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Die fabelhaften Wünsche der Lanie HowardDie fabelhaften Wünsche der Lanie Howard

Die fabelhaften Wünsche der Lanie Howard

Roman

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Die fabelhaften Wünsche der Lanie Howard — Inhalt

Etwas Neues lernen, lachen, bis der Arzt kommt, einen Rekord brechen – Lanie Howard hat viele unerfüllte Wünsche. So viele, dass sie sie seit ihrer Kindheit in einem Marmeladenglas sammelt. Doch als sie beinahe an der Zitronenschale in ihrem Martini erstickt, beschließt sie, etwas zu ändern. Bis zu ihrer Hochzeit in drei Monaten möchte sie sich ihre größten Kindheitswünsche erfüllen. Denn wie sagte ihr Vater früher immer so schön: Lebe deinen Traum – es sei denn, du rennst darin nackt durch eine Kirche.

Erschienen am 02.05.2016
Übersetzer: Ursula C. Sturm
384 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30793-2
Erschienen am 02.05.2016
Übersetzer: Ursula C. Sturm
384 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97347-2

Leseprobe zu »Die fabelhaften Wünsche der Lanie Howard«

Manchmal, wenn dein Leben im Zeitraffer an dir vorbeizieht, wird dir klar, dass du ein neues Leben brauchst.
Ich kippe den Rest meines Drinks herunter, und da ich unter der schmalen Zitronenspalte am Grund des Glases noch ein, zwei Tropfen des sündhaft teuren Cocktails vermute, lege ich den Kopf in den Nacken und klopfe mit dem Finger von unten an das Glas.
Und da passiert es.
Die Zitrone rutscht mir geradewegs in die Kehle und bleibt mir in der Luftröhre stecken.Das Glas entgleitet meinen Fingern und zersplittert auf dem Boden. Oh Gott. Ich ersticke!
Jesus [...]

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Manchmal, wenn dein Leben im Zeitraffer an dir vorbeizieht, wird dir klar, dass du ein neues Leben brauchst.
Ich kippe den Rest meines Drinks herunter, und da ich unter der schmalen Zitronenspalte am Grund des Glases noch ein, zwei Tropfen des sündhaft teuren Cocktails vermute, lege ich den Kopf in den Nacken und klopfe mit dem Finger von unten an das Glas.
Und da passiert es.
Die Zitrone rutscht mir geradewegs in die Kehle und bleibt mir in der Luftröhre stecken.Das Glas entgleitet meinen Fingern und zersplittert auf dem Boden. Oh Gott. Ich ersticke!
Jesusmariaundjosef. Panisch hämmere ich mir mit der flachen Hand auf die Brust. Meine Kehle brennt, meine Lunge krampft sich zusammen, als hätte sich eine Würgeschlange um meinen Oberkörper geschlungen. Das war’s dann. Jetzt geht es mit mir zu Ende. Ich werde sterben.
Ich sehe mich bereits auf einem kalten Seziertisch aus rostfreiem Stahl liegen. Oh Mist! Ich glaube, meine Unterhose hat ein Loch.
Wie in Trance registriere ich, dass der Mann neben mir aufspringt und mir von hinten die Arme um die Taille schlingt, wobei er versehentlich die Unterseite meines Busens streift. Er zieht mich an sich (Sagenhaftes Sixpack übrigens – damit kenne ich mich aus) und presst mir kräftig die verschränkten Hände in den Bauch.
Nichts geschieht. Ich ringe vergeblich nach Atem. Schon treten meine Augen aus den Höhlen, meine Finger und Lippen beginnen zu kribbeln, von einem Taubheitsgefühl erfasst.
Oh Gott. Oh Gott! Oh Gott!!
Situationen aus meinem Erwachsenenleben kommen mir in den Sinn. Ich sehe mich Akten stapeln, den Wagen zum Ölwechsel bringen, die Sockelleisten in meiner alten Wohnung schrubben. Fleiß. Ordnung. Routine. Sonnencreme.
Dann ein letzter kräftiger Ruck, und die Zitrone wird – dem Himmel sei Dank! – nach oben katapultiert.
Sie segelt mir in hohem Bogen aus dem Mund und landet mitten auf der Stirn des Barkeepers …

 

Eins

Keine Panik, Lanie.
Nicht ausflippen.
Versuch gar nicht erst, die Hand in den Aktenvernichter zu schieben. Deine Finger sind zu dick dafür.
Hektisch grabe ich mich durch die Verträge, die sich turmhoch auf meinem Schreibtisch stapeln (echt furchtbar – jedes Mal, wenn ein Haus verkauft wird, müssen für den erforderlichen Papierkram ungefähr zwölf Bäume dran glauben!). Nichts.
Wie ist das möglich? Ich bin siebenundzwanzig, und in meiner Schreibtischschublade liegen Zahnseide, Multivitamintabletten und Ersatzklammern für den Tacker. Ich kaue nicht mit offenem Mund und überziehe nie die Leihfrist für die Bücherei. Ich werfe keinen Abfall auf die Straße, habe noch nie den TÜV für den Wagen versäumt und hebe schwere Lasten rückenschonend mit gebeugten Knien. Ich bin eine rundum verantwortungsvolle Erwachsene, und trotzdem habe ich gerade genau den Gegenstand verloren, den ich auf gar keinen Fall verlieren sollte: meinen Verlobungsring.
»Lanie?«, ruft Evan, mein Zukünftiger, aus seinem Büro.Mist.
»Moment noch!« Ich schiebe meinen Stuhl beiseite, um unter dem Tisch nachzusehen, stoße dort aber lediglich auf ein paar Büroklammern und eine Wollmaus. Hm. Ich sollte wohl mal ein ernstes Wörtchen mit der Putzfrau reden. Ach, das bin ja ich.
»Wo steckst du denn?«, ruft er. Klingt, als wäre er schon auf dem Weg hierher.
Ich stehe etwas zu früh auf, stoße mit der Schulter an die Schreibtischkante und höre, wie der silberne Rahmen mit dem Foto von Evan und mir auf der Preisverleihung für die erfolgreichsten Makler des Jahres umfällt.
»Ach, da bist du ja.« Evan betritt mein Büro. Er trägt ein perfekt sitzendes Armani-Hemd und eine Anzughose mit Bügelfalte und bewegt sich mit der Geschmeidigkeit eines Mannes aus gutem Hause. Seine Mutter ist ordentliche Professorin für Englisch in Stanford, sein Vater Risikokapitalinvestor. Evan schenkt mir ein Lächeln – das gleiche Lächeln, mit dem er es bei der Abstimmung über die attraktivsten Geschäftsmänner der Region, die die Tageszeitung Arizona Republic vorigen Monat durchgeführt hat, auf Platz sechs geschafft hat. Evan punktet jedoch nicht nur mit seinen erstklassigen Genen und der Tatsache, dass er es optisch ohne Weiteres mit Barbies Lebensgefährten Ken aufnehmen könnte, nein, er ist auch eine feste Größe in der hiesigen Immobilienbranche. Er wird respektiert und bewundert.
Und er ist mein Verlobter.
Und ich Dumpfbacke schaffe es, den Ring zu verlieren, den er mir als Zeichen seiner Liebe an den Finger gesteckt hat. Toll. Ganz toll.
Ich könnte ihn natürlich bitten, mir beim Suchen zu helfen, aber wie würde das aussehen, wenn ich sage: Hey, stell dir vor, ich hab doch glatt den Diamantring verloren, der schon seit Generationen im Besitz eurer Familie ist. Wem hat der noch gleich gehört? Deiner Urgroßmutter?
Da schwingt zum Glück die Eingangstür auf, und mein lieber alter Freund Hollis Murphy kommt herein. Perfektes Timing.
Bei seinem Anblick wird mir umgehend leichter ums Herz.
Wie üblich trägt er einen blauen Arbeitsoverall, dessen Gürtel eine Spur zu locker sitzt. Er streicht sich mit den Fingern das schüttere weiße Haar glatt. Sein Gesicht ist gerötet, auf Wangen und Nase zeichnen sich da und dort erweiterte Kapillargefäße ab.
»Hollis! Was für eine schöne Überraschung!«
Erfreut tänzle ich um meinen Schreibtisch herum und breite die Arme aus.
Er duftet, als hätte er in seinem Rasierwasser gebadet, und sein Atem riecht ein klein wenig abgestanden, aber das ist mir egal. Ich liebe diesen Mann.
Kennengelernt haben wir uns vor drei Jahren, als ich mit meinem Einkaufswagen versehentlich sein Auto gerammt habe, weil ich leichtsinnigerweise gerade im People Magazine geblättert hatte. Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass es die Sexiest-Man-Alive-Sondernummer war, in der auf Seite siebenunddreißig Ryan Reynolds abgelichtet war, oben ohne und mit supersexy Waschbrettbauch. Kein Wunder, dass ich da abgelenkt war, oder? Wie dem auch sei, Hollis’ Wagen hatte nur einen kleinen Kratzer – oder vielmehr, eine kleine Delle – abbekommen, und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.
Er ergreift meine Hand und sagt: »Zoowärter erstickt an Gummibärchen.«
Fast jedes Mal, wenn wir uns sehen, zitiert Hollis eine abstruse Todesanzeige oder Zeitungsschlagzeile. Ein ziemlich morbides Ritual, ich weiß, und wahrscheinlich werde ich irgendwann in der Hölle schmoren, weil ich mich auf Kosten dieser unglückseligen Leute amüsiere, aber ich muss trotzdem immer lachen. »Das ist ja furchtbar.« Ich schnaube belustigt.
»Klasse, nicht? Hat meine Bevy ausgeschnitten.«
»Wie geht’s Ihrer Frau denn so?«
»Blendend. Heute feiern wir unseren vierundfünfzigsten Hochzeitstag.«
»Herzlichen Glückwunsch!«, sage ich und nehme mir vor, den beiden eine Flasche Wein zukommen zu lassen. »Irgendwelche besonderen Pläne?«
»Heute Abend gibt es mein Lieblingsessen – Hackfleischbällchen.«
»Lecker. Wann stellen Sie mir Bevy denn endlich vor? Ich kann nicht fassen, dass Sie sie noch kein einziges Mal mitgebracht haben, dabei würde ich sie so gern kennenlernen.«
»Genau das sagt sie auch, aber sie ist einfach zu beschäftigt. Schlimmer als der Weihnachtsmann im Dezember.«
Evan gesellt sich zu uns und streckt Hollis die Hand hin.
»Schön, Sie zu sehen, Mr Murphy.«
»Gleichfalls.«
»Welchem Anlass verdanken wir denn die Ehre Ihres Besuchs?«, erkundigt sich Evan.
Hollis fischt eine Zuckerstange aus der Jackentasche und drückt sie mir in die Hand. Er liebt die Dinger und hat stets welche bei sich. »Ich wollte Lanie-Lou bloß kurz etwas Süßes vorbeibringen.« Er mustert mich erwartungsvoll.
»Weil jede Frau es verdient, verwöhnt zu werden«, sage ich artig.
»Ganz recht.« Er drückt meinen Arm. »Alles okay?«
»Ja, alles bestens, danke.« Ähem. Mal abgesehen von der Tatsache, dass sich mein Verlobungsring in Luft aufgelöst hat …
Ich werfe einen raschen Blick auf den Boden.
»Tja, dann mache ich mich mal wieder auf den Weg«, sagt Hollis.
Evan nickt ihm zu. »War uns eine Freude.«
Ich bringe Hollis noch zum Auto. »Bestellen Sie Ihrer Frau herzliche Grüße von mir, und besorgen Sie ihr etwas Schönes.«
»Mach ich, und besorgt hab ich’s ihr heute schon.« Er gluckst, steigt in seinen Wagen und fährt davon.
Evan erwartet mich in meinem Büro.
»Sieh mal, was ich gefunden habe.«
Verflixt. Er war schneller.
Ich lege mir gerade eine Erklärung à la »Dieses hinterlistige kleine Biest führt ein Eigenleben« zurecht, doch dann sehe ich, dass er mir nicht das Symbol unserer gemeinsamen Zukunft entgegenhält, sondern einen Gegenstand aus meiner Vergangenheit: ein kleines, bauchiges Gefäß aus satiniertem Glas, verschlossen mit einem dicken Korken.
»Du meine Güte, mein Irgendwann-Glas!« Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, dass meine Finger zittern, als ich danach greife. Erinnerungen brechen sturzflugartig über mich herein. Mir ist, als könnte ich Dads Rasierwasser riechen, mit dem er seine tägliche Zigarette zu kaschieren versuchte. »Dieses Glas ist für all deine Wünsche, Lanie. Keiner zu groß, keiner zu klein«, sagte er nachdrücklich und mit ernster Miene, als er es mir gab, ganz ohne die für ihn übliche unbeschwerte Heiterkeit.
»Wo hast du denn das her?« Auch meine Stimme zittert.
»Es war in einem der Umzugskartons, die ganz unten im Schrank in meinem Büro stehen, zusammen mit dem Doktorhut von deiner Uni-Abschlussfeier. Den könntest du ja heute Abend im Bett tragen«, schlägt Evan grinsend vor, legt mir jedoch besorgt eine Hand auf den Arm, als er meinen bekümmerten Blick aufschnappt. »Was hast du denn?«
»Das war ein Geschenk von meinem Dad. Gott, ich habe es seit Jahren nicht mehr gesehen.« Als ich es das letzte Mal in der Hand hielt, hatte ich noch eine Zahnspange und eine Vorliebe für Lipgloss mit Kaugummigeschmack. Ich halte es mir ans Ohr, schüttle es und lausche dem kaum vernehmbaren Rascheln der Zettelchen, die es enthält.
»Was ist denn da drin?«
»Papierstreifen.«
»Papierstreifen?«
»Ja, aus Glückskeksen. Dad hat mich jedes Jahr an meinem Geburtstag zum Essen ausgeführt, in ein chinesisches Restaurant namens Golden Lantern.« Ich muss lächeln bei der Erinnerung an die mit Troddeln versehenen roten Lampenschirme über den Tischen. »Dort hingen an einer Wand unzählige Zettelchen aus Glückskeksen. Dad hat sich einfach eine Handvoll davon gegriffen, in das Glas gesteckt und mir aufgetragen, auf der Hinterseite alles aufzuschreiben, was ich irgendwann in meinem Leben machen möchte. ›Schreib alle deine Wünsche und Ziele auf, Lanie. Du bestimmst, was du erlebst.‹«
Ich weiß noch genau, was ich auf den allerersten Zettel geschrieben habe: etwas Neues lernen. Dad hat wohlwollend genickt, und ich habe den Zettel ins Glas gesteckt.
Versonnen reibe ich mit dem Daumen über die Rillen des Glases und habe plötzlich einen Kloß im Hals. »Ich musste ihm versprechen, dass ich unbeirrt alle meine Ziele verfolge und mir jeden einzelnen Wunsch erfülle – und zwar noch bevor ich heirate.« Hm. Dieses letzte Detail war mir bis gerade eben völlig entfallen.
Evan schiebt mir eine Haarsträhne hinters Ohr. »Vom sogenannten Ernst des Lebens hat dein Dad nicht allzu viel gehalten, stimmt’s?«
»Nein, definitiv nicht«, flüstere ich, ohne den Blick vom Irgendwann-Glas abzuwenden.
»Alles okay?«
Ich schüttle mit einem gezwungenen Lachen den Kopf. »Ja. An dem Ding hängen einfach jede Menge Erinnerungen, das ist alles.«
Evan legt die Arme um mich und zieht mich an sich.
Und obwohl ich weiß, dass es mir nichts weiter einbringt als Sehnsucht und Bedauern, gestatte ich mir ein paar nostalgische Erinnerungen an die Zeit mit Dad. Eine Zeit, als es Schokoladenkuchen zum Frühstück und Pancakes zum Abendessen gab, und dazwischen jede Menge Gelächter und Spaß. Widerstrebend frage ich mich, was Dad wohl sagen würde, wenn er wüsste, was aus dem sorglosen Teenager von damals geworden ist. Wäre er stolz auf die Frau, die ich heute bin, oder enttäuscht, weil ich ein so durchstrukturiertes Leben führe? Oder wäre es ihm egal? Das fände ich eigentlich am schlimmsten.
Evan lässt die Arme sinken und sagt: »Hör zu, es tut mir leid, wenn ich dich gerade jetzt so damit überfalle, aber ich habe ein kleines Problem, und es wäre super, wenn du mir einen Gefallen tun könntest.«
Ich blinzle die albernen Tränen weg, die mir in die Augen gestiegen sind. »Klar. Worum geht’s denn?«
»Könntest du Weston Campbell vom Sky Harbor Airport abholen?«
»Ein neuer Klient?«
»Nein, ein Geschäftspartner meiner Eltern, mit dem sie sich im Laufe der Jahre angefreundet haben. Sag bloß, ihr seid euch noch nie begegnet?«
»Nein. Der Name sagt mir nichts.«
»Na ja, wie auch immer, er will mir bei einem neuen Projekt zur Hand gehen.«
»Und wie soll ich ihn erkennen? Ich weiß doch gar nicht, wie er aussieht.«
Aus unerfindlichen Gründen weckt der Name Weston Campbell bei mir unwillkürlich die Vorstellung von einem gut genährten irischen Farmer mit Whiskeyfahne, zahnlosem Lächeln und drahtigem Haar, der mit der Mistgabel Heuballen traktiert. Ich weiß, ich sollte mir mein klischeebehaftetes Denken abgewöhnen, aber wo bleibt dann bitte schön der Spaß?
»Kein Problem.« Evan zückt sein Handy. »Bitte lächeln …«
»Moment.« Ich stelle das Irgendwann-Glas ab, um mir mit den Fingern durch das schulterlange braune Haar zu fahren und die Stirnfransen aufzulockern, die mir in die (übrigens typisch irischen) grünen Augen hängen. Wie gut, dass ich mein ärmelloses Lieblingskleid anhabe, kombiniert mit einem unbeschreiblich aparten Gürtel von Michael Kors. »Okay, es kann losgehen.«
Er schießt ein Foto von mir.
Mist. Ich glaube, ich hatte die Augen zu.
»Das … ist … Lanie … Howard«, murmelt er, während er die Buchstaben in sein Handy tippt. »So. Das Foto ist schon unterwegs. Er kommt mit der Maschine aus Los Angeles. Du musst nur in der Ankunftshalle auf ihn warten, dann findet er dich. Ihr könnt euch eigentlich nicht verfehlen, das Executive Terminal ist nicht sonderlich groß.« Evan schlüpft in sein Sakko und betrachtet sich in dem mit Leder gerahmten Spiegel an der hellbraun gestrichenen Wand (die Farbe nennt sich Nantucket Beige, und Evans Mom und ich waren einhellig der Meinung, dass sie eine einladende Atmosphäre verströmt. Mit kritischem Blick wendet er den Kopf nach links und rechts, um seine Schläfen auf etwaige »Parasiten« zu überprüfen, wie er die beiden grauen Haare nannte, die er vor ein paar Monaten – ausgerechnet an seinem dreißigsten Geburtstag – entdeckt hat. »Ich würde ihn ja selbst abholen, aber Weston hat kurzfristig umgebucht, und ich muss heute Abend zu diesem Vortrag zur Neuerung des Immobiliensteuergesetzes.«
»Wann kommt dieser Weston denn an?«
»Um sechs.« Er dreht sich um und ertappt mich dabei, wie ich zur Wanduhr schiele. »Ich weiß, heute spielen die Cardinals. Kann sein, dass du die erste Halbzeit verpasst, aber bis zur zweiten bist du sicher wieder zu Hause. Ich mach’s morgen wieder gut, okay?« Er zwinkert mir zu. »Kann ich mich auf dich verlassen?«
In einem stickigen Flughafengebäude herumzuhängen ist definitiv das Letzte, wonach mir gerade der Sinn steht, vor allem, wenn ich deshalb das heutige Footballspiel verpasse.
Aber Evan braucht mich, und Geschäftliches geht nun einmal vor, also kaschiere ich meinen Unwillen mit einem Lächeln und sage: »Natürlich.«
»Gut. Weston wird im Biltmore absteigen. Du kannst ihn einfach dort absetzen.« Er schlingt mir die Arme um die Taille, um mich noch einmal an sich zu ziehen. »Ich bin echt ein Glückspilz«, murmelt er und haucht mir einen Kuss auf den Hals.
Ich sehe ihm nach, bis sein Mercedes verschwunden ist, dann lasse ich mich auf meinen Stuhl plumpsen, greife erneut nach dem Erinnerungsstück, das er ausgegraben hat, und streiche mit dem Zeigefinger über einen feinen Sprung im Glas. »Versprich mir eines: Vergiss nie, dass das Leben mehr ist als Malen nach Zahlen. Wenn man Abenteuer erleben will, muss man auch mal vom Schema F abweichen«, hatte mir Dad mit eindringlichem Blick eingeschärft, die Hände um die meinen gelegt.
Tja, und hier sitze ich nun, viele Jahre später, eine erwachsene Frau, und überlege, ob ich diese Büchse der Pandora tatsächlich öffnen, über meinen Schatten springen und mir ein paar neue Herausforderungen suchen soll, wie ich es ihm versprochen hatte.
Vergiss nie, dass das Leben mehr ist als Malen nach Zahlen.
Mein Computer verkündet mit einem »Pling!«, dass ich eine neue Nachricht erhalten habe. Ich hebe den Kopf, und mein Blick streift die Handcreme (feuchtigkeitsspendend und der Hautalterung vorbeugend), und prompt fällt mir wieder ein, warum ich meinen Ring abgenommen habe. Im selben Augenblick erspähe ich ihn, halb verdeckt unter dem umgefallenen silbernen Bilderrahmen.
Gott sei Dank!
Erleichtert stecke ich mir das Schmuckstück an den Finger und nehme mir vor, mich auf die Zukunft zu konzentrieren statt auf die Vergangenheit. Entschlossen tippe ich auf den porösen Korken, der das Glas verschließt. Die Zeiten sind vorbei.
Eine Stunde später verlasse ich mit dem Irgendwann-Glas in der Handtasche und einem Stapel Ordner auf dem Arm das Büro. Auf dem Weg zu meinem Auto klingelt mein Handy. Ich krame es umständlich aus der Tasche. Gar nicht so einfach, wenn man so schwer beladen ist.
»Hey«, sagt Kit, meine beste Freundin. Sie kaut auf irgendetwas herum – vermutlich auf einem der Papaya-Müsliriegel, von denen sie sich überwiegend ernährt. Sie sagt zwar selber, dass die Dinger wie Pappe schmecken, aber sie liebt sie trotzdem, schon deshalb, weil sie sich notfalls zu einem Ständer für das Kinderfahrrad ihres Sohnes umfunktionieren lassen. »Sollen wir uns gemeinsam das Spiel und eine Ladung fetttriefende Fritten reinziehen?«
»Klingt verlockend, aber ich muss einen Bekannten von Evan abholen, und danach werde ich schleunigst nach Hause fahren und haufenweise Papierkram erledigen, während ich mir die zweite Halbzeit ansehe … Ach, Mist, und gerade fällt mir ein, dass ich unterwegs noch zu Nordstrom muss. Evan ist der Rasierschaum ausgegangen.«
Vorwurfsvolles Schweigen.
»Was ist?«
»Ach, ich frage mich nur, was mit meiner durchgeknallten allerbesten Freundin passiert ist, die alle beim Billard beeindruckt und nach ein paar Drinks auf der Bar getanzt hat. Mir scheint, sie ist endgültig dem Ernst des Lebens zum Opfer gefallen.«
»Sorry, Kit, aber ich habe keine Ahnung, wovon du redest.«
Wieder tönen Kaugeräusche durch die Leitung, dann sagt sie nachdrücklich: »The Vine, das Labor-Day-Wochenende, unser letztes Jahr an der Uni. Du hast in deinem Jeansmini auf der Bar getanzt, und der Barkeeper war sauer auf dich, weil du ihm deinen halben Lemon Drop Martini über den Arm gekippt hast.«
Ich muss lachen. »Wir gehen bald mal wieder was trinken, okay?«
Kit seufzt. »Okay. Versprich mir einfach, dass die freche Göre, die ich schon seit der Highschool kenne, noch irgendwo tief in dir schlummert.«
»Ja, ja, die ist noch da.« Gaaaanz tief drin. »Ich hab bloß gerade viel um die Ohren.« Ähem. Das sage ich jetzt schon seit drei Jahren. »Hab ich dir erzählt, dass wir zurzeit mit der Veräußerung von neunzehn verschiedenen Objekten beschäftigt sind? Im Bereich private Immobilienverkäufe im Großraum Phoenix belegt Evan Carter Immobilien damit in diesem Quartal voraussichtlich den zweiten Platz. Evan hat geschuftet wie ein Pferd.«
»Du hast geschuftet wie ein Pferd. Und deshalb solltest du dir zwischendurch auch mal eine Auszeit gönnen.«
»Mach ich.«
»Versprochen?«
»Großes Pfadfinderehrenwort.«
»Gut. Bis demnächst.«
»Jep. Ach, übrigens, nur fürs Protokoll: Das war nicht im Vine, sondern im Club 99. Dieser Jeansmini hat ganz schön viele durchgetanzte Nächte erlebt.«
Eigentlich gelangt man auf der Interstate 10 auf direktem Weg zum Phoenix Sky Harbour, aber ich bin früh dran, und es ist nicht allzu viel Verkehr, also gondle ich stattdessen gemütlich durch die Seitenstraßen. In der Washington Avenue fahre ich rechts ran und steige aus. Der sogenannte City Core Complex, zwei scharfkantige Türme, die Wohnungen und Büros beherbergen, ist beinahe fertiggestellt. Ich weiß nicht viel über das Projekt, bin jedoch beeindruckt vom Weitblick des Architekten. Er – oder sie – muss genau gewusst haben, dass sich um diese Tageszeit, am frühen Abend, die hinter dem Camelback Mountain untergehende Sonne in den Glasflächen der beiden sechzig Stockwerke hohen Gebäude spiegeln wird und mit ihr die atemberaubende Wüstenlandschaft, die die Stadt umgibt.
Ich trete an den um die Baustelle aufgestellten Zaun und reibe mir die Oberarme. Mich fröstelt, und ich weiß nicht, ob es an der schon herbstlich kühlen Brise liegt oder an den Erinnerungen, die für mich mit diesem Ort verbunden sind. Ich umklammere den Bauzaun. Was für ein Kontrast zu dem Gebäude, das vorher hier stand! Hier hat mein Dad früher gearbeitet. An der Ecke war ein Feinkostladen, in dem ich mir mein Heißgetränk selbst bestellen durfte, ehe wir uns an seinen Schreibtisch setzten und Seite an Seite Fotos von ihm beim Raften, Paragleiten oder Abseilen begutachteten und die besten für seinen nächsten Artikel aussuchten – er war freiberuflicher Journalist für eine Zeitschrift.
»Waren das alles Wünsche aus deinem Irgendwann-Glas?«, fragte ich ihn und deutete auf ein Hochglanzfoto von einer schneebedeckten Bergkette, wobei ich überlegte, ob das womöglich zu begeistert geklungen hatte. Zu kindlich.
»Nein. Ich brauche kein Irgendwann-Glas.« Er knuffte mich mit dem Ellbogen in die Rippen. »Du bist mein größtes Abenteuer.«
Mein Herz flatterte, wenn er das sagte. Mehr noch, es kitzelte mich, wenn er das sagte. Du bist mein größtes Abenteuer. Nie habe ich mich so geliebt und beschützt gefühlt wie in diesem Moment. Der wichtigste Mensch in seinem Universum.
Sechs Wochen später zog er aus.
Ich lasse den Zaun los, als hätte man mir einen Stromschlag verpasst. Was ist nur in mich gefahren? Wie kann es sein, dass mich ein alberner Gegenstand aus meiner Kindheit derart aus der Bahn wirft?
Als ich meinen Weg zum Flughafen fortsetze, funkelt der Diamant meines Verlobungsrings in der Abendsonne, und ich denke über mein Leben nach. In drei Monaten werde ich einen attraktiven, integren, prinzipientreuen Mann heiraten. Einen Mann, der nett zu meiner Mom ist, mein halb gelöstes Kreuzworträtsel beendet und sich noch immer pro forma von seinem Platz erhebt, wenn ich mich beim Abendessen zu ihm an den Tisch setze oder von der Toilette zurückkomme. Dank dieses Mannes habe ich einen guten Job und Klienten, die ich mag. Meine Zukunft ist gesichert.
Das Irgendwann-Glas lugt oben aus meiner Handtasche heraus. Ich schiebe es entschlossen tiefer hinein, bis ich es nicht mehr sehe. Es wäre töricht, die Vergangenheit wiederaufleben zu lassen. Der Gedanke an nicht eingehaltene Versprechen würde nur alle möglichen alten Wunden wieder aufreißen. Ja, mein Dad ist der erste Mann, den ich je geliebt habe. Aber er ist auch der erste Mann, der mir das Herz gebrochen hat.

Allison Morgan

Über Allison Morgan

Biografie

Allison Morgan lebt mit ihrer Familie im sonnigen Arizona. Sie liebt die Footballspiele der Arizona Cardinals (es sei denn, sie verlieren!), die strubbeligen Haare ihrer Kinder nach dem Aufstehen und Baileys im Kaffee. »Die fabelhaften Wünsche der Lanie Howard« ist ihr erster Roman.

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