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Die Herrschaft der OrksDie Herrschaft der Orks

Die Herrschaft der Orks

Roman (Orks 4)

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Die Herrschaft der Orks — Inhalt

Die Ork-Brüder Balbok und Rammar sind in einem Inselreich gestrandet und geben sich dort nach Lust ihres dunklen Herzens dem Blutbier und Fressgelage hin – und der Langeweile. Doch sie ahnen nicht, dass in der Welt außerhalb der Inseln inzwischen Jahrhunderte vergangen sind. Die alten Gesetze sind außer Kraft, die Verbündeten der Orks längst tot. Ihre Heimat, die Modermark, ist zur Gnomenmark geworden, und Elfen und Zwerge liegen in einem erbitterten Krieg um die Reiche von Erdwelt. Zeit für zwei Orks, für die ein klauenfester Streit ebenso erstrebenswert ist wie die Weltherrschaft ...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 16.02.2015
528 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28007-5
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.03.2013
527 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96166-0

Leseprobe zu »Die Herrschaft der Orks«

PROLOG

 

Das Gewölbe war von einem kalten grünlichen Leuchten erfüllt.
Nackter Fels bildete die Wände, in die unzählige Nischen und Vertiefungen gehauen waren. Flaschen und Phiolen reihten sich darin aneinander, Dosen und Tiegel, die seltsam aussehende und noch seltsamer riechende Substanzen enthielten; klare und trübe, farblose und bunte, dickflüssige und wässrige Flüssigkeiten, aber auch Pulver verschiedenster Körnung, Farbe und Beschaffenheit, die Behälter nicht selten mit dem Symbol des Totenkopfs versehen.
Die Mitte des Gewölbes nahm ein langer Tisch [...]

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PROLOG

 

Das Gewölbe war von einem kalten grünlichen Leuchten erfüllt.
Nackter Fels bildete die Wände, in die unzählige Nischen und Vertiefungen gehauen waren. Flaschen und Phiolen reihten sich darin aneinander, Dosen und Tiegel, die seltsam aussehende und noch seltsamer riechende Substanzen enthielten; klare und trübe, farblose und bunte, dickflüssige und wässrige Flüssigkeiten, aber auch Pulver verschiedenster Körnung, Farbe und Beschaffenheit, die Behälter nicht selten mit dem Symbol des Totenkopfs versehen.
Die Mitte des Gewölbes nahm ein langer Tisch aus Stein ein, dessen unzählige Scharten, Flecken und Vertiefungen erahnen ließen, dass er schon mancher dieser Substanzen hatte standhalten müssen, wenn sie sich zu Säure oder giftigem Schaum verbunden oder als ätzende Dämpfe niedergeschlagen hatten.
Auf dem Tisch stand ein Athanor, ein aus Steinen gemauerter und mit glühenden Kohlen beheizter Ofen, über dem eine Anordnung bizarr geformter Behältnisse aufgebaut war. Einige davon waren aus Metall, die meisten jedoch aus Glas gefertigt – konische Destillierkörper, mit hakenförmigen Ausläufen versehene Rundkolben und vielbäuchige Aludeln, durch spiralförmige Röhren miteinander verbunden und gefüllt mit schillernden Flüssigkeiten.
Dies war Baugulfs Reich.
In den oberen Bereichen der Festung mochten andere das Sagen haben. Hier jedoch, wohin noch niemals Tageslicht gedrungen war, an diesem unheimlichen Ort, der nur von Öllampen erleuchtet wurde, die an Ketten von der rußgeschwärzten Decke hingen – hier war seine Domäne. Hier gebot er den Elementen, hier unterwarf er sich die Natur.
Vorausgesetzt, er fand den richtigen Schlüssel.
Von frühester Jugend an hatte sich Baugulf der Kunst der Verwandlung verschrieben. Mochten andere ihre Erfüllung darin finden, in Bergestiefen dunkle Gänge zu schachten; seine Vorliebe hatte von jeher der Alchemie gehört, die – zumindest in seinen Augen – nicht weniger in der Natur seines Volkes lag. Statt Stollen ins Innere der Berge zu treiben und dort nach Dingen zu suchen, die im ewigen Dunkel verborgen waren, zog er es vor, die Geheimnisse der Natur zu erforschen, das Wesen der Dinge selbst, und sich jene Reichtümer, nach denen sein Volk von jeher trachtete – all jene Metalle, jene nutzbringenden Gesteine, glitzernden Gemmen und kostbaren Essenzen, die tief im Inneren durumins schlummerten – selbst zu erschaffen.
Das Geheimnis lag in der Umwandlung, im Wechsel der Elemente von einer Ebene zur nächsten, bis hin zur Erlangung des erwünschten Endzustands.
Kohle zu Diamanten.
Phosphor zu Licht.
Eisen zu Gold.
Baugulf war überzeugt davon, dass sich das Prinzip auf jedwedes Material und Element übertragen ließ, es war lediglich eine Frage des Willens und des dafür erforderlichen Wissens – uralten Wissens, das in seinen Grundzügen auf die Weisen Shakaras und ihre Jahrtausende alten Einsichten in das Wesen der Welt zurückging. Auf verschlungenen und teils verbotenen Pfaden hatte Baugulf gewisse Kenntnis von diesen Dingen erlangt – genug, um in seinem Laboratorium damit zu experimentieren und erste kleine Erfolge zu erzielen. Der große Durchbruch, das mayura gwaith, wie die Zauberer von Shakara es einst genannt hatten, war ihm bislang jedoch versagt geblieben.
Noch hatte er das Geheimnis, wie die Schätze des Berges einander angeglichen und aus wertlosem Eisen Gold wurde, nicht entschlüsselt, aber er war überzeugt davon, dass der Moment unmittelbar bevorstand – und wenn es so weit war, würde ihn niemand mehr verlachen. Dann würden all die Zweifler und selbst der König anerkennen müssen, dass Baugulf Steinherz der größte aller Alchemisten war, der Meister unter den Gelehrten!
Alles, was er dazu brauchte, war die Stimme.
Jene Worte in seinem Kopf, die sich immer dann vernehmen ließen, wenn er ratlos war und in seinem Bemühen nicht weiterwusste, geradeso, als spräche sie aus tiefstem Inneren zu ihm. Woher sie kam, wusste er nicht, und es war ihm auch gleichgültig, denn sie war es gewesen, der er seine ersten bescheidenen Erfolge zu verdanken hatte.
Die Stimme, so sagte er sich, war das ordnende Prinzip. Sie verkörperte all das, wofür die Alchemie stand, denn sie bewies, dass der Natur eine Ordnung innewohnte, die sich demjenigen, der sie aufrechten Herzens suchte und bereit war, sich auf die Wahrheit einzulassen, von selbst erschloss und so das Prinzip der Umwandlung auf den Geist übertrug.
Kohle zu Diamanten.
Phosphor zu Licht.
Eisen zu Gold.
Inspiration zu Genie.
Auch jetzt lauschte Baugulf wieder in sich hinein, wartete darauf, dass die Stimme zu ihm sprechen, ihn erneut aus der Ratlosigkeit reißen würde, in die er trotz all des verbotenen Wissens, das er sich bereits angeeignet hatte, wieder verfallen war. Wie viel auch immer er wusste – die Stimme wusste ungleich mehr. Und sie schien sich keinerlei Beschränkungen aufzuerlegen, welches Wissen sie nutzen durfte und welches nicht. Wissen war wertfrei. Es unterlag keiner Beurteilung und keiner moralischen Instanz; erst die falsche Nutzung oder der bewusste Missbrauch konnten es gefährlich werden lassen – eine Einsicht, die Baugulf ebenfalls aus den Gesetzen der Verwandlung gewonnen hatte.
So wie es möglich war, Eisen zu Gold zu veredeln, konnten auch Gedanken und Ideen einer höheren Bestimmung zugeführt werden und auf diese Weise dem Wohlstand und dem Fort-schritt des Volkes dienen – und Baugulf war überzeugt, dass er diesem hohen Ideal genügte. Die Stimme, die aus seinem Inneren zu ihm sprach, war der beste Beweis dafür …
»Nun?«
Baugulf zuckte zusammen. Anfangs hatte er an seinem Verstand gezweifelt und geglaubt, zu viele beißende Dämpfe eingeatmet zu haben. Doch wenn die Stimme nur eingebildet war, wie kam es dann, dass sie ihm über Jahrtausende verborgenes Wissen enthüllte?
»Hast du getan, was ich dir aufgetragen habe?«
»Jawohl«, bestätigte Baugulf beflissen, wobei seine Worte von der niederen Decke widerhallten. Anfangs war es ihm seltsam vorgekommen, sich selbst laut sprechen zu hören, inzwischen dachte er sich nichts mehr dabei. »Ich habe alles getan, was Ihr mir aufgetragen habt. Ich habe die Substanzen getrocknet, gemahlen und im von Euch befohlenen Verhältnis vermischt.«
Baugulf deutete auf den Mörser, der auf dem Tisch stand – ein schweres steinernes Gebilde mit einem ebenso aus Stein gefertigten Stempel. Ein Pulver befand sich darin, das seine dunkle Färbung hauptsächlich den fünf Teilen Holzkohle verdankte, die Baugulf nach Anweisung der Stimme darin vermahlen hatte. Die sieben Teile Salpeter, nach denen die Stimme außerdem verlangt hatte, waren nicht einfach zu beschaffen gewesen – Baugulf hatte sie in einem aufgelassenen Stollen in einem entlegenen Teil der Festung eigenhändig von der Felswand gekratzt.
»Sehr gut«, anerkannte die Stimme. »So füge jetzt die nächste Ingredienz hinzu. Aber sei vorsichtig.«
»Vorsichtig?«, fragte Baugulf und fügte hoffnungsvoll hinzu: »Könnte sich das Große Werk so schnell vollenden? Befürchtet Ihr, der Mörser könnte sich augenblicklich in Gold verwandeln?«
»Sei vorsichtig«, beschied ihm die Stimme noch einmal ein-dringlich, und dies machte Baugulf klar, dass es besser war, die Warnung zu befolgen.
Er trat an eine der in den Fels gehauenen Nischen und ging im grünen Schein der Lichtsteine die säuberlich aufgereihten Behälter durch. Sein Finger verharrte vor einer Flasche, die ein gelbes Pulver enthielt.
Schwefel.
Zu Beginn seiner Tätigkeit als Alchemist hatte Baugulf viel damit experimentiert, da er sich gut verarbeiten ließ und in Farbe wie Geruch deutliche (wenn auch wenig erbauliche) Reaktionen zeigte. Mit der Zeit hatte er ihn jedoch als unnütz verworfen – dass ausgerechnet Schwefel nun den Schlüssel zum Großen Werk bergen sollte, war eines jener unfassbaren Rätsel, mit denen die Natur sich umgab und so ihr geheimes Wissen vor jenen verbarg, die ihrer nicht würdig waren.
Mit vor Aufregung bebender Hand nahm Baugulf die Flasche aus der Nische, trug sie zum Tisch und entkorkte sie. Sodann griff er zum Löffel, den er nach dem vorgegebenen Ritual säuberte und von magnetischer Kraft befreite, ehe er ihn in die Öffnung steckte.
Fünfmal griff er damit hinein und gab das Pulver in den Mörser, vorsichtig, wie die Stimme es ihm aufgegeben hatte. Dann, nachdem er die Flasche wieder verschlossen und in die Nische zurückgestellt hatte, griff er zum Stempel und begann, die drei Substanzen miteinander zu vermischen.
Salpeter.
Holzkohle.
Schwefel.
»Vorsichtig«, hörte er dabei die Stimme immer wieder sagen. »Vorsichtig …«
Es dauerte nicht lange, bis der Schwefel die Farbe der Kohle angenommen hatte und in dem schwarzen Pulver aufgegangen war. Ein wenig argwöhnisch blickte Baugulf auf die eigenwillige Mixtur, die zusammenzustellen ihm so nie in den Sinn gekommen wäre. Weder fühlte sie sich außergewöhnlich an, noch roch sie besonders, was nicht weiter verwunderlich war, da keine edlen, den Prozess der Verwandlung begünstigenden Substanzen in ihr enthalten waren. Doch die Anweisungen waren eindeutig gewesen, und weder hatte Baugulf Anlass noch das Recht, diese infrage zu stellen.
»Und nun?«, war alles, was er nach einer Weile sagte.
»Hast du alle Anteile gut vermischt?«
»Das habe ich.«
»Dann wisse: Dieses Pulver, Steinherz, wird die Geschichte deines Volkes verändern, so wie es die Geschichte deiner ganzen Welt verändern wird. Behüte die Rezeptur sorgfältig und verrate sie niemandem – niemandem außer …«
In diesem Moment geschah es.
Es war nur ein Zufall, ein winziges Staubkorn im Mahlwerk des Großen Werkes – die Auswirkung jedoch war vernichtend.
Eine der Ratten, die sich zu Baugulfs Verdruss hin und wieder in seinem Laboratorium herumtrieben und die, in immer-währender Dunkelheit lebend, bleich und ohne Fell waren, sodass sie wie vierbeinige Engerlinge aussahen, hatte sich unbemerkt genähert und war auf der Suche nach Nahrung auf den Experimentiertisch geklettert.
Dort entdeckte Baugulf sie – und seine Reflexe sprachen schneller an, als sein Verstand oder die Stimme in seinem Kopf ihn zurückhalten konnte.
»Verdammtes Biest!«, rief er aus.
Die Hand mit dem schweren steinernen Stempel zuckte empor, bereit, den verhassten Besucher zu erschlagen – und fiel wie das Beil des Henkers herab.
»Nein!«, schrie die Stimme.
Doch es war zu spät.
Baugulf hatte nur Augen für das Tier, das die Zeichen der Zeit erkannte und quiekend die Flucht ergriff. Der Stempel jedoch, mit vernichtender Wucht geführt, ging nieder und zerschlug einen Glaskolben, was Baugulf in seinem Zorn nicht weiter kümmerte. Einen Lidschlag später jedoch traf der Stempel auf die Tischplatte. Funken schlugen und sprangen auf den Mörser über, der in unmittelbarer Nähe stand.
Baugulf vernahm ein hässliches Zischen.
Dann sah er die Stichflamme, die aus dem Mörser emporschoss.
Und im nächsten Moment wurde er bei lebendigem Leib zerrissen.

 

 

 

BUCH 1: NUASH UMM (EINE NEUE ZEIT)

 


1. KAS-BHULL

 

»Bei Narkods Hammer! Muss ich denn alles selber machen?«

Mit vor Unglauben weit aufgerissenen Augen starrte Rammar auf das, was sein Bruder da trieb. Gleichzeitig fühlte er, wie ihm die Galle hochstieg, zusammen mit dem Blutbier, das er zum Frühstück hinuntergestürzt hatte und das nun in seinem feisten Körper umherschwappte wie in einem halb leeren Fass. »Bist du zu schwach, um mit ein paar halbstarken Orklingen fertigzuwerden, du dämlicher umbal?«

Der Ork, dem seine Beleidigungen galten, bot, obschon sein leiblicher Bruder, den denkbar stärksten Gegensatz zu ihm: Während Rammar so fett war, dass seine Größe und Breite in ständigem Wettstreit miteinander lagen, war Balbok derart hager, dass man hätte meinen mögen, die grüne Haut spannte sich unmittelbar über Knochen und Sehnen. Während Rammars Beine dick wie Pfeiler waren und kurz wie die eines Schweins, waren Balboks lang und dürr, und während Rammars Schädel wie eine einzige runde Knolle wirkte, aus der ein winziges gelbes Augenpaar starrte, war Balboks Miene lang und schmal. Seine Nase war schief, seine Augen groß und – jedenfalls kam es Rammar so vor – stets in fassungsloser Dummheit aufgerissen. Während Rammars Schädel kahl war, quoll unter dem ledernen Helm, den Balbok trug und der mit einem Kinnriemen befestigt war, spärliches schwarzes Haar hervor, das fettig und schweißnass an seinem Schädel klebte.
Und noch eine Sache gab es, die die beiden Brüder vonei-nander unterschied: Während Balbok noch alle Gliedmaßen sein Eigen nannte, prangte an Rammars linkem Arm statt seiner Klauenhand die Spitze eines saparak, jener mörderischen Mischung aus Klinge und Speer, die die bevorzugte Waffe eines Orks darstellte. Das Ding war eine bleibende Erinnerung an Tage, an die Rammar lieber nicht zurückdachte – auch wenn sie letztlich dazu geführt hatten, dass er das war, was er war.
In den vergangenen fünf Jahren hatte Rammar gelernt, seine neue Hand auf mancherlei Art einzusetzen. Er hatte festgestellt, dass es für einen Ork gar nicht unpraktisch war, nicht erst zur Waffe greifen zu müssen, sondern sie direkt am Arm zu haben. Auf diese Weise konnte man Argumenten jederzeit Nachdruck verleihen oder allzu trägen Bediensteten auf die Sprünge helfen; das Ding ließ sich sogar als Fleischgabel verwenden und dazu, Gnomen-Augen aus dem bru-mill zu fischen (die man in Ermangelung von Ghul-Augen auf der Insel verwenden musste). Und es eignete sich auch vortrefflich dazu, es demonstrativ in die Luft zu recken und finstere Drohungen auszusprechen – so wie in diesem Augenblick.
»Du dämliches, für nichts zu gebrauchendes Stinkmaul! Muss ich dir erst die Visage zerstückeln, damit du endlich aufwachst?«
Der Ruf gellte quer durch die weite kesselförmige Grube, auf deren anderer Seite Balbok alle Klauen voll damit zu tun hatte, sich seine Gegner vom Leib zu halten.
Einer, der ihm nur bis zur Schulter reichte, hatte beide Arme um Balboks Leibesmitte geschlungen und versuchte ihn festzuhalten, während ein anderer bäuchlings auf dem Boden rutschte und sich in seine Wade verbissen hatte. Zwei weitere Orks versuchten unterdessen, an den rund gescheuerten Trollschädel zu kommen, den sich Balbok unter den linken Arm geklemmt hatte.
Vergeblich.
Trotz seiner Körpergröße und seiner schlaksigen Postur zeigte Balbok erstaunliches Geschick darin, seine Gegner so abzuwehren, dass sie nicht an den bhull kamen: Den einen hielt er mit einem ausgestreckten Bein auf Distanz, den anderen mit der linken Klaue, die immer wieder herabstieß und ihm eine Ohrfeige nach der anderen versetzte. Dennoch ließen die Kerle nicht locker, und Balbok kam auch nicht über die Linie hinaus, die mit hellgrünem Gnomenblut markiert war und quer durch den Kessel verlief – was wiederum Rammar in schreckliche Raserei versetzte.
»Los doch, wird’s bald?«, rief er und fuchtelte wie wild mit der Saparak-Hand. »Worauf wartest du noch?«
»Willst du … mir … nicht … helfen?«, stieß Balbok hervor, der nun doch in arge Bedrängnis geraten war – noch zwei Gegenspieler hatten sich hinzugesellt und setzten nun alles daran, ihn zu Boden zu ringen.
»Das wäre ja noch schöner! Glaubst du, ich mache mir die Kralle schmutzig, nur weil du dich nicht vernünftig verteidigen kannst? Komm gefälligst rüber mit dem verdammten Schädel oder du kriegst keinen Tropfen Blutbier mehr zu saufen!«
Das saß.
Balbok sah auf, und am Blick seiner furchtsam geweiteten Augen konnte Rammar erkennen, dass er nun ganz offenbar den richtigen Ton getroffen hatte.
Im nächsten Moment kam Bewegung ins Spiel.
Der beiden neuen Angreifer entledigte sich Balbok, indem er den Kopf des einen gegen den des anderen stieß. Der Aufprall war so hart, dass sogar Rammar ihn hörte. Bewusstlos gingen die Gegner zu Boden. Einen weiteren Angreifer wehrte Balbok ab, indem er ihm den bhull aufs Haupt schmetterte – der Ork landete mit ausgebreiteten Armen bäuchlings im Morast, wo er blubbernd liegenblieb. Auch den, der sich in seine Wade verbissen hatte, wurde Balbok endlich los – nur derjenige Gegner, der sich um seinen schlanken Leib klammerte, hielt sich weiter unnachgiebig fest.
Balbok rannte bereits los, während er ihn gleichzeitig abzuschütteln versuchte, dabei drehte er sich mehrmals um seine Achse, sodass der andere an ihm flatterte wie ein Kriegsbanner im gaork. Rammar verdrehte die Augen und fragte sich zum ungezählten Mal, wieso er nicht allein aus Luraks Pfuhl hatte kriechen können. Was in aller Welt hatte sich das Schicksal nur dabei gedacht, ihm einen Bruder zuzugesellen, der so dämlich war?
»Rammar! Fang!«, schnaufte Balbok, der schwer atmend auf ihn zugerannt kam, den anderen Ork noch immer im Schlepp – ein geradezu lächerlicher Anblick, der bei den Zuschauern, die rings um die Grube verteilt standen, denn auch für Heiterkeit sorgte. Rammar nahm sich vor, im Anschluss an das Spiel genau herauszufinden, wer gelacht hatte – um jedem Einzelnen von ihnen eine Tracht Prügel zu verpassen. Eine Arbeit, die völlig unnötig gewesen wäre, hätte sich sein Bruder nicht einmal mehr wie ein ausgemachter Idiot benommen.
»Schmeiß schon her!«, verlangte Rammar – und Balbok warf den Schädelball, einen Lidschlag, ehe er unter den fortwährenden Bemühungen seines Angreifers zu Boden ging.
Was aus seinem Bruder wurde, der mit derartiger Wucht im Schlamm landete, dass sowohl er als auch sein Gegner sich mehrfach überschlugen, war Rammar einerlei – er hatte nur noch Augen für den Trollschädel, der durch die Luft auf ihn zu wirbelte. Sein großer Augenblick war gekommen!
Rammar setzte sich in Bewegung – schon das war für sich genommen ein denkwürdiger Anblick – und stampfte dem Schädel entgegen, die Arme zum Fangen ausgebreitet. Ob er die Distanz unterschätzt hatte oder schlicht und ergreifend nicht schnell genug gewesen war, wusste er selbst nicht zu sagen. Im nächsten Augenblick jedenfalls klatschte der bhull unmittelbar vor ihm in den Morast und sorgte dafür, dass nicht nur Rammars grünes Gesicht, sondern auch sein ungeheurer Leib und die lederne Rüstung, die sich darüberspannte, mit Dreck besudelt wurden.
Gelächter auf allen Rängen.
Blutige Rachephantasien bildeten sich in Rammars Kopf, während er sich den Schlamm aus dem Gesicht wischte, dabei wüste Verwünschungen ausstoßend. Wütend trat er nach dem Schädel, der vor ihm auf dem Boden lag und dessen leere Augenhöhlen ihn blöde anzustarren schienen.
Zusammen mit einer Schlammfontäne flog der bhull ein Stück weit davon, genau in Richtung des gegnerischen gouta – und da kam Rammar eine Idee.
Wenn er so tat, als hätte er das verdammte Ding absichtlich auf den Boden fallen lassen, konnte er von seiner Würde womöglich noch etwas retten …
Schnaufend trampelte er dem bhull hinterher, dabei watschelnd wie Bormod auf dem Weg zur Schlachtbank, und kaum hatte er ihn erreicht, trat er ein zweites Mal nach Kräften zu. Diesmal machte der Schädel einen noch größeren Satz und landete nur wenige Schritte vor dem Tor des Gegners, sehr zur Verblüffung des fruukoudum, der breitbeinig dort stand und sichtlich nicht wusste, wie er reagieren sollte. Auch von den gegnerischen Feldspielern wagte keiner einzugreifen – eine Folge der Tatsache, dass Rammar allzu aufmüpfige Gegenspieler auch schon mal von der Nordklippe hatte werfen lassen.
Mit einem triumphierenden Grinsen, die gelben Zähne gebleckt wie ein Raubtier, stieß Rammar weiter vor. Die Augen des gegnerischen Torwächters weiteten sich, als er die ungeheure Leibesmasse auf sich zukommen sah. Sein Maul öffnete sich zu einem lautlosen Schrei, dennoch tat er tapfer seine Pflicht, denn es war auch schon vorgekommen, dass Rammar Gegenspieler, die nicht mit dem nötigen Ernst bei der Sache gewesen waren, von der Nordklippe hatte werfen lassen.
Seiner eigenen, eher schmächtigen Gestalt zum Trotz warf sich der fruukoudum also Rammars Angriff entgegen, eilte aus seinem Tor, das aus einem aus Trollknochen zusammengeflickten, rund zwanzig knum’hai messenden Bogen bestand, um noch vor Rammar an den Schädelball zu gelangen.
Um ein Haar gelang es ihm sogar – doch er hatte die Rechnung ohne Rammar gemacht.
Denn als dieser sah, dass der andere den bhull vor ihm erreichen würde, warf er sich mit einem wütenden Aufschrei nach vorn, die Spitze des saparak an seinem linken Arm erhoben – und statt den bhull zu spielen, wie der andere es wohl erwartet hatte, rammte der König der Orks ihm das rostige Eisen zwischen die Rippen.
Ein hässliches Knacken und ein Geräusch, das klang, als entweiche Luft aus einem Blasebalg – und der fruukoudum ging nieder. Der Weg zum Tor war frei!
Mit einem zufriedenen Grunzen fuhr Rammar herum.
Es kam ihm vor, als würde er sich mit unendlicher Langsamkeit bewegen, so sehr genoss er jeden einzelnen Augenblick. Mit der linken Fußspitze stieß er den Trollschädel an und brachte ihn so in Bewegung, wartete, bis er ihm vor den rechten Fuß gekullert war – und trat dann mit aller Kraft zu. Wie von einem Katapult geschleudert schoss der bhull davon und wiederum begleitet von einer Kaskade aus Schlamm und Dreck schlug er in das gegnerische gouta ein.
Rammar lief weiter, während er sich seine Lederrüstung vom Leib riss und grüne wabbelnde Körpermassen entblößte. Wie in Trance passierte auch er den Torbogen, um den bhull noch ein zweites und ein drittes Mal zu treten und allen Anwesenden unmissverständlich klar zu machen, dass kein anderer als er …
»Kein Treffer!«, plärrte in diesem Moment jemand. Auf einmal schien alles wieder mit herkömmlicher Geschwindigkeit vonstatten zu gehen.
Rammar fuhr herum.
»Was?«
Seine gute Laune war jäh verflogen.
Er fletschte die Hauer, in seinen Schweinsäuglein funkelte es. »Was hast du gesagt?«, fragte er den buckligen Ork mit der ungesund hellen Gesichtsfärbung und dem kahlen Schädel, der wie eine Glaskugel glänzte.
Klogionn, so der Name des Orks, der es zum königlichen Haushofmeister gebracht hatte, senkte betroffen das Haupt. »Verzeih, mein König, ich …«
Rammar spuckte geräuschvoll aus. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass sich ein Ork aus echtem Tod und Horn nicht entschuldigt? Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass sich mein dämlicher Bruder das nicht merken kann!«
Klogionns beflissenes Wesen wollte sich ein zweites Mal entschuldigen. Er hielt sich selbst davon ab, indem er sich auf die wulstigen Lippen biss.
»Also, was soll dieser Blödsinn von wegen ›kein Treffer‹?«, erkundigte sich Rammar scharf.
»Du hast gegen die Regeln verstoßen, mein König«, drang es kleinlaut zurück.
»Ich?« Rammar hob in einer Unschuldsgeste die Arme, während hinter ihm der heftig blutende Torwächter weggetragen wurde.
»Der bhull wurde mit dem Fuß ins gouta befördert«, erklärte der Haushofmeister, der zugleich als Schiedsrichter fungierte, zerknirscht. »Das ist den Regeln zufolge verboten.«
»Ach ja?«, schnaubte Rammar. »Und wer hat diese idiotischen Regeln, von denen du sprichst, aufgestellt?«
»Du selbst, mein König. Du sagtest, dass jeder, der mit den Füßen spielt, diese auf der Stelle abgehackt bekommen sollte, als Warnung für alle anderen.«
»Sagte ich das?« Rammar grunzte. Im Grunde gab es nur ei-nes, was ihn noch mehr in Rage brachte, als zu verlieren – nämlich Unrecht zu haben …
»Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?«, blaffte er deshalb und dachte kurz nach. »Es sollte nur noch mit den Füßen gespielt werden, das macht die Sache spannender, wie man sieht.«
»Spannender? Wenn man nur mit den Füßen spielt?« Zum ersten Mal blickte Klogionn wieder auf, und die Art und Weise, wie er seinen König betrachtete, ließ ahnen, dass er an dessen Verstand zweifelte. »Das Spiel heißt lamhum-bhull!«
»Und wenn schon«, stieß Rammar verächtlich aus. »Die Zeiten sind vorbei. Ab sofort wird kas-bhull gespielt. Ich bin der König, und der König bestimmt die Regeln. Korr?«
»Korr«, bestätigte der andere seufzend.
»Wer beim Spiel die Klauen zu Hilfe nimmt, kriegt die Blutkarte gezeigt und bekommt den Arm abgehackt.«
»Wie du willst, mein König.«
»Der Treffer wird also gezählt«, schnaubte Rammar und reckte in einer triumphierenden Geste die Arme in die Höhe, um die Huldigungen der Zuschauer entgegenzunehmen (derentwegen er diesen ganzen schweißtreibenden Unsinn überhaupt mitmachte).
Doch der Jubel blieb aus.
»Was bei Kuruls Flamme …?«
Fassungslos wandte sich Rammar dem Rand der Grube zu – nur um festzustellen, dass ihm das Publikum die Aufmerksamkeit offenbar längst entzogen hatte. Die Orks, die sich rings um den Spielkessel drängten, starrten alle in östlicher Richtung zum wolkenlosen Himmel hinauf, der sich über der Insel spannte. Selbst Balbok hatte sich wieder auf die Beine gerafft und blickte gen Osten, indem er seine Augen mit der Klaue beschirmte. Mit einem unwilligen Grunzen blickte auch Rammar in die bezeichnete Richtung – und stutzte.
Dort oben war etwas.
Und zwar etwas, das dort nicht hingehörte.
Keine Wolke und kein Vogel. Auch keines der Flattertiere, die in den Höhlen der Insel hausten und die, wie Balbok behauptete, vorzüglich schmeckten.
Dieses Ding war etwas ganz anderes.
Es war von annähernd runder Form, dem bhull nicht unähnlich, und von schreiend roter Farbe. Und, was Rammar noch mehr beunruhigte, es näherte sich der Insel.
»Shnorsh«, stieß Rammar halblaut hervor. Unangenehme Gedanken schraubten sich aus den engen Windungen seines Verstandes empor, die er sogleich wieder verdrängte – Klogi-onn jedoch, der ähnliche Befürchtungen zu hegen schien, plärrte sie laut hinaus.
»Das … ist Kurul!«, stieß er stammelnd hervor. »Er kommt in seiner Blutgaleere, um uns zu vernichten!«
»Bah«, machte Rammar verächtlich – doch im Grunde hatte sein Haushofmeister nur ausgesprochen, woran auch er selbst sofort gedacht hatte.
Kuruls Blutgaleere.
Ein fliegendes Schiff, dessen Segel und Rumpf mit Blut bestrichen waren, sodass es von scharlachroter Farbe war.
Korr, das Ding dort am Himmel war kein Schiff.
Und Segel hatte es auch nicht.
Aber es war rot.
Und es kam näher, wenn auch langsam.
Beides genügte, um Rammar davon zu überzeugen, dass er sich nicht länger auf freiem Feld aufhalten sollte.
»In die Festung«, knurrte er, während er seine Leibesmassen bereits in Bewegung setzte, »sofort!«
Als die übrigen Orks merkten, was die Stunde geschlagen hatte, wandten auch sie sich augenblicklich zur Flucht, vom Rand der Grube zurück zur Festung.
Am Ausgang des Spiels war plötzlich niemand mehr interessiert. Selbst Rammar hatte vergessen, dass er eigentlich gewonnen hatte.

 

 

 

2. GHU OINSOCHG!

 

Die Festung der Orks war eigentlich keine.
Vielmehr eine schier endlose Aneinanderreihung miteinander verbundener Ruinen und verfallener Höhlen, die sich bis tief ins Innere der Insel erstreckten. Andererseits war es ungleich mehr als der klassische bolboug, in dem Ork-Stämme zu hausen pflegten und der gewöhnlich aus wenig mehr als einigen Löchern in der Erde oder dem Fels bestand, weswegen die Bezeichnung rark dann doch wieder einigermaßen gerechtfertigt erschien.
Vor den Orks, ehe Balbok und Rammar ihren Fuß auf die Insel gesetzt und die Geschichte dort maßgeblich beeinflusst hatten, hatte sich die Insel im Besitz der Elfen befunden, die dort vor Unzeiten den Palast von Crysalion errichtet hatten, eine gewaltige Kristallburg, die über einem tiefen, rund eine Viertelmeile durchmessenden Krater erwachsen war. Die Kristallfeste war vergangen, woran Balbok und Rammar nicht unerheblichen Anteil gehabt hatten, und mit ihr auch die Macht der Elfen; auf der Suche nach einer neuen, noch ferneren Zuflucht hatten sie die Insel verlassen und sich neuen Gestaden zugewandt. Der Krater jedoch war geblieben und bildete die Grundlage dessen, was die Orks nun ihre Festung nannten.
Eine behelfsmäßige, aus Gesteinsbrocken, Kristalltrümmern und Palisaden errichtete Mauer, die das Äußerste dessen darstellte, was Orks an Baukunst zu leisten vermochten, umgab den Kraterrand, nach Osten und Westen gab es zwei hölzerne Wachtürme, die die Insel weithin überragten. Ein Tor im eigentlichen Sinn gab es nicht. Die Festung wurde durch die Minen betreten, die den Fels des Kraters durchzogen – jene Minen, in denen der Dunkelelf Rothgan-Margok einst Ork-Sklaven hatte schuften lassen.
Fünf Jahre lag das zurück.
Rothgan-Margok war nicht mehr, die Herrschaft des Dunkelelfen ebenso zersplittert wie der Kristallpalast von Crysalion. Geblieben waren jedoch die Orks, die nach ihrer Befreiung jenen dienten, denen sie die glückliche Veränderung ihres Geschicks zu verdanken hatten: ihren Königen.
Balbok und Rammar.
Indem sie sich selbst zu Königen ausriefen, hatten die beiden Orkbrüder den aus Kristallsplittern zusammengeflickten Thron bestiegen und sich damit ihren Traum von einem eigenen Reich erfüllt. Einfach war das allerdings nicht gewesen, denn ihre Artgenossen, die auf der Insel hausten, waren durch die undenklich lange Zeit der Gefangenschaft doch sehr verändert worden – Gemüsefresser, die mit Orks aus echtem Tod und Horn nicht mehr viel gemein gehabt hatten. Also hatten Rammar und Balbok es als vordringlichste Aufgabe betrachtet, ihren Artgenossen wieder ihre ursprüngliche Wildheit zurückzugeben und sie mit all den Errungenschaften der orkischen Kultur bekannt zu machen, die sie nie kennengelernt hatten.
Dem Blutbier.
Dem Magenverstimmer.
Dem tougasg und vielem anderen, das für Orks, die fern auf dem Festland in den Wäldern und Mooren der Modermark lebten, selbstverständlich war.
Und natürlich mit dem lamhum-bhull, jenem Spiel, das vor allem von jungen Orks gespielt wurde, um ihren Kampfgeist zu schärfen und ihre bisweilen recht ungerichtete Aggression in etwas gezieltere Bahnen zu lenken.
Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, aus einem Haufen Jammerlappen ein ordentliches Rudel Orks zu schmieden, die diesen Namen verdienten und mit dem saparak ebenso gut umzugehen verstanden wie mit dem Schädelkrug. Aber von gelegentlichen Enttäuschungen wie dem sich unentwegt entschuldigenden Haushofmeister abgesehen, konnte Rammar schließlich mit einigem Stolz auf sein Königreich blicken.
Viel Zeit war vergangen, seit er und sein Bruder einst ihren bolboug verlassen hatten, um das verlorene Haupt ihres Anführers Girgas wiederzufinden, und an vieles davon erinnerte sich Rammar nicht mehr genau, sei es, weil in den verfetteten Windungen seines Gehirns einfach nicht genug Platz dafür war oder weil sein eigener Beitrag zu all diesen Abenteuern bisweilen – nun – ein wenig fragwürdig gewesen war.
Nur eines war dem selbst gekrönten König der Inselorks klar: dass er sich das, was ihm das Schicksal nach langen Mühen und unzähligen Gefahren in die Klauen gespielt hatte, nicht wieder entreißen lassen würde.
Von niemandem.
Außer vielleicht dem erklärten Oberhaupt der Unterwelt …
Die Aussicht, dass das rätselhafte Ding, das sich am Himmel näherte, tatsächlich Kuruls Galeere sein könnte, behagte Rammar ganz und gar nicht. Von Unruhe getrieben hockte er auf dem Thron und rutschte von einer Hälfte seines breiten asar auf die andere, während sein Bruder in der geräumigen Höhle auf und ab trottete, die die beiden zu ihrem Amtssitz erhoben hatten. Nicht zuletzt deshalb, weil sie etwa auf halber Strecke zwischen der Küche und der Blutbier-Brauerei lag.
»Hm«, brummte Balbok immer wieder. »Hm …«
»Nun hör schon auf damit«, fuhr Rammar ihn an. »Genügt es nicht, wenn du auf und ab rennst wie ein kastrierter Troll? Musst du dabei auch noch Geräusche machen?«
Balbok, der immer noch seine lederne Spielrüstung trug, die an einigen Stellen mit dunklem Orkblut besudelt war, blieb stehen und sah seinen Bruder aus großen Augen an. »Aber ich denke nach, Rammar«, verteidigte er sich. »Wenn das Ding die Insel erreicht, müssen wir etwas unternehmen!«
»Was du nicht sagst«, äffte Rammar den wie immer leicht einfältigen Tonfall seines Bruders nach. »Und du glaubst, dass ausgerechnet da drunter eine Lösung steckt?« Er deutete despektierlich auf Balboks Lederhelm, der infolge des Spiels so zerknautscht war, dass der Wangenschutz auf beiden Seiten abstand, so als wären kleine Flügel aus Balboks Kopf gewachsen.
»Na ja, ich …« Etwas ratlos nahm Balbok den Helm ab, drehte ihn um und warf einen prüfenden Blick hinein. Die Tatsache, dass er leer war, schien ihn ein wenig zu verunsichern.
In diesem Moment waren tapsende Schritte zu vernehmen. Klogionn, den Rammar nach oben geschickt hatte, um nach dem Rechten zu sehen, kehrte in den Thronsaal zurück.
»Nun red schon, du Nichtsnutz«, rief Rammar ihm von Weitem entgegen, dass es von der rußgeschwärzten Decke des Gewölbes widerhallte. »Gibt es etwas Neues?«
»Nein, mein König«, entgegnete der bucklige Haushofmeister. »Das rote Ding hält unverändert Kurs auf die Insel.«
»Hm«, machte Balbok wieder.
»Was soll das jetzt schon wieder?«, wollte Rammar wissen.
»Weißt du, was ich mich die ganze Zeit über frage?«
»Nein, aber du wirst es mir gleich verraten«, entgegnete Rammar, sich mühsam zur Ruhe zwingend.
»Wenn es wirklich Kurul ist, der sich dort nähert«, führte Balbok aus, wobei er sich nachdenklich an seinem schmalen Kinn kratzte, »warum ist er dann gekommen?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Na ja, ich frage mich, ob er möglicherweise unseretwegen hier sein könnte?«
»Unseretwegen?« Rammar riss die Schweinsäuglein auf und tat, als wäre ihm dieser Gedanke völlig neu – in Wirklichkeit war es die Frage, die ihn schon die ganze Zeit über umtrieb und derentwegen ihm bereits der asar vom vielen Umherrutschen wehtat.
»Na ja, könnte doch sein«, überlegte Balbok ebenso laut wie rücksichtslos weiter. »Es heißt ja, dass große und berühmte Orks von ihm persönlich abgeholt und in die dunkle Grube gestoßen werden. Und da Balbok der Brutale und Rammar der Rasende …«
»Der schrecklich Rasende«, rief Rammar dazwischen.
»… der schrecklich Rasende die einzigen Ork-Könige weit und breit sind, wäre es doch möglich, dass Kurul tatsächlich unseretwegen gekommen ist«, brachte Balbok seinen Gedanken zu Ende. »Aber weißt du was, Rammar?«
Rammar seufzte. »Was?«
»So viel der Ehre hätt’s nicht gebraucht«, meinte Balbok, und zumindest dieses eine Mal konnte sein beleibter Bruder ihm nur aus tiefstem Herzen beipflichten.
»Natürlich nicht«, plärrte er. »Wir haben diese Insel schließlich nicht erobert, um jetzt schon in Kuruls Grube zu springen. In diesen Wanst passt noch sehr viel mehr Blutbier!«
»Und bru-mill«, fügte Balbok nickend hinzu. »Was sollen wir also tun? Angreifen?«
»Angreifen.« Rammar stierte seinen Bruder fassungslos an. »Du willst dich mit dem dunkelsten und schrecklichsten Dämon messen, den die Unterwelt zu bieten hat? Dem furchtbaren Donnerer? Dem Bezwinger des Lurak?«
»Aber, Rammar«, wandte Balbok ein, »er will uns doch nehmen, was uns gehört! Unser Leben nämlich und unsere schöne Insel. Vom bru-mill ganz zu schweigen, sie haben gerade einen neuen Kessel aufgesetzt …«
Rammar überlegte einen Moment, wobei er sein Mehrfachkinn auf seine fleischig grüne Klaue stützte und Balbok von seinem hohen Sitz aus eingehend betrachtete.
Er wusste beim besten Willen nicht, was es war, das aus Balboks wutverzerrten Gesichtszügen sprach – unendlicher Mut oder unfassbare Einfalt. Aber letztlich spielte das keine Rolle. Er selbst wäre ganz sicher nicht auf den Gedanken gekommen, sich dem Donnerer in den Weg zu stellen. Wenn Balbok es allerdings unbedingt so haben wollte …
»Korr«, erklärte er, »ich bin einverstanden. Allerdings sollten wir keinesfalls beide in den Kampf ziehen. Wenn einem von uns etwas zustößt, muss der andere weiterleben, um über die Insel zu herrschen und Blutbier zu saufen, sonst hätte sich die ganze Mühe nicht gelohnt.«
»Das ist wahr«, kam Balbok nicht umhin, zuzugeben.
»Also werde ich dir die Ehre überlassen, hinauszugehen und die Verteidigung der Festung zu organisieren. Korr?«
Balbok zögerte einen Moment mit der Antwort.
»Du willst nicht?«, fuhr Rammar ihn voller Empörung an. »Du elender Feigling! Willst du etwa, dass dein eigener Bruder sein Leben riskiert und es womöglich verliert, nur weil du nicht Orks genug gewesen bist, dem Feind selbst die Stirn zu bieten?«
»Douk«, verneinte Balbok. »Es ist nur …«
»Was? Willst du behaupten, dass dein verdammter Schädel mehr wert sei als der meine? Ist es das, was du sagen willst?«
»Douk.« Balbok schüttelte den Kopf, während er ein angestrengtes Gesicht machte und die Finger der rechten Klaue zu Hilfe nahm wie jemand, der etwas nachzählen musste. »Aber wenn ich bei der Sache draufgehe und du weiterlebst …«
»Werde ich dir alle Ehren erweisen, die einem Ork aus echtem Tod und Horn zukommen«, versicherte Rammar. »Ich werde deinen hässlichen Schädel schrumpfen und aufbewahren, wie es sich für einen waschechten Dämonenbezwinger gehört.«
»Dämonenbezwinger«, echote Balbok sichtlich geschmeichelt. Der Gedanke schien ihm zu gefallen.
»Also, worauf wartest du? Ghu oinsochg!«
Balbok schaute an sich herab, betrachtete noch einen Augen-blick lang nachdenklich den leeren Helm in seinen Klauen. »Ghu oinsochg!«, wiederholte er dann in einem jähen Entschluss, setzte den Helm auf und verließ den Thronsaal, dessen Wände von den faihok’hai gesäumt wurden, den wildesten und stärksten Kriegern der Insel, die die königliche Leibwache bildeten.
Rammar blickte ihm nach, bis er im vom Fackelschein nur spärlich beleuchteten Halbdunkel verschwunden war.
Er nahm nicht an, dass er seinen Bruder jemals wiedersehen würde. Zwar war Balbok trotz seiner Einfalt, die Rammar mitunter an den Rand eines saobh trieb (also jener wilden Raserei, in die ein Ork hin und wieder verfiel und die sich erst wieder legte, wenn reichlich Blut geflossen war), mitunter zu ganz erstaunlichen Dingen fähig. Er hatte Feinden aller Art getrotzt, gegen Dunkelelfen und untote Drachen gekämpft und einem abtrünnigen Ork-Häuptling mit einem Kerzenleuchter den Schädel zerdeppert. Aber gegen Kurul, war Rammar überzeugt, würde sein Bruder den Kürzeren ziehen, des alten Ork-Sprichworts ungeachtet, dass der größte umbal die fettesten Maden in seinem bru-mill hatte.
Trauer empfand Rammar dennoch nicht.
Zum einen, weil in dem sehr wahrscheinlichen Fall, dass Balbok versagte, Kurul sich ihn als Nächstes holen würde, und Rammars Wut darüber erstickte jeden Ansatz von Mitleid im Keim; zum anderen war der dicke Ork viel zu sehr damit beschäftigt, für sich selbst nach einer Überlebensstrategie zu suchen. Wenn Balbok gut kämpfte und halbwegs brauchbaren Widerstand leistete, setzte das Rammar gegenüber Kurul womöglich in eine bessere Verhandlungsposition.
Und verhandeln, darüber war sich der feiste König der Orks schon immer im Klaren gewesen, war in jedem Fall besser, als den asar aufgerissen zu bekommen.
Korr.

Michael Peinkofer

Über Michael Peinkofer

Biografie

Michael Peinkofer, 1969 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften und arbeitete als Redakteur bei der Filmzeitschrift »Moviestar«. Mit seiner Serie um die »Orks« avancierte er zu einem der erfolgreichsten Fantasyautoren Deutschlands. Seine Romane um »Die Zauberer«...

Medien zu »Die Herrschaft der Orks«

Pressestimmen

Sonic Seducer

»Fantasy-Freunde werden dieses Buch verschlingen wie ein Ork die Blutwurst. Kein Shnorsch!«

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