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Die Lektionen

Die Lektionen

Roman

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Die Lektionen — Inhalt

Sie sind schön, sie haben Geld, sie sind begabt: Emanuela, Simon, Franny, Jess. Mit zielstrebiger Selbstverständlichkeit nehmen sie jede Hürde ihres Studiums in Oxford und sie sind die Freunde von Marc, der lässiger ist als alle anderen, entwaffnend charmant, offenkundig promisk und geradezu obszön reich. James würde alles dafür geben dazuzugehören. Als Jess sich in ihn verliebt, geht dieser Wunsch in Erfüllung, mehr noch, Marc bittet sie alle, bei ihm einzuziehen. Keiner widersteht diesem Angebot und bald belebt eine exklusive WG den alten Herrensitz, mit rauschenden Partys und wechselnden Liebschaften. Ohne es selbst zu merken, verstrickt sich James in eine Abhängigkeit von Marc, aus der er sich, auch als die Gemeinschaft auseinandergeht und trotz seiner Liebe zu Jess, kaum befreien kann. Mit scharfem Blick und scharfer Zunge porträtiert Naomi Alderman eine ganz besondere Facette der geschlossenen Gesellschaft einer Eliteuni versität und lotet dabei die Kräfteverhältnisse von Ehrgeiz und Einsamkeit aus, von Liebe und Macht.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 24.03.2012
Übersetzer: Christiane Buchner
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7534-5

Leseprobe zu »Die Lektionen«

Prolog
Als ich am Spätnachmittag aus San Ceterino zurückkehrte,
hatten Mark und seine Freunde offensichtlich unsere halbe
Vorratskammer leergeräumt und in den Swimmingpool
geschmissen. Rot und grün schimmerten die kandierten
Früchte eines zerfallenden Panettone durchs Wasser, und
die Kacheln des Beckenrands waren mit Eigelb und Schalensplittern
verschmiert. Am Grund des Beckens dümpelte
träge eine matschige Pizza, deren Rand bisweilen hochlappte
wie eine buntgefleckte Zunge. Ölschlieren von eingelegten
Artischocken und Paprika schwammen auf der Wasseroberfläche,
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Prolog
Als ich am Spätnachmittag aus San Ceterino zurückkehrte,
hatten Mark und seine Freunde offensichtlich unsere halbe
Vorratskammer leergeräumt und in den Swimmingpool
geschmissen. Rot und grün schimmerten die kandierten
Früchte eines zerfallenden Panettone durchs Wasser, und
die Kacheln des Beckenrands waren mit Eigelb und Schalensplittern
verschmiert. Am Grund des Beckens dümpelte
träge eine matschige Pizza, deren Rand bisweilen hochlappte
wie eine buntgefleckte Zunge. Ölschlieren von eingelegten
Artischocken und Paprika schwammen auf der Wasseroberfläche,
und über den Beckenboden lagen reife Tomaten und
Pfirsiche, Weintrauben und ein Sortiment von Milchtüten
und Käse in Wachspapier verstreut, alles noch unversehrt,
nur aufgedunsen. Um den Poolfilter scharten sich Stücke
eines pochierten Lachses, der im Wasser zerfallen war. Und
zwischen den Lebensmitteln schwamm etliches andere: ein
Gartenstuhl aus Plastik, Zigarettenkippen, ein durchweichtes
Taschenbuch, das gen Beckenboden schwebte.
Ich stieß mit der Turnschuhspitze an eine zu Eierbrei
zermatschte Quiche und schaute mich um. Kein Mensch
in Sicht. Ich war erst um zehn Uhr morgens losgefahren,
Mark musste seine Freunde bald danach angerufen haben.
Leises Fernsehgeplapper lenkte meine Aufmerksamkeit auf
den umgebauten Stall hinter mir. Genau: Als Erstes würde
ich mir die Teenies vorknöpfen, und dann Mark suchen. Ich
stapfte über den Kies zum Wohnzimmer des Stallgebäudes.
Hier klang der Fernseher schon lauter; italienische Gesprächsfetzen
und ab und zu ein Lachen drangen ins Freie.
Als ich die Tür aufstieß, schlug mir drückende Hitze entgegen.
Kleider und halb leere Chipstüten lagen über den Boden
verstreut, eine CD war zum Aschenbecher umfunktioniert
worden. Drei halb nackte Leiber räkelten sich auf den
Sofas – Stefano und Bruno, nur mit Shorts bekleidet, ließen
auf dem einen Sofa die Füße über die Lehnen baumeln, auf
dem anderen lag in Jeans und einem orangefarbenen Bikinioberteil
Stefanos Schwester Magdalena mit einer Popcornschachtel
auf dem Bauch. Drei Augenpaare schwenkten auf
mich, dann zurück auf den Bildschirm. Karl der Kojote versuchte
gerade, einen Felsbrocken über ein Kliff zu hieven,
ohne zu merken, dass der Roadrunner direkt hinter ihm
stand. Als der Roadrunner miepte, ließ der Kojote los und
wurde selbst von dem Felsbrocken überrollt. Die drei Italiener
lachten. Dass es noch Menschen gab, die Roadrunner-
Cartoons guckten und noch dazu laut lachten, war kaum zu
fassen. Aber es sind ja noch Kinder. Stefano ist der Älteste,
und der ist höchstens achtzehn.
»So, Leute«, sagte ich, »die Party ist vorbei. Ab nach
Hause mit euch.«
Sie schauten hoch, dann wieder auf den Fernseher. Karl
der Kojote hatte eine Schachtel Dynamit besorgt, das jeden
Moment in die Luft gehen konnte.
Ich hob einen Schwung Klamotten vom Boden auf und
warf sie den Jungs zu.
»Ab nach Hause, hab ich gesagt.«
Stefano zog einen Flunsch.
»Mark hat aber gesagt, wir dürfen noch fernsehen.«
»Schon möglich, aber ich sage jetzt: verschwindet.«
Stefano warf mir einen finsteren Blick zu. Ob ich ihm
überhaupt etwas zu sagen hatte? Aber er war jung, und ich
war lange genug Lehrer gewesen, um seinem Blick standzuhalten.
Ein, zwei Jahre älter, und er hätte mich niedergestarrt
und angepöbelt. Aber wenn er ein, zwei Jahre älter
gewesen wäre, hätte sich Mark nicht mehr für ihn interessiert.
Mit einem genervten Achselzucken stand Stefano auf und
zog sich ein T-Shirt über den Kopf. Bruno tat es ihm gleich,
und die drei packten ihre Sachen zusammen. Ich hielt den
Mund, auch als ich mitbekam, wie Bruno ein paar DVDs
in seiner Tasche verschwinden ließ. Magdalena konnte ihr
T-Shirt nicht finden. Als ich ihr ein altes von mir brachte,
nahm sie es schmollend entgegen, dann zog das Trio ab, den
Hügel hinunter.
Erst als sie weg waren, merkte ich, dass ich zitterte. Ich
spritzte mir auf der Toilette kaltes Wasser ins Gesicht und
starrte mein Spiegelbild an. Ich sah gealtert aus, müde und
blass, im Gesicht einen dunklen Bartschatten.
Ich ging um den Pool herum auf das Gartenhaus zu, in
dem es selbst an den heißesten Tagen immer angenehm kühl
war. Es roch unverkennbar nach Haschisch. Die drei Jugendlichen
hatten vermutlich nur gekifft, während Mark, dem
Zustand des Pools nach zu urteilen, wohl etwas Potenteres
eingeworfen hatte. Die Tür zum Gartenhaus stand offen.
Auf den Rattanmatten im Wohnzimmer lagen überall Kleider
verstreut. Ich entdeckte die Hose, die Mark am Morgen
angehabt hatte, und ein T-Shirt, das von der Größe her nur
Magdalena gehören konnte. Drinnen war der Geruch noch
intensiver, dieser typische schwere, moschusartige Duft. Sie
hatten also eine Party gefeiert. Klar.
Im Wohnzimmer herrschte Chaos, Marks Kleider lagen
zusammengeknäuelt auf dem Tisch, in der alten Musikbox
türmten sich Kippen, der Fußboden war nass, und zwei der
Korbsessel lagen umgestürzt in der Ecke. Immerhin keine
Scherben, das war im Vergleich zum letzten Mal ein echter
Fortschritt. Mark fand ich wie erwartet in dem kleinen
Schlafzimmer, nackt auf verschwitzten Laken im Bett. Erst
dachte ich, er schläft, aber als ich ihn zudecken wollte, öffnete
er die Augen und setzte sich auf.
Er war natürlich betrunken, und natürlich nicht nur das.
Seine Wangen glühten, die Augen waren übergroß, seine
Bewegungen ruckartig und unkoordiniert. Um mich ins Visier
zu bekommen, schwenkte er den Kopf vor und zurück.
Schließlich grinste er.
»Ach, du bist das, James, Mensch …« Er brach ab und sah
sich um. »Mensch, du warst ja tagelang weg. Wir mussten
uns hier drin verstecken. Draußen war’s zu gefährlich, aber
hier drin geht es.«
»Da ist gar nichts gefährlich. Und ich war bloß ein paar
Stunden weg. Seit heute früh um zehn genauer gesagt, und
jetzt ist es sechs.«
Er grinste wieder dümmlich und schüttelte den Kopf.
»Nein, das weiß ich genau, tagelang warst du weg. Deshalb
mussten wir ja alles herrichten, verstehst du, damit wir
startklar sind.«
»Startklar wofür?«
Er schüttelte den Kopf und zielte unbeholfen mit einem
Finger auf seinen Nasenflügel.
»Mark, was ist mit dem Pool passiert?«
Er blinzelte mich an.
»Der Pool, Mark. Da schwimmen Lebensmittel drin.«
Er versuchte, ernst zu bleiben, aber seine Mundwinkel
zuckten, und plötzlich kicherte er los.
»Das war Suppe! Wir haben Suppe gemacht! Wir hatten
Hunger, da hab ich gesagt, kommt, wir machen die größte
Suppe der Welt! Du hast sie doch nicht aufgegessen, oder?
Gib’s zu!«
»Nein.« Ich stützte die Daumen an die Schläfen und massierte
mir die Stirn. »Ich bin müde, Mark. Und du solltest
dich auch ausruhen. Wir reden morgen weiter, ja?«
Schlagartig wurde sein Blick listig.
»Sind die Jungs noch da? Schick sie mir doch rein. Ich
will sie hier haben.«
Der Riemen um meinen Kopf zurrte sich noch fester zu.
»Ich hab sie nach Hause geschickt. Sonst machen sich ihre
Eltern wieder Sorgen. Du weißt ja, wie das beim letzten Mal
war. Du kannst sie nicht so lange hier oben behalten.«
Er murmelte etwas, allerdings so leise, dass ich es nicht
verstand.
Ich wandte mich zum Gehen.
»Du willst mich ja bloß für dich allein!«, schrie er mir
nach.
Ich blieb stehen, die Hand auf dem Türknauf.
»Nein«, erwiderte ich. »Ich rufe jetzt den Poolmenschen
an, damit er die Schweinerei beseitigt, die ihr angerichtet
habt. Und ich hoffe, ich komme noch vor Mitternacht ins
Bett. Ich muss nämlich morgen früh raus.«
»Doch, du willst mich für dich allein«, sagte Mark. »Das
wolltest du schon immer. Du bist ja bloß hier, weil du hoffst,
dass mir die anderen irgendwann ausgehen und du als Einziger
übrig bleibst.«
Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht stieg.
»Jetzt reicht es, Mark.« Das klang allerdings weniger
überzeugend als zuvor bei Stefano, das merkte ich selbst.
»Nein, es reicht noch lange nicht«, brüllte er. »Warum
arbeitest du überhaupt? Nur damit du so tun kannst, als würde
nicht ich alles hier zahlen, das Haus, die Rechnungen,
die Haushälterin und den bescheuerten Poolmenschen noch
dazu! Dabei hast du genau das immer gewollt. Seit Oxford
wolltest du nichts anderes …«
Ich drehte mich um und ging hinaus. Er wurde immer
lauter, aber ich hielt mir innerlich die Ohren zu und dachte
an etwas anderes.
Hinterher tat es ihm leid. Wie immer. Es ist jedes Mal dasselbe.
In den frühen Morgenstunden rumorte er bereits in der
Küche herum. Er hatte geheult – Augen und Wangen hatten
diesen zerknautschten, überreifen Look –, aber vor mir tut
er das nicht mehr. Seine Haare, vom Duschen noch feucht,
fielen ihm in die Augen; er blinzelte mich durch den Vorhang
hindurch an und entschuldigte sich immer wieder von
neuem, bis ich es nicht mehr hören konnte.
Ich machte Kaffee, und wir setzten uns ins Wohnzimmer.
Wir unterhielten uns über das Haus und über unsere
geplante Reise in die Berge, die er immer wieder aufschob.
Es war ein Friedensangebot, und wie immer schmolz mein
Widerstand dahin. Kaum reden wir miteinander, ist meine
Wut verraucht.
Nach einer Weile meinte er: »Weißt du, James, das
Schöne an dir ist, dass du noch weißt, wie ich früher war.
Das weiß doch keiner von denen, die wir hier kennenlernen.
Für die bin ich bloß so ein komischer Engländer, der zu viel
Geld hat, zu viel säuft, zu viel raucht und zu viele Drogen
einwirft. Aber solange du da bist, solange du noch weißt, wie
ich früher war, bin ich mehr. Verstehst du?«
Natürlich verstand ich. Es war mir längst klar. Wir hatten
sogar schon mal darüber gesprochen.
Als die Sonne aufging, schlenderten wir mit unseren
Cider-Dosen in den Obstgarten, nicht ohne Schwärme von
spindelbeinigen Schnaken aus dem Gras aufzuscheuchen.
Hier und da standen Bänke auf der Wiese verstreut – einer
von Marks Spleens aus der Zeit, als ihm noch vorschwebte,
hier regelmäßig Partys zu veranstalten. Allerdings hat er
das Holz nicht richtig behandeln lassen, so dass die meisten
schon morsch sind.
Wir fanden eine, an der noch alle Streben intakt waren,
mit einer verrosteten Öltonne daneben, die Mark einst
mit Veilchen hatte bepflanzen wollen. Sie war halb voll mit
Regenwasser
– noch ein Hinweis auf Marks Problem, besser
gesagt seine Definition des Problems: dass sein Ehrgeiz nie
groß genug für seinen Geldbeutel sei. Schweigend sahen wir
zu, wie die Sonne aufging, tranken in tiefen Zügen unseren
Cider und horchten auf das ohrenbetäubende Gezwitscher
der Vögel, die in den Bäumen ringsum erwachten.
»Ich will sie wiederhaben«, sagte Mark schließlich. »Ich
will Daisy wiederhaben.«
»Ich weiß«, sagte ich.
»Ich will nur sie, sonst nichts. Immer nur sie. Auch wenn
ich … immer.«
»Ich weiß.«
Er lehnte sich an mich, und ich nahm ihn in den Arm. Ich
stieß mit den Füßen gegen die Öltonne und erschrak über
das Geräusch, das ich verursachte: ein wildes Dröhnen, als
hätte ich einen Messinggong angeschlagen. Über uns zogen
drei Gänse in Dreiecksformation über den blauweißen Himmel
und schrien.

Naomi Alderman

Über Naomi Alderman

Biografie

Naomi Alderman ist Absolventin der Oxford University. Heute lebt sie in London. Für »Ungehorsam«, ihren ersten Roman, wurde sie mit dem Orange Award for New Writers ausgezeichnet.

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