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Die FormelDie Formel

Die Formel

Thriller

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Die Formel — Inhalt

Als der Wissenschaftler Lyle Fontanelle im Auftrag der Kosmetikfirma NewYew die neue Hautcreme ReBirth entwickelt, ahnt er nicht, was für eine Katastrophe er damit auslöst. Erst als Testpersonen merkwürdige Symptome aufweisen, erkennt er, dass etwas gehörig schiefgelaufen ist: Denn statt Hautzellen nachhaltig zu regenerieren, überschreibt ReBirth die DNA der Nutzer – und macht sie zu Klonen anderer Personen. Geblendet von Gier, bringt NewYew das Produkt dennoch auf den Markt und kann die verheerenden weltweiten Konsequenzen nicht mehr aufhalten. Denn jeder will ReBirth für seine Zwecke nutzen. Nicht zuletzt könnte die Creme als gefährliche Waffe missbraucht werden ...

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 02.05.2018
Übersetzt von: Jürgen Langowski
528 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70469-4
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 03.04.2018
Übersetzt von: Jürgen Langowski
528 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99078-3

Leseprobe zu »Die Formel«

Vorwort


Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckte man in verdorbenem Fleisch ein extrem wirkungsvolles bakterielles Nervengift, das man Botulinumtoxin nannte, was man mit Würstchengift übersetzen könnte. Die Giftaufnahme verursacht einen Zustand, den man als Botulismus bezeichnet. Das Gift zerstört die Fähigkeit des Nervensystems, mit den Muskeln – Herz und Atemmuskulatur eingeschlossen – zu kommunizieren, bis sie völlig unbeweglich werden. Neunzig Nanogramm können einen neunzig Kilogramm schweren Erwachsenen binnen weniger Minuten töten. Es ist das [...]

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Vorwort


Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckte man in verdorbenem Fleisch ein extrem wirkungsvolles bakterielles Nervengift, das man Botulinumtoxin nannte, was man mit Würstchengift übersetzen könnte. Die Giftaufnahme verursacht einen Zustand, den man als Botulismus bezeichnet. Das Gift zerstört die Fähigkeit des Nervensystems, mit den Muskeln – Herz und Atemmuskulatur eingeschlossen – zu kommunizieren, bis sie völlig unbeweglich werden. Neunzig Nanogramm können einen neunzig Kilogramm schweren Erwachsenen binnen weniger Minuten töten. Es ist das gefährlichste den Menschen bekannte Gift. 2014 ließen sich fast fünf Millionen schönheitsbewusster Kunden dieses Gift freiwillig ins Gesicht spritzen.
Den Menschen missfällt ihr Aussehen. In den USA möchten mehr als zwei Drittel der Frauen abnehmen. Mehr als die Hälfte der weiblichen amerikanischen Jugendlichen leidet an eindeutig diagnostizierten Essstörungen. Die ersten Symptome treten bereits im Kindergarten auf. Jährlich werden weltweit Umsätze von mehr als 426 Milliarden Dollar mit Schönheitsprodukten und kosmetischer Chirurgie erzielt, und die Zuwachsrate liegt bei fast einhundert Prozent pro Jahr. Männer lassen sich an manchen Körperstellen Haare implantieren, an anderen mit dem Laser entfernen. Frauen lassen sich die Brüste vergrößern oder verkleinern, Fett wird aus dem Bauch abgesaugt, Kollagen wird in Lippen und Augenlider gespritzt, Falten werden maskiert, aufgefüllt, gestrafft und mit Giftstoffen behandelt.
In dieser Kultur, in der wir alles sein können, was wir wollen, scheint eines gewiss:
Niemand möchte der sein, der er ist.

 

 

 

Erster Teil
NewYew

 

 

 

Kapitel 1

 

Donnerstag, 22. März
9:01 Uhr
Hauptsitz von NewYew, Manhattan
267 Tage bis zum Weltuntergang

 

»Die Eibe ist ein majestätischer Baum«, verkündete Carl Montgomery. Das Sprechen strengte ihn an, er hielt inne und nahm einen gedehnten, tiefen Atemzug aus dem Sauerstofftank. »Yggdrasil war eine Eibe«, fuhr er fort. »Der Weltenbaum, der alles stützt.«
Sie hatten sich in einem luxuriösen Konferenzsaal versammelt: Carl, der CEO von NewYew Inc., und alle leitenden Mitarbeiter. Lyle Fontanelle, der Chefwissenschaftler, staunte immer wieder über die protzige Ausstattung dieses Gebäudeflügels. Die Büros waren in der Anfangszeit der Firma gebaut und eingerichtet worden. Damals blühten die Geschäfte, und die Bestellungen rissen nicht ab. »Die Leute bringen sich fast um, damit sie uns ihr Geld geben dürfen«, hatte Carl damals immer gesagt. Genau genommen traf das sogar zu, denn das einzige Produkt der Firma war Paclitaxel gewesen, ein Mittel für die Chemotherapie, und die Kunden waren ausschließlich Krebspatienten gewesen. Das galt für die Zeit, bevor Lyle eingestellt worden war. Carl hatte ihm oft erklärt, das Geheimnis des Erfolgs liege in der Fähigkeit, Krebs zu behandeln, ohne ihn zu heilen. »Verkauf ein Heilmittel, und du zerstörst dir selbst den Markt. Verkauf ein Mittel zur Behandlung, und du hast einen Kunden auf Lebenszeit.« Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass das Leben der Patienten tatsächlich von seinem Mittel abhing, konnte Carls Philosophie nur bemerkenswert zutreffend genannt werden.
Lyle sagte sich, dass er damals sicher nicht für NewYew gearbeitet hätte. Nicht einmal die Aussicht auf sagenhaften Reichtum hätte ihn zum Verrat seiner Prinzipien verleiten können. Schließlich war er kein Söldner, sondern Wissenschaftler.
Als die Forschung um 1990 eine Methode zur Synthetisierung von Paclitaxel fand und das Mittel nicht mehr mühsam aus der Pazifischen Eibe gewinnen musste, riss die Glückssträhne der Firma ab. Ein einfacher, für jeden Konkurrenten nachvollziehbarer Produktionsprozess hatte zur Folge, dass nun auch viele andere Unternehmen das Mittel herstellen konnten. Aufgrund einer Vielzahl von Produzenten stieg die Verfügbarkeit, und die Preise sanken. Guter Zugang und niedrige Preise bedeuteten, dass immer mehr Patienten die Substanz nutzen konnten. Die Patienten waren glücklich, die Ärzte waren glücklich, und sogar die Umweltschützer freuten sich, weil die Pazifische Eibe nicht mehr gefährdet war.
Nur Carl Montgomery war überhaupt nicht glücklich.
Nach dem Verlust des lukrativen Monopols erlitt NewYew erhebliche finanzielle Einbußen und war gezwungen, sich neu auszurichten. Da man die nötige Ausrüstung und die Infrastruktur besaß, um Chemikalien für Menschen herzustellen, verlegte man sich von der Chemotherapie auf die Kosmetik. Die Firma warb Lyle, einen erfolgreichen Chemiker, von Avon ab und machte sich an die Arbeit. Soweit es Carl betraf, bestand der einzige spürbare Unterschied darin, dass in den Firmenräumen nun die Fotos von Supermodels statt von kahlköpfigen kleinen Kindern hingen. Wenn überhaupt, dann wirkten die Büroräume tatsächlich attraktiver als früher.
Wie bei den meisten Evolutionen schleppte das Unternehmen auch in diesem Fall einige Wurmfortsätze aus der Vergangenheit mit sich herum – Überbleibsel der alten Inkarnation, die keinen Sinn mehr hatten, wie etwa der Name der Firma und der Slogan Die Heilkraft der Eibe™. Carl ging sogar so weit, darauf zu bestehen, die Pazifische Eibe müsse auch in die Kosmetikprodukte Eingang finden. Die Manager sprachen sich allerdings stets dagegen aus. Am Morgen des 22. März verdrehte Lyle Fontanelle nicht zum ersten Mal die Augen und bereitete sich innerlich darauf vor, abermals die alten Argumente vorbringen zu müssen.
»Yggdrasil war eine Esche«, wandte er ein. »Ich habe es nachgeschlagen.«
»Und bei einer Handcreme können wir Eibe nicht gebrauchen«, ergänzte der Firmenanwalt Sunny Frye. In Wirklichkeit hieß er Sun-He und kam aus Korea. Lyle arbeitete schon so lange mit Make-up, dass er mit geradezu unheimlicher Treffsicherheit sagen konnte, woher jemand kam. »Die Eibe hat absolut nicht die Fähigkeit, die Haut zu befeuchten oder Alterungsprozessen entgegenzuwirken«, fuhr Sunny geduldig fort. »Das sind wir doch schon einmal durchgegangen. Der Baum trägt nichts zu dem Produkt bei.«
»Dann benutzen Sie eben nicht viel davon«, verlangte Carl, der völlig reglos auf dem Stuhl saß. Es war ein wuchtiger Chefsessel aus weichem schwarzem Leder, der vorzüglich zum warmen Mahagoniton des Konferenztischs passte. Carl verließ den bequemen Sessel nur höchst selten. Mit seinen neunundsiebzig Jahren hatte er die Altersgrenze weit überschritten und sollte nach Lyles Ansicht eigentlich nicht länger mit der Firmenleitung betraut sein. Andererseits musste Lyle zugeben, dass die Alternative wahrscheinlich noch schlimmer war. Der Nachfolger für die Position des CEO war der Präsident Jeffrey Montgomery. Er war Carls Sohn und ebenso verschroben wie unnütz.
»Wir müssen nicht viel Eibe einsetzen«, sagte Carl ohne sichtbare äußere Bewegung. »Nur gerade so viel, dass man es aufs Etikett schreiben kann.«
Die anwesenden Manager seufzten so leise und so höflich wie möglich. Es waren vier (Jeffrey zählte nicht, er saß in der Ecke und spielte auf dem Handy): die Vizepräsidentin für Finanzen, der Vizepräsident für Marketing, der Syndikus und natürlich der Chefwissenschaftler. Lyle träumte schon lange davon, seine Visitenkarten zu ändern und sich als Wissenschaftsoffizier zu bezeichnen, schreckte aber seit mehr als zehn Jahren vor der tatsächlichen Umsetzung zurück. Er war sich selbst nicht sicher, was er beängstigender fand – dass man ihn wegen der Anspielung auf Star Trek auslachen könnte oder dass es niemanden ernsthaft interessierte, was auf seinen Visitenkarten stand.
Carl sprach weiter und wedelte schwach mit einer runzeligen Hand, um seine Worte zu unterstreichen. »Die Eibe ist ein wundervoller Baum, den unsere Kunden mit Gesundheit in Verbindung bringen. Wir haben fünfunddreißig Jahre lang mit der Eibe Krebs bekämpft. Lässt sich das nicht irgendwie zu unserem Vorteil einsetzen?«
»In der Tat wäre das eine brillante Marketingstrategie.« Eifrig beugte sich Kerry White vor. Er war erst vor wenigen Monaten als Vizepräsident für Marketing eingestellt worden, und deshalb war ihm dieser Streit noch relativ neu. »Man stelle sich nur die Werbung vor: Die Firma, die Ihnen das Leben gerettet hat, rettet Ihnen jetzt die Haut.«
»Diese Kampagne haben wir schon vor vier Jahren gefahren«, wehrte die Vizepräsidentin für Finanzen ab. Sie war eine klapperdürre Frau namens Cynthia Mummer. »Es hat nicht funktioniert.«
»Es hat nicht funktioniert, weil wir keine Eibe in den Produkten hatten«, beharrte Carl.
»Nun gut«, schaltete sich Lyle ein. »Könnten wir …« Er wollte seine neueste Idee vorstellen, wusste aber nicht so recht, wie er anknüpfen sollte. »Können wir ein Wortspiel daraus machen?«
»Ein Wortspiel?«, fragte Kerry. »Ist das Ihr Beitrag?«
»Der ganze Firmenname ist bereits ein Wortspiel«, warf Cynthia ein.
»Ich meinte ein Wortspiel vor dem Hintergrund dessen, was Carl gerade gesagt hat«, fuhr Lyle fort. »Wir reichern die Produkte mit Eibe an. Das Wort yew spricht man genauso aus wie you und …«
»Wir wissen, was ein Wortspiel ist«, erwiderte Cynthia. »Lassen Sie es ihn doch erklären!«, verlangte Sunny. Lyle war zugleich dankbar und empört. Er brauchte bei jeder dieser Sitzungen Sunnys Unterstützung, und das gefiel ihm ganz und gar nicht. Warum konnte er nicht für sich selbst sprechen?
»Ich habe verschiedene biomimetische Technologien untersucht«, erklärte Lyle. »Es gibt da etwas, das ich …«
»Was ist Biomimetik?«, fragte Kerry.
»Eine Methode, die biologische Vorgänge nachahmen kann«, erläuterte Lyle. »Ein intelligentes Produkt, das sich dem Körper anpasst.«
Cynthia nickte. »In der Hautpflegelinie für Jugendliche haben wir biomimetische Lipide. Diese Produkte zählen zu den bestverkäuflichen.«
»Richtig«, bestätigte Kerry. »Meine Frau liebt diese Lotion.«
»Benutzt Ihre Frau tatsächlich Pflegeprodukte für Jugendliche?«, fragte Cynthia.
»Was ist herausgekommen, als Sie biomimetische Stoffe erforscht haben?«, grollte Carl. »Wir bezahlen Sie nicht dafür, dass Sie den ganzen Tag untätig auf dem Hintern sitzen. Dazu haben wir schon Jeffrey. Sie werden hier für Forschung und Entwicklung bezahlt. Also – haben Sie irgendetwas entwickelt?«
»Ja, ich habe tatsächlich etwas, und das würde ich Ihnen gern zeigen«, antwortete Lyle. Er legte die Aktentasche auf den Tisch. »Es ist die Creme gegen Verbrennungen, über die wir schon gesprochen haben. Die Lotion erweist sich … äh … als recht vielversprechend im Bereich des Anti-Aging. Marktreif ist sie zwar noch nicht, aber die ersten Resultate sind ermutigend. Für die weitere Erforschung möchte ich mehr Mittel zur Verfügung stellen.«
»Wozu brauchen wir eine Creme gegen Verbrennungen?«, fragte Cynthia mit eisiger Stimme. Als CFO hatte ihre Einschätzung im Hinblick auf die Mittelvergabe das größte Gewicht. Lyle schluckte nervös und öffnete die Aktentasche.
»Eigentlich ist es gar keine Verbrennungscreme.« Er zog eine Mappe und einen Stapel Hochglanzfotos heraus. »Die Technologie stammt von einer Verbrennungscreme und beruht auf medizinischen Forschungen, die vor einigen Jahren veröffentlicht wurden. Wie ich schon sagte, bieten sich uns hier einige recht erfreuliche Möglichkeiten für die Verwendung in der Kosmetik und besonders im Bereich des Anti-Aging. Die Schlüsselkomponenten sind Plasmide.«
»Oh!«, rief Jeffrey. »Genau wie in dem Spiel!«
»Nein«, antwortete Lyle. »Plasmide kommen in Bakterien vor.«
»Wollen Sie Bakterien in eine Handcreme stecken?«, fragte Kerry. »Ich weiß, dass es so etwas wie schlechte Publicity eigentlich nicht gibt, aber das geht doch wohl zu weit.«
»Es sind gar keine Bakterien«, widersprach Lyle, während er im Ordner blätterte. »Die Plasmide stammen aus Bakterien, aber sie werden entnommen und gewissermaßen getrennt verkauft.« Er fand ein fotokopiertes Blatt im Ordner und hielt es hoch. Zwei körnige Schwarz-Weiß-Bilder zeigten eine Struktur, die möglicherweise Haut sein sollte. »Das stammt aus einem Test der Universität Boston. Mithilfe der Plasmide hat man dort verbrannte Haut neu aufgebaut. Die Plasmide dringen in die Zellen ein und beschleunigen die Kollagenproduktion. Dadurch heilt die Haut besser und sauberer ab.«
»Warten Sie mal!«, rief Kerry aufgeregt. »Ist das so ähnlich wie ein Kollagenzusatz in einer Hautcreme? Das könnten wir sehr gut vermarkten.«
»Warum arbeiten Sie dann an einer Lotion statt an einem Lippenstift?«, fragte Carl. »Kann man das auch mit einem Lippenstift machen?«
»Die meisten Lippenstifte erwecken nur den Eindruck von volleren Lippen«, erklärte Kerry. »Mit dieser Methode würden die Lippen tatsächlich aufgefüllt. Ich stelle mir jetzt schon vor, wie man …«
»Moment!«, unterbrach Lyle. »Das ist nicht … So funktioniert es nicht. Ich meine, die Rede ist hier nicht von magischer plastischer Lippenchirurgie oder etwas Ähnlichem.«
»Worüber reden wir dann?«, fragte Sunny.
»Die Plasmide können nichts vergrößern«, erläuterte Lyle. »Sie haben aber das Potenzial für eine recht erstaunliche Antifaltencreme.«
»Anti-Aging ist ein Riesengeschäft«, bestätigte Cynthia. »Die geburtenstarken Jahrgänge sind inzwischen so betagt, dass allmählich schon deren Kinder alt werden. Ein Antifaltenmittel verspricht gute Umsätze.«
»Es ist ein sehr kluges Verfahren«, fuhr Lyle fort. Er war dankbar, dass ihm alle endlich die volle Aufmerksamkeit schenkten. »Die Haut besteht in erster Linie aus Kollagen und anderen Proteinen, und wenn man älter wird, fährt der Körper die Produktion zurück. Dadurch wird die Haut schlaff und bekommt Runzeln. Die Plasmide helfen bei der Heilung von Verbrennungen, indem sie mehr Kollagen produzieren. Genauer gesagt verleiten sie die Zellen zur Überproduktion. Wenn man die Lotion auf gesunde Haut aufträgt, entsteht dort zusätzliches Kollagen, das Falten und Runzeln auffüllt. Augenblick! Ich glaube, ich habe ein paar Fotos von Testläufen …« Er blätterte in seinem Ordner. »Alle anderen Anti-Aging-Produkte auf dem Markt – Botox und wirklich alles andere – überdecken nur das Problem, verlagern oder verbergen es. Aber eine Lotion, die unmittelbar die Hautzellen stimuliert, damit sie mehr Kollagen produzieren, löst das Problem an der Wurzel. Die Falten werden nicht versteckt, sondern tatsächlich beseitigt.«
»Rejuvagen!«, rief Kerry. »Das erste Hautpflegeprodukt, das den Alterungsprozess tatsächlich umkehrt. Exklusiv von NewYew.«
»Nicht übel.« Mit zitterndem Finger deutete Carl auf Kerry.
»Danke«, murmelte Lyle unsicher. Er fand das Foto, das er gesucht hatte, und legte es auf den Tisch. »Dies ist eine unserer ersten Testpersonen. Wir haben die Heilfähigkeit bei einer kleinen Abschürfung auf der Wange überprüft. Aber das ganze Gesicht ist gut zu erkennen.«
»Warten Sie mal!«, bremste Sunny. »Sie sagten, es dringt in die Zellen ein. Was genau meinen Sie damit?«
»Nun ja, es ist ein Plasmid«, erklärte Lyle. »Also …«
Carl fiel ihm ins Wort. »Es ist mir egal, wie es funktioniert. Mir ist wichtig, wie es sich ökonomisch und juristisch schützen lässt. Sie sagen, es beruht auf einer Universitätsstudie. Sind die Forschungen gemeinfrei?«
»Die Untersuchung an der Universität war eine Machbarkeitsstudie«, antwortete Lyle. »Die Technologie ist öffentlich bekannt, und die Plasmide sind leicht erhältlich. Diese hier habe ich von einem Laborausstatter direkt ab Lager bestellt.«
»Wie invasiv ist das denn?«, wollte Sunny wissen. »Wenn es direkt auf die Zellen Einfluss nimmt, brauchen wir wahrscheinlich eine Genehmigung der FDA, und das kann Jahre dauern. Wenn wir es Ihrer Überzeugung nach wirklich nutzen können, muss ein Teil des Budgets dafür aufgewendet werden.«
»Die Gesundheitsbehörde wird es niemals genehmigen«, warf Cynthia mit ernster Miene ein. Sie nahm die fotokopierte Seite und deutete auf den verschwommenen Text. »Was Lyle zu erwähnen vergaß – hier handelt es sich um eine Gentherapie.«
»Gentherapie?«, echote Carl.
Sunny lachte. »Die FDA hat noch nie frei verkäufliche Produkte genehmigt, die auf Gentherapie beruhen. Warum haben Sie nicht gleich gesagt, dass es hier um Gentherapie geht?«
»Ich sagte, es seien Plasmide«, antwortete Lyle und sah sich um. »Worüber haben wir denn sonst geredet?«
»In diesem Raum weiß niemand, was Plasmide sind«, erwiderte Kerry.
»Ich habe es doch gleich gesagt«, erklärte Jeffrey. »Sie kommen auch in dem Spiel vor.«
Lyle überhörte den Einwurf. »Ein Plasmid ist ein DNA-Ring. Plasmide sind ein sehr kleines und sehr effizientes Werkzeug, um genetische Informationen zu übertragen. Die Sorte, die ich benutze, bindet sich an die DNA und löst die Erzeugung von HSP47 aus, einem Protein, das …«
»Das ist Gentechnik.« Sunny schüttelte den Kopf. »Unvorstellbar, dass die FDA so etwas genehmigt.«
»Aber es ist wirklich keine sonderlich ausgefallene Technologie«, wehrte sich Lyle. »Wie gesagt, ich habe die Plasmide als Laborbedarf einfach eingekauft. Man bekommt sie überall.«
»Überall im Labor«, widersprach Sunny. »Aber nicht in Konsumgütern. Das ist ein großer Unterschied.«
»Zeigen Sie mir Ihre Testergebnisse!«, verlangte Cynthia, während sie die Fotos betrachtete. Lyle schob den Ordner über den Tisch zu ihr hinüber. Sunny schüttelte jedoch den Kopf.
»Die Tests spielen keine Rolle«, erklärte er. »Es könnte das wirkungsvollste Anti-Aging-Produkt auf der Welt sein, und wir dürften es trotzdem nicht verkaufen.«
»Aber das ist es ja tatsächlich.« Cynthia hatte die Akte studiert und lächelte. Nach Lyles Ansicht sah es allerdings aus wie das Grinsen eines Raubtiers. »Das wirkungsvollste Anti-Aging-Produkt der Welt. Sehen Sie sich die Randnotizen an! Reduktion der tiefen Falten um sechsundsiebzig Prozent, völlige Entfernung kleinerer Falten. Das endgültige Ergebnis nach zwei Wochen, sichtbare Resultate nach wenigen Tagen.« Sie wandte sich an Carl. »Eine Goldmine!«
»Eine Goldmine, die wir nicht anrühren dürfen«, beharrte Sunny. »Oder frühestens, nachdem die FDA das Mittel zehn Jahre lang getestet hat. Ehrlich, Lyle, nicht einmal wir hätten es ohne gute juristische Absicherung testen dürfen.«
»Die Testpersonen haben alle die Freistellungserklärung unterschrieben, und ich habe die Dokumente an Sie weitergeleitet«, widersprach Lyle.
»Sie haben aber nicht erwähnt, dass es sich dabei um Gentechnik handelt«, wandte Sunny ein. »Wenn da nun etwas schiefgeht?«
»Immer mit der Ruhe!« Carl beugte sich vor. Die anderen hielten sofort inne und sahen ihn an. Wenn Carl sich vorbeugte, hatte er etwas Wichtiges zu sagen. »Wenn diese Lotion so gut ist, wie Cynthia behauptet, welche Möglichkeiten haben wir dann?«
»Mit einer Gentherapie?«, antwortete Sunny. »Überhaupt keine. Zehn Jahre auf die Genehmigung der FDA warten oder das Rezept einstampfen und noch mal von vorn anfangen.«
»Wie genau haben Sie sich das Bild angesehen?« Cynthia schob das Foto mitten auf den Tisch. Die anderen beugten sich vor und betrachteten es.
»Hübsch«, meinte Kerry. »Ist das ein Produkt für Jugendliche?«
»Das ist eine dreiundvierzigjährige Frau nach nur drei Wochen Behandlung«, erklärte Cynthia. »Sie hat ein Gesicht, auf das jeder Pädophile abfährt.«
Es wurde still. Carl starrte auf das Foto. »Lyle«, fragte er schließlich langsam, »sind diese Resultate typisch?«
Lyle konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Die Frau auf dem Foto hatte schon vorher ein recht jugendliches Gesicht. Was wir sehen, liegt nicht allein an unserer Hautcreme. Aber ja, im Allgemeinen ist die Reduktion von Falten in diesem Ausmaß typisch für die Testpersonen. Einige haben anschließend noch einmal angerufen und gefragt, ob sie noch mehr bekommen könnten. Das Produkt hat das Potenzial, ein Verkaufsschlager zu werden, wie wir ihn seit … nun ja, seit Paclitaxel nicht mehr erlebt haben. Garantiert jeder wird es haben wollen.«
Carl legte die Stirn in tiefe Falten, starrte auf die Tischplatte und dachte nach. Ohne den Kopf zu heben, sprach er schließlich weiter. »Sunny, Sie müssen eine Möglichkeit finden, das Zeug zu verkaufen.«
»Aber …«
»Wenn es Ihnen gelingt, schenke ich Ihnen persönlich eine Karibikinsel«, fuhr Carl fort. »Die bezahle ich mit dem Kleingeld, das mir dieses Produkt unters Sofakissen spült.«
Sunny dachte nach. »Das könnte eine große Sache werden … aber es klappt nur, wenn wir legal vorgehen.«
»Finden Sie eine Möglichkeit!« Carl wandte sich an Kerry. »Ich will einen Namen, ich will Werbespots und Entwürfe für die Flaschen. Das volle Programm.«
»Unbedingt«, stimmte Kerry zu.
»Und Sie«, sagte Carl und wies auf Lyle. »Sie beginnen nächste Woche mit der Produktion.«
»Unmöglich!«
»Nicht in vollem Umfang«, schränkte Carl ein. »Wir haben ja noch nicht mal einen Vorschlag für die Flasche. Aber ich will Probeläufe und Stabilitätstests sehen. Rufen Sie Jerry in der Fabrik an und bereiten Sie alles vor!«
Lyle schnitt eine Grimasse. »In der nächsten Woche ist noch ein Test geplant, aber … ja, wahrscheinlich schaffe ich’s. Zwei Wochen wären allerdings besser.«
Cynthia hob die Brauen. »Sie haben von Lackmus über Ratten bis zu menschlicher Haut alles Mögliche getestet. Was brauchen Sie denn noch?«
»Ich bin noch dabei, die Formel zu verfeinern«, entgegnete Lyle. »Die Frau auf dem Foto wurde mit Reihe 14E behandelt, die neueste ist 14G. Die Anpassungen waren allerdings geringfügig, und es könnte sein, dass ein einziger weiterer Test ausreicht. Den Termin haben wir bereits angesetzt. Die Probanden sind erwachsene Männer zwischen achtzehn und fünfundvierzig.«
»Hautpflege für Männer ist die zweitgrößte Sache«, stimmte Kerry zu.
»Nicht so groß wie das hier«, widersprach Carl. »Lyle, führen Sie die Tests durch! Das Produkt muss für jedes Geschlecht, jedes Alter, jede Hautfarbe, kurzum für alles einsatzfähig sein. Wenn Sie eine Haut haben, sind Sie unser Kunde.« Er faltete die runzeligen Hände und bedachte die Manager mit strengem Blick. »Eine Lotion, die buchstäblich die Haut verjüngt … und dann auch noch so wirkungsvoll. Das wird der gewaltigste Durchbruch in der Kosmetik seit Erfindung der Brustimplantate, gewinnt aber einen größeren Kundenkreis. Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind im Land sollen eine Flasche mit dieser Lotion in Händen halten. Die Frauen sollen darin baden, und die Schulmädchen sollen sich alt fühlen, wenn sie es nicht benutzen. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?«
Die Manager nickten.
»Gut«, schloss Carl. »Dann fangen wir an und verändern die Welt.«

Dan Wells

Über Dan Wells

Biografie

Dan Wells studierte Englisch an der Brigham Young University in Provo, Utah, und war Redakteur beim Science-Fiction-Magazin »The Leading Edge«. Mit »Ich bin kein Serienkiller« erschuf er das kontroverseste und ungewöhnlichste Thrillerdebüt der letzten Jahre. Nach seinen futuristischen Thrillern um...

Pressestimmen

fantasy-news.com

»Nicht zuletzt wegen Dan Wells packender Schreibe wird das zu einem hochgradig süchtig machenden Gemenge. Ich jedenfalls hatte das Buch in kürzester Zeit durch und konnte es gar nicht aus der Hand legen.«

wordpress.mikkaliest.de

»Was für ein originelles, witziges, böses, intelligentes und absolut grandioses Buch.«

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