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Die Expedition

Die Expedition

In 13 Jahren um die Welt

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Die Expedition — Inhalt

Allein mit Muskelkraft 74842 Kilometer: Jason Lewis umrundet auf einer epischen Reise in mehr als 13 Jahren den Globus. Sein Abenteuer führt ihn im Pedalboot über den Atlantik und auf Inlineskates durch die USA, mit dem Fahrrad ins Outback und im Kajak auf den Nil. Und weder Piraten noch Krokodile, Krankheiten oder schwere Unfälle können ihn dabei stoppen. Packend und mit brillantem Humor erzählt der sympathische Brite von seiner Rekord-Expedition, dem Leben jenseits gesellschaftlicher Tretmühlen und einem bewussten Umgang mit unserem Planeten. Ein Meilenstein der Reiseliteratur in zwei attraktiven Bänden.

€ 19,99 [D], € 19,99 [A]
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Katharina Förs, Gabriele Gockel, Thomas Wollermann
912 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97143-0

Leseprobe zu »Die Expedition«

13. Mai 2005, 17.17 Uhr,
Halbinsel Cape York, Australien

Als ich die Südspitze des Lookout Point umrundete, sträubten sich mir die Nackenhaare, so wie wenn man sich beobachtet fühlt. Ich warf einen Blick über die Schulter. Zwei starre Augen und eine stumpfe Schnauze glitten hinter meinem Kajak durchs Wasser. Augenblicklich packte mich die Angst. Nicht diese kribblige Angst, die einen überfällt, wenn man im Badezimmer einer großen Spinne begegnet, sondern die seit Urzeiten tief in uns sitzende Panik, gejagt, als Beute betrachtet zu werden. Die letzten [...]

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13. Mai 2005, 17.17 Uhr,
Halbinsel Cape York, Australien

Als ich die Südspitze des Lookout Point umrundete, sträubten sich mir die Nackenhaare, so wie wenn man sich beobachtet fühlt. Ich warf einen Blick über die Schulter. Zwei starre Augen und eine stumpfe Schnauze glitten hinter meinem Kajak durchs Wasser. Augenblicklich packte mich die Angst. Nicht diese kribblige Angst, die einen überfällt, wenn man im Badezimmer einer großen Spinne begegnet, sondern die seit Urzeiten tief in uns sitzende Panik, gejagt, als Beute betrachtet zu werden. Die letzten fünfzig Meter bis zur Küste, die ich mir als gemächliches Ausgleiten in stillen Erinnerungen an meine Pazifiküberquerung ausgemalt hatte, wurden auf einmal zu einer adrenalingetriebenen Explosion fliegender Armbewegungen, begleitet von wummerndem Herzschlag. Wenn mich das Ding ins Wasser zieht, ist es aus … Ich ruderte wie besessen. Das Raubtier holte spielend auf, wie mir ein gelegentlicher Blick nach hinten bestätigte. Das Blatt meines Paddels stieß auf Sand. Blitzschnell riss ich die Klettverschlüsse der Spritzdecke auf, sprang aus dem Boot und wirbelte herum, um mich meinem Verfolger zu stellen. Nichts zu sehen. Das Vieh war verschwunden. Meine geschwollenen, mit Blasen übersäten Hände zitterten, und ich war nahe daran, mich zu übergeben. Der Schock. Ja, das muss der Schock sein … Fünfunddreißig Kilometer in fünfeinhalb Stunden, das war auch eine beachtliche Leistung gewesen, zumal mich ein Leck in der Bespannung des Boots des Öfteren zum Schöpfen gezwungen hatte. Die Sonne, die mir ihre Strahlen erbarmungslos über die Spiegelfläche des Korallenmeers entgegenschickte, hatte das Ihre dazu beigetragen, meinen überanstrengten, rebellierenden Muskeln das letzte Quäntchen Kraft auszusaugen. Aber jetzt, hier am Strand, war ich erst einmal in Sicherheit. Wenigstens solange es noch hell war. Die erste Ladung Ausrüstung ließ ich gleich hinter der Flutlinie fallen – das hölzerne Doppelpaddel, die Spritzdecke und ein paar wasserdichte Taschen – und drehte mich um, um mehr zu holen. Wie angewurzelt blieb ich stehen. Das fünf Meter lange Ding schoss aus der spritzenden Gischt heran, ein pechschwarzer Rammbock, der durch einen unheilvollen Fluch zum Leben erwacht war. Wie in einem billigen Horrorstreifen stapfte das Reptil zielstrebig auf mein noch halb im Wasser liegendes Kajak zu. Ich ergriff das Paddel und rannte zum Boot. Keine Ahnung, was ich mir dabei dachte. Nur eines wusste ich, dass meine Wasser- und Lebensmittelvorräte sowie mein Satellitentelefon im Begriff waren, ins Meer gezerrt zu werden. Das wäre es dann gewesen. Aus und vorbei. Ich befand mich an einem abgelegenen Abschnitt der Nordostküste von Queensland, ungefähr 200 Kilometer nördlich von Cooktown, der letzten Küstensiedlung auf der Halbinsel Cape York. 650 Kilometer weiter im Norden, jenseits des Meeres, liegt Papua-Neuguinea. Ich wusste natürlich, dass in diesen Gewässern Salzwasserkrokodile lauern. Es war auch kaum möglich, das nicht zu wissen, denn in jedem zweiten Satz aus dem Mund eines Einheimischen kam das Wort »Krokodil« vor. »Da draußen sind ein paar wirklich große Echsen unterwegs, mein Freund«, hatte mich noch am Morgen Russell Butler gewarnt, ein Aborigine-Führer, als ich am Strand vor dem Lizard Island Research Centre aufgebrochen war. »Pass auf dich auf, ja?« Das schien mir nun schon eine Ewigkeit her zu sein. Als ich losrannte, ging in meinem Kopf die Melodie eines Disco-Schlagers los, den ich den ganzen Nachmittag über vor mich hingesummt hatte. Last night a deejay saved my life … Last night a deejay saved my life from a broken heart. Solche Streiche spielte mir mein Hirn oft, wenn es richtig dicke kam. Es versuchte mir dann mit rabenschwarzem Humor vorzugaukeln, alles wäre in bester Ordnung. Ein Abwehrmechanismus, der mir die Handlungsfähigkeit erhält. Nun war ich fast beim Boot. Das Krokodil befand sich auf der anderen Seite, nur ein paar Meter entfernt. Ein riesiges Vieh. Es war gar nicht einmal so lang, aber sehr kräftig, mit schwarzen, länglichen Schuppen, die auf dem Rücken einen mit Zacken besetzten Panzer bildeten. Der Bauch war glatt und milchig-hell. Aus der Deckung des Kajaks heraus hieb ich dem Tier mit dem Paddel auf die Schnauze. »Gsch, hau ab, verpiss dich …« Das Reptil klappte zur Antwort sein Maul auf und enthüllte Reihen porzellanweißer, spitzer Zähne und eine tiefe Rachenhöhle. Leise zischte es mich an. Bisher hatte es sich nur für mein Kajak interessiert. Nun machte es mit erhobenem Schwanz und weit aufgerissener Schnauze einen Satz in meine Richtung. Im selben Augenblick stieß ich zu. Das Fangeisen seiner Kiefer schnappte über dem Blatt des Paddels zu.[1] Es begann eine Art Tauziehen. Je mehr ich zerrte, desto fester verbiss es sich. Mit seinen gut und gerne 750 Kilo Gewicht hätte das Tier nur einmal den Kopf schütteln müssen, um mir das Paddel aus den Händen zu reißen. In meiner Verzweiflung stieß ich es vorwärts, tiefer in seinen Rachen hinein. Auf einmal kam das Paddel frei. Sofort schlug ich zu, so fest ich nur konnte. Das trockene Geräusch von splitterndem Holz. Ich stand mit einem halben Paddel da. Verdammt! Vielleicht hatte ich tatsächlich das Auge getroffen, auf das ich gezielt hatte. Vielleicht hatten nach mehr als 10.000 kräftezehrenden Seemeilen in aufgewühlter See und bei peitschenden Winden, einer Blutvergiftung, Wahnvorstellungen und Gegenströmungen, die mich im Handumdrehen um Wochen zurückwarfen, die Meeresgötter ein Einsehen und Erbarmen mit mir. Das Krokodil machte kehrt und glitt ins Wasser zurück. Mein Adrenalinpegel schoss in die Höhe, mein Magen hob sich. Ich kotzte im hohen Bogen. »Weg vom Strand, sofort!«, befahl mir eine gebieterische Stimme. Ich hatte mein Satellitentelefon aus dem hinteren Stauraum des Kajaks gefischt und meinen australischen Outback-Spezialisten John Andrews in Cairns angerufen. »Diese Viecher sind teuflisch schlau. Nur klettern können sie nicht. Am besten suchst du dir eine höher gelegene Stelle. Wenn du am Strand kampierst, wartet es, bis du eingeschlafen bist, und dann holt es dich.« Das war keine übertriebene Warnung. Ein paar Monate zuvor war der vierunddreißigjährige Andrew Kerr, der mit seiner Familie 150 Kilometer weiter im Nordwesten in der Bathurst Bay zeltete, am frühen Morgen aufgewacht, weil ihn ein mehr als vier Meter großes Salzwasserkrokodil ins ungefähr zehn Meter entfernte Meer zu schleifen versuchte. Alicia Sorohan, eine sechzigjährige Großmutter, war dem Tier beherzt auf den Rücken gesprungen, woraufhin es sein Opfer losgelassen hatte. Zum Glück war in diesem Augenblick ihr Sohn herbeigelaufen und hatte es mit einem Revolver erledigt – ich hatte natürlich keinen dabei. Es war schon dunkel, als ich mit den letzten Ausrüstungsgegenständen den steilen, schmalen Pfad bis zum höchsten Punkt der Landspitze hinaufhumpelte. Meine Füße waren geschwollen. Wie dumm von mir, meine Sandalen auf der Veranda von Bob und Tanya Lamb vergessen zu haben. Völlig ausgelaugt ließ ich mich in das vom Wind platt gedrückte Gras fallen. Mein Kopf sank auf ein Grasbüschel. Der nachlassende Südostpassat war nur noch als Flüstern zu vernehmen, dafür summten nun Scharen von Moskitos in meinen Ohren, die von wer weiß wo heranschwirrten. Na schön. Ich wollte sowieso nicht einschlafen. In einiger Entfernung unter mir leuchteten im Schein meiner Stirnlampe ein paar schlaflose, orangefarbene Augen auf, die suchend auf- und abwanderten. Ich tastete nach meinem Ozeanring. Er saß fest an meinem linken Ringfinger. Ich dachte an den Tag, an dem ich ihn mir kurz hinter der Golden Gate Bridge angesteckt und meinen Eid auf das Meer geleistet hatte: Von nun an sind wir eins … Hatte es geholfen? Vielleicht. Jedenfalls hatte mich der Pazifik von einem Ende zum anderen getragen. Ich ließ meine Gedanken weiter zurückschweifen und blinzelte in den Nachthimmel der Südhalbkugel, versuchte mich zu erinnern … Wie war ich hier gelandet, 14.300 Kilometer von der Heimat entfernt, zerstochen von Moskitos, auf dieser gottverlassenen Klippe, an deren Fuß ein Raubtier auf seine Gelegenheit lauerte, mich aufzufressen?

[1] Seit die Jagd auf die Tiere 1974 verboten wurde, hat sich der Bestand der Salzwasserkrokodile in Australien gut erholt, besonders im dünn besiedelten Norden des Landes. Entsprechend haben auch Revierkämpfe zugenommen, und mein Kajak, das ungefähr die Größe und Form eines jungen Männchens hatte, konnte von einem dominanten Tier leicht für einen Eindringling gehalten werden.

 

 


PARIS
Große Pläne

Die meisten Menschen … haben sich mit einem Leben in Mittelmäßigkeit abgefunden, mit Tagen voller Verzweiflung und Nächten voller Tränen. Sie sind nichts als lebende Tote, die aus ihrem selbst gewählten Friedhof nicht herausfinden.

– Og Mandino, The Greatest Miracle in the World

 


Dreizehn Jahre zuvor,
Paris, August 1992

»Unglaublich, was?«, rief Steve. »Dass da noch niemand drauf gekommen ist!« Wie er mir gerade erläutert hatte, war die Welt schon mit praktisch allem umrundet worden, mit dem Segelschiff, dem Flugzeug oder einem Heißluftballon. Doch die einfachste, ökologischste Methode, die schon zu allen Zeiten möglich gewesen wäre, ohne Einsatz von fossilem Treibstoff, war noch unversucht geblieben. »Das wird eine echte Premiere, bestimmt!«, stellte er aufgekratzt fest. Mein alter Studienfreund Steve Smith und ich hockten um zwei Uhr morgens in der Küche seiner Pariser Wohnung auf dem Fußboden über einer Weltkarte und tranken Kronenbourg 1664. Der Schatten eines dekorativen Deckenventilators, der einen Hauch von französischem Kolonialstil verbreitete, wischte langsam über die Karte hinweg. »Und du bist dir wirklich sicher, dass alle anderen Möglichkeiten, echte Abenteuer zu erleben und etwas ganz Neues zu entdecken, ausgeschöpft sind?«, fragte ich. Steve hatte seine Hausaufgaben gemacht. Er spulte einige der Großtaten des vergangenen Jahrhunderts herunter: Amundsen, der 1911 gegen Scott das Rennen zum Südpol gewann; Hillary und Norgay, die 1953 den Mount Everest bezwangen; Armstrong, der 1969 als erster Mensch einen Fuß auf den Mond setzte. Jetzt, 1992, waren nicht mehr viele Rekorde zu brechen, wenn man von der Tiefsee und dem Weltraum absah. Über nahezu jeden Quadratmeter der Erdoberfläche war schon mal jemand gelatscht, gesegelt, geflogen oder gefahren. Entdecker und Abenteurer waren eine vom Aussterben bedrohte Zunft. Kein Wunder, dass sie sich zunehmend mithilfe von fantasievollen Erklärungen abmühten, irgendeinen Schnickschnack oder die Variante eines abgenudelten Themas zur Erstleistung hochzujubeln. »Früher oder später werden wir vom ersten Transsexuellen im Tanga hören, der mit verbundenen Augen auf einem Snowboard den Mount Everest runtergesaust ist.« Ich lachte. »Na, das ist doch bestimmt auch schon abgehakt.« »Aber nicht auf einem Mülltonnendeckel!« Ich war am Nachmittag aus London eingeflogen. Steve hatte mich eingeladen, »mal wieder richtig einen draufzumachen – so wie in der guten alten Zeit«. Wieso hatte ich nicht gleich Lunte gerochen? Wir hatten kaum Kontakt gehabt, seit wir die Uni abgeschlossen hatten. Warum ausgerechnet jetzt ein Treffen, so ganz ohne Anlass? Doch schon kurz nachdem er mich am Flughafen Charles de Gaulle eingesammelt hatte und wir langsam mit der Métro Richtung Innenstadt zuckelten, kam die Erklärung. Steve, die Haltestange fest umklammert, verkündete mir über die rumpelnden Räder hinweg den genialsten, hirnrissigsten, aufregendsten und unverantwortlichsten Plan, der je einer Mutter einen Herzinfarkt beschert hat: Eine Reise rund um den Globus nur mit der eigenen Muskelkraft … Diese Worte schwebten wie ein Zauberspruch eine Weile im U-Bahn-Waggon und machten mir Gänsehaut. Das hieß … die denkbar weiteste Reise, über Land und über Meer, zu allen Winkeln der Erde, und das nur aus eigener Kraft. Keine Motoren, keine Segel. Einmal rundherum, ohne anderen Antrieb als die eigenen Muskeln. Die ultimative Herausforderung schlechthin. Während mir Steve diesen Plan noch erläuterte, stiegen in meinem Kopf bereits wildromantische Bilder auf: mit dem Fahrrad die kargen Steppen Zentralasiens durchqueren, mit dem Rucksack über die eisigen Einöden des Himalaja wandern, nach einem harten Tag, an dem ich mir mit der Machete meinen Weg durch den Regenwald am Amazonas gebahnt hatte, an einem flackernden Lagerfeuer sitzen. Aber die Ozeane?, fragte ich mich. Rudern? Schwimmen? Auf einem Bodyboard paddeln? Und wie war Steve ausgerechnet auf mich als Begleiter verfallen? Ich hatte absolut keine Erfahrung als sogenannter Abenteurer. Sicher, ich hatte ein paar Reisen gemacht, aber nichts, das aus dem Rahmen fiel: drei Monate Kenia nach der Schule, Zypern während meiner Collegezeit und danach noch ein bisschen USA. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr war ich hauptsächlich Sänger einer Grunge Band, die durch die üblichen Londoner Spelunken tingelte: das Falcon in Camden, das Half Moon in Putney, das Bull and Gate in Kentish Town. Daran hatten wir in der Anfangszeit, als wir uns noch nicht ganz so ernst nahmen, Spaß gehabt. Unsere erste Formation, Dougal Goes to Norway, war eine reine Coverband gewesen. Von den zahllosen anderen unterschieden wir uns lediglich durch Wikingerhelme und Kilts – unter denen wir natürlich nichts trugen. Später wurden wir etwas ehrgeiziger und brachten eine eigene EP heraus. Aber irgendwann – die ganze Band, fünf Leute, dazu zwei Hunde und drei Katzen, hauste in einer Zweizimmer-Doppelhaushälfte in Staines, die weithin nur als »das Scheißhaus« bekannt war – ließ der Reiz der Sache nach. Ich finanzierte meine Musiksucht mit »Ballistic Cleaning Services Inc.«, einer Fensterputzfirma, deren Auftraggeber hauptsächlich Restaurants und Hotels im Londoner Westen waren. Wenn wir nicht auf einer Leiter standen und Fensterscheiben wienerten, waren mein Partner Graham und ich üblicherweise auf der Autobahn zwischen Egham und Bracknell in einem klapprigen Kombi Marke Morris Marina unterwegs, den wir für 50 Pfund auf einem Schrottplatz an der Old Kent Road erstanden hatten. Dieses Firmenvehikel war mit dem Spraydosenslogan »Get Realistic! Go Ballistic!« verziert, aber weder zugelassen noch versichert. Immerhin lief es zuverlässig. Nur einmal löste sich ein Hinterrad und überholte uns auf der Ascot High Street, sonst hat es uns nie im Stich gelassen. Aber das war doch sicherlich keine einschlägige Qualifikation für ein solches Unterfangen? »Bist du dir sicher, dass du mich als Partner für diese Expedition haben willst?«, fragte ich Steve mit einem Seitenblick. Er nickte. »Und es wird ungefähr drei Jahren dauern, meinst du?« »Wenn wir einen Sponsor finden.« Ich nahm einen Schluck und musterte meinen alten Freund kritisch. Wie die meisten aus unserem Abschlussjahrgang, die nun ihre Tage an einem Schreibtisch verbrachten, sah er ziemlich blass aus. Etwas Sonne hätte ihm nicht geschadet. Aber während andere langsam ihren Bauchansatz entwickelten, war Steve immer noch schlank und sportlich. Kein Gramm Fett zu viel. Und er hatte immer noch seine strahlend blauen Augen und einen festen Blick. Bei unserer ersten Begegnung lag ich auf dem Rücken in einem fremden Bett im Studentenwohnheim, einen Arm um ein Mädchen geschlungen, in der freien Hand eine Flasche Wodka. Die Party war in vollem Gang, und ich hatte eine vage Ahnung, dass der Typ, der mich von der Tür aus wütend anstarrte, der Besitzer des Betts war. Steve, wie ich dann erfahren sollte. Ihm war der »Bauerntölpel ohne Manieren«, der seine Matratze mit Wodka tränkte, auf den ersten Blick unsympathisch. Trotzdem wurden wir später in gemeinsam besuchten Biologie- und Geografieseminaren dicke Freunde. Nach einem Wochenende beim Forellenfischen in Dartmoor, das wir eigentlich mit tödlich langweiligen Vorträgen über die Entstehung der dortigen Tors – flacher Wiesenhügel mit Granitfelsen – hätten zubringen sollen, unternahmen wir öfter Ausflüge in die Umgebung von London. Einmal brachen wir zu einer dreitägigen Wanderung durch die Chiltern Hills im Süden von Oxfordshire auf. Als wir in Princes Risborough aus dem Zug stiegen, stellten wir fest, dass wir beide weder Schlafsack noch Zelt mitgenommen hatten. Es war Mitte Januar, die Temperaturen lagen unterhalb des Gefrierpunkts. Die erste Nacht verbrachten wir auf dem Fußboden einer Kneipe, in die wir durch ein heimlich geöffnetes Klofenster eingestiegen waren, nachdem man uns rausgeschmissen hatte. In der zweiten Nacht hatten wir pures Glück und fanden einen Heuschober. Andernfalls wären wir vermutlich einfach erfroren. Solche jugendlich-ungestümen Kamikazeaktionen, je unüberlegter, desto besser, in denen wir dem Schicksal immer wieder ein Schnippchen schlugen, festigten unsere Freundschaft. Gefördert wurde sie außerdem durch unsere Neigung zu Bier, Unfug und Respektlosigkeit, ein Trio, das uns zu einer ganzen Reihe pubertärer Collegestreiche anstiftete. Der Höhepunkt war ein fünf Meter großer Penis aus Pappe, Luftballons und einem rosafarbenen Bettlaken, den wir vom Giebeltürmchen eines Unigebäudes baumeln ließen. Dieser jämmerlich schlaffe Protest, zu dem ein leichter Nieselregen das Seine beitrug, richtete sich gegen den Besuch eines Politikers und war zu dieser Zeit der Gipfel dessen, was uns gegen das Establishment einfiel. Schließlich gingen wir beide unserer Wege: Steve startete eine Karriere als Ökologe, ich als Fensterputzer und Sänger in schummrigen Spelunken. »Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen?«, fragte ich. Steve schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Ich habe eine Weile für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gearbeitet, die OECD. Anfangs dachte ich, jetzt kann ich endlich etwas bewirken, indem ich Studien für Politiker ausarbeite, die sie zu mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit in ihrer Wirtschafts- und Entwicklungspolitik bewegen.« Wie viele seiner Kollegen machte sich Steve Sorgen wegen der wachsenden Weltbevölkerung. Für das Jahr 2050 gehen die Prognosen von zehn Milliarden Menschen aus, die alle den Wohlstand westlicher Prägung anstreben, wie er ihnen im Fernsehen vorgeführt wird. Vorsichtigen Schätzungen zufolge wären acht weitere Erdplaneten nötig, um diese Konsumansprüche zu befriedigen und dabei den Ressourcenverbrauch und die biologische Vielfalt auch nur auf dem Stand von 1994 zu halten. »Aber all unsere Studien trafen auf taube Ohren«, fuhr er fort. »Die Bewohnbarkeit des Planeten für künftige Generationen zu erhalten ist eine noble Idee, sagten uns die Ökonomen, aber wir können uns das einfach nicht leisten.« Anstatt sich damit abzufinden, die Stufen der Karriereleiter zu erklimmen und einen immer höheren Gehaltsscheck einzustreichen, entschloss sich Steve dazu, ein Zeichen zu setzen. »Am liebsten hätte ich eine dieser Pfeifen, die noch nicht mal bis übermorgen denken können, am Schlips gepackt und ihm ins Gesicht gebrüllt: ›Hast du denn die Daten über die Klimaentwicklung und das Artensterben nicht gesehen? Wenn wir uns was nicht leisten können, dann ist es Nichtstun. Wir sind die Nächsten, die es erwischt!‹« Kein Wunder, dass man bald ein anderes Betätigungsfeld für ihn fand: die Untersuchung der Umweltauswirkungen von kreosothaltigen Holzschutzmitteln in Leitplanken. Der Plan ging auf. Steve verlor seine Illusionen, starrte nur noch aus dem Fenster, träumte vor sich hin … »Da dachte ich: Wie wäre es, wenn ich mal tun und lassen könnte, was ich will, was würde ich dann mit meinem Leben anfangen?« Klar, dass es nur etwas sein konnte, das mit Reisen und Abenteuer im ganz großen Stil zu tun hatte. »Und was könnte großartiger sein als eine Weltreise?« Stellte sich nur die Frage nach der Fortbewegungsart. Sie durfte weder teuer sein noch die Umwelt belasten. »Motoren und ich stehen miteinander auf Kriegsfuß. Und Tiere würden den ersten Monat nicht überleben.« Da kam ihm die rettende Idee. Sein Heureka! Die billigste, technisch anspruchsloseste, umweltfreundlichste Fortbewegungsart überhaupt: die eigene Muskelkraft! »Also, was hältst du davon, Jase? Bist du dabei?« Ich ließ den Blick aus dem Küchenfenster über das schmiedeeiserne Balkongitter hinweg in die Pariser Nacht schweifen. Die Stellen auf den Karten, auf denen weit und breit keine Straßen und Städte zu sehen waren, übten einen starken Reiz auf mich aus. Und eine kreative Auszeit würde mir sicher ein paar neue Songs bescheren. Wenn wir bald aufbrachen, dann entging ich vielleicht sogar dem Gerichtsverfahren, das mir drohte, weil ich den Ballistic-Lieferwagen der Fensterputzfirma auf der Fulham Road in einen Rolls-Royce geknallt und anschließend Fahrerflucht begangen hatte. Aber da war noch etwas. Ich ließ meine Gedanken zurückschweifen und sah mich als Sechzehnjährigen in dem verstaubten, überheizten Büro des Berufsberaters. »Für welche Berufe interessiert du dich denn so?«, hatte er mich gefragt. »Wozu?«, hatte ich zurückgefragt. »Wozu? Was meinst du damit?« »Wozu einen Beruf?« Der Berater hatte mich ungläubig angestarrt. »Jeder ergreift einen Beruf. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.« »Schön. Aber wozu das alles? Was ist der Sinn?« Ich hätte ihn auch fragen können, ob es denn nichts auf der Welt gäbe als »Job, Familie, pervers großer Fernseher, Waschmaschine, Auto, CD und elektrischer Dosenöffner, Gesundheit, niedriger Cholesterinspiegel, Krankenversicherung, Eigenheimfinanzierung …«[1] Hatte das Leben denn sonst nichts zu bieten? Offensichtlich nicht, denn der Berufsberater hatte nur geseufzt und mich ins Leben hinausgeschickt. Ich hatte einfach Angst, in die Mühlen der zunehmend materialistischen Gesellschaft zu geraten, Angst vor all der Mittelmäßigkeit und dem leeren Luxus, deren einziger Sinn und Zweck der Konsum von irgendwelchem Krempel war. Ich wollte nicht bloß ein menschliches Batteriehuhn sein. Die industrielle Revolution hat uns Menschen – insbesondere im Westen – einen enormen technischen Fortschritt beschert. Die medizinische Versorgung, der Wohlstand, die Bildung, all das hat ohne Zweifel die Lebensqualität massiv erhöht. Aber wo blieb der entsprechende moralische Fortschritt? Wo blieb die Philosophie, die all den Verbesserungen Bedeutung und Wert verschaffte? Mit unseren einzigartig großen Gehirnen haben wir Systeme und Maschinen erdacht, die unser Leben sicherer und bequemer machen, aber das ist auch schon alles. Die menschliche Existenz, all diese Technik, scheint auf nichts anderes hinauszulaufen, als sich immer mehr Macht und Ressourcen anzueignen. Und der Schlüssel zum Erfolg für den Einzelnen liegt in der Manipulation und Ausbeutung seiner Mitmenschen, mit denen er im endlosen darwinistischen Wettstreit steht und gegen die er genau jene Fähigkeiten einsetzt, die uns gegenüber der Natur in die Poleposition brachten. Aber wenn Darwin richtiglag und die natürliche Auslese der blinde Chauffeur am Lenkrad der Evolution ist, der die menschliche Existenz auch ohne Plan und Ziel voranbrachte, warum suchen die Menschen dann ständig nach etwas »anderem«, um ihrem Leben Sinn zu geben? Nach einem Gott oder einer verborgenen Kraft, die nach einem klugen Plan die Fäden zieht und uns mit einem moralischen Kompass und einer höheren Aufgabe versieht? Leben. Aber wie? Jahre nach meinem Gespräch mit dem Berufsberater schien mir das immer noch die drängendste aller Fragen zu sein, jedenfalls drängender als die, welchen ausgetretenen Berufsweg ich mir aus dem Karriereautomaten der Wirtschaft ziehen sollte. Dagegen schien es mir alle Gefahren und Mühen wert zu sein, in diesem unserem 21. Jahrhundert, in dem die Menschen so achtlos der Katastrophe entgegentaumeln, nach der großen, alles umfassenden Philosophie des Lebens zu suchen, einer, die die Perspektive dafür öffnet, wie es sich auf diesem überfüllten Planeten nachhaltig leben lässt. »Okay, ich bin dabei.« Steve grinste. »Prima!« »Bloß noch eine Frage, bevor ich meine Unterschrift unters Kleingedruckte setze.« Ich tippte mit dem Finger auf die Karte, wo der Atlantik und der Pazifik eingezeichnet waren. »Diese blauen Flecken da …« »Ja! Ja! Die großen Pfützen!«, unterbrach mich Steve. »Ja, genau, ähm … die großen Pfützen. Wie kommen wir da rüber?« »Ganz einfach. Mit dem Kajak von Schottland nach Grönland, dann quer durch Kanada und dann …« »Du spinnst. Keiner von uns hat je in einem Kajak gesessen!« »Herrgott, Jase. Was soll daran so schwer sein? Du machst einfach so, und irgendwann bist du da.« Mit diesen vertrauenerweckenden Worten sprang er auf und fuchtelte mit den Armen herum, als würde er ein Paddel durchs Wasser ziehen. Ich lachte schallend. »Ich habe mich geirrt. Du spinnst nicht. Du bist total irre!« Um die Wahrheit zu sagen, wir beide hatten nicht die geringste Ahnung, worauf wir uns da einließen. Aber wie wir noch oft Gelegenheit haben sollten festzustellen, Mangel an Erfahrung ist kein Grund, etwas nicht zu versuchen. Und hatte Hägar der Schreckliche, der weise Wikinger aus dem Comic, nicht einst gesagt: »Ahnungslosigkeit ist die Mutter aller Abenteuer«? Trotzdem, hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, ich hätte vermutlich niemals Ja gesagt.

[1] Aus dem Film Trainspotting (1996) von Regisseur Danny Boyle.

Jason Lewis

Über Jason Lewis

Biografie

Jason Lewis, 1967 in Yorkshire geboren, unternimmt Expeditionen, die er ohne technischen Antrieb bewältigt. Seine 13-jährige Weltumrundung aus eigener Muskelkraft (1994–2007) wurde vom Guinnessbuch der Rekorde als erste Reise dieser Art gewürdigt. Der Abenteurer wurde u.a. von The Times und Sport...

Pressestimmen

Süddeutsche Zeitung

»Lewis bauscht nicht auf und verklärt nicht. Das unterscheidet dieses von den meisten Abenteuer-Reisebüchern und macht seine Qualität aus.«

IMAGINE (CH)

»Die Reise von Jason Lewis ist wohl eine der längsten und inspirierendsten der Geschichte und ein Meilenstein des Genres.«

ÖKO-TEST Magazin

»Atemberaubend und beeindruckend.«

SURVIVAL Magazin

»Sein zweibändiges Buch ist eine unterhaltsame Mischung aus britischem Humor, Anti-Establishment und ökologischem Bewusstsein. Lesenswert!«

Inhaltsangabe

Paris – Große Pläne 

England – Ein Traum reift heran 

Europa – On the Road 

Atlantik – Hinaus ins weite Blau 

Karibik – Riffe, Piraten & Salzwassergeschwüre voller Maden 

Nordamerika – Durch den Deep South skaten 

Colorado – Frisches Blut auf der Straße  

Amerikanischer Westen – Wieder atmen lernen 

Kalifornische Wüste – Auf der alten Route 66 

San Francisco – Verborgene Saat 

Mittelamerika – Liebe in der Baja 

Tage in Monterey – Piraten werden nicht verhaftet 

Pazifik – Mit dem Tretboot nach Hawaii 

Eine große Insel – Die eiserne Edie 

Von Hawaii nach Tarawa – Gar gekocht im Gegenstrom 

Republik Kiribati – Das Lächeln eines Fremden 

Zu den Salomon-Inseln – Fine Young Cannibals

Nach Australien – Kotzen im Korallenmeer 

Cairns, Australien – Primitives Leben im Rattenloch 

Im Outback – »Ihr werdet es nie bis Darwin schaffen!« 

Darwin – Der beste Job, den ich je hatte 

Die Timorsee – Auf Grund in der Apsley Strait 

Timor-Leste – Letzte Spuren der »Operation Rimau« 

Indonesien – Die Grenze bei Batugade 

Nusa Tenggara – Zombies, Zank und Seeschlangen 

Java – Weit weg von zu Hause 

Sumatra – Immer schön strampeln und den Parang nicht vergessen 

Singapur, Malaysia, Thailand, Laos, China – Helfende Hände & Grinsegesichter 

Himalaja – Sieben Wochen in Tibet 

Über Lhasa nach Kathmandu – Die Straße der offenen Hände 

Indien – Schwimmen im dicken Eintopf 

Arabisches Meer – In Piratengewässern 

Dschibuti und dann nach Ägypten – Betrug auf dem See 

Naher Osten – Die Glocken von Aleppo 

Europa – Von Null zu Null 

Epilog

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