen aber auch nicht, eine nach ästhetischen Gesichtspunkten bemerkenswerte Erzählung vorzulegen, vielmehr einen Mythos, nicht bloße Historie und auch nicht bloße Fiktion. Ein echter Mythos bringt das, was in einem bestimmten noch lebendigen oder toten Kulturkreis am höchsten verehrt und geachtet wird, in großer Mannigfaltigkeit und oft in seiner Tragik zum Ausdruck. Ein falscher Mythos verstößt entweder vehement gegen die Grenzen der Glaubwürdigkeit, die durch die Kulturstruktur, auf die er sich bezieht, gegeben sind, oder behandelt weniger markante, den charakteristischsten Vorstellungen dieser Kultur nicht entsprechende Phänomene. Ebenso wenig wie es sich bei diesem Buch um eine echte Voraus­-
­sage handelt, kann von ihm behauptet werden, es sei ein echter Mythos, vielmehr handelt es sich um einen Versuch in der Schaffung eines Mythos.
Ich glaube, dass die Art von Zukunft, wie sie hier ausgedacht wurde, nicht völlig aus der Luft gegriffen sein dürfte oder doch zumindest nicht so unvorstellbar für diejenigen ist, die mit den Grundzügen gegenwärtigen westlichen Denkens vertraut sind. Hätte ich ein Sujet behandelt, das überhaupt nichts Spekulatives zuließe, dann wäre die Darstellung so plausibel ausgefallen, dass sie allein dadurch schon nicht mehr plausibel erschienen wäre. Denn immerhin eines ist bei der Zukunft so gut wie sicher : dass sehr vieles für uns darin nicht vorhersehbar sein dürfte. In einer Hinsicht mag ich vielleicht stark übertrieben haben. Ich habe angenommen, ein Mensch der fernen Zukunft würde mit uns Heutigen in Verbindung treten. Ich habe behauptet, er besäße die Fähigkeit, die Gedankengänge der gegenwärtig Lebenden teilweise zu beeinflussen – und dass dieses Buch auf eine solche Beeinflussung zurückzuführen sei. Aber selbst eine solche Fiktion muss nicht völlig undenkbar sein. Lediglich durch geringfügige Änderungen meines Themas hätte ich natürlich auf diese Fiktion verzichten können, wenn sie nur aus Gründen der Bequemlichkeit verwendet worden wäre. Doch durch ein solch radikales und verblüffendes Mittel konnte ich verdeutlichen, dass im Wesen der Zeit noch mehr verborgen sein mag, als uns bisher bekannt ist. Nur durch einen Trick dieser Art konnte ich meiner Überzeugung gerecht werden, dass unsere ganze gegenwärtige Mentalität nur ein konfuses und auf die Gegenwart fixiertes erstes Experiment darstellt.
Sollte dieses Buch jemals zufällig von irgendeinem Menschen in der Zukunft entdeckt werden, zum Beispiel durch einen Angehörigen der nächsten Generation, der die Hinterlassenschaften seiner Väter aussortiert, dann wird es sicherlich belächelt werden, denn sehr vieles muss inzwischen geschehen sein, worüber bisher nicht die geringste Andeutung erkennbar ist. Selbst in meiner eigenen Generation können sich die Umstände so unerwartet schnell und so radikal verändern, dass dieses Buch schon sehr bald lächerlich erscheinen mag. Macht nichts. Wir Heutigen müssen unser Verhältnis zum übrigen Universum so gut, wie wir es nur eben vermögen, zu begreifen versuchen, und selbst wenn unsere Bilder den Menschen in der Zukunft skurril erscheinen müssen, dann mögen sie trotzdem heute ihren Zweck erfüllen.
Einige Leser, die meine Geschichte als einen Versuch anse­hen, etwas voraussagen zu wollen, mögen sie ungerechtfertigterweise für pessimistisch halten. Es handelt sich aber um keine Prophetie. Es ist – wie zuvor schon gesagt – eine Art Mythos, genauer gesagt ein Versuch zur Schaffung eines Mythos. Wir alle wünschen uns sehnlichst, dass die Zukunft sich als glücklicher erweisen möge, als ich sie mir vorgestellt habe. Insbesondere hoffen wir, dass unsere gegenwärtige Zivilisation sich ständig weiterentwickelt zu einer Art Utopia. Die Vorstellung, dass sie zerfallen und zusammenbrechen und dass all ihre geistigen Schätze unwiderruflich verloren gehen könnten, ist uns zutiefst zuwider ; und doch muss dies zumindest als Möglichkeit ins Auge gefasst werden. Eine derartige Tragödie, die Tragödie einer ganzen Rasse, muss aber, so denke ich, bei einem adäquaten Mythos vorkommen dürfen.
So habe ich mir eben aus literarischen Gründen vorgestellt – wobei ich voll Freude feststelle, dass es gegenwärtig starke Keime der Hoffnung, aber auch der Verzweiflung gibt –, dass unsere menschliche Rasse sich selbst zerstört. Es gibt heute eine sehr aufrichtige Bewegung für den Frieden und für eine internationale Einigkeit, die auch mit Glück und unter intelligenter Leitung triumphieren mag ; ich habe die Dinge in diesem Buch allerdings so entwickelt, dass diese große Bewegung nicht zum Erfolg gelangt. Letztlich halte ich sie für nicht in der Lage, eine Reihe von nationalen Kriegen zu verhindern, und ich gestehe ihr erst zu einer Zeit, in der die Mentalität der Menschheit bereits ausgehöhlt ist, zu, ihr Ziel der Einheit der Welt und des Friedens zu erreichen. Möge dies nie in dieser Form eintreten. Möge der Völkerbund oder eine stärker kosmopolitisch orientierte Autorität Erfolg haben, bevor es zu spät ist ! Aber lassen Sie bitte in unserem Intellekt und in unserem Herzen auch die Vorstellung zu, dass das ganze Unternehmen unserer Menschheit schließlich nur eine geringfügige und erfolglose Episode in einem weit größeren Drama sein könnte, das mög­licherweise auch tragisch endet.
Wenn es überhaupt amerikanische Leser dieses Buches geben sollte, dann werden diese das Gefühl haben, dass ihre große Nation eine wenig reizvolle Rolle in meiner Geschichte spielt. Ich habe mir vorgestellt, dass die etwas primitivere Art des Amerikanismus über das Beste und Vielversprechendste in der amerikanischen Kultur obsiegt. Möge dies nie Wirklichkeit werden ! Doch einige Amerikaner haben selbst zugegeben, dass ein solches Problem bestehe, und sie werden mir hoffentlich verzeihen, wenn ich es besonders hervorhebe und es als einen Wendepunkt in dem langen Drama der Menschheit benutze.
Bei jedem Versuch, ein solches Drama zu entwickeln, muss berücksichtigt werden, was die gegenwärtige Wissenschaft über die Natur des Menschen selbst und über seine physische Umwelt zu sagen hat. Ich habe versucht, meine eigenen geringen Kenntnisse in den Naturwissenschaften dadurch zu erweitern, dass ich meine Freunde aus diesem Bereich durch Fragen belästigt habe. Gespräche mit den Professoren P. G. H. Boswell, J. Johnstone und J. Rice, Liverpool, haben mir in dieser Hinsicht außerordentlich geholfen. Aber sie dürfen für die vielen absichtlichen Übertreibungen nicht verantwortlich gemacht werden, die, obwohl sie in meinem Konzept ihren Zweck erfüllen, Naturwissenschaftlern einen Schauer über den Rücken jagen mögen.
Dr. L. A. Reid bin ich für seine allgemeinen Kommentare und Mr. E. V. Rieu für viele wertvolle Anregungen sehr zu Dank verpflichtet. Gegenüber Professor L. C. Martin und seiner Frau, die beide das gesamte Buch in Manuskriptform gelesen haben, kann ich meine Dankbarkeit für ihre stetige Ermutigung und für ihre Kritik gar nicht stark genug ausdrücken. Dem erfrischend gesunden Menschenverstand meiner Frau verdanke ich weit mehr, als sie annimmt.
Bevor ich dieses Vorwort abschließe, möchte ich den Leser darauf aufmerksam machen, dass der im Folgenden in der ersten Person Singular Sprechende nicht der Verfasser dieses Buches ist, sondern dass der Erzähler ein Individuum aus einer weit entfernten Zukunft sein soll.
West Kirby, Juli 1930
O. S.

 

 


Einleitung
von einem der Letzten Menschen

Dieses Buch hat zwei Autoren : Der eine ist ein Zeitgenosse seiner Leser, der andere lebt in einer Zeit, die diese wahrscheinlich ferne Zukunft nennen. Derjenige, der die folgenden Kapitel niederschreibt, lebt zur Zeit Einsteins. Ich jedoch, der ihn dieses Buch schreiben lässt, der es in sein Gehirn übertragen hat, ich, der ich die Vorstellungen jenes vergleichsweise primitiven Wesens beeinflusse, lebe in einer Zeit, die für Einstein in der fernsten Zukunft liegt.
Ihr Zeitgenosse glaubt, er schreibe einen Roman. Obwohl er sich bemüht, seine Geschichte plausibel zu erzählen, hält er sie weder selbst für wahr, noch erwartet er, dass andere dies tun. Diese Geschichte ist jedoch die reine Wahrheit. Ein Wesen, das Sie einen Menschen der Zukunft nennen mögen, hat sich des gelehrigen, aber kaum ausreichend differenzierten Gehirns Ihres Zeitgenossen bemächtigt und versucht, dessen Denkprozesse für eine fremde Absicht zu nutzen. Auf diese Weise will ein zukünftiges Zeitalter mit Ihnen in Verbindung treten. Hören Sie bitte geduldig zu, denn wir, die Letzten Menschen, haben den aufrichtigen Wunsch, uns Ihnen, den Angehörigen der ersten menschlichen Spezies, mitzuteilen. Wir vermögen Ihnen zu helfen, und auch wir brauchen Ihre Hilfe.
Da Sie noch sehr unvollkommen mit der Zeit als solcher vertraut sind, ist zweifellos Ihr Vorstellungsvermögen jetzt überfordert, und Sie werden das alles für unglaubwürdig ­halten. Aber das macht nichts. Lassen Sie sich durch die uns so vertrau­-
­te Tatsache, die Ihnen allerdings nur schwer eingehen dürfte, nicht allzu sehr verwirren. Es genügt, wenn Sie vorerst die Vorstellung, dass sich Wesen der Zukunft gelegentlich und unter Schwierigkeiten einigen Ihrer Zeitgenossen mitteilen, als ein Erzeugnis der dichterischen Fantasie anerkennen. Stellen Sie sich darauf ein und betrachten Sie die folgende Chronik als eine auf diese Weise echte Botschaft des Letzten Menschen, sonst wird es mir schwerfallen, Sie für jenen großen historischen Abriss, den ich Ihnen vorzulegen habe, aufnahmebereit zu finden.
Wenn Ihre Schriftsteller sich Gedanken über die Zukunft machen, dann beschreiben Sie in ihren Romanen allzu leicht den Fortschritt, gerichtet auf eine Art von Utopia, wo dann Menschen wie Sie selbst in eitel Sonnenschein und Wohlbehagen und unter Umständen leben, die sich in äußerster Vollkommenheit einer feststehenden menschlichen Natur anpassen. Ein solches Paradies beabsichtige ich nicht zu beschreiben. Stattdessen habe ich über ein gewaltiges Auf und Ab von Freud und Leid zu berichten, das sich nicht nur aus Veränderungen der Umgebung des Menschen ergab, sondern auch bestimmt war durch die Veränderungen der Natur des Menschen selbst. Und ich muss schließlich auch darüber berichten, wie der Mensch meiner Zeit, nachdem er endlich zu geistiger Reife und zu philosophischer Klarheit gelangt war, durch eine unvorhergesehene Krise gezwungen wurde, ein Projekt zu realisieren, das genauso widerwärtig wie verzweifelt ist.
Ich lade Sie also ein, mit mir gemeinsam in Ihrer Fantasie durch die Äonen zu reisen, die zwischen Ihrer Zeit und der meinen liegen. Ich erbitte Ihre Aufmerksamkeit für eine Geschichte der Veränderungen, der Sorgen, der Hoffnungen und der unerwarteten Katastrophen, wie sie sich nirgendwo sonst innerhalb unserer Milchstraße zugetragen hat. Aber zuvor ist es nützlich, sich die Größe der kosmischen Ereignisse einen Augenblick lang zu veranschaulichen. Denn bei der für meine Erzählung erforderlichen zeitlichen Verdichtung mag es so erscheinen, als handle es sich hierbei lediglich um eine Aufeinanderfolge von abenteuerlichen und unheilvollen Geschehnissen ohne dazwischenliegende Friedenszeiten. In Wirklichkeit jedoch ist das Schicksal des Menschen weniger mit einem Gebirgsstrom zu ver­-
­gleichen, der reißend von Fels zu Fels herniederfällt, als vielmehr mit einem großen trägen Fluss, dessen Lauf nur selten durch Stromschnellen beschleunigt wird. Lange Zeiten der Ruhe oder sogar des tatsächlichen Stillstandes, die von der Gleichförmigkeit der Probleme und Mühen fast identischer ­Lebensläufe beherrscht wurden, stehen sehr seltenen Augenblicken des abenteuerlichen Aufbruchs der gesamten Rasse gegenüber. Ja selbst diese wenigen scheinbar rasch ablaufenden Ereignisse waren in Wirklichkeit oft zeitlich von langer Dauer und in ihrem Ablauf schleppend. Nur durch das Tempo der Erzählung entsteht hier ein falscher Eindruck.
Obwohl auch der primitive Intellekt die an uns vorüberziehenden Tiefen der Zeit und des Raumes ein wenig erahnen kann, vermögen nur Wesen mit einer etwas differenzierteren Konstitution deutlichere Konturen zu erkennen. Einem naiven Betrachter erscheint zum Beispiel eine Gebirgslandschaft fast wie ein flaches Bild, und die sternenübersäte Leere ist bloß ein Dach mit Lichtpünktchen. In Wirklichkeit kann man die unmittelbare Umgebung in etwa einer Stunde durchmessen, die unzähligen Täler zwischen den hoch aufragenden Berggipfeln bleiben hingegen dem entfernten Beobachter uneinsichtig. Ähnlich ist es mit der Zeit. Während die nahe Vergangenheit und die nahe Zukunft noch plastisch mit Höhen und Tiefen begreifbar sein mögen, wird die Dimension der Zeit in ihren Ausmaßen perspektivisch zu einer Fläche. Dass die gesamte Geschichte des Menschen nur ein kurzer Augenblick im Leben der Sterne ist, mag für einfache Gemüter genauso unbegreiflich sein wie die Vorstellung, Ereignisse der fernen Vergangenheit und der fernen Zukunft seien nach wie vor in sich selbst von ungeheurer zeitlicher Ausdehnung.
In Ihrer Zeit haben Sie schon gelernt, einige Berechnungen über die Weiten von Zeit und Raum anzustellen. Aber um ein Thema in seinen wahren Proportionen zu erfassen, muss man mehr tun, als nur Berechnungen durchzuführen. Man muss über diese Weiten nachdenken, sie mit seinem Geist zu umfassen versuchen, man muss die Geringfügigkeit des Hier und Jetzt und jenes Augenblicks der menschlichen Zivilisation spüren, den wir Historie, also Geschichte nennen. Ihre Sinnesorgane und folglich Ihre Wahrnehmungsmöglichkeiten sind zu grob, als dass Sie hoffen könnten, für das Verhältnis von eins zu einer Milliarde eine bildhafte Vorstellung zu entwickeln. Aber Sie können zumindest durch Nachdenken erreichen, dass Ihnen die Bedeutung Ihrer bisherigen Berechnungen etwas klarer wird.
Wenn die Menschen Ihrer Tage auf die Geschichte ihres Planeten zurückblicken, werden sie nicht nur bemerken, wie viel Zeit seine Entwicklung gebraucht hat, sondern auch die bestürzende Beschleunigung, mit der das Leben auf ihm voranschreitet. Während in der frühesten erdgeschichtlichen Periode kaum Leben festzustellen war, scheint die Entwicklung des Menschen sich im Augenblick zu überstürzen. Seine geistigen und see­lischen Fähigkeiten hinsichtlich Ausdauer, Wissen, Einsicht, Kunstverständnis und Willensstärke sollen gegenwärtig höher sein, als es je zuvor erreicht wurde, und steigern sich von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr. Wie wird es weitergehen ? Sie denken sicherlich, dass es eine Zeit geben wird, in der keine weiteren Steigerungen mehr möglich sein werden.
Diese Ansicht ist falsch. Sie unterschätzen dabei selbst die Vorgebirge, die Sie bereits erkennen können, geschweige denn denken Sie daran, dass weit hinter diesen, noch von den Wolken verhüllt, sich Abgründe auftun und Schneefelder ausbreiten. Gegenüber dem, was der Mensch geistig und seelisch schon vollbracht hat, ist das, was – von Ihnen aus gesehen – im Sonnensystem noch geleistet werden muss, ungleich viel komplexer und gefährlicher. Und obwohl sich im Geistigen und Seelischen Entwicklungen im bescheidenen Umfang durchaus nachweisen lassen, so sind doch die im eigentlichen Sinne höheren geistigen Fähigkeiten noch nicht einmal in Ansätzen bemerkbar.
Auf irgendeine Weise muss ich Ihnen dabei helfen, nicht nur die ungeheure Weite von Zeit und Raum zu begreifen, sondern auch die ungeheuer vielfältigen seelischen und geistigen Erscheinungsformen des Menschen selbst. Dies jedoch lässt sich nur andeuten, denn sehr vieles – bitte verzeihen Sie – überschreitet Ihr Vorstellungsvermögen.
Die Historiker Ihrer Zeit brauchen sich nur mit einem winzigen Ausschnitt der dahinfließenden Zeit zu beschäftigen. Ich hingegen muss in einem einzigen Buch nicht nur das Wesent­liche aus Jahrhunderten, sondern aus Äonen darstellen. Folglich können wir nicht gemächlich durch einen Zeitabschnitt schlendern, in dem eine Million Erdenjahre so viel bedeuten wie ein Jahr Ihrem Historiker. Wir müssen vielmehr über diesen Abschnitt hinwegfliegen. Wir können dabei – genauso wie Sie es von Flugreisen her gewöhnt sind – nur die hervorstechenden Züge eines Kontinents wahrnehmen. Da aber der Flugreisende nichts von den winzigen Bewohnern des Kontinents unter ihm wahrnimmt, diese aber eigentlich doch dessen Geschichte bestimmen, müssen wir unsere Geschwindigkeit oft abdrosseln, in langsamem Tempo und niedriger Höhe über die Häuser dahingleiten und sogar in besonders wichtigen Fällen einmal landen und aussteigen, um direkt mit einzelnen Menschen zu sprechen. So wie jede Flugreise mit einem langsamen Aufstieg beginnt und sich die Froschperspektive dabei allmählich in eine Vogelperspektive weitet, so wollen wir zunächst recht detailliert jenen kleinen Zeitabschnitt betrachten, der den Höhepunkt und den Zusammenbruch Ihrer eigenen, doch eher primitiven Zivilisation umfasst.

Über Olaf Stapledon

Biographie

Olaf Stapledon, 1886 in Wallasey/England geboren, war Philosoph und Autor und schrieb 1930 seinen ersten Roman »Die Letzten und die Ersten Menschen«. Mit seinen Visionen beeinflusste er Generationen von Autoren und Lesern, und Stapledon kehrte in seinen späteren Romanen wie »Star Maker« immer...

Pressestimmen

SF-Board.de

»Außergewöhnlich - definitiv! Science Fiction - auf jeden Fall! Olaf Stapledon hat schon 1930 Kriege kommen sehen, die auch wirklich eingetreten sind. Manch Utopie klingt so unglaublich, dass sie schon in der Idee unmöglich ist und dennoch bleibt die Faszination, dass er mit dem damaligen Wissen solche Zukunftsbilder geschaffen hat.«

literatopia.de

»Stapledon hat ein umfassendes Verständnis für die Prinzipien der Evolution und eine beeindruckende Fantasie, die diese Prinzipien für den Leser greifbar macht.«

phantastiknews.de

»Was Stapledon hier an Gedanken und Ideen entwickelt, ist einfach grandios«

Kommentare zum Buch

Zurück in die Zukunft
M. Schwinning am 04.11.2015

Das Wagnis, einen fast vergessenen und zudem nur schwer lesbaren Klassiker der Science Fiction als gebundene Ausgabe neu aufzulegen, verdient größten Respekt.   Ich kann nur hoffen, dass dieses Buch genügend neue und alte Leser findet, um ein solches Wagnis auch wirtschaftlich zu rechtfertigen, denn im Grunde sehe ich das als Auftakt zu einer ganzen Reihe von Neuveröffentlichungen vergriffener SF-Werke verschiedener Autoren (allein von Stapledon warten noch drei weitere Klassiker auf ihre Wiederentdeckung) - man wird ja noch träumen dürfen ...   Die Entscheidung, das Buch gebunden herauszubringen, finde ich großartig (endlich darf man die vergilbte und zerfledderte Taschenbuch-Ausgabe von damals einmotten). Der veranschlagte Preis erscheint mir fair.   Gratulation also zum verlegerischen Mut, verbunden mit dem Wunsch nach angemessener Fortsetzung auf dem Weg zurück in die Zukunft. Bis hierhin schon mal herzlichen Dank!

Zu teuer
Regina Schiebel am 24.10.2015

Sehr geehrte Damen und Herren, ich fände das Buch ja schon irgendwie interessant, doch für einen Autor der 1930 ein SF Roman schrieb, empfinde ich 18,99 definitiv zu teuer. Mehr als 5 Euro würde ich nicht für einen so alten Roman ausgeben, zumal es sich um ein Ebook handelt. Hartcover als Druck oder nicht, als Ebook würde ich nur in großen Ausnahmefällen fast 20 Euro für ein Ebook ausgeben. Sorry, aber ich denke, sie sollten das wissen. Wikipedia: Zitat: "William Olaf Stapledon (* 10. Mai 1886 in Wallasey (heute Merseyside), Grafschaft Cheshire (in der Nähe von Liverpool), England; † 6. September 1950 in Caldy) war ein englischer Schriftsteller, der als Science-Fiction-Autor bekannt wurde."

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