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Die Frau, die niemand kannteDie Frau, die niemand kannte

Die Frau, die niemand kannte

Thriller

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Die Frau, die niemand kannte — Inhalt

Ausgezeichnet mit dem Edgar Award 2013 in der Kategorie »Bester Erstlingsroman«

 

Die Amerikanerin Kate Moore zieht mit Mann und Kindern nach Luxemburg – sie freut sich auf ein entspanntes Leben als Mutter und Hausfrau. Endlich keine Geheimnisse mehr, endlich droht ihre zwielichtige Vergangenheit nicht mehr in ihr Privatleben einzudringen. Doch dann macht sie die Bekanntschaft des Exilantenpärchens Julia und Bill. Und die Gefahr, dass ihre wahre Identität ans Licht kommt, ist plötzlich größer denn je …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 12.11.2012
Übersetzt von: Andrea Brandl
528 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-27412-8
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 12.11.2012
Übersetzt von: Andrea Brandl
528 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95951-3

Leseprobe zu »Die Frau, die niemand kannte«

Für meine kleinen Ex-Expats, Sam und Alex

 

Die Wahrheit ist etwas Schönes, kein Zweifel, aber Lügen auch.
Ralph Waldo Emerson

 

Der einzige Reiz der Ehe liegt darin, dass sie ein Leben der Täuschung für beide Teile absolut notwendig macht.
Oscar Wilde

 

AUFTAKT
Heute, 10:52 Uhr, Paris

 

»Kate?«
Wie gebannt blickt Kate in das Schaufenster, in dem sich Kissen, Tischdecken und Vorhangstoffe in verschiedensten Schattierungen von Taupe, Schokobraun und Moosgrün türmen – eine Farbpalette, die die zarten Pastelltöne der letzten Woche ersetzt hat. [...]

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Für meine kleinen Ex-Expats, Sam und Alex

 

Die Wahrheit ist etwas Schönes, kein Zweifel, aber Lügen auch.
Ralph Waldo Emerson

 

Der einzige Reiz der Ehe liegt darin, dass sie ein Leben der Täuschung für beide Teile absolut notwendig macht.
Oscar Wilde

 

AUFTAKT
Heute, 10:52 Uhr, Paris

 

»Kate?«
Wie gebannt blickt Kate in das Schaufenster, in dem sich Kissen, Tischdecken und Vorhangstoffe in verschiedensten Schattierungen von Taupe, Schokobraun und Moosgrün türmen – eine Farbpalette, die die zarten Pastelltöne der letzten Woche ersetzt hat. Saisonwechsel. Einfach so.
Sie wendet sich vom Fenster ab und der Frau zu, die neben ihr auf dem schmalen Bürgersteig der Rue Jacob steht. Wer ist diese Frau?
»O mein Gott, Kate! Bist du das?« Die Stimme kommt ihr bekannt vor. Aber das reicht nicht.
Inzwischen hat Kate vergessen, wonach sie halbherzig gesucht hat. Es war irgendetwas aus Stoff. Vorhänge für die Gästetoilette ? Irgendetwas Albernes, Unnützes.
Sie zieht den Gürtel ihres Regenmantels enger, eine Geste des Selbstschutzes. Vorhin, auf dem Weg zur Vorschule, hat es geregnet. Nebel stieg von der Seine auf, und die Absätze ihrer Lederstiefel hallten laut auf dem Kopfsteinpflaster. In der Tasche ihres dünnen Regenmantels steckt eine zusammengefaltete Herald Tribune. Das heutige Kreuzworträtsel hat sie bereits im Café neben der Schule gelöst, wo sie meistens gemeinsam mit den anderen ausländischen Müttern frühstückt.
Zu denen gehört diese Frau jedenfalls nicht.
Diese Frau trägt eine Sonnenbrille, die ihre Stirn, den größten Teil ihrer Wangen und die gesamte Augenpartie verdeckt, sodass Kate unmöglich erkennen kann, wer sich hinter all dem schwarzen Kunststoff und den goldenen Logos verbirgt. Ihr kurzes kastanienbraunes Haar ist streng aus dem Gesicht gekämmt und wird von einem Seidenschal gehalten. Sie ist groß und attraktiv, jedoch mit üppigen Hüften und Brüsten. Sinnlich. Sie ist auf leichte, natürliche Weise gebräunt, als verbringe sie viel Zeit im Freien. Tennis vielleicht oder Gartenarbeit. Jedenfalls hat ihr Teint nichts von dieser tiefdunklen Dörrapfelbräune, die so viele stundenlang im UV-Licht der Solariensärge schmorende Französinnen schätzen.
Ihr Outfit erinnert an eine Reiterin. Kate erkennt auf Anhieb das karierte Sakko aus dem Schaufenster dieser neuen, obszön teuren Boutique ganz in der Nähe wieder, in deren Räumen zuvor eine beliebte Buchhandlung ansässig war – ein Wechsel, der lautstarken Einheimischen zufolge den Niedergang des Faubourg St. Germain einleitet, das sie kennen und lieben. Doch die Liebe zu dieser Buchhandlung war eher abstrakter Natur gewesen, denn sie war meistens leer gewesen, während in der Boutique oft Hochbetrieb herrschte. Nicht nur texanische Hausfrauen, japanische Geschäftsleute und russische Schlampen fallen heuschreckenartig dort ein und bezahlen ihre Blusen, Schals und Handtaschen in bar – mit brandneuen Scheinen, frisch aus der Geldwäschemaschine –, sondern auch die reichen Pariserinnen. Arme gibt es in dieser Gegend nicht.
Aber diese Frau ? Sie lächelt und entblößt dabei eine Reihe perfekter, strahlend weißer Zähne. Auch das Lächeln kommt Kate bekannt vor, trotzdem muss sie ihre Augen sehen, um ihre schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen.
In Südostasien werden Autos gebaut, die weniger kosten, als diese Frau für ihre Karojacke hingeblättert hat. Kates Kleidungsstil ist ebenfalls erlesen, im Gegensatz zu dem dieser Frau jedoch klassisch-zeitlos, wie Frauen ihres Typs es vorziehen.
Diese Frau ist Amerikanerin, spricht jedoch ohne einen bestimmten Akzent. Sie könnte von überall her stammen.
»Ich bin’s«, sagt sie und nimmt endlich ihre Sonnenbrille ab.
Instinktiv weicht Kate einen Schritt zurück und spürt den verrußten dunkelgrauen Steinsockel des Hauses an ihren Hosenbeinen, während die Metallbügel ihrer Handtasche klirrend gegen die Schaufensterscheibe schlagen.
Ihr fällt die Kinnlade herunter, doch aus ihrem Mund dringt kein Laut.
Ihr erster Gedanke gilt den Kindern, Panik brandet in ihr auf – ein typischer Mutterinstinkt. Das war ein Punkt, über den Dexter sich vor der Geburt ihrer Kinder nie ernsthaft Gedanken gemacht hatte: diese fürchterliche, tiefsitzende Angst, die einen nicht mehr loslässt, sobald Kinder im Spiel sind.
Diese Frau hat sich hinter ihrer Sonnenbrille versteckt, hat sich eine neue Haarfarbe und einen anderen Schnitt zugelegt, und ihr Teint ist dunkler als früher. Außerdem hat sie ein paar Kilo zugelegt. Sie sieht anders aus. Trotzdem kann Kate nur staunen, wieso sie sie nicht gleich erkannt hat, schon bei den ersten Worten. Aber Kate weiß, warum. Sie wollte sie nicht wiedererkennen.
»O mein Gott«, stößt sie hervor.
Kates Gedanken überschlagen sich. Am liebsten würde sie kehrtmachen, die Straße hinunterlaufen, um die Ecke und durch die schwere rote Tür und den stets eiskalten Durchgang rennen, durch den Säulengang, der rings um den Innenhof verläuft, hinein in die marmorne Eingangshalle, in den Aufzug mit dem Messingkorb und den fröhlich gelb gestrichenen Flur mit dem goldgerahmten Gemälde aus dem achtzehnten Jahrhundert entlang.
In diesem Moment breitet die Frau einladend die Arme zu einer dieser typisch amerikanischen Riesenumarmungen aus.
In Gedanken läuft Kate durch den Flur, an dessen Ende sich ihr holzvertäfeltes Büro mit dem Blick über die Dächer der Stadt und die Spitze des Eiffelturms befindet, und greift nach dem verzierten Messingschlüssel, um die unterste Schublade ihres antiken Schreibtischs aufzuschließen.
Umarmen? Wieso nicht? Schließlich sind sie alte Freundinnen. Gewissermaßen. Es könnte verdächtig wirken, wenn sich zwei Frauen auf der Straße begrüßen, ohne sich zu umarmen. Vielleicht würde es aber auch verdächtig wirken, wenn sie es täten.
Dass sie beobachtet werden könnten, ist ihr sofort in den Sinn gekommen. Sie geht immer davon aus, dass die Leute sie bemerken. Erst vor wenigen Monaten konnte sie sich allmählich an den Gedanken gewöhnen, nicht auf Schritt und Tritt überwacht zu werden.
Mittlerweile hat sie die Schreibtischschublade geöffnet. Darin steht die doppelwandige Metallkassette.
»Was für eine Überraschung«, sagt Kate, was eine Lüge ist und doch auch wieder nicht.
In der verschließbaren Metallkassette liegen vier Reisepässe mit Zweitidentitäten der Familienmitglieder und ein dickes Bündel Banknoten, das von einem Gummiband zusammengehalten wird – eine bunte Mischung aus Euro, Britischen Pfund und Amerikanischen Dollar in großen Scheinen, ganz neu. Ihre eigene Version von gewaschenem Geld.
»Wie schön, dich zu sehen.«
Und, eingehüllt in ein Stück hellblaues Chamoisleder, die Beretta 92FS, die sie diesem schottischen Zuhälter in Amsterdam abgekauft hat.

 

TEIL I

 

1
Zwei Jahre zuvor. Washington, D.C.

 

»Luxemburg?«
»Genau.«
»Luxemburg?«
»Ja, ganz recht.«
Katherine wusste nicht, was sie sagen sollte. Deshalb entschied sie sich für die bewährte Standardmethode – Umgehen durch Dummstellen. »Wo liegt Luxemburg überhaupt?«
»In Westeuropa.«
»Ich meine, in Deutschland?« Sie wandte den Blick ab, um die beschämende Grube, die sie sich gerade grub, nicht sehen zu müssen. »Oder in der Schweiz?«
Dexter musterte sie ausdruckslos. Sie sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, nichts Falsches zu sagen. »Es ist selbst ein Land«, antwortete er schließlich. »Ein Groß herzogtum.«
»Ein Großherzogtum.« Er nickte.
»Du machst Witze.«
»Es ist das einzige Großherzogtum der Welt.«
Sie schwieg.
»Es grenzt an Frankreich, Belgien und Deutschland«, fuhr er unbeirrt fort. »Es liegt mittendrin.«
»Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »So ein Land gibt es nicht. Du meinst – keine Ahnung – das Elsass. Oder Lothringen. Ja, genau. Elsass-Lothringen.«
»Das gehört zu Frankreich. Luxemburg ist ein … äh … anderes Land.«
»Und wieso ist es ein Großherzogtum?«
»Es wird von einem Großherzog regiert.«
Kate wandte sich wieder der halb gehackten Zwiebel auf dem Schneidbrett zu. Die Küchenschränke waren so stark verzogen, dass die Arbeitsplatte sich – wegen der Feuchtigkeit, der Schwerkraft oder sonst eines Naturgesetzes – abzulösen drohte, womit die Grenze zwischen »schäbig, aber gerade noch akzeptabel« zu »vollkommen inakzeptabel und unhygienisch und außerdem gefährlich« überschritten war. Sie konnten die Renovierung unmöglich noch länger hinauszögern, obwohl sie – selbst wenn sie auf unnötigen Luxus und ästhetischen Schnickschnack verzichteten – vierzigtausend Dollar kosten würde. Die sie nicht hatten.
Um zu verhindern, dass die Holzplatte vollends von den Schränken rutschte, hatte Dexter sie behelfsmäßig mit ein paar Schraubzwingen befestigt. Das war vor zwei Monaten gewesen. Seitdem war ein Weinglas zu Bruch gegangen, weil Katherine an ihnen hängen geblieben war, und eine Woche später war sie beim Schälen einer Mango dagegengestoßen, worauf ihr das Messer aus der Hand gerutscht war und sie sich die Handfläche aufgeschlitzt hatte. Es hatte so heftig geblutet, dass sie sowohl die Mango als auch das Schneidbrett vollgetropft hatte. Sie hatte am Spülbecken gestanden und ein Geschirrtuch auf die Wunde gepresst, während das Blut auf die zerschlissene Fußmatte getropft war, durch die Baumwollfasern, genauso wie damals, an diesem Tag im Waldorf, als sie den Blick hätte abwenden sollen, es aber nicht getan hatte.
»Und was ist ein Großherzog?«, fragte sie und wischte sich die Zwiebeltränen ab.
»Der Mann, der ein Großherzogtum regiert.«
»Das erfindest du doch nur.«
»Tu ich nicht.« Der Anflug eines Lächelns lag auf Dexters Gesicht, als wolle er sie tatsächlich hochnehmen. Aber nein, dafür war das Lächeln zu winzig. Nein, dieses Lächeln setzte er nur auf, wenn er so tun wollte, als nehme er sie hoch, während er es in Wahrheit todernst meinte.
»Also gut«, sagte sie. »Ich schlucke den Köder. Weshalb sollten wir nach Luxemburg ziehen?«
»Um einen Riesenhaufen Geld zu verdienen und durch Europa reisen zu können, wann immer wir Lust dazu haben.« Und da war es – ein echtes Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reichte. »So wie wir es uns immer erträumt haben.« Er sah sie an. Es war der offene Blick eines Mannes, der keinerlei Geheimnisse hatte und nicht einmal die Möglichkeit in Betracht zog, dass andere so etwas taten. Genau diese Eigenschaft liebte Katherine so sehr an ihm.
»Du wirst also einen Riesenhaufen Geld verdienen? In Luxemburg?«
»Genau.«
»Und wie willst du das anstellen?«
»Dort herrscht ein eklatanter Mangel an attraktiven Männern. Die bezahlen mir ein Heidengeld dafür, dass ich einfach nur atemberaubend gut und supersexy aussehe.«
Das war ein Witz. Ihr Running Gag seit über zehn Jahren – Dexter war weder auffallend attraktiv noch besonders sexy. Er war eher der klassische Computerfreak, schlaksig und ungelenk. Nicht dass er unattraktiv gewesen wäre – er hatte klare Gesichtszüge, ein spitzes Kinn, haselnussbraune Augen und einen dichten Schopf unscheinbar sandfarbener Haare. Mit einem anständigen Haarschnitt, ein bisschen Nachhilfeunterricht in Sachen Auftreten und möglicherweise einer Psychotherapie hätte er sogar richtig ansehnlich wirken können. Doch er verströmte Ernsthaftigkeit und Intelligenz, nicht Körperlichkeit oder Sexualität.
Genau deshalb hatte Katherine sich am Anfang zu ihm hingezogen gefühlt: Er war ein Mann ohne jede Ironie, ohne Hinterlist, ohne aufgesetzte Coolness und gelangweiltes Getue, ohne einstudierte Gesten. Dexter war offen, zuverlässig und nett, ein Mann ohne Geheimnisse und so ganz anders als die Männer aus ihrer Branche, in der Manipulation, Skrupellosigkeit und Egoismus regierten. Dexter war ihr persönliches Gegengift gegen diese Welt.
Er hatte sich längst mit seiner Unscheinbarkeit und seiner nicht vorhandenen Coolness abgefunden und betonte sie sogar noch: Brille mit Kunststoffgestell, altmodische, scheinbar wahllos aus dem Schrank gepflückte Kleidung und wild abstehendes Haar, als sei er gerade erst aufgestanden. Und er riss ständig Witze über sein Äußeres. » Ich werde einfach auf öffentlichen Plätzen herumstehen«, fuhr er fort. »Na ja, wenn ich müde werde, setze ich mich vielleicht auch mal hin.« Er lachte über seinen eigenen Witz. »Luxemburg ist die Hauptstadt der Privatbanken.«
»Und?«
»Und eine dieser Privatbanken hat mir soeben einen lukrativen Job angeboten.«
»Wie lukrativ?«
»Dreihunderttausend Euro pro Jahr. Das ist beim derzeitigen Wechselkurs fast eine halbe Million Dollar. Plus Spesen. Plus Boni. Alles in allem könnte fast eine Dreiviertelmillion im Jahr herausspringen.«
Das war eine Menge Geld. Sie hatte nicht gedacht, dass Dexter jemals so viel verdienen würde. Obwohl er zur ersten Generation der Internetexperten gehörte, hatte er weder den Ehrgeiz noch das visionäre Denken an den Tag gelegt, das man brauchte, um wirklich reich zu werden. Die meiste Zeit hockte er vor seinem Computer, während seine Freunde und Kollegen Kapital beschafften, Risiken eingingen, pleite oder mit ihren Firmen an die Börse gingen und am Ende mit dem Privatjet durch die Welt flogen. Aber Dexter nicht.
»Und noch dazu«, fuhr er fort und breitete die Arme aus, um zu demonstrieren, was für einen Volltreffer er gelandet hatte, »werde ich nicht mal besonders viel arbeiten müssen.« Früher waren sie beide mal sehr ehrgeizig gewesen, aber nach zehn Jahren Beziehung, von denen sie fünf als Eltern verbracht hatten, war Dexters Ehrgeiz auf das Minimum geschrumpft. Eigentlich bezog er sich vor allem darauf, weniger zu arbeiten.
Das hatte sie zumindest geglaubt. Doch nun wollte er dabei offenbar auch noch reich werden. In Europa.
»Woher willst du das wissen?«
»Ich bin mit dem Ausmaß und der Komplexität des Projekts und den Transaktionstypen, die denen vorschweben, bestens vertraut. Ihre Sicherheitsanforderungen sind bei Weitem nicht so aufwendig wie die, mit denen ich im Moment zu tun habe. Außerdem reden wir hier von Europäern. Jedes Kind weiß, dass die Europäer nicht so hart arbeiten.«
Dexter hatte zwar keine Reichtümer angehäuft, doch er verdiente ganz anständig. Und Katherine hatte sich Stufe um Stufe auf der Gehaltsleiter nach oben gearbeitet. Zusammen hatten sie es im letzten Jahr immerhin auf eine Viertelmillion Dollar gebracht. Aber mit den Hypothekenzahlungen, zwei Autos, den endlosen und kostspieligen Reparaturen an ihrem alten Häuschen am Rande von Columbia Heights und den Kosten für die Privatschule – die Innenstadt von Washington war definitiv kein Ort, wo man als Angehöriger der weißen Mittelschicht seine Kinder in eine öffentliche Schule schickte – schienen sie nie flüssig zu sein. Es war gewissermaßen, als trügen sie goldene Handschellen. Nein, falsch, ihre waren nicht aus Gold, sondern bestenfalls aus Bronze oder sogar aus Blech. Und ihre Küche zerfiel in ihre Bestandteile.
»Das heißt, wir werden richtig Kohle haben«, sagte Katherine. »Wir werden reisen, und du kannst Zeit mit mir und den Jungs verbringen? Oder wirst du ständig weg sein?«
Während der letzten zwei Monate war Dexter so gut wie nie zu Hause gewesen und hatte so gut wie nichts vom Familienleben mitbekommen. Deshalb waren Dienstreisen ein wunder Punkt. Gerade war er von einer mehrtägigen Reise nach Spanien zurückgekehrt, einem spontanen Trip, der sie gezwungen hatte, all ihre privaten Termine über den Haufen zu werfen. Ihr Sozialleben beschränkte sich ohnehin auf ein Minimum, deshalb war sie alles andere als begeistert gewesen, absagen zu müssen.
Früher waren es mal Katherines Geschäftsreisen gewesen, die für hitzige Diskussionen gesorgt hatten. Doch kurz nach Jakes Geburt hatte sie ihre Arbeitszeit drastisch reduziert, und seitdem verzichtete sie fast gänzlich auf Reisen. Trotzdem schaffte sie es nur selten, vor sieben Uhr abends zu Hause zu sein. Zeit für ihre Kinder hatte sie fast nur an den Wochenenden, zwischen Familieneinkäufen, Putzaktionen und Gläserzerschlagen und allem, was sonst noch so anstand.
»Nicht oft«, sagte er vage. Sein Versuch, ihr auszuweichen, entging ihr nicht.
»Und wohin?«
»London. Zürich. Vielleicht in den Balkan. Aber nicht öfter als einmal pro Monat. Oder zweimal.«
»In den Balkan?«
»Sarajevo. Oder Belgrad.«
Katherine wusste, dass Serbien zu den letzten Ländern auf dieser Welt gehörte, die Dexter gern besuchen wollte.
»Die Bank hat dort Beteiligungen«, erklärte er mit einem angedeuteten Schulterzucken. »Jedenfalls ist Reisetätigkeit kein wesentlicher Faktor bei diesem Job. Dafür gibt’s einen Wohnsitz in Europa.«
»Gefällt dir Luxemburg überhaupt?«, hakte sie nach.
»Ich war ja bisher nur ein paarmal dort.«
»Immerhin. Ich wusste nicht mal, auf welchem Kontinent es liegt.« Kaum hatte Katherine die Lüge ausgesprochen, war ihr klar, dass sie sie nun würde durchziehen müssen. Das war das A und O beim Lügen. Und bei ihrem Ehemann war es geradezu verstörend leicht.
»Ich weiß, dass es ein reiches Land ist«, antwortete Dexter. »Das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Welt, in manchen Jahren.«
»Das ist unmöglich«, widersprach sie, obwohl sie nur zu genau wusste, dass er recht hatte. »Das muss einer der ölexportierenden Staaten haben. Die Emirate oder Katar oder Kuwait oder so. Aber kein Land, von dem ich vor fünf Minuten noch dachte, es sei ein Teil von Deutschland.«
Er zuckte die Achseln.
»Okay. Was weißt du sonst noch darüber?«
»Es ist … äh … sehr klein.«
»Wie klein?«
»Etwa eine halbe Million Einwohner und ungefähr so groß wie Rhode Island. Obwohl … Rhode Island könnte sogar etwas größer sein.«

Chris Pavone

Über Chris Pavone

Biografie

Chris Pavone arbeitete im Lektorat bei Doubleday, Crown, Artisan und Clarkson Potter. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Luxemburg lebt Chris Pavone heute mit Familie und Hund in New York City. Das Debüt »Die Frau, die niemand kannte« erntete in den USA begeisterte Stimmen von Presse und...

Pressestimmen

Mannheimer Morgen

»Dem Leser eröffnet sich ein kompliziert gesponnenes Komplott. Ein flotter, über weite Strecken spannender Debütroman.«

Schweizer Familie

»Der Thriller ist gleichzeitig auch Reiseführer und macht Lust, die Schauplätze Luxemburg und Paris selbst zu besuchen - natürlich ohne Beschattung und Bedrohung.«

Kölner Stadt-Anzeiger

»Diese Lektüre macht Spaß.«

Super Illu

»Wendungsreicher Thriller.«

Die Welt

»Viel atemlose Spannung.«

Heilbronner Stimme

»Ein Thriller in atemberaubendem Tempo. Der intelligent komponierte Roman ist fesselnd bis zur letzten Seite. Ein Thriller, den man ein zweites Mal lesen möchte, um jedes Puzzleteil noch einmal genauer zusammensetzen zu können.«

Rosamund Lupton

»Platz für Kate Moore – Mutter, Ehefrau, Exilantin und viel mehr, als sie zu sein vorgibt. Sie ist phänomenal.«

Olen Steinhauer

»Ein der bestgeschriebenen Spionage-Thriller, die ich je gelesen habe.«

Christopher Reich

»Jede Minute spannend … definitiv ein Gewinner!«

Patricia Cornwell

»Rasend spannend. Und diese Heldin werden Sie so schnell nicht vergessen!«

Kirkus Reviews (Starred Review)

»Ein beeindruckender Thriller mit vielen unerwarteten Wendungen, der den Leser bis zum Ende mitfiebern lässt.«

Booklist

»Die Kombination von Täuschung in der Ehe und Spionage ist brillant.«

John Grisham

»Intelligente Spannung – ein absolutes Lesevergnügen«

Publishers Weekly

»Ein psychologisch komplexer Thriller – ein gewaltiges Leseerlebnis.«

John Connolly

»Fesselnd. Eines der gelungensten Debüts der letzten Jahre.«

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