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Die Erfindung Gottes

Die Erfindung Gottes

Wie die Evolution den Glauben schuf

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Die Erfindung Gottes — Inhalt

Seit es Menschen gibt, glauben sie. Immer schon sucht der Mensch nach den unsichtbaren Kräften, die sein Schicksal lenken. Jesse Bering geht in seinem provokanten Buch der Frage nach, warum die Menschen glauben: an ein vorherbestimmtes Leben, göttliche Botschaften in Naturkatastrophen oder ein Leben nach dem Tod. Nach Jahren der intensiven Forschung und anhand zahlreicher Experimente kann Bering seine These inzwischen beweisen: Der menschliche Instinkt, an einen Gott oder andere übermenschliche Mächte zu glauben, verschaffte den Menschen in der Frühzeit einen überlebenswichtigen Vorteil. An diesem Punkt hat die Evolution ihr Ziel erreicht. Hat die Religion ihre Schuldigkeit damit getan?

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 08.09.2011
Übersetzer: Helmut Reuter
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95379-5

Leseprobe zu »Die Erfindung Gottes«

DAS KIND : Ich fürchte mich.
DIE FRAU: Du sollst dich fürchten, Liebling. Sehr sogar.
Nur so wirst du ein anständiger Mensch.

 

Jean-Paul Sartre, Die Fliegen (1937 )

 

Einführung

 

Gott kam aus einem Ei. Zumindest zu mir. Verstehen Sie mich nicht falsch – es war ein ganz besonderes Ei. Genauer gesagt, es war ein mit bunten Szenen aus dem Orient verzierter Fabergé-Ersatz.
Ungefähr 20 Jahre vor der Episode, die ich schildern möchte, wurde dieses spezielle Ei von einer reizbaren Henne gelegt. Nachdem es mit einer Nadel angepiekst und dann ausgeblasen [...]

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DAS KIND : Ich fürchte mich.
DIE FRAU: Du sollst dich fürchten, Liebling. Sehr sogar.
Nur so wirst du ein anständiger Mensch.

 

Jean-Paul Sartre, Die Fliegen (1937 )

 

Einführung

 

Gott kam aus einem Ei. Zumindest zu mir. Verstehen Sie mich nicht falsch – es war ein ganz besonderes Ei. Genauer gesagt, es war ein mit bunten Szenen aus dem Orient verzierter Fabergé-Ersatz.
Ungefähr 20 Jahre vor der Episode, die ich schildern möchte, wurde dieses spezielle Ei von einer reizbaren Henne gelegt. Nachdem es mit einer Nadel angepiekst und dann ausgeblasen worden war, landete es in der Hand eines fingerfertigen Künstlers, der es viele Stunden lang mühselig mit kunstvollen Bildern einer stereotypen asiatischen Gesellschaft bemalte. Der auf solchen Kitsch spezialisierte Künstler verkaufte das Ei zusammen mit ähnlichen Gegenständen an einen örtlichen Händler, der es mit Bedacht ins Schaufenster eines Souvenirladens in einer Seitenstraße legte. Dort fiel es schließlich einer jungen Deutschen auf und weckte ihre Begehrlichkeit. Sie kaufte es, und nachdem sie es einige Zeit in ihrer Wohnung im Schwarzwald bewundert hatte, wickelte sie es in mehrere Lagen Seidenpapier und steckte es in ihre Handtasche. Sie sprach ein Gebet für seinen sicheren Transport und nahm es mit auf die Reise über den Atlantik nach Amerika – in eine Wohngegend der Mittelklasse, wo sie künftig mit ihrem Ehemann, einem Militärangehörigen, leben würde. Auf einem mit romantischen Romanen und Nippes aus ihrem früheren Leben vollgestellten Bücherregal im Wohnzimmer ihres bescheidenen neuen Heims fand sie ein gemütliches Eckchen für das Ei; dort platzierte sie es auf einem kleinen Schaugestell. Vielleicht ein Jahr darauf brachte sie ihren Sohn Peter zur Welt, der sich später mit dem Jungen auf der anderen Straßenseite anfreundete. Der ertrug mich als seinen so mitlaufenden kleinen Bruder – den Jungen, der siebenjährig an einem planlos verbrachten Sommernachmittag ins Wohnzimmer der deutschen Frau trat, das Ei sah, von dieser Merkwürdigkeit magisch angezogen wurde und das Ding aus Versehen in der Hand zerbrach.
Nachdem keiner den Zwischenfall bemerkt hatte, legte ich das angebrochene Artefakt hastig zurück – so arrangiert, dass der Makel am wenigsten auffiel – und tat bis heute so, als wäre nichts geschehen. Na schön, zumindest beinahe. Eine Woche später konnte ich mithören, wie Peter meinem Bruder erzählte, das Verbrechen sei entdeckt worden. Seine Mutter hatte, wie er sagte, ein paar Theorien dazu, wie ihr geliebtes Ei irreparabel zerstört worden war – eine davon war eine sehr präzise und peinliche Herleitung, die sich speziell auf mich bezog. Als man mich mit diesem Ablauf konfrontierte – erst durch Andeutungen, dann durch offene Anschuldigungen –, leugnete ich aus Angst vor dem Zorn der strengen deutschen Matriarchin alles ab. Dann brachte ich, um sie alle abzuschütteln, das Undenkbare fertig: Ich schwor bei Gott, dass ich es nicht gewesen war.

 

 

Betrachten wir die Sache doch in dem ihr zukommenden Rahmen. Irgendwo in einer ruhigen Sackgasse zerbricht ein Zweitklässler unbemerkt ein auffälliges Ei, das einer Frau gehört, die sowieso ein wenig zu sehr in den Gegenstand vernarrt ist. Aus Angst vor Strafe erzählt er es keinem und ruft schließlich Gott als falschen Zeugen für seine bekleckerte Unschuld an. Das ist nun nicht gerade das Verbrechen des Jahrhunderts. Doch damals hielt ich diesen Akt für vergleichbar mit der schlimmsten Kränkung, die man einem anderen Menschen zufügen kann. Dass ich es gewagt haben könnte, Gott nur zu meinem eigenen Schutz ins Spiel zu bringen, war so unvorstellbar, dass die Angelegenheit nie wieder zu Sprache kam.1 Ich dagegen hatte wochenlang Probleme mit dem Schlafen und verlor den Appetit; als ich mir ein paar Tage später einen üblen Splitter einzog, glaubte ich, das sei auf Gottes Zorn zurückzuführen. Fast hätte ich es meinen Eltern unaufgefordert gebeichtet. Ich war wie ein abstoßender Hund, der zu Gottes Füßen herumwinselt. Mach mit mir, was du willst, dachte ich bei mir, ich habe gefehlt.
Eine so überwältigende Furcht vor einem rächenden, enttäuschten Gott war mir sicher nicht von meinen Eltern beigebracht worden. Selbstverständlich lehren viele Eltern ihre Kinder solche Dinge. Wer je den Dokumentarfilm Jesus Camp – eine ziemlich verstörende Dokumentation über von Evangelikalen aufgezogene Kinder im amerikanischen Kernland – gesehen oder Sam Harris’ Buch Das Ende des Glaubensgelesen hat, weiß, was ich meine. Aber meine Familie besaß noch nicht einmal eine Bibel, und ich bezweifle, dass ich das Wort »Sünde« jemals zuvor gehört hatte. Das einzige ernsthafte Gespräch zum Thema Religion hatte ich, als meine Mutter mich gegen all das evangelikalische Zeug immunisieren wollte und mir deshalb auseinandersetzte, wie dumm christliche Glaubenssätze seien (als Kind war sie einst von überschwänglichen katholischen Kindern festgehalten worden; sie filzten ihr Haar nach den Ansätzen der Teufelshörner, weil ihre Eltern ihnen gesagt hatten, dass sie bei allen Juden vorhanden seien). Doch auch sie war lediglich eine »säkulare Jüdin« und mein Vater allenfalls ein achselzuckender Lutheraner.
Jahre später, als ich ein Teenager war, diagnostizierte man bei meiner Mutter Krebs, und auch da hatte ich sofort das Gefühl, ich sei aus Gottes Gnade gefallen. Es kam mir so vor, als hätte der traurige Zustand meiner Mutter irgendetwas mit dem Mumpitz zu tun, den ich angestellt hatte (nichts Schlimmeres als die meisten Teenager, dessen bin ich mir sicher, aber auch nichts, was ich unauslöschlich gedruckt zu Papier bringen wollte). In mir kam das Gefühl hoch, ich hätte einen bösen Kern, und Gott habe mich für eine besondere Bestrafung ausersehen.
Worauf es ankommt – zu jener Zeit hätte ich nie zugegeben, solche Gedanken zu wälzen. Tatsächlich glaubte ich nicht einmal an Gott. Mir war klar, es gab eine logische biologische Erklärung für die Tatsache, dass meine Mutter sterben würde. Und wenn jemand auch nur als Möglichkeit angedeutet hätte, dass die schwache Gesundheit meiner Mutter durch irgendeine geheime moralische Missetat von mir oder ihr verursacht sei, hätte das bei mir einen intellektuellen Würgereiz ausgelöst. Wahrscheinlich hätte ich ihn als einen der Leute abgetan, vor denen meine Mutter mich gewarnt hatte. Tatsächlich warf ich die Mentalität des »Gott muss mich wirklich hassen« in dem Augenblick ab, als ich sie in meinem rationalen Bewusstsein erfasste. Dennoch ist nicht zu bestreiten, dass sie in meinem Kopf vorhanden war und für wenige merkwürdige Momente so deutlich wie ein schriller Pfeifton.
Etwa zu dieser Zeit kam es mir so vor, als ähnele Gott auf seltsame Art der Mafia – er bietet uns »Schutz« und verspricht, uns nicht zu schaden (oder zu töten), solange wir in moralischer Währung bezahlen. Doch im Unterschied zu einem Hammerschlag gegen die Schienbeine oder einem Hieb mit dem Baseballschläger gegen den Hinterkopf ist Gottes Art der Bestrafung, zumindest hier auf Erden, eindeutig symbolischer Natur – sie erscheint uns als unbegrenzte Palette grausamer, mit Bedacht für uns konzipierter Wechselfälle: etwa in Form eines Splitters in der Hand, in den finanziellen Abgrund stürzender Kurse unserer Aktien, eines Tumors im Gehirn, unserer Exfrau auf Männerjagd, eines Erdbebens unter unseren Füßen und so weiter. Für Gläubige gibt es unendlich viele Möglichkeiten.
Mittlerweile sind viele Jahre vergangen. Einer der entscheidenden Gründe für die akademische Neugier, die meine wissenschaftliche Karriere als atheistischer, über Religion forschender Psychologe nach wie vor befeuert, ist meine eigene scheinbar instinktive Furcht, von Gott bestraft zu werden, und der Impuls, allgemeiner über Gott nachzudenken. Ich wollte wissen, wo in aller Welt diese Vorstellungen herkommen mochten. Konnte es wirklich sein, dass sie angeboren waren? Gibt es vielleicht so etwas wie einen »Glaubensinstinkt«?

 

 

In den folgenden Kapiteln werden wir dieser Frage, ob der Glaube an Gott angeboren ist, nachgehen – neben verwandten Glaubensüberzeugungen wie Seele, Leben nach dem Tod, Schicksal und Sinn. Die Erklärungen des Durchschnittsbürgers, weshalb Menschen in schwierigen Zeiten sich von Gott angezogen fühlen, sind Ihnen wahrscheinlich einigermaßen geläufig. Fast alle Geschichten dieser Art beruhen auf Bedürfnissen, die das emotionale Wohlbefinden der Menschen betreffen. Würde ich beispielsweise einem Freund aus der Oberschule, meiner Tante Betty Sue in Georgia oder dem Inhaber der Tierhandlung in meinem kleinen Dorf hier in Nordirland die Frage »Warum glauben die meisten Menschen an Gott?« stellen, würden die Antworten zweifellos etwa wie folgt lauten: »Nun, das ist ganz einfach. Es liegt daran, dass die Menschen … [hier kann man wahlweise eine von diesen Begründungen einfügen: das Gefühl haben wollen, dass es da draußen noch etwas Größeres gibt; in ihrem Leben einen Sinn sehen möchten; in der Religion Trost finden; ihre Ungewissheit verringern möchten; an etwas glauben wollen ].
Ich denke nicht, dass diese Antworten intellektuell vollkommen haltlos sind, glaube aber sehr wohl, dass sie sich um die Frage herumdrücken. Sie sind ein perfekter Zirkelschluss – wir schlagen uns nun einfach mit der Frage herum, warum wir unbedingt das Gefühl haben müssen, dass es da draußen noch etwas Größeres gibt, oder im Leben einen Sinn sehen müssen und so weiter. Haben andere Tiere ebenfalls diese existenziellen Bedürfnisse? Und wenn nicht, warum?2 Objektiv betrachtet, sind unsere Verhaltensweisen auf diesem Gebiet ziemlich merkwürdig, zumindest aus einer die Arten übergreifenden evolutionären Perspektive. So schrieb der spanische Autor Miguel de Unamuno beispielsweise:

 

Gorilla, Schimpanse, Orang-Utan und ihre Gefährten dürften also den Menschen mit Fug als ein armes erkranktes Geschöpf ansehen […] das auf irgendeine Art seine Toten bewahrt.3

 

Als Student verbrachte ich mehrere Jahre mit psychologischer Forschung an Schimpansen. Unsere kleine Gruppe von sieben Versuchstieren war in einer sehr großen, sehr sterilen und sehr langweiligen biomedizinischen Einrichtung untergebracht. Dort hielt man viele Hundert weitere große Affen – unsere nächsten lebenden Verwandten – für invasive Testreihen im Auftrag von Pharmafirmen. Ich erlebte zu viele Szenen mit diesen Tieren in höchstem Stress – verstörende Bilder, die ich inzwischen möglichst zu meiden versuche. Mir fiel dabei aber auch ein, dass, wenn Menschen in einer vergleichbar hoffnungslosen Lage wie diese Schimpansen wären, sicherlich vielen Leuten die Frage nach Gott in den Sinn käme – speziell, was Gott sich dabei denken mochte, wenn er so grausame Verirrungen zuließ.
Womit erklärt man nun diese Frage nach dem »Warum«, die das Gehirn des Menschen als Reaktion auf Schmerz und Unglück augenblicklich absondert – eine Frage, die einschließt, dass hier irgendein unausgesprochener moralischer Vertrag zwischen uns als Individuen und Gott gebrochen wurde? Wir könnten zu der Überzeugung kommen, dass es in die Irre führt, solche Fragen zu stellen, dass Gott »nicht so ist«, oder sogar, dass es keinen Gott gibt. Doch das erfolgt nur als Antwort auf die zunächst wie ein Reflex auftauchende Frage.
Um besser verstehen zu können, weshalb unser Denken in der Folge von Unglück (wie auch von Glück) in Richtung Gott tendiert, werden wir vor allem neuere Befunde der Kognitionswissenschaftenheranziehen. Forscher auf dem Gebiet der kognitiven Religionswissenschaft bringen vor, religiöses Denken werde wie jede andere Art des Denkens von einem Gehirn vollzogen, das gelegentlich dazu neigt, Fehler zu machen. Abergläubisches Denken – etwa kausale Zusammenhänge zu erkennen, wo es in Wahrheit keine gibt – wird als Ergebnis eines unvollkommen entwickelten Gehirns dargestellt. Dadurch wird vielleicht verständlich, dass bis auf wenige Ausnahmen alle Forscher auf diesem Gebiet die Religion als beiläufiges Nebenprodukt unserer geistigen Evolution betrachten. Insbesondere stellen Wissenschaftler religiöses Denken als etwas dar, dem an sich keine adaptive biologische Funktion zukommt. Stattdessen sieht man es als Überbleibsel anderer psychologischer Anpassungen an (etwa wie die männlichen Brustwarzen als nutzloser Überrest des vorgegebenen menschlichen Körperschemas). Gott ist ein Sammelsurium anderer in der Evolution entstandener Teile des Denkens. Diese Position vertritt beispielsweise der Evolutionsbiologe Richard Dawkins in Der Gotteswahn ( 2006 ) :

 

Ich gehöre zu der wachsenden Zahl von Biologen, die in der Religion ein Nebenprodukt von etwas anderem sehen. […] Vielleicht hat das Merkmal, für das wir uns interessieren (in diesem Fall die Religion), selbst keinen unmittelbaren Überlebenswert, sondern es ist ein Nebenprodukt von etwas anderem, das einen solchen Wert besitzt […] Das religiöse Verhalten könnte eine Fehlfunktion sein, ein unglückseliges Nebenprodukt einer grundlegenden psychischen Neigung, die unter anderen Umständen nützlich sein kann oder früher einmal nützlich war.4

 

Die Vertreter der Theorie des evolutionären Nebenprodukts haben es aber vielleicht ein wenig zu eilig gehabt, als sie die Möglichkeit verwarfen, dass Religion – und speziell die Vorstellung von einem wachsamen, wissenden und reagierenden Gott – für unsere Vorfahren beim Überleben und der Fortpflanzung auf einzigartige Weise hilfreich war. Wenn das aber so war, dann sollten wir wie bei jeder anderen evolutionären Anpassung erwarten, dass Vorstellungen von übernatürlichen Wesen wie Gott dazu beigetragen haben, in der Vergangenheit ein spezielles adaptives Problem zu lösen oder zumindest in bedeutsamer Weise anzugehen. Und in diesem Buch werden wir schließlich, nachdem wir zunächst die Mechanismen des Glaubens erörtert haben, in der Tat der Wahrscheinlichkeit nachgehen, dass Gott (und seinesgleichen) im Denken des Menschen evolutionär entstanden ist – als »adaptive Illusion«, welche unseren Vorfahren unmittelbar dabei half, das einzigartige Problem des Tratschens über andere zu lösen.
Mit der Entwicklung der Sprache wurde es für unsere Vorfahren wichtig, ihr Verhalten zu kontrollieren – abwesende Dritte konnten nun Tage und sogar Wochen nach einem Ereignis erfahren, wie sie sich benommen hatten. Wenn es ihnen nicht gelang, angesichts von Versuchungen selbstsüchtige Leidenschaften zu zügeln, und auch nur ein einziger Mensch Zeuge ihrer antisozialen Handlungen wurde, verspielten unsere Vorfahren törichterweise ihren Ruf – und damit ihre Fortpflanzungsaussichten. Der persönliche Glaube an einen Gott, der einen auf kluge Weise erschaffen hat, anleitet, von einem weiß und Absichten wie auch Verhaltensweisen aktiv bestraft oder belohnt, sollte dazu beigetragen haben, die Häufigkeit und Intensität der amoralischen Problemchen unserer Vorfahren niederzuhalten – das wäre von der natürlichen Auslese erheblich favorisiert worden. Für derlei erwünschte Effekte der Gen-Errettung müssen Gott und andere übernatürliche Instanzen wie er nicht zwangsläufig existieren. Doch die mentalen Neigungen, die wir uns gleich näher ansehen werden, gaben unseren Vorfahren sicherlich – ebenso wie heute – Grund zu der Annahme, es gebe sie wirklich.

 

 

Eine der bedeutsamen, oft unausgesprochenen Implikationen der neuen kognitiven Religionswissenschaft besteht darin, dass wir die Gottesfrage möglicherweise sehr lange vollkommen falsch untersucht haben. Vielleicht sind für die Frage nach der Existenz Gottes ja eher die Psychologen als die Philosophen, Physiker oder sogar Theologen zuständig. Schließlich beruht die Wahrnehmung des Übernatürlichen nicht auf Zauberei, sondern ist offenkundig organischer Natur – eine Funktion des Gehirns. Also werden wir uns in diesem Buch (auch weil es mir immer schwergefallen ist, den Mund zu halten) ohne Umschweife mit einer der bedeutendsten Fragen des Lebens befassen: Gibt es wirklich einen Gott, der sich um uns kümmert? Gibt es wirklich einen speziellen Grund, weshalb wir da sind? Wird die Seele nach dem Tod weiterleben ? Oder sind Gott, Seelen und Schicksal nicht doch nur ein Sortiment verführerischer kognitiver Illusionen, die aus der ungewöhnlichen Entwicklung des Menschengehirns zu erklären sind? Es scheint, als habe die Natur vielleicht ein paar Tricks im Ärmel gehabt, mit der sie sicherstellte, dass wir diese spektakulären Täuschungen mit Haut und Haaren schlucken würden.
Letztlich muss selbstverständlich jeder für sich entscheiden, ob die aufgrund der jeweiligen kognitiven Vorlieben hervorgebrachten psychologischen Effekte eine objektive Realität widerspiegeln – etwa als Beweis, dass Gott das Denken geschaffen hat, damit es so empfänglich für IHN ist. Vielleicht aber kommt jemand auch an den Punkt, wo er erkennt, dass er (wie alle anderen) eine hoffnungslose Schachfigur in einem der absolut erfolgreichsten Täuschungsmanöver der natürlichen Auslese ist. Vielleicht überkommt ihn dann ein Lächeln angesichts der Raffinesse, mit der es durchgezogen wurde – beim bloßen Gedanken an diese absichtslose Cleverness. Schließlich kann man die Gottesillusion auch dann genießen, wenn man nicht daran glaubt, dass Er Realität ist.
Wie dem auch sei, zunächst werden wir umreißen, welche Art von Denken erforderlich ist, um sich über den Geist Gottes Gedanken zu machen. Ein entscheidender Faktor – vielleicht ist es sogar der einzige, der zählt – ist in dieser Hinsicht die Fähigkeit, überhaupt über das Denken anderer nachzudenken. Gehen wir es also an.

 

Über Jesse Bering

Biografie

Jesse Bering, Jahrgang 1975, ist Direktor des Institute of Cognition and Culture an der Queen's University Belfast. Der überzeugte Atheist gehört zu den kreativsten und spannendsten Evolutionspsychologen unserer Zeit. Neben seinem Blog für »The Scientific American« schreibt er wissenschaftliche...

Pressestimmen

Leipziger Volkszeitung

»Ein Buch (…), das an den Grundfesten des Glaubens rüttelt.«

Deutschlandradio

»Er macht uns mit allerlei Forschungsergebnissen bekannt und er schreibt in bester angelsächsischer Tradition leicht verständlich und kurzweilig. (...) Berings vielschichtiges und lesenswertes Buch beweist allerdings, dass es sehr vergnüglich sein kann, auch darüber nachzudenken, warum wir uns sowohl als Gläubige als auch als Wissensdurstige gut fühlen können und was das für unser Zusammenleben bedeuten könnte.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Einführung

Die Geschichte einer Illusion

Ein Leben ohne Sinn und Zweck

Zeichen, Zeichen, überall Zeichen

Seltsam unsterblich

Wenn Gott Menschen von Brücken stürzt

Gott als adaptive Illusion

Und dann stirbt man

Dank

Anmerkungen

Kommentare zum Buch

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