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Die Handelsherrin

Die Handelsherrin

Roman aus der Hansezeit

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Die Handelsherrin — Inhalt

Ende des 14. Jahrhunderts in Stockholm: Die junge Anne hat nach dem Tod ihres Mannes ein großes Handelshaus übernommen. In der schwedischen Hauptstadt herrschen die Vitalienbrüder, die Seeräuber der Ostsee, mit eisernem Regiment – und sie haben es auf Anne und ihren Besitz abgesehen. Zwar gelingt ihr zusammen mit ihrer kleinen Tochter die Flucht in ihre Heimatstadt Lübeck. Doch auch dort ist sie nicht sicher vor ihren Verfolgern … Packend und lebendig fängt die erfolgreiche Autorin Catharina Sundberg die farbige Welt der Hansezeit ein.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 19.01.2015
Übersetzt von: Wibke Kuhn
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98192-7

Leseprobe zu »Die Handelsherrin«

Prolog 1392

Am seltsamsten war diese unheimliche Stille. Anne blickte zum Stadttor hinunter. Vereinzelt bellte ein Hund, Pferde schnaubten, ansonsten hörte sie nur das ferne Rattern von Wagenrädern, während ein Fuhrwerk nach dem anderen die Stadt verließ. Die Menschen, die sich auf den Wagen zusammenkauerten, wechselten kein einziges Wort miteinander. Kein Geschrei, keine Proteste, kein lautes Weinen. Nur stumme Verzweiflung.

Die Flüchtlinge waren mächtige Schweden, die Stockholm gemeinsam mit den Deutschen regiert hatten. Doch nun hatte man ihnen [...]

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Prolog 1392

Am seltsamsten war diese unheimliche Stille. Anne blickte zum Stadttor hinunter. Vereinzelt bellte ein Hund, Pferde schnaubten, ansonsten hörte sie nur das ferne Rattern von Wagenrädern, während ein Fuhrwerk nach dem anderen die Stadt verließ. Die Menschen, die sich auf den Wagen zusammenkauerten, wechselten kein einziges Wort miteinander. Kein Geschrei, keine Proteste, kein lautes Weinen. Nur stumme Verzweiflung.

Die Flüchtlinge waren mächtige Schweden, die Stockholm gemeinsam mit den Deutschen regiert hatten. Doch nun hatte man ihnen befohlen, die Stadt zu verlassen. Den schwedischen Bürgern, die noch nicht ermordet worden waren, blieben ganze zwei Tage, um die Stadt zu verlassen. Für immer.

Die Sonne brannte auf den Hügel herab, und die aufgeheizte Luft hing stickig in den Gassen zwischen den Häusern. Anne strich sich über die Stirn und trocknete die verschwitzte Hand am Rock. Sie wusste, dass sie das Schicksal herausforderte, wenn sie hierblieb. Auch sie und ihre Tochter hatten schon auf einem solchen Wagen gesessen, doch Stockholm war ihre Heimat, und sie wollte das Handelshaus und die Geschäfte nicht aufgeben, in die sie so viel Mühe gesteckt hatte. Sie verließ sich auf ihren deutschen Hintergrund – nachdem sie mehrere Jahre lang als deutsche Bürgersfrau in Lübeck gelebt hatte, beherrschte sie die Sprache fehlerfrei. Und die Freibeuter, die die Macht in Stockholm an sich gerissen hatten, würden sich sicher nicht lange halten können. Früher oder später würden die Vitalienbrüder vertrieben werden, und bis dahin würde sie ausharren. Sie war fest entschlossen zu kämpfen.

 

 

1. Kapitel

Anne hatte sich das Kleid gerade halb über die Schultern gezogen, da hielt sie inne. Wieder beschlich sie das seltsame Gefühl, nicht allein zu sein. Irgendetwas in diesem Haus war anders. Ein Geruch, ein Geräusch, ein Schatten, etwas Fremdes. Sie blickte sich um. Eigentlich war sie sicher, die Tür hinter sich zugezogen und verriegelt zu haben. Zur Sicherheit ging sie ins Kinderzimmer und sah nach Maria. Das kleine Mädchen schlief tief und fest. Sie musste irgendetwas anderes gehört haben.

Anne zupfte sich das Kleid zurecht und ging zu Elin. Im Kontor musste geputzt und aufgeräumt werden. Als sie die Mägdekammer betrat, spülte das Mädchen gerade einen Scheuerlappen in einem Eimer aus. Sie blickte auf, als sie Anne an der Tür bemerkte.

»Warst du eben gerade im Erdgeschoss?«, fragte Anne.

»Nein, ich bin die ganze Zeit nur hier gewesen.«

Das Mädchen sprach leise, und Anne fand, dass sie niedergeschlagen wirkte. Ihr Gesicht war bleich und ihre Miene teilnahmslos. Anne trat zu ihr.

»Ist irgendwas geschehen?«

Elin zuckte nur mit den Schultern.

»Mit dir ist doch etwas. Aber wenn du es mir nicht erzählst, kann ich dir nicht helfen.«

Elin und sie waren ungefähr gleich alt, aber sie hatten nicht allzu viel gemeinsam. Das Mädchen wohnte mit seiner Mutter in Söder und kam dreimal in der Woche, um im Haushalt zu helfen. Am Abend bediente sie in einer Kneipe am Hafen. Sie war schüchtern und pflichtbewusst und sprach nur das Allernötigste. Doch seit sie hier arbeitete, war es immer blitzsauber. Jetzt sah sie Anne scheu an.

»Mutter ist krank, und ich arbeite, so viel ich kann, aber das Geld reicht gerade fürs Essen. Meine Kleider sind so abgetragen, dass man fast hindurchgucken kann, und Mutters Kleider sind auch ganz alt und zerrissen.«

Anne legte Elin tröstend den Arm und die Schulter. Vor gar nicht allzu langer Zeit war sie selbst nach einem Schiffbruch völlig mittellos gewesen, und sie hatte nicht vergessen, wie es sich anfühlte, nicht einmal das Geld für Essen und eine Wohnung aufbringen zu können. Sie bedachte Elin mit einem mitleidigen Blick.

»Weißt du, warum ich damit angefangen habe, dir Lesen und Schreiben beizubringen?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Ich mag dich, und ich dachte mir, dass du vielleicht irgendwann bei mir im Handelshaus arbeiten willst.«

Elin riss die Augen auf.

»Zu zweit können wir mehr Geld verdienen, und um deine Zukunft musst du dir keine Sorgen mehr machen. Ich werde dir helfen. Das mit den neuen Kleidern lässt sich gleich bewerkstelligen. Komm mit mir nach oben!«

Anne stieg die Treppe hinauf und bedeutete der Magd, ihr zu folgen. Dann trat sie vor eine Truhe und strich lächelnd mit der Hand darüber.

»Hier liegen viele Kleider. Alf Gerhardt, der Kaufmann, von dem ich das Handelshaus geerbt habe, war mit einer Frau namens Gertrud verheiratet. Als sie starb, durfte ich ihre Kleider anziehen. Manche habe ich getragen, andere liegen hier nur herum. Da wir zwei ungefähr gleich groß sind, müsste dir eigentlich etwas davon passen.«

Das Mädchen starrte sie verblüfft an.

»Ich meine es ernst. Sieh dir alles an, und dann können wir entscheiden, was dir am besten steht.«

»Meint die gnädige Frau etwa…«

»Genau das meine ich. Geschwind, zieh das alte Zeug aus! Ich komme später zurück. Jetzt muss ich kurz zum Hafen hinunter und einen Vertrag abholen, aber ich bin bald wieder hier.« Anne hob den Deckel der Truhe, damit Elin einen Blick hineinwerfen konnte. Der Magd entfuhr ein entzückter Seufzer.

»Ja, hier liegen genügend Kleider für uns beide. Komm, probier sie an!«

Anne lächelte und eilte die Treppe hinunter. Dass sie nicht eher daran gedacht hatte! Natürlich wollte das Mädchen sich ein bisschen hübsch machen. Sie betrat das große Zimmer, um ihren Schal zu holen, und wollte gerade die Treppe zum Erdgeschoss betreten, da hörte sie wieder dieses Geräusch. Es schien von unten zu kommen. Erneut beschlich Anne ein ungutes Gefühl. Sie blieb ganz still stehen, dann ging sie zögernd zur Treppe und horchte nochmals.

Sie wartete eine Weile, doch dann zuckte sie die Achseln. Nichts mehr zu hören. Seit die Vitalienbrüder in Stockholm die Macht übernommen hatten, war sie ängstlich geworden. Sie hörte Geräusche, sah überall Schatten und hatte Todesangst, dass jemand ihr oder Maria etwas antun könne. Die neuen Machthaber jagten die schwedischen Bürger, und sie war ja auch Schwedin. Irgendjemand konnte geplaudert haben, und die Vitalienbrüder waren unberechenbar. Auf der Ostsee kaperten sie friedliche Kaufmannsschiffe, und in Stockholm ermordeten und quälten sie unschuldige Schweden. Aber sie musste sich besinnen und einsehen, dass nicht überall nur Gefahren lauerten. Sie zog sich die Haube über den Kopf und stieg die Treppe hinunter. Nachdem sie sich hastig umgeblickt hatte, eilte sie zum Hafen hinunter.

 

Elin knetete sich aufgeregt die Hände und betrachtete den Inhalt der Truhe. So viele schöne Kleider hatte sie noch nie gesehen. Sie bückte sich und befühlte vorsichtig die Stoffe. Ihre Finger glitten begeistert über ein Kleid, das ohne Mittelsaum aus einem einzigen Stück Stoff geschnitten war, und über einen Rock mit silberner Stickerei. Prüfend hob sie ein hellblaues Kleid mit Schleppe und Hermelinbesatz hoch und drückte es fest an die Brust. Sie lächelte in sich hinein und genoss den Lavendelduft. Endlich konnte sie ihren fadenscheinigen graubraunen Rock wegwerfen, endlich konnte sie ein Kleid anziehen, das ihr wirklich gefiel. Ganz oben lag auch ein grünes Gewand aus Samt und Seide mit passender Haube. Eines von Annes Lieblingsstücken.

Elin hob es hoch und hielt es mit ausgestreckten Armen von sich. So etwas Schönes hatte sie noch nie tragen dürfen. Sie konnte nicht anders, sie musste hineinschlüpfen. Entschlossen zog sie sich aus und streifte das grüne Samtkleid über den Kopf. Mit den Händen strich sie über den weichen Stoff, während sie auf und ab ging. Ganz langsam und würdevoll schritt sie einher, wie sie es bei den Bürgersfrauen beobachtet hatte, und schwenkte die Hüften. Der Stoff schwang hin und her. Dann steckte sie sich die Haare zu einem Knoten zusammen, setzte die Haube auf und kicherte. Jetzt sah sie fast so aus wie Frau Anne.

Schließlich suchte sie sich ein wenig Schminke zusammen, bemalte sich die Lippen und puderte sich das Gesicht. Ein herrliches Freiheitsgefühl erfüllte sie, und sie summte glücklich eine schwedische Ballade vor sich hin. Wenn sie nun noch anständig lesen und schreiben lernte und mit Anne im Handelshaus zusammenarbeitete, konnte sie sich vielleicht immer so schön anziehen.

Im selben Moment glaubte sie, ein Rumpeln von unten zu hören. Anne konnte doch nicht so schnell zurückgekommen sein! Elin blieb ganz still stehen und lauschte, woher das Geräusch kam. Es hörte sich an, als gehe unten jemand umher. Vorsichtig, fast schleichend. Sie hielt den Atem an. Nein, das bildete sie sich nur ein, es musste Anne sein, die… Doch bevor sie den Gedanken zu Ende denken konnte, wusste sie, dass sie recht hatte: Da unten war jemand.

Als sie herumfuhr, meinte sie einen Blick auf einen Mann zu erhaschen, der sich auf der Treppe hastig duckte. Der kalte Schrecken packte sie, ihr Mund wurde ganz trocken. Hier oben war sie gefangen, ohne fliehen zu können. Sie zitterte vor Angst, zwang sich aber, ruhig zu bleiben, und versuchte sich einzureden, dass alles in Ordnung war. Leise, ganz leise schlich sie zur Treppe und stieg mit angehaltenem Atem die Stufen hinunter. Bei jedem zweiten Schritt knarrte das Holz unter ihren Füßen, und sie hielt jedes Mal verängstigt inne.

Sie erkannte noch, dass der Mann, der ihr entgegenkam, groß und stark und in Grün gekleidet war. Als sie zu fliehen versuchte, packte sie jemand von hinten, und im nächsten Moment spürte sie eine raue Hand auf ihrem Mund. Verzweifelt mühte sie sich, den Kopf frei zu bekommen, zuzubeißen und sich loszustrampeln, aber der Mann hinter ihr war stark. Mit schreckgeweiteten Augen sah sie, wie das Messer auf sie niederfuhr, und dachte noch, dass das alles ein böser Traum sein musste. Mit einer letzten verzweifelten Anstrengung wollte sie sich losreißen, aber sie war am Ende ihrer Kräfte. Als sie zu Boden sank, schoss ihr das Blut aus dem Hals.

 

Die Männer durchsuchten das Zimmer und fanden die Pergamentrolle in einer Kiste unterm Bett. Der Mann im grünen Mantel überflog das Schriftstück, rollte es wieder zusammen und steckte es ein. Dann wandte er sich an seinen Kumpan und wies mit einer Kopfbewegung auf die Tote.

»Ganz schön viel Blut. Du hättest sie lieber erwürgen sollen.«

»Dein Vorschlag kommt zu spät.«

Der andere bückte sich, um die blutige Klinge am Rock der jungen Frau abzuwischen. Ein letztes Mal sahen die beiden Männer sich um, dann eilten sie die Treppe hinab und verschwanden aus dem Haus.

Das Kind, das bis jetzt in seinem Korb gelegen und geschlafen hatte, quengelte ein wenig, schlummerte aber wieder ein. Erst als die Sonne gegen Mittag durchs Fenster fiel, wurde der Kleinen zu warm, und sie wachte auf. Erst wimmerte sie nur, doch bald schrie sie gellend. Sie war verschwitzt und hungrig, und so schrie sie immer lauter und lauter, einsam, nackt und schrill. Aber es war niemand da, der sich um sie kümmerte.

 

 

2. Kapitel

Anne verließ das Schiff mit dem Vertrag in der Hand. Es hatte länger gedauert als geplant, aber nun war endlich alles erledigt. Abermals hatte sie günstige Bedingungen aushandeln können, und sie wusste, das hatte sie ihren gut gefüllten Lagern zu verdanken. Waren von hochwertiger Qualität waren in diesen Tagen eine Seltenheit.

Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und sog tief die frische Spätsommerluft ein. Summend schritt sie den Kai entlang zum Marktplatz. Sie freute sich über das Geld, das sie für sich und ihre Tochter verdient hatte, und war stolz, dass sie sie beide schon versorgen konnte – gerade erst zwei Monate nach Übernahme des Handelshauses. Doch sie gab das Geld nicht allzu freizügig aus, sondern legte immer einen Teil beiseite. Eines Tages würde es vielleicht dem Kampf gegen die Vitalienbrüder zugute kommen. Sie hatten die Stadt geschändet, die schwedischen Bürger ermordet und den Hungertod vieler Stockholmer verschuldet. Früher oder später wird sich eine Widerstandsbewegung bilden, dachte sie. Und die wollte sie auf jeden Fall unterstützen. Sie wollte nicht unter mecklenburgischen Soldaten und Wegelagerern in einer besetzten Stadt leben. Sie träumte vom Frieden und einem Stockholm, in dem Schweden und Deutsche gemeinsam regierten.

Ihr Blick fiel auf das Schloss. Drei Kuppeln mit Kupferdächern, die in der Nachmittagssonne glänzten. Einmal war sie mit Alf dort gewesen. Jetzt war er tot, und sie hatte sein Handelshaus übernommen. Das Leben ist doch seltsam, dachte sie. Man weiß nie, wie die Dinge sich entwickeln und was alles geschehen wird. Wie oft hatte sie schon Pläne geschmiedet, und dann war doch wieder alles ganz anders gekommen, als sie gedacht hatte. Aber jetzt würde sie ihre Träume verwirklichen. Sobald wieder Frieden herrschte in Stockholm, würde sie ihre Handelstätigkeit ausbauen, sich eigene Schiffe anschaffen und die ganze Ostsee befahren. Bis dahin würde zwar noch einige Zeit ins Land gehen, aber eines Tages…

Sie rückte die Tasche am Gürtel zurecht, raffte die Röcke zusammen und näherte sich der Köpmannagatan und dem Stortorget. Vorsichtig schritt sie über das holprige Kopfsteinpflaster zwischen den Abfallhaufen, während ihr die Gedanken durch den Kopf zogen. Sie hatte ein ganzes Lager voller Leder losgeschlagen und würde sich sofort wieder um Nachschub kümmern. In solchen unruhigen Zeiten brauchten die Soldaten Leder für ihre Schuhe und Schilde. Der Kampf zwischen den Deutschen, Schweden und Dänen bescherte ihr gute Geschäfte. Aber der Frieden war ihr wichtiger.

Nach den Geschehnissen auf Käpplingeholmen, der Insel, auf der man die einflussreichsten schwedischen Bürger Stockholms in eine Scheune gelockt und verbrannt hatte, war die Stadt ihrer tüchtigen einheimischen Kaufmannschaft beraubt. Für die wenigen, die geblieben waren, gab es umso mehr Arbeit. Die Preise für Erz, Kupfer, Stoff und Leder waren niedriger als je zuvor, und Anne hatte sich ein ansehnliches Lager angelegt. Auf diese Weise half sie den Schweden, die ihre Lager auflösten, während sie selbst gut an diesen Waren verdiente. Sie verkaufte ohne Zwischenhändler gleich an die Deutschen.

Mit ihrem Lübecker Hintergrund konnte sie sich ungehindert zwischen Schweden und Deutschen bewegen und ihre Geschäft mit demjenigen abschließen, der ihr am meisten bot. Sie vermied es jedoch so lange wie möglich, Geschäfte mit den Vitalienbrüdern zu machen. Je weniger sie mit denen zu schaffen hatte, umso besser. Doch sie arbeitete hart, und obwohl sie weder in der Hanse ausgebildet war noch zu diesem mächtigen Kaufmannsverband gehörte, liefen ihre Geschäfte gut. Sie achtete immer darauf, nicht allzu sehr aufzufallen. Erfolg zog Neid nach sich, und als Frau im christlichen Stockholm hätte sie eigentlich verheiratet sein, ihrem Mann dienen und sich brav um Heim und Familie kümmern müssen – aber gewiss nicht erfolgreich in der Handelswelt mitmischen sollen. Dass eine alleinstehende Frau mit Kind sich irgendwie versorgen musste, war der Kirche herzlich gleichgültig. Da verteilte man lieber Almosen.

Anne war ziemlich außer Atem, als sie den letzten Hügel zum Stortorget hochschritt. Schnell lief sie am Schandpfahl vorbei und über den kleinen Abhang weiter zum Korntorget. Sie wollte Elin bitten, am Abend auf Maria aufzupassen. Sie wollte den Weinkeller aufsuchen und die günstigen Geschäftsabschlüsse mit ihrer Freundin Valborg feiern. Niemand konnte sich so wie die Schankwirtin mit anderen freuen, und Anne wollte ihr unbedingt von dem neuen Vertrag erzählen. Sie freute sich immer noch wie ein Kind über jeden Erfolg und hatte sich noch nicht recht daran gewöhnt, dass sich für sie alles so gut fügte.

Als sie zum Korntorget kam, beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie sehnte sich schon wieder nach ihrer kleinen Tochter. Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete sie die Tür und trat ein. Da hörte sie Maria im Obergeschoss schreien. Schnell raffte sie ihre Röcke zusammen und rannte die Treppen hinauf. Elin war zuverlässig und hätte das Mädchen niemals einfach allein gelassen.

»Elin?«

Keine Antwort.

Auf einmal schnürte sich ihr die Kehle zusammen, und sie spürte einen quälenden Druck auf der Brust. Und dann sah sie das Blut.

Catharina Sundberg

Über Catharina Sundberg

Biografie

Catharina Sundberg arbeitete viele Jahre als Meeresarchäologin und Historikerin. Nach Tätigkeiten in mehreren skandinavischen Museen besuchte sie die Journalistenhochschule in Göteborg und begann historische Romane zu schreiben, zuletzt »Gebrandmarkt«, »Die Handelsherrin« und »Die Kupferhändlerin«....

Weitere Titel der Serie »Anne Persdotter«

Catharina Sundberg erzählt in ihrer Trilogie die spannende und atmosphärisch dichte Geschichte der Kaufmannsfrau Anne Persdotter, die Ende des 14. Jahrhunderts in der Welt der Hanse ums Überleben kämpft.

Pressestimmen

Aftonbladet

Catharina Sundberg mischt Spannung, glühende Leidenschaft, unerwartete Dramatik und plötzliche Todesfälle mit historischen Fakten. Die Handlung ihrer Bücher spielt nicht unter Königen und in der Oberklasse, sondern unter ganz normalen Leuten dieser Zeit.

Svenska Dagbladet

Mittelalterspannung in hohem Tempo.

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