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Die letzte FreiheitDie letzte Freiheit

Die letzte Freiheit

Vom Recht, sein Ende selbst zu bestimmen

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Die letzte Freiheit — Inhalt

Wir wollen sterben, wie wir leben: frei!

Der Tod gehört zum Leben. Wer fragt, wie wir sterben wollen, fragt auch, wie wir leben wollen: frei, selbstbestimmt und autonom? Oder so, wie andere es wollen: verwaltet und bevormundet von Ärzten, Krankenkassen, Angehörigen? Es tobt ein ideologischer Krieg um die Frage nach dem guten, dem richtigen Tod. Allein der Mensch, um den es geht, spielt dabei oft keine Rolle. Will er sich helfen lassen? Muss er sich helfen lassen? Und was ist, wenn er sein Ende selbst bestimmen will? Gibt es dafür einen respektvollen, einen würdevollen Weg?

Georg Diez definiert den Freitod als Ausgangspunkt für eine Lebenspraxis, die bis zuletzt auf der Freiheit, selbst zu entscheiden, besteht. Diese Freiheit ist von einem Staat bedroht, der gerade beim Sterben dem Einzelnen vorschreiben will, was er zu tun oder zu lassen hat. Aber weiß der Staat denn besser, wie sterben geht? Gegen den Kontrollwahn unserer Gesellschaft setzt Georg Diez eine Philosophie der Autonomie. Sein Buch ist ein leidenschaftliches und provokantes Plädoyer für unsere letzte, größte Freiheit.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 05.10.2015
128 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-8270-1297-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 05.10.2015
128 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7855-1
»Leidenschaftliches und provokantes Plädoyer für unsere letzte große Freiheit.«
bücher
»Die Debatte um Sterbehilfe wird intensiv und teilweise sehr heftig geführt. Der Journalist Georg Diez fügt dem Diskurs mit seinem Buch über die letzte Freiheit des Menschen einen echten Lichtblick hinzu.«
Deutschlandradio Kultur "Lesart"
»Sein Buch ist ein leidenschaftliches und provokantes Plädoyer für unsere letzte, größte Freiheit.«
rhein-main magazin
»Georg Diez plädiert in seinem Buch »die letzte freiheit – Vom Recht, sein Ende selbst zu bestimmen«, für eine Philosophie der Autonomie beim Thema Sterbehilfe und Freitod. Doch wie frei und selbstbestimmt ist der Suizid wirklich? «
Neues Deutschland
»Das macht diesen Essay stark: Auch wenn Diez‘ Plädoyer für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe stellenweise zu einfach gerät, lässt er doch Raum für die Unsicherheiten und Fragen, in denen das Thema angemessener platziert ist als in vorschneller Gewissheit.«
Deutschlandradio Kultur "Lesart"
»Kunstvoll hält Georg Diez in seinem Essay 'Die letzte Freiheit' viele Ebenen miteinander in der Schwebe, während er sein Thema politisch und privat umkreist: Die sanfte, bis zum Ende offene Geschichte einer Freundschaft im Schatten der Depression.«
WDR 5
»Wer kann sich anmaßen, einem freien Menschen das Weiterleben zu ge-, das Sterben zu verbieten? Das ist wohl tatsächlich die Frage, die allen anderen zugrunde liegt.«
Augsburger Allgemeine
»Halten wir es mit Giacomo Casanova, der sagte: 'Niemand sollte schlecht sterben, der gut gelebt hat.' Ethische Begründungen finden Sie in diesem hochbrisanten wie hochinteressantem Plädoyer.«
barrois.de

Leseprobe zu »Die letzte Freiheit«

Vom Recht, sein Ende selbst zu bestimmen

Der Weg

Der Himmel war blau, und die Welt war, wie sie sein sollte. Wir waren früh aufgestanden, wir hatten einen Kaffee in der Bar am Marktplatz getrunken, wir hatten ein paar Flaschen Wasser gekauft und Schinken und Käse und ein wenig Brot, wir waren durch die kühlen Gassen der Stadt gelaufen, die so ruhig war und alt, Volterra, und als wir aus dem Stadttor traten, da umfing uns das Grün der Toskana mit all ihrer strengen Heiterkeit.
»Hier lang«, sagte Max, nennen wir ihn Max.
»Ich glaube nicht. Ich glaube, es geht [...]

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Vom Recht, sein Ende selbst zu bestimmen

Der Weg

Der Himmel war blau, und die Welt war, wie sie sein sollte. Wir waren früh aufgestanden, wir hatten einen Kaffee in der Bar am Marktplatz getrunken, wir hatten ein paar Flaschen Wasser gekauft und Schinken und Käse und ein wenig Brot, wir waren durch die kühlen Gassen der Stadt gelaufen, die so ruhig war und alt, Volterra, und als wir aus dem Stadttor traten, da umfing uns das Grün der Toskana mit all ihrer strengen Heiterkeit.
»Hier lang«, sagte Max, nennen wir ihn Max.
»Ich glaube nicht. Ich glaube, es geht hier lang«, sagte ich und war ziemlich sicher.
»Wenn ich etwas weiß, dann, wie man eine Karte liest«, sagte Max, der sich irrte.
»Aber schau doch«, sagte ich, »hier ist Süden, dort sind die Hügel, die wir gestern Abend gesehen haben, und wenn wir nach San Gimignano wollen, dann müssen wir Richtung Osten, also müssen wir da entlang.«
Wir gingen ein wenig den Weg weiter, den ich vorgeschlagen hatte, an einer Tankstelle vorbei und auf ein paar Häuser zu, die sich um eine Kurve schmiegten, und schließlich fragte Max, der Italienisch spricht, einen alten Mann, der uns auf der Straße entgegenkam. Er nickte und deutete in Richtung Osten.
Und als wir schließlich abbogen auf die kleine Seitenstraße, die uns durch Obstgärten und Olivenhaine in Richtung San Gimignano bringen sollte, blieb Max stehen und schaute sich das alles an, das hundertfache Grün, die Bäume in ihrer stillen Bestimmung, die Hügel in ihrem Schwung, den Himmel, die Schönheit, Italien, er fuhr sich durch die Haare und lauschte in die eigene Ruhe und sagte dann: »So muss es doch sein.«

Tausende von
kleinen Sternen

Max hatte mich ein paar Tage zuvor angerufen. Wir hatten eine Weile nicht miteinander gesprochen. Wir hatten uns etwas voneinander entfernt, obwohl er mir immer nah war. Ich weiß nicht, ob wir wirklich je enge Freunde waren, auch wenn wir uns das vielleicht gewünscht hätten. Aber wir hatten immer viel über Freundschaft gesprochen.
»Mir geht es schlecht«, hatte Max am Telefon gesagt, »mir geht es richtig schlecht.«
Er hatte das schon öfter gesagt, es war die Art von Offenbarung, die erfolgreiche Menschen ab und zu gern machen, so scheint es mir, auch weil sie den Schmerz und den Schock genießen, der diese Nachricht anrichtet: bei ihnen selbst und bei denen, die sie damit überraschen.
Denn Stärke war das, was Max ausmachte, Stärke und Selbstvertrauen und eine Souveränität, die manche nicht zu Unrecht für Arroganz hielten, was ihn nicht störte, sondern eher freute und antrieb; es war gut, von anderen nicht gemocht zu werden, das gab einem Sinn und Form in der Ablehnung.
Es war aber auch anstrengend auf Dauer. Vor allem, wenn man nicht so hart ist, wie die anderen denken. Wenn man hart ist, weil das eine Rolle ist, die man sich selbst gibt oder die einem andere geben. Man hält das eine Weile durch, dann bricht etwas, und man spürt ihn erst sehr viel später, diesen Riss, der durch einen hindurchgeht.
Etwas war anders dieses Mal. Er habe es lange nicht gemerkt, wie schlecht es ihm gehe, sagte Max, er habe verdrängt, wie abhängig er sei von den Tabletten, die er nehme, gegen seine Angst, zum Funktionieren, für den Job. Er habe oft geweint, auf dem Weg zur Arbeit, er habe sich Zeit gelassen auf dem Weg nach Hause, sehr viel Zeit, er halte den Druck nicht mehr aus, den die Firma auf ihn ausübe, er müsse sparen in seiner Abteilung, er müsse umgestalten, er müsse den Hass der Leute ertragen, die er entlässt, und wolle das Vertrauen derer nicht enttäuschen, die von ihm abhängen.
Es seien nur seine Kinder, sagte er schließlich, die ihn im Leben gehalten hätten.

Wenn wir gehen, fällt etwas ab von uns, es bleibt etwas zurück, das sich mit jeder Bewegung weiter entfernt, das Alte, das Vertraute, die Trauer, und wir kommen an, im Neuen, im Moment, mit jedem Schritt.
Es ist eine Reduktion in der Weite, es ist der Rhythmus, eine Ordnung, eine Bestimmung. Der Atem, der Körper, die ungewohnte Bewegung, eine Konzentration darauf, wie sich dieser Körper durch eine Landschaft bewegt, die etwas auslöst, eine Klarheit, weil es eine alte Art ist, sich zu bewegen, zu Fuß, mit einem Plan: Wie kommen wir von hier nach dort?
Das ist das Wesen der Karte. Sie reduziert die Möglichkeiten, indem sie alles zeigt. Sie schafft eine Ordnung, die artifiziell ist, weil es nicht die Ordnung des Alltags ist, es ist nicht die Routine der Handgriffe und Gedanken, es ist die Frage danach, wo die richtige Abzweigung ist und was hinter der nächsten Kurve kommt. Mehr gibt es nicht in diesem Moment, das ist alles, was zählt. Von A nach B. Der Rest löst sich auf, eins, zwei, eins, zwei, linker Fuß, rechter Fuß, der stete Atem. Die Welt fällt weg, indem sie entsteht. Wir sind hier, das ist der einzige Sinn in diesem Augenblick, das ist die einzige Realität. Der Atem geht ruhiger, die Gedanken gewinnen Weite.
Vor uns öffnete sich der Blick auf einen Berg, der wie vergessen in der Landschaft stand. »Stendhal«, hatte Max am Morgen vor der Wanderung gesagt, »ist diesen Weg auch einmal gegangen, vor ziemlich genau 200 Jahren.«
200 Jahre. Die Zeit fließt durch einen hindurch, auf so einem Weg, die Zeit, die man braucht, die Zeit, die andere brauchten, die Zeit, die alles ausmacht. Auch die Zeit löst sich auf, indem sie entsteht. Je kürzer die Momente, desto länger dauern sie. Minute um Minute, Schritt für Schritt. Max mochte das, Max verstand das, die herrliche Reduktion.
Es schien ihm zu helfen. Etwas öffnete sich. Er, der immer so viele Ideen hatte, der alles las und vieles wusste, sprach davon, dass er keinen Sinn mehr sehe, dass er nicht wisse, warum er das alles noch dreißig oder vierzig Jahre machen solle, »das ist doch Scheiße, ich kann nicht mehr, ich weiß nichts«, sagte er, der so vieles kann, und die Landschaft nahm auch diesen Kummer gelassen hin.
»Die Liebe«, schrieb Stendhal in »De l’Amour« für die Frau, die er immer lieben sollte, obwohl er sie nicht haben konnte, »ist wie die Milchstraße, ein heller Strahl, der aus Tausenden von kleinen Sternen besteht, von denen jeder einzelne oft wie ein kleiner Nebel ist.«
Aber wenn man das nicht mehr sieht, die einzelnen Sterne, dann sieht man auch die Milchstraße nicht mehr. Dann sieht man nur noch den Nebel. Dann sieht man nichts. Erst kommt der Weltverlust, dann kommt der Ichverlust.

»Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll«, schreibt Georg Büchner in »Leonce und Lena«, »aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.«
Es ist, als habe Büchner diesen Text für Max geschrieben, jedenfalls für den Max, der nicht mehr wollte, weil er alles gesehen hatte, der sich leer fühlte und wertlos, der nicht mehr wusste, wo vorne war und wo hinten, und der seinen Sinn für Zeit, Orientierung, Ordnung verloren hatte.
Max ist Ende dreißig. Er hat kleine Kinder, er ist verheiratet. Seine Geschichte ist in vielem eine ganz normale Geschichte. Es ist die Geschichte einer Überforderung, wie sie heute, so oder so ähnlich, dauernd vorkommt: Ein guter Vater, eine gute Karriere, eine gute Ehe, Freunde, Reisen, das richtige Sakko, das richtige Auto, ein Haus bauen, eine Wohnung kaufen, die Finanzierung selbst finden, die Flüge selbst buchen, sein Leben selbst navigieren, und alles gleichzeitig, alles in einem Alter, in dem die Kinder früher längst aus dem Haus oder auf dem Internat waren und heute gerade mal zwei, drei oder vier Jahre alt sind, und natürlich steht der Vater nachts auf, um sie zu wickeln, selbst wenn er erst um eins und leicht betrunken von den drei Gin Tonic von der Vernissage nach Hause gekommen ist.
Und weil es manchmal leichter ist, die Welt für das verantwortlich zu machen, was geschieht, als sich selbst genau anzuschauen, folgt aus der Krise, die dieses Leben unweigerlich erleidet, der Versuch einer Erklärung, die scheitern muss. Denn das Leiden ist zu alltäglich. Das macht es nicht einfacher. Der Grund aber dafür ist dann auch im Alltag zu suchen. Das Problem ist die Normalität.
War es also eine Depression, an der Max litt, eine Depression, die aus der Überforderung entsteht, weil er dauernd mit Aufgaben und Entscheidungen konfrontiert war, die ihn in die Enge trieben, weil er alles gleichzeitig sein wollte, alles gleichzeitig tun wollte, weil er keine Grenzen mehr ziehen, keine Prioritäten setzen konnte, weil er ein Alleskönner auf dem Hochseil war und täglich sah, wie weit er abstürzen konnte?
Wenn man aber die Depression in diesem Sinn als eine Metapher für unsere Gegenwart oder für einen Kapitalismus nimmt, den man an vielen anderen Stellen besser und härter kritisieren könnte als an diesem einen Punkt des individuellen Leidens, dann gibt es ein Problem: Man schaut ungenau auf den Einzelfall und man schaut ungenau auf das Ganze. Das eine mag mit dem anderen zu tun haben, so wie jede Zeit ihre speziellen Pathologien produziert – aber das eine lässt sich nicht lösen, indem man das andere kritisiert. Weder ist es für Menschen wie Max eine Hilfe, wenn man die Schuld für seine Probleme in einem umfassenden Kapitalismus sucht. Noch ändert es etwas am Wesen dieses ausdifferenzierten Herrschaftssystems Kapitalismus, wenn man Mitleid für Max hat.
Im Gegenteil: Diese Kritik wirkt wie eine Art von gesellschaftlichem Placebo, die eher systemstabilisierend ist, weil sie von den eigentlichen Fragen ablenkt, die ökonomische sind, und sie auf die Ebene der persönlichen Probleme und der Psychologie reduziert.
Und was bedeutet dieser Gedankenschritt, der häufig gemacht wird, wenn bekannt wird, dass sich jemand tatsächlich umgebracht hat, der an Depressionen litt, Taten, die manchmal sogar in die Schlagzeilen geraten: Ein Fußballstar wie Robert Enke, der sich vor einen Zug stellte und dessen Tod zu großer Bestürzung führte, oder ein Pilot wie Andreas Lubitz, der 149 Passagiere mit in den Tod nahm und dessen Tat zu großer Wut und Verunsicherung führte – was bedeutet diese Beziehung von Depression und Selbstmord? Was bedeutet es für das Nachdenken über die Depression? Und was bedeutet es für das Nachdenken über den Selbstmord, der gar nicht so heißen sollte, denn wenn es kein Gesetz gibt, das den eigenen Tod verbietet, ist es auch kein Mord, weil das ja ein juristischer Terminus ist?
Es gibt die Depression, und es gibt Menschen, die nicht mehr können und sich das Leben nehmen, nicht weil sie frei sind, sondern weil sie unfrei sind. Es geht nicht anders, oft haben sie lange gekämpft, aber die Krankheit war stärker. Es gibt aber auch die Menschen, die nicht an dieser Krankheit leiden und sich umbringen, aus all den Gründen, die so zahlreich sind wie die Kieselsteine am Meer. Wie soll man auf deren Entscheidung reagieren? Sieht die Gesellschaft darin eine Bedrohung oder eine Offenheit, die sie erst einmal ertragen muss?
Anders gesagt: Was bedeutet es für das Leben, wenn es vom Ende her gedacht wird? Nicht als eine Chance, eine Möglichkeit, ein Feld der Freiheit – sondern nur als Gefahr, als Problem, als etwas Illegales, was dort droht, wo ein Mensch sich entschließt, sein Leben und sein Sterben in die eigene Hand zu nehmen? Was passiert, wenn diese existentielle Frage, die nur den Einzelnen betrifft, überfrachtet wird mit einer gesellschaftlichen Angst, die sich aus ganz anderen Schreckenserfahrungen speist, die aber mit dem gleichen Wort verbunden sind – der Selbstmord also als eine Art Über-Metapher dieser Epoche, die im Schatten der Angst steht, spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001?
Damals bekam das Wort vom Selbstmord eine neue bedrohliche Dimension. Menschen wurden zu Waffen, indem sie bereit waren, sich zu opfern. Das war in diesem Maß neu: Sie konnten Menschen zu Tausenden töten und ganze Städte, ganze Nationen in Unsicherheit und Wut versetzen. Das Selbstopfer, der Märtyrer, so religiös, fanatisch, extrem überhöht, wurde zu einer realen Gefahr, in den Bussen von Tel Aviv und auf den Marktplätzen von Kabul, auf den Straßen von Islamabad und in den Hotels von Mumbai – der Selbstmord bekam eine tatsächlich militärische Bedeutung durch die Asymmetrie des Tötens, eine Bedeutung, die sich mit neuer Angst um diese Tat legte, die immer mit Angst und Argwohn behaftet war, seit Jahrtausenden, schon weil der Tod das ultimative Rätsel bleibt.
Es ist, man sieht es schon, eine Eskalations-Argumentation, von Max und seinen Problemen zum Märtyrertod in ein paar Absätzen, es ist die etwas panische Hysterie, die, wie so oft heute, auch diese Diskussion verfolgt, bei der so vieles vermischt wird, was nicht zusammengehört: Kritik am Kapitalismus, extremistischer Terror, Krankheit, Depression, Altern, der gute Wille zu helfen und eine paternalistische Moral, die sich vor dem Einzelnen aufbaut – das alles zusammengefasst in dem ungeheuren Wort vom Selbstmord, das alles verschluckt in einer fast schon gewollten Ungenauigkeit.
Denn die Herrschaft über das Leben ist ja das älteste Mittel der Dominanz, es ist das Fundament, auf dem die politische Ordnung, die Diktatur, die Freiheit beruht, hier entscheidet sich, was individuelle Moral oder höheres Gesetz sein soll, hier ist der Moment, an dem das Denken beginnt, wie Camus meint, und damit auch die Existenz – jede Zeit und jede Macht hat deshalb gute Gründe, sich davor zu fürchten, dass der Mensch sein Schicksal, wenn man es so nennen will, in die eigene Hand nimmt. Diese Autonomie bedroht den Wesenskern einer Herrschaft, die auf Abhängigkeit beruht: Und weil die Freiheit des Einzelnen sich nur aus sich selbst heraus rechtfertigt, gilt das im Grunde für jede Gesellschaft, Regierung, Doktrin, Moral, Instanz.
Um diesen Freiheitsmoment geht es: eine Leere, die alles möglich macht, eine Tat, aus der alles folgt, eine Vernichtung, die uns entstehen lässt. Es ist die Idee des eigenen Todes, die diese Freiheit schafft, die Idee der eigenen Herrschaft über den Tod, woraus die Autonomie erwächst und die Chance, auch über das eigene Leben und die Frage der Freiheit nachzudenken.
Diese Freiheit ist der Ausgangspunkt – aber um an diesen Anfang des Nachdenkens über den Tod wie über das Leben zu gelangen, muss man erst einmal vieles von dem wegräumen, was sich um das Wort und die Tat gelegt hat, ein Paket aus Ängsten, Projektionen, Mutmaßungen, Interessen, all das, was sich schon in dem Wort bündelt, Selbstmord: »Sein selbst morden«, so sagte es Martin Luther 1527, so kam das Wort vom Selbstmord in die deutsche Sprache, es war die christliche Sicht, und die Kirche wollte sich lange aus ihrem Gottesbild heraus die Kontrolle, die vollständige Kontrolle über Leib und Seele der Gläubigen nicht nehmen lassen.
Sprache ist Herrschaft, das sieht man an diesem Angstwort Selbstmord – man könnte auch vom »Suizid« sprechen, ein Begriff aus dem 17. Jahrhundert, der aus dem Lateinischen kommt, eine etwas seltsame Aneinanderreihung von Buchstaben, gespreizt, fast klinisch, so kompliziert wie die Gründe, ein wenig durchscheinend, fast luzide, und gleichzeitig behauptet dieses Wort eine Neutralität, die unangebracht wirkt, unpersönlich, schmerzfrei, mechanisch im Vollzug. Immerhin gibt dieses Wort der Tat keinen kriminellen Drall: Mord ist eine gesellschaftliche Kategorie, der Freitod dagegen ist individuell – und damit trifft es dieses Wort am besten, der Freitod, es ist ein fast schon positives Wort, euphorisch, beschwingt, bedrohlich romantisch, es passt besser, um erst einmal zu umfassen, wovon man spricht, was man meint, wenn man davon spricht, dass sich jemand das Leben nimmt.
Und das ist schließlich die schönste und einleuchtendste Formulierung, in der all das enthalten ist, um was es beim Nachdenken über den freien, den selbstbestimmten Tod geht – eine emanzipatorische Ahnung davon, dass sich hier vieles findet, was den Menschen ausmacht oder ausmachen sollte. Wer sich das Leben nimmt, tut es aus eigenem Antrieb, er nimmt sich, was ihm gehört, es ist eher Besitz als Mangel, eher Präsenz als Abwesenheit, eher Tat als Passivität, es ist die Quintessenz dessen, was überhaupt ein gutes Leben ausmacht. Und damit auch einen guten Tod.

Wir liefen weiter, Max und ich, und die Ebene öffnete sich vor uns, grün und neu, als sei es das erste Mal. Wir waren an einem Bauernhof vorbeigekommen, wo zwei alte Männer auf einem Acker gearbeitet hatten. Wir waren an ein paar verlassenen Ruinen vorbeigekommen, wo jemand mal ein Leben hatte. Irgendwo hatten Landarbeiter Jeans und T-Shirts zum Trocknen aufgehängt. Niemand war zu sehen.
Und Max erzählte. Er erzählte, wie er in seine Abhängigkeit hineingeschlittert war, und es war klar, dass es weniger eine Abhängigkeit war von einer bestimmten Art von Medikament und mehr von einer bestimmten Art von Leben: Dieser Widerspruch aus Ambition und Überforderung, der bei manchen Leuten angelegt ist, heute vielleicht mehr als früher, weil sich die Rollenbilder, die Geschlechterbilder, selbst die Menschenbilder auflösen und neu sortieren, und mittendrin steht ein Mensch, der weich ist, wie fast jeder Mensch, und Zweifel hat, die er aber kaum sich selbst offenzulegen traut, und der Schritt für Schritt in eine Position kommt, in der er sich nur noch nach vorne bewegen kann, so nimmt er das wahr, nicht mehr zur Seite, nach links oder rechts, und schon gar nicht wieder zurück.
Die Zeit, das ist das Problem, ist linear, sie ist aber auch synchron, es passieren so viele Dinge gleichzeitig, man bekommt Kinder, übernimmt Verantwortung, alles nicht mehr eins nach dem anderen, alles überlappend, man reist durch die Welt, man kocht zu Hause, alles ist super, alles ist möglich, und auf einmal macht es einen Knacks, und die Bandscheibe geht nicht mehr oder die Seele, und es bleiben nur Tränen und Ratlosigkeit.
Auf einmal werden dann die Möglichkeiten der eigenen Biografie, die bisher das Leben ausmachten, vor allem als Bedrohungen wahrgenommen, auf einmal verengt sich die Zeit, die vor einem liegt, zu einem dunklen Kanal, durch den man sich nur noch mit Mühe hindurchzwängen kann, auf einmal wird die Freiheit, die das eigene Leben bedeutet, als Zumutung empfunden.
Aber wie kann man das fassen, wie kann man davon erzählen? Das Dickicht etwa, durch das wir jetzt liefen, war das schon eine Metapher? Wir hatten irgendeine Abzweigung verpasst, wir waren an einem verlassenen Hof vorbeigekommen, wo es wirkte, als würden uns aus zerbrochenen Fenstern Augen beobachten, wir waren einen Olivenhain hinuntergestiegen, bis wir an eine Wand aus Wald gestoßen waren. Max hatte von einem Film erzählt, in dem zwei Typen aus der Großstadt sich verirren und wochenlang gefangen gehalten und vergewaltigt werden, und wir hatten etwas gequält gelacht.
Wir waren zurückgegangen und hatten große blaue und rote Patronenhülsen im Gras liegen sehen und waren an einer seltsamen Konstruktion vorbeigekommen aus Holzlatten, wo wohl Tiere aufgehängt werden, die die Jäger geschossen haben. Und schließlich waren wir einem Weg gefolgt, der tief und immer tiefer in den Wald hineinführte, die Äste griffen nach uns, wir mussten uns bücken, und unsere Rucksäcke verhedderten sich im Gestrüpp, der Weg teilte sich, und wir gingen nach links, bis wir helleres Licht und leichteres Grün sahen, aus dem Dunkel heraus, und als wir uns die letzten Meter durchs Gebüsch zwängten, waren wir euphorisch, bis wir aus dem Wald hinaus und auf einen Felsvorsprung traten und merkten, dass wir an einen Abgrund gelangt waren.
Wir mussten zurück. Aber auch dieses Bild erklärt nichts. Auch diese Geschichte bleibt eine Geschichte, weiter nichts. Der Drang nach Erklärungen ist immer dann besonders stark, wenn die Leere so eklatant ist und das Nichts so groß, so offensichtlich, ein Fragezeichen, etwas, das eine Bedeutung haben muss, denn wenn der Tod keine Bedeutung hat, was hat dann das Leben für einen Sinn?
Warum bringen sich Menschen um? Weil sie ihre Ehre verletzt sehen, weil die Liebe sie enttäuscht hat, weil sie sich selbst ruiniert haben oder doch eher andere? All das waren Gründe, früher, so hieß es, die hinter den privaten Motiven größere gesellschaftliche Zusammenhänge erkennbar machten: Das Feld der Kränkungen und Niederlagen wechselte, die Antwort blieb die gleiche. Die Adelswelt kannte den ehrenhaften Freitod, die Romantik kannte den romantischen Freitod, die bürgerliche Gesellschaft kannte den ruinösen Freitod – und die postkapitalistische Gegenwart kennt den postruinösen Freitod, kennt das Erlöschen ohne Feuer, den Burnout, so heißt es heute, der nichts mit dem rauen Cowboy-Burnout von Neil Youngs »Hey hey, my my« zu tun hat und die Depression meint und nur moderner klingt.
Im Gegenteil, die Verlöschensangst der Angestellten- und Selbstständigenwelt ist das langsame Verglimmen im Zwang der Routine, die Überforderung, Schritt für Schritt, ein Druck, der sich so nebenbei aufbaut, dass er kaum als solcher wahrgenommen wird – bis es nicht mehr geht. Man kann nun von diesem Punkt aus einen Kapitalismus kritisieren, der den Einzelnen zum Unternehmer seiner selbst macht. Man kann das Individuum kritisieren, das bei diesem Spiel mitmacht und sich mehr über seine eigene Schwäche ärgert als über die Zwänge des Systems. Aber die Pathologien des Systems sind nur bedingt aussagekräftig für die Pathologien des Einzelnen, selbst wenn sie manchmal gemeinsame Gründe haben mögen.
Der Freitod kennt gesundheitliche oder genetische Faktoren, eine Disposition zum Tode, wie sie in manchen Familien vorkommt, er kann private Gründe haben, aus dem Impuls heraus geschehen oder lange geplant, er kann mit verblassendem Wesen zu tun haben oder verblassender Schönheit oder einer generellen Schwäche, die man nicht mehr ertragen kann. Er kann tausend Gründe haben, die niemand kennt. Jeder dieser Gründe ist relevant. Jede Tat für sich ist relevant. Keine Tat weist über sich selbst hinaus.
Dem Rätsel des Freitods kommt man nicht dadurch näher, dass man seinen Grund kennt. Wer mag entscheiden, ob ein Grund ein Grund ist? Was weiß der Einzelne von sich, das die Menschen um ihn herum nicht wissen? Was verbirgt der Mensch vor sich und vor den anderen, wann reißt dieser Schleier, wann geht es nicht mehr anders? Es ist ein Geflecht von Täuschungen, Irrtümern und Projektionen, das unser Bild von uns und von den anderen ausmacht.
Und so weist jede Tat doch wieder über sich selbst hinaus, aber in eine andere Richtung. Jede Tat, für sich betrachtet, ist das Ende eines Romans. Jede Tat, für sich betrachtet, ist das Ergebnis eines Lebens. Jede Tat, für sich betrachtet, bringt Klarheit nicht über dieses Leben, sondern über das Leben an sich. Denn wenn man das Leben ohne das Leben denkt, öffnen sich andere Perspektiven.
Der Freitod, erst einmal als Idee und nicht als Tat, bietet damit die Möglichkeit, sich selbst klar zu sehen, sich selbst nackt zu betrachten, allein vor dem Schwarz der Zeit. Es ist ein grausames Bild und darum vielleicht tröstlich, denn es geht allen so, alle sind allein und dadurch verbunden. So betrachtet, ist der Freitod das Ground-Zero des Individualismus, ein Schreckensort, von dem aus das Wissen erwachsen kann, was das Leben ausmacht.
Ein Weiser, schrieb Seneca in seinem »Brief über den Selbstmord«, wird »leben, solange er muss, nicht solange er kann: zusehen wird er, wo er leben soll, mit wem, wie, was er tun soll. Er bedenkt stets, wie das Leben beschaffen, nicht, wie lange es ist: wenn ihm viel begegnet, beschwerlich und seine Ruhe verwirrend, wird er sich freilassen. Und nicht tut er das nur in äußerster Notlage, sondern sobald ihm verdächtig zu sein beginnt das Geschick, prüft er gewissenhaft, ob nicht jetzt Schluss zu machen ist. Überhaupt nicht, meint er, sei es für ihn wichtig, ob er mache ein Ende oder finde, das langsamer geschehe oder schneller: nicht hat er davor Furcht wie vor einem großen Schaden. Niemand kann beim Vertröpfeln viel verlieren. Schneller zu sterben oder langsamer ist belanglos, anständig zu sterben oder schäbig ist wesentlich: anständig zu sterben ist aber das Meiden einer Gefahr – schäbig zu leben.«

Als Max anrief, dachte ich nicht lange nach und sagte, dass ich natürlich mit ihm wandern würde. Ich hatte Zeit. Es fühlte sich richtig an.

Georg Diez

Über Georg Diez

Biografie

Georg Diez, geboren 1969 in München, studierte Geschichte und Philosophie in München, Paris, Hamburg und Berlin. Er schrieb für die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«, die »Zeit« und die »Süddeutsche Zeitung«. Heute ist er Autor beim »Spiegel« und Kolumnist von »Spiegel Online«. »Der...

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»Das macht diesen Essay stark: Auch wenn Diez‘ Plädoyer für die Freigabe der aktiven Sterbehilfe stellenweise zu einfach gerät, lässt er doch Raum für die Unsicherheiten und Fragen, in denen das Thema angemessener platziert ist als in vorschneller Gewissheit.«

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»Wer kann sich anmaßen, einem freien Menschen das Weiterleben zu ge-, das Sterben zu verbieten? Das ist wohl tatsächlich die Frage, die allen anderen zugrunde liegt.«

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