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Die Flügel, mein Engel, zerreiß ich dirDie Flügel, mein Engel, zerreiß ich dir

Die Flügel, mein Engel, zerreiß ich dir

Thriller

Taschenbuch
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Die Flügel, mein Engel, zerreiß ich dir — Inhalt

Cloé hat es geschafft: In ihrer Werbeagentur steht ihr der Chefposten in Aussicht, die Beziehung mit dem charmanten Bertrand läuft bestens und sie genießt ihr Pariser Leben in vollen Zügen. Doch als sie eines Abends auf dem Nachhauseweg verfolgt wird, setzt sich die Angst in ihrem Leben fest. Wer ist diese schattenhafte Gestalt, die ihr nun immer wieder nachstellt und ihr Leben in seinen Grundfesten zu erschüttern droht? Ihr gewalttätiger Exmann? Ihr Kollege aus der Agentur, der mit ihr um den Chefposten konkurriert? Oder gar Bertrand, der immer gerade dann nicht da ist, wenn der Schatten auftaucht? Oder hat ihr Umfeld recht und sie bildet sich alles nur ein? Ihre letzte Hoffnung ist Hauptkommissar Alexandre Gomez, der sich - wenn auch nicht auf dem Dienstweg - auf die Spur des Schattens macht. Eine Suche, die auch für ihn lebensgefährlich wird...

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 19.10.2015
Übersetzer: Eliane Hagedorn, Bettina Runge
512 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-0979-3
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzer: Eliane Hagedorn, Bettina Runge
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7746-2

Leseprobe zu »Die Flügel, mein Engel, zerreiß ich dir«

PROLOG

Die Straße ist lang. Schmal. Dunkel und feucht.
Mir ist nicht gerade warm in meinem Mantel. Eher kalt. Besonders im Rücken.
Ich beschleunige den Schritt, um schneller zu meinem Auto zu kommen. Und danach gleich ins Bett.
Ich hätte nicht so weit entfernt parken sollen. Nicht so viel trinken, nicht so spät aufbrechen.
Mehr noch, ich hätte erst gar nicht zu dieser Abendgesellschaft gehen sollen. Lauter überflüssige Momente, verschwendete Zeit. Ich hätte den Abend besser mit einem guten Buch verbringen sollen oder mit einem tollen Typen. Meinem Typen. [...]

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PROLOG

Die Straße ist lang. Schmal. Dunkel und feucht.
Mir ist nicht gerade warm in meinem Mantel. Eher kalt. Besonders im Rücken.
Ich beschleunige den Schritt, um schneller zu meinem Auto zu kommen. Und danach gleich ins Bett.
Ich hätte nicht so weit entfernt parken sollen. Nicht so viel trinken, nicht so spät aufbrechen.
Mehr noch, ich hätte erst gar nicht zu dieser Abendgesellschaft gehen sollen. Lauter überflüssige Momente, verschwendete Zeit. Ich hätte den Abend besser mit einem guten Buch verbringen sollen oder mit einem tollen Typen. Meinem Typen.
Jede zweite Straßenlaterne ist kaputt. Es ist finster, es ist spät. Es ist einsam.
Meine Schritte hallen von den schmutzigen Mauern wider. Ich fange richtig an zu frieren. Und ohne zu wissen, warum, bekomme ich Angst. Ein vages, diffuses Gefühl, das sanft meine Kehle umfängt. Wie zwei eiskalte Hände, die sich unbemerkt um meinen Hals legen.
Angst wovor? Die Straße ist menschenleer, und die Mülltonnen werden mich wohl kaum anfallen!
Los, nur noch hundert Meter. Zweihundert, wenn’s hoch kommt. Fast gar nichts …
Plötzlich höre ich Schritte in meinem Rücken. Instinktiv laufe ich schneller und drehe mich kurz um.
Ein Schatten, zwanzig Meter hinter mir. Ein Mann, glaube ich. Keine Zeit festzustellen, ob er groß, klein, dick oder dünn ist.
Nur ein Schatten, quasi aus dem Nichts aufgetaucht. Der mir um zwei Uhr morgens in einer verlassenen Straße folgt.
Nur ein Schatten …
Ich höre mein Herz. Ich spüre es. Komisch, wie deutlich man sein Herz manchmal spüren kann, während man ihm die meiste Zeit nicht die geringste Beachtung schenkt.
Ich beschleunige mein Tempo noch mehr. Er auch. Mein Herz ebenfalls.
Mir ist nicht mehr kalt, ich bin nicht mehr betrunken. Ich bin nicht mehr allein.
Die Angst ist bei mir. In mir. Ganz konkret, jetzt.
Noch ein flüchtiger Blick nach hinten: Die Gestalt hat sich genähert. Es trennen uns nur noch fünf oder sechs Meter. Fast gar nichts.
Jetzt nur nicht in Panik geraten. Es ist bloß ein Typ auf dem Heimweg, genau wie ich.
Ich biege rechts ab und beginne zu rennen. Mitten auf der Straße sehe ich mich um: Er ist verschwunden. Statt erleichtert zu sein, werde ich panisch. Wo ist er?
Wahrscheinlich ist er weiter geradeaus gegangen. Bestimmt hat er sich ins Fäustchen gelacht, als er mich so hat davonlaufen sehen! Ich werde ein wenig langsamer und biege noch einmal rechts ab. Jetzt bin ich fast da!
Endlich habe ich die Rue Poquelin erreicht, suche nach dem Schlüssel in meiner Tasche. Es tut mir gut, ihn in der Hand zu spüren. Ich hebe den Blick, entdecke meinen Wagen, ordnungsgemäß geparkt zwischen den anderen. Ich betätige meinen Funkschlüssel, die Blinklichter leuchten auf.
Nur noch zehn Meter. Nur noch fünf. Nur noch …
Der Schatten springt aus einer Nische hervor. Mein Herz setzt aus und sackt ins Bodenlose.
Schock. Erschütterung.
Er ist riesig. Ganz in Schwarz gekleidet, eine Kapuze über den Kopf gezogen.
Reflexartig weiche ich einen Schritt zurück. Den Mund geöffnet zu einem Schrei, der mir in der Kehle steckenbleibt.
Heute Nacht werde ich in einer dreckigen, gottverlassenen Straße krepieren! Er wird sich auf mich stürzen, mich erstechen oder erschlagen, mich erwürgen, mir den Bauch aufschlitzen. Mich vergewaltigen, mich ermorden.
Ich sehe sein Gesicht nicht. Man könnte meinen, er hätte keins.
Ich höre mein Herz nicht mehr. Man könnte meinen, ich hätte keins.
Ich sehe keine Zukunft mehr für mich. Man könnte meinen …
Noch einen Schritt zurück. Er einen voran.
Mein Gott, ich werde sterben. Nicht jetzt. Nicht heute Nacht. Nicht hier, nicht so …
Wie versteinert fixiere ich diesen Schatten ohne Gesicht. Ich denke an nichts mehr, ich bin nichts mehr.
Seine Augen leuchten im Dunkeln wie die eines Raubtiers. Diese grauenvolle Konfrontation dauert endlos lange Sekunden.
Und plötzlich wendet er sich ab, entfernt sich, verschmilzt langsam mit dem Dunkel und verschwindet.
Meine Beine beginnen zu zittern, der Autoschlüssel entgleitet meinen Fingern. Meine Knie geben nach, ich breche auf dem Bürgersteig zusammen. Zwischen zwei Mülltonnen.
Ich glaube, ich habe mir in die Hose gemacht.

 

***

 

Du führst ein normales, banales, eher beneidenswertes Leben.
Du scheinst es geschafft zu haben, zumindest in beruflicher, vielleicht sogar in persönlicher Hinsicht. Je nachdem, wie man es sieht.
Du hast dich in dieser Welt behauptet, einen Platz darin gefunden.
Und dann, eines Tages …
Eines Tages drehst du dich um und siehst einen Schatten hinter dir.
Nur einen Schatten.
Von diesem Tag an verfolgt er dich. Unablässig.
Bei Tag, bei Nacht, immer ist er da. Beharrlich. Entschlossen. Unerbittlich.
Du siehst ihn nicht wirklich. Du erahnst ihn, du spürst ihn. Ganz dicht hinter dir.
Er streift bisweilen deinen Nacken. Ein schaler, widerlicher Hauch.
Jemand folgt dir auf der Straße, jemand löscht das Licht hinter dir.
Jemand öffnet deine Post, jemand schließt deine Fenster.
Jemand blättert in deinen Büchern, jemand zerknautscht deine Laken, jemand durchstöbert deine Tagebücher.
Jemand beobachtet dich in den intimsten Momenten.
Du beschließt, zur Polizei zu gehen, die überhaupt nichts versteht. Die dir rät, einen Psychiater aufzusuchen.
Du vertraust dich Freunden an, die dich schief ansehen. Die sich schließlich von dir abwenden.
Du machst ihnen Angst.
Du hast Angst.
Er ist immer da. Nur ein Schatten. Ohne Gesicht, ohne Namen. Ohne erklärbaren Grund.
Niemand versteht dich. Niemand kann dir helfen.
Du bist allein.
Oder, besser gesagt, du wärst so gern allein.
Aber der Schatten ist da, immer da. In deinem Rücken, in deinem Leben.
Oder nur in deinem Kopf …?
Du schluckst immer mehr Medikamente. Beruhigungsmittel, um schlafen zu können, Aufputschmittel, um die Tage durchzustehen. Tage, an denen du doch nur an ihn denkst.
Mehr an ihn als an irgendwas anderes.
Dein so perfektes Leben gerät ins Wanken. Zerbröckelt, langsam, aber sicher.
Und der Schatten höhnt in deinem Rücken. Unablässig.
Oder in deinem Kopf …?
Bis du es endlich weißt, wird es zu spät sein.

 

KAPITEL 1

Drei Stunden Schlaf, das ist wenig. Viel zu wenig.
Dennoch muss sie dem barbarischen Befehl des Weckers gehorchen. Duschen, kämmen, schminken, anziehen.
Alles erledigen wie gewöhnlich, auch wenn Cloé ahnt, dass nichts mehr sein wird wie früher.
Dabei gibt es gar keinen Grund. Ein Zwischenfall wie viele andere, ohne Folgen.
Aber warum dann dieses seltsame, unerhörte Gefühl? Diese kleine Stimme, die ihr zuflüstert, dass ihr Leben sich geändert hat? Für immer.

Wenige Kilometer in der morgendlichen Rushhour, bis schließlich das Gebäude auftaucht, ein Koloss unter Kolossen. Schlicht, imposant, unendlich trist.
Ein neuer Tag, der Cloé hoffentlich das nächtliche Grauen vergessen lassen wird. Diese intensive Angst. Die immer noch in ihrem Herzen, ihrem Kopf, ihrem Bauch sitzt.
Der Aufzug, die Flure, die Begrüßungen. Aufrichtiges und gespieltes Lächeln von allen Seiten. Emsiges Treiben erfüllt den Bienenstock, dessen kompromisslose Königin sie vielleicht schon bald sein wird.
Nathalie begrüßen, ihre treue, ergebene Sekretärin. Pardieu begrüßen, den Generaldirektor, der in einem geräumigen Büro, unweit von ihrem, thront. Ihm versichern, dass alles in Ordnung und man bereit ist, einen endlosen, produktiven Tag im Dienst der expandierenden, sie alle ernährenden Agentur in Angriff zu nehmen.
Vortäuschen, man hätte den Termin um sechzehn Uhr nicht vergessen, der so entscheidend für den neuen Großauftrag ist.
Wie hätte ich den vergessen können? Seit Wochen denke ich an nichts anderes mehr, Monsieur!
Verbergen, dass man so gut wie nicht geschlafen hat. Dass man dem Tod ins Auge gesehen und der Termin um sechzehn Uhr nicht die geringste Bedeutung hat.

 

***

 

Cloé öffnet die Tür des italienischen Restaurants und sieht sich nach Carole um. Dies ist ihr Treffpunkt, der Ort, an dem sie beide die Welt auseinandernehmen und sie dann neu zusammensetzen. Wo sie Komplotte schmieden, sich einander anvertrauen, über Gott und die Welt reden und natürlich unentwegt lästern.
»Entschuldige, ich bin spät dran! Pardieu hat mir ausführlich erzählt, dass er sich ein Landhaus im Département Allier gekauft hat … Was interessiert mich das? Soll er doch in seinen Schuppen einziehen und vor allem dort bleiben! Hauptsache, er macht endlich seinen Platz frei!«
Carole muss lachen.
»Hab ein bisschen Geduld, meine Liebe. Du weißt genau, dass der Alte in Kürze in Rente geht. Und dann machst du es dir auf seinem Sessel bequem!«
»Das ist noch gar nicht so sicher«, entgegnet Cloé und ihre Miene verfinstert sich plötzlich. »Schließlich sind wir zwei Leute in Wartestellung.«
»Aber du bist seine Favoritin, das ist doch klar!«
»Martins hat auch Chancen. Er legt sich ordentlich ins Zeug. Dieser Arschkriecher! Wenn er das Rennen macht, bin ich ihm unterstellt, und ich fürchte, das ertrage ich nicht.«
»Dann schaust du dich einfach nach was anderem um«, meint Carole. »Mit deiner Vita dürfte das kein Problem sein.«
Der Kellner nimmt die Bestellung auf und schlängelt sich geschickt zwischen den Tischen hindurch. Cloé trinkt ein Glas Wasser und legt wieder los.
»Ich muss dir was erzählen … Gestern Nacht hatte ich eine Heidenangst. Ich war bei einer meiner Kundinnen eingeladen.«
»War Bertrand dabei?«
»Nein, er hatte was anderes vor.«
»Bist du sicher, dass er kein Doppelleben führt?«, wirft Carole ein. »Er hat allzu oft etwas anderes vor, finde ich.«
»Wir leben nicht zusammen. Und wir müssen nicht ständig aufeinanderhocken.«
»Klar, aber nachdem du ihn erst seit ein paar Monaten kennst, mache ich mir schon ein paar Gedanken über diesen mysteriösen Märchenprinzen!«
Als ihr klar wird, dass sie sich hier in eine Sackgasse manövriert hat, legt Carole den Rückwärtsgang ein.
»Du bist also zu dieser Party gegangen … war’s denn nett?«
»Kein bisschen. Es zog sich ewig hin. Ich habe mich schließlich einem Paar angeschlossen, das aufgebrochen ist, aber da war es schon fast zwei Uhr.«
Der Kellner erscheint mit einem Salat, einer Pizza und einer Flasche Mineralwasser.
»Guten Appetit, Mesdemoiselles!«
»Wie süß«, sagt Carole lächelnd. »Mesdemoiselles … Das höre ich nicht mehr so oft! Also, du brichst um zwei Uhr morgens auf und dann?«
»Auf der Straße ist mir so ’n Typ gefolgt.«
»Oje!«
Cloé schweigt, die Angst kommt zurück wie ein Bumerang.
Nach einer Weile beginnt sie ihre Geschichte in allen Einzelheiten zu erzählen. Als würde sie sie damit loswerden können. Carole sieht sie einen Moment verwundert an.
»Und das ist alles?«, sagt sie schließlich. »Er ist umgekehrt und verschwunden?«
»Genau. Wie vom Erdboden verschluckt.«
»Bist du sicher, dass es derselbe war? Der, der dir gefolgt ist, und der, der aus der Nische aufgetaucht ist?«
»Ja. Ganz in Schwarz gekleidet, eine Kapuze über den Kopf gezogen.«
»Sonderbar, dass er dir nichts getan hat. Er hätte dir deine Tasche stehlen können oder …«
»Mich umbringen.«
»Ja, klar«, sagt Carole mit sanfter Stimme. »Aber Ende gut, alles gut. Vielleicht hat er sich nur einen Spaß draus gemacht, dir Angst einzujagen.«
»Ein sehr komischer Scherz, wirklich.«
»Komm, vergiss die Sache.« Carole stürzt sich auf ihren Salat. »Das war nur ein blöder Zufall, nichts Tragisches. Jetzt ist es vorbei.«
»Ich weiß nicht. Vielleicht ist er ja immer noch da und verfolgt mich weiter.«
»Hast du ihn denn heute noch mal gesehen?«, fragt Carole besorgt.
»Nein, aber … Ich weiß nicht. Ist nur so ’n Gefühl.«
»Das ist die Nachwirkung des Schocks«, erklärt Carole.
Und deine paranoide Neigung, die wieder neu erwacht ist, fügt sie in Gedanken hinzu.
»So einen riesigen Schrecken verarbeitet man nicht so schnell. Aber das wird schon wieder«, versichert sie mit einem Lächeln.
Da Cloé schweigt, bietet Carole ihre ganze Überzeugungskraft auf.
»Du vertraust mir doch, oder? Das ist schließlich mein Job … mit Ängsten umzugehen.«
Cloé lächelt. Merkwürdige Definition des Berufs der Krankenschwester.
»Morgen hast du die Sache schon wieder vergessen. Und das nächste Mal nimmst du halt deinen Leibwächter mit!«
»Du hast recht.«
»Hauptsache, der Typ hat dir nichts getan … Nun komm, deine Pizza wird kalt. Ich weiß nicht, wie du es anstellst, dauernd Pizza zu essen, ohne ein Gramm zuzunehmen!«
Heute könnte es daran liegen, dass sie das Gefühl hat, einen Kaktus hinunterzuwürgen.

 

***

 

Einundzwanzig Uhr. Endlich parkt Cloé ihren Wagen in der Rue des Moulins.
Sie hatte Bertrand zum Abendessen einladen wollen, doch nun ist es etwas spät, um sich noch an den Herd zu stellen. Es heißt immer, man sollte im Leben wissen, was man will. Vor allem aber sollte man wissen, was man kann …
Sein Privatleben auf dem Altar des Erfolgs opfern. Seine Kompetenz, Ausdauer, Motivation und auch Diskretion ständig unter Beweis stellen.
Stets auf der Hut sein. Vor allem, wenn man eine Frau ist.
Cloé holt ihre Post aus dem Briefkasten und steigt dann die Stufen der Außentreppe hinauf mit dem Gefühl, den Mont Ventoux bei starkem Wind zu erklimmen.
Endlich daheim … Ein hübsches Haus aus den fünfziger Jahren, umgeben von einem Garten mit vielen Bäumen. Und sie die einzige Mieterin.
Genau diesem Zweck dienen die Überstunden: um nicht in einem elenden Vorort in einem schäbigen Apartment zu hausen. Nur dass Cloé viel mehr Zeit im Büro als in ihrem hübschen Haus verbringt. Doch diese Absurdität hat sie schon lange aus ihren Gedanken verdrängt.
Im Flur lässt sie die Post auf dem marmornen Blumenständer im Schatten eines prächtigen japanischen Bonsai liegen. Sie geht zunächst ins Schlafzimmer, um die Kleidung zu wechseln.
Nur in ihren Dessous macht sie es sich im Salon auf der Couch bequem und wählt die Nummer von Bertrand. Als er abhebt, entspannen sich ihre Züge. Nichts tut ihr so gut, wie seine Stimme zu hören. Sanft, tief und sinnlich wie eine handfeste Liebkosung.
»Hallo, Liebling.«
»Ich hab mich schon gefragt, ob dich der Alte gekidnappt hat!«
»Wir hatten heute um sechzehn Uhr einen wichtigen Termin, der sich, wie gewöhnlich, in die Länge gezogen hat. Und der Alte fand dann, das müsse gefeiert werden! Mit Champagner für alle.«
»Du musst hundemüde sein, oder?«
»Ja. Vor allem, weil ich letzte Nacht nicht viel geschlafen habe.«
»Ach ja, dein berühmter Abend! Und, wie war’s?«
Der Schatten erscheint plötzlich ungebeten im Salon und pflanzt sich schamlos vor ihr auf den Perserteppich. Cloé zittert am ganzen Leib und zieht ängstlich die Beine an.
»Ich hab mich ohne dich gelangweilt. Du hast mir gefehlt.«
»Das will ich doch hoffen! Soll ich noch vorbeikommen?«
»Ich hab nichts zum Essen vorbereitet.«
»Ich hab schon gegessen. Fehlt nur noch das Dessert.«
»Lässt du mir etwas Zeit, um ein Bad zu nehmen?«
»Eine halbe Stunde«, flüstert Bertrand. »Keine Minute mehr.«
»Abgemacht. Also leg ich besser schnell auf …«
Cloé beendet das Gespräch mit einem genießerischen Lächeln um die Lippen.
Zum Glück ist alles sauber und aufgeräumt. Fabienne hat ihren Job gut gemacht. Die Überstunden haben einen weiteren Vorteil: Cloé muss sich nicht auch noch um den Haushalt kümmern.
Und so beschließt sie, ins Bad zu gehen und sich schön zu machen für diesen Mann, der auf so wunderbare Weise jede Parzelle der Leere in ihrem Leben ausfüllt. Oder fast.
Immer ein wenig Freiraum um sich herum bewahren, um atmen, sich entfalten zu können.
Cloé könnte nicht behaupten, dass sie in ihn verliebt ist, doch sie weiß, dass sie endlich dieses Gleichgewicht gefunden hat, nach dem sie sich so lange gesehnt hat. Im Grunde seit jeher, auch wenn sie bereits einmal verheiratet war.
Mit einem Monster.

Vor dem Kleiderschrank zögert sie ein paar lange Minuten. Schließlich zieht sie ein kurzes schwarzes Kleid mit schmalen Trägern heraus und wirft es auf die cremefarbene Bettdecke.
Cloé bleibt einen Moment vor dem Fenster stehen, und ihr Blick schweift durch den Garten, der in den blassen Lichtschein der einzigen Straßenlaterne getaucht ist. Aufkommender Wind, ein klarer Himmel, der mit Abertausenden Sternen durchsetzt ist.
Plötzlich stockt ihr der Atem. Ein flüchtiger Schatten huscht am Haus entlang.
Nicht ein Schatten, nein.
DER Schatten.
Riesig, ganz in Schwarz gekleidet, eine Kapuze über den Kopf gezogen, bleibt er vor der niedrigen Mauer stehen. Er verschmilzt mit der Dunkelheit, fixiert das Fenster.
Er fixiert Cloé.
Sie schreit auf, eine unsichtbare Kraft drückt sie nach hinten. Den Rücken an der Wand, die Hände vor den Mund gepresst, die Augen aufgerissen, hört sie ihr Herz hämmern.
Er ist da. Er ist mir bis hierher gefolgt.
Er will mich … töten.
Plötzlich fällt ihr ein, dass die Haustür nicht abgeschlossen ist, sie stürzt in den engen Flur.
Sie muss es rechtzeitig schaffen.
Sie stößt gegen ein Möbelstück, den Schmerz spürt sie gar nicht. Sie wirft sich gegen die Tür, dreht den Schlüssel zweimal um und greift zum Telefon.
Die 18 … Nein, die 17! Sie weiß die Notfallnummer nicht mehr, ihre Finger zittern.
Ein schriller Klingelton, und der Hörer gleitet ihr aus der Hand. Sie rührt sich nicht, ist wie versteinert.
Es klingelt erneut.
Die 17, ja. Jemand will mich umbringen!
Ihr Handy beginnt zu vibrieren. Sie holt es vom Tisch und sieht Bertrands Gesicht auf dem Display. Ihr Retter, da ist er, besser als eine Armee von Polizisten!
»Bertrand! Wo bist du?«, brüllt sie ins Handy.
»Vor deiner Tür. Hast du die Klingel nicht gehört? Was ist denn los?«
Sie stürzt erneut in den Flur, erkennt eine Gestalt, verzerrt durch das Ornamentglas. Sie sperrt auf, öffnet und steht vor einem Mann. Ihrem Mann.
»Guten Abend, Chérie.«
Er zieht sie an sich, sie verkrampft, will nicht geküsst werden.
»Hast du jemanden gesehen? Dort im Garten … als du gekommen bist?«
Bertrand ist ein wenig irritiert.
»Nein, ich hab niemanden gesehen.«
Sie löst sich aus seiner Umarmung, wirft einen Blick nach draußen und schließt erneut ab.
»Ein Typ war hinten im Garten, unter meinem Schlafzimmerfenster!«
»Glaub mir, ich hab niemanden gesehen«, wiederholt Bertrand.
Er zieht seinen Blouson aus und mustert Cloés verängstigtes Gesicht.
»Es ist stockfinster, weißt du … Das hast du dir sicher nur eingebildet.«
»Nein!«, erwidert sie mit schneidender Stimme.
Bertrands Blick verfinstert sich. Der Ton überrascht ihn.
»Hol mir eine Taschenlampe, ich schaue nach, um dich zu beruhigen.«
»Das ist gefährlich! Wenn er da ist, könnte er …«
»Beruhige dich. Gib mir eine Lampe, ich kümmere mich darum. Okay?«
Sie holt eine Maglite aus dem Wandschrank.
»Sei vorsichtig.«
»Keine Angst, Chérie. In zwei Minuten bin ich zurück.«
Während er in der Dunkelheit verschwindet, hört er, wie hinter ihm wieder abgeschlossen wird.
Cloé tritt ans Wohnzimmerfenster. Die Hand in den Vorhang gekrallt, ringt sie nach Atem und erkennt Bertrand, der dem Strahl der Lampe folgt.
»Ich bin sicher, ihn gesehen zu haben … er war da. Ich bin doch nicht verrückt, verdammt nochmal!«
Das ist der Schock. So einen riesigen Schrecken verarbeitet man nicht so schnell …
Die Klingel lässt sie zusammenzucken. Sie eilt durch den Flur, presst das Ohr an die Tür.
»Ich bin’s. Beeil dich, ich friere!«
Schließlich öffnet sie. Bertrand tritt ein.
»Nichts zu vermelden. Und wenn da vorhin jemand war, so kann ich dir garantieren, dass er jetzt fort ist.«
»Danke«, sagt sie. »Weißt du, ich hatte wirklich Angst.«
»Ich denke, ich werde die Nacht hierbleiben müssen, um dich zu beruhigen!«
»Ich habe ihn wirklich gesehen.«
»Ich glaube dir. Aber er ist jetzt fort. Vergessen wir ihn also, okay?«
Vergessen … Das würde Cloé nur allzu gern. Diesen unheilvollen Schatten aus ihrem Geist vertreiben.

 

KAPITEL 2

Es ist noch nicht hell draußen, aber auch nicht mehr ganz dunkel. Seine Augen haben sich an das Licht gewöhnt.
Er betrachtet sie. In Schlaf versunken. Sie liegt auf dem Bauch, hat einen Arm unter dem Kopfkissen, ein Bein angewinkelt.
Schön. Schöner noch, wenn sie schläft.
Ausgeliefert. So gefällt sie ihm am besten.
Sie hat ihr modernes Kriegsarsenal abgelegt. Keine Raketenabwehr mehr in den Tiefen des Blicks, keine Feuerwaffe mehr am Gürtel, keine Eisenkrallen mehr an den Fingern.
Nur eine Frau, zerbrechlich und wehrlos. Es ist noch nicht lange her, dass er sie kennengelernt hat. Erst ein paar Monate.
Aber sie war ihm schon eine Weile vorher aufgefallen.
Allein, traumatisiert von ihrem Ex.
Allein, zu sehr auf ihre Karriere konzentriert.
Bezaubernd, aber für viele Männer einfach beängstigend.
Nicht für ihn. Dompteur ist der Beruf, von dem er schon als kleiner Junge geträumt hat. Deshalb liebt er die Löwinnen, die Tigerinnen … Cloé ist eine. Die ihre Schwächen unter einem fast perfekten Panzer verbirgt.
Undurchdringlich, unzerstörbar? Nichts und niemand ist es.
Risse. Mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmbar. Doch mit einem guten Objektiv und aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet, kann man alles erkennen. Und er hat es gesehen. Sofort. Wie man sie ködern, sie erobern muss.
Er beobachtet sie weiter; ihre milchige Haut, die im Dunkeln fast leuchtet. Ihr langes hellbraunes Haar mit dem rötlichen Schimmer, das ihr Gesicht verdeckt.
Bertrand beschließt, sie zu wecken. Ganz sanft. Sie öffnet die Augen, als er ihre Schulter, ihren Rücken liebkost.
»Verzeih mir«, flüstert Bertrand. »Ich glaube, du hattest einen Albtraum.«
Ein Albtraum, ja. Immer derselbe, so lange schon.
Ein gellender Schrei. Ein Körper, der ins Leere fällt und vor ihren Füßen aufschlägt.
Cloé flüchtet sich in Bertrands schützende Arme.
»Hab ich geschrien?«, fragt sie. »Hab ich dich geweckt?«
»Nein, ich war schon wach.«
»Es ist noch früh, oder?«
»Ja, aber … Ich glaube, ich habe irgendetwas gehört.«
Sie zuckt zusammen, er lächelt im Dunkeln. Ihr Atem hat sich beschleunigt, er spürt ihr Herz an seiner Haut schneller schlagen. Ein köstliches Gefühl.
»Es kam aus dem hinteren Teil des Gartens … Sicher habe ich nur geträumt!«
Cloé setzt sich auf, zieht die Decke höher, starr vor Entsetzen.
»Er ist da«, murmelt sie.
»Wer? … Aber nein, da ist niemand«, erwidert Bertrand belustigt. »Ich hätte das nicht sagen sollen, ich bin einfach zu blöd.«
Cloé legt die Hand auf den Schalter der Nachttischlampe. Sie zögert. Fürchtet wohl, das Licht könnte seine Präsenz am Fuße des Bettes erst recht zutage fördern.
»Er ist da«, flüstert sie erneut.
Ihre Stimme ist eisig, ihre Stirn heiß.
»Beruhige dich. Da ist niemand. Ich habe geträumt, das ist alles. Vielleicht war es der Wind.«
»Es geht kein Wind. Er ist da!«
»Von wem sprichst du bloß?«
»Von dem Typen, den ich gestern im Garten gesehen habe! Er ist mir auf der Straße gefolgt … Ruf die Polizei an!«
Bertrand macht Licht, Cloé schließt die Augen.
»Bitte beruhige dich … Ich werde das Haus durchsuchen, damit du dich wieder sicher fühlst.«
Sie öffnet die Augen, das Zimmer ist leer. Sie sieht, wie Bertrand in seine Jeans schlüpft, und kann nicht umhin, ihn ebenso attraktiv wie heroisch zu finden. Zum Glück ist er da, um sie zu beschützen.
»Geh bitte nicht so«, fleht sie. »Nimm eine Waffe mit!«
Er lächelt ein wenig spöttisch.
»Hast du eine Knarre unter dem Kopfkissen, Baby?«
Sie stürzt zum Wandschrank, zieht etwas heraus und reicht es ihm. Er sperrt die Augen auf.
»Was ist das?«
»Ein … Ein Regenschirm.«
Er bricht in Lachen aus, schiebt sie sanft zurück.
»Ich sehe, dass es ein Schirm ist! Aber lass, ich komme auch ohne zurecht.«
Er zieht die Vorhänge auf und schaut in den Garten hinter dem Haus. Dann tritt er hinaus auf den Flur, der zum Salon führt. Da sie nicht allein zurückbleiben will, beschließt sie, ihm zu folgen.
In jedem Zimmer macht Bertrand Licht. Er schaut in den Schränken nach, inspiziert alle Ecken, wirft einen Blick in den anderen Teil des Gartens.
»Du siehst«, sagt er schließlich, »außer uns ist niemand hier.«
Cloé scheint nicht überzeugt.
»Es tut mir wirklich leid«, fügt er hinzu und nimmt sie in die Arme, »es ist allein meine Schuld. Ich hätte den Mund halten sollen … Was ist das für eine Geschichte von dem Typen, der dich auf der Straße verfolgt hat?«
»Das war, als ich von dieser Party heimfuhr. Mein Auto war ziemlich weit entfernt geparkt. Ein Mann ist mir gefolgt, und ich bin gerannt, um ihn abzuhängen. Aber er hat mir an meinem Auto aufgelauert.«
»Hat er …«
»Nein. Er hat nichts gesagt, nichts getan. Nach einem kurzen Augenblick ist er verschwunden.«
»Sonderbar«, meint Bertrand. »Aber du solltest nachts auch nicht allein durch die Gegend laufen, das ist mehr als unvorsichtig.«
Er ist wütend. Cloé legt die Stirn an seine Schulter.
»War denn niemand auf dieser Party, der dich zu deinem Auto hätte begleiten können? Das gibt’s doch gar nicht! Gut, dass er nichts versucht hat!«
»Ja … Aber der Typ gestern Abend im Garten … ich glaube, es war derselbe.«
»Und ich glaube, der Schock neulich nach der Party hat Halluzinationen bei dir ausgelöst.«
»Das hat Carole auch gesagt.«
»Wenn ich dich recht verstehe, hast du Carole davon erzählt und mir nicht, richtig?«
»Ich wollte dir nicht auf die Nerven gehen«, sagt Cloé kleinlaut.
»Mir auf die Nerven gehen? Ich glaub, ich hör nicht recht!«
Er nimmt ihr Gesicht in die Hände und sieht ihr tief in die Augen. »Vertraust du mir, ja oder nein? Dann musst du mir solche Sachen sagen, okay?«
»Okay.«
Endlich lächelt er. Ein so schönes Lächeln. Das die Wunden heilt und die Albträume wegwischt.
Er küsst sie und schiebt sie langsam an die Wand.
»Ich bin nicht mehr müde«, murmelt er. »Und du?«
»Ich auch nicht! Ich hab so ein Glück, dir begegnet zu sein«, fügt sie hinzu, während seine Hand unter ihren Bademantel wandert.
»Nein, ich bin ein verdammter Glückspilz!«
Sie lacht leise, ihr Bademantel gleitet zu Boden.
Ein verdammter Glückspilz, ja.

 

KAPITEL 3

Zu spät dran. Na und?
Schließlich wird sie bald diese Firma leiten. Welcher Idiot würde es da wagen, auch nur den leisesten Vorwurf zu äußern?
Auf dem Weg in ihr Büro wird sie von allen respektvoll begrüßt. Unterwürfige, kriecherische Verbeugungen vor der zukünftigen Herrscherin. Verlegenes Lächeln, ergebener Blick.
Cloé liebt das. Unglaublich, wie schnell man Gefallen an der Macht finden kann.
Wenn sie erst einmal die Chefin ist, wird sie den Laden mit eisernem Besen kehren. Wenn ihre Berechnungen stimmen, wird das im Frühjahr der Fall sein, die ideale Zeit für den großen Hausputz. Der eine oder andere wird seinen Schreibtisch räumen müssen, um stempeln zu gehen.
Als sie ihr Büro betritt, lächelt sie bei dem Gedanken an die kurze, aber delikate Liste derer, die ihre Koffer für die Reise zu diesem trostlosen Ziel, auch Arbeitsamt genannt, packen würden.
Kaum hat sie ihren Mantel abgelegt, platzt auch schon, ohne anzuklopfen, Nathalie herein.
»Bonjour, Cloé!«
Seit kurzem glaubt ihre Sekretärin, sie beim Vornamen nennen zu dürfen. Bald wird sie sie duzen und ihr vertraulich auf die Schulter klopfen. Höchste Zeit, sie in ihre Schranken zu verweisen.
»Bonjour.«
»Na, hat der Wecker nicht geklingelt?«
Erst jetzt lässt sich Cloé herab, sie anzusehen. Sie durchbohrt sie geradezu mit den Augen.
»Wie bitte?«, fragt sie eiskalt.
Die Assistentin sucht nach Worten. Bloß nicht zweimal hintereinander denselben Fauxpas begehen.
»Ich dachte … Weil Sie sonst immer so früh dran sind, hab ich mich gefragt …«
Cloé tritt näher, ein kleines Raubtierlächeln um die perfekt gezeichneten Lippen.
»Wenn ich Sie recht verstanden habe, werfen Sie mir vor, zu spät zu kommen?«
»Nein, natürlich nicht!«, stammelt die Sekretärin. »Ich hab mich nur gefragt, ob es Ihnen vielleicht nicht gut geht, und hab mir Sorgen gemacht!«
»Sind Sie meine Mutter, oder was?«
Nathalie schweigt lieber. Was auch immer sie jetzt sagen würde, es wäre falsch.
»Ich bin hier nicht irgendeine Angestellte«, fügt Cloé mit ruhiger Stimme hinzu. »Und ich erscheine im Büro, wann es mir passt. Okay?«
Fast fällt Nathalie das Dossier, das sie im Arm hält, herunter.
»Natürlich«, murmelt sie. »Sie müssen sich nicht rechtfertigen.«
»In der Tat. Hatten Sie mir etwas Interessantes zu sagen?«
»Monsieur Pardieu wünscht Sie zu sprechen.«
»Sehr gut. Vielen Dank, Nathalie.«
Die Sekretärin ergreift die Flucht. Ein erneutes, diesmal spöttisches Lächeln huscht über Cloés Gesicht. Vielleicht gehört diese dumme Gans dem Konvoi Richtung Arbeitsamt an. Sie hat sich noch nicht entschieden. Nathalie ist nicht besonders pfiffig, dafür aber tüchtig, wie Cloé durchaus anerkennen muss.
Sie hängt ihren Mantel auf und begibt sich in Pardieus Büro. Der Alte telefoniert gerade, macht ihr aber ein Zeichen, einzutreten und Platz zu nehmen.
Cloé schlägt die Beine übereinander, wobei ihr Rock ein wenig hochrutscht. Nicht zu weit, doch der Alte sieht sofort hin. Seit einer Weile, so vermutet Cloé, kann er sowieso nichts anderes mehr als Stielaugen machen. Die einen altern einfach schneller als die anderen, so ungerecht ist die Natur …
Schließlich legt Pardieu auf und lächelt sie an. Ein liebevolles, väterliches Lächeln.
»Wie geht’s, Cloé?«
»Gut, danke. Ich bin ein bisschen spät dran, tut mir leid.«
»Nicht schlimm, meine Kleine. Sie haben gestern sehr gut gearbeitet, wirklich perfekt.«
Sie lächelt zurück, schmeichelt ihm mit einem zuckersüßen Blick. Er steht auf und schließt die Bürotür, die sonst immer geöffnet ist. Die Besprechung ist also von Bedeutung. Ausschlaggebend vielleicht.
»Ich habe beschlossen, das Heft aus der Hand zu geben«, verkündet er. »Dieses Mal hab ich mir sogar einen Termin gesetzt.«
Cloé zwingt sich, eine besorgte Miene aufzusetzen. Gut, dass sie als Jugendliche einen Schauspielkurs besucht hat.
»Sie wollen uns wirklich verlassen?«
»Ich möchte mich zur Ruhe setzen und die Zeit genießen, die mir noch bleibt! Wie Sie wissen, bin ich schon achtundsechzig. Die Zeit vergeht so schnell …«
In Wahrheit sieht er viel älter aus. Selbst ihr Großvater, der schon über achtzig ist, wirkt neben ihm wie ein junger Mann. Doch jetzt ist wohl nicht der rechte Augenblick, ihm zu erklären, dass er sicher nicht lange von seinem ersehnten Ruhestand profitieren wird.
»Ich hätte Sie viel jünger geschätzt«, lügt Cloé. »Das habe ich Ihnen bereits gesagt. Sie müssen mir das Geheimnis Ihrer ewigen Jugend unbedingt noch verraten, bevor Sie gehen!«
»Die Arbeit, meine Kleine … Die Arbeit.«
Wenn das der Grund für dein frühzeitiges Altern ist, sollte ich so bald wie möglich aufhören, mich abzurackern!
»Ich kann verstehen, dass Sie sich nach mehr Freizeit sehnen«, erwidert sie. »Doch wie sollen wir nur ohne Sie zurechtkommen?«
»Das werden Sie spielend meistern! Vor allem, da ich durch eine sehr kompetente Person ersetzt werde.«
Cloés Herz setzt einen Schlag aus. Der lang ersehnte Augenblick scheint endlich gekommen. Aber ist sie diese sehr kompetente Person?
Pardieu fixiert sie mit einem mysteriösen Lächeln, das die Spannung auf grausame Weise in die Länge zieht.
»Ich muss mich natürlich noch mit dem Vorstand absprechen, doch ich habe meine Wahl getroffen und glaube, dass die anderen einverstanden sein werden … Was würden Sie davon halten, meine Stelle zu übernehmen, Cloé?«
Eine Hitzewelle steigt in ihr auf. Am liebsten würde sie schreien, von ihrem Stuhl hochspringen bis an die Decke. Ja, fast würde sie den Alten sogar küssen.
Doch sie begnügt sich mit einem schüchternen Kleinmädchen-Lächeln.
»Nun … Ich fühle mich sehr geehrt und bin tief berührt. Auch ein wenig überrascht. Und, um ganz offen zu sein, leicht beängstigt!«
»Kommen Sie, meine Kleine, ich habe Sie nicht zufällig ausgewählt …«
»Ich hoffe, ich bin der Aufgabe gewachsen. Auf jeden Fall wäre es mir eine große Ehre, Ihre Nachfolge anzutreten.«
»Das freut mich.«
»Die anderen werden mich vielleicht ein wenig zu jung finden, oder?«
»Sie wissen Sie zu schätzen, und ich werde ihnen erklären, dass Sie in meinen Augen am ehesten qualifiziert sind, das Ruder zu übernehmen. Ich bin nahezu sicher, dass sie meine Entscheidung anerkennen.«
Dieses nahezu klingt irgendwie falsch in ihren Ohren.
»Danke, Monsieur. Vielen Dank.«
»Sie verdienen es, Cloé. Sie haben alles, was man für diesen Job braucht. Charisma, Intelligenz, Arbeitswillen, Teamgeist, Know-how … Und, nicht zu vergessen, eiserne Entschlossenheit und außergewöhnlichen Mut.«
Cloé stößt ein verlegenes Kichern aus, versucht sogar zu erröten. Er nimmt ihre Hand in die seine.
Der Lohn für all die Jahre der Schufterei. Jahre des behutsamen Einschleimens. Der wohldosierten Schmeichelei. Der geopferten Abende und freien Tage.
Das alles hat ihr schließlich geholfen, dieses Husarenstück zu vollbringen. Mit nur siebenunddreißig die Nachfolge des Kalifen anzutreten.
Ein Husarenstück, jawohl.
Sie denkt an Philip Martins, den anderen stellvertretenden Creative Director. Der sich schwarzärgern wird. Davon wird er sich nie erholen, so viel steht fest. Sich den Platz von einer Frau wegschnappen zu lassen, die noch dazu jünger ist als er und weniger Erfahrung hat … Die schlimmste Demütigung überhaupt.
»Das muss natürlich zunächst mal unter uns bleiben«, fügt Pardieu hinzu. »Wenn der Vorstand in meinem Sinne entscheidet, gebe ich die frohe Botschaft in etwa zwei Monaten bekannt. Bis dahin bitte ich Sie, für sich zu behalten, was Sie wissen.«
»Darauf können Sie sich verlassen, Monsieur. Aber wie wird Philip Ihrer Meinung nach reagieren? Er gehört dem Haus schon länger an als ich, und …«
»Philip wird sich meiner Entscheidung beugen«, fällt ihr der Alte ins Wort. »Es bleibt ihm gar keine andere Wahl. Und wenn er es nicht akzeptiert, werden wir einen Ersatz für ihn finden müssen.«
»Ich hoffe, wir müssen uns nicht von ihm trennen. Er ist wahnsinnig wertvoll für uns alle hier.«
»Das hoffe ich auch«, erwidert der Alte und nickt. »Ich habe übrigens lange zwischen Ihnen beiden geschwankt. Doch ich glaube, ihm fehlt etwas Wesentliches. Etwas, das in vielen Situationen hilft, und das darüber hinaus eine sehr nützliche Waffe sein kann.«
»Und das wäre?«, fragt Cloé ungeduldig.
»Ganz einfach, Charme.«

Karine Giebel

Über Karine Giebel

Biografie

Karine Giebel wurde 1971 im Département Var geboren, wo sie auch heute noch lebt. Schon während ihres Jura-Studiums widmete sie sich dem Verfassen von psychologischen Spannungsromanen und gilt inzwischen als DIE weibliche Stimme des französischen Kriminalromans. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen...

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