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Die letzten Tage unserer Väter

Joël Dicker
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Roman

„Das ist spannende Unterhaltungsliteratur auf sprachlich gutem Niveau.“ - Kleine Zeitung

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Die letzten Tage unserer Väter — Inhalt

Der erste Roman des Bestsellerautors jetzt auf Deutsch!

1940 verlässt der junge Paul-Emile überstürzt seine Heimatstadt Paris. Nicht einmal sein Vater weiß, wohin er geht. Denn Paul schließt sich einer geheimen Spionageeinheit an, die Winston Churchill ins Leben gerufen hat. Mit einer Handvoll französischer Freiwilliger, Stan, Gros, Flaron, Cucu und Laura, lehrt man ihn die Kunst des geheimen Krieges.

Die Aufträge sind gefährlich, und die Missionen scheinen nie zu enden. So wird ihnen die Gruppe zur zweiten Familie, in der Loyalität, Sicherheit, Freundschaft und Liebe alle zusammenschweißen. In der Hoffnung, gemeinsam die letzte Mission zu überstehen.

Joël Dicker zieht uns hinein in die Psychologie einer geheimen Einheit und erzählt ein faszinierendes Kapitel europäischer Geschichte.

€ 25,00 [D], € 25,70 [A]
Erschienen am 28.04.2022
Übersetzt von: Michaela Meßner, Amelie Thoma
416 Seiten, Hardcover
EAN 978-3-492-07138-3
Download Cover
€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 28.09.2023
Übersetzt von: Michaela Meßner, Amelie Thoma
416 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31915-7
Download Cover
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 28.04.2022
Übersetzt von: Michaela Meßner, Amelie Thoma
432 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-60150-4
Download Cover

Leseprobe zu „Die letzten Tage unserer Väter“

1

Mögen alle Väter der Welt, die uns bald verlassen,
wissen, in welcher Gefahr wir uns ohne sie befinden.

Sie haben uns das Laufen gelehrt,
wir werden nicht mehr laufen.

Sie haben uns das Sprechen gelehrt,
wir werden nicht mehr sprechen.

Sie haben uns zu leben gelehrt,
wir werden nicht mehr leben.

Sie haben uns gelehrt, wie man ein Mensch wird,
wir werden nicht einmal mehr Menschen sein.
Wir werden nichts mehr sein.

 

Sie saßen im Morgengrauen auf dem Hügel und rauchten, sahen den Wolken im schwarzen Himmel über England beim Tanzen zu. Und Pal sprach sein [...]

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1

Mögen alle Väter der Welt, die uns bald verlassen,
wissen, in welcher Gefahr wir uns ohne sie befinden.

Sie haben uns das Laufen gelehrt,
wir werden nicht mehr laufen.

Sie haben uns das Sprechen gelehrt,
wir werden nicht mehr sprechen.

Sie haben uns zu leben gelehrt,
wir werden nicht mehr leben.

Sie haben uns gelehrt, wie man ein Mensch wird,
wir werden nicht einmal mehr Menschen sein.
Wir werden nichts mehr sein.

 

Sie saßen im Morgengrauen auf dem Hügel und rauchten, sahen den Wolken im schwarzen Himmel über England beim Tanzen zu. Und Pal sprach sein Gedicht. Von der Nacht verborgen, dachte er an seinen Vater.

In der Dunkelheit glühten die Kippen auf. Sie hatten sich angewöhnt, sich dort in den ersten Morgenstunden zum Rauchen zu treffen. Sie rauchten, um einander Gesellschaft zu leisten, sie rauchten, um nicht zu verzweifeln, sie rauchten, um nicht zu vergessen, dass sie noch Menschen waren.

Gros, der Dicke, fiepte wie ein streunender Köter im Gebüsch, kläffte, dass es die Feldmäuse im feuchten Gras aufscheuchte, und Pal schnauzte den falschen Hund an:

„Hör auf, Gros! Heute müssen wir traurig sein!“

Nach drei Aufforderungen gab Gros schließlich klein bei, trottete wie ein schmollendes Kind um den Halbkreis, den die etwa zehn Gestalten bildeten, und setzte sich dann zu den Schweigsamen, zwischen Grenouille, den Depressiven, und Prunier, den unglücklichen Stotterer, der insgeheim die Worte liebte.

„Woran denkst du, Pal?“, fragte Gros.

„An alles Mögliche …“

„Denk an nichts Schlechtes, denk nur an schöne Sachen.“

Seine schwere, pummelige Hand suchte die Schulter des Kameraden.

Von der Freitreppe des großen Herrenhauses, das vor ihnen aufragte, wurde nach ihnen gerufen. Gleich sollte das Training beginnen. Und schon sputeten sich alle; Pal blieb noch einen Augenblick sitzen und lauschte in den raunenden Nebel. Er dachte wieder an den Moment seiner Abreise aus Paris. Er dachte ständig daran, jeden Abend, jeden Morgen. Aber vor allem morgens. Es war jetzt genau zwei Monate her, dass er aufgebrochen war.

Es war Anfang September gewesen, noch ehe der Herbst kam. Er hatte nicht mehr untätig bleiben können: Man musste die Menschheit, die Väter verteidigen. Er musste seinen Vater verteidigen, obwohl er sich vor Jahren, als das Schicksal ihnen die Mutter entriss, geschworen hatte, ihn niemals allein zu lassen. Der gute Sohn und der einsame Witwer. Doch dann hatte der Krieg sie eingeholt, und die Entscheidung für den bewaffneten Kampf bedeutete zugleich, dass er den Vater im Stich lassen musste. Im August schon hatte er gewusst, dass er losziehen würde, es ihm aber nicht sagen können. Erst am Vorabend seiner Abreise, nach dem Abendessen, fand er den Mut, sich von ihm zu verabschieden.

„Warum du?“, fragte der Vater sehr leise.

„Einer muss es doch tun. Deshalb.“

Liebe und Schmerz standen ihm ins Gesicht geschrieben, als er seinen Sohn umarmte, um ihm Mut zu machen.

Die ganze Nacht lang weinte der Vater hinter seiner Schlafzimmertür. Er weinte vor Trauer, und doch fand er, dass sein zweiundzwanzigjähriger Sohn ungeheuer mutig war. Pal stand vor dieser Tür und lauschte den Schluchzern. Und hasste sich plötzlich so sehr dafür, dass sein Vater seinetwegen weinen musste, dass er sich mit seinem Taschenmesser in die Brust schnitt, bis es blutete. In einem Spiegel betrachtete er seinen gemarterten Leib, beschimpfte sich und bohrte das Messer auf Höhe des Herzens noch tiefer ins Fleisch, um sicherzugehen, dass eine Narbe zurückblieb, die nie verschwinden würde.

Am nächsten Morgen kochte ihm sein verzweifelter Vater, während er im Morgenrock durchs Zimmer tigerte, einen starken Kaffee. Pal setzte sich an den Küchentisch, mit Schuhen an den Füßen und dem Hut auf dem Kopf, und trank langsam seinen Kaffee, um den Abschied noch hinauszuzögern. Es war der beste Kaffee, den er jemals trinken würde.

„Hast du gute Kleidung mitgenommen?“, fragte der Vater mit einem Blick auf die Tasche, die neben dem Sohn bereitstand.

„Ja.“

„Lass mich nachschauen. Du brauchst warme Sachen, der Winter wird kalt werden.“

Und der Vater steckte noch mehr Kleidungsstücke in die Tasche, Wurst und etwas Käse und ein wenig Geld. Drei Mal leerte er die Tasche wieder aus, drei Mal legte er alles wieder hinein. „Ich werde es dir besser einpacken“, sagte er jedes Mal in dem Versuch, das unausweichliche Schicksal hinauszuzögern. Und als es nichts mehr gab, was er hätte tun können, gab er sich der Angst und Verzweiflung hin.

„Was soll nun aus mir werden?“, fragte er.

„Ich bin bald wieder zurück.“

„Ich werde eine solche Angst um dich haben!“

„Das darfst du nicht …“

„Ich werde jeden Tag Angst haben!“

Ja, bis sein Sohn wieder bei ihm war, könnte er weder essen noch schlafen. Er wäre von nun an der unglücklichste aller Menschen.

„Wirst du mir schreiben?“

„Sicher, Papa.“

„Und ich werde immer auf dich warten.“ Er drückte seinen Sohn an sich.

„Du musst weiter etwas lernen“, setzte er hinzu. „Bildung ist wichtig. Wären die Menschen nicht so dumm, gäbe es keinen Krieg.“

Pal nickte.

„Wären die Menschen nicht so dumm, wären wir nicht an diesem Punkt angelangt.“

„Ja, Papa.“

„Ich habe dir Bücher mitgegeben …“

„Ich weiß.“

„Bücher sind wichtig.“

Da packte der Vater in einem Ausbruch wütender Verzweiflung seinen Sohn bei den Schultern. „Versprich mir, dass du nicht sterben wirst!“

„Das verspreche ich dir.“

Pal nahm die Tasche und umarmte seinen Vater. Ein letztes Mal.

Im Flur hielt der Vater ihn noch einmal zurück: „Warte! Du vergisst den Schlüssel! Wie sollst du zurückkommen, wenn du keinen Schlüssel hast!“

Pal wollte keinen. Wer nicht zurückkommt, nimmt auch keinen Schlüssel mit. Um seinem Vater nicht noch mehr zu ängstigen, murmelte er nur: „Ich will nicht riskieren, ihn zu verlieren.“

Der Vater zitterte. „Natürlich! Das wäre ärgerlich … Wie solltest du dann reinkommen … Also, schau her, ich lege ihn hier unter die Fußmatte. Da wird dieser Schlüssel immer liegen, für den Fall, dass du zurückkommst.“ Er überlegte einen Augenblick. „Aber wenn ihn irgendwer stiehlt? Hm … Ich werde der Concierge Bescheid geben, sie hat ja einen Zweitschlüssel. Ich werde ihr sagen, dass du verreist bist, dass sie in ihrer Loge bleiben muss, wenn ich nicht da bin, genauso wie ich nicht ausgehen darf, wenn sie nicht in ihrer Loge ist. Ja, ich werde ihr sagen, dass sie gut aufpassen soll und dass sie an Neujahr das doppelte Trinkgeld bekommt.“

„Sag der Concierge nichts.“

„Nichts sagen, einverstanden. Dann werde ich die Tür nicht mehr abschließen, weder tags noch nachts noch überhaupt. So besteht keine Gefahr, dass du nicht mehr hereinkommst.“

Dem folgte ein langes Schweigen.

„Auf Wiedersehen, mein Sohn“, sagte der Vater.

„Auf Wiedersehen, Papa“, sagte der Sohn.

Pal flüsterte noch „ich liebe dich, Papa“, aber sein Vater hatte es nicht gehört.

2

In schlaflosen Nächten schlich Pal sich aus dem Saal, in dem seine Kameraden, erschöpft von der Ausbildung, ratzten wie die Murmeltiere. Er wanderte durch das eiskalte Landhaus, durch das der Wind pfiff, als gäbe es weder Türen noch Fenster. Er fühlte sich wie das schottische Gespenst aus dem Chanson von Lily Fayol, er war der „Wandernde Franzose“. Er ging an den Küchen vorbei, an der Messe, durchquerte die große Bibliothek. Er sah auf seine Uhr, dann auf die Wanduhren, und rechnete nach, wie lange es noch dauerte, bevor er mit den anderen rauchen gehen konnte.

Um die trüben Gedanken zu verscheuchen und sich die Zeit zu vertreiben, dachte er sich manchmal eine lustige Geschichte aus, und wenn er sie gut fand, schrieb er sie auf, damit er sie am nächsten Tag den anderen Rekruten erzählen konnte. Wenn er nicht mehr wusste, was er sonst noch tun sollte, ließ er Wasser über seine schmerzenden Muskeln oder Wunden laufen und flüsterte seinen Namen in den Siphon des Waschbeckens, Paul-Émile, Pal, wie man ihn hier nannte, denn fast jeder hatte einen Spitznamen bekommen. Neues Leben, neuer Name.

Alles hatte Monate zuvor in Paris begonnen, als er mit Marchaux, einem seiner Freunde, Lothringerkreuze auf eine Wand gemalt hatte. Beim ersten Mal war alles gut gegangen. Also hatten sie es noch einmal versucht. Das zweite Mal fand an einem späten Nachmittag in einer Gasse statt. Marchaux stand Wache, Pal schwang den Pinsel. Als er gerade ganz vertieft war, spürte er, wie eine Hand ihn am Arm packte, und eine Stimme rief „Gestapo!“. Ihm blieb das Herz stehen, und er drehte sich um.

Ein großer Kerl hielt mit einer Hand ihn fest, Marchaux mit der anderen. „Ihr Idioten“, schimpfte der Mann, „wollt ihr wegen ein bisschen Farbe ins Gras beißen? Wände beschmieren, das bringt doch nichts!“ Der Kerl war nicht von der Gestapo. Ganz im Gegenteil. Marchaux und Pal hatten ihn danach noch zwei Mal gesehen. Das dritte Treffen hatte dann im Hinterzimmer eines Cafés im Quartier des Batignolles stattgefunden, zusammen mit einem Fremden, offensichtlich einem Engländer. Der Fremde hatte ihnen erklärt, er sei auf der Suche nach mutigen Franzosen, die bereit seien, sich an den Kriegsanstrengungen zu beteiligen.

Und so waren sie aufgebrochen. Pal und Marchaux. Ein Schleusernetz brachte sie über die Freie Zone und die Pyrenäen nach Spanien. Dort beschloss Marchaux, sich nach Algerien durchzuschlagen. Paul wollte weiter nach London. Es hieß, dort spiele die Musik. Er schaffte es bis nach Portugal, und von dort flog er nach England.

Bei seiner Ankunft in London musste er das Verhörzentrum von Wandsworth durchlaufen – eine Pflicht für alle Franzosen, die in Großbritannien landeten –, und so defilierte er in der großen Menge von Feiglingen, Tapferen, Patrioten, Kommunisten, Raufbolden, Veteranen, Verzweifelten und Idealisten am Rekrutierungsdienst der britischen Armee vorbei. Das brüderliche Europa ging unter wie ein Schiff, bei dessen Bau man geschludert hatte. Seit zwei Jahren herrschte Krieg auf den Straßen und in den Herzen, und von jedem forderte er seinen Teil.

Er war nicht lange in Wandsworth geblieben. Man hatte ihn schnell nach Northumberland House gebracht, ein ehemaliges Hotel neben dem Trafalgar Square, das vom Verteidigungsministerium beschlagnahmt worden war. Dort führte er in einem kahlen, eiskalten Raum Gespräche mit Roger Calland, selbst ein Franzose.

Die Unterredungen zogen sich über mehrere Tage hin: Calland, ursprünglich Psychiater von Beruf, agierte als Anwerber der SOE – Special Operations Executive –, einer geheimen Einsatztruppe des britischen Secret Service. Man interessierte sich für Pal. Der junge Mann hatte – ahnungslos, welches Schicksal ihn erwartete – voller Elan die Fragen und Formulare beantwortet, froh, seinen kleinen Beitrag zum Krieg leisten zu können. Sollte man ihn als MG-Schütze gebrauchen können, dann würde er MG-Schütze werden, und wie er schießen würde von seinem Geschützturm! Wenn sie Mechaniker brauchten, dann würde er eben Mechaniker werden und die Schrauben und Muttern anziehen wie kein Zweiter. Und wenn die Engländer ihm die Rolle eines kleinen Gehilfen in einer Propagandadruckerei zuweisen würden, dann würde er mit Begeisterung die Farbbehälter schleppen.

Aber Calland war schnell der Meinung, dass Pal alles besaß, was einen guten Agenten im Außeneinsatz der SOE ausmachte. Er war ein ruhiger und zurückhaltender junger Mann mit sanftem, ziemlich hübschem Gesicht und kräftigem Körperbau. Und er war ein leidenschaftlicher Patriot, aber keiner dieser Hitzköpfe, die eine ganze Kompanie ins Verderben stürzen konnten, auch keiner, der aus Liebeskummer in den Krieg ziehen wollte, um dort zu sterben. Er konnte sich gut ausdrücken, vernünftig und eindringlich, und es hatte Calland sehr amüsiert, als Pal ihm gesagt hatte, er würde zwar liebend gern in einer Druckerei arbeiten, aber das müsse man ihm schon ein wenig beibringen, denn mit dem Drucken kenne er sich nicht so gut aus. Er schreibe allerdings Gedichte und werde sich alle nur erdenkliche Mühe geben, schöne Flugblätter zu machen, herrliche Flugblätter, die die Bomber mit großem Tamtam abwerfen und die Piloten voller Gefühl im Cockpit deklamieren würden, denn schließlich war das Produzieren von Flugblättern auch eine Art, Krieg zu führen.

Also hatte Calland in seinen Notizen vermerkt, der junge Pal sei einer dieser wertvollen Menschen, die ihren Wert nicht kannten, sodass zu all seinen Qualitäten noch die Bescheidenheit hinzukam.

Die SOE war am Tag nach der englischen Niederlage in Dünkirchen von Churchill ins Leben gerufen worden. In dem Bewusstsein, dass er den Deutschen nicht mit einer regulären Armee entgegentreten konnte, hatte er beschlossen, sich von den Guerillabewegungen inspirieren zu lassen und hinter den feindlichen Linien zu kämpfen. Sein Konzept war bemerkenswert: Der unter britischer Leitung stehende Dienst rekrutierte Leute aus dem besetzten Europa, die man in Großbritannien trainierte und ausbildete, dann schickte er sie zielgerichtet zurück in ihr Herkunftsland, wo sie natürlich nicht auffielen. Dort sollten sie geheime Operationen ausführen – Spionage, Sabotage, Attentate, Propaganda und Aufbau von Netzwerken.

Nachdem er den jungen Mann gründlich überprüft hatte, hatte Calland schließlich das Thema SOE angeschnitten. Das war am Ende des dritten Tages in Northumberland House gewesen.

„Wärst du bereit, in Frankreich Geheimoperationen durchzuführen?“, fragte Calland ihn.

Pals Herz begann heftig zu schlagen. „Operationen welcher Art?“

„Kriegsoperationen.“

„Gefährliche?“

„Sehr.“ Dann erläuterte Calland in väterlichem Ton kurz und knapp die SOE, zumindest das, was er in dem Geheimnisnebel, der die Spezialeinheit umgab, enthüllen durfte, schließlich musste der junge Mann begreifen, was sein Vorschlag beinhaltete.

Pal verstand zwar nicht alles, aber er verstand. „Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage bin“, sagte er.

Er war blass geworden, hatte er sich doch schon als pfeifenden Mechaniker gesehen, als singenden Schriftsetzer, und jetzt schlug man ihm andeutungsweise vor, er solle zum Geheimdienst gehen.

„Ich gebe dir Zeit, darüber nachzudenken“, sagte Calland.

„Ja, sicher, Zeit …“

Nichts hinderte Pal daran, Nein zu sagen, nach Frankreich zurückzukehren, sein geruhsames Pariser Leben wieder aufzunehmen, seinen Vater in die Arme zu schließen und ihn nie mehr allein zu lassen. Aber im Grunde seiner aufgewühlten Seele wusste er bereits, dass er nicht ablehnen würde. Viel zu viel stand auf dem Spiel. Er hatte einen langen Weg auf sich genommen, um sich dem Kampf anzuschließen, und jetzt konnte er keinen Rückzieher mehr machen. Mit Magenschmerzen und zitternden Händen war Pal wieder auf das Zimmer gegangen, in dem man ihn untergebracht hatte. Man hatte ihm zwei Tage Bedenkzeit gegeben.

Am übernächsten Tag saß Pal im Northumberland House Calland gegenüber. Zum letzten Mal. Dieses Mal führte man ihn nicht in den düsteren Verhörraum, sondern in ein angenehmes, gut geheiztes Zimmer, dessen Fenster zur Straße hinausging. Auf einem Tisch standen Kekse und Tee, und als Calland einen Augenblick nach draußen ging, stürzte Pal sich darauf. Er hatte Hunger, seit fast zwei Tagen hatte er nichts mehr gegessen, weil ihm so mulmig gewesen war. Er stopfte sich die Kekse in den Mund und schlang sie ohne zu kauen herunter. Plötzlich ließ Callands Stimme ihn hochschrecken.

„Seit wann hast du nichts mehr gegessen, Junge?“

Pal antwortete nicht. Calland musterte ihn lange. Er fand den jungen Mann attraktiv, höflich, intelligent, wahrscheinlich war er der ganze Stolz seiner Eltern. Aber er hatte Eigenschaften, die einen guten Agenten ausmachten, und das würde ihn sicher ins Verderben stürzen. Er fragte sich, warum zum Teufel dieser Unglücksjunge bloß hergekommen und nicht in Paris geblieben war. Und wie um das Schicksal abzuwenden, nahm er ihn mit in ein nahe gelegenes Café und lud ihn auf ein Sandwich ein.

Sie saßen am Tresen und aßen schweigend. Anschließend gingen sie, anstatt direkt zum Northumberland House zurückzukehren, durch die Straßen der Londoner Innenstadt. Berauscht von seinen eigenen Schritten in dieser schönen Stadt mit ihren strebsamen Bewohnern, deklamierte Pal unversehens ein von ihm verfasstes Gedicht auf seinen Vater. Da blieb Calland mitten auf der Straße stehen und legte ihm die Hände auf die Schultern:

„Geh, Junge“, sagte er. „Lauf zu deinem Vater zurück. Was dich erwartet, das hat kein Mensch verdient.“

„Ein aufrechter Mensch haut nicht einfach so ab.“

„Geh, um Himmels willen! Geh und komm nie wieder!“

„Das kann ich nicht … Ich nehme Ihren Vorschlag an!“

„Denk noch einmal darüber nach!“

„Ich habe mich entschieden. Sie müssen allerdings wissen, dass ich noch nie im Krieg war.“

„Das bringen wir dir schon bei … Hast du auch nur die geringste Ahnung, was du da vorhast?“, seufzte Calland.

„Ich glaube schon, Monsieur.“

„Nein, nichts weißt du!“

Da sah Pal ihn fest an. In seinen Augen blitzte Mut, dieser Mut der Söhne, an dem die Väter verzweifeln.

Und so dachte Pal nachts in dem Herrenhaus oft daran, wie er auf Empfehlung von Doktor Calland zur Sektion F der SOE gekommen war. Die unter englischem Kommando stehende SOE war in verschiedene Abteilungen gegliedert, die in den besetzten Ländern operierten. Aufgrund politischer Verwerfungen gab es in Frankreich mehrere davon, und Pal war in die Sektion F aufgenommen worden, die weder de Gaulle anhing – Sektion DF – noch den Kommunisten – Sektion RF – noch Gott oder sonst wem. Zur Tarnung hatte er einen militärischen Rang und eine Stammrollennummer bei der britischen Armee erhalten. Sollte man ihm Fragen stellen, musste er nur sagen, er arbeite für das Verteidigungsministerium, was in Zeiten wie diesen nichts Außergewöhnliches war.

Er verbrachte ein paar einsame Wochen in London, wo er auf den Beginn der Agentenausbildung wartete. Eingesperrt in sein kleines Zimmer, ging ihm seine Entscheidung immer wieder im Kopf herum: Er hatte seinen Vater allein gelassen, hatte ihm den Krieg vorgezogen. Wen hast du mehr geliebt?, fragte ihn sein Gewissen. Den Krieg. Unweigerlich stellte sich ihm die Frage, ob er diesen Vater, den er so liebte, je wiedersehen würde.

Anfang November war es dann in der Nähe von Guildford, in der Grafschaft Surrey, richtig losgegangen. In dem Herrenhaus. Das war jetzt bald zwei Wochen her. Wanborough Manor und sein Raucherhügel im Morgengrauen. Die erste Etappe in der Rekrutenausbildung der SOE.

Joël Dicker

Über Joël Dicker

Biografie

Joël Dicker wurde 1985 in Genf geboren. Seine Bücher „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ und „Die Geschichte der Baltimores“ wurden weltweite Bestseller und über sechs Millionen Mal verkauft. Für „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“, das in Frankreich zur literarischen Sensation des...

Medien zu „Die letzten Tage unserer Väter“
Pressestimmen
books_of_sven

„Ein unfassbar toller, intensiver und authentischer Roman voller verrückter, tragischer und herzlicher Figuren vor geschichtlichem Hintergrund.“

Die Weltwoche

„Das Erstaunliche daran ist nicht nur die bereits ziemlich reife schriftstellerische Leistung, sondern die Tatsache, dass der Autor nicht schon damals den Durchbruch schaffte. Denn das Buch hat bereits alle Zutaten, die auch seine späteren Werke ausmachen: charismatische Figuren, dunkle Geheimnisse, reizvolle Liebesbeziehungen und eine mitreißende Handlung.“

schmitzkatze

„Packend erzählt!“

Die Presse am Sonntag

„Dickers große Kunst ist das Erzählen und wie ihm das bereits in seinem Debüt gelingt, ist famos.“

Kleine Zeitung

„Das ist spannende Unterhaltungsliteratur auf sprachlich gutem Niveau.“

NDR Kultur „Neue Bücher“

„Die Geschichte reißt mit“

Neue Zürcher Zeitung

„Selbst wenn man sich dem Zauber dieses Buches widerstandslos hingibt, so findet man noch immer ein schönes intellektuelles Vergnügen daran.“

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