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Die Legenden der AlbaeDie Legenden der AlbaeDie Legenden der Albae

Die Legenden der Albae

Vernichtender Hass (Die Legenden der Albae 2)

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Die Legenden der Albae — Inhalt

Die Albae Sinthoras und Caphalor sehen sich beinahe am Ziel ihrer dunklen Pläne: Das Geborgene Land, die Heimat der Zwerge, wird von der Armee aus Trollen, Barbaren und Albae erobert. Die Länder der verhassten Elben sind zum Greifen nahe. Aber bald schon schwindet der Halt unter den Verbündeten, und die Gier siegt über den Gehorsam. Dazu droht Sinthoras und Caphalor neues Unheil. Denn es erscheint ein unerwarteter, bezwungen geglaubter Feind vor dem Reich der Albae – während die besten Krieger im Geborgenen Land kämpfen und die Heimat der Albae dem Gegner nahezu schutzlos ausgeliefert ist … Lang erwartet – der neue Roman um die finsteren Feinde der Zwerge!

Markus Heitz ist im September auf großer Lesetour durch Deutschland.
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€ 16,99 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 18.08.2011
656 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-70197-6
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erscheint am 02.10.2018
656 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28175-1
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 22.08.2011
654 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95374-0

Leseprobe zu »Die Legenden der Albae«

PROLOG

 

Welch eineGesellschaft hatte sich da versammelt! An jenem Abend! In jener Halle!

 Niemals mehr wird eine derartige Heldenschar an einem Ort zu finden sein, von solcher Größe, von solcher Macht, von solcher Einzigartigkeit!

 Ihre Auren waren für jedermann spürbar, fast greifbar. Und wenn sie zu einem Satz anhoben, jagten Schauder der Ehrfurcht durch die Körper der gewöhnlichen Albae.

 Und auch ich war ergriffen.

 Von jedem Einzelnen.

 Von Virssagòn, dem Virtuose in Kampf und Schmiedekunst, der sich die tödlichsten Waffen ersann und den Umgang [...]

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PROLOG

 

Welch eineGesellschaft hatte sich da versammelt! An jenem Abend! In jener Halle!

 Niemals mehr wird eine derartige Heldenschar an einem Ort zu finden sein, von solcher Größe, von solcher Macht, von solcher Einzigartigkeit!

 Ihre Auren waren für jedermann spürbar, fast greifbar. Und wenn sie zu einem Satz anhoben, jagten Schauder der Ehrfurcht durch die Körper der gewöhnlichen Albae.

 Und auch ich war ergriffen.

 Von jedem Einzelnen.

 Von Virssagòn, dem Virtuose in Kampf und Schmiedekunst, der sich die tödlichsten Waffen ersann und den Umgang mit ihnen lehrte;

 von Arviû, der wie kein anderer Tod und Vernichtung über die Elbenreiche brachte, und dessen grausames Schicksal ihn zum größten aller Elbenfeinde formte, sodass ihm zu Ehren noch heute unzählige Festungen in den unterworfenen Reichen stehen;

 von Morana, der anmutigen Kriegerin und Magierin, die bei aller Härte gegenüber unseren Todfeinden doch eine unverzeihliche, unverständliche Schwäche hatte;

 von Horgàta, der ruhelosen und unvergleichbar schönen, anmutigen Jägerin, die nie einen Gegner entkommen ließ und niemandem Schonung gewährte;

 und natürlich von den Nostàroi, Sinthoras und Caphalor, die den Feldzug gegen Tark Draan überhaupt ermöglichten und unserem Volk endlich, endlich die Gelegenheit der süß-grausamen Rache gaben. Diese beiden beschreiben zu wollen, wäre Frevel.

 Denn, wahrlich, meine Worte würden ihrer Großartigkeit nicht gerecht!

 Zumindest zum damaligen Zeitpunkt.

 Niemand ahnte, wie sehr sich das Blatt für sie wenden sollte.

 

Aus dem Epos »Die Helden von Tark Draan«,

aufgezeichnet von Carmondai, dem Meister in Bildnis und Wort

 

 

Tark Draan (Geborgenes Land), Graues Gebirge, Steinerner Torweg, 4371. Teil der Unendlichkeit (5199. Sonnenzyklus), Sommer

Das Rascheln von Hunderten Bannern erfüllte die schwüle Luft, und gelegentlich mischte sich der Ruf eines Greifvogels darunter, der über den sich verfinsternden Himmel zog.

Die zahllosen Albae-Krieger, die sich auf der Hochebene versammelt hatten, schwiegen in tiefer Ehrfurcht.

Den abstrakten Kunstwerken um sich herum schenkten sie keine Beachtung. Aus verschiedenen geborstenen Feindeswaffen waren die bizarren Schöpfungen geformt: verbogen, umeinander gewunden, zum Teil eingeschmolzen und miteinander verbunden. Sie reckten sich viele Schritte empor – Siegesmale, die für den Untergang der Unterirdischen standen.

Die Augen aller waren auf das mit wundervollen Knochenschnitzereien geschmückte Podest gerichtet, doch niemand ließ sich die Ungeduld anmerken.

Ein erstes leises Donnergrollen kündete vom nahenden Unwetter. Im Süden türmten sich schwarze Wolken, als wollten sie den Angreifern entgegeneilen, um sie aufzuhalten und ihren Vormarsch zu beenden; leise säuselte der warme Wind, brach sich an den emporgereckten Lanzen und Speerspitzen, an den Nieten der Rüstungen, an den Siegesmalen.

Carmondai wandte den Blick nach rechts, dann nach links, betrachtete die Umstehenden. Sie haben sich schier in Statuen verwandelt. Seine Rechte huschte über das Blatt, führte die feine Spitze aus gepresstem Kohlestaub, die in einem silbernen Halter stak. Er zeichnete ohne hinzuschauen. Korrigieren musste er nicht, er war es gewohnt, auf diese Art korrekte Striche zu ziehen und die Szenerie festzuhalten. Vorzeichnung und Gedächtnisstützen für die Gemälde, die er schaffen wollte.

Eine blutrote Sonne ging über dem Grauen Gebirge unter, in deren Schein die Besten der Óarcos, Barbaren, Trolle, Halbriesen und die Kämpfer der Albae dicht an dicht standen. Sie hatten sich versammelt, um den Helden zuzujubeln, denen sie es verdankten, den Wall am Steinernen Torweg überwunden zu haben. Nach so langer Zeit.

Die Unterirdischen, die Verteidiger von Tark Draan, waren vernichtet, ausgelöscht, und aus ihren Gebeinen würden Kunstwerke entstehen. Oder Musikinstrumente. Oder irgendwelcher Zierrat, der bald kistenweise nach Dsôn geschafft werden würde, um der Heimat vom Triumph zu berichten.

Es ist der Anfang eines unendlichen Stroms. Tark Draan wird durch unsere Klingen ausbluten. Carmondai vermerkte die Farbtöne für das Gemälde am Rand seiner Zeichnung und auch die Sorten des Blutes, die sich am ehesten dafür eigneten. Der Lebenssaft der Unterirdischen war dunkler, mystischer, wie er in einem ersten Versuch herausgefunden hatte, und nicht leicht zu verarbeiten. Aber es machte das Ganze aufrichtiger. Seine feine Nase vermochte geringe Spuren von Gestein in diesem Blut zu riechen, und so wurde der besondere Geist des Bildes zum Betrachter transportiert. Es würde die Darstellung des Kampfes noch intensiver machen.

Carmondai skizzierte unaufhörlich. Er wusste, dass Menschen bereits seine hingekrakelten Linien bewundert hätten, aber ihm genügte es kaum. Es war Kinderkunst, mehr nicht.

Seine Augen richteten sich auf die Wolken, die noch schneller zogen und auf die Eroberer zukamen. Ihr werdet uns nicht aufhalten. Der Blick schweifte über das dahinjagende Grau, Schwarz und Weiß, wanderte nach unten bis zum geschmückten Podest. Langsam bewegte sich der Alb durch die Reihen der Krieger, um es sich besser ansehen zu können.

Meisterhafte Handwerker hatten den strahlend weißen Boden der Erhöhung aus gespaltenen und getrockneten Knochen der Unterirdischen geformt; deren abgeschnittene Bart- und Haarsträhnen hielten die Gebeine zusammen. Kahle Schädel, mit Bronze übergossen, hingen an silbernen Schnüren von langen Stangen am hinteren Rand der kleinen Bühne und schlugen im Wind leicht gegeneinander. Sie schufen ein leises, metallisches Klingen, das Carmondai nun erst wahrnahm. Gebein und Metall bildeten zusammen einen außergewöhnlichen Klang. Die verzerrten Züge der Feinde waren zu schimmernden Masken geworden. Ewig währende Abbilder des Todes.

Standartenträger marschierten am hinteren Rand der Ebene auf. Die erhabenen Runen der Nostàroi schoben sich Stück um Stück näher, und der blutrote Stoff bewegte sich so leicht, als verliefe die Zeit für ihn langsamer. Dahinter folgte die Leibgarde der Befehlshaber; ihre schwarzen Lederrüstungen waren mit sinistren Tioniumplatten verziert, in denen Intarsien silbrig schimmerten. Die Zeichen auf Panzer und Helmen bedeuteten, dass ein jeder von ihnen mehr als tausend Feinde getötet hatte.

Ihr Infamen, schaut auf den Stolz unseres Volkes! Carmondai blätterte mit fliegenden Fingern um, zeichnete. Seine Haut prickelte, die Bewunderung sandte ihm einen Schauder über den Rücken.

Dann erklang ein lautes, herrisches Schnauben: Ein Nachtmahr hatte seiner Anspannung Luft gemacht, und gleich darauf sah man Sinthoras und Caphalor nahen. Ihre Reittiere waren prächtig und in Rüstzeug gehüllt. Caphalors Rappe Sardaî übertrumpfte in seinem Wuchs, in seiner Haltung jeden anderen Nachtmahr.

Carmondai ertappte sich dabei, wie er den Stift langsamer führte. Das Erscheinen der Nostàroi schlug ihn vollkommen in den Bann, denn mit ihnen brandete ein Gefühl über die Hochebene und überrollte die Versammelten, das kaum mit Worten zu fassen war. Von den beiden Albae ging eine überragende Wirkung aus: Respekt, Ehrfurcht und Anziehungskraft.

Carmondai musste sich regelrecht von diesem Anblick losreißen, sah hastig umher. Die Blicke aller waren auf die edlen Züge der Anführer gerichtet, baten stumm um ein kleines Wort, das an sie gerichtet war, um etwas von dem Größenglanz der Triumphatoren abzubekommen.

Die Faszination für die Unauslöschlichen könnte kaum größer sein. Carmondai fühlte, dass sämtliche Krieger, jegliche Kreaturen Sinthoras und Caphalor gefolgt wären, ganz gleich, gegen wen sie den Zug geführt hätten. Welche Macht sie haben!

Der Tross hielt am Podest an, Standartenträger und Leibgarde flankierten es.

Nacheinander stiegen Sinthoras und Caphalor von ihren Nachtmahren und auf die Erhöhung. Sie trugen schwarze Prunkrüstungen, auf denen Edelsteine und Intarsien funkelten; Geschmeide aus Gold und Silber lag über den Harnischen. Auf Helme hatten sie verzichtet, sodass man ihre feinen Antlitze sah und die langen blonden beziehungsweise schwarzen Haare im Wind wehten.

Carmondai hatte davon gehört, wie unähnlich sich die Nostàroi waren, und das nicht nur wegen der Farbe ihrer Haare; dass Caphalor politisch eher den Gestirnen anhing und Sinthoras den Kometen; dass sich ihre Gemüter unterschieden; sogar ihre Art zu sprechen sollte eine andere sein. Doch nun, da er sie sah … Sie könnten Brüder sein!

»Wir«, rief Sinthoras in die gespannte Stille und hob die Rechte, »stehen auf dem Land von Tark Draan! Wisst ihr, was dies bedeutet?«

Ein einziger lauter Ruf aus Tausenden Albae-Kehlen donnerte als Zustimmung.

»Keine Armee vollbrachte Größeres!«, sprach er inbrünstig. »WIR haben die Unterirdischen niedergeworfen und vernichtet. Und WIR werden die Elben niederwerfen und nicht nur sie vernichten, sondern alles, was von ihnen existiert. Nichts darf mehr an sie erinnern. WIR sind ihr TOD!« Er hob leicht den Kopf und senkte den Arm, und in seinen schwarzen Augen glomm das Feuer des Hasses. »Für die Unauslöschlichen!«

Erneut erschallte der mannigfache Rufschrei.

Carmondais Herz schlug schnell in seiner Brust, während die Spitze mit leisem Kratzen über das Papier flog. Jedes Wort musste für die Nachwelt festgehalten werden. Jedes! Ich bin Zeuge des bislang größten Erfolges unseres Volkes. Nichts darf mir entgehen.

»Wir«, rief nun Caphalor, »bringen das Sterben und tragen es bis in den letzten Winkel von Tark Draan. Königreiche werden unter unser Joch fallen, Festungen brennen, und wir werden Kunstwerke schaffen, wie sie noch keiner der dort Lebenden zuvor zu Gesicht bekam. Wir sind die neuen Herrscher!«

Nicht einmal der lauteste Donner konnte es mit den Stimmen der Krieger und dem Gebrüll der übrigen Kreaturen aufnehmen, das nach Carmondais Vorstellungskraft bis tief nach Tark Draan hineintrug. Er sah vor seinem geistigen Auge, wie die Bewohner die Köpfe voller Furcht hoben und ihre hässlichen Gesichter zum Grauen Gebirge wandten, weil sie ihr nahendes Ende erahnten. Noch heute werde ich mit einem passenden Gedicht beginnen.

Die Nostàroi ließen sich feiern und wirkten dabei wie Standbilder zweier Götter, die zu ihren Geschöpfen hinabgestiegen waren, um ihnen ihre Gunst zu erweisen.

Schließlich war es Sinthoras, der die Arme hob, und die Menge verstummte. »Der erste Sieg ist eingefahren. In den kommenden Momenten der Unendlichkeit werden wir die Gänge von den letzten Unterirdischen säubern, damit uns nichts und niemand in den Rücken fallen kann. Stöbert ihre verborgenen Schätze auf, raubt ihre Kammern aus und sendet alles als Tribut nach Dsôn Faïmon. Caphalor und ich bereden, wie wir uns aufteilen wollen, um Tark Draan den vernichtenden Stoß zu versetzen.«

»Aber heute Abend«, nahm Caphalor das Wort auf, »feiert, was wir erreicht haben. Gönnt euch Ruhe, trinkt mit euren Freunden und Kameraden – und dann«, er zog sein Schwert und zeigte damit nach Süden, in die dunklen Wolken, »vernichten wir die Elbenbrut!«

Unter ohrenbetäubendem Jubel zogen sich die Nostàroi zurück, stiegen auf ihre Nachtmahre und verschwanden hinter dem Rand der Hochebene, während die Albae und die Verbündeten nicht müde wurden, die Namen der Anführer zu rufen.

Carmondai hatte niemals zuvor in seinem langen Leben eine derartige Bewunderung für jemanden empfunden, und er begriff, weshalb einer Streitmacht mit solchen Befehlshabern jedes noch so schwierige Unterfangen glücken musste.

Signalpfeifen gellten, Fanfaren schmetterten, anderswo wurden Anweisungen geschrien. Die Versammlung löste sich auf: diszipliniert und akkurat bei den Albae, halbwegs geordnet bei den Barbaren, wirr und wuselnd vor allem bei den Óarcos und niederen Kreaturen.

Tark Draan hat uns nichts entgegenzusetzen. Carmondai verharrte an seinem Platz und beobachtete weiterhin, band sein langes dunkelbraunes Haar zusammen, damit der immer stärker werdende Wind die Strähnen nicht durch sein Gesicht und über das Papier peitschte. In weniger als einem drittel Teil der Unendlichkeit werden wir am Ziel sein.

Er schlenderte los, sah dem Strom nach, der durch verschiedene Tore in die einstige Festung der Unterirdischen Einzug hielt. Carmondai trug leichte Reisekleidung, sein Gepäck hatte er bei der Torwache zurückgelassen, weil er unbedingt der Ansprache hatte lauschen wollen. Dadurch unterschied er sich deutlich von den Albae und Kreaturen um ihn herum, wirkte verletzlich und fehl am Platz. Schlicht zu friedlich.

Die Lager der gewaltigen Armeen waren im Berg aufgeteilt, streng getrennt voneinander. Selbst unter Verbündeten gab es Feindschaften und Reibereien, und die Nostàroi waren darauf bedacht, Auseinandersetzungen unter den Völkern gering zu halten. Für die jeweilige Ordnung innerhalb der Unterkünfte waren deren Heerführer selbst verantwortlich.

Carmondai fand es faszinierend, welch starker Antrieb Gier sein konnte. Daran erkennt man die Unterschiede. Niedere Geister sterben für Geschmeide und Reichtümer, höhere hingegen töten für ihre Sache.

Er betrachtete die Horde Óarcos, in der ständig geschoben, gestoßen und geschlagen wurde. Es wunderte ihn nicht, dass sich die grün- und schwarzhäutigen Bestien, die sich die Hauer anmalten und ihre Rüstungen mit stinkendem Talg einrieben, aus den nichtigsten Gründen gegenseitig umbrachten.

»Ihr Infamen, seht euch den Abschaum an«, murmelte er. »Es ist eine Schande, dass wir sie dabeihaben.«

»Aber wir lassen sie danach hier«, sagte eine Albin plötzlich neben ihm. Im Schutz des pfeifenden, warmen Windes war es ihr gelungen, sich auf ihrem Nachtmahr unbemerkt an Carmondais Seite zu begeben. »Somit können sie uns in Ishím Voróo nicht zur Last fallen.« Sie lächelte ihn an. »Du bist Carmondai, wenn ich es recht sehe?«

Er machte einen halben Schritt zurück, damit er sie besser betrachten konnte. Ihrer Rüstung nach gehörte sie zur Leibwache der Nostàroi. Laut der Zeichen auf dem gehärteten, mit Tionium besetzten Lederharnisch war sie ledig, hatte eintausendzweihundertelf Feinde getötet und war die Tochter zweier Krieger, der offenbar die elterlichen Talente vererbt worden waren.

Sie sieht so jung aus. Carmondai konnte das Alter einer Albin üblicherweise gut einschätzen, aber aufgrund des Halbvisiers, das sie trug, gelang es ihm bei ihr nicht recht. Fünfzig? Sechzig? Aber wie soll sie in der kurzen Spanne derart viele Feinde getötet haben? »Das bin ich.« Er sah sie neugierig an und bekam ein angedeutetes grüßendes Kopfnicken von ihr.

»Dann habe ich eine Einladung für dich. Die Nostàroi haben gehört, dass du den Zug gegen Tark Draan begleitest, und sie wollen dich beim Abendessen in ihrer Gesellschaft wissen. Du sollst aufschreiben und zeichnen, damit die Unauslöschlichen die Neuigkeiten aus der Hand eines unerreichten Meisters erhalten.«

Carmondai durchlief es gleichermaßen heiß und kalt. Zuerst fühlte er sich geschmeichelt, dann aber meldete sich eine alte Abneigung: Es war ihm zuwider, von den Oberen Befehle entgegenzunehmen, und das lag nicht allein daran, dass er sich als Künstler von Ruf betrachtete. Hätte er sich freiwillig dazu entschlossen zu protokollieren und zu zeichnen, wäre es ihm eine Ehre gewesen, so aber …

»Du zögerst doch nicht etwa?« Die Albin zeigte ihre Verwunderung offen. »Nenn mir die Verabredung, die dir wichtiger erscheint, und ich reite los und töte denjenigen, um dir die Entscheidung abzunehmen!«

Die Bemerkung der Botin erheiterte Carmondai. »Sie sollen sich einen einfachen Schönschreiber suchen. Das wird genügen.«

Sie lehnte sich nach vorn, kreuzte die Handgelenke abstützend auf dem flachen Sattelknauf. »Lass es mich so sagen, Meister in Wort und Bild: Eine Einladung der Nostàroi ist nichts, bei dem du eine Wahl hättest.« Sie sagte es behutsam, doch kühl wie der Nachthauch. »Begleitest du mich nicht aus freien Stücken, bringe ich dich auf anderem Wege zu den Nostàroi, mein lieber Carmondai. Und glaube mir«, sie richtete sich auf, ohne dabei die Stimme zu heben, »ich bin dazu in der Lage.«

»Bist du das?«, gab Carmondai mit einem gefährlichen Lächeln zurück, das nicht recht zu seinem harmlosen Äußeren passen wollte. Nach einer kleinen Weile obsiegte seine Neugier, außerdem fand er die Albin immer anziehender. Er mochte normalerweise keine Kriegerinnen, aber sie umgab etwas Besonderes. »Kann ich denn deinen Namen erfahren?«

»Morana, so nannte mich meine Mutter.« Sie hielt ihm die Hand hin. »Möchtest du aufsteigen oder lieber laufen? Mein Nachtmahr ist umgänglich. Meistens beißt er keine Fremden.«

Wie von selbst streckte sich sein Arm, die Finger umfassten die ihren, und mit einem leichten Satz schwang er sich hinter sie. Sie roch nach einem unbekannten Duftwasser, das sich gegen den ledrig-metallischen Geruch des Harnischs durchsetzte; unter dem Helm schauten schwarze Haare hervor. »Bring mich zu den Nostàroi. Ich werde ihnen mit meinen eigenen Worten für ihre Einladung danken.«

Morana lachte und setzte den Nachtmahr in Bewegung, ritt rücksichtslos durch die Horde Óarcos.

Die Scheusale wichen ihnen brüllend aus, um nicht vor die scharfen Fangzähne des Rappen zu geraten. Blitze umspielten die Fesseln des Nachtmahrs und verbrannten den Stein; Ausläufer der Entladungen erreichten gelegentlich die Beine eines Óarcos und ließen ihn aufkreischen.

Morana hielt auf ein kleineres Tor zu, vor dem sich die Verbündeten nicht stauten, denn hier durfte nur durch, wer den Albae angehörte. Davor wachten zwei hochgerüstete Krieger. Ihre Haltung machte unmissverständlich, wie sie handeln würden, sollte irgendeine Kreatur versuchen, diesen Eingang unberechtigt zu nutzen.

Die Hüter warfen ihnen einen kurzen Blick zu und salutierten knapp.

»Wann bist du angekommen?« Morana ließ den Rappen locker traben, durch die Vorhalle, von deren Wänden der Hufschlag zurückgeworfen wurde.

Carmondai sah sich um und belächelte die schlichte Kunst der Unterirdischen. Ihre Reliefe zeugten vom Willen, etwas Schönes zu schaffen, doch die kleinen, dicken Finger taugten nicht für filigrane Arbeiten. »Heute. Ich kam nicht früher aus Riphâlgis los, und ich gestehe, dass ich mich ärgere, den Angriff gegen die Festung verpasst zu haben. Wenigstens durfte ich der Rede der Nostàroi lauschen und werde ihr Gast sein.« Er sprach den letzten Satz mit Heiterkeit aus.

»Es hätte dir gefallen. Eine solche Schlacht habe selbst ich noch nicht erlebt!« Morana lenkte den Nachtmahr durch das kleinere, rechte Tor. Ihre Köpfe berührten beinahe die Gewölbedecke.

Carmondai sah noch mehr gemeißelte Runen, die er nicht verstand. Auch sie sind so primitiv wie die übrigen. »Ich weiß«, sprach er seufzend. »Ein Elend mit meinem Nachtmahr, dass er ausgerechnet auf dem Ritt hierher in die Endlichkeit einging.«

Der Hengst schnaubte, und gleich darauf kamen sie an eine Kreuzung, an der sie anhalten mussten: Vor ihnen passierten Albae in Lederschürzen die Stelle und schoben die entkleideten Leichen von Untergründigen auf Karren vor sich her. Als sie die Reiter erblickten, bildeten sie eine Gasse, damit die beiden durchkamen.

Das will ich genauer sehen. »Warte auf mich.« Carmondai glitt vom Nachtmahr und gesellte sich zu den ledergeschürzten Albae.

Mit Abscheu und Faszination betrachtete er die bleichen, groben Leiber der Feinde, die alle mit einem schmalen Stich ins Herz getötet worden waren. Keine Opfer des Gefechts. Ihnen fehlt jede Feinheit. Unfertige Kreaturen, und hässlich obendrein. Als hätte ihr Gott bei ihrer Erschaffung für etwas Besseres geübt. Auf einem anderen Karren, der bereits den Quergang entlangrollte, sah er Fässer, in denen es gluckerte; es roch intensiv nach dem steinig-metallischen Blut der Untergründigen.

»Ich grüße euch«, sagte er und zog seinen Stift, öffnete die Schreibkladde. »Sagt, was tut ihr da?«

»Wir bereiten sie vor, wie es abgesprochen war.« Der Alb, der einen fein getrimmten, kurzen Kinnbart trug, sah Carmondai rätselnd an. »Bist du ein Beauftragter der Nostàroi und gekommen, um uns zu überwachen?« Sein Blick legte sich für ein, zwei Herzschläge auf Morana.

»Er ist Carmondai, der Meister in Wort und Bild«, rief sie vom Sattel herab. »Er möchte Dsôn Faïmon berichten, was im Grauen Gebirge vor sich geht.«

»Carmondai?« Der Alb neigte das graue Haupt. »Ich bin ein Verehrer deiner Kunst! Niemals hätte ich gedacht, dich einmal persönlich zu treffen. Ich bin Durùston.«

Durùston! Carmondai kannte den Namen. Er gehörte einem Skulpteur, der in Riphâlgis lebte und dafür bekannt war, Stelen aus metallisierten Knochen und präparierten Eingeweiden zu fertigen. Seine Werke standen in den Häusern der Mächtigen von Dsôn. »Meinen Gruß, denn auch du bist für mich kein Niemand.« Er zeigte auf die Leichen. »Also ist dies Material für deine nächste Schöpfung?«

Durùston lächelte verschmitzt. »Teils, teils. Ich bat die Nostàroi, mir die Leichname der Unterirdischen zu überlassen, für die es keinerlei Verwendung gibt und auf die sie keinen Anspruch erheben.« Er zeigte den Gang entlang. »Dort habe ich in einer ehemaligen Schmelze eine Werkstatt eingerichtet. Meine Sklaven und meine Schüler verwerten die Leiber: Knochen und Sehnen für die Skulpteure, Blut und Haut für die Schreiber und Maler, Haare und Bärte für die Pinsel. Wobei«, Durùston machte ein betrübtes Gesicht, »sich die Barthaare nicht sonderlich gut eignen. Sie sind zu hart. Wir müssen sie erst mit Essig weich kochen, und ich weiß nicht, ob sich der Aufwand lohnt. Dazu noch der Transport durch Ishím Voróo … Ich sollte Bürsten daraus machen!«

Carmondai musste lachen. »Vom Künstler zum Kaufmann.«

Durùston wirkte ertappt. »Man muss an die Zeiten in der Unendlichkeit denken, wenn der Name einmal nicht mehr gefragt sein könnte.« Er wandte sich zum Gehen. »Du bist jederzeit ein willkommener Gast in meiner Werkstatt, wenn du sie zeichnen möchtest. Die Anatomie der Unterirdischen ist aufschlussreich; sie zu kennen kann bei zukünftigen Kämpfen von Vorteil sein.«

»Zukünftige Kämpfe?« Carmondai wechselte mit Morana einen raschen Blick. »Ich denke, wir haben sie besiegt?«

»Noch nicht«, antwortete ihm Durùston. »Es gibt tief im Grauen Gebirge noch einige Bastionen, die wir einnehmen müssen. Die Hauptschlacht haben wir gewonnen, das ist richtig. Doch die Unterirdischen sind zäh. Ich sagte ja, ihre Anatomie ist aufschlussreich. Sie werden uns noch lange beschäftigen, glaube mir.« Er gab das Zeichen zum Weiterfahren und folgte dem Karren. »Du bist jederzeit eingeladen«, rief er.

»Danke sehr.« Carmondai kehrte zu dem Nachtmahr zurück, verstaute seine Schreibutensilien, Morana war ihm beim Aufsteigen behilflich. »Wie hat er das gemeint?«, fragte er sie.

Sie ließ den Rappen antraben. »Wie er es gesagt hat: Es gibt kleine Festungen, in denen sich die Unterirdischen mit ihren Familien verschanzt haben. Verzweifelter Widerstand, nichts von Dauer.« Sie klang zuversichtlich, herablassend, als redete sie von Belanglosigkeiten.

Schweigend ritten sie durch das unterirdische Reich, das sich seit Kurzem in der Hand der Albae befand.

Immer wieder entdeckte Carmondai dunkelrote Blutspuren am Boden und an den Wänden, die von den einstigen Herrschern im Berg stammten. Die Toten sind bestimmt von Durùston weggeschafft worden.

Schließlich gelangten sie in einen Bereich, in dem die Insignien der Nostàroi angebracht waren. Banner und Fahnen der Albae hingen von den hohen Decken, die Runen der Unterirdischen waren mit Hammerschlägen zerstört worden. Das Schicksal der Besiegten.

Auch wenn sich Carmondai nicht ängstigte, meilenhohes Gestein über sich zu wissen, fühlte er sich nicht wirklich wohl. In Riphâlgis hatte er sein Haus so errichtet, dass er von dort aus einen wunderschönen Ausblick weit über ein Tal hatte. Er mochte diese scheinbare Unendlichkeit, in der die Gedanken schweifen konnten. Hier hatte er das Empfinden, begraben zu sein. Je eher ich weiterreise, desto besser.

In einer gewaltigen Halle zügelte Morana den Nachtmahr und stieg ab. Carmondai folgte ihrem Beispiel.

Vielarmige Ölleuchter brannten rauchlos und sorgten für Licht, das aromatisierte Petroleum verbreitete den Geruch von Rymablüten. Etwa dreißig Krieger der Leibwache hielten sich in der Halle auf, ihr Lager war am Rand aufgeschlagen. Die errichteten Feldbetten reichten für mehr als dreihundert, und dennoch machte die Halle auf Carmondai noch immer einen unendlichen Eindruck.

»Wir müssen dorthin.« Morana zeigte auf das Tor aus massivem Gold, auf dem vom ursprünglichen Relief nichts mehr zu sehen war: zertrümmert, abgestemmt, platt geschlagen. »Dort war einst einer der Thronsäle, nehme ich an. Nun ist es die Residenz der Nostàroi.« Ein junger Alb eilte heran, nahm ihren Hengst am Zügel und führte ihn davon.

Sie schritten auf den Eingang zu, vor dem wiederum vier Leibwächter standen und ihnen das Tor öffneten.

Carmondais Herz schlug schneller. Er war keinesfalls standesgemäß gekleidet, doch es zu ändern, fehlten ihm die Mittel. Andererseits kam ihm die Respektlosigkeit, die seine gewöhnliche, beschmutzte Reisegarderobe darstellte, nicht ungelegen. Ein Künstler unterstand keinem Krieger. Sie sollen wissen, dass ich erscheine, weil ich es möchte, und nicht, weil sie es befehlen.

Vor ihm öffnete sich ein Saal, dessen fünfeckige Säulen bis hinauf in die Dunkelheit ragten. In der Mitte stand ein steinerner Tisch, um den sich fünf Albae versammelt hatten. Geschirr und Besteck zeigten, dass man gedachte, ein Festmahl abzuhalten.

Sinthoras und Caphalor saßen gemeinsam am Kopfende, als gleichberechtigte Heerführer der Streitmacht. Die anderen kannte Carmondai nicht, was auch nicht weiter verwunderlich war. Er hatte dem Kampf vor langer Zeit abgeschworen, um sich der Kunst zu widmen, und kannte die Kriegerinnen und Krieger nicht, die besonders angesehen waren. Jedenfalls nicht ihren Gesichtern nach. Sie wirken stattlich. Fast so stattlich wie die Nostàroi.

Als Zeichner hatte er gelernt, mit einem Blick Kleinigkeiten zu erfassen, die Besonderheiten auszumachen. An Personen und Dingen. Und es war ihm sogleich bewusst, dass die Versammelten außergewöhnlich waren.

Die Rüstung beispielsweise, die der braunhaarige Alb zu seiner Rechten trug, suchte ihresgleichen. Sie wirkte dicker, ohne den Krieger dabei einzuengen. Die Ziernieten auf der Brust liefen über die Schultern bis auf den Rücken, die Spitzen sahen geschliffen aus. Anlehnen kann er sich damit nicht.

Auf den Oberschenkeln lagen zwei lange Schwerter.

Ihm gegenüber saß ein blasshäutiger Kämpfer, der auf jegliche Panzerung verzichtete. Er trug weit geschnittene Seidengewänder, die in mehreren Lagen seinen Körper umschmeichelten; vornehmlich waren die Stoffe rot, dazu Schwarz und etwas Grün. Die Finger steckten in dünnen Handschuhen, falsche Nägel aus Silber saßen überlang auf den Kuppen. Ein breites, schwarzes, mit weißen Symbolen besticktes Stirnband hielt die dunklen Haare zurück. Hinter ihm stand ein Alb, der einen fast drei Schritt langen, dünnen stählernen Bogen für ihn hielt, an der Hüfte trug er den Köcher mit den Pfeilen.

»Ihr ehrwürdigen Nostàroi!« Morana verneigte sich in Richtung der Tafel, und Carmondai musste es ihr nachtun. Sein Blick senkte sich, er verlor die Versammlung aus den Augen, obwohl er noch viel mehr sehen wollte. »Ich bringe euch Carmondai, den Meister in Wort und Bild«, sprach sie.

»Wie sehr wir auf dich gewartet haben, mein verehrter Carmondai«, hörte er Sinthoras’ freundliche Stimme, in der ein gönnerhafter Ton mitschwang. »Du kommst rechtzeitig.«

Carmondai hob den Kopf und sah den blonden Alb an, der wie Caphalor eine Prunkrüstung trug. »Verzeih mir, wenn sich meine Freude in Grenzen hält, denn ich bekam das Gefühl vermittelt, ich solle euch als Schreiberling gereichen, nicht als Meister des Wortes«, erwiderte er. »Diesen Dienst könnte jeder Schüler für euch verrichten.« Sein Herz trommelte vor Aufregung, und er richtete sich zu seiner vollen Größe auf.

Auf Caphalors Antlitz stahl sich ein amüsiertes Grinsen, und er verschränkte die Arme vor der Brust. »Siehst du? Ich sagte doch, dass er es falsch verstehen wird.« Die Albae an der Tafel lachten leise, aber nicht herablassend. »Ich hätte eine Wette eingehen sollen.«

Sinthoras wirkte trotz Carmondais harscher Worte nicht beleidigt. Er streckte die Hand aus und deutete auf einen der beiden letzten freien eingedeckten Plätze. »Setz dich, Carmondai, und nimm meine Entschuldigung, sollten wir dich mit unserer Bitte in irgendeiner Form verletzt haben. Natürlich wissen wir um deinen Ruf und um dein Können. Du bist als Einziger in der Lage, diese Herausforderung zu meistern, die wir an dich herantragen möchten.«

Carmondai begab sich zu dem hochlehnigen Sessel, den Diener für ihn zurechtschoben. Kaum hatte er Platz genommen, wurde ihm dunkler Wein in einen kristallenen Pokal eingeschenkt. Was kann es sein, was ich tun soll? Seine Aufregung hatte sich noch nicht gelegt.

»Ich möchte dir nun die Albae vorstellen, in deren Gesellschaft du dich befindest«, fuhr Sinthoras fort.

Die Bediensteten trugen weitere Teller und Bestecke herein, positionierten sie vor den Gästen. Zu Carmondais Verwunderung setzte sich Morana nach einer knappen Geste von Caphalor ebenfalls. Zuvor hatte sie Helm und Mantel abgelegt, die von einem verhüllten Sklaven entgegengenommen worden waren. Wenn er ihren überraschten Gesichtsausdruck richtig deutete, schien sie die Einladung unverhofft zu treffen. Damit schien die Runde vollzählig.

»Ich verrate dir vorab: Du befindest dich in allerbester Gesellschaft.« Sinthoras deutete auf den Alb in den weiten Gewändern. »Das ist Arviû, der beste Bogenschütze, den das Heer hat; er befehligt unsere Fernkämpfer. Ihm gegenüber siehst du Virssagòn, Krieger und ein Meister im Ersinnen neuer Waffen und passender Kampftechniken.«

Carmondai deutete eine Verneigung an. Der Name Virssagòn sagte ihm etwas, von Arviû hingegen hatte er noch nie gehört. »Es ist mir eine Ehre.«

»An deiner Seite befindet sich Horgàta, die nicht nur eine blendende Schönheit, sondern zugleich die tödlichste Albin ist, die je in ein Gefecht gegen die Truppen von Tark Draan zog«, sagte Sinthoras.

Carmondai wandte sich halb zur Seite, damit er sie besser betrachten konnte, wozu sich vorher keine Gelegenheit ergeben hatte. Die Züge waren perfekt, ebenmäßig und von immenser Wirkung auf ihn. Sie trug eine ähnliche Rüstung wie Morana, auf ihrer jedoch befand sich noch mehr Zierde. Zu seinem Erstaunen trug sie keinerlei sichtbare Waffen bei sich. Die langen weißblonden Haare hatte sie zu kunstvollen Zöpfen geflochten, in die Schmucksteine und feinstes Knochenschnitzwerk eingearbeitet waren.

»Dir gegenüber sitzt Morana, die zweite Befehlshaberin unserer Leibwache«, beendete Caphalor die Vorstellung. »Sie weiß wie du nicht wirklich, warum sie hier ist.« Wieder lachten die Gäste bis auf Carmondai und Morana.

Er legte die Kladde auf den Tisch, neben das Geschirr, und nahm den Stift hervor. Ihr denkt, ich müsste euch huldigen oder mich gar unterwürfig zeigen? Ganz bewusst positionierte er Kladde und Stift so, dass klar war, dass er erst schreiben oder zeichnen würde, wenn er erfuhr, was es mit dieser Zusammenkunft auf sich hatte. »Werte Nostàroi«, hob er an. »Eigentlich hatte ich vor, meinen Unmut drastisch zu äußern, aber ich gestehe: Ihr habt es geschafft, dass meine Neugier nun meinem Unmut überwiegt. Wenn mir jetzt auch noch das Mahl mundet, vergebe ich euch.« Das saß. Dennoch beschleunigte sein Herz noch mal den Takt, und sein Mund wurde trocken.

Sinthoras Antlitz verfinsterte sich. Eine einzige schwarze Wutlinie schoss von der Nasenwurzel gezackt bis zum Kinn, als würde sein Gesicht im nächsten Moment in zwei Hälften auseinanderfallen.

Es war totenstill im Saal, sogar die Diener rührten sich nicht. Drei, vier, fünf Lidschläge lang sagte niemand ein Wort.

Dann lachte Caphalor schallend los. »Carmondai ist nicht nur ein Meister der Schrift, nein, er vermag durchaus bissige Reden zu führen!« Er löste die vor der Brust verschränkten Arme und deutete Applaus an. »Es ist schön, dass du dich nicht verstellst und zu deinem Stolz stehst, anstatt daran zu ersticken.«

»Was hast du erwartet?«, warf Horgàta leise ein. »Bei seiner Vergangenheit?«

»Tu das nicht zu oft, Carmondai«, setzte Sinthoras flüsternd hinzu. »Ich kannte einige, deren Stolz sie das Leben kostete.« Die schwarze Linie verblasste und löste sich auf. Er langte nach seinem Pokal und hob ihn. »Auf die Unauslöschlichen, den Feldzug gegen Tark Draan und das Ende der Elben!«

Die Runde stimmte ein.

Ich sollte mich zurückhalten. Es scheint sich Großes anzubahnen, und ich will dabei sein. Carmondai trank seinen Pokal leer, denn ihn dürstete, und die Anspannung war etwas von ihm abgefallen.

Eine erste Vorspeise wurde gebracht: gebratenes Fleisch, das saftig und rosa auf dem polierten Gebeinteller lag und einen wunderbaren Gewürzduft verströmte. Sie machten sich ans Essen. Den Nostàroi schien es zu gefallen, ihre Gäste auf die Folter zu spannen.

Carmondai rätselte, während er genießend aß, was er zu hören bekommen würde. Immer wieder ließ er den Blick schweifen, um sich die bedeutenden Albae einzuprägen, damit er sie später in seinen Bildern richtig traf. Ihm kam es vor, als würden sich Morana und Caphalor gelegentlich in die Augen blicken und gleich wieder wegsehen. Ein Paar sind sie aber nicht.

Niemand sprach. Es wurde geschnitten, gekaut, geschluckt, geschnitten, gekaut … Das Hornbesteck erzeugte ein leicht reibendes Geräusch auf dem Beinteller.

Die Diener brachten nach dem ersten Mahl eine Landkarte herein, beinahe so groß wie der Tisch, auf der Tark Draan abgebildet war – soweit bekannt war, wo was lag. Viel war daher nicht eingezeichnet.

Sinthoras erhob sich, den Pokal mit dem dunklen Wein in der Linken. »Was wir hier sehen, bedeutet viel Arbeit. Zuallererst müssen wir Spione entsenden, gekleidet wie Elben, um mehr über die derzeitige Aufteilung der Königtümer zu erfahren: Truppenstärke und deren Verteilung, Grenzverläufe, Animositäten zwischen den Herrschern, die genaue Lage der Elbenreiche und vieles mehr.« Er sprach sachlich und doch mit Feuer in den Augen. »Auch soll es Barbaren geben, die sich auf das Wirken von Zauberei verstehen. Sie könnten uns Schwierigkeiten bereiten, deswegen müssen sie baldigst ausgeschaltet werden. Vor allen anderen Königen und Fürsten in Tark Draan.«

»Wir gehen davon aus«, ergänzte Caphalor und strich das schwarze Haar zurück, »dass sich die Kunde vom Fall des Steinernen Torwegs bald verbreitet. Bis dahin müssen wir die wichtigsten Dinge in Erfahrung gebracht haben.« Er richtete seinen Blick auf Carmondai. »Möchtest du vielleicht nun mitschreiben?«

Carmondai zögerte, dann aber streckte er die Hand aus und nahm den Stift. »Bist du sicher, dass ich es nicht bereuen werde, euch den Gefallen zu tun, weil man mich später als Laufbursche oder Thronschreiber der Nostàroi verlachen wird?«

»Niemand wird es wagen, über dich zu lachen. Dein Name wird in einer Linie mit den unseren und den Albae hier an dieser Tafel stehen«, verkündete Caphalor geheimnistuerisch. »Nein, sagen wir, knapp darunter.«

»Sollten wir ihn nicht einer Prüfung unterziehen, ehe ihm diese Ehre zuteil wird?«, warf Arviû ein. Sein Tonfall machte deutlich, dass der Meisterbogenschütze nicht viel von Carmondai hielt – oder zumindest nichts von seiner Anwesenheit – und er den Ruhm ungern teilte. »Verdient er sie denn?«

Missgunst. Carmondai richtete den Blick auf den Bogenmeister. »Wie soll diese Prüfung aussehen? Möchtest du eine Schriftprobe, oder soll ich dir beweisen, dass ich schnell und sauber zeichne?«, erwiderte er freundlich.

»Lautet eine Weisheit nicht, dass das Schwert mächtiger sei als die Feder?«, mischte sich Virssagòn mit einem breiten Lächeln ein, um anzudeuten, dass er den Vorschlag, den er gleich unterbreiten würde, nicht ernst meinte. »Was hältst du davon, Arviû: Wenn er mit seiner Feder gegen mich besteht, soll er dabei sein.«

Da die Nostàroi nicht eingriffen, nahm Carmondai an, dass dies bereits seine Prüfung war. Sie wollen sehen, wie ich mich schlage. »Arviû und ich benutzen beide eine Feder. Ich in der Hand, er am Ende seiner Pfeilschäfte. Und ein Pfeil ist sehr wohl mächtiger als ein Schwert, wie ich finde«, gab er zurück. »Nun, solltest du auf eine Prüfung bestehen und herausfinden wollen, welche unserer Federn die bessere ist, Arviû …« Carmondai setzte an, sich von seinem Sessel zu erheben.

»Das wird nicht nötig sein. Es bedarf keiner Prüfung«, schritt Sinthoras rasch ein, als hätte er Angst, durch zu langes Schweigen seine Autorität sowie die Bedeutung neben Caphalor zu verlieren. »Wir haben euch beide – Morana und dich, Carmondai – auserkoren, die entscheidendsten Aufträge im Verlauf des Feldzuges zu übernehmen!«

Carmondai war erleichtert und begann augenblicklich zu schreiben. Er unterdrückte die Frage, was er zwischen den ganzen Kriegern in Tark Draan tun sollte. Er sah kurz zu Morana, die offensichtlich ebenso überrumpelt war wie er, und ließ den Blick schweifen: Keiner der Versammelten wirkte, als hätte er mit dieser Eröffnung gerechnet.

Seine Hand bewegte sich wie von selbst, skizzierte und hielt Einzelheiten fest: Antlitze, Rüstungen, Gesten, Sitzpositionen der Albae – nur so würde er sie später in einem monumentalen Gemälde richtig darstellen können.

Er sah das Bild vor sich, gut zehn Schritte lang und sechs hoch, damit der Saal zur Geltung kam. Ich werde die zerschlagene Krone der Unterirdischen hinzumalen, sinnierte er und komponierte den Aufbau: eine lange Tafel, von sachtem Licht beschienen und von Säulen eingefasst, und dann die Nostàroi, in ihrer ganzen Herrlichkeit, die etwas mehr als die der anderen Albae sein musste. Ohne dass er etwas dagegen tun konnte, tauchte er mit seinen Gedanken tiefer und tiefer in das zu schaffende Gemälde ein, suchte bereits nach den passenden Farben, ging im Kopf seine Vorräte durch, überlegte sich neue Komponenten … Sinthoras’ weitere Erklärungen wurden zu einem angenehmen Gemurmel – das abrupt endete.

»Carmondai, was schreibst du da?«, hörte er Caphalors verwunderte Frage. »So viel sprach niemand bislang, aber deine Hand jagt nur so über das Blatt.«

Carmondai sah auf, erfasste die Umgebung noch nicht wirklich, da sich sein Geist weiterhin mit dem Gemälde beschäftigte und sich zunächst weigerte, damit aufzuhören. Seine Schöpfungskraft wehrte sich gegen die Unterbrechung. »Bitte?«, sagte er kehlig und versuchte, sich zu fangen. »Ich …« Er räusperte sich und langte nach dem Weinpokal.

Arviû beugte sich nach vorn, um zu sehen, was in die Kladde geschrieben worden war. »Da steht nichts. Er hat gezeichnet«, sagte er dann und lachte kurz, doch leicht verächtlich; sie würden keine wahren Freunde werden. »Wie soll daraus später etwas für die Nachwelt werden? Sollten die Worte nicht so niedergeschrieben werden, wie sie aus dem Mund der Nostàroi kommen, statt dass du sie anhand deiner Striche erfindest?«

Die Feindschaft, die erneut in Arviûs Worten mitklang, machte Carmondai stutzig. Was habe ich ihm getan?

»Carmondai, ich weiß, wie leicht sich ein Künstler ablenken lässt«, sagte Sinthoras milde. »Aber beherrsche dich und unterdrücke deine Visionen. Schreibe auf, was wir sagen. Danach ist Zeit für Zeichnen und Malen. Das ist es doch, womit sich dein Kopf beschäftigt, richtig?«

Carmondai nickte und gab sich Mühe, den anordnenden Ton zu überhören. Ich fürchte, dieses Kunststück werde ich noch öfter vollbringen müssen. Er nahm einen Schluck. »Es wird nicht wieder vorkommen, doch der Anblick hier ist so … mitreißend, überwältigend!« Er sah ausgerechnet die anmutige Horgàta dabei an, und Virssagòn musste grinsen, wie Carmondai aus den Augenwinkeln bemerkte.

»Am besten«, sagte Sinthoras, »beginne ich noch einmal. Und ich bitte dich, Meister des Wortes, schreibe und erhalte der Nachwelt, welche Aufträge die Nostàroi an diesem Splitter der Unendlichkeit den Besten der Albae gaben!«

Markus Heitz

Über Markus Heitz

Biografie

Markus Heitz, geboren 1971, lebt als freier Autor im Saarland. Seine Romane um »Die Zwerge«, alle bei Piper erschienen, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mit »Die Legenden der Albae« führt Markus Heitz alle Fans in die Welt der Dunkelelfen. Als einziger deutscher Autor gewann er bereits...

Medien zu »Die Legenden der Albae«


Pressestimmen

lesemomente.blog.de

»(...) spannende und mitreißende Fantasy-Unterhaltung.«

rcn

»Heitz schafft es immer wieder, einen regelrecht zu fesseln und ganz in seine Geschichte eintauchen zu lassen.«

booksection.de

»Wir sind gespannt, wie die Legenden der Albae weitergehen und wohin uns Markus Heitz mit dem nächsten Band entführt- und wen wir dort treffen werden. Sicher ist jedoch schon jetzt eines: Dem Autor ist mit ›Die Legenden der Albae - vernichtender Hass‹ auch diese Mal wieder packendes und spannendes Fantasyfutter geklungen. «

fantasybuch.de

Markus Heitz ist ein Phänomen im Bereich der Phantastischen Literatur.

feenfeuer.wordpress.com

Markus Heitz hat mit dem zweiten Teil der Reihe ins Schwarze getroffen. Spannende Kampfszenen, aber auch Szenen aus dem alltäglichen Leben der Albae machen das Buch sehr abwechslungsreich und Lust auf die Fortsetzung der Reihen.

Saarbrücker Zeitung

Fans von Markus Heitz dürfen bedenkenlos zugreifen.

Sonic Seducer

»Erneut gelingt es Markus Heitz mühelos, die scheinbar unzähligen Charaktere der Albae, Elben, Menschen, Magae und sonstigen Kreaturen miteinander zu verknüpfen und ihre unterschiedlichen Beweggründe anschaulich darzustellen.«

Thespine.de

Der Leser kann sich in der faszinierenden, grausamen Welt der Albae verlieren.

gothic-family.net

Ein klarer Heitz: Sprich: gut aufgebaut, sehr detailliert ausgeführt.

fantasybuch.de

Markus Heitz ist ein Phänomen im Bereich der Phantastischen Literatur.

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