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Die Essenz der Liebe

Die Essenz der Liebe

Roman

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Die Essenz der Liebe — Inhalt

Ein geheimnisvoller Brief aus Paris bringt Grace zum Staunen. Denn darin heißt es, sie sei die Alleinerbin einer kürzlich verstorbenen Französin, der sie nie zuvor begegnet ist. Auf der Suche nach Antworten begibt sich Grace nach Paris. Ihre Reise führt sie schon bald zu einem alten verlassenen Parfümgeschäft und in eine Welt voller Düfte, die das Leben ihrer Gönnerin zu bestimmen schienen. Doch woher kannte sie Grace? Warum vermachte sie ihr ein nobles Apartment an der berühmten Place des Vosges?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.07.2014
Übersetzer: Elvira Willems
528 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96605-4

Leseprobe zu »Die Essenz der Liebe«

Paris, Winter 1954

 

Eva d’Orsey saß am Küchentisch, vor sich ein Exemplar des Figaro, und lauschte dem Ticken der Uhr, dem Klang der Zeit, die ihr entglitt.

Sie zog noch einmal an ihrer Zigarette und blickte aus dem Fenster in den kalten, nebligen Morgen. Paris erwachte; gemächlich sickerte die graue Morgendämmerung in den marineblauen Himmel und durchzog ihn mit orangefarbenen Streifen. Sie war seit Stunden wach, seit vier Uhr. Der Schlaf hatte sich ihr immer mehr entzogen in den vergangenen Jahren, während der Schmerz an ihrer rechten Körperseite [...]

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Paris, Winter 1954

 

Eva d’Orsey saß am Küchentisch, vor sich ein Exemplar des Figaro, und lauschte dem Ticken der Uhr, dem Klang der Zeit, die ihr entglitt.

Sie zog noch einmal an ihrer Zigarette und blickte aus dem Fenster in den kalten, nebligen Morgen. Paris erwachte; gemächlich sickerte die graue Morgendämmerung in den marineblauen Himmel und durchzog ihn mit orangefarbenen Streifen. Sie war seit Stunden wach, seit vier Uhr. Der Schlaf hatte sich ihr immer mehr entzogen in den vergangenen Jahren, während der Schmerz an ihrer rechten Körperseite stärker geworden war.

Der Arzt hatte sie schon vor Monaten aufgegeben. Seine Diagnose: Sie war keine gute Patientin, denn sie war arrogant und weigerte sich, seine Anweisungen zu befolgen. Die Zirrhose breitete sich inzwischen rasch aus, durchlöcherte ihre Leber wie einen Schwamm. Für ihn war es ganz einfach: Sie musste aufhören zu trinken.

»Sie versuchen es nicht einmal«, hatte er sie beim letzten Mal gerügt.

Sie saß auf der Untersuchungsliege und knöpfte ihre Bluse zu. »Ich habe Schlafstörungen.«

»Also, das überrascht mich nicht«, sagte er und seufzte. »Ihre Leber ist vollständig entzündet.«

Sie begegnete seinem Blick. »Ich brauche etwas, das mir hilft.«

Kopfschüttelnd ging er zum Schreibtisch und stellte ihr ein Rezept aus. »Ich sollte Ihnen die Tabletten gar nicht geben. Nehmen Sie nur eine davon, sie sind sehr stark«, warnte er und reichte ihr das Rezept.

»Danke.«

Doch einen letzten Versuch konnte er sich nicht verkneifen. »Warum schränken Sie nicht wenigstens Ihren Zigarettenkonsum ein?«

Ja, warum eigentlich nicht?

Eva stieß den Rauch aus und drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Gewöhnliche Zigaretten, zu stark. Nicht damenhaft. Doch das war ihr nur recht. Sie konnte nur noch starke Aromen schmecken: billige Schokolade, grobe Pastete, schwarzer Kaffee. Was sie aß, spielte sowieso keine Rolle – Appetit hatte sie schon lange keinen mehr.

Es war etwas Naives, etwas entzückend Arrogantes an der Annahme der Ärzte, alle wollten ewig leben.

Sie nahm einen Stift zur Hand und zeichnete gleichmäßige Kreise auf den Rand der Zeitung.

Ein paar Einzelheiten waren noch zu klären. Sie war vor Wochen beim Anwalt gewesen, einem gewissenhaften, reservierten jungen Mann. Und sie hatte der sauertöpfischen Concierge, Madame Assange, den Karton gegeben, damit sie darauf aufpasste. Doch als Eva in der vergangenen Nacht nicht schlafen konnte, war ihr noch eine andere Idee gekommen. Da war noch die Reise von London nach Paris. Die Vorstellung von einem Flugzeug faszinierte sie. Extravagant und überflüssig. Es gab ein paar Dinge, die ein Mensch im Leben erlebt haben sollte, und eine Flugreise gehörte eindeutig dazu. Sie lächelte in sich hinein, stellte sich vor, wie sie sich Paris näherte, über weite Strecken nur kaltes, blaues Meer, und dann der erste Blick auf die Stadt.

Sie zuckte zusammen. Wieder dieser Schmerz, wie Messerstiche, gefolgt von Taubheit an ihrer rechten Seite.

Sie dachte an die Cognacflasche. Tagsüber wollte sie nicht trinken. Erst nach sechs Uhr abends lautete ihre neue Regel. Wenigstens hatte sie es sich so vorgenommen. Doch jetzt zitterten ihre Hände, und der Magen zog sich zusammen.

Nein. Sie würde sich ein Bad einlassen. Sich anziehen. Und um sieben Uhr dreißig in der Kirche de la Madeleine die Messe besuchen. Von allen Kirchen in Paris war diese ihr die liebste, denn dort stieg Maria Magdalena, die widerspenstige, schwierige Tochter der Kirche, von Engeln emporgehoben wie eine Königin in den Himmel auf, den ganzen Tag, jeden Tag.

Die Messe war wie eine große Oper, eine Zaubervorstellung mit den teuersten Requisiten der Stadt, und der Glaube ein Taschenspielertrick, bei dem man sowohl der Zauberer wie der Zuschauer war, der Betrüger wie der Betrogene. Doch wer konnte einem guten Zaubertrick widerstehen?

Eva legte die Zeitung zusammen, schob den Stuhl zurück und stand auf.

Sie würde ihr bestes marineblaues Kostüm tragen und bei den Gläubigen in der ersten Reihe sitzen. Sie würden dem jungen Priester zuhören, Vater Paul, der sich mit seinem beträchtlichen Verstand abmühte, der Heiligen Schrift einen Sinn abzugewinnen und eine Brücke zur heutigen Zeit zu schlagen. Er wusste nicht, wie er die Ungereimtheiten rechtfertigen sollte, hatte noch nicht begriffen, dass sie an sich das Geheimnis waren. Doch sie hatte Vergnügen an seiner geistigen Wendigkeit, fast so viel Vergnügen wie er selbst.

Häufig blieb ihm nichts anderes übrig, als sich durch Schichten verschiedener möglicher hebräischer Übersetzungen eine unerwartete Verbform zu suchen, die schließlich Licht auf einen gewaltigen religiösen Widerspruch warf. Doch dass er so mutig war, es zu wagen, war an ihr nicht vergeudet. Sie schätzte diejenigen, die es versuchten, besonders die, die ihre Kämpfe öffentlich austrugen.

Er sah das natürlich ganz anders. Seine Zeit im Priesterseminar lag erst wenige Jahre zurück, und er bildete sich noch ein, seinen Schäfchen geistige Nahrung zukommen zu lassen. Er begriff einfach nicht, dass nicht er für seine ältlichen Gemeindemitglieder, hauptsächlich Frauen, da war, sondern sie für ihn. Vater Paul stand am Beginn des Lebens. Seine glasklaren Überzeugungen mussten beschützt werden. So warteten sie geduldig, bis auch er sich dem unerträglichen Wankelmut von Gottes Willen ergab, der Gewissheit seiner Gnade, der Düsternis seiner Barmherzigkeit.

Solche Überlegungen beruhigten sie. Dann waren ihre Gedanken weit weg, schwirrten wieder auf vertrauten Bahnen: den Paradoxien von Glaube und Zweifel. Wie ein abgewetztes Stück Stoff, weich geworden vom vielen Tragen, tröstlich unter der Berührung.

In die Messe und dann ins Reisebüro.

Sie trug den Aschenbecher zur Spüle, leerte ihn und wusch ihn aus. Unten in der Gasse bewegte sich etwas … ein lauernder Schatten, der sich verschob, die Nacht durchschnitt. Schwarze Flügel schlugen, wirbelten wie ein einziger Flügel, bis sie die ganze gegenüberliegende Mauer bedeckten und die blassen Strahlen der Wintersonne verbargen.

Plötzlich stieg eine andere Erinnerung in ihr auf. Ein atemloses, strauchelndes Entsetzen; der Duft grüner Wiesen und feuchter Waldungen – und ein riesiger Rabenschwarm, der über den offenen Himmel flog, Flügel, schimmernd wie Ebenholz, Schnäbel wie Rasiermesser, schreiend, kreischend.

Eva packte die Arbeitsplatte und kniff die Augen zu. Der Aschenbecher fiel ihr aus der Hand und landete klappernd in der Porzellanspüle.

Er zerbrach.

»Verdammt!«

Vorsichtig spähte Eva aus dem Fenster, während ihr Herz immer noch wie wild klopfte. Der Schatten war verschwunden. Wahrscheinlich bloß ein paar Stadttauben.

Sie nahm die Bruchstücke und reihte sie auf der Arbeitsfläche auf. Es war ein altes, billiges Ding. Doch es erinnerte sie an eine andere Zeit, als das Leben noch voller Verheißungen gewesen war.

Die Uhr tickte laut.

Sie zögerte noch einen Augenblick.

Dann nahm sie ein Glas, griff nach der Flasche billigen Cognacs, schenkte sich mit zitternden Händen ein und kippte ihn hinunter. Der Alkohol wärmte sie augenblicklich, durchströmte ihre Glieder und linderte den Schmerz.

Der Arzt begriff gar nichts.

Er wusste nicht, wie es war, zwischen Erinnerung und Bedauern zu leben und nichts zu haben, um es zu erleichtern.

Sie schenkte sich noch ein Glas ein und fuhr mit dem Finger über den schartigen Rand des kaputten Aschenbechers.

Sie würde ihn kleben.

Baden.

Ihr marineblaues Kostüm anziehen.

Sie legte den Kopf in den Nacken und trank noch einen Schluck. Es war egal, wenn man die Bruchstellen sah.

 

 

London, Frühling 1955

Mit einem Ruck fuhr Grace Munroe aus den Schlaf hoch und schnappte nach Luft.

Sie war über holprigen Boden durch einen dichten, düsteren Wald gelaufen und gestolpert, suchend, rufend. Doch je schneller sie lief, desto undurchdringlicher wurde der Wald. Ranken wuchsen, wanden sich unter ihren Füßen, Äste schlugen ihr ins Gesicht, auf Arme und Beine. Sie wurde beherrscht von der Panik, zu spät zu kommen. Sie verfolgte jemanden oder etwas. Es war direkt vor ihr, jedoch immer knapp außer Reichweite. Plötzlich war sie ausgeglitten und Hals über Kopf in eine tiefe, felsige Schlucht gestürzt.

Mit wild pochendem Herzen verharrte Grace einen Augenblick und blinzelte im Dämmerlicht, bis sie begriffen hatte, dass sie in ihrem Schlafzimmer auf dem Bett lag.

Es war ein Traum.

Nur ein Traum.

Sie schaltete die Nachttischlampe ein und sank zurück aufs Kissen. Ihr Herz galoppierte noch, ihre Hände zitterten. Es war ein alter Albtraum aus ihrer Kindheit. Sie hatte gedacht, sie wäre herausgewachsen. Doch jetzt, nach Jahren, war er plötzlich wieder da.

Wie lange hatte sie überhaupt geschlafen? Sie schaute auf den Wecker. Kurz vor halb sieben. Mist.

Sie hatte nur fünf Minuten ruhen wollen. Doch es war fast eine Stunde vergangen.

Mallory würde jeden Augenblick kommen, und sie musste sich noch anziehen. Eigentlich hatte Grace keine Lust, an diesem Abend auszugehen, doch sie hatte es ihrer Freundin versprochen.

Sie trat an das Fenster, das den Woburn Square überblickte, und zog die schweren Vorhänge zurück.

Es war ein Spätnachmittag im April, der Jahreszeit, in der die hellen Stunden des Tages sich begierig dem Sommer entgegenstreckten und das frühe Abendlicht von einem zarten Wedgewood-Blau war, vergoldet von dem Versprechen nahender Wärme. Die Platanen, die den Platz säumten, trugen winzige, zarte hellgrüne Knospen, die im Sommer einen dicken, smaragdgrünen Baldachin bilden würden. Jetzt zitterten die Äste noch bei jedem eisigen Windhauch.

Der Garten in der Mitte war während des Krieges umgegraben worden, um Gemüse anzubauen; das Geländer hatte man damals eingeschmolzen, es war noch nicht ersetzt worden. Die Gebäude, die in der Gegend noch standen, waren schwarz vom Ruß und pockennarbig vom Einschlag der Schrapnelle.

In der Luft lag ein Gefühl der Beschleunigung, des Wechsels der Jahreszeiten, der Hoffnung, gemildert durch die nahende Abenddämmerung. Draußen sangen die Vögel, die grünen Triebe von Hyazinthen und Narzissen neigten sich im Wind. In der Sonne war es warm, im Schatten frostig, eine Zeit der Extreme.

Grace hatte eine Vorliebe für die Schärfe dieser Jahreszeit, für das gedämpfte, wechselhafte Licht, das ihren Augen Streiche spielte. Es war eine Zeit geheimnisvoller, doch dramatischer Metamorphosen. In der einen Minute herrschte nichts als Sturm und Regen, einen Augenblick später tauchte ein ganzes Narzissenfeld auf und explodierte triumphierend in einer Fanfare aus Farben.

Grace drückte ihre Fingerspitzen an die kalte Fensterscheibe. Dies war, wie ihr Mann Roger es formulierte, nicht ihr richtiges Haus. Er hatte ehrgeizigere Pläne für etwas Prächtigeres, näher an Belgravia. Doch Grace gefiel es hier; mitten im Zentrum von Bloomsbury, nahe der London University und dem King’s College; es erinnerte sie an Oxford, wo sie bis vor ein paar Jahren bei ihrem Onkel gelebt hatte. Es war voller Leben, Geschäfte und Büros und Studierende, die in ihre Seminare eilten. Auf der Straße unten bewegte sich ein steter Strom von Büroangestellten in Regenmänteln, die Köpfe gegen den Wind gesenkt, die nach der Arbeit zur U-Bahn-Station eilten.

Grace ließ den Kopf an den Fensterrahmen sinken. Es musste schön sein, eine Arbeit zu haben. Einen ordentlich aufgeräumten Schreibtisch. Einen gut organisierten Aktenschrank. Und vor allem ein Ziel.

Seit sie verheiratet war, waren ihre Tage ermüdend ziellos; wie ein Ballon schwebte sie von einer gesellschaftlichen Verpflichtung zur nächsten.

Roger nahm diese Verpflichtungen sehr ernst. »Hast du beim Mittagessen des Konservativen Frauenvereins mit jemandem gesprochen? Neben wem hast du gesessen? Erzähl mir, wer dort war.«

Er besaß die außerordentliche Gabe, die verborgene Bedeutung hinter jeder Interaktion zu entschlüsseln.

»Sie haben dich also ganz vorn an den ersten Tisch gesetzt, das ist gut. Vergiss nicht, Mona Riley zu schreiben und dich bei ihr für die Einladung zu bedanken. Vielleicht kannst du ein zwangloses Abendessen arrangieren? Oder, noch besser, lade sie irgendwo zum Tee ein und überrede sie zu einer Dinnerparty. Es wäre gut, wenn sie uns zuerst einladen. Man möchte nicht zu eifrig erscheinen.«

Er baute darauf, dass sie die Rädchen schmierte, doch Grace war keine besonders gute gesellschaftliche Mechanikerin. Und sie hatte nicht das geringste Vergnügen daran.

Trotzdem, wenn sie Mallory nicht warten lassen wollte, sollte sie sich beeilen.

Sie öffnete die Schlafzimmertür und rief die Treppe hinunter nach der Haushälterin, die unten sauber machte. »Mrs Deller!«

»Ja?«, kam die Antwort aus der Küche, zwei Stockwerke tiefer.

»Wären Sie so freundlich, mir eine Tasse Tee zu bringen?«

»Ja, Madame.«

Grace eilte ins Bad, spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, trocknete es ab und betrachtete im Spiegel ihre Züge. Sie sollte sich wirklich mehr Mühe geben – blauen Lidschatten und schwarzen Lidstrich kaufen und lernen, wie man die Augen auf die kühne, stilisierte Art schminkte, die gerade der letzte Schrei war. So tupfte sie nur ein wenig Puder auf Nase und Wangen und trug roten Lippenstift auf. Ihre langen Haare reichten ihr bis über die Schultern. Sie machte sich nicht die Mühe, sie auszubürsten, sondern schlang sie mit der durch viel Übung erworbenen Geschicklichkeit im Nacken zu einem Knoten, den sie mit Nadeln feststeckte. Unten klingelte es an der Haustür.

»Verdammt!«

Ausgerechnet heute war Mallory pünktlich!

Grace riss die Türen des Kleiderschranks auf, schnappte sich ein Cocktailkleid aus blauer Schantungseide und warf es aufs Bett. Sie trat aus ihrem Tweedrock und zog sich, ohne die Knöpfe zu öffnen, die Bluse über den Kopf.

Wo waren bloß die passenden marineblauen Schuhe?

Sie suchte am Boden des Kleiderschranks. Als sie sich bückte, merkte sie, dass von der Ferse ihres Strumpfes eine Laufmasche aufstieg und über ihre Wade wanderte.

»Oh, Mist!«

Sie löste gerade die Strumpfhalter, da hörte sie unten, wie Mrs Deller die Haustür öffnete, und gleich darauf den weichen Tonfall einer Frauenstimme, als die Haushälterin Mallory den Mantel abnahm. Schon kamen Schritte die alte georgianische Treppe herauf, die knarrend protestierte, als Mallory nach oben kam. Grace riss ein Paar Strümpfe aus der Schublade ihrer Kommode und setzte sich auf die Bettkante, um sie anzuziehen.

Es klopfte. »Ich bin’s nur. Hast du was an?«

»Wenn dir ein Unterrock genügt.«

Mallory steckte den Kopf zur Tür herein. Ihr kastanienbraunes Haar war zu Locken frisiert, und eine Perlenkette betonte ihre blasse Haut. »Du bist noch nicht umgezogen? Es hat schon angefangen, Grace!«

Rasch befestigte Grace die Strümpfe an den Strumpfhaltern und stand auf. »Ist es nicht en vogue, zu spät zu kommen?«

»Seit wann kümmerst du dich darum, was en vogue ist?«

Grace drehte sich. »Sitzen die Nähte gerade?«

»Ja. Hier.« Mallory reichte ihr die Teetasse, die sie mitgebracht hatte. »Deine Haushälterin hat mich gebeten, dir den zu bringen.«

»Danke.« Grace trank einen Schluck. Mallorys langes Abendkleid raschelte, als sie sich vorsichtig auf die Sesselkante hockte, um den Rock nicht zu verknittern.

»Was hast du denn den ganzen Nachmittag gemacht?«, tadelte sie Grace.

»Ach, nichts.« Sie mochte nicht zugeben, dass sie am hellen Tag geschlafen hatte; es kam ihr vor wie der Anfang vom Ende. »Und du? Was hast du gemacht?«

»Ich bin erst vor einer Stunde vom Friseur gekommen.« Mallory drehte den Kopf, um ihr hübsches Profil und das Ergebnis des Friseurbesuchs zu präsentieren. »Ich schwöre, Mr Hugo ist der einzige Mensch in London, der Hand an meine Haare legen darf. Du solltest auch mal zu ihm gehen. Er wirkt Wunder. Hast du eine Zigarette für mich?«

»Dort.« Grace wies auf eine silberne Zigarettendose auf dem Tisch. Sie trank noch einen Schluck Tee und stellte die Tasse auf die Kommode.

Mallory nahm sich eine Zigarette heraus. »Was ziehst du heute Abend an?«

»Das blaue Taftkleid.«

»Auf dich ist doch Verlass!« Lächelnd schüttelte Mallory den Kopf. »Wir müssen unbedingt mal einkaufen gehen, meine Liebe. Im Augenblick gibt es so schöne Sachen.«

Mallory war dreißig Jahre alt und damit nur drei Jahre älter als Grace, doch sie war eine modische junge Frau, gut etabliert in der Londoner Gesellschaft. Sie war mit Grace’ Cousin Geoffrey verheiratet und hätte Grace gern unter ihre Fittiche genommen, doch die war frustrierend resistent gegen ihre Ratschläge.

»Gefällt dir das Kleid nicht?«, fragte Grace.

Mallory zuckte die Schultern. »Ich habe nichts daran auszusetzen.«

Grace hielt es noch einmal hoch. »Was stimmt denn nicht damit?«

»Es ist nur … ach, ich weiß nicht. Du weißt doch, wie Vanessa ist. Alles ist immer hochmodern, der neueste Trend von 1956 …«

»Was bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass wir erst 1955 haben, Mal.«

»Das meine ich ja! Sie ist ihrer Zeit immer weit voraus.«

»Ja, aber ich muss nicht mit Vanessa konkurrieren, oder? Wir können nicht alle Trendsetter sein. Die Frau hat einfach viel zu viel Zeit und viel zu viel Geld.«

»Vielleicht, aber niemand möchte ihre Partys verpassen, oder? Du solltest allmählich auch anfangen, richtige Einladungen zu geben. Heute Abend ist eine gute Gelegenheit, ein paar Namen von Vanessas Gästeliste zu stibitzen. Ich habe ein kleines Notizbuch mit Bleistift in meiner Handtasche, falls du es brauchst.«

»O Gott!« Grace schauderte. »Ich finde den Gedanken unerträglich!«

»Ehrlich!« Mallory verdrehte die Augen. »Was habt ihr denn da oben in Oxford gemacht, um euch zu unterhalten?«

»Mein Onkel ist Universitätsdozent. Wir hatten gelegentlich Gäste, dann gab es überbackenen Blumenkohl, und man spielte Bridge.«

»Wie gruselig!« Mallory lachte. »Wenn du deinem Mann eine Stütze sein willst, musst du deine Menschenscheu überwinden. Allein aufgrund seines guten Aussehens bekommt er keine Beförderung.« Sie lächelte. »Du hast nicht zufällig ein Streichholz, oder? Gefällt dir das?« Sie stand auf und wirbelte herum, damit Grace den langen Rock ihres dunkelroten, schulterfreien Kleids begutachten konnte. »Neu. Von Simpson’s.«

»Ganz reizend.« Grace schlüpfte in ihr marineblaues Kleid. »Da drin müsste eigentlich ein Feuerzeug sein.«

Mallory kramte in der Zigarettendose. »Sieht nicht so aus. Komm.« Sie schob die Zigarette in ihren perfekt geschminkten roten Mundwinkel. »Lass mich dir helfen.«

Grace stand still, während Mallory ihr am Rücken den Reißverschluss zuzog. »Bestimmt hat Roger es genommen. Hier gehen andauernd Feuerzeuge verloren. Aber das ist mein Lieblingsfeuerzeug. Wenn er das verloren hat, bringe ich ihn um.«

Mallory zupfte an gut fünf Zentimeter Stoff, der sich eigentlich um Grace’ Hüfte hätte schmiegen sollen. »Das Kleid ist viel zu weit. Du hast schon wieder abgenommen.« In ihrem Tonfall schwang ein leiser Vorwurf mit.

Grace ging zur Frisierkommode, zog eine Schublade heraus und entnahm ihr eine Schachtel Streichhölzer. Sie warf sie Mallory zu, und die fing sie – dank der sportlichen Reflexe einer Kindheit als Wildfang – mitten in der Luft auf. »Zünde mir auch eine an, ja?«

»Mit Vergnügen. Schließlich gehe ich heute Abend mit dir aus.«

»Danke.« Grace begegnete ihrem Blick im Spiegel und zwinkerte, während sie ein Paar Perlenclips anlegte. Sie wusste es durchaus zu schätzen, dass Mallory versuchte, ihr zu helfen. »Es war sehr nett von dir, mich einzuladen.«

»Es geht doch nicht an, dass du hier verkümmerst, wenn Roger verreist ist.« Mallory zündete zwei Zigaretten an und reichte eine Grace. »Abgesehen davon kommt es nicht oft vor, dass ich meinen Mann wegen jemandem stehen lasse, der tatsächlich zuhört, wenn ich etwas sage. Er mag Vanessa nicht; er findet, sie hat einen schlechten Einfluss.«

»Hat sie das?«

»Selbstverständlich.« Mallory nahm eine Broschüre zur Hand, die auf einem Stapel Bücher auf dem Tisch lag. »Was ist das?«

»Nichts.« Grace wünschte, sie hätte so viel Weitblick besessen, sie wegzulegen. »Nur ein Verzeichnis von Kursen.«

»Oxford & County Secretarial College?« Mallory blätterte darin, und die Broschüre fiel an der Stelle auseinander, wo Grace die Ecke abgeknickt hatte. »Maschinenschreiben für Fortgeschrittene und Büroverwaltung? Buchführung?« Sie verzog das Gesicht. »Wozu?«

»Man kann nie wissen.« Grace schlüpfte in die marineblauen Pumps. »Könnte ganz nützlich sein. Vielleicht eröffnet Roger ja eines Tages sein eigenes Büro. Dann könnte ich ihm helfen, seinen Terminkalender führen, Briefe tippen …«

»Aber Grace, du hast einen Beruf«, erwiderte Mallory. »Du bist seine Frau.«

»Das ist doch kein Beruf, Mal.«

Mallory sah sie an. »Ehrlich nicht? Da frage ich mich doch, ob du versäumt hast, das Kleingedruckte auf dem Trauschein zu lesen. Deine Aufgabe ist es, ein Heim zu schaffen, eine Familie und eine Vision davon, wo euer Platz in der Welt ist und was ihr erreichen wollt. Überleg mal, auf welche Schulen die Kinder gehen sollen, wo ihr die Wochenenden verbringt … euer ganzer gesellschaftlicher Umgang – das hängt alles an dir.« Sie sprach mit übertrieben vornehmem Akzent weiter: »Oh, die Munroes? Selbstverständlich kenne ich die! Ist sie nicht phantastisch? Ihr Sohn ist mit unserem Ältesten in Harrow. Und ich bin ganz begeistert, was sie aus dem Haus gemacht hat, nicht wahr?« Mallory nahm noch einen Zug an der Zigarette und warf die Broschüre auf den Tisch. »Glaub mir, Schatz, du hast einen Beruf. Abgesehen davon sind wir hier nicht in Oxford. Wie oft muss ich dich noch daran erinnern, dass du jetzt in London lebst?«

»Ja, aber die Kurse dauern nur ein paar Monate.«

»Ein paar Monate? Bist du verrückt? Was soll Roger denn machen, während du dort bist?« Mallory stieß den Rauch aus. »Ehrlich, du solltest in deiner freien Zeit etwas Nützliches lernen.«

»Zum Beispiel?«

»Ich weiß nicht …« Sich aus eigenem Antrieb weiterzubilden wäre Mallory niemals in den Sinn gekommen. »Blumenstecken. Oder Harfe spielen vielleicht.«

»Harfe spielen? Wozu soll das denn gut sein?«

Mallory überlegte einen Augenblick. »Es ist tröstlich. Oder nicht? Und du kannst in der Öffentlichkeit etwas zwischen deinen Beinen streicheln!«

»Gütiger Himmel, was bist du verdorben!« Grace lachte. »Ich sage dir, was tröstlich ist: einen Aktenschrank aufzuräumen, Büromaterial nachzubestellen und die Buchführung auf Vordermann zu bringen.«

»Grace …« Voller Verzweiflung hob Mallory die Hände. »Hörst du überhaupt zu, wenn ich etwas sage? Ehrlich, du bist nicht mehr in Oxford. Lass mich dir ein kleines Geheimnis anvertrauen.« Sie senkte die Stimme zu einem Bühnenflüstern. »Männer mögen keine klugen Frauen, sondern charmante!«

»Nein!«, keuchte Grace und tat schockiert. »Findest du mich nicht charmant?«

Mallory verdrehte die Augen. »Du bist köstlich. Ich sag doch nur …«

»Ich verstehe«, fiel Grace ihr ins Wort. Mallory ließ sich nicht überzeugen. Jedes Mal, wenn sie sich trafen, kam sie mit neuen Vorschlägen zur Verbesserung ihrer hausfraulichen Fähigkeiten – Talente, an denen es Grace ihrer Meinung nach eindeutig mangelte. Warum sollte es heute Abend anders sein?

Mallory überprüfte im Spiegel der Puderdose ihren Lippenstift. »Wann kommt Roger eigentlich nach Hause?«

»In einer Woche. Vielleicht auch früher.«

»Er war lange geschäftlich unterwegs. Du vermisst ihn sicher.«

Grace sagte nichts.

»Wenn er zu Hause ist, vergisst du den ganzen Unsinn da. Also, hast du einen Gürtel?« Sie raschelte hinter ihr. »Ehrlich! Hat dir nie jemand erklärt, dass du in den ersten Ehejahren Gewicht zulegen sollst? Wie soll ich denn Patentante werden und die Kleinen verhätscheln, wenn du dich nicht allmählich daran machst, ein wenig runder zu werden?«

Etwas veränderte sich in Grace’ Augen. Sie schnappte nach Luft und wandte sich ab. »Ich glaube nicht, dass ich einen Gürtel habe«, sagte sie leise und sah die Sachen durch, die im Kleiderschrank hingen.

Mallory betrachtete Grace’ schlanken Rücken.

Sie hatte offensichtlich einen wunden Punkt getroffen.

»Hier.« Mallory reckte sich und zog eine breite Schärpe aus schwarzem Samt von einem anderen Abendkleid heraus. »Mit der wird’s gehen«, sagte sie und legte sie Grace um die Taille.

Grace kam ihr klein vor heute Abend und noch jünger als sonst. Sie erinnerte Mallory an ein kleines Mädchen, das mit den Sachen seiner Mutter Verkleiden spielte. Es war die Frisur, sie war konservativ und bieder und hätte einer älteren Frau gut gestanden, doch bei Grace unterstrich sie nur ihre Jugend. Ihre weit auseinanderstehenden, mandelförmigen graugrünen Augen wirkten heute noch größer als sonst.

»Findest du es gut so?« Mit angespannter Miene betrachtete Grace ihr Spiegelbild.

Es sah Grace gar nicht ähnlich, sich Sorgen darum zu machen, was andere über sie dachten. Plötzlich begriff Mallory, dass das zu den Dingen gehörte, die sie trotz ihres ständigen Geplänkels insgeheim an ihrer Freundin bewunderte.

»Es ist perfekt«, versicherte sie ihr. »Lass uns gehen, sonst verpassen wir das Ganze noch.«

Am Fuß der Treppe blieb Grace stehen, um die Nachmittagspost durchzusehen, die auf dem Tisch in der Halle lag.

»Oh, schau!« Sie hielt einen Briefumschlag hoch. »Ein Luftpostbrief! Aus Frankreich. Wie aufregend!« Sie riss ihn auf. »Wen kenne ich denn in Frankreich?«

»Von deinem Onkel?« Mallory zog ihren Mantel an.

»Nein, er ist auf Vortragsreise in Amerika.« Grace faltete einen Brief auseinander und begann zu lesen.

Mallory wartete ungeduldig. »Wir müssen gehen.« Sie holte den Autoschlüssel heraus. »Was ist das überhaupt?«

»Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn.«

»Ist der Brief auf Französisch?«

»Nein. Nein, er ist auf Englisch.« Grace setzte sich auf den Stuhl in der Halle. »Und es liegt ein Flugschein bei.«

»Ein Flugschein? Wohin?«

»Nach Paris.« Grace schaute auf und reichte ihr den Brief. »Das kann nur ein Missverständnis sein. Ein sehr bizarres Missverständnis.«

Mallory nahm den Brief.

Er war auf schweres Papier von guter Qualität getippt, das auf amtliche Korrespondenz deutete. In der Ecke standen der Name und die Adresse einer Anwaltskanzlei in der Pariser Innenstadt: Frank, Levin et Beaumont.

Sehr geehrte Mrs Munroe,

bitte erlauben Sie uns, Ihnen unser aufrichtiges Beileid für Ihren jüngsten Verlust auszusprechen. Unsere Kanzlei kümmert sich um den Nachlass der verstorbenen Madame Eva d’Orsey, und es ist unsere Pflicht, Sie darüber zu informieren, dass Sie in ihrem Testament als Hauptnutznießerin genannt werden. Wir bitten Sie, so bald wie möglich unsere Kanzlei aufzusuchen, damit wir die Einzelheiten der Erbschaft besprechen können.

Wir möchten uns noch einmal dafür entschuldigen, dass wir Sie in dieser Zeit der Trauer belästigen, und wir freuen uns, Ihnen in nächster Zukunft zu Diensten sein zu können.

Mit freundlichen Grüßen

Edouard A. Tissot, Esq.

»Oh!« Mallory schaute auf. »Das tut mir sehr leid. Ich wusste ja nicht, dass du kürzlich jemanden verloren hast, Grace.«

Grace’ Miene war ungerührt. »Ich auch nicht.«

»Wie bitte?«

»Mallory, einer Frau namens Eva d’Orsey bin ich nie begegnet. Ich habe keine Ahnung, wer das sein soll.«

Über Sophie Vallon

Biografie

Sophie Vallon, 1977 geboren, hat Romanistik an der Sorbonne studiert und arbeitet heute als freie Autorin und Werbetexterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem kleinen Vorort von Paris. »Die Essenz der Liebe« ist ihr erster Roman.

Pressestimmen

Schweizer Familie (CH)

»Eine schöne Mischung aus Romantik und der betörenden Wirkung von Parfüm.«

Westdeutsche Allgemeine WAZ

»Ein überraschender Unterhaltungsroman!«

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