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Die Kriegerin der Himmelsscheibe 1Die Kriegerin der Himmelsscheibe

Die Kriegerin der Himmelsscheibe 1

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Die Kriegerin der Himmelsscheibe 1 — Inhalt

Das Land wird von Naturkatastrophen heimgesucht. Gewaltige Feuersbrünste brennen alles Leben nieder, entfesselte Stürme vernichten ganze Wälder und Siedlungen. Hilflos stehen die Menschen dem Unheil gegenüber. Einzig die Heilerin Arri könnte den Untergang noch verhindern – mithilfe der geheimnisvollen Himmelsscheibe, der übersinnliche Kräfte zugeschrieben werden. Doch die Scheibe ist verschwunden, und Arri gerät unter einen schrecklichen Verdacht. Flucht scheint der einzige Ausweg. Doch ihre Feinde sind ihr dicht auf den Fersen ...
»Die Kriegerin der Himmelsscheibe« – jetzt in 2 Einzelbänden oder als preiswerter Gesamtband!

 

€ 2,99 [D], € 2,99 [A]
Erschienen am 01.04.2016
263 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98285-6
€ 6,99 [D], € 6,99 [A]
Erschienen am 01.04.2016
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98284-9

Leseprobe zu »Die Kriegerin der Himmelsscheibe 1«

TEIL 1

 

1 Arri war so gut wie tot. Und das wusste sie auch.
Das Gemurmel der Männer, die über ihr Schicksal bestimmten, das Plätschern der Wellen, die die Pfähle der Holzkonstruktion umspielten, auf der ihre Hütten ruhten, das leise Seufzen und Knarren des Einbaums, auf den man den Herrscher der Raker für die letzte Reise gebettet hatte – all dies vermischte sich auf eine entsetzliche Weise mit dem fernen Totengesang der Klageweiber. Sie versuchte das Gewicht auf die rechte Seite zu verlagern, um ihre schmerzhaft verkrampften Nackenmuskeln zu [...]

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TEIL 1

 

1 Arri war so gut wie tot. Und das wusste sie auch.
Das Gemurmel der Männer, die über ihr Schicksal bestimmten, das Plätschern der Wellen, die die Pfähle der Holzkonstruktion umspielten, auf der ihre Hütten ruhten, das leise Seufzen und Knarren des Einbaums, auf den man den Herrscher der Raker für die letzte Reise gebettet hatte – all dies vermischte sich auf eine entsetzliche Weise mit dem fernen Totengesang der Klageweiber. Sie versuchte das Gewicht auf die rechte Seite zu verlagern, um ihre schmerzhaft verkrampften Nackenmuskeln zu entlasten. Aber das ließen die Fesseln nicht zu, mit denen man sie hier festgezurrt hatte. Trotz des Stechens im Nacken verdrehte sie so weit wie möglich den Kopf, um zu dem schwarzen Einbaum hinabzublicken, den Taru im zerrissenen Widerschein der nächtlichen Uferfeuer an einem Pfahl angebunden hatte.
Niemals würde sie den Blick vergessen, mit dem er sie gemustert hatte, bevor er sich von ihr abwandte. Dieses Gesicht, das dem seines Vaters so sehr ähnelte: schmal war es, mit einem kraftvollen Kinn und energischen Wangenknochen; dann der nackte Oberkörper, auf dem Wassertropfen perlten, wie sie es auch an Dragosz so geliebt hatte, die wie zum Schlag erhobene rechte Faust – er war in diesem Augenblick so sehr das Abbild seines Vaters gewesen, dass sie hätte schreien können.
Doch dann dieser Blick. Der Hass. Die Abscheu. Das Verlangen, die junge Frau seines Vaters an den Haaren zu packen und ins Wasser hinabzuziehen, sie zu ersticken, zu vernichten, sie aus … zu … löschen. Es lag ein Versprechen in diesem Blick, und es bestand nur aus einer einzigen Drohung: Bald, Arianrhod. Schon sehr bald werde ich kommen und dich töten!
»Taru!«
Arri zuckte bei der Erinnerung an den Ausruf zusammen, mit dem Abdurezak den Jungen zur Räson gebracht hatte. Sie schämte sich ihrer Gefühle. Sie schämte sich auch dafür, dass sie zu schwach gewesen war, das Unglück aufzuhalten. Letztlich schämte sie sich sogar, überhaupt geboren worden zu sein.
Und jetzt saß sie hier allein mit ihrer Scham und ihrem Entsetzen, gefesselt, jedoch weniger durch die Stricke, die man ihr angelegt hatte, als durch ihre eigenen Gedanken. Nur ganz langsam begriff sie, dass ein neuer Tag begann, der erste Tag ohne Dragosz, also ohne den Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens hatte verbringen wollen – und sie begriff, dass dieser Tag für die Welt um sie herum nicht anders beginnen würde als schon unzählige Tage zuvor.
Sie öffnete den Mund zu einem verzweifelten Schrei – und schloss ihn dann wieder, ohne dass auch nur ein einziger Laut über ihre Lippen gekommen wäre. Alles war so sinnlos geworden. Sie und die Welt – das passte nun nicht mehr zusammen.
Wie der kalte Atem des Todes hingen zerrissene Nebelschwaden über dem Wasser, durchdrungen vom schwachen Rosarot der Morgenröte. Auch dieser Morgen würde sich durch nichts davon abhalten lassen, so zu werden, wie es ihm bestimmt war: schön, heiß und strahlend. Im Licht der gemächlich aufgehenden Sonne drängten sich Arri Einzelheiten auf, die die anscheinend endlos währende Nacht verborgen gehalten hatte. Sie wollte nichts sehen, wollte auch gar nicht zu dem Einbaum hinüberblicken, der sanft auf den Wellen schaukelte. Mit aller Gewalt zwang sie ihren Blick darum zu Boden. Sie hatte dieses Boot schon immer gehasst: weil es das Symbol für Dragosz’ Tod war.
Doch je mehr sie versuchte, den Einbaum aus ihren Gedanken zu verdrängen, umso mehr Macht schien er über sie zu gewinnen. Sie war sich schmerzhaft bewusst, dass er in seiner Art einmalig war, nicht vergleichbar mit den anderen Booten, die ein Stück weiter auf den rauen Ufergrund gezogen worden waren. Er wirkte breiter als üblich und gerade so lang, dass ein hochgewachsener Mann darin liegen konnte. Überdies war er statt aus Buchenholz aus einem wuchtigen Eichenstamm geschlagen worden, jenem Holz also, von dem es hieß, es überdauere die Ewigkeit.
Alle im Dorf hatten gewusst, warum Dragosz selbst mit Hand angelegt hatte, als die Männer den gedrungenen Einbaum im Frühjahr ausgebrannt und behauen hatten. Er sollte ihm einmal für die letzte Reise über den Frykr dienen – aber doch nicht schon jetzt, und nicht nach einem so erbärmlichen Tod! Dragosz war der beste Herrscher, den sich die Raker nur hatten wünschen können! Er hatte sein Volk aus Hunger und Not herausgeführt, und er wollte mit Arris Unterstützung eine Weihestätte für die Himmelsscheibe errichten: größer und mächtiger sogar als das sagenumwobene Goseg – damit sie alle zusammen auch künftig in Frieden und Wohlstand leben konnten. Und er war doch ihr Leben! Er verkörperte all das, was sie sich für ihre Zukunft ersehnt hatte.
Wie hatte das nur alles geschehen können? Mit Kyrill hatte sie ihrem Mann in einer Uferhütte den ersehnten Nachfolger geschenkt, das äußere Zeichen ihrer Liebe, die ihr altes Wissen und Dragosz’ Tatkraft in einer Person miteinander verschmolz.
Sie hatte geglaubt, ihr gemeinsames Glück in dem schon fast vollständig errichteten Pfahldorf sei damit fest begründet. Doch jetzt war ihr Leben zerstört, und niemals wieder würde die Sonne für sie scheinen, die Freude nie wieder in ihr Herz einkehren.
Aber was war mit ihrem Sohn? Was sollte nach Dragosz’ Tod nur aus ihm werden?
Arri schluchzte auf, als sie an das kleine Bündel dachte, das sie gestern noch in den Armen gehalten hatte. Und dann schluchzte sie noch einmal, als ihr bewusst wurde, dass es vielleicht das letzte Mal gewesen war, dass sie Kyrill an ihre Brust gedrückt hatte. Ihr Schluchzen hallte ungewöhnlich laut über den Steg, bevor es vom Nebel wie von einem gierigen Raubtier verschluckt wurde. Wie sehr sie Kyrill schon jetzt vermisste!
Kyrill und Dragosz. Ihren Sohn und ihren Mann.
Dragosz, seine Stärke, seine Lebendigkeit! In allen wichtigen Lebensfragen hatte sie sich mit ihm besprochen, und das hätte sie auch jetzt getan, bei der Frage nach Kyrills Schicksal. Es war ihr Sohn gewesen, den ihr der Schmiedegehilfe Rar so grob aus den Armen gerissen hatte, als wollte er ihn schon im nächsten Augenblick ins Schmiedefeuer werfen. Alles fühlte sich so entsetzlich sinnlos an. Dragosz hatte immer Rat gewusst oder sie darin ermutigt, selbst eine Lösung zu finden. Sie waren einander die wunderbarste Ergänzung gewesen: Sie, die von ihrer Mutter Lea in Dingen unterrichtet worden war, für die die Raker noch nicht einmal Worte hatten, und Dragosz, der große Visionen umzusetzen verstand und auf dem Weg dorthin alle Hindernisse aus dem Weg räumte: die einen mit guten Worten, die anderen allerdings … mit Gewalt.
In dem schmerzlichen Augenblick ihrer größten Trauer war es die niederschmetternde Heimtücke des Schicksals gewesen, die sie fast mehr erschüttern konnte, als Dragosz in der Totenbarke aufgebahrt zu sehen. Der Herrscher der Raker war ein Krieger, und wenn es ihm schon nicht vergönnt war, alt und ehrenhaft inmitten seiner Sippe den letzten Atemzug zu tun, dann hätte ihm doch zumindest der Tod auf dem Schlachtfeld bestimmt sein sollen. Aber wie ein tollwütiger Hund mit Schaum auf den Lippen zu verrecken, das war ja noch schlimmer als alles andere, das hatte er nicht verdient!
Sie beugte sich noch ein Stück weiter vor, die Beinfesseln schnitten sich wie schartige Bronzeklingen in ihre Haut ein. Der Schmerz war jedoch auch fast so etwas wie ein Freund, nur dazu da, sie ins Leben zurückzuholen. Aber statt ihn zu beachten, wanderte ihr Blick über den Toten, über die ebenmäßigen Gesichtszüge des Mannes, der sie bei ihrer ersten Begegnung vor einem angriffslustigen Wolf gerettet hatte, und der ihr seitdem immer beigestanden hatte, auch in der schweren Zeit, als ihr die Raker mit unverhohlener Verachtung begegnet waren.
Nun wurde ihr Liebster zum letzten Mal vom Licht der Morgensonne liebkost. Es schnürte ihr fast das Herz ab, ihn in seiner vollen Kriegermontur auf einem von schlichtem Leinen bedeckten Podest aufgebahrt zu sehen. Sein Gesicht war blass, fast fahl, die Ringe unter seinen Augen wirkten so, als wären sie mit Asche nachgezogen worden, und um seinen Mund, der von einem einsamen Lichtstrahl umspielt wurde, lag ein bitterer Zug. Es sah aus, als sei der Herrscher der Raker lediglich in einen tiefen Erschöpfungsschlaf gefallen.
Einen Schlaf allerdings, aus dem er nie wieder erwachen würde.
Arri streckte die Hände vor, als sie ihren Liebsten so daliegen sah, und nun schnitten sich auch die Lederriemen, mit denen Taru die Handgelenke seiner verhassten Stiefmutter zusammengezurrt hatte, schmerzhaft tief in ihre Haut ein. Sie hätte nichts lieber getan, als Dragosz noch einmal zu berühren, ihm das lange Haar zurückzustreichen und seine Wange zu streicheln – so, wie sie es gewohnt war, wenn er sich von einem langen, harten Tag erschöpft zu ihr gesellt hatte – aufs Lager. Ihr das jetzt, nach seinem Tod, zu verwehren, fühlte sich so fürchterlich an, dass es ihr den Atem verschlug.
Die aufgebrachten Männer und Frauen, die sie im wilden Fackellicht hierher geschleift hatten, hätten sie am liebsten gleich an Ort an Stelle wie eine räudige Katze ersäuft; und vielleicht wäre es auch besser gewesen, wenn Arri ihr Leben schon in der Nacht ausgehaucht hätte, wenn sie gefühlt hätte, wie das Wasser in ihre Lungen drang, und wie ihr dann die Sinne geschwunden wären. Es wäre so viel besser gewesen, als die nicht enden wollende Demütigung der Fesselung zu ertragen. Dabei waren es gar nicht die harten Stricke, die ihr zu schaffen machten, obwohl sie ihre Haut wund scheuerten und in ihr Fleisch einschnitten. Sie hatte in ihrem kurzen Leben schon schlimmere Schmerzen ertragen.
Aber sie konnte sich an nichts erinnern, das schlimmer gewesen wäre als dies: Menschen, die sich vor Schmerzen krümmten, die sich erbrachen, die Schaum vor dem Mund hatten, die am Strand zusammenbrachen oder in verzweifelter Hoffnung auf die Hütte der Heiler zutaumelten. Ihren Schmerz zu spüren, ihre Wut und ihre Empörung, um dann zu begreifen, dass ja sie es war, der man die Schuld für die Katastrophe geben konnte. Noch jetzt spürte sie das Brennen auf der Kopfhaut – voller Brutalität hatte der kraftstrotzende Schmiedegehilfe Rar sie an den Haaren gepackt und hierher geschleift. Und noch jetzt glühten ihre Wangen von den harten Ohrfeigen der Frauen, die eine Wahrheit aus ihr hatten herausprügeln wollen, eine Wahrheit, die es doch gar nicht gab, nicht geben konnte.
Und dann hatten sie sie in ihrem Elend liegen lassen.
Irgendwann waren ihre Tränen schließlich versiegt, und sie war in etwas hinübergeglitten, das gar nicht weit von dem Todesschlaf entfernt schien, in den Dragosz schon seit gestern Abend versunken war. Erst das Plätschern von Wasser hatte sie wieder aus ihrer Erstarrung gerissen, und als sie dann den Kopf gehoben hatte, war ihr das große Feuer am Ufer aufgefallen, in dessen flackerndem Licht einige Männer damit beschäftigt waren, alles für die Todeszeremonie vorzubereiten. Mit brennenden Augen hatte sie beobachtet, wie Taru mit nacktem Oberkörper ins Wasser gestiegen war, um das Totenschiff mit einem rohen Tau hinter sich herzuziehen und es dann unmittelbar unter ihr zu vertäuen. Es schien endlos zu dauern, bis der Junge damit fertig war und sich unter dem wehklagenden Gesang der alten Weiber von seinem Vater verabschiedet hatte. Arri hatte – zur Untätigkeit verbannt – mit ansehen müssen, wie er zum Schluss mit übertriebener Sorgfalt noch den schlichten Umhang gerichtet hatte, bevor er ihr einen letzten hasserfüllten Blick zuwarf und dann zur Zeremonienhütte hinüberschwamm.
Fast gewaltsam riss sie den Blick von Dragosz’ Gesicht los, von den ebenmäßigen und doch so wild wirkenden Zügen, die sie von Anfang an angezogen hatten. Erst da begriff sie, was ihr insgeheim schon längst aufgefallen war: Sein Umhang war in Unordnung geraten und halb verrutscht. Sie biss sich so heftig auf die Unterlippe, dass sie augenblicklich das Blut schmeckte. Fast sah es so aus, als hätte Dragosz mitten in der Nacht noch einmal seine mächtigen Muskeln angespannt, um sich hochzustemmen, als habe er sich in dem Einbaum aufrichten wollen, bevor ihn das Gift übermannt und er endgültig in sich zusammengebrochen war.
Arri zog ihre zitternden Hände so weit wie möglich zurück. Die Feuchtigkeit war mit dem Nebel gekommen, der sich in der Nacht über den See gelegt hatte, war in sie hineingekrochen und hatte die Hitze vertrieben, die sie zuvor erfasst hatte. Doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Mit dem Pulsschlag ihres hämmernden Herzens stieg etwas ganz Neues in ihr hoch, das die Hitze zurückbrachte: eine verrückte Hoffnung, alles könnte doch ganz anders sein, als sie geglaubt hatte. Was denn, wenn Dragosz tatsächlich noch nicht tot gewesen war, wenn sie sich geirrt und nur geglaubt hatte zu sehen, wie sein Blick brach und wie mit dem schmalen Speichelfaden, der sein Kinn hinablief, auch die letzte Lebenskraft aus ihm entwich?
Das Zittern ihrer Hände verstärkte sich, während ihr beängstigende Gedanken durch den Kopf schossen. Dragosz war gestern Abend in ihren Armen gestorben, und hätte man sie nicht mit Gewalt weggezogen, so würde sie seinen Kopf jetzt noch immer in ihrem Schoß halten und sein verschwitztes Haar streicheln.
Das war jedoch etwas, das sie nie wieder tun würde. Obwohl sie dies nicht zum ersten Mal dachte, erschien es ihr plötzlich so schmerzhaft und unfassbar, dass sie einen erstickten Laut von sich gab und ein weiteres Stück in sich zusammensackte.
Dragosz war tot, war unwiederbringlich von ihr gegangen. In dieser Nacht war kein Leben mehr in ihm gewesen, er hatte tot dagelegen – in dem Einbaum, hingestreckt von einem heimtückischen Gift, das seinen Körper hatte verkrampfen lassen und ihm den Schaum auf die Lippen getrieben hatte. Er hatte keinen Atemzug mehr tun können, hatte nicht die Hand nach ihr ausstrecken, sie nicht anlächeln und sie auch nicht mit einem scharfen Wort zurechtweisen können …
Das Gefühl des Verlustes wurde übermächtig. Von ihrer Unterlippe lösten sich ein paar Blutstropfen und platschten leise vor ihr aufs Holz. Plötzlich hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Was würde sie nicht alles dafür geben, Dragosz noch einmal in die Arme nehmen zu können, um das heiße, pulsierende Leben zu spüren, das ihn bis gestern wie selbstverständlich durchströmt hatte!
»Dieser Abend wird etwas ganz Besonderes«, hatte Dragosz kurz vor dem Fest zu ihr gesagt. »Wir feiern nicht nur den Bau des Pfahldorfs, sondern auch den Beginn eines neuen Lebens. Und gleich am nächsten Morgen werde ich die Himmelsscheibe aus ihrem Versteck holen, und wir wollen zusammen mit Abdurezak versuchen, ihr Geheimnis zu ergründen. Ich verspreche dir, dass die Zeit des Leidens und der Entbehrungen damit endgültig vorbei sein wird!«
Die Zeit des Leidens und der Entbehrungen sollte vorbei sein? Nein, Dragosz, dachte sie jetzt, sie fängt doch gerade erst an.
Und das nur, weil sie gescheitert war. Dabei hatte sie alles versucht, um Dragosz wiederzubeleben. Sie hatte das geheime Wissen ihrer Mutter angewendet, um das Gift aus seinem Körper zu zwingen – aber es hatte nichts genützt. Sie hatte als seine Frau versagt, und ebenso als Heilerin – und jetzt würde sie auch noch als Mutter versagen.
»Warum nur, Dragosz?«, flüsterte sie. »Warum bist du nur von mir gegangen?«
Taru hatte ihn hier im Totenschiff aufgebahrt, auf dem Wasser, noch bevor das Licht des Mondes mit den Wellen zu spielen begonnen hatte. Doch dann waren dunkle Wolken aufgezogen und hatten den frischen Wind mit sich gebracht, der Arris Haar zerzauste und sie frösteln ließ. Es hatte nicht länger gedauert, als einen Holzeimer an einem Seil in einen Brunnen hinabzulassen und Wasser zu schöpfen; aber lang genug, um all dies wieder durcheinanderzubringen, was Taru so sorgfältig in Ordnung zu bringen versucht hatte.
Dabei war nichts in Ordnung. Überhaupt nichts.
Dragosz war tot, sein halbwüchsiger Sohn von Hass zerfressen. Und das Dorf von einer fürchterlichen Katastrophe getroffen, und dies war ausgerechnet während des ausgelassenen Fests geschehen, mit dem sie die geglückte Neugründung der Siedlung am See hatten feiern wollen, den friedlichen Neubeginn nach einer zermürbend harten Zeit der Kämpfe und Hungersnächte. Eine heitere, ausgelassene Stimmung war das gewesen. Der Geruch von Gebratenem war verlockend durchs Pfahldorf gezogen, die Kinder hatten fröhlich herumgetobt, die harten Züge der älteren Männer und Frauen, in die sich die Strapazen der langen Wanderung eingegraben hatten, hatten schon angefangen sich zu entspannen. Vom Ufer her war Musik über den See gezogen, das eintönige Schlagen auf fellbespannten Trommeln, der lang gezogene, manchmal fröhlich überkippende Gesang, später untermalt von hellen Flötenklängen, dem Geklapper von Knochenratschen und Schildkrötenrasseln. Und dann hatte es natürlich auch das Stampfen der Tänzer gegeben, die das Uferfeuer umtanzten.
Krüge waren herumgereicht worden, die großen für das einfache Volk, während Dragosz und dem Rat die kleinen kostbaren Krüge gereicht wurden, die die Raker aus ihrer weit entfernten Heimat mitgebracht hatten. Die Stimmung erreichte ihren Höhepunkt, der Rhythmus der Musik wurde lauter, fordernder, die Luft vibrierte vor Anspannung und Aufregung, Gelächter und Geschnatter vermischten sich zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der die Männer anspornte, alles aus ihren Instrumenten herauszuholen und die ausgelassene Menge doch noch zu übertönen. Überall waren fröhliche Gesichter zu sehen gewesen, am Ufer, wo von drei großen Feuerstellen Qualm und der Duft gebratenen Fleisches aufstiegen, auf den Stegen des Pfahldorfs und in den Hütten, wo gesungen und getanzt wurde, und selbst in der Zeremonienhütte, wo die Ältesten zusammenhockten und Rauchkraut inhalierten.
Arri hatte zum ersten Mal das Gefühl gehabt, wirklich angekommen zu sein. Die Erinnerung an ihre Mutter und das Dorf der Flussleute war genauso verblasst wie die Gewissheit, als letzter Abkömmling einer untergegangen Kultur etwas ganz Besonderes zu sein. Dragosz und die ausgelassenen Menschen um sie herum waren ihr so nah erschienen, als hätte sie schon immer zu ihnen gehört. Es waren nur flüchtige Berührungen gewesen, die sie mit ihrem Liebsten hatte austauschen können. Aber auch sein Lächeln hatte zum ersten Mal seit langer Zeit befreit gewirkt, und dann hatte er sie gepackt und in den Kreis der Tanzenden gestoßen, die das Hauptfeuer umtanzten. Er selbst hatte nicht mitgetanzt, aber am Rand gestanden und beobachtet, wie sie ihren Rhythmus dem der anderen Tänzer anpasste, während ein gelöstes Lächeln seine Züge umspielt hatte.
Bis die Kinder gekommen waren.
Sie hatten die Krüge in ihren Händen gehalten. Ihre Augen glänzten, ihre Bewegungen wirkten angespannt, denn man hatte ihnen eingeschärft, nur keinen Schluck der leicht alkoholischen Flüssigkeit zu verschütten, die von Arri und ihren Helfern mit allerlei Kräutern und geschabten Pilzen verfeinert worden war. Dragosz hatte sich zu ihnen umgedreht und ihnen mit einer befehlenden Handbewegung Einhalt geboten.
»Wo wollt ihr hin?«, hatte er gefragt.
»Zum Kreis der Tänzer«, hatte ein hochgewachsener Junge mit fester Stimme geantwortet. »Wir wollen ihnen von dem Trunk bringen, der den Göttern zu Ehren gebraut wurde.«
Dragosz hatte ernsthaft genickt und angeordnet, dass jeder einen Schluck des Opfertranks zu sich nehmen sollte. Damit hatte das Unglück seinen Lauf genommen. Die Kinder reichten die Krüge herum, die Musik setzte aus und die Tanzenden kamen zur Ruhe. Es wurde genippt, getrunken, und Dragosz bekam den schönsten der kleinen Krüge gereicht, die sie aus dem Land seiner Vorväter mitgebracht hatten. Auch er setzte ihn an die Lippen und trank einen kräftigen Schluck von diesem ganz besonderen Wasser, und dabei sah er zu ihr hinüber, mit einem Lächeln in den Augen … das sich veränderte, nur allzu bald, und einem Erschrecken Platz machte, das sie sogleich entsetzte. Und dann brach auch schon ein Mann neben Arri zusammen, und ein anderer taumelte stöhnend davon …
Jetzt bäumte sich Arri in ihren Fesseln auf, als könne sie damit die Erinnerung abschütteln. Wie hat das alles nur passieren können?, hämmerte es in ihrem Kopf. Wie hat das Gift in die Zeremonienkrüge gelangen können? Wer hat das Wasser geschöpft, wer hat den sorgfältig zubereiteten Opfertrank vergiftet, wer hat Dragosz getötet und die anderen, die sich gleich ihm in Krämpfen gewunden hatten?
Wer hatte ihr Leben zerstört?
Das Entsetzen über den schrecklichen Verlust war so groß, dass es den Hass und die Wut überdeckte, die tief in ihrer Seele auf eine Gelegenheit zum Ausbruch lauerten. Doch das würde sich sehr schnell ändern. Die Zeit würde kommen, in der all ihre Empörung, all ihr Schmerz explodierte und jeden anderen Gedanken hinwegwischte, bis auf den einen: die zu strafen, die ihr und den anderen dies angetan hatten.
Sie würde jeden töten, der in den feigen Mord verstrickt war. Die Zeit der Rache würde kommen.
Arris Blick wanderte an dem schweren Bronzeschwert entlang, das man ihrem Mann für die Reise in die Ewigkeit mitgegeben hatte. Es war eine aufwendig gefertigte Waffe mit einer zweischneidigen Klinge, schwerer und ausladender als die wenigen anderen Schwerter, die die Raker in ihrem Besitz hatten. Der Griff war mit den gezackten Ornamenten des Kriegsgottes Wurgar verziert, der Knauf ein offener Kreis: das Zeichen für die Kraft, die Wurgar der Hand des Kämpfers verleihen konnte, wenn er ihm wohlgesonnen war.
Es war eine hervorragende Waffe, und doch nichts gegen das von ihrer Mutter geerbte Schwert, das Arri sorgfältig in einer nahegelegenen Höhle verborgen hielt, damit man es ihr nicht stahl. Aber darauf kam es nicht an. Dragosz’ Schwert wäre die richtige Waffe, um ihren Liebsten zu rächen.
Der Gedanke an Rache zerstob jedoch, als Arris Blick auf die Fingerknöchel der Hand fiel, mit denen der Tote die schwere Waffe umklammerte. Sie traten so weiß und spitz hervor, als würden sie den Griff im Todeskampf fest umklammern, um sich auf einen letzten Kampf vorzubereiten. Wenn es doch nur so wäre! Wenn sich Dragosz noch einmal erheben würde, hier und jetzt, und nicht erst im Reich der Toten! Wenn er sie mit einem Lächeln begrüßte, oder auch mit einem grimmigen Blick, wenn er sich hochzöge, um der verdammten Todesbarke einen Tritt zu verpassen! Wenn er auf die Planken spränge, um ihre Fesseln mit einem Schwerthieb zu zertrennen, damit sie dann gemeinsam ans Ufer stürmen konnten, denjenigen entgegen, die ihren Herrscher hatten tot sehen wollen …
Es war eine so kindische und lächerliche Vorstellung, dass es ihr fast das Herz zerriss. Dragosz war tot, und er würde niemals wieder etwas umklammern, weder ihren Arm, um sie an sich heranzuziehen, noch den Griff einer Waffe. Und schon gar nicht würde er aufspringen, um gemeinsam mit ihr seine Feinde zu bekämpfen.
Erst ganz langsam begriff sie, was überhaupt geschehen war. Sie hatte geglaubt, dass gestern der schlimmste Tag ihres Lebens gewesen sei, schlimmer noch als der Tag, an dem ihre Mutter blutüberströmt in ihren Armen das Leben ausgehaucht hatte. Die Zeremonie des Opfertrunks, die Tonkrüge, die sie hatten herumgehen lassen, auf dass sich jeder mit dem Wasser die Lippen benetzte. Die Mächtigsten unter ihnen hatten einen kräftigen Schluck aus den geweihten Krügen der Ygdra zu nehmen … Die Männer und Frauen, plötzlich der Schaum vor dem Mund, und kurz darauf hatten sie sich in Krämpfen gewunden… Das Chaos, die Schreie, das Stöhnen; Dragosz, der auf sie zugetaumelt war, von einem Grauen erfüllt, das sie noch nie zuvor in seinen Augen gesehen hatte …
Das war entsetzlich gewesen. Alles, was sie sich hier an diesem abgelegenen See zusammen aufgebaut hatten, in der neuen Heimat der Raker, all das, was sie sich an gemeinsamer Zukunft mit Dragosz und ihrem gerade erst geborenen Sohn erträumt hatte, alles, was sie vorgehabt hatten, um mithilfe der Himmelsscheibe die Hungersnot in der Zeit großer Dürre einzudämmen – mit einem Schlag hatte das Schicksal es hinweggewischt.
Doch das, was sie jetzt durchmachte, war erst der Auftakt zu etwas noch viel Schlimmerem. Zu begreifen, dass sie selbst es war, die versagt hatte. Zu begreifen, dass sie den wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren hatte, obwohl sie ihn doch eigentlich hätte retten können. Zu wissen, dass zahlreiche Männer und Frauen gestorben waren und andere um ihr Leben gerungen hatten, ohne dass sie dem Einhalt geboten hatte, wie es ihre Pflicht als Heilerin gewesen war. Ja, sie hatte schon versucht zu lindern und zu helfen, sie hatte all das geheime Wissen aufgeboten, das ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. In aller Eile hatten sie und Isana einen Entgiftungstrank zu brauen versucht, etwas, das die Eingeweide reinigt und alles Giftige von innen herausspült. Wenn sie nur die richtigen Kräuter zur Hand gehabt hätte, wenn sie in den letzten Tagen nur nicht so nachlässig gewesen wäre, ihrer Pflicht nachzugehen, wenn sie sich nur weniger um Kyrill, ihren Sohn gekümmert hätte, wenn sie …
Sie riss die Hände hoch und hämmerte sich mit den zusammengebundenen Fäusten gegen die rechte Schläfe, als könne sie diese Nachlässigkeit damit ungeschehen machen. Ein Windzug fegte wie zur Antwort über das feuchte Holz, auf dem sie seit Anbeginn der Nacht hockte. Und irgendwo in der Ferne donnerte es, als zöge dort ein Gewitter auf. Das Gemurmel der alten Männer, die sich in der großen Zeremonienhütte am Nachbarsteg versammelt hatten, verstummte, um dann umso lauter wieder einzusetzen. Arri ließ die Hände sinken und starrte in den Himmel. Keine Spur von einem Gewitter, und doch, sie war sicher: Das war ein Donnerschlag gewesen. Ein Zeichen der Götter womöglich, die im Gegensatz zum Ältestenrat schon längst ihr Urteil über sie gesprochen hatten?
Wie zur Antwort krächzte in diesem Augenblick direkt über Arri ein Vogel. Es war ein so schauerlicher Laut, dass sie erschrocken die Hände sinken ließ und den Kopf nach oben riss. Ein großer schwarzer Vogel flog über sie hinweg, und für die Dauer eines Lidschlags sah es so aus, als blicke er aus dunklen tückischen Augen auf sie herab: so höhnisch, kalt und grausam, als labe er sich an ihrem Schmerz. Arri hatte das Gefühl, von einer kalten Hand gestreift zu werden. Aber dann flog der schwarze Vogel auch schon auf die offene Fläche des Sees zu, und als er das jetzt kräftigere Rot der Morgensonne erreichte, sah es aus, als würde er mit seinem dunklen Gefieder in einen Strom von Blut eintauchen. Arri starrte ihm ungläubig hinterher. Es gab hier viele Vögel, die meisten waren klein und bunt, und auch einige Reiher und Schwäne, aber keine Krähen – und erst recht keine Raben. Dies hier aber war der größte und widerlichste Rabe, den sie jemals gesehen hatte.
Jetzt war sie sich sicher, dass die Götter ihr Urteil gefällt hatten. Von Lea wusste sie, dass es Raben gab, die mehr waren als nur große Vögel, dass sie mächtig waren, manchmal auch weise, zumeist aber hart und grausam: Boten der Götter, die im Vorfeld eines großen Unglücks geschickt wurden, vielleicht, um die Menschen zu warnen, vielleicht aber auch nur, um sie zu verhöhnen.
Mit einem Schaudern wandte sich Arri wieder ab und blickte zu dem Mann hinab, mit dem sie seit zwei Sonnenwenden das Lager geteilt hatte, und der nun tot und aufgebahrt unter ihr lag. Ein einzelner Sonnenstrahl tastete sich durch das Schilf und glitt mit einer fast zärtlich wirkenden Geste über Dragosz’ Gesicht. Fast schien es ihr, als blinzele er, durch die Helligkeit geweckt, und ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.
Was, wenn er nun doch die Augen aufschlug, sie mit kaltem Blick musterte, um sich dann von seinem Totenlager zu erheben? Was, wenn er das kostbare Schwert, das zur Vorbereitung für einen letzten Kampf in der Ewigkeit neben ihm lag, noch fester packte? Was, wenn er sie damit enthaupten wollte – zur Strafe dafür, dass sie so schrecklich versagt hatte?
Eine Träne lief ihr über die Wange, ganz langsam und fast zögernd. Während dann Sonnenstrahl auf Sonnenstrahl durch das Schilf brach und mit seinen Ausläufern über Dragosz’ Gesicht und Körper glitt, streckte sie allmählich die Hand aus und beugte sich ein Stück weiter vor, zwischen Angst und Hoffnung zerrissen.
Da … da zuckte ein Mundwinkel … Da rührte sich ein Finger … Da … streckte sich ein Arm …
Dann brach das Gemurmel der alten Männer in der Zeremonienhütte ab.

 

2 Zakaan spürte ein Kribbeln in den Fingerspitzen, ein Gefühl an der Wahrnehmungsgrenze, so zart und sacht, dass er es fast nicht bemerkt hätte. Lange Zeit hatte er auf diesen Augenblick gewartet, viel zu lange schon, und obwohl er oft genug versucht hatte, in die Szene, die ihn jetzt erwartete, hineinzutauchen, war ihm doch so, als entglitte ihm nun alles, als verflüchtige sich mit jedem Atemzug ein Stück seiner Sicherheit.
Wie schon unzählige Male zuvor saß er am Feuer, und doch war alles ganz anders als sonst. Es war nicht Tag, es war nicht Nacht, es war die Zeit dazwischen, die Zeit im Nirgendwo, in der der Mond gerade noch als fahle gelbe Sichel sichtbar war und sich die Sonne doch schon zaghaft vorschob, um die Welt in das gleiche Blutrot zu tauchen, das ein Kind sah, bevor es Ygdra aus dem Schoß seiner Mutter als Neugeborenes in die Welt entließ. Und Ygdra war es auch, die ihm als Göttin der Fruchtbarkeit das Fleisch der Göttin angeboten hatte. Doch dazu hatte er erst einmal die ganze Nacht über mit großer Sorgfalt alle notwendigen Rituale vollziehen müssen, um sich dann im Licht der blutigen Morgensonne ganz der geheimen Pilzmischung der Göttin hingeben zu können.
Zakaan tat dies mit aller Vorsicht, und auch nur dann, wenn er es als wirklich notwendig empfand. Der Pilzgenuss konnte schlimme Folgen haben, zu Krämpfen führen, zu dauerhaften Wahnvorstellungen, oder sogar tödlich enden. Doch dieses Wagnis musste er eingehen. Es gab so vieles, was er zu klären hatte, und so viele Antworten, die ihm Ragok der Bezwinger vollkommen zu Recht abverlangte, um zu entscheiden, wie es im Kampf um Urutark weitergehen sollte.
Und ganz nebenbei wäre er auch bereit, sein eigenes, ohnehin schon viel zu lange währendes Leben zu opfern, wenn sein Volk dadurch nur endlich zur Ruhe kam. Und vielleicht auch nur, wenn es irgendwie weiterging, wenn wieder gesunde Kinder geboren wurden und zumindest die Chance hatten, in einer Welt aufzuwachsen, die lebenswert war und so fest gefügt, dass sie auch das Erwachsenenalter erreichen konnten. Es durfte so nicht mehr weitergehen, es musste sich etwas ändern, und zwar ganz schnell!
Ragok sah es ganz genau so. Bei ihrer Ankunft hier vor zwei Tagen hatte der Herrscher des zusammengeschmolzenen Haufens nach oben geblickt und gesagt: »Siehst du das da oben, alter Freund? Es sieht ganz danach aus, als würdest du dort nach langer Zeit endlich wieder Steine für einen Kreis der Ygdra finden. Dies ist ein gutes Omen. Ygdra wird dir dabei helfen, den Beistand der Stammväter zu erflehen. Und wenn du es richtig anstellst, wird sie dir zeigen, wo wir die Himmelsscheibe finden können, um mit ihrer Hilfe den Sieg zu erringen!«
Zakaan hatte nur genickt, während sich Ragok weiter umgesehen hatte, um zu entscheiden, wo sie für die nächsten Nächte lagern und vielleicht sogar ein paar einfache Hütten errichten konnten. Es war beschlossene Sache, mit allen weiteren Schritten auf die Rückkehr der Kundschafter zu warten, die sowohl nach Urutark als auch nach Arianrhod und der Himmelsscheibe Ausschau halten sollten. Und fast noch wichtiger für eine glückliche Wendung ihres Schicksals war, dass er sich selbst mit dem Geist der Stammväter verband und mit ihnen um das künftige Schicksal seines Volkes rang, bevor sie sich auf das Abenteuer einer Auseinandersetzung mit Dragosz einließen.
»Also geh nach oben, lass dir von allen verfügbaren Männern und Frauen helfen, und baut einen Steinkreis«, befahl Ragok. »Und lasst euch nicht zu viel Zeit damit. In den nächsten Tagen stehen große Entscheidungen an.«
Zakaan war der Aufforderung gefolgt, so gut es ging. Sie hatten bereits etliche Findlinge zusammengetragen, den Steinkreis selbst aber mit den wenigen helfenden Händen, die ihnen zur Verfügung standen, noch nicht errichten können. Es fehlte ihnen an allem, an Trommeln, Rasseln und Pfeifen, an der farbenfrohen Kleidung, die auf ihren heimatlichen Webstühlen gefertigt wurde: mit den Bronzeknöpfen und den Vasennadeln, mit denen die weiten Obergewänder der Tänzer zusammengehalten wurden, die sich bei Drehbewegungen so sehr aufblähten, als würden sie jeden Augenblick von einem Windzug davongetragen werden. Vor allem aber mangelte es ihnen an Menschen, die zupacken konnten und sich in den Dienst des Ritus stellten. Die meisten Männer und Frauen waren damit beschäftigt, das zusammenzutragen, was fürs Überleben notwendig war: Nahrung und Baumaterial für die einfachen Hütten, die eigentlich eher Zelte waren: auf die Schnelle mit allem errichtet, was sich in der unmittelbaren Umgebung auftreiben ließ.
»Wir müssen siegen«, hatte Ragok zu ihm gesagt und ihn an der Schulter gepackt, als wolle er ihn durchschütteln. »Verstehst du das? Wir müssen einfach siegen!«
Es lagen gleichzeitig Schwäche und Stärke in seiner Stimme, und ein unduldsamer Unterton, der Zakaan hatte erschaudern lassen.
»Ich werde meinen Sohn Lexz mit ein paar Männern losschicken. Sie sollen nach Urutark Ausschau halten – und nach meinem Bruder.« Das letzte Wort spie Ragok aus, und es lag der ganze Hass darin, den er seinem jüngeren Bruder Dragosz gegenüber empfand.
»Und sie müssen auch nach der Himmelsscheibe Ausschau halten«, gab Zakaan zu bedenken. »Die Stammväter haben mir aufgetragen, nach ihr zu suchen – und nach der Frau, die sie jetzt in ihrem Besitz haben soll …«
Ragok hatte ihn wieder losgelassen, und als sich der Schamane an den hasserfüllten Blick seines Herrschers erinnerte, fand er in die Wirklichkeit zurück.
Er atmete tief durch. Wie hatte das alles nur geschehen können? War es wirklich richtig gewesen, trotz der Dürre so lange in der alten Heimat auszuharren, statt mit Dragosz’ Leuten gemeinsam aufzubrechen?
Er wusste es nicht. Damals, nach dem heftigen Streit zwischen Ragok und Dragosz, war ihm alles ganz anders erschienen. Sie hatten geglaubt, einfach ein Stück weiter nach Westen ziehen zu müssen, um in Urutark wieder an ihr altes Leben anzuknüpfen.
Was für eine Fehleinschätzung. Erst auf der Wanderung war ihnen dann klar geworden, wie gut ihr altes Leben gewesen war – und wie unerreichbar fern es war. Statt sich wie in letzter Zeit auf ein wechselhaftes Jagdglück und das Sammeln von Beeren, Früchten und Pilzen verlassen zu müssen, hatten sie damals hauptsächlich von dem leben können, was die üppigen Felder abwarfen, und was die Fischer im Fluss und in den nahegelegenen Seen fingen. Statt auf harter Erde zu nächtigen, hatten sie in gut gebauten Langhäusern gewohnt. Statt vor Durst fast wahnsinnig zu werden, hatten sie immer genug Trinkwasser in der Nähe gehabt.

Wolfgang Hohlbein

Über Wolfgang Hohlbein

Biografie

Wolfgang Hohlbein, Jahrgang 1953, war Industriekaufmann, bevor er 1982 mit seinem Debüt »Märchenmond« einen Autorenwettbewerb gewann. Seitdem schreibt er einen Erfolgsroman nach dem anderen und gilt als der Großmeister der deutschen Phantastik. Titel wie »Die Tochter der Himmelsscheibe«, »Das...

Über Dieter Winkler

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Dieter Winkler, geboren 1956 in Berlin, lebt heute bei München. Der zweifache Familienvater arbeitete als Chefredakteur für mehrere Computerzeitschriften und veröffentlichte bislang über 30 Bücher sowie zahlreiche Hörspiele. 1999 schrieb er gemeinsam mit Wolfgang Hohlbein »Das elfte Buch« der...

Pressestimmen

Nautilus - Abenteuer & Phantastik

»Co-Autor der Fortsetzung ist Dieter Winkler, langjähriger Weggefährte von Holbein. Die Zusammenarbeit überzeugt in alles Facetten. nach fünf langen Jahren, in welchen die Leser auf die Fortsetzung warten mussten, lassen die beiden Autoren nun mit leichter Hand die ferne Bronzezeit wieder lebendig werden. Die Schlacht um die Himmelsscheibe hat begonnen: History meets Fantasy made in Germany.«

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