Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Die Geister, die uns folgen

Die Geister, die uns folgen

Eine wahre Geschichte von Liebe und Krieg

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Die Geister, die uns folgen — Inhalt

Janine und Bruno wollen sich ein gemeinsames Leben aufbauen - die beiden Kriegsreporter, die sich im belagerten Sarajevo ineinander verliebt haben. Jahrelang sind sie über den Globus geirrt, von einem Konflikt zum nächsten, von einer Trennung zur nächsten. Nur unterbrochen von kurzen, aber intensiven Momenten der Zweisamkeit. Aber der Plan, nach den zahlreichen Kriegen in Paris endlich Fuß zu fassen, will und will nicht aufgehen. Ihr Familienalltag wird immer wieder von den Erlebnissen der Vergangenheit eingeholt: So kämpft Bruno mit seinen traumatischen Erfahrungen und Janine damit, ihrer neuen Rolle als Mutter und Ehefrau gerecht zu werden. Der Krieg hat sie zusammengeführt. Nun stehen sie vor der Frage: Wie zusammenbleiben ohne ihn? Mitreißend und mit schonungsloser Offenheit erzählt die renommierte Kriegsberichterstatterin Janine di Giovanni davon, was es heißt, ankommen zu wollen, ohne ankommen zu können.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 20.08.2012
Mitherausgeber: Alexander Weber
Übersetzer: Gaby Wurster
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7557-4
"Die Geschichte, die sie erzählt, lässt sich auf vielerlei Arten lesen. Als Roman einer Amour fou zum Beispiel, die nicht nur verrückt, sondern geradezu irrsinnig ist. [...]. Als politisches Buch, das eine Idee davon vermittelt, welche Kollateralschäden ein Krieg noch zehn Flugstunden vom Schauplatz entfernt anrichten kann. [...]. Als Bericht eines Überlebenskampfes. Ein Bericht über den Krieg, der nach dem Krieg ausbricht. Über die Barberei, die einen auch im Herzen der Zivilisation einholt. [...]. Doch über die Jahre lernte Di Giovanni das ständige Gefühl der Bedrohung zu beherrschen. Sie findet einen Weg in das andere Leben."
Süddeutsche Zeitung
„Di Giovanni schreibt intuitiv, manchmal hört sich das geradezu naiv an, aber gerade deshalb wirkt diese Sprache authentisch und unmittelbar – sie wurde nicht in Form gebracht.“
Rheinische Post
„Jetzt hat Janine di Giovanni ein Buch geschrieben über ihre Arbeit und ihr Leben, über den Alltag im Krieg und die Rückkehr in den Frieden. Es ist ihre sehr persönliche Geschichte von Liebe und Leid, die unter dem Titel ‚Die Geister, die uns folgen‘ erscheint.“
ARD „ttt- Titel, Thesen, Temperamente“
„In „Die Geister, die uns folgen“ beschreibt sie immer beides: Liebe und Krieg, Intimität und Völkermord, Alltag und Folter. Es ist auch eine Geschichte über uns, über uns Abendnachrichten-Menschen und unsere Abgesandten in eine Wirklichkeit, die wir nur medial kennen. Und über den Preis, den sie dafür zahlen, dass wir auf dem Sofa sitzen.“
DER SPIEGEL

Leseprobe zu »Die Geister, die uns folgen«

1
Die Anfänge
In der ersten Januarwoche kamen wir in einem regnerischen
Paris an. Wir schlurften durch die Gegend wie
kleine Soldaten auf dem Rückzug von der Schlacht.
Die Umzugskisten und -kartons waren uns aus Orten
gefolgt, wo tatsächlich Krieg herrschte – Elfenbeinküste,
Irak, Sarajevo und Afghanistan; sie waren voller
Relikte eines Lebens, das wir beide hinter uns lassen
wollten.
Die Kartons waren groß und unheilverkündend. Meine
waren aus Pappe von einer teuren Spedition in London.
Eines Nachmittags waren die Umzugsleute in
meine Wohnung in Notting Hill [...]

weiterlesen

1
Die Anfänge
In der ersten Januarwoche kamen wir in einem regnerischen
Paris an. Wir schlurften durch die Gegend wie
kleine Soldaten auf dem Rückzug von der Schlacht.
Die Umzugskisten und -kartons waren uns aus Orten
gefolgt, wo tatsächlich Krieg herrschte – Elfenbeinküste,
Irak, Sarajevo und Afghanistan; sie waren voller
Relikte eines Lebens, das wir beide hinter uns lassen
wollten.
Die Kartons waren groß und unheilverkündend. Meine
waren aus Pappe von einer teuren Spedition in London.
Eines Nachmittags waren die Umzugsleute in
meine Wohnung in Notting Hill gekommen, sie hatten
mein ganzes Londoner Leben in Plastikfolie und Papier
gepackt und fast zwanzig Jahre meines Lebens in
Kartons verstaut. Sie hatten alles mitgenommen, sogar
Aschenbecher mit lippenstiftverschmierten Zigarettenkippen
vom Abschiedsfest am Abend zuvor.
Bruno hatte robustere Kisten, stattliche Holzkisten, sie
waren von Abidjan aus verschifft worden. Zusammen
standen unsere vereinigten Besitztümer nun im Esszimmer
unserer Mietwohnung am rechten Seine-Ufer,
man konnte kaum mehr laufen, es sei denn, man tänzelte
zwischen den Kisten hindurch. Sie auszupacken
erschien uns wie eine abseitige, eine unmögliche Aufgabe,
die erst in ferner Zukunft erledigt werden würde.
In meinen Kartons waren Töpfe und Pfannen mit Brandflecken
von Omelettes, die zu lange unbeaufsichtigt
auf dem Herd gestanden hatten; Samtkleider, einoder
zweimal auf lange vergessenen Bällen in London
getragen; Daunenmäntel und Schlafsäcke, noch immer
mit einer feinen Staubschicht überzogen. Wanderschuhe
mit angetrockneter roter Erde aus Afghanistan;
das zarte Porzellanservice meiner Mutter, meine
Schwarzweißfotos aus Afrika, dem Nahen Osten und
vom Balkan. Teile eines aus ein an dermontierten Holzstuhls
im Shaker-Stil, den ich zusammen mit einem früheren
Freund gekauft hatte und der nun dar auf wartete,
in Paris wieder zusammengebaut zu werden.
Stapel alter, fadenscheiniger Leintücher aus Irland und
Rom. Handtücher und Geschirr; Backformen, noch immer
mit Resten von verbranntem Teig. Und Hunderte
Bücher.
Ich hatte die Wohnung, in der ich ein Dutzend Jahre gewohnt
hatte, leer geräumt bis auf das Bett. Das würde
zurückbleiben. Ich brachte es nicht über mich, es in
mein neues Leben mitzunehmen. Ich hatte es von einer
jungen Frau aus Irland übernommen, einer Bankangestellten,
die mit gebrochenem Herzen nach Dublin
geflüchtet war. Es schien an der Zeit zu sein, es
wieder weiterzugeben, an die blonde Deutsche, eine
ernste Psychoanalytikerin, die nun meine Wohnung
mietete.
In den Kartons waren auch Dinge, die nur für mich Bedeutung
hatten. Unbequeme High Heels von Gucci, die
ich aus einer Laune her aus in New York gekauft und
nur einmal getragen hatte; ein Aschenbecher, den ich in
einem Hotel in Algerien geklaut hatte; Schrapnellteile,
die zu einer eigenwilligen Skulptur verdreht waren;
ein Stapel Liebesbriefe – dar un ter ein paar Faxe, die mit
der Zeit verblasst waren –, zusammengebunden mit einem
hellrosa Band, und zwei Splitterschutzwesten mit
Kevlar-Einsätzen, die Brust, Leisten und Schultern vor
Beschuss schützten.
Ich hatte auch zwei Helme mit Klebestreifen auf der
Stirnseite, auf denen sorgfältig mit unlöslicher Tinte
meine Blutgruppe angegeben war; eine Nylontasche
mit medizinischer Ausrüstung; Schachteln des Antibiotikums
Ciprofloxacin; eine Spritze mit einem flüssigen
Opiat, die ich einem armseligen rothaarigen amerikanischen
Soldaten stibitzt hatte, bevor ich von Kuwait
nach Basra gefahren war. Ein Satellitentelefon und zwei
Digitalkameras, die ich nie zu bedienen gelernt hatte,
noch immer originalverpackt und mit Gebrauchsanweisungen
versehen. Ein wachsartiger Schutzanzug
gegen chemische Waffen in einem Plastiksack, zusammengebunden
mit Gummis; eine ungebrauchte Gasmaske,
Straßenkarten von Bagdad mit rot umrandeten
strategischen Punkten.
Da waren auch achtzehn schwarze Notizbücher mit
Namen wie Ali oder Bassam, Mona oder Ahmed, Namen
von Menschen, die ich interviewt hatte – in einem
anderen Leben, wie mir nun schien. Und meine Segeltuchstiefel,
die noch immer voller Sand aus der Westlichen
Wüste des Irak waren.
Brunos Umzugskisten waren exotischer als meine. Sie
waren voller Dinge, die Claude Lévi-Strauss auf seinen
langen, einsamen Reisen gesammelt haben könnte.
Webwaren in bunten Äquator-Farben; langbefiederte
Pfeile aus Brasilien; schwarzweiße Kufiyyat aus dem
Nahen Osten, rosa-weiße Muscheln von den Stränden
bei Grand-Bassam in der Nähe von Abidjan; grüne,
rote, schwarze Perlen aus Mali, ein getrockneter Seestern,
der noch immer nach Meer roch; Teakholztische
und Spiegel mit Elfenbeinintarsien; Messingtruhen,
eine dicke weiße Decke aus Äthiopien und antike
Buddha-Köpfe aus Afghanistan und Birma. Er hatte ein
knöchellanges Übergewand der Tuareg aus der Sahara
und konnte es so drapieren, dass er dar in aussah wie
ein Wüstenbewohner.
Aus irgendeinem zentralasiatischen Land hatte er
sechs Messingkelche, da waren Lapislazuliketten aus
dem Irak und Gebetsteppiche aus Kurdistan. Eine Eisenschatulle
mit Fotos, die er niemandem zeigte. Auf
einem goldenen Schild, das eine alte Freundin, eine
Rechtsanwältin, für ihn angefertigt hatte, stand sein
Name in griechischen Buchstaben. Und da waren Teppiche
aus Afghanistan, wo wir uns zufällig begegnet
waren und uns auf tragische Weise wieder getrennt
hatten – zum allerletzten Mal, hatte ich angenommen.
Langsam und mit großer Unsicherheit nahmen wir unsere
jeweiligen alten Leben aus den Kisten und versuchten,
in diesem neuen, angsteinflößenden Leben
Raum für sie zu schaffen.
Bruno sah noch so aus wie damals, als ich ihn vor vielen
Jahren in der Lobby des Holiday Inn in Sarajevo
zum ersten Mal getroffen hatte. Das war in einem anderen
Leben gewesen. Eigenartig, wie wir uns kennengelernt
hatten – zwei Menschen, zwei Leben waren mit
voller Wucht auf ein an dergeprallt, als hätte ein Esel sie
getreten. Und aus dieser zufälligen Kollision entstand
ein neues Leben, ein Kind wurde geboren, und unser
Lebensrad drehte sich weiter. »Jetzt seid ihr beide un
sterblich«, sagte jemand zu Bruno, als unser Sohn geboren
wurde. Damals – noch immer benebelt von Medikamenten
und Schmerz und dem Schreck, ein anderes
Leben in Händen zu halten – verstand ich diese Worte
nicht. Heute schon.
Die Lobby des Holiday Inn war zu Kriegszeiten ein
hässliches Loch, das sich nach oben hin zu den Fluren
der acht Stockwerke öffnete. Im Winter war es eisig kalt,
im Sommer glühend heiß, und es wurde regelmäßig
mit Granaten und Kugeln beschossen. Es lag an einer
der gefährlichsten Frontlinien der Stadt, der Hauptverkehrsstraße
Zmaja od Bosne, die wir Sniper Alley nannten:
»Heckenschützengasse«. Journalisten, die dort
monatelang festsaßen und vor Langeweile umkamen,
seilten sich zum Zeitvertreib von der Decke der Lobby
bis ganz nach unten ab. Über lange Zeiträume gab es
kein Wasser, keinen Strom, keine Heizung im Winter,
und einmal mussten wir aus Angst vor einer Cholera-
Epidemie eine Zeitlang rote Ta bletten ins Wasser geben.
Ein Kollege bemerkte einmal, das Essen dort wäre
schlechter als das, was sein Großvater in Auschwitz bekommen
hatte … Wir reicherten es mit teuren Schlemmereien
vom Schwarzmarkt oder mit Großpackungen
Schokolade an, die wir in letzter Minute auf dem
Flughafen von Zagreb kauften, bevor wir an Bord der
UN-Maschinen nach Sarajevo gingen, wo wir endlose
Monate lang blieben.
Im Sommer 1993, es war das zweite Kriegsjahr, kamen
Bruno und ich aus unseren Wohnorten, Paris und London,
dort an und berichteten über die längste Belagerung
der jüngeren Geschichte. Er war Kameramann für
den Sender France 2, und ich schrieb für eine große britische
Tageszeitung. Wir waren noch grün hinter den
Ohren, leicht zu beeindrucken und so jung, dass wir
leidenschaftlich an das glaubten, was wir taten. Damals
glaubte ich, dass ein Artikel, ein Foto, ein Film irgendjemanden
irgendwo erreichen und etwas bewirken
könne – mitunter glaube ich das noch heute. Früher
aber war ich mit mehr Feuereifer dabei.
Ich war bereits im Dezember 1992 für längere Zeit nach
Sarajevo gereist, für Bruno war es das erste Mal. Er
sagte, er hätte mich vom Zwischengeschoss zwischen
dem ersten und zweiten Stockwerk aus gesehen. Dort
stand ein Klavier in einer Ecke neben der zerbombten
Flanke des Gebäudes – wo wir uns nicht aufhalten sollten,
denn Heckenschützen konnten diese Stelle besonders
gut einsehen; jedenfalls spielte dar auf manchmal
ein italienischer Journalist namens Renzo gespenstische
Melodien, Schubert oder Jazz, alles klang fremd,
als käme es aus dem Nichts.
Damals versuchten wir, zu der täglichen Pressekonferenz
im UN-Quartier im alten Post- und Telegrafenamt
in der Sniper Alley zu gehen. In einem gepanzerten
Fahrzeug war die Fahrt angenehm und dauerte etwa
sieben Minuten, ansonsten war es nervenaufreibend: In
Splitterschutzwesten zwängten wir uns auf den Rücksitz
eines VW Golf, beladen mit Taschen voller Computer
und Kameras, und hofften, dass kein Irrläufer die
Karosserie durchschlug. Ich erinnerte mich mit erschreckender
Deutlichkeit an die Gebete, die ich als Kind
von den Nonnen gelernt hatte, sie standen in einem
vergessenen, schmalen weißen Bändchen mit Goldprägung:
Gebete, in denen man Vergebung vor dem Tod
erbittet.
Das Briefing fand immer Punkt neun Uhr statt, und ich
war eher ein Morgenmuffel. Ich stand auf, trank wässrigen
Kaffee, der in einem improvisierten Speisesaal
serviert wurde, schnappte mir ein Stück hartes Brot
und lauerte irgendeinem Fernsehjournalisten in der
Hoffnung auf eine Mitfahrgelegenheit auf – das Fern
sehen hatte grundsätzlich gepanzerte Wagen. Der Armeelaster
von CNN war immer voll, und man sagte
diesen Kollegen nach, sich um niemanden zu scheren
als um sich selbst. Die Leute von der BBC hingegen waren
großzügiger, und für gewöhnlich winkten sie mich
hin ein: »Los, schnell rein!« Hinten im Wagen roch es
nach Benzin, dort standen ganze Kanister mit Sprit.
Ich lernte Bruno an einem Morgen im August kennen.
Es war heiß, aber die grauen Wolken über Sarajevo
hingen tief, es wirkte eher wie ein Herbst- als wie
ein Sommertag. Nach dem Frühstück traf ich meinen
Kollegen Jeremy, er war nett und lustig und sagte, es
bestehe keine Eile. »Trink erst deinen Kaffee, dann gehen
wir«, sagte er. Wir tranken den bitteren schwarzen
Kaffee ohne Zucker, und Jeremy sah auf die Uhr.
Wir nahmen unsere Westen, die wir überall dabeihatten.
Ich warf meine über die rechte Schulter, sie war
schwer, und ich zuckte leicht zusammen vor Schmerz
im Schlüsselbein, das ich schon zweimal gebrochen
hatte. Wir gingen durch die Lobby zur Treppe ins
Parkhaus. Saß man erst einmal im Wagen, schnallte
man sich an und fuhr wie der Blitz hin aus, denn die
Ausfahrt lag direkt in der Schusslinie der serbischen
Heckenschützen.
Bevor wir jedoch an der Treppe waren, überholte uns
jemand, sichtlich in Eile. Ich bückte mich, um meinen
Schuh zu binden, dann richtete ich mich auf und sah etwas
aus dem Augenwinkel. Ein fremder, gut aussehender
Mann war vor mir auf die Knie gegangen – Jeremy
und ich blieben abrupt stehen. Der Mann hatte eine
große Kamera geschultert und sagte etwas auf Französisch
oder auf Englisch mit französischem Akzent, wir
konnten es nicht verstehen, denn er flüsterte. Schließlich
verstand ich es: »Starrt mich nicht so an«, sagte er
theatralisch. Er lachte.
Es war ein merkwürdiger Moment, und er sollte den
Lauf meines Lebens vollkommen verändern. Ich blickte
auf diesen knienden Mann hin un ter. Er war schlank,
sah fast asiatisch aus, er trug weite Kampfhosen und ein
T-Shirt. Seine Stiefel waren blitzblank poliert. Er hatte
ein schönes, breites Lächeln. Er flirtete mit mir und
lachte über meine Reaktion. Er rappelte sich auf und
stellte sich vor mich. Er sah mir direkt in die Augen,
seine waren grün, und er zuckte nicht mit der Wimper.
Ich konnte kaum mehr tun, als dünn zurückzulächeln,
dann drehte ich mich um und ging weiter zur
Tür.
Jeremy sagte: »Es gibt Kameraleute und Kameraleute.
Und dann gibt es noch französische Kameraleute.« Er
nahm beschützend meinen Arm, und wir gingen zur
Treppe – den Franzosen, Bruno, ließen wir stehen.
Ich habe Bruno oft gefragt, war um er das getan hatte,
war um er einfach so, spontan und ohne Not auf die
Knie gefallen war. Er zuckte immer nur die Achseln
oder murmelte etwas, gab mir aber nie eine richtige
Antwort. Manchmal zitierte er Montaigne – dass man
gar nicht wissen wolle, war um man eine bestimmte
Frau liebte, und wenn man es wüsste, würde man sie
nicht mehr lieben … Jahrelang fragte ich ihn danach,
fand den Grund aber nie her aus.
Eine gefühlte lange, lange Zeit sah ich Bruno nicht wieder;
er war nie im Speisesaal, wo die Journalisten sich
zweimal täglich trafen und Reis und Käse aus Hilfspaketen
aßen und den Wein tranken, der im Hotelkeller
während der Belagerung noch übrig war. Ich sah ihn
nicht an den Tagen, an denen ich allein arbeitete und
mit meinem Fahrer Dragan unterwegs war. Wir fuhren
zu den Orten in der Stadt, wo ich vorzugsweise arbeitete:
die psychiatrische Abteilung der Kosevo-Klinik, das Leichenschauhaus, wo ich die Toten zählte, der Präsidentenpalast, wo ich mich mit dem Vizepräsidenten
traf, und das Waisenhaus, wo ich Säuglinge im Arm
hielt, die keiner haben wollte.
Immer samstags war Deadline für die Sonntagszeitung,
für die ich arbeitete. Ich schrieb in meinem tristen, von
den plastikverhangenen Fenstern orangerot getönten
Zimmer – die Scheiben waren bei einem Mörserangriff
gesplittert –, dann ging ich hin un ter und aß meinen
Reis und meinen Käse allein. Ich arbeitete bis fünf Uhr
nachmittags, danach gab ich im Büro der Agentur Reuters
meinen Bericht für 50 Dollar die Minute über Satellitentelefon
durch. Dabei wusste ich, dass ein Redakteur
in London ihn radikal auf 800 Wörter her un terkürzen
würde. Nachts schlief ich auf meinem Schlafsack, es
war zu heiß, um hin einzuschlüpfen, und lauschte den
Kampfgeräuschen, die durchs offene Fenster drangen.
Manchmal war es so laut, dass ich davon aufwachte.
Dann sah ich Bruno auf einmal im Zwischengeschoss
wieder, er pfiff laut und sagte auf Spanisch: »Señorita!«
»Ich bin keine Spanierin«, sagte ich, ich hatte beschlossen,
auch mit ihm zu flirten.
»Aber Ihr Kleid ist spanisch.«
Tatsächlich trug ich ein Kleid, das ich wenige Wochen
zuvor in einer der seltenen Auszeiten an der kroatischen
Küste auf dem Markt in Split gekauft hatte. Es
war knielang und eigentlich überhaupt nicht sexy, aber
an einem Ort wie Sarajevo fiel es auf.
»Sie sehen aus wie eine Flamenco-Tänzerin«, sagte er
über die Brüstung gebeugt. »Wann können wir uns mal
treffen?«
»Ich weiß nicht, ich fahre nach Zentralbosnien.«
»Wir sehen uns«, sagte er. Es war eher eine Feststellung
als eine Frage. Dann war er weg.
Einige Wochen danach, an einem Sonntag Mitte August – in einer Zeit, in der wohl alle Leute irgendwo
an einem Strand lagen und keiner sich um die Belagerung
einer Stadt mit unaussprechlichem Namen mitten
auf dem Balkan interessierte –, wachte ich im Morgengrauen
auf, weil es an meine Tür klopfte.
Ich trug ein Baumwollnachthemd und bedeckte mich,
als ich die Tür einen Spalt öffnete. Da stand ein bosnischer
Junge in Soldatenuniform, er rauchte und übergab
mir einen Zettel mit der Nachricht eines Kommandeurs.
Der Kindersoldat sprach kein Englisch,
bedeutete mir aber, ihm zu folgen. Ich wusste, was nun
kam. Ich hatte wochenlang auf diese Nachricht gewartet.
Ich zog mich an, putzte mir mit Mineralwasser die
Zähne und rannte die Treppe hin auf, um meine Freundin
Ariane zu wecken.
Ariane war in Bosnien meine beste Freundin. Sie sprach
drei Sprachen fließend, war die Tochter eines französischen
Jagdfliegers und einer frankoargentinischen Mutter,
sie war Bergsteigerin und ein Ass auf Skiern. Sie war
klein, drall, hatte grüne Augen und einen vollen Mund.
Sie war sexy und klug und sagte, was sie dachte –
manchmal ein wenig zu laut. Sie war herrisch und
nervte mich oft, aber sie hatte vor nichts und niemandem
Angst. In ihrem kleinen Körper schlug ein großes
Herz. In dieser Stadt wurde sie mir bald die liebste
Freundin, und viele Jahre später sollten wir in Paris zusammen
älter werden. Sie war der erste Mensch, der
mich nach der Geburt meines Sohnes im Krankenhaus
besuchte. Damals in Sarajevo war sie in einen groß gewachsenen
französischen Oberst der UN-Friedenstruppen
verliebt, ich hatte eine Affäre mit dessen Freund,
einem Hauptmann aus der Bretagne.
Liebe war damals eine ganz einfache Sache. Es war das
letzte Mal, dass ich die Liebe so leichtnahm, ohne Nachwirkungen,
Schuldgefühle, Drama oder Verzweiflung,
wenn die Zeit gekommen war, sich zu trennen. Sich in
Kriegszeiten zu verlieben war ganz mühelos, vielleicht
weil die Welt um uns her um so chaotisch war. Es war
fast jugendlich in all seiner Unkompliziertheit. Wir vier –
drei Franzosen und ich – saßen immer abends zusammen,
sahen das Aufblitzen der Einschläge und tranken
Whiskey. Die Soldaten verließen die UN-Basen, wann
immer sie konnten, und brachten Geschenke mit: Einmannpackungen
mit Fertiggerichten inklusive einer
kleinen Flasche Rotwein. Einmal die Woche nahmen
sie uns mit zum Stützpunkt, wo wir duschen konnten.
Das war das tollste Geschenk in einer Stadt, die weitgehend
ohne Wasser auskommen musste: Ariane und ich
hatten saubere Haare.
Ariane nahm gern Sonnenbäder und weigerte sich, auf
ihre Sommerbräune zu verzichten, nur weil sie in einer
belagerten Stadt lebte. Also setzte sie sich nackt bis
auf die Unterhose auf einen Stuhl ans offene Fenster,
schmierte sich mit Sonnenöl ein und setzte eine Sonnenbrille
auf. Sie sagte, sie brauche ihr Vi ta min D und
würde UV-Strahlen abkriegen, auch wenn das Glas sie
teilweise abhielt.
»Ich hasse es, wie ein Mann rumzulaufen«, sagte sie
mir in jenem Sommer und betrachtete ihre Jeans und
die Turnschuhe. Wir waren mit Splitterschutzwesten
und Helmen unterwegs, in Hosen und dicken Hemden,
die unsere Arme bedeckten. Ich hatte seit Monaten kein
Kleid mehr getragen. Also machten wir für ein paar
Tage einen Erholungsausflug nach Split, dem dalmatinischen
Küstenort, der von UN-Soldaten, Mitarbeitern
von Hilfsorganisationen und Journalisten überrannt
wurde. Wir aßen Risotto in schwarzer Tintenfischtinte
und lagen am Strand, einem richtigen Strand, und kamen
mit ein paar Baumwollkleidern vom Markt zurück,
dar un ter das sogenannte Flamenco-Kleid. Sie wa
ren knielang und brav, keine Schlitze, keine zur Schau
gestellten Beine; wir trugen sie zu unseren schmutzigen
Turnschuhen bei den täglichen Pressekonferenzen. Es
waren einfach nur Hauskleider aus Baumwolle, wie sie
wahrscheinlich kroatische Putzfrauen trugen, aber wir
fühlten uns befreit.

Janine di Giovanni

Über Janine di Giovanni

Biografie

Janine di Giovanni berichtet als Journalistin seit Jahren von den Kriegsgebieten der Welt, u.a. für THE TIMES, VANITY FAIR, NEWSWEEK, das NEW YORK TIMES MAGAZINE und NATIONAL GEOGRAPHIC. Ihre Reportagen wurden vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem Amnesty Media Award), und 2012 war sie...

Pressestimmen

Süddeutsche Zeitung

"Die Geschichte, die sie erzählt, lässt sich auf vielerlei Arten lesen. Als Roman einer Amour fou zum Beispiel, die nicht nur verrückt, sondern geradezu irrsinnig ist. [...]. Als politisches Buch, das eine Idee davon vermittelt, welche Kollateralschäden ein Krieg noch zehn Flugstunden vom Schauplatz entfernt anrichten kann. [...]. Als Bericht eines Überlebenskampfes. Ein Bericht über den Krieg, der nach dem Krieg ausbricht. Über die Barberei, die einen auch im Herzen der Zivilisation einholt. [...]. Doch über die Jahre lernte Di Giovanni das ständige Gefühl der Bedrohung zu beherrschen. Sie findet einen Weg in das andere Leben."

Rheinische Post

„Di Giovanni schreibt intuitiv, manchmal hört sich das geradezu naiv an, aber gerade deshalb wirkt diese Sprache authentisch und unmittelbar – sie wurde nicht in Form gebracht.“

ARD „ttt- Titel, Thesen, Temperamente“

„Jetzt hat Janine di Giovanni ein Buch geschrieben über ihre Arbeit und ihr Leben, über den Alltag im Krieg und die Rückkehr in den Frieden. Es ist ihre sehr persönliche Geschichte von Liebe und Leid, die unter dem Titel ‚Die Geister, die uns folgen‘ erscheint.“

DER SPIEGEL

„In „Die Geister, die uns folgen“ beschreibt sie immer beides: Liebe und Krieg, Intimität und Völkermord, Alltag und Folter. Es ist auch eine Geschichte über uns, über uns Abendnachrichten-Menschen und unsere Abgesandten in eine Wirklichkeit, die wir nur medial kennen. Und über den Preis, den sie dafür zahlen, dass wir auf dem Sofa sitzen.“

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden