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Die goldenen Jahre Die goldenen Jahre

Die goldenen Jahre

Roman

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Die goldenen Jahre — Inhalt

Alis Leben ist ein Tanz auf dem Vulkan. Mit seinen Freunden bewohnt er ein leerstehendes Fabrikgebäude in Brooklyn. Sie feiern gemeinsam, teilen sich Drogen und Frauen und vor allem machen sie zusammen Musik. Aber Ali, der ein paar Jahre älter ist als die anderen, weiß, dass das für ihn nicht alles sein kann. Er weiß, was Liebe ist - und was es heißt, sie wieder zu verlieren. Und er weiß, dass ihn schon die Emigration aus dem Iran, als er noch ein Kind war, für immer für ein bürgerliches Leben verdorben hat. Er beginnt zu schreiben, um herauszufinden, worum genau er eigentlich trauert. Auch weil »Die Goldenen Jahre« vom Lebensgefühl einer verlorenen Generation erzählt, hat es das Zeug zu einem Kultbuch. Es geht um Sex & Drugs & Rock'n'Roll – noch mehr aber um die Einsamkeit in der Metropole, um die Heimatlosigkeit des Emigranten, um Lust und Qual des Lebens am Limit. Der gewaltsame Tod des Autors lässt seinen stark autobiographischen Roman geradezu prophetisch wirken - aber Gänsehaut bekommt man bei der Lektüre dieses eindringlichen Manifests eines wunderbaren Künstlers in jedem Fall.

 

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 09.11.2015
Übersetzer: Robin Detje
208 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1266-1
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 09.11.2015
Übersetzer: Robin Detje
208 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7797-4
»Es mag zwar kein schillerndes Leben gewesen sein, dass Ali geführt hat, aber es war ein aufregendes Leben gewesen sein, dass Ali geführt hat, aber es war ein aufregendes. Ein Tanz auf der Rasierklinge. Mit ein paar Kumpels haust Eskandarian in einem leerstehenden Fabrikgebäude in Brooklyn. Sie feiern zusammen, teilen sich Drogen und Frauen - und vor allem machen sie gemeinsam Musik. Kunst als das ultimativ Erstrebenswerte, als Mittel zur Selbstbestätigung und Selbstvergewisserung in einem Leben, das sonst vor allem aus Lastern besteht.«
neon-ghosts.de
»Der Roman ist oft provokant, manchmal poetisch, nicht zuletzt auch verdammt sentimental. […]. Wer nachvollziehen will, wie man sich als emanzipierter Mensch aus dem Nahen Osten der Gegenwart auf, während und nach einer Flucht fühlt, sollte dieses Buch lesen.«
ox fanzine
»Ein intensiv geschriebenes Buch, das sprachlich poetisch und authentisch ist, aber zugleich vor Brutalität nicht zurückschreckt.«
bücher
»Authentisch, fast dokumentarisch ist der Stil Eskandarians. Und gerade der verleiht 'Goldene Jahre' den Ton und die Sogkraft, die Jack Kerouac oder Hunter S. Thompson entfachen konnten.«
Stadtblatt Osnabrück
»'Die goldenen Jahre' erzählt schnell, rau und unverblümt vom Lebensgefühl einer verlorenen Generation. Es geht um Sex & Drugs & Rock'n'Roll - noch mehr aber um die Einsamkeit in der Metropole, um die Heimatlosigkeit des Emigranten und um Lust und Qual des Lebens am Limit.«
Unicum Abi
»Kurz vor seinem Tod hatte Ali Eskandarian die Arbeit an seinem ersten Roman abgeschlossen, der über Migration, Sex, Drugs und Rock'n'Roll und sein Leben in einer New Yorker WG mit seinen Bandkollegen erzählt.«
tv media
»Literarisch gesehen haben 'Die goldenen Jahre' durchaus Bestand. Neben ruppigen Szenen wählt der Autor und Musiker für seine innere Stimme eine feine Sprache, auch bringt er die Entwurzelung, unter der er als Immigrant zu leiden hat, betont ins Spiel.«
VN Vorarlberger Nachrichten
»'Die goldenen Jahre' erzählt tatsächlich von einer verlorenen Generation: Exilanten zwischen 'jugendlicher Verschwendung' und scheiternder Selbstfindung.«
Melodie und Rhytmus
»Der Roman lebt von seiner Erzählerstimme, die zwischen Ernüchterung und Melancholie changiert. […]. 'Die goldenen Jahre' ist ein von Wut und Sehnsucht getriebenes Werk.«
Kulturaustausch - Zeitschrift für internationale Perspektiven
»mitreißend irrlichternden 'goldene Jahre'«
choices (Köln)
»Dieser äußerst intensive, hochemotionale und an keiner Stelle langweilige Roman thematisiert auch die Zerrissenheit eines iranischen Migranten in den USA, und er zeigt, wie einsam sich ein Mensch selbst dann fühlen kann, wenn er permanent von anderen umgeben ist. Und er ist ein großer Liebesroman, nur dass es nicht immer dieselbe Frau ist, die Eskandarian zutiefst verehrt.«
Ruhr Nachrichten
»Das ist so radikal, so exzessiv, so unkonventionell, dass es dieser Roman schon durchaus zum Kultbuch bringen kann.«
rbb Radio eins "Literaturagenten"
»Der Rocker – bleibt (nur) sich selbst treu. Kurz nach Beendigung seines Romans wurde der amerikanisch-iranische Punkmusiker Ali Eskandarian 2013 bei einem Amoklauf getötet. Auch deshalb hat 'Die goldenen Jahre' das Zeug zum Kultbuch, das mit seinem Männerbild fast ein bisschen nostalgisch wirkt: Es handelt vom Lebensgefühl einer verlorenen Generation, die Sex, Drugs & Rock’n’Roll liebt.«
GLAMOUR
»Rau, aber dennoch zerbrechlich: Dieser Roman gießt innere Zerrissenheit in Worte. […]. 'Die goldenen Jahre' ist ein hochaktuelles Buch, das durch den gewaltsamen Tod des Autors Ali Eskandarian noch an Brisanz gewinnt.«
JOLIE
»'Die goldenen Jahre' stinkt nach Rauch, Alkohol und Sex, es klebt von Drogen und getrockneten Tränen, es pulsiert und pocht. Kurz: Es ist ein wildes, wuchtiges Buch voll überschäumender Lebensenergie von einem Künstler, der nicht so richtig wusste, wohin mit sich. Kurz, bevor Ali Eskandarian von einem Amokläufer erschossen wurde, hat er diesen Roman fertiggestellt. Schade, dass es sein letzter bleiben wird.«
fritz radio
»Der Autor Ali Eskandarian wählt seine Worte wild und poetisch zugleich, schreibt sich alles von der Seele und legt Emotionen in seinen Roman.«
unimag.at
»Es ist ein intensives Buch, dessen außergewöhnliche Sprache einen von der ersten Seite anpackt. Umso tragischer, dass Ali Eskandarian, kurz nachdem er das Manuskript fertiggestellt hatte, erschossen wurde. Hinterlassen haben dürfte er tatsächlich ein Kultbuch.«
Frankfurter Rundschau
»Das Buch ist voller wunderschöner Poesie.«
Bayerischer Rundfunk "Neues vom Buchmarkt"
»Leidenschaftlich, intensiv und schnell schreibt der 'Bob Dylan des Iran' seinen Roman.«
literatour.mybolg.de
»Er lebt wirklich das Leben eines Entwurzelten in transzendentaler Obdachlosigkeit, wenn man so will. Und das alles so wild, so exzessiv, so unkonventionell, dass dieser Roman tatsächlich Kultbuch-Qualitäten mitbringt.«
Deutschlandradio Kultur "Kompressor"

Leseprobe zu »Die goldenen Jahre «

Ihr Flieger landete gegen sechs Uhr abends und es dauerte ein paar Stunden, bis sie bei uns in der Wohnung waren, aber da sahen die Neuankömmlinge schon wie freie Menschen aus.
»Wie wäre es mit einem Bier, die Herren?«, fragte ich auf Persisch, als ich ihnen mit den Koffern geholfen hatte. Sie setzten sich an den Küchentisch und ich holte uns ein paar Eisgekühlte aus dem Kühlschrank.
»Euer erstes Bier in Amerika!«, rief ich.
Wir tranken ein, zwei und rauchten einen Joint, dann waren sie locker genug und konnten reden. Ich wusste noch ganz genau, wie völlig [...]

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Ihr Flieger landete gegen sechs Uhr abends und es dauerte ein paar Stunden, bis sie bei uns in der Wohnung waren, aber da sahen die Neuankömmlinge schon wie freie Menschen aus.
»Wie wäre es mit einem Bier, die Herren?«, fragte ich auf Persisch, als ich ihnen mit den Koffern geholfen hatte. Sie setzten sich an den Küchentisch und ich holte uns ein paar Eisgekühlte aus dem Kühlschrank.
»Euer erstes Bier in Amerika!«, rief ich.
Wir tranken ein, zwei und rauchten einen Joint, dann waren sie locker genug und konnten reden. Ich wusste noch ganz genau, wie völlig wirr im Kopf ich vor vielen Jahren bei meiner Ankunft in den Staaten gewesen war. Unsere neuen Freunde waren jetzt hier, und sie würden nicht in den Iran zurückkehren, dafür würden wir sorgen. Diese Leute waren hier, weil sie, wie schon manche vor ihnen, für ihre Kunst ihr Leben riskiert hatten.
»Ihr seid am richtigen Ort«, beruhigte Koli sie. »Jetzt wird es lustig.«
Wir liefen kurz mit ihnen durch unser Viertel in Brooklyn und redeten dabei die ganze Zeit über ihre Reise. Die Nacht war warm und frisch. Die Straßen waren voller Menschen. Ihre Flucht war nicht einfach gewesen, wenn ich alles richtig verstand. Offenbar waren sie alle ins Gefängnis geworfen und dann rechtzeitig zur Ausreise wieder entlassen worden.
»Das ist gut … Gefängnis ist gut. Das macht das Asylverfahren einfacher«, sagte ich auf dem Weg in eine Bar.

# Brooklyn

Manchmal erscheinen die Antworten, wenn du am Rand eines großen Canyons stehst, manchmal reicht als Katalysator auch der billige Herrenduft eines Taxifahrers; der Taxifahrer plappert von Mohammed und dessen Prophezeiungen, aber über Mohammeds vierzig Frauen wollen sie nie reden oder darüber, warum wir glauben sollen, dass Gott ihm einen Mittelsmann in die Höhle geschickt hat, der ihm das Alte Testament und die Bibel in die Hand drückt und sagt: »Da hast du, Sonnyboy, jetzt bist du dran, auf sie mit Gebrüll!«
Allison wurde in einem Vulkan auf den Osterinseln geboren, an einen Samstag, als alle gerade Statuen gucken gegangen waren. Sie ist Widder, wie meine liebe maman. Es ist Sonntag und Allison macht uns unser Lieblingsfrühstück: gedünsteten Grünkohl mit Knoblauch, Zwiebeln und Pilzen. Dazu Maisgrütze mit Butter und frischen Jalapeos, Veggie-Würstchen und französisches Vollkorn-Sauerteigbrot.
In unserer neuen Wohnung riecht es heimelig. Die Sonne scheint durch die Holzjalousien und aus der Klimaanlage im Fenster bläst es kalt. Im Radio spielen sie Duke Ellington. Ich komme mir vor wie ein ganzer Mann. Mein zweiter Tag der Nüchternheit, und diesmal werde ich nicht rückfällig werden.
»Ich liebe dich, Baby«, sagt sie und lächelt mich aus strahlenden, quicklebendigen blauen Augen an. Ratternd erzittert unter uns die Erde, weil gerade der Expresszug die 4th Avenue rauf- oder runterdonnert. Sie steht am Herd und ich rutsche zu ihr, packe sie von hinten an der Hüfte, ziehe sie an mich und küsse sie in den Nacken. Sie stöhnt entzückt auf und schmilzt kurz dahin, dabei stellt sie den Grünkohl auf kleine Flamme. Ich lasse die Hände an ihr herabgleiten und drücke ihr absichtsvoll den Arsch. Sie rührt die Würstchen um. Ihre ganz kurzen kurzen Hosen betonen ihre langen samtigen Beine. Ich habe Lust, Allison auf die Küchendielen zu legen und von Kopf bis Fuß zu untersuchen, aber der Hunger siegt. Heute sind wir glücklich, wie schon seit ein paar Wochen. Davor hatten wir trübselige Zeiten ohne Sex, ohne Liebemachen. Wenn es in der Liebe stimmt, gibt es nichts Besseres.
Als wir einander begegnet sind, lauerten wir beide in den dunklen Ecken der Nacht, schwammen in den kalten Wassern des New Yorker Singlelebens. Als sie mit einem Mitbewohner von mir und ein paar anderen Leuten hereinkam, war ich sofort in sie verknallt. Ziemlich schnell artete alles zur Party aus. Ich musste sie haben, aber ich musste auch aufpassen. Man spannt einem Mitbewohner/Freund nicht einfach das Mädchen aus, so ganz ohne Takt und Eiertanz. Eine Stunde nach dieser ersten Begegnung waren wir beide zugekokst und am Saufen. Sie setzte sich einfach hin, fragte, ob sie die Musik übernehmen könne, und legte genau die richtigen Stücke auf.
»Weißt du, wer das ist?«, fragte sie mich schlitzohrig.
»Klar, das sind die 13th Floor Elevators. Super Wahl«, antwortete ich.
»Was willst du hören?«
»Was du willst.«
Wir teilten uns eine Zigarette, ließen sie hin- und hergehen, als würden wir uns schon ewig kennen. Blieben bis lange nach Sonnenaufgang wach. Irgendwann ging sie zusammen mit meinem Freund nach Hause und ich musste eine Zeit lang warten, bis ich sie wiedersah.

#

Von dem Loft, in dem ich damals wohnte, waren alle schwer beeindruckt; nicht dass ich dort allein gewohnt hätte oder dass ein paar Leute, die sich in Brooklyn ein Loft teilten, etwas Ungewöhnliches gewesen wären, aber dieser Ort war etwas Besonderes. Schon die Lage in Williamsburg war sehr begehrt. Lange hatte ich versucht, mich von Williamsburg fernzuhalten, aber nach kurzem Exil in Texas ging gerade irgendwie nichts anderes, als in diesem Loft zu wohnen, mit fünf oder sechs anderen und massig Leuten, die rund um die Uhr kamen und gingen. Das Loft war in dem einzigen älteren Haus, das in diesem Teil des Viertels noch stand. Trotzig hielt es inmitten der toten glitzernden neuen Ekelarchitektur aus, wie ein Schiffsriese, der auf die anrückenden Abwrackcrews wartet.

Man musste vier Stockwerke hoch, durch ein riesiges Treppenhaus, das einem nachts unheimlich vorkommen konnte, selbst uns Bewohnern, weil ein paar Etagen leer standen. Im vierten Stock öffnete sich ein schweres Eisengatter auf einen langen Flur mit drei Loftwohnungen auf jeder Seite, mal größer, mal kleiner, aber alle groß genug für mehr als vier Bewohner gleichzeitig. Unsere war die größte. Schon aus den Fenstern war der Ausblick atemberaubend, aber dazu kam man durchs Badezimmerfenster auch noch auf ein Dach in Fußballfeldgröße, von dem aus man das ganze Panorama der Stadt vor sich hatte, unter einem fünfzehn Meter hohen Wasserspeicher und einem fünfundzwanzig Meter hohen Schornstein, die man beide von Manhattan aus sehen konnte, wenn man nach ihnen Ausschau hielt. Die Rohrleitungen waren ziemlich hinüber, das Warmwasser wurde nie warm, wenn man sich einen Kaffee kochen wollte, sah man eine Maus über die Herdplatten hüpfen. Wenn man den Toaster einschaltete, war oft im ganzen Haus der Strom weg, und wenn die Nachbarn oben auf und ab gingen, rieselte uns der Putz auf die Köpfe. Richtig sauberhalten ließ sich die Wohnung nicht.
Bei meinem ersten Besuch wusste ich sofort, dass ich hier eine Zeit lang wohnen musste, um mein Leben wieder geregelt zu kriegen. Der Ort war ein klasse Versteck, und ich war ja auch so etwas wie ein Flüchtling, der einen Neuanfang brauchte. Keine Adresse, kein Telefon, keine Verbindung zu den Menschen aus meiner Vergangenheit, und meine neuen Mitbewohner, alles Neuankömmlinge aus dem Iran, Rockmusiker, die es nach draußen geschafft hatten, kannte ich kaum. Aber sie kannten mich, sie hatten mich daheim in Teheran im Fernsehen gesehen, auf dem Sender Voice of America, den man illegal über Satellit empfangen kann.
Diese Typen waren viel jünger als ich, aber das war kein Problem, ich kam mir nicht sehr alt vor. Im Gegenteil, ich fühlte mich lebendiger denn je, und im folgenden Jahr würden wir wilde Zeiten ohne Ende erleben. Sie gaben mir ein Sofa zum Schlafen, es war Hochsommer, sehr heiß. Ich besaß ein paar T-Shirts, zwei Paar Jeans, drei Paar Socken und meine geliebten schwarzen Lederstiefel. Hatte kaum Geld und keine Jobangebote. Ich war glücklich. Diese Kids waren nett zu mir, und bald würde ich mich dafür erkenntlich zeigen können. Erste Geschäftshandlung war, mit ihnen auf eine zweimonatige Tournee durchs ganze Land zu gehen, als Vorgruppe. Ich sollte dreizehn Dollar am Tag zum Leben bekommen, ein karger Tagessatz, wie man es auch dreht und wendet.
Im Jahr davor, während meines selbst auferlegten Exils, fern von New York, hatte ich eine Art Wandlung durchgemacht. Ich war als Mensch nicht mehr heil oder heilig gewesen, hatte betteln und mir alles zusammenkratzen müssen. Meine Musikerkarriere und meine Beziehung mit meiner festen Freundin hatten damals ein unvermitteltes und hitziges Ende gefunden, und plötzlich war ich wieder in Dallas gewesen, hatte bei meinen Eltern gewohnt und als Kellner in einem Frühstückslokal gejobbt.
Ein paar Monate, bevor alles den Bach runterging, saß ich noch ganz auf Wolke sieben. Der Anfang vom Ende war eine kleine England-Tournee gewesen, als Vorgruppe eines legendären alten Sängers, während an den letzten Vorbereitungen für ein neues Album bei meinem Label gefeilt wurde, und ich gehörte zu so einer Art Supergroup, dabei hing schon dicker Verwesungsgeruch in der Luft. Der Traum war ganz klar und schön gewesen, was den Absturz umso schmerzhafter machte. Man hätte viele Lügen schlucken müssen, um die Scharade fortzuführen. Die ganze Sache war faul bis ins Mark. Ich hatte nicht das Zeug für die große Karriere.
Vielleicht lag es auch an den Drogen und den Visionen. Vor Jahren hatte ich mit psychedelischen Halluzinationen an einem großen Fluss gesessen. Er floss so mächtig vorüber wie der alte Tigris oder der Nil, und sein Name war »Fluss der künstlerischen Schöpferkraft«. Mir wurde klar, dass man nur am Ufer dieses großen Flusses sitzen konnte, einen Fuß hineintauchen, darin schwimmen, zu ihm beten, Menschen an seine Ufer führen, dass man ihn aber nie besitzen, nie aufstauen oder verschmutzen durfte. Man musste ihn um jeden Preis schützen. Zumindest musste er, wie der große Ganges, ein geheiligter Ort bleiben, denn alle mächtigen Flüsse spielen im Kreislauf des Lebens eine hochwichtige Rolle. Sie verbinden alles. Sie tragen dich. Sie sind im Universum ein Symbol für Unbeständigkeit, dafür, dass alles immer im Fluss ist, für die höchste Form der Freiheit.

#

Dann, im Loft, war ich klug genug, die Philosophie eine Weile für mich zu behalten und mit dem Strom zu schwimmen. Wir gingen auf Tour, einfach war es nicht, aber ich fand es schön, wieder etwas vom Land zu sehen. Mit der Rückkehr nach New York war es mit meinem Tagegeld vorbei, und in den ersten drei Tagen aß ich nicht viel. Hatte ich dieses Leben wirklich schon hinter mir? Wahrscheinlich nicht, Ausgeglichenheit ist schwer zu haben.

# Manhattan

»Ich werde ganz ruhig und langsam reden, damit du alles verstehst, was ich sagen will«, denke ich mir, als ich zu Mana aufsehe. Sie sitzt mir am Tisch gegenüber und blickt mir direkt in die Augen. Ihre Minestrone ist heiß und der Dampf steigt ihr ins Gesicht. Sie sitzt mit dem Rücken zum Fenster. Ich will gerade etwas sagen, aber bevor ich den Mund aufbekomme, kommt eine Harley Davidson mit orangefarbenem Benzintank an den Bordstein gedonnert, rüttelt mir das Hirn durch und wirbelt meine Gedanken durcheinander. Ich gucke dem Fahrer zu, wie er den Motor abdreht und absteigt.
»Und?«, fragt Mana nach. »Was wolltest du gerade sagen …?«
»Ach, eigentlich nichts. Klar, ein paar gab es schon. Na und? Nichts Besonderes, da gibt es eigentlich nichts zu erzählen.«
Mana hatte am Morgen angerufen, ganz unerwartet, und wollte mit mir lunchen gehen. Ich sei pleite, hatte ich ihr gesagt, und sähe aus wie ein Schlafwandler. Sie sagte, ich solle duschen und mir um das Geld keine Sorgen machen. Ich freute mich und konnte ein vertrautes Gesicht gut gebrauchen.
Als ich am Union Square ankam, saß sie schon auf einer Stufe an einem der U-Bahn-Eingänge mit ihren blauen Kuppeln, und ihre großen braunen Augen leuchteten beglückt. Wir hatten uns immer hier verabredet, von Anfang an. Wir spazierten in der Kälte Richtung Süden und rauchten ihre Camel-Importzigaretten, dann suchten wir uns einen gemütlichen Laden zum Essen.
»Erzähl schon«, sagt sie.
Ich fange an, meine Spaghetti dampfen, und der Duft nach Kapern und grünen Oliven versetzt mich zurück in die Zeit, als mein Vater Mitbesitzer eines italienischen Restaurants in Dallas war, des Sweet Basil Italian Ristorante an der Südostecke der Kreuzung Trinity Mills Lane und Midway Road.
»Wir können ja was trinken«, platze ich plötzlich heraus.
»Ich dachte, du willst noch warten«, sagt sie mit diesem süßen mütterlichen Unterton.
»Ich brauche was, damit mein Herz nicht mehr so rast«, antworte ich und versuche dem Kellner zu winken.
»Und? Was war jetzt mit diesen Frauen?«, sagt Mana.
Ich versuche, die Polarität des Ganzen zu erklären, so gut ich kann, und wie ungeeignet ich dafür war, auf der Fleischpiste herumzukrauchen, diesem monströsen gottverlassenen Korridor zwischen East River und Brooklyn-Queens-Expressway, voller moderner Unabhängigkeitskämpfer und Nymphen mit halbsynthetischen Seelen, Armen, Beinen, Mösen, Schwänzen und lutschbereiten Mündern, mit zinn-gepanzerten Herzen, die Nervengifte ausspien; Tausende Schwänze und Mösen im Wiegeschritt zu den Melodien von damals und heute, alles voller Körpersäfte, Schleim, Müll, Ratten, Pisse und Kotze, klebrig und geheimnislos.
Sie hört zu, isst ihre Suppe und ich merke, wie viel besser es ihr geht als nach unserer Trennung vor achtzehn Monaten. Noch nicht wieder richtig gut, aber so gut, dass sie es erträgt, wenn ich von anderen Frauen erzähle. Als sie an der Reihe ist, berichtet sie sofort von ihren gescheiterten Versuchen mit einem guten Typen. »Ganz normal«, in ihren Worten. Irisch-italienische Abstammung, ein alter Schulfreund aus der Zeit an der Brooklyn Tech, Deserteur, arbeitsloser Tankwagenfahrer, der bei seinen Eltern in der Upper West Side wohnt, schwerer Trinker, Kettenraucher … so weit, so gut.
Sie hatten sich auf einer Beerdigung wiedergetroffen, hingen zusammen ab, eines Nachts war sie auf seinem Bett eingeschlafen, und als sie gegen sieben Uhr morgens wieder wach wurde, war er im Wohnzimmer mit zwei Männerfreunden am Koksen. Eigentlich hatte er ihr geschworen, dass er keine Drogen nahm.
»Du bist wenigstens Musiker, aber er ist einfach ein arbeitsloser Trucker. Er hat eine nackte Frau im Bett liegen und kokst die ganze Nacht mit zwei Männern durch?« Vielleicht hat er damals keinen hochgekriegt, denke ich. Noch ein bisschen Märchenstunde, dann braucht sie auch was zu trinken und bestellt eine Bloody Mary. Ich bestelle ein Bier. Nach ein paar Schlucken rast mein Herz nicht mehr so. Ich strecke meine Hand aus, um zu sehen, ob das Zittern aufgehört hat, und das hat es.
Nach einer Weile ist alles aufgegessen und ausgetrunken, sie zahlt und wir treten in die beißende Kälte hinaus. Ich bin am Erfrieren. Noch ein paar Straßen, dann kommt der hypothermische Schock, ganz bestimmt.
»Es ist nicht mehr weit bis zur U-Bahn, komm schon!«, drängt sie mich.
Wir gehen schneller, laufen die Treppe hinunter, springen in den Waggon, suchen uns einen Platz und kuscheln uns aneinander. Wir fahren zu ihr, in unsere alte Wohnung, wo alles kaputtgegangen war. Wo wir verzweifelt versucht hatten, uns an die letzten Reste der Liebe zu klammern, die es zwischen uns noch gab und die schließlich verreckt war, an einem finsteren, kühlen Oktobermorgen.
An der 86th Street steigen Mana und ich in den Bus durch den Park zur York Avenue um, dort gehen wir nach Süden. Sie besorgt ein Sixpack in einem Deli, ich warte draußen und rauche. Ich war lange nicht mehr in der Upper East Side gewesen, aber es macht mir nichts aus, wieder im alten Viertel zu sein. Wo sie aufgewachsen ist, wo ich mich in sie verliebt hatte, ein junges Mädchen von einundzwanzig Jahren frisch vom College, das bei ihren Eltern wohnt, lebhaft und verwirrt, liebeskrank und auf der Suche nach einem erfüllteren Leben. Wo ich ihr in die Augen sah und ihr meine Gefühle und Absichten gestand. Wo wir ihrer Familie von uns erzählten, endlos oft zum Mittag- und Abendessen waren, mit ihrem Neffen und ihrer Nichte spielten. Wo ihre Mutter und Schwester nebenan eine Kindertagesstätte leiteten. Die Schwester und der Schwiegersohn wohnten dort, bis sie sich schließlich in der Nähe eine eigene Wohnung kauften. Wo wir in einem Anfall von Verzweiflung beschlossen, unsere Wohnung in Park Slope, Brooklyn, aufzugeben, die mit dem Blick auf die Grabsteine, Obelisken und Mausoleen des Greenwood-Friedhofes, und bei ihnen einzogen, weil es billig war und ich kein Geld verdiente.
Hier, in dieser reizenden Wohnung mit ihrem herrlichen Hinterhofgarten, ging unsere Liebe in die Brüche. In der Endphase häuften sich dort die stürmischen Zusammenstöße, und dann zerstob die ganze Scharade fast wie nach Plan zu interplanetarischem Staub und die Trümmer wurden in alle Himmelsrichtungen in unsere kollektive Zukunft geblasen.

Ali Eskandarian

Über Ali Eskandarian

Biografie

Ali Eskandarian wurde am 11. September 1978 in Florida geboren, wuchs aber in Teheran auf. Seine Familie emigrierte über Deutschland in die USA, und seine Teenagerjahre verbrachte Ali in Dallas, Texas. Immer schon suchte und fand Ali Zuflucht in Musik und Kunst. 2003 zog er nach New York. Im selben...

Pressestimmen

neon-ghosts.de

»Es mag zwar kein schillerndes Leben gewesen sein, dass Ali geführt hat, aber es war ein aufregendes Leben gewesen sein, dass Ali geführt hat, aber es war ein aufregendes. Ein Tanz auf der Rasierklinge. Mit ein paar Kumpels haust Eskandarian in einem leerstehenden Fabrikgebäude in Brooklyn. Sie feiern zusammen, teilen sich Drogen und Frauen - und vor allem machen sie gemeinsam Musik. Kunst als das ultimativ Erstrebenswerte, als Mittel zur Selbstbestätigung und Selbstvergewisserung in einem Leben, das sonst vor allem aus Lastern besteht.«

ox fanzine

»Der Roman ist oft provokant, manchmal poetisch, nicht zuletzt auch verdammt sentimental. […]. Wer nachvollziehen will, wie man sich als emanzipierter Mensch aus dem Nahen Osten der Gegenwart auf, während und nach einer Flucht fühlt, sollte dieses Buch lesen.«

bücher

»Ein intensiv geschriebenes Buch, das sprachlich poetisch und authentisch ist, aber zugleich vor Brutalität nicht zurückschreckt.«

Stadtblatt Osnabrück

»Authentisch, fast dokumentarisch ist der Stil Eskandarians. Und gerade der verleiht 'Goldene Jahre' den Ton und die Sogkraft, die Jack Kerouac oder Hunter S. Thompson entfachen konnten.«

Unicum Abi

»'Die goldenen Jahre' erzählt schnell, rau und unverblümt vom Lebensgefühl einer verlorenen Generation. Es geht um Sex & Drugs & Rock'n'Roll - noch mehr aber um die Einsamkeit in der Metropole, um die Heimatlosigkeit des Emigranten und um Lust und Qual des Lebens am Limit.«

tv media

»Kurz vor seinem Tod hatte Ali Eskandarian die Arbeit an seinem ersten Roman abgeschlossen, der über Migration, Sex, Drugs und Rock'n'Roll und sein Leben in einer New Yorker WG mit seinen Bandkollegen erzählt.«

VN Vorarlberger Nachrichten

»Literarisch gesehen haben 'Die goldenen Jahre' durchaus Bestand. Neben ruppigen Szenen wählt der Autor und Musiker für seine innere Stimme eine feine Sprache, auch bringt er die Entwurzelung, unter der er als Immigrant zu leiden hat, betont ins Spiel.«

Melodie und Rhytmus

»'Die goldenen Jahre' erzählt tatsächlich von einer verlorenen Generation: Exilanten zwischen 'jugendlicher Verschwendung' und scheiternder Selbstfindung.«

Kulturaustausch - Zeitschrift für internationale Perspektiven

»Der Roman lebt von seiner Erzählerstimme, die zwischen Ernüchterung und Melancholie changiert. […]. 'Die goldenen Jahre' ist ein von Wut und Sehnsucht getriebenes Werk.«

choices (Köln)

»mitreißend irrlichternden 'goldene Jahre'«

Ruhr Nachrichten

»Dieser äußerst intensive, hochemotionale und an keiner Stelle langweilige Roman thematisiert auch die Zerrissenheit eines iranischen Migranten in den USA, und er zeigt, wie einsam sich ein Mensch selbst dann fühlen kann, wenn er permanent von anderen umgeben ist. Und er ist ein großer Liebesroman, nur dass es nicht immer dieselbe Frau ist, die Eskandarian zutiefst verehrt.«

rbb Radio eins "Literaturagenten"

»Das ist so radikal, so exzessiv, so unkonventionell, dass es dieser Roman schon durchaus zum Kultbuch bringen kann.«

GLAMOUR

»Der Rocker – bleibt (nur) sich selbst treu. Kurz nach Beendigung seines Romans wurde der amerikanisch-iranische Punkmusiker Ali Eskandarian 2013 bei einem Amoklauf getötet. Auch deshalb hat 'Die goldenen Jahre' das Zeug zum Kultbuch, das mit seinem Männerbild fast ein bisschen nostalgisch wirkt: Es handelt vom Lebensgefühl einer verlorenen Generation, die Sex, Drugs & Rock’n’Roll liebt.«

JOLIE

»Rau, aber dennoch zerbrechlich: Dieser Roman gießt innere Zerrissenheit in Worte. […]. 'Die goldenen Jahre' ist ein hochaktuelles Buch, das durch den gewaltsamen Tod des Autors Ali Eskandarian noch an Brisanz gewinnt.«

fritz radio

»'Die goldenen Jahre' stinkt nach Rauch, Alkohol und Sex, es klebt von Drogen und getrockneten Tränen, es pulsiert und pocht. Kurz: Es ist ein wildes, wuchtiges Buch voll überschäumender Lebensenergie von einem Künstler, der nicht so richtig wusste, wohin mit sich. Kurz, bevor Ali Eskandarian von einem Amokläufer erschossen wurde, hat er diesen Roman fertiggestellt. Schade, dass es sein letzter bleiben wird.«

unimag.at

»Der Autor Ali Eskandarian wählt seine Worte wild und poetisch zugleich, schreibt sich alles von der Seele und legt Emotionen in seinen Roman.«

Frankfurter Rundschau

»Es ist ein intensives Buch, dessen außergewöhnliche Sprache einen von der ersten Seite anpackt. Umso tragischer, dass Ali Eskandarian, kurz nachdem er das Manuskript fertiggestellt hatte, erschossen wurde. Hinterlassen haben dürfte er tatsächlich ein Kultbuch.«

Bayerischer Rundfunk "Neues vom Buchmarkt"

»Das Buch ist voller wunderschöner Poesie.«

literatour.mybolg.de

»Leidenschaftlich, intensiv und schnell schreibt der 'Bob Dylan des Iran' seinen Roman.«

Deutschlandradio Kultur "Kompressor"

»Er lebt wirklich das Leben eines Entwurzelten in transzendentaler Obdachlosigkeit, wenn man so will. Und das alles so wild, so exzessiv, so unkonventionell, dass dieser Roman tatsächlich Kultbuch-Qualitäten mitbringt.«

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