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Die elfte Geißel

Die elfte Geißel

Thriller

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Die elfte Geißel — Inhalt

Die Pariser Polizistin Blandine Pothin wird zu einem Noteinsatz gerufen: Zwei Mädchen wurden von der Métro überfahren. Selbstmord, Unfall oder Mord? Nach der Auswertung der Videoaufnahmen ist klar, die beiden Opfer wurden absichtlich vor den Zug gestoßen. Schnell ist eines der Mädchen identifiziert: Amandine Clerc, Psychologiestudentin. Die junge Frau forschte auf dem Gebiet der Pädophilie. Besteht ein Zusammenhang zwischen dem Mord und einem Kinderschänderring, der zurzeit im Internet mit grausamen Websites handelt und Frankreich seit Monaten in Atem hält?

€ 6,99 [D], € 6,99 [A]
Erschienen am 10.06.2014
Übersetzt von: Thorsten Schmidt
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98121-7

Leseprobe zu »Die elfte Geißel«

Für Éloïse, meine Ratgeberin
Für Jean Douchet

 

/ 1 Le Havre, Sondereinheit

 

Der November zog sich hin. Es wurde immer früher dunkel, und die Nächte wurden immer länger. Die sinkenden Temperaturen, der Mangel an Sonnenlicht – alles trug dazu bei, die Menschen zu ermüden, sie reizbar zu machen. Das Eingesperrtsein in den eigenen vier Wänden, die ungesunde räumliche Enge – all diese Zwänge schufen einen fruchtbaren Nährboden für Ausschweifungen und Verbrechen aller Art.
Alain Broissard hasste diesen Monat.
Vor sich hin schimpfend stieg er aus dem Waggon [...]

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Für Éloïse, meine Ratgeberin
Für Jean Douchet

 

/ 1 Le Havre, Sondereinheit

 

Der November zog sich hin. Es wurde immer früher dunkel, und die Nächte wurden immer länger. Die sinkenden Temperaturen, der Mangel an Sonnenlicht – alles trug dazu bei, die Menschen zu ermüden, sie reizbar zu machen. Das Eingesperrtsein in den eigenen vier Wänden, die ungesunde räumliche Enge – all diese Zwänge schufen einen fruchtbaren Nährboden für Ausschweifungen und Verbrechen aller Art.
Alain Broissard hasste diesen Monat.
Vor sich hin schimpfend stieg er aus dem Waggon aus. Während der Fahrt hatte er versucht, ein Nickerchen zu machen – er fühlte sich gestört von den Reisenden, die verstohlene Blicke auf die Pistole unter seiner Jacke warfen. Sein Abzeichen hatte nichts genutzt. Selbst Polizisten flößten kein Vertrauen mehr ein. Nachdenklich kraulte er seinen Bart. Vor allem Polizisten, korrigierte er sich.
Da er nicht schlafen konnte, hatte er sich in die Akte über diesen neuen Fall vertieft. Mit einer geradezu zwanghaften Sorgfalt arbeitete er sie durch und wollte zwischen den Zeilen alles um sich herum vergessen.
Er suchte die Bahnhofstoiletten auf, ging in eine Kabine und verriegelte die Tür. Diese verfluchte Migräne wurde er einfach nicht los, sie hatte ihn wieder aus heiterem Himmel überfallen. Er wühlte in seiner Aktentasche nach Tabletten und hoffte inständig, der Schmerz möge nachlassen. Aber der Geruch nach Urin, vermischt mit dem Minzduft eines Raumsprays, ließ ihn die Kabine fluchtartig verlassen.
Auf das Waschbecken gestützt, blickte er in den riesigen Spiegel an der Wand. Das grelle, senkrecht einfallende Licht betonte seine hohlen Wangen und unterstrich erbarmungslos die purpurvioletten Schatten unter seinen Augen. Er kämmte seinen Schnurrbart und bemerkte, dass seine Wangen von Schrammen überzogen waren, die er sich beim Rasieren beigebracht hatte. Müdigkeit und Stress machten ihn immer ungelenker. Mit siebenundvierzig Jahren war sein Körper knorrig, gedrungen, und auch wenn die Muskeln nach wie vor plastisch hervortraten, fehlte ihnen die Kraft, war er ausgelaugt von allzu vielen Strapazen.
Auf der Auffahrt wickelte er sich den himmelblauen Schal um den Hals, knöpfte seinen Überzieher wieder zu und ging auf den jungen Polizisten in Uniform zu, der ihm vom Parkplatz aus mit ausgestreckten Armen zuwinkte.
»Ich habe Sie erwartet. Brigadier Carrère, Kriminalpolizeidirektion Rouen. Ich soll Ihnen zur Hand gehen.«
»Alain Broissard. Capitaine der Sondereinheit.«
»Oh, ich weiß, wer Sie sind! Es ist eine Ehre, mit Ihnen zu arbeiten.«
Broissard starrte ihn an. Der etwa zwanzigjährige Brigadier, der die Statur eines Rugbyspielers mit Stiernacken hatte, glich auf seltsame Weise ihm selbst, als er in dem Alter war. Nur die Augen strahlten nicht in der gleichen Weise.
»Sind wir uns schon einmal begegnet?«
»Ja, an der Polizeihochschule. Sie haben dort an einem Kolloquium über Ermittlungsmethoden teilgenommen.«
»Das ist ziemlich lange her.«
»Ich habe keinen einzigen Ihrer Vorträge verpasst! Ihre Vorgehensweise war echt originell. Das kleine Einmaleins des versierten Kriminalisten.«
»Es hat dir also etwas gebracht?«
»Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, die dort erworbenen Kenntnisse praktisch anzuwenden. Aber in Anbetracht dessen, was uns heute Abend erwartet, wird es nicht mehr lange dauern«, sagte der Brigadier und schlug dabei die Tür zu.
Das Blaulicht auf dem Dach eingeschaltet, fuhren sie mit Vollgas los, in die Nacht hinein.
Die von Blaulichtern gesprenkelte Stadt Le Havre erstreckte sich in harten Linien und rechten Winkeln vor ihnen. Straßen und Plätze waren verwaist – die eisige Kälte hatte die Menschen in ihre Häuser getrieben. Vor dem Rathaus – einem ockerfarben beleuchteten Bunker – flatterten zerfetzte Fahnen in den französischen Nationalfarben träge im Wind. Wracks von Motorrollern türmten sich am Fuß der Treppe und bildeten eine Art chaotisches, kriegerisches Totem inmitten aufgeschlitzter Müllsäcke. Ein Tornado schien den Platz vor dem Rathaus verwüstet zu haben, und die Fensterscheiben auf der gesamten Länge der Avenue Foch schienen unter heftigen Windstößen geborsten zu sein. Der Brigadier nahm den Fuß vom Gas und deutete auf die Überreste einer Pizzeria, in der ein völlig ausgebrannter Renault 19 verkeilt war.
»Allein heute haben sie sechzehn Autos in Brand gesteckt und zwei unserer Leute krankenhausreif geprügelt. So was habe ich noch nie erlebt – zum ersten Mal dauern die Ausschreitungen so lange.«
»So schlimm war die Lage in Frankreich schon fünf Jahre nicht mehr«, sagte Broissard, während er die apokalyptische Szene hinter der Windschutzscheibe betrachtete.
Der Wagen glitt geräuschlos zwischen den verzweigten Gebäuden hindurch, fuhr vorbei an schwach beleuchteten kahlen Rasenflächen und die Strandpromenade entlang. Linker Hand öffnete sich die Seinemündung zum Meer, eine glatte schwarze Wand, an der die Leuchtfeuer von Supertankern und Fabrikschiffen wie aufgehängt waren.
»Und was hältst du von diesem Fall?«, fragte Broissard und checkte nebenbei die E-Mails auf seinem Handy.
»Das ist unbegreiflich. Diejenigen, die das getan haben, sind sehr gut organisiert. Das ist nicht ihr erster Versuch, aber das erste Mal, dass sie aufgeflogen sind.«
Am Ende des Strandes zeichneten sich die verschwommenen Konturen des Industriehafens ab. Broissard öffnete das Fenster, und die Seeluft drang in den Fahrgastraum ein. Der Brigadier hielt auf die Docks zu und fuhr fort:
»Wenn man Drogen schmuggeln will, macht man das heimlich. Auf dem Ärmelkanal wimmelt es nur so von Schiffen, die Schmuggelware geladen haben – meistens sind es kleine Motorboote, die unbemerkt von einem Ort zum anderen fahren. Aber hier haben sie groß aufgefahren. Verplombter Container, regulärer Frachter – echt die Härte. Als ob diese Schweinereien völlig legal wären. Was ins Auge springt, sieht man nicht, oder?«
Alain Broissard nickte nur nachdenklich.
Der Wagen fuhr durch die Gassen zwischen den Containerstapeln durch, die das Terminal vollkommen geometrisch durchschnitten. Im Frost erstarrte Kräne knarrten, und Transparente mit der Aufschrift »Bestreikt« baumelten über der Wasserfläche. Vier Polizeiautos standen im unheimlichen Schatten eines Frachters. Broissard atmete den Geruch nach Jod, Diesel und frittierten Speisen ein, der aus den von Rost und Graffiti überzogenen Lagerhäusern drang. Er schaute sich um und bereitete sich darauf vor, in Aktion zu treten.
Gischt schlug ihnen ins Gesicht, als sie ausstiegen. Eine Gruppe von Polizisten notierte fieberhaft die Worte eines fülligen, etwas plumpen Mannes. Der Brigadier deutete auf ihn.
»Das ist unser Kommissar.«
Der Mann erblickte Broissard und eilte ihm mit kleinen Schritten entgegen.
»Capitaine Broissard? Ich leite die Ermittlungen. Möchten Sie einen Kaffee?«
»Ja, gerne. Schwarz bitte, ohne Zucker.«
»Zwei Kaffee, aber dalli, ohne was drin«, rief der Kommissar einem seiner Männer zu. »So was kommt hier in dieser Gegend nicht alle Tage vor. Ein Zollbeamter hat das Zeug in diesem Frachter entdeckt.«
Broissard kniff die Augen zusammen und las in weißen Lettern auf dem von Algen überzogenen Schiffsrumpf den Namen Dolly Bell.
»Der Junge macht seinen üblichen Kontrollgang und bemerkt, dass etwas mit der Plombe eines Containers nicht stimmt. Darum wirft er einen Blick ins Innere.«
Der Kommissar senkte die Stimme.
»Unter uns gesagt, glaube ich, dass es einige Zeit dauern wird, bis er sich von dem, was er gesehen hat, erholt. Nur verdammte Psychopathen sind zu so was imstande. Kurz und gut, was den Stand der Ermittlungen anlangt ...«
»Mit Verlaub, ich habe mich durch Ihre Berichte durchgearbeitet. Unter welcher Flagge fährt das Schiff?«
»Deutscher. Es sollte in drei Tagen wieder in See stechen.«
Ein Polizist in Zivil brachte ihnen den Kaffee. Der Kommissar trank einen Schluck, verzog das Gesicht und warf den Becher in die schwarzen Strudel im Hafenbecken.
»Wir vernehmen gerade die Besatzung. Einige haben gestanden, dass sie aus den Containern was mitgehen ließen, um ihre Heuer aufzubessern. Andere verticken heimlich Zigaretten oder ein bisschen Stoff. Die Kollegen vom Rauschgiftdezernat haben Cannabisharz und Crackpfeifen sichergestellt. Aber nichts, was im Zusammenhang mit dem steht, was wir im Frachtraum gefunden haben.«
»Lassen Sie einen Ihrer Männer den ganzen Papierkram durcharbeiten. Aufzeichnungen über die geladenen Güter, Frachtbuch, Fahrtrouten, Wechsel des Schiffseigners – ich will alles über dieses Schiff wissen, wann es zum letzten Mal einen neuen Anstrich erhielt, ob sein Name geändert wurde, einfach alles. Stellen Sie Nachforschungen über den Reeder und all seine Geschäftspartner an, Schiffsausrüster, Schiffsmakler, Lagerarbeiter, ermitteln Sie die Transithändler, vielleicht ergibt sich da eine heiße Spur.«
»Ziemliche Rackerei.«
»Ich will eine Akte über jede Person, die sich diesem alten Kahn auch nur genähert hat, überprüfen Sie die Vorstrafen. Die Mannschaft nehmen wir uns besonders gründlich zur Brust. Lassen Sie das zwei Ihrer Männer erledigen, die schnell mal die Geduld verlieren ...«
»Okay.«
Ein Nebelhorn hallte in der Fahrrinne wider. Ein von Schleppern gezogener Frachter schob sich langsam, begleitet von Möwengeschrei, wie eine riesige Festung an ihnen vorbei. Der Kommissar zündete sich eine Zigarette an und hielt Broissard die Schachtel hin, der die Offerte jedoch ablehnte.
»Ich beneide Sie nicht.«
Der Capitaine zerdrückte den Becher in der Hand, ohne die Bemerkung weiter zu beachten.
»Schließlich brauche ich noch einen Beamten als Verbindungsoffizier zwischen unseren Dienststellen. Lassen Sie das Brigadier Carrère erledigen. Kann ich jetzt sehen, was Sie gefunden haben?«
»Kommen Sie, aber zuvor muss ich Sie noch der Ermittlungsrichterin vorstellen.«
Wie um sich zu entschuldigen, fügte er hinzu:
»Die Vorschriften, immer die Vorschriften.«
Etwas abseits von den Polizisten hatte eine etwa dreißigjährige junge Frau gerade ein Notizbuch zugeklappt. Sie gingen auf sie zu.
»Frau Richterin, der aus Paris entsandte Beamte ist eingetroffen.«
Sie drehte sich zu den beiden Männern um, die in ein sehr hübsches Gesicht blickten. Die Hand, die Broissard ergriff, fühlte sich allerdings kalt und sehnig an.
»Meine Herren, Sie sollten wissen, dass die Presse noch nicht unterrichtet wurde, und in Anbetracht der außerordentlichen Umstände dieses Falles möchte ich, dass sie so spät wie möglich davon erfährt. Sehen Sie darin ein Hindernis für die ordnungsgemäße Durchführung der Ermittlungen?«
»Nein.«
»Capitaine Broissard, aufgrund des Rufes, der Ihnen vorauseilt, verzichte ich auf ausführliche Berichte.«
»Danke, Frau Richterin.«
»Kommissar, das werden Sie übernehmen. Was die Anordnung von Untersuchungshandlungen und von vorübergehenden Festnahmen anlangt, werde ich mich bemühen, die entsprechenden Verfügungen schnellstmöglich auszustellen – einverstanden?«
Die beiden Männer nickten. Broissard starrte der Richterin nach, als sie fortging, und spürte die Leere, die sie hinter sich zurückließ. Der Salzgeschmack in seinem Mund war unangenehm.
»Wo ist die Höhle des Löwen?«, seufzte er.
Der Kommissar deutete auf einen jungen Mann, der einen verstörten, verschlafenen Eindruck machte.
»Er wird Sie hinführen. Zwei meiner Männer werden ...«
»Am Tatort arbeite ich allein.«
»Ganz, wie Sie wollen. Es hat den Anschein, als wäre diese Scheiße Ihr tägliches Brot. Wenn ich das meinen Männern ersparen kann, umso besser.«

 

/ 2 Le Havre, Sondereinheit

 

»Passen Sie auf!«, sagte der junge Zöllner und deutete auf die brunnengroßen Löcher im Stahl über den Laderäumen. »Dieser Klapperkahn ist ein Wrack. Man müsste diese Schrotthaufen aus dem Verkehr ziehen.«
Sand- und Graupelschauer peitschten das Oberdeck. Broissard band seinen Schal enger und ging vorsichtig los; er achtete darauf, sich nicht mit den Füßen im Gewirr der Kabel und Taue zu verheddern, die überall auf dem Frachter herumlagen.
»Hier entlang.«
Nachdem sie am Fuß der Kommandobrücke eingetroffen waren, einer in der Finsternis unheimlich aufragenden Wand, stießen sie in das Schiffsinnere vor. Sie durchquerten den Speisesaal, in dem es nach Alkohol, Fett und Zwiebeln roch, und gingen durch mehrere klapprige Türen, bis sie die Mannschaftsquartiere erreichten.
Ein muffiger, modriger Geruch sättigte die Atmosphäre. Das Quietschen des Blechs und die Wellen am Rumpf durchbrachen die Stille. Der Bodenbelag, grünliches Linoleum, war so mürbe, dass Fetzen an den Sohlen kleben blieben. Die Kabinentüren standen offen und gaben den Blick frei auf winzige, schummrige Zellen. Alain Broissard richtete seine Taschenlampe auf ausgeblichene Poster, die die Wände überzogen.
Ein widerlicher Geruch nach kaltem Tabakrauch und säuerlichem Schweiß stieg von den Laken auf, die zu Kugeln zusammengerollt waren. Er ging schneller, und ihm war speiübel. Sie betraten einen Fitnessraum ohne Bullaugen. In großen, staubbedeckten Spiegeln sah man die abgeblätterte Farbe, und Fotos von Brünetten mit rasierter Scham dichteten die Risse in den Wänden ab. In dem Lederüberzug der Flachbänke zeichneten die Schweißeinlagerungen die Konturen der Körper nach, die darauf gelegen hatten. Dem Dieselgestank folgend stiegen sie die Treppe hinunter, die in den Maschinenraum führte, immer tiefer ins Innere des Schiffes vorstoßend.
Auf der untersten Ebene blieb der Mann vor einer Stahltür stehen, die dicker war als die anderen.
»Da wären wir. Seien Sie vorsichtig. Verlassen Sie auf keinen Fall den Mittelgang. Der Container befindet sich ganz hinten.«
»Ist er erkennbar?«
»Nein, ich wäre beinahe dran vorbeigelaufen, ohne ihn zu sehen. Er war versiegelt, aber die Nummer stand nicht auf meiner Liste. Ich habe meinen Vorgesetzten angerufen, der mich angewiesen hat, ihn aufzubrechen. Kollegen sind auf diese Weise schon auf Leichen gestoßen. Doch da war nichts Ungewöhnliches – überall nur Kartons. Ich habe den ersten aufgemacht und ... Dutzende von DVDs ohne Verpackungen gefunden. Ich habe geglaubt, dass es Raubkopien von Filmen wären, also habe ich eine mitgenommen zur Zollstelle, um sie zu überprüfen, und ... ich weiß nur ...«
Broissard erriet, was jetzt im Kopf des jungen Mannes vor sich ging. Die überschäumenden Emotionen setzten ihm schwer zu. Es brachte nichts, sich dagegen aufzulehnen. Manche Bilder ließen sich nicht löschen.
»Sind Sie sicher ... entschuldigen Sie, ich bin ziemlich durcheinander ...«
Broissard wusste nicht, was er sagen sollte. Er kannte dieses Gefühl der Verstörtheit nur zu gut. Er widmete sein Leben der Aufklärung jener Verbrechen, die dieses Gefühl hervorriefen.
»Das, was du gesehen hast, lässt sich nicht verstehen.«
Er drückte die Klinke und trat über die Schwelle der letzten Tür. Sie schlug hinter ihm zu. Unter seinen Füßen tat sich unvermittelt ein feuchter Abgrund auf, aus dem dumpfe Geräusche aufstiegen. Die jähe Veränderung der Helligkeit brachte Broissard zum Wanken; er hielt sich an dem eiskalten Geländer eines schmalen Ganges fest, der in den Laderaum hineinragte.
Er tastete sich voran und näherte sich der Treppe, die in der Mitte hing. Zwischen den Stufen gewahrte er den Abgrund unter seinen Füßen, und ihm wurde schwindelig. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe enthüllte eine riesige Halle, die sich im Dunkeln über die gesamte Länge des Rumpfes erstreckte.
Gewaltige Containerstapel ragten vom Boden des Laderaums auf. Grüne Ampeln markierten eine Vielzahl von Fluchtpunkten und Quergängen. Im Licht der Taschenlampe schien das Gleichgewicht der Linien ins Wanken zu geraten. Broissard bewegte sich langsam auf diesem gigantischen Schachbrett und suchte am Boden die Buchstaben und die Nummern der Reihen.
Er erreichte die Stelle, wo die Reihen K und 43 aufeinandertrafen, und blieb vor einem bordeauxroten Container stehen.
»Hier also ...«, flüsterte er und suchte das Stahlgehäuse nach Spuren ab.
Er kniete sich vor den halb geöffneten Türflügeln nieder.
Vor ihm befanden sich Hunderte von identischen Kartons.
Er schrieb in sein Notizbuch: Keine Beschriftung. Keine Stempel. Kastanienbraune Würfel, mit Tesafilm zugeklebt. Polystyrolchips zum Schutz des Inhalts.
Er streifte sich Latexhandschuhe über und breitete ein quadratisches Stück dehnbarer Folie auf dem Boden aus – sein Operationstisch. Er legte seine Werkzeuge darauf: Skalpell, Umschläge für Rückstände, Fingerabdruckpulver, Klebebandstreifen, ein Fläschchen mit Entwickler, Zerstäuber.
Alain Broissard stellte das Objektiv seiner digitalen Kamera auf Makromodus ein und griff nach einem Karton, den er vorsichtig auf die improvisierte Arbeitsfläche legte. Er hatte den Eindruck, in ineinandergeschachtelten riesigen Matroschkas gefangen zu sein: Laderaum, Container, Karton.
»Jeder Fall hat seine eigene Musik ... Jeder Fall hat seine eigene Musik ...«, sagte er sich.
Das Polizeihandbuch ist das Musiklehrbuch. Der Tatort ist das Instrument. Ein Indiz entspricht einer Note. Übertrage das, was du siehst, in eine Partitur.
Das war seine ganz persönliche Art, das Grauen zu bewältigen. Es war auch das einzige Mittel, das er gefunden hatte, um seiner Gewaltausbrüche Herr zu werden.
Das auf den Pinsel aufgetragene Pulver enthüllte keine Fingerfurchen, nichts als glatte Fingerabdrücke, die keinerlei Profil erkennen ließen. Er folgerte daraus, dass es sich um die Abdrücke von Handschuhen handeln musste.
»Nichts überstürzen ... die Akkorde isolieren ...«
Er trug eine Schicht feineren Pulvers auf, das sogar an kaum sichtbaren Schweißspuren kleben blieb. Gleiches Ergebnis. So viel Vorsicht ließ nichts Gutes erwarten. Er zwang sich dazu, dem Tempo der Ermittlungen zu folgen, sich ihrer melodischen Ordnung zu öffnen, aber schon erhoben sich Fragen wie Riffs, die das zentrale Thema übertönten. Ein improvisiertes Jazz-Stück.
Er begann mit dem Sezieren. Die Musik in seinem Kopf wurde leiser, wie ein Saxophon-Solo, das sich in den Bässen verliert. Seine Hand zitterte leicht, als er das Skalpell ansetzte, um die Kiste der Länge nach aufzuschneiden. Er wühlte zwischen den Polystyrolchips und fand das, was er suchte.
Die Stiftlampe zwischen den Zähnen eingeklemmt, hielt er sich eine DVD dicht vor die Augen. Die Schutzhülle war nicht beschriftet und trug auch sonst kein Kennzeichen. Schwarz. Geheimnisvoll. Er legte sie auf die dehnbare Folie und begann mit der Analyse der Oberfläche. Er schaltete den Kassettenrekorder ein:
»Montag, 28. November, 21.12 Uhr, Laderäume des Containerschiffs Dolly Bell. Objekt: pädophile Video-DVD.«
Er nahm einen tragbaren DVD-Player aus seinem Aktenkoffer, öffnete vorsichtig die Hülle und führte die DVD ein. Die erste Einstellung zeigte ein eintönig blaues Bild, das nach und nach verblasste. In seinem Kopf überblendeten sich die Töne. Der Rhythmus des Schlagzeugs überlagerte seinen Herzschlag. Ein aus dem Nichts aufge-tauchtes Crescendo explodierte. Seine Stimme dröhnte in der Tiefe des Laderaums.
»Sieben Kinder. Vier Mädchen. Drei Jungen. Vier Erwachsene. Männliche Geschlechtsteile. Sichtbare Körper. Maskierte Gesichter. Das Mädchen rechts im Bild hat dunkles Haar. Es dürfte nicht älter als acht Jahre sein. Es hat blaue Flecken an den Handgelenken, Knutschflecken am Bauch, an den Brüsten. Der Mann, der neben ihm liegt, hat eine athletische Figur. Geburtsmal unter der Achsel. Schwarzes Schamhaar. Erigierter Penis. Unbeschnitten ...«
Jeder Fall hat seine Musik.
Aber er hatte sich gründlich getäuscht. All dies hatte nichts mit einem Jazz-Stück zu tun.
Unter seinen Augen entfaltete sich die Partitur eines Requiems.

 

3/ Paris, Justizpalast

 

»Gibt’s was Neues?«
»Nichts, abgesehen davon, dass die Geschworenen für ihre Beratungen um eine weitere Stunde gebeten haben«, antwortete der Journalist und zog an seiner Zigarette.
»Und die Fernsehsender? Haben die neue Informationen?«
»Die wissen auch nicht mehr als wir.«
»Mist, jetzt können wir uns die Nacht um die Ohren schlagen, und das bei diesem Regen«, brummte sein Vorgesetzter und betrachtete dabei den Himmel. »Scheißprozess, sag ich dir.«
Der graue Himmel über der Stadt verfinsterte sich sehr schnell. Schwarze Wolken, die mit Graupel und Schneeflocken beladen waren, sausten den Montmartre herunter und verdunkelten den Himmel über dem rechten Seineufer.
An diesem Spätnachmittag wurde der Boulevard du Palais von einer ungeduldigen Menge belagert. Polizisten bewachten den Eingang des Gerichtsgebäudes. Wohin man blickte, Kameras, die auf die Goldverzierungen des kunstvoll geschmiedeten Eisengitters gerichtet waren. Geplagt von den allmählich sinkenden Temperaturen, traten die Journalisten von einem Fuß auf den anderen, stampften auf den Boden, um sich aufzuwärmen, und tauschten Informationen aus, während sie in einem fort ihre BlackBerrys konsultierten.
Im Ehrenhof, am Fuß der Treppe, äußerten Staatsanwälte in Robe Hypothesen über den Ausgang des Prozesses, der Frankreich seit fast zwei Wochen elektrisierte. Die Angst vor einem neuen Skandal und seinen Folgen verdüsterte ihre Gesichter. In dieser Zeit schwerer sozialer Unruhen würden sich die Justiz und die Polizei davon nicht erholen.
Im Inneren des Gebäudes herrschte eine noch größere Unruhe, die sich mit den beunruhigenden Gerüchten von Flur zu Flur und Stockwerk zu Stockwerk ausbreitete. Genau dieser Anspannung versuchte Lieutenant Léopold Apolline zu entgehen.
Unter dem Gewölbe der Sainte-Chapelle sitzend, genoss er die relative Ruhe hinter den Kirchenfenstern.

Aurélien Molas

Über Aurélien Molas

Biografie

Aurélien Molas, geboren 1985 in Tarbes, hat in Madrid gelebt und wohnt heute in Paris, wo er als Drehbuch- und Romanautor tätig ist. »Die elfte Geißel«, sein erster Thriller, wurde mit dem Prix Sang pour Sang polar, dem Prix Noir de Noir des lycéens und dem Prix Raisin Noir du polar ausgezeichnet.

Pressestimmen

Marie France

Beunruhigend.

Le Figaro magazine

Ein überzeugender, klar und elegant geschriebener Thriller, der unbarmherzig den Abstieg der Menschheit in die Hölle skizziert.

Le Temps de Livre

Ein düsterer, rasanter Thriller.

Livres Hebdo

Sehr gut und verstörend.

La Depeche

Ein sehr düsterer Thriller, der dennoch nicht voyeuristisch ist.

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