Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Die Jazz-BaronessDie Jazz-Baroness

Die Jazz-Baroness

Das Leben der Nica Rothschild

Hardcover
€ 19,99
E-Book
€ 10,99
€ 19,99 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 10,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Jazz-Baroness — Inhalt

Als im März 1955 die Nachricht vom Tod Charlie Parkers New York erschütterte, hatte die Presse ihren Skandal: »Bop-König stirbt im Appartment reicher Erbin«. Wer war diese Frau, in deren Hotelsuite das Saxophon-Genie seine letzten Stunden verbrachte? Die mit Thelonius Monk oder Miles Davis in ihrem weißen Bentley Cabrio nachts von Jazzclub zu Jazzclub fuhr und als »Neger-Hure« beschimpft wurde?

Pannonica Baronesse de Koenigswarter, geborene Rothschild, was schon immer die Rebellin ihrer berühmten Familie gewesen: Sie hatte unter de Gaulle gegen Deutschland gekämpft, war Bomber geflogen und Jeeps gefahren. Nun hatte sie ihr ödes Leben als Diplomatengattin hinter sich gelassen und in New York eine neue Leidenschaft entdeckt: Die Millionen-Erbin half den schwarzen Musikern mit Geld und großem Herz, sie kümmerte sich um Kranke, sorgte für Auftrittsgenehmigungen – und wurde so zur Schutzpatronin des Bebop. Jazzgenies von Monk bis Horace Silver widmeten ihr eigene Songs. Und Clint Eastwood setzte ihr in »Bird« ein filmisches Denkmal.

Hannah Rothschild erzählt das stürmische Leben ihrer Großtante von der Kindheit in englischen Schlössern, der abenteuerliche Flucht vor den Nazis und den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs bis zu den Abgründen des schwarzen Amerika der sechziger Jahre. Eine faszinierende Biographie – und zugleich die unglaubliche Geschichte einer weltberühmten Dynastie.

€ 19,99 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 12.11.2013
Übersetzer: Hainer Kober
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1150-3
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 12.11.2013
Übersetzer: Hainer Kober
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7648-9
»Hannah Rothschilds "Die Jazz-Baroness" ist nicht nur das Porträt einer britischen Exzentrikerin; immer wieder finden sich außerdem atmosphärisch dichte Beschreibungen dieser klassischen Epoche des Jazz. Die Hommage an ihre Großtante, die auch eine facettenreiche Geschichte von Aufstieg und Fall der Rothschild-Dynastie enthält, ist die Verbeugung vor einer bedingungslos Liebenden und die Erinnerung an ein aufregendes Leben.«
SWR 2 "Forum Buch"
»"Die Jazz-Baroness" von Nicas Grossnichte Hannah Rothschild lebt davon, dass es wie eine detektivische Suche nach den Rätseln und Widersprüchen im Leben der Koenigswarter aufgezogen ist. Und es geht der Frage nach, was man von ihr lernen kann. Die Antwort: "Sie hat mich gelehrt, nach Ähnlichkeiten zu suchen und nicht nach Unterschieden, Entscheidungen wichtiger zu nehmen als Konventionen, mutiger zu sein." Das Buch lebt auch von der Nähe der Autorin zur Familiengeschichte der Rothschilds und der persönlichen Begegnung mit Nica - die beiden sind sich tatsächlich begegnet, haben sich kennen- und schätzen gelernt.«
Neue Zürcher Zeitung
»Für Thelonious Monk gab sie ihr Leben als Millionärin auf: Pannonica de Koenigswarter, geb. Rothschild, wurde in New York zur Muse und Mäzenin, Chauffeurin und Aufnahmegeräthalterin der großen Jazzer.«
Die Welt
»Ihre Großnichte Hannah Rothschild erzählt das bewegte Leben einer legendären Frau, einer legendären Musik und einer legendären Dynastie.«
Badische Zeitung
»Pannonica Baronesse de Koenigswarter geborene Rothschild kämpfte mit de Gaulle gegen die Nazis, bevor sie Vertraute und Patronin von Jazzgrößen wie Thelonius Monk und Charlie Parker wurde, die wiederum sie in ihrer Musik verewigten. Ihre Großnichte Hannah Rothschild schrieb die Biografie "Die Jazz-Baroness".
Vogue
»Ihre Biografie ist ein Plädoyer dafür, seiner eigenen Vergangenheit zu entkommen und ein Leben nach eigenen Regeln zu leben.«
Bolero
»Aber wie verlief das Leben der Grande Dame des Jazz vor ihrer Ankunft in New York? Die ganze Geschichte erzählt nun ihre Großnichte Hannah Rothschild: Pannonicas Kindheit in englischen Schlössern, ihre Flucht aus Frankreich vor den deutschen Truppen, ihre Zeit bei den freien französischen Streitkräften unter de Gaulle und als Diplomatengattin nach dem Krieg. Als erfahrene Dokumentarfilmerin und Reporterin hat Hannah Rothschild ein spannendes Buch geschrieben. "Die Jazz-Baroness" bietet auch Leuten Lesevergnügen, die Jazz wenig interessiert.«
Spiegel online
»Hannah Rothschilds "Die Jazz-Baroness" ist nicht nur das Porträt einer britischen Exzentrikerin. Immer wieder finden sich außerdem atmosphärisch dichte Beschreibungen der klassischen Epoche des Jazz. Die Hommage an ihre Großtante, die auch eine facettenreiche Geschichte von Aufstieg und Fall der Rothschild-Dynastie enthält, ist die Verbeugung vor einer bedingungslos Liebenden und die Erinnerung an ein aufregendes Leben. Weiterleben wird Pannonica in den Stücken, die etliche ihrer Freunde für sie geschrieben haben.«
ZEIT online
»Mit einer fulminanten Hommage macht die Großnichte Hannah ihr (und uns) ein wunderbares Geschenk.«
Madame
»Herausgekommen ist eine faszinierende Biografie, die von ihrer Kindheit in englischen Schlössern, vom Kampf gegen die Nazis, von einer Diplomaten-Ehe, dem Bruch mit der Familie und dem Zurücklassen der eigenen Kinder sowie der Erfindung eines neuen Ichs in der kulturellen Blütezeit Harlems erzählt.«
JazzThing
»Ihre Großnichte Hannah Rothschild erzählt das bewegte Leben einer legendären Frau, einer legendären Musik und einer legendären Dynastie.«
Badische Zeitung
»Hannah Rothschild erzählt in "Die Jazz-Baroness" die unglaubliche Geschichte ihrer Großtante.«
freundin DONNA
„Eine äußerst lesbare, umfassend recherchierte Biografie. Sie ist zu einem Drittel die Geschichte der Rothschild Familie, zu einem Drittel das Porträt von Nica und zu einem von Monk. Nica erscheint als erstaunliche Frau, stark, temperamentvoll und rebellisch."
Sunday Times (zur UK-Ausgabe)
“Hannah erzählt diese Geschichte mit Behutsamheit und balanciert dabei die erzählerische Spannung mit dem Bedürfnis, alle Fakten darzulegen, damit die Leser sich ein eigenes Bild machen können. Wie der Rest des Buches, absolut fesselnd.“
The Observer

Leseprobe zu »Die Jazz-Baroness«

1
Die andere
Mein Großvater Victor hat sie als Erster erwähnt; er versuchte, mir
einen einfachen 12-Takt-Blues beizubringen, aber meine elfjährigen
Hände waren zu schwerfällig und zu klein.
»Du bist wie meine Schwester«, sagte er. »Du magst Jazz, hast
aber keine Lust, ihn zu lernen.«
»Welche Schwester? Miriam oder Liberty?«, fragte ich und versuchte
die Spitze zu überhören.
»Nein, die andere.«
Welche andere?
Noch am selben Tag schaute ich im Stammbaum der Familie
Rothschild nach und fand sie: Pannonica.
»Wer ist Pannonica?«, fragte ich meinen Vater Jacob, ihren [...]

weiterlesen

1
Die andere
Mein Großvater Victor hat sie als Erster erwähnt; er versuchte, mir
einen einfachen 12-Takt-Blues beizubringen, aber meine elfjährigen
Hände waren zu schwerfällig und zu klein.
»Du bist wie meine Schwester«, sagte er. »Du magst Jazz, hast
aber keine Lust, ihn zu lernen.«
»Welche Schwester? Miriam oder Liberty?«, fragte ich und versuchte
die Spitze zu überhören.
»Nein, die andere.«
Welche andere?
Noch am selben Tag schaute ich im Stammbaum der Familie
Rothschild nach und fand sie: Pannonica.
»Wer ist Pannonica?«, fragte ich meinen Vater Jacob, ihren Neffen.
»Sie wurde immer Nica genannt, aber abgesehen davon, weiß
ich eigentlich nichts«, sagte er. »Niemand spricht je über sie.« Unsere
Familie ist so groß und weit verzweigt, dass er nicht überrascht
schien, eine nahe Verwandte vollkommen aus den Augen verloren
zu haben.
Ich ließ mich nicht entmutigen und bestürmte eine andere Großtante,
Nicas Schwester Miriam, die namhafte Naturwissenschaftlerin,
die mir verriet: »Sie lebt in New York«, aber nicht mehr preisgeben
wollte. Eine andere Verwandte berichtete mir: »Sie ist eine
große Kunstmäzenin, die Peggy Guggenheim oder Medici des Jazz.«
Und dann gab es die Gerüchte:
Man nennt sie die »Jazz-Baroness«. Sie lebt mit einem Schwarzen,
einem Pianisten. Im Krieg flog sie Lancaster-Bomber. Der rauschgiftsüchtige
Saxofonist Charlie Parker starb in ihrer Wohnung. Sie
hatte fünf Kinder und lebte mit 306 Katzen zusammen. Die Familie
hat sich von ihr losgesagt (hat sie nicht, erwiderte jemand). Zwanzig
Stücke sind für sie geschrieben worden (nein, es waren vierundzwanzig).
Auf der Fifth Avenue ist sie mit Miles Davis ein Rennen gefahren.
Hast du von den Drogen gehört? Sie ging für ihn ins Gefängnis.
Wer ist er? Thelonius Monk. Es war eine echte Liebesgeschichte, eine
der größten.
»Wie ist Nica?«, fragte ich Miriam wieder.
»Vulgär. Sie ist vulgär«, sagte Miriam schroff.
»Was soll das heißen?«, wollte ich wissen.
Dazu wollte Miriam sich nicht näher äußern, aber sie gab mir
die Telefonnummer ihrer Schwester. Als ich 1984 zum ersten Mal
nach New York kam, rief ich Nica wenige Stunden nach meiner
Ankunft an.
»Hättest du Lust, dich mit mir zu treffen?«, fragte ich nervös.
»Abgefahren!«, antwortete sie entschieden ungroßtantenhaft
und klang dabei so gar nicht wie eine Einundsiebzigjährige.
»Komm nach Mitternacht downtown in den Club.«
Diese Gegend wartete noch auf ihre Luxussanierung und war
damals bekannt für ihre Crackhöhlen und Raubüberfälle.
»Wie finde ich ihn?«, fragte ich.
Nica lachte: »Schau dich nach dem Auto um«, und hängte auf.
Das Auto war wirklich nicht zu übersehen. Der große blassblaue
Bentley war vorschriftswidrig geparkt, und auf seinen Ledersitzen
lümmelten zwei Betrunkene herum. »Es ist gut, wenn die da drin
sind – dann wird das Auto nicht geklaut«, erklärte sie mir später.
Von der Straße etwas zurückliegend, führte eine kleine Tür in
ein Kellergeschoss. Ich klopfte laut. Minuten später öffnete sich
oben in der Tür eine Luke, und das dunkle Gesicht eines Mannes
erschien hinter einem Gitterfenster.
»Was?«, fragte er.
»Ich suche Pannonica«, sagte ich.
»Wen?«
»Pannonica!«, erwiderte ich in etwas verzweifelter englischer
Tonlage. »Man nennt sie Nica.«
»Du meinst die Baroness! Warum sagst du das nicht gleich?«
Die Tür ging auf und gab den Blick frei auf einen winzigen Kellerraum,
schäbig und verraucht, in dem dicht gedrängt einige Leute
saßen und einem Pianisten zuhörten. »Sie sitzt an ihrem Tisch.«
Nica, die als einzige Weiße leicht auszumachen war, saß direkt
an der Bühne.
Sie hatte kaum noch Ähnlichkeit mit der Frau, die ich in unseren
Familienalben betrachtet hatte. Diese Nica war eine entzückende
Debütantin gewesen, ihr rabenschwarzes Haar gezähmt
und frisiert, die Augenbrauen zu modischen Bögen gezupft und
der Mund zu einem perfekten Schmollen geschminkt. Auf einem
anderen Porträt ähnelt eine weniger gepflegte Nica mit offenem
Haar und ungeschminktem Gesicht eher der Hollywood-Version
einer Doppelagentin aus dem Zweiten Weltkrieg. Bei der Nica vor
mir erinnert nichts mehr an ihr jüngeres Ich; ihre beeindruckende
Schönheit war verblasst, und die einst so zarten Züge wirken jetzt
eher maskulin. Ihre Stimme werde ich nie vergessen, eine Stimme,
die von Whisky, Zigaretten und durchwachten Nächten zerklüftet
war wie eine Küste unter dem Ansturm der Brandung, eine Stimme,
teils polternd, teils rasselnd und immer wieder von keuchendem
Gelächter unterbrochen.
Die Zigarette in einer langen schwarzen Spitze rauchend, den
Pelzmantel über einen zerbrechlichen Stuhl geworfen, lud mich
Nica mit einer Handbewegung ein, auf einem leeren Stuhl neben
ihr Platz zu nehmen, nahm eine Teekanne vom Tisch und goss uns
etwas in zwei angestoßene Porzellantassen. Schweigend prosteten
wir uns zu. Ich hatte Tee erwartet. Der Whisky verätzte mir die
Kehle und trieb mir Tränen in die Augen. Ich hustete. Nica warf den
Kopf zurück und lachte.
»Danke«, krächzte ich.
Sie legte den Finger auf die Lippen, nickte zur Bühne hin und
sagte: »Schhh, hör auf die Musik, Hannah, hör einfach zu.«
Damals war ich zweiundzwanzig und versuchte vergeblich, den
tatsächlichen oder eingebildeten Ansprüchen meiner berühmten
Familie gerecht zu werden. Ich fühlte mich unzulänglich, unfähig,
etwas aus eigener Kraft auf die Beine zu stellen, aber auch nicht in
der Lage, die Privilegien und Chancen auszunutzen, die sich mir
boten. Wie Nica war ich von einer Tätigkeit in der Familienbank
ausgeschlossen; der Gründer N. M. Rothschild hatte verfügt, dass
die Frauen der Rothschilds nur als Buchhalterinnen oder Archivarinnen
eingestellt werden durften. In der Warteschleife zwischen
Universität und Berufstätigkeit wollte ich unbedingt bei der BBC
anfangen, sammelte aber nur Absagen. Obwohl mein Vater, der
entsprechend der Familientradition im Bankwesen tätig war, mir
durch verschiedene Kontakte eine Reihe von Stellungen verschafft
hatte, erwies ich mich als hoffnungslose Buchhändlerin, Grundstücksverwalterin
und Galeristin. Niedergeschlagen und entmutigt,
suchte ich nicht gerade nach einem Rollenmodell, aber doch
nach anderen Lebensentwürfen. Im Zentrum meiner Suche stand
eine Frage. Können wir der eigenen Vergangenheit entkommen
oder sind wir auf ewig gefangen in ererbten Einstellungen und alten
Erwartungen?
Über den Tisch hinweg blickte ich diese neuentdeckte Großtante
an und fühlte eine plötzliche, unerklärliche Woge der Hoffnung
in mir aufsteigen. Wäre ein Fremder in den Club gekommen,
hätte er nur eine alte Dame gesehen, die an einer Zigarette zog und
einem Pianisten zuhörte. Er hätte sich vielleicht gewundert, was
diese mit Pelz und Perlen behängte Lady hier suchte, während sie
sich im Takt der Musik wiegte und hin und wieder anerkennend
zu einem bestimmten Solo nickte. Ich dagegen sah eine Frau, die
zu Hause zu sein schien und wusste, wohin sie gehörte. Ein einziges
Mal hat sie mir einen Rat gegeben: »Denk dran, es gibt nur
ein Leben.«
Kurz nach unserer ersten Begegnung ging ich nach England zurück,
wo ich endlich eine Stelle bei der BBC bekam und anfing, Dokumentarfilme
zu drehen. Immer wieder musste ich an Nica denken.
Damals, vor der Zeit des Internets und der transatlantischen
Billigflüge, war es schwierig, nach Amerika zu reisen und interkontinentale
Freundschaften aufrechtzuerhalten. Wir trafen uns im
Haus ihrer Schwester Miriam in Ashton Wold in England und bei
meinem nächsten Besuch in New York. Ich schickte Nica Postkarten;
sie sandte mir Schallplatten, darunter eine, die Thelonica hieß;
ein Album von Tommy Flanagan, ein musikalischer Tribut an ihre
Freundschaft mit dem Jazzpianisten Thelonious Monk. Ein Stück
auf dem Album hieß »Pannonica Monk«. Auf die Rückseite hatte
sie geschrieben: »Der lieben Hannah alles Gute, Pannonica.« Ich
fragte mich, wie das mit Thelonious und Pannonica war; wie hatten
zwei Menschen mit so seltsamen Namen und völlig verschiedenen
Vorgeschichten überhaupt zusammenkommen können? Was
für Gemeinsamkeiten mochten sie haben?
Sie forderte mich auf, die Platte meinem Großvater Victor vorzuspielen,
der nur sagte, er fände sie ganz nett. »Auch er hat Monk
nicht richtig verstanden«, meinte Nica. Mir gefiel meine Rolle als
musikalische Mittlerin zwischen Bruder und Schwester. Ein andermal
bat sie mich, meinem Großvater eine von Barry Harris’
Platten zu geben. Abermals hielt sich seine Begeisterung in Grenzen.
Als ich sie das nächste Mal sah, erzählte ich es ihr. »Ich gebe
es auf«, sagte Nica abschätzig. »Er mag nur Trad Jazz.« Sie lachte
schallend.
Nica war amüsant. Sie lebte ganz im Augenblick, verzichtete
auf Reflexion und Didaktik und versuchte nicht, einen mit ihrem
Wissen oder ihrer Erfahrung zu beeindrucken. Das Zusammensein
mit ihr war angenehm unbeschwert im Vergleich zu dem mit
ihrem Bruder Victor oder ihrer Schwester Miriam, bei denen jede
Begegnung zu einem intellektuellen Hindernisparcours wurde,
einem geistigen Zehnkampf, in dem man sich in den Disziplinen
Vernunft, Denken, Wissen und Können beweisen musste. Als ich
an die Oxford University kam, rief mein Großvater an und fragte
mich: »Welches Stipendium hast du bekommen?« Ich gestand, dass
ich Glück gehabt hatte, überhaupt einen Studienplatz zu ergattern.
Enttäuscht legte er auf. Mit vierundneunzig Jahren rief mich Miriam
an und fragte mich, an wie vielen Bücher ich gerade schriebe.
Noch an keinem, sagte ich, aber ich sei dabei, einen weiteren Film
zu drehen. »Davon habe ich zu viele gemacht, um sie zählen zu
können«, sagte sie. »Ich schreibe gerade an zehn Büchern, darunter
eins mit japanischen Haikus.« Damit legte sie auf.
Ich hatte keine Ahnung von Jazz, aber Nica gab mir nie das Gefühl,
»uncool« oder »unhip« zu sein, auch interessierte sie nicht,
dass ich nicht wusste, was dig, cat, fly, zoot, tubs, Jack und goof bedeutete.
Aber in einem Punkt kannte sie keine Kompromisse: Thelonious
Monk war ein Genie, auf einer Stufe mit Beethoven. Sie
nannte ihn den »Einstein der Musik«. Wenn es sieben Weltwunder
gebe, sagte sie, sei er das achte.
Als ich im Dezember 1988 eine Reise nach New York vorbereitete,
um einen Dokumentarfilm über die Kunstwelt zu drehen, plante
ich drei Abende ein, die ich mit Nica verbringen wollte, und ich
hatte mir einige Fragen an sie zurechtgelegt. Aber am 30. November
1988 starb sie plötzlich nach einer Herzbypassoperation. Ich hatte
die Chance verpasst. Und ich vermisste meine Großtante.
Diese ungestellten Fragen verfolgten mich. Plötzlich und oft völlig
unerwartet stiegen Erinnerungen an sie in mir auf: ein Blick
auf die New Yorker Skyline in einem Spielfilm; der Refrain eines
Monk-Stücks; die Begegnung mit ihrer Tochter Kari; der Duft von
Whisky. Während ich mein berufliches Leben damit zubrachte,
Filmporträts anderer Menschen – lebender und toter – anzufertigen,
nahm langsam ein anderer Plan Gestalt an. Ich drehte Filme
über Sammler, Maler und Außenseiter: Inhalte und Themen, die
für Nica und ihre Geschichte von Belang waren. Vielleicht bedeutete
ja ihr frühzeitiger Tod nicht das Ende unserer Beziehung; vielleicht
ließen sich die Fragen posthum an ihre überlebenden Freunde
und Verwandten stellen.
Langsam begann ich, eine Skizze ihres Lebens zusammenzufügen.
Geboren wurde sie 1913, vor dem Ersten Weltkrieg, zu einer
Zeit, als unsere Familie auf der Höhe ihrer Macht war. Sie verlebte
eine behütete, umsorgte Kindheit in Landsitzen voller Kunstschätze.
Später heiratete sie einen gutaussehenden Baron, mit dem sie
fünf Kinder hatte; sie besaß ein märchenhaftes Schloss in Frankreich,
trug Haute Couture und Juwelen, flog Flugzeuge und fuhr
Sportwagen, war eine begeisterte Reiterin. Als Mitglied einer glamourösen
High Society lebte sie in einer kosmopolitischen Welt,
die bevölkert war von Industriemagnaten, Hochadeligen, Intellektuellen,
Politikern und Playboys. Sie konnte treffen, wen sie wollte,
reisen, wohin sie wollte, und tat es oft. Menschen, die wenig
oder nichts besitzen, muss ein solches Leben wie ein Paradies erscheinen.
Doch eines Tages im Jahr 1951 gab sie alles ohne Vorwarnung
auf, um in New York zu leben, wo sie ihre Society-Freunde
gegen eine Gruppe hochbegabter und unsteter schwarzer Musiker
tauschte.
Sie verschwand buchstäblich aus dem britischen Leben und
hielt nur noch die Verbindung zu ihren Kindern und nahen Angehörigen
aufrecht. Das Nächste, was die meisten Menschen von
Nica hörten, waren die Skandale, die in den Zeitungen ausgebreitet
wurden. Die Schlagzeile »Bop-King stirbt im Schlafzimmer der
Baroness« sorgte zu beiden Seiten des Atlantiks genauso für Wirbel
wie die Nachricht, dass sie wegen Rauschgiftbesitzes ins Gefängnis
kam. In Clint Eastwoods biografischem Charlie-Parker-Film Bird
tauchte sie, von einer Schauspielerin dargestellt, wieder auf und
dann noch einmal, ganz sie selbst, in der Dokumentation Straight,
No Chaser. Das Originalmaterial wurde 1968 von den beiden Brüdern
Christian and Michael Blackwood gedreht, die Monk mit einer
Handkamera vom Bett in den Konzertsaal folgten, durch Flughäfen
und Hintergassen, und die so das Strandgut, den Spülsaum
seines Alltags einfingen. Die Aufnahmen enthalten auch Szenen
mit seiner Freundin, der Baroness Nica de Koenigswarter, geborene
Rothschild.
In diesem Filmmaterial sah ich zum ersten Mal Thelonious
Monk. Im Hintergrund war meine Großtante zu erkennen.
»Wisst ihr, wer das ist?«, fragt der Hohepriester des Jazz das
Kamerateam, während er durch den winzigen Keller tänzelt. Hundert
Kilo schwer und über 1,90 Meter groß, sieht der Pianist zu-
gleich überdimensional und geschmeidig aus, wie er dort in seinem
schicken Anzug herumwirbelt, glitzernde Schweißtropfen auf
der dunklen Haut. Monk summt, während er sich vom Spülbecken
zum Tisch bewegt und seine schweren Goldringe gegen ein Glas
Whisky klirren. Plötzlich wendet er sich voller Elan der Kamera zu.
»Ich habe gefragt, ob ihr wisst, wer sie ist?«, fährt er das Filmteam
an.
Als niemand antwortet, zeigt Monk zur anderen Seite des Zimmers
hinüber. Die Kamera folgt seinem Blick und erfasst eine
Weiße, Nica, die in diesem als Küche und Garderobe dienenden
Raum – ein Wartezimmer zwischen Straße und Auftritt – von vier
Schwarzen umringt ist. Die Kamera fängt das ganze Bild ein; kein
Hauch von Glamour in diesem Raum mit seinen nackten Glühbirnen
und Stapeln schmutzigen Geschirrs. Auch die Frau sieht nicht
aus wie eines der üblichen Rock Chicks oder Groupies: Sie ist jenseits
der vierzig; das Haar hängt ihr glatt auf die Schultern; ihr
Outfit – gestreiftes T-Shirt und Jacke – trägt wenig zur Betonung
ihrer hübschen Figur bei. Zweifellos sieht sie nicht wie eine reiche
Erbin oder eine Femme fatale aus.
»Sie ist eine Rothschild, klar?«, fährt Monk fort. »Ihre Familie
hat den König mit Kohle versorgt, damit er Napoleon schlagen
konnte.« Dann, wieder an Nica gewandt, sagt er: »Ich sage allen,
wer du bist, ich bin stolz auf dich.«
»Vergiss nicht, dass sie als Zugabe auch noch den Suezkanal
haben springen lassen«, antwortet sie, offenbar etwas betrunken.
Nica blickt Monk mit einer Mischung aus Liebe und Bewunderung
an, bevor sie sich wieder der Aufgabe zuwendet, eine Zigarette in
ihren Mund zu bugsieren.
»Aber das ist schon über ein Jahr her, oder noch länger«, wirft
ein junger Musiker ein.
»Hier, nimm den Suezkanal«, sagt Nica, klemmt die Zigarette
zwischen ihre Vorderzähne und überreicht einen imaginären Kanal.
»Was für eine Tusse!«, meint einer der jüngeren Burschen.
»Ich sage allen, wer du bist«, verkündet Monk. Für einen Mann,
dessen Muttersprache angeblich das Schweigen ist, erweist er sich
als bemerkenswert mitteilsam. »Wisst ihr, wer sie ist?«, fragt Monk
wieder und geht auf die Kamera zu, für den Fall, dass jemand nicht
zuhört. »Sie ist eine Milliardärin, eine Rothschild.«
Ich habe mir dieses Material häufig angesehen, nach Hinweisen
auf Nica gesucht und versucht, mir die Reaktionen ihrer alten
Freunde und des Familienclans vorzustellen. Ich fragte meinen
Vater Jacob: Was habt ihr davon gehalten?«
»Wir haben nicht viel über sie gesprochen«, sagte er.
»Aber was war denn, als ihr gehört habt, dass sie ins Gefängnis
gekommen und der berühmte Saxofonist tot in ihrem Apartment
gefunden worden ist?« Ich gab nicht auf.
Mein Vater zögerte: »Ich nehme an, wir waren alle ziemlich verwirrt
und etwas geschockt.«

Hannah Rothschild

Über Hannah Rothschild

Biografie

Hannah Rothschild ist Regisseurin zahlreicher BBC-Dokumentarfilme und Reporterin, u.a. für „Vanity Fair“, „The Times“ oder „New York Times“. Zudem arbeitet sie als Senior Editor at Large für Harpers Bazaar. Ihre Dokumentation über ihre Großtante Nica Rothschild unter dem Titel „The Jazz Baroness“...

Pressestimmen

SWR 2 "Forum Buch"

»Hannah Rothschilds "Die Jazz-Baroness" ist nicht nur das Porträt einer britischen Exzentrikerin; immer wieder finden sich außerdem atmosphärisch dichte Beschreibungen dieser klassischen Epoche des Jazz. Die Hommage an ihre Großtante, die auch eine facettenreiche Geschichte von Aufstieg und Fall der Rothschild-Dynastie enthält, ist die Verbeugung vor einer bedingungslos Liebenden und die Erinnerung an ein aufregendes Leben.«

Neue Zürcher Zeitung

»"Die Jazz-Baroness" von Nicas Grossnichte Hannah Rothschild lebt davon, dass es wie eine detektivische Suche nach den Rätseln und Widersprüchen im Leben der Koenigswarter aufgezogen ist. Und es geht der Frage nach, was man von ihr lernen kann. Die Antwort: "Sie hat mich gelehrt, nach Ähnlichkeiten zu suchen und nicht nach Unterschieden, Entscheidungen wichtiger zu nehmen als Konventionen, mutiger zu sein." Das Buch lebt auch von der Nähe der Autorin zur Familiengeschichte der Rothschilds und der persönlichen Begegnung mit Nica - die beiden sind sich tatsächlich begegnet, haben sich kennen- und schätzen gelernt.«

Die Welt

»Für Thelonious Monk gab sie ihr Leben als Millionärin auf: Pannonica de Koenigswarter, geb. Rothschild, wurde in New York zur Muse und Mäzenin, Chauffeurin und Aufnahmegeräthalterin der großen Jazzer.«

Badische Zeitung

»Ihre Großnichte Hannah Rothschild erzählt das bewegte Leben einer legendären Frau, einer legendären Musik und einer legendären Dynastie.«

Vogue

»Pannonica Baronesse de Koenigswarter geborene Rothschild kämpfte mit de Gaulle gegen die Nazis, bevor sie Vertraute und Patronin von Jazzgrößen wie Thelonius Monk und Charlie Parker wurde, die wiederum sie in ihrer Musik verewigten. Ihre Großnichte Hannah Rothschild schrieb die Biografie "Die Jazz-Baroness".

Bolero

»Ihre Biografie ist ein Plädoyer dafür, seiner eigenen Vergangenheit zu entkommen und ein Leben nach eigenen Regeln zu leben.«

Spiegel online

»Aber wie verlief das Leben der Grande Dame des Jazz vor ihrer Ankunft in New York? Die ganze Geschichte erzählt nun ihre Großnichte Hannah Rothschild: Pannonicas Kindheit in englischen Schlössern, ihre Flucht aus Frankreich vor den deutschen Truppen, ihre Zeit bei den freien französischen Streitkräften unter de Gaulle und als Diplomatengattin nach dem Krieg. Als erfahrene Dokumentarfilmerin und Reporterin hat Hannah Rothschild ein spannendes Buch geschrieben. "Die Jazz-Baroness" bietet auch Leuten Lesevergnügen, die Jazz wenig interessiert.«

ZEIT online

»Hannah Rothschilds "Die Jazz-Baroness" ist nicht nur das Porträt einer britischen Exzentrikerin. Immer wieder finden sich außerdem atmosphärisch dichte Beschreibungen der klassischen Epoche des Jazz. Die Hommage an ihre Großtante, die auch eine facettenreiche Geschichte von Aufstieg und Fall der Rothschild-Dynastie enthält, ist die Verbeugung vor einer bedingungslos Liebenden und die Erinnerung an ein aufregendes Leben. Weiterleben wird Pannonica in den Stücken, die etliche ihrer Freunde für sie geschrieben haben.«

Madame

»Mit einer fulminanten Hommage macht die Großnichte Hannah ihr (und uns) ein wunderbares Geschenk.«

JazzThing

»Herausgekommen ist eine faszinierende Biografie, die von ihrer Kindheit in englischen Schlössern, vom Kampf gegen die Nazis, von einer Diplomaten-Ehe, dem Bruch mit der Familie und dem Zurücklassen der eigenen Kinder sowie der Erfindung eines neuen Ichs in der kulturellen Blütezeit Harlems erzählt.«

Badische Zeitung

»Ihre Großnichte Hannah Rothschild erzählt das bewegte Leben einer legendären Frau, einer legendären Musik und einer legendären Dynastie.«

freundin DONNA

»Hannah Rothschild erzählt in "Die Jazz-Baroness" die unglaubliche Geschichte ihrer Großtante.«

Sunday Times (zur UK-Ausgabe)

„Eine äußerst lesbare, umfassend recherchierte Biografie. Sie ist zu einem Drittel die Geschichte der Rothschild Familie, zu einem Drittel das Porträt von Nica und zu einem von Monk. Nica erscheint als erstaunliche Frau, stark, temperamentvoll und rebellisch."

The Observer

“Hannah erzählt diese Geschichte mit Behutsamheit und balanciert dabei die erzählerische Spannung mit dem Bedürfnis, alle Fakten darzulegen, damit die Leser sich ein eigenes Bild machen können. Wie der Rest des Buches, absolut fesselnd.“

tonart

»Ein faszinierendes Buch mit einzigartiger Thematik, das ungeschminkt die vermeintliche Unvereinbarkeit zweier Welten aufzeigt.«

Living

»Hannah Rothschild gewährt ihren Lesern Einblick in die unglaubliche Geschichte einer weltberühmten Familie und liefert die faszinierende Biografie ihrer legendären Großtante.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden