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Die EisfestungDie Eisfestung

Die Eisfestung

Hamburg im kalten Griff Napoleons

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Die Eisfestung — Inhalt

Mit Schnee, Eis und Pferdemist macht er aus der Stadt eine feindselige Trutzburg. Im bitterkalten Winter des Jahres 1813 verbarrikadiert sich Napoleons gefürchteter Marschall Louis-Nicolas Davout mit seinen Soldaten in Hamburg. Für die Bürger der Stadt folgen erbarmungslose Monate, in denen Frost, Hunger und Seuchen sowie Angst und Hass regieren.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 12.11.2012
400 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30183-1
€ 5,99 [D], € 5,99 [A]
Erschienen am 30.11.2012
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95961-2

Leseprobe zu »Die Eisfestung«

Vorwort: Der Marschall und die Bürger

 

 

Hamburg war die größte und letzte Festung Napoleons in Deutschland, die das französische Militär den Siegern übergeben musste. Ein halbes Jahr lang hielt sie der berüchtigte Marschall Louis Davout mit 40 000 Mann – gegen eine russische Belagerungsarmee nach außen und nach innen gegen 100 000 aufgebrachte und feindselige Bürger. Auch als Napoleon längst im Exil auf Elba war, galt für den eingeschlossenen Marschall immer noch der letzte Befehl des Kaisers: Hamburg halten, egal, was geschieht.
Als Napoleon im [...]

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Vorwort: Der Marschall und die Bürger

 

 

Hamburg war die größte und letzte Festung Napoleons in Deutschland, die das französische Militär den Siegern übergeben musste. Ein halbes Jahr lang hielt sie der berüchtigte Marschall Louis Davout mit 40 000 Mann – gegen eine russische Belagerungsarmee nach außen und nach innen gegen 100 000 aufgebrachte und feindselige Bürger. Auch als Napoleon längst im Exil auf Elba war, galt für den eingeschlossenen Marschall immer noch der letzte Befehl des Kaisers: Hamburg halten, egal, was geschieht.
Als Napoleon im Dezember 1812 die Reste seiner Großen Armee in Russland verlassen hatte und nach Paris jagte, hielt er noch über ein Dutzend Festungen an der Weichsel, der Oder, der Elbe und dem Rhein. Er wollte eine neue Armee aufstellen und ein zweites Mal nach Russland ziehen, im nächsten Frühsommer, wenn auf den Weiden das Gras für die Armeepferde üppig wuchs. Die Festungen sollten mit ihren 200 000 dann ausgeruhten Soldaten Ausgangspunkte neuer Angriffe werden.

In Hamburg hatte der Rat begonnen, die alten Wälle zu Parks mit Spazierwegen unter Linden und Kastanien umzuwandeln. Hamburg war vor Napoleons Handelskrieg mit England die zweitgrößte Handels- und Hafenstadt Europas gewesen, nach London, und politische Selbstständigkeit und Neutralität waren ihre größten Werte. Die Kaufleute wollten gegen niemanden Krieg führen und wollten auch nicht, dass einander feindliche Heere sich um ihre reiche Stadt streiten konnten. Sie setzten auf Handelsverbindungen, Geldgeschäfte und Diplomatie.
Ich erzähle, wie Louis Davout, Napoleons bester und unbesiegter Marschall, die Handelsstadt nach Napoleons Plänen noch 1813 zur größten Festung östlich des Rheins ausbaute. Der Marschall ließ das flache Land um die Stadt unter Wasser setzen, und als im bitterkalten Winter Kanäle und Flüsse und schließlich die Elbe zufroren und die Russen die Festung von allen Seiten zu Fuß erreichen konnten, baute er Mauern aus Pferdemist, Schnee und Eis. Er verteidigte die Festung entschlossen und zwang zugleich die Hamburger, seine Soldaten für Napoleons nächsten Krieg auszurüsten.
Bürger und Bürgerinnen zeigten erbittert passiven Widerstand. Aber Kaufleute mussten Millionensummen zahlen und Rohstoffe aus ihren Speichern abliefern, Handwerker mussten Uniformen und Schuhe, Sättel und Waffen anfertigen, und Arbeiter – Männer, Frauen, Kinder – mussten auf den Festungswällen schuften. Alle hatten Angst vor dem Verhungern, und Entsetzen ergriff sie, als Davout 20 000 Einwohner ausweisen ließ – die einen, weil sie nicht genügend Lebensmittel für eine monatelange Belagerung gekauft hatten, die anderen, weil sie jung und stark waren.
Der Marschall und seine Generäle hielten die Stadt für gefährlich und fürchteten Rebellen im Innern. Zahlreiche Kanonen auf den Festungswällen waren auf Straßen und Plätze gerichtet, und in der Stadt gab es zwei Zitadellen als letzte Zuflucht des Militärs bei einem Aufstand der Einwohner. Davout befolgte die Anordnungen Napoleons mit einer Härte und Unbeirrbarkeit, die selbst seine Offiziere erschreckte.
Außerhalb der Festung kämpften zwei- bis dreitausend junge Kaufleute, Handwerker und Studenten aus Hamburg und Lübeck mit den russischen und preußischen Truppen gegen Davout, und ein halbes Dutzend Bürger aus den Hansestädten Hamburg, Lübeck und später auch Bremen kämpften auf den Konferenzen der siegreichen Gegner Napoleons um das Fortbestehen ihrer Stadtrepubliken.
Ich habe Briefe gelesen, die Männer und Frauen schrieben, während Davout ihre Stadt in eine Festung verwandelte – Briefe des reichen Kaufmanns Pierre Godeffroy an seine Töchter, die auf einem kleinen Schiff nach England geflohen waren, Briefe des Buchhändlers Friedrich Perthes, den Davout als Rebell auf eine Todesliste gesetzt hatte, an seine Frau Karoline, die sich mit den Kindern in einem Jagdhaus im Wald an der Ostsee verstecken musste. Aus der belagerten Festung sind zahlreiche Tagebücher erhalten – Kaufmannstöchter, eine Pastorentochter, eine Lehrersfrau, ein Rechtsanwalt, ein Apotheker haben das Ungeheuerliche festgehalten, das vor ihren Fenstern geschah, ein Makler oft sogar mit Uhrzeit, wie ein moderner Reporter. Ich habe vom bedrängten Alltag der Frauen gelesen, von ihrer Angst vor ansteckenden Krankheiten – fast 10 000 Soldaten starben an Typhus. Die Frauen hofften auf ihre Befreiung durch die Russen und hatten zugleich Angst vor Plünderern und Vergewaltigern. Ich las Agentenberichte und fand die Zeitungsartikel, mit denen der russische General Bennigsen, der die Festung belagerte, einen Propagandakrieg gegen Davout führte. Napoleons Briefe an Davout sind erhalten, Berichte und Memoiren französischer Generäle. Der Briefwechsel zwischen Davout und seiner Frau, die auf einem Schloss in Frankreich lebte, überliefert vor dem Hintergrund grauenvoller Schlachten, wie man sie bislang nicht kannte, eine innige Liebesgeschichte.
Der gefürchtete Marschall beklagte die »schrecklichen Gesetze des Krieges«, die er selbst in seinem Kampf gegen die Zivilisten auf die Spitze trieb. Noch nach Generationen waren Nachkommen der Bürger und Nachkommen Davouts, die seine privaten Briefe veröffentlichten, aufgewühlt vom Charakter des Marschalls und von der unerhörten Geschichte der großen Festung.

 

Der 31. Mai 1813

 

Am Montag, dem 31. Mai 1813, marschieren die französischen Truppen in die Stadt ein. Die ersten Kolonnen kommen um fünf Uhr früh durch das Deichtor im Osten, die Kürassiere in ihren weißen Mänteln und mit weißen Rosshaarbüschen auf den glänzenden Helmen, die Infanteristen mit aufgepflanzten Bajonetten. Schiffe der verbündeten Dänen bringen weitere Bataillone von Süden über die Elbe, die in der Morgensonne glitzert und funkelt.
Eine seltsame Stille liegt über der großen Stadt. Nicht eine Kutsche rollt rasselnd durch die Straßen, nicht ein Lastwagen, dessen Fahrer sein Vierergespann mit einem Knall der langen Peitsche antreibt, nicht ein Wagen mit klappernden Koteimern. Kein Einwohner ist zu sehen, kein Hausknecht, kein Dienstmädchen, kein Straßenverkäufer, keine Milchfrau. Alle Geschäfte haben geschlossen. Auch auf den Fleeten, den Wasserstraßen der Stadt, auf denen sich sonst Frachtewer und Schuten aneinander vorbeischieben und die Ewerführer brüllen und fluchen, bleibt es still. Man hört nur die Marschtritte, die Trommeln, einzelne grelle Kommandopfeifen, Pferdehufe auf dem Pflaster.
Marschall Davout, le Prince, reitet mit seinen Offizieren und General Vandamme auf die Wälle der Stadt. Louis-Nicolas Davout, Fürst von Eckmühl, Herzog von Auerstedt, gilt als Napoleons tüchtigster Marschall. Er ist jetzt 43 Jahre alt, groß, kräftig, hat einen runden, fast kahlen Kopf, ein großes glattrasiertes Gesicht und trägt eine Brille, denn er ist stark kurzsichtig. Er sitzt nicht gut zu Pferd – er ist in Russland verwundet worden, vor dem langen Weg zurück durch Schnee und Hunger.
Er findet die Wälle in besserem Zustand vor, als er erwartet hat. Der russische Oberst Tettenborn, der am Vortag mit seinen Kosaken aus der Stadt entkommen ist, hat die Bürger ermuntert, an ihrer alten Festung zu arbeiten. Der Marschall versteht die Hamburger nicht: Sie haben im Februar gegen Napoleon rebelliert – nach sechs Jahren segensreicher französischer Verwaltung, seit über zwei Jahren ist die Stadt sogar Teil des französischen Kaiserreichs – und unterstützen nun eine sogenannte Befreiungsarmee aus jungen Bürgern, die sich Hanseatische Legion nennt und mit Tettenborn abmarschiert ist. 800 000 Infanteriepatronen für ihren Kampf liegen noch im Marine-Arsenal, von denen 600 000 aus England stammen.
Napoleons Befehle sind klar: Hamburg erobern und den Widerstand der rebellischen Bewohner brechen.
Der Marschall reitet über alle Wälle. Er besichtigt Schanzen und Bastionen und lässt die Kanonen umdrehen und auf die Stadt richten.

 

Im Präfekturbüro am Valentinskamp hat der Präfekt Graf Achille de Breteuil, 32 Jahre alt, sich bereits eingerichtet. Er ist schon gestern Abend um halb neun mit dem Marschall und seinen Elitesoldaten in die Stadt gekommen und hat das Präfekturgebäude und die Bücher der Stadt unversehrt vorgefunden. An diesem Morgen hat er alle öffentlichen Kassen versiegelt und befohlen, die russischen Wappen an den öffentlichen Gebäuden der Stadt wieder durch kaiserliche Adler zu ersetzen. Er weiß, wie die Einwohner den französischen Adler nennen: Aasvogel.
Breteuil ist der höchste Verwaltungsbeamte des Elbdepartements. Napoleon hat aus den Hansestädten Bremen, Hamburg und Lübeck, den Herzogtümern Lauenburg und Oldenburg und dem nordwestlichen Hannover die 32. Militärdivision – den 32. Militärbezirk – Frankreichs gemacht und ihn in drei zivile Departements aufgeteilt: Bouches de l’Elbe, Bouches du Weser und L’Ems supérieur. Hamburg ist Hauptstadt der gesamten 32. Militärdivision und des Elbdepartements und Sitz des Generalgouverneurs Davout. Der Präfekt ist auch für die Kommune Hamburg zuständig. Er hat zwanzig Bedienstete im Büro und eine eigene Garde aus 21 Soldaten und zwei Meldegängern für nächtliche Aufträge. Napoleon hat ihn erst im März, nach den Aufständen in den drei Departments, zum Präfekten ernannt und an die Elbe geschickt. Sein Vorgänger de Coninck war dem Kaiser nicht hart genug.
Gestern hat Breteuil zum ersten Mal mit Hamburger Kaufleuten gesprochen. Sie waren Davout als Abgesandte des Rats über die Elbe entgegengegangen und wollten die Unterwerfung der Stadt anzeigen, wollten um Gnade und Schonung bitten. Der Marschall hat sie mit einem furchterregenden Blick gemustert und mit seiner hohen befehlenden Stimme gesagt : » Ah, sind Sie da! Sie haben lange auf sich warten lassen!«
Das Schicksal der rebellischen Stadt hänge ganz von der Gnade des Kaisers ab, sagte er noch, mit Rebellen unterhandle man nicht.
Sie mussten ihn nach Harburg begleiten, in die kleine Stadt am südlichen Elbufer, wo Breteuil ihnen ihre Strafe mitteilte: 50 Millionen Francs für den Kaiser. Als sie nach Hause wollten, sagte der Marschall: »Rebellen können warten.« Während sie warteten, besetzte General Vandamme das erste Stadttor, und der Rat löste sich auf.
Breteuil ist nicht zufrieden mit seinem Haus am Valentinskamp. Sein Jahresgehalt als Präfekt beträgt 40 000 Francs, und ihm steht zu, dass das Gebäude mit Möbeln im gleichen Wert ausgestattet wird. Er wird sich an den Bürgermeister wenden. Die Bürger müssen die Möbel liefern, und zwar umgehend.

 

Für den Nachmittag des 31. Mai hat Seine Durchlaucht der Marschall eine Truppenrevue über 35 Bataillone Infanterie befohlen, zu 16 Uhr.
Schon Stunden vorher marschieren die Truppen im Sturmschritt und in breiten Gliedern durch die Straßen. Sie marschieren im Kreis durch die Stadt, beginnen vier-, fünfmal an denselben Toren, sollen den wenigen Bürgern, die nun doch niedergeschlagen zusehen, vorspiegeln, ihre Zahl habe gar kein Ende. Davout hat nicht genug Soldaten. Keines der Bataillone ist vollzählig, und die Soldaten sind jung und schwach, Wehrpflichtige aus Portugal und Spanien. Die meisten haben wochenlang in den Sümpfen der Elbinseln gelegen, als Vandamme mit ihnen die Stadt belagerte, und sind erschöpft.
Um 16 Uhr stehen die Bataillone in jeweils drei Reihen vom Dammtor über den Gänsemarkt und den Jungfernstieg bis in die Innenstadt.
Der Marschall sitzt auf seinem weißen Pferd, neben ihm reitet Seine Exzellenz der General-Lieutnant Graf Vandamme, zwei Dutzend Offiziere umgeben sie, alle sind prachtvoll gekleidet, in Weiß und Dunkelblau, mit goldenen Epauletten und breiten Schärpen.
Der Trompeter des ersten Bataillons bläst eine Fanfare, andere Trompeter antworten – der trockene Ton der silbernen Clairons läuft durch die Straßen. Der Prinz reitet an, sein Pferd steht vor dem Bataillon, die Soldaten rufen: Vive l’empereur!, es lebe der Kaiser. Davout hebt die rechte Hand an seinen Marschallshut und rückt dabei mit dem Zeigefinger seine Brille auf der Nase zurecht.
Das wiederholt sich bei jedem Bataillon.
Er hat in den vergangenen Wochen die Elbe-Weser-Ems-Departments zurückerobert, die sich seit dem Hamburger Aufstand gegen Napoleon erhoben hatten. Die Nachricht, dass von den über 600 000 Soldaten der Großen Armee nur 30 000 zurückkommen würden, hatte sich schnell verbreitet, der ganze Norden von Amsterdam bis Königsberg rebellierte gegen Napoleon. Davout wartete noch in Thorn auf Überlebende seines Korps, als für ihn aus Paris die ersten Befehle zum Kampf kamen. Im März war er in Dresden, sprengte die Augustusbrücke und ging nach Leipzig. Mitte April war er in Braunschweig und erhielt Napoleons Befehl, das Kommando in der 32. Militärdivision wieder zu übernehmen, das er im Vorjahr zu Beginn des Russlandfeldzugs einem Vertreter übergeben hatte. In der zweiten Aprilhälfte war er in Bremen, am 30. April eroberte er Lüneburg zurück. Als die Verwaltungskommission der kleinen Stadt ihn um Schonung bat, rief er ihr entgegen: »Und ihr! Ihr widersetzt euch diesem Manne der Vorsehung? Ihr mit euren 600 Piken! Mit euren hölzernen Häusern ! «
Der Marschall sieht zu den Häusern hinüber. Hier auf dem Jungfernstieg stehen zwar breite ordentliche Fachwerkhäuser, aber sonst gibt es in der Stadt fast überall nur krumme Gassen mit schiefem Fachwerk, alles eng, dunkel, feucht, Kaninchenbauten voller Verstecke für Rebellen und ihre Waffen, in den Höfen stehen Pferde und Schweine, die Fleete an den Rückseiten der Speicher stinken. Er wohnt wieder wie vor dem Feldzug in dem unbequemen Haus, das der Rat für seinen Vorgänger gekauft hat, den Marschall Bernadotte.
Er wird die Zuckerkaufleute für ihre Rebellion bestrafen, der Kaiser hat ihm unbegrenzte Vollmachten gegeben. Der Senat in Paris hat die Verfassung in Hamburg für drei Monate aufgehoben, die abtrünnige Stadt ist im Belagerungszustand – das Militär regiert. Napoleon hat ihm seitenlange Anweisungen geschrieben, schon am 7. Mai aus Waldheim in Sachsen. Er soll alle Untertanen, die sich zu Senatoren gemacht haben, verhaften, die fünf schuldigsten erschießen lassen und die übrigen unter starker Bewachung nach Frankreich ins Gefängnis schicken. Er soll alle Offiziere der Hanseatischen Legion erschießen lassen und alle Soldaten der Legion nach Frankreich schicken, wo sie auf die Galeeren kommen. Er soll alle Bürger, die als Anführer der Rebellion bekannt sind, erschießen lassen oder auf die Galeeren schicken. Er soll die fünfhundert reichsten Männer in der 32. Militärdivision, die am lautesten gegen den Kaiser protestiert haben, verhaften und ihr Eigentum beschlagnahmen. Er soll auf keinen Fall die Hamburger Kaufleute vergessen, die sich aufgelehnt haben, und ihnen ihr Eigentum wegnehmen, sonst ist man nie sicher im Land.
Die Revue ist zu Ende, Trommler und Pfeifer geben die letzten Kommandos, die Soldaten rücken ab. Sie biwakieren auf Plätzen und Wällen und haben ihre Gewehre griffbereit.
Die Offiziere, die heute schon ihr Logis in Bürgerhäusern beziehen, lassen sich dort noch nicht beköstigen aus Furcht, vergiftet zu werden. Einige, die es doch wagen, essen und trinken erst, nachdem der Hausherr in ihrer Gegenwart vorgekostet hat.

 

»Die Einwohner konnten von ihrem Erstaunen nicht zurückkommen«, notiert der Berichterstatter des ›Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten‹ für die Dienstagsausgabe über die Truppenrevue. »Es war ein gewaltiger Unterschied zwischen demjenigen, was sie vor Augen hatten, und demjenigen, was man ihnen von der physischen Anzahl der Französischen Bataillons erzählte.«
Die Zuschauer kehren voller Schmerz und Trauer zu ihren Geschäften zurück. Statt der angekündigten kampfstarken Truppen sind ausgemergelte junge Wehrpflichtige eingerückt. Vor denen war man weggelaufen. Man hat seine Waffen zu früh vergraben oder zerschlagen, als man am Morgen sah, wie die französischen Soldaten über den Fluss kamen.

 

General Vandamme ist ein Riese, ehrgeizig und wild, es gibt nur einen Marschall, dem er gehorcht, und das ist Davout. Davout behandelt ihn mit Höflichkeit und Respekt, Davout ist ein Teufel, eiskalt, wenn er mit seiner hohen Stimme spricht, der beste Heerführer Frankreichs nach dem Kaiser, auch wenn er in Russland in Ungnade gefallen ist. Umso heftiger wird er dem Kaiser seine Ergebenheit beweisen wollen, umso härter in Hamburg durchgreifen. Die Offiziere sagen, Davout liebe nur zwei Menschen auf der Welt – seinen Kaiser und seine Frau, und zwar in dieser Reihenfolge.
Vandamme würde noch viel härter als der Marschall durchgreifen. Er hat in Bremen zwei Mitglieder der Provisorischen Regierung in Oldenburg, von Finckh und Berger, erschießen lassen, fünf Bauern in der Gemeinde Blexen, vierzehn Personen insgesamt. Vandamme will endlich den Marschallstab haben, will Napoleon beweisen, dass er ihn verdient.
Der General hat noch an diesem Montag für die 5. Division – auf dem Papier ist sie 14 000 Mann stark, in Wirklichkeit hat sie keine 9000, aber das geht die Hamburger nichts an – anfordern und sofort liefern lassen: 60 000 Rationen Brot, jede zu 28 Unzen = 875 g, 120 000 Rationen Branntwein à 1/16 Liter, 60 000 Rationen Fleisch à 10 Unzen = 312 g, 60 000 Rationen Gemüse à 125 g sowie Salz, Essig und 60 000 Rationen Bier = 60 000 Liter Bier. Außerdem muss die Stadt fünfzig Ochsen für seine Division in Reserve bereithalten.
Vandamme hat das gesamte Bürgerhaus mit Beschlag belegt, in dem er Quartier bezogen hat. Der Hausbesitzer, ein alter Mann, hat sich in eine Dachstube zurückgezogen. Der General lässt ihn rufen und befiehlt ein heißes Milchbad.
Der alte Mann muss in die Nachbarschaft laufen und trotz der späten Stunde noch Leute stören, die eine Kuh halten. Sie öffnen ihre Haustüren nur zögernd. Eine Kuh gibt nicht viel Milch, und so spät am Abend haben die Nachbarn auch nicht mehr viel vorrätig, und so läuft der alte Mann weiter von Haus zu Haus.

 


Davout ist in seinem Büro im Regierungspalast an den Großen Bleichen. Er diktiert, seine Sekretäre schreiben an Stehpulten, Kerzen lassen die dunklen Schatten im Raum flackern. Der Präfekt Breteuil ist anwesend, Generalpolizeidirektor d’Aubignosc, der Adjutant Houdinot und César de Laville, Davouts Generalstabschef.
Militärs und Beamte kommen in das Büro und laufen wieder hinaus, warten im Vorzimmer, sitzen dort in Gruppen und formulieren Verordnungen, die Litzen an ihren blauen bestickten Uniformen funkeln im Flammenschein der Talglichter.
Mayer, Davouts Diener, bringt ihm Tee. Davout diktiert Befehle.
Die Einwohner sollen unverzüglich bei der Polizei alle »Pamphlets, fremde oder nicht erlaubte Zeitungen, Caricaturen, Kupferstiche, Verse etc. etc., die seit dem 24sten Februar dieses Jahres hier erschienen oder eingeführt sind«, abliefern.

Jeder, der diesem Befehl nicht sogleich gehorcht, soll streng bestraft werden. Alle Fremden in der Stadt müssen sich auf der Polizeidirektion melden. Alle Einwohner müssen innerhalb von 24 Stunden sämtliche Waffen auf der mairie abliefern – Gewehre, Jagdflinten, Pistolen, Säbel, Piken, Lanzen, Degen, Hirschfänger. Diese Befehle sollen morgen früh an allen Straßenecken angeschlagen werden und auch in der Zeitung stehen, die ab sofort wieder auf Deutsch und Französisch gedruckt wird.
General de Laville soll dem Adjutanten Thomas befehlen, den Magistrat der Stadt anzuweisen, Folgendes zu liefern: 200 000 Rationen Biskuit, 300 000 Rationen Branntwein, 300 000 Rationen Trockengemüse, Schlachtvieh für 300 000 Rationen frisches Fleisch. Dieses alles soll immer in Reserve vorhanden sein, unabhängig von der laufenden Verpflegung der Truppen. Die laufende Verpflegung muss stets auf fünf Tage im Voraus gesichert sein. Eine Militärbäckerei soll eingerichtet werden, und Thomas soll innerhalb von 48 Stunden Bäcker-Brigaden organisieren.
Davout diktiert auch einen Brief an Napoleon : Die Festungsarbeiten sind überraschend weit fortgeschritten, er wird alle Befehle Napoleons ausführen, in der Stadt ist kein Einziger der wichtigsten Einwohner mehr, auch kein Offizier der Hanseatischen Legion, einige der reichen Kaufleute sind nach Dänemark geflohen. Soll er sie sich ausliefern lassen?
Um Mitternacht befiehlt Davout: Die Hamburger Bürger müssen sofort geweckt werden. Sie sollen ihre Häuser erleuchten, wie sie es beim Geburtstag des Zaren Alexanders gemacht haben, und so die Rückkehr ihres Erlösers Napoleon feiern.
Um drei Uhr morgens diktiert Davout immer noch. Vandamme soll den General Dumonceau zehn der wichtigsten Einwohner von Bardowick und einem Nachbardorf arretieren lassen, um die drei Mörder eines französischen Soldaten zu finden. Wenn innerhalb von vier Tagen die Familien die Mörder nicht ausliefern, soll man unter den zehn Gefangenen auslosen, welche drei von ihnen auf der Stelle erschossen werden.

 

Patrouillen reiten durch die Straßen. Sie halten vor Häusern, die noch nicht erleuchtet sind, schreien und schlagen gegen die Türen. Wenn nicht sofort jemand herauskommt, werfen sie die Fenster ein.
Dorothea Moller, die unverheiratete 45-jährige Tochter des Versicherungsmaklers Ullrich Moller, die mit ihrer verwitweten Mutter und ihrer Schwester an der Nordseite des Fischmarktes wohnt, schreibt in ihr Tagebuch: Die »Gefühle jedes Hamburgers an diesem furchtbaren Tage werden in stetem Andenken unter uns bleiben«.

Über Gabriele Hoffmann

Biografie

Gabriele Hoffmann, promovierte Historikerin und Journalistin, war lange für den Stern, den NDR und Radio Bremen tätig und ist Autorin historischer Sachbücher, Biographien und Tatsachenromane. Ihre vielbeachtete Doppelbiographie »Constantia von Cosel und August der Starke« ist in über 25 Auflagen...

Pressestimmen

Kurier am Sonntag

»Historisch versiert und sprachlich brilliant.«

Magazin rostfrei

»Gabriele Hoffmann zeichnet ein fesselndes Bild des unerbittlichen Alltags in der abgeschotteten Elbfestung.«

Inhaltsangabe

Inhalt

Vorwort: Der Marschall und die Bürger

Der 31. Mai 1813

Die Peitsche

Der Kaiser

»Ihr Marschall ist ja der reinste Satan«

Die Rebellen

Eine Stadt des Krieges

Befehle

Auf dem Lande

»Wir durften nicht mehr Perthes heißen«

» höhere Pflichten «

»Tage des Schreckens, der Angst und des Leidens«

»Feinde des Staates«

Bal Dansant

Die Prinzessin

Sommer der Soldaten

Die Brücke

Der Marschall im Felde

»die gänzliche Ungewissheit über das künftige Schicksal der Stadt «

»Brechen Sie mit Pomp aus Hamburg auf«

Warten

»Hamburg kann jetzt als fest betrachtet werden«

»Nur den kleinen Raum in unserer Gegend …«

Tagebücher

In der Festung

Weihnachtstage

Silvester an der Elbe

»Sibirien oder der Tod«

Agentenberichte

Flüchtlingsleben

»die Freiheit der Städte«

Der Friede im Norden

Die Kälte

Eine Festung aus Eis

»Wir sind von Allem Total abgeschnitten«

Offiziersleben

»Jette, nun geht es los!«

Nach dem Angriff

Die Stille

»Es herrscht jetzt immer eine Todtenstille in den Straßen«

»la discipline la plus parfaite« – Die vollkommenste Disziplin

»viele meiner Tage stehen da wie dunkle Schatten«

Der Zweikampf

»ein Mann von Ehre«

»In Hamburg wissen sie alles«

Der stumme Krieg der falschen Nachrichten

Der Cousin

»Die heiterste Stimmung in der Stadt«

Die letzten Wochen

»Einem sollte die Geduld bald zerreissen«

»Es giebt jetzt so vieles zu hören«

Der 31. Mai 1814

Epilog: Hochzeiten und Todesfälle

Anhang

Anmerkungen

Quellen und Literatur

Personenregister

Zeittafel

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