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Die Ehe-Pause

Die Ehe-Pause

Roman

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Die Ehe-Pause — Inhalt

Von wegen für immer und ewig! Kurz nach ihrer Hochzeit müssen Annie und Dan feststellen, dass bei ihnen die Luft raus ist. Als Annie ein Jobangebot in New York bekommt, schmieden sie einen ungewöhnlichen Plan: Sie legen ein Jahr „Ehe-Pause“ ein, Annie in New York, Dan zu Hause in Irland. Und die einzige Verpflichtung ist, nach genau einem Jahr im Rockefeller Center aufzutauchen – um über das Schicksal ihrer Ehe zu entscheiden …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzt von: Karin Dufner
416 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98203-0

Leseprobe zu »Die Ehe-Pause«

Kapitel eins


Winter

Gut, zwei Dinge sollten Sie über mich wissen. Erstens bin ich nicht der Mensch, der aus einer Laune heraus seine gesamte Zukunft aufs Spiel setzt. Und zweitens habe ich durch das Leben in Stickens eines gelernt: Je mehr man die eigenen Erwartungen herunterschraubt, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden. Und vor allem darf man niemals, ich wiederhole, niemals damit rechnen, dass hier in der Provinz ein Wunder geschieht.

Man kann sich also vorstellen, dass es mich erschreckt wie ein Blitz aus heiterem Himmel, [...]

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Kapitel eins


Winter

Gut, zwei Dinge sollten Sie über mich wissen. Erstens bin ich nicht der Mensch, der aus einer Laune heraus seine gesamte Zukunft aufs Spiel setzt. Und zweitens habe ich durch das Leben in Stickens eines gelernt: Je mehr man die eigenen Erwartungen herunterschraubt, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, enttäuscht zu werden. Und vor allem darf man niemals, ich wiederhole, niemals damit rechnen, dass hier in der Provinz ein Wunder geschieht.

Man kann sich also vorstellen, dass es mich erschreckt wie ein Blitz aus heiterem Himmel, als um halb zwölf Uhr vormittags mein Mobiltelefon unablässig zu läuten beginnt.

Ich stehe im staubigen Hinterzimmer der Buchhandlung auf einer Leiter und räume Ausgaben einer neuen, sehr angesagten Serie für junge Erwachsene ins Regal, die hoffentlich den dringend benötigten Weihnachtsumsatz ankurbeln wird. Denn wenn man bedenkt, dass es bis dahin nur noch ein paar Wochen sind, laufen die Geschäfte erschreckend schlecht. Heute Morgen hat mir Agnes Quinn, die Inhaberin, mitgeteilt, es tue ihr zwar sehr leid, aber sie glaube nicht, dass sie mich nach den Feiertagen weiterbeschäftigen könne.

Natürlich sei das nicht ihre Schuld, wie sie mir ausführlich erklärte. Den Leuten sitze der Geldbeutel eben nicht mehr so locker wie früher ... heute bestellten immer mehr Kunden ihre Bücher im Internet ... Amazon schnüre ihr die Luft ab ... die Mieten seien zu hoch ... die Rezession sei noch nicht ganz überstanden ... bla, bla, bla ...

Ich kenne diese Geschichte nur allzu gut und habe Verständnis für Agnes. Kopf hoch, sage ich aufmunternd. Sehen Sie doch einmal die positive Seite. Ja, die Geschäfte laufen nicht sehr gut, meine ich freundlich zu ihr. Aber überlegen Sie mal. Nun haben Sie wenigstens Zeit, an Ihrem Buch weiterzuschreiben. Ihre Pausbäckchen röten sich wie immer, wenn man sie an ihr noch immer unvollendetes Opus erinnert. Übrigens ist es ein Kochbuch. Agnes hat sich die letzten drei Jahre durch die Kochrezepte ihrer Großmutter gearbeitet und will sie veröffentlichen.

»Die Stelle hier wird Ihnen sicher nicht fehlen, Annie, mein Kind.« Sie steht an der Kasse und zwinkert mir wissend zu. »Jetzt haben Sie viel mehr Zeit, um sich in The Moorings Ihrer Verwandtschaft zu widmen, richtig?«

Ich reagiere so wie immer – lächelnd und schweigend.

Dann reißt sie einen Pappkarton auf, der gerade geliefert wurde, und seufzt enttäuscht auf. »Oh, schauen Sie nur, noch mehr Bücher.« Sie klingt, als hätte sie Petunien erwartet.

In diesem Moment spüre ich, wie mein Mobiltelefon in der Tasche vibriert. Ich achte nicht darauf, sondern räume weiter Regale ein. Sicher ist es Audrey, meine Schwiegermutter, die mich von meinem Haus aus anruft, um mir mit ihrer brüchigen, dünnen Kleinmädchenstimme etwas vorzujammern, wie sie es jeden Tag tut. Und dabei weiß sie sehr wohl, dass ich in der Arbeit keine Privatgespräche annehmen darf.

Gut, es gibt drei mögliche Gründe für ihren Anruf: a) Sie möchte mich auf ihre bewährte passiv-aggressive Methode zur Schnecke machen, weil ich noch immer keinen Weihnachtsbaum aufgestellt habe. b) Sie hat wieder einen kleinen Anfall von »Unwohlsein«, weshalb ich dringend sofort nach Hause kommen muss, obwohl ich arbeite. Es ist ja nicht so, dass sie nicht selbst eine Tochter hätte, die ihr rund um die Uhr zur Verfügung steht, weil sie arbeitslos ist, weshalb sie viel mehr Zeit hat als ich. Und trotzdem ruft sie immer mich an, als sei ich eine Art Nikotinpflaster für ihre Nerven.

Die schlimmste Möglichkeit wäre natürlich c). Wenn Audrey die Anlässe ausgehen, mir Schuldgefühle zu machen, sie aber trotzdem das Bedürfnis hat, sich an mir abzureagieren, durchsucht sie in meiner Abwesenheit das ganze Haus und beschuldigt mich dann, ich hätte angeblich hinter ihrem Rücken etwas verändert. Ein paar verrutschte Möbel oder umgestelltes Porzellan auf der Küchenanrichte fallen übrigens bereits in diese Kategorie. Und wenn ich versuche, besagte Veränderung abzustreiten, schüttelt sie ihr liebstes Beschwerdethema aus dem Ärmel, nämlich dass ich die Frechheit hatte, die geblümte Tapete von den Schlafzimmerwänden zu entfernen und selbige stattdessen cremefarben zu streichen. Das ist nicht gelogen. Als ich sie damals nach oben führte, um ihr in meiner frisch verheirateten Unschuld stolz mein Werk zu präsentieren, ist die gute Frau beinahe geplatzt. Der Hausarzt musste kommen und ihr ein Beruhigungsmittel verabreichen. Bis heute reibt sie mir dieses Schwerverbrechen unter die Nase.

Das war, nebenbei bemerkt, der einzige Eingriff in die Gestaltung des Hauses, den ich seit dem Umzug vorgenommen habe. Der erste und auch der letzte. Wie konnte ich nur auf den Gedanken kommen, so kaltherzig zu sein? Nie werde ich vergessen, wie Audrey wimmernd und einer Ohnmacht nah auf dem Sofa lag und mich anklagend ansah. Ich hätte nicht nur die Atmosphäre des Raumes völlig zerstört, schniefte sie, sondern wisse auch nicht zu schätzen, dass diese Tapete bereits bei ihrem Einzug als junge Braut da gewesen sei.

Oh ... vermutlich irgendwann im frühen achtzehnten Jahrhundert.

The Moorings ist, wie ich hinzufügen muss, eine riesige angejahrte Villa mit acht Zimmern. Gnadenlos viktorianisch und von einer abweisenden Mauer aus Granit umgeben. Für so ein Haus würde jemand, der einen Drehort für einen Agatha-Christie-Film mit Hercule Poirot sucht, einen Mord begehen. Die Innenausstattung lässt sich am besten mit »frühe Thatcher-Jahre« beschreiben. Ein wahrer Jammer, denn mit ein wenig Arbeitseinsatz könnte ich wirklich etwas aus dem Haus machen, wenn man mich denn ließe. An The Moorings ist alles intakt und genau so, wie es sein sollte: die Gewölbe, das Mauerwerk und die beeindruckenden fünf Meter hohen verputzten Decken. Allerdings legt sich der altmodische, längst überholte Geschmack eines anderen Menschen darüber wie eine Decke. Folglich fühle ich mich in meinem eigenen Zuhause wie ein Gast.

Das Problem ist, dass Audrey sich seit dem Tod von Dans Vater Königin Viktoria zum Beispiel nimmt und alles in dem Zustand belassen will, in dem es zu seinen Lebzeiten war – es ist ein bewohntes Mausoleum. Trauernde Menschen tun manchmal merkwürdige Dinge, meinte Dan nach dem Tapetendebakel verständnisvoll zu mir, worauf ich mich wortreich entschuldigte und feierlich schwor, niemals etwas zu tun, das eine Wiederholung dieser Szene hervorrufen könnte. Mir bleibe nichts anderes übrig, als mir auf die Zunge zu beißen und Audrey zu unterstützen, solange sie das brauche. Wir müssten Geduld mit ihr haben, sagte Dan zu mir. Gemeinsam könnten wir ihr helfen, darüber hinwegzukommen.

Natürlich war das etwa um die Zeit, als er anfing, sich zu verdrücken, um fünfzehn Stunden am Tag zu arbeiten. Er kommunizierte nur noch per Post-its an der Kühlschranktür mit mir, auf denen stand, ich müsse nicht aufbleiben, um auf ihn zu warten, da es spät werden könne. Selbstverständlich besuchte Jules damals noch das College, weshalb man ihr nicht zumuten konnte, auch nur einen Finger krumm zu machen.

Was hieß, dass es ganz allein an mir hängen blieb, mich mit Audrey herumzuschlagen.

Versuchen Sie mal, in einem Mausoleum zu leben, mit einer Schwiegermutter, die es noch immer für ihr Zuhause hält, und einem Mann, der nie da ist. Und der, wenn doch, kaum mit einem spricht.

Los, ich möchte Sie mal in dieser Lage erleben.

Nun wieder zurück zur Buchhandlung, wo mein Mobiltelefon immer weiter läutet und ich es standhaft ignoriere, wobei ich mich zum wohl tausendsten Mal frage, ob Audrey überhaupt eine Vorstellung von angemessenem Verhalten am Arbeitsplatz hat. Man kann keine Telefonate annehmen, wenn man arbeiten muss. Allerdings ist genau das der springende Punkt; für sie gilt das, was ich tue, nicht als »Arbeit«. In ihren Augen ist es ein richtiger, anständiger Beruf, wenn man Tierarzt ist wie Dan, während ich nur ein bisschen jobbe. Nur für den Fall, Gott behüte, dass ich mir etwas darauf einbilden sollte.

Gegen Mittag ist so wenig los, dass die arme, besorgte alte Agnes mir sagt, ich könne für heute Schluss machen.

Um kurz vor eins habe ich wieder Gelegenheit, die Nachrichten auf meinem Telefon abzufragen.

Zu meiner Überraschung ist keine einzige von Audrey.

Angezeigt ist hingegen eine Dubliner Nummer, die ich schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr am Apparat hatte. Eine gewisse Hilary Williams. Auch bekannt als ... dramatischer Trommelwirbel ... meine Agentin.

Okay, hier eine Kurzbeschreibung von Hilary: Erstens war sie gar nicht begeistert über meine Entscheidung, nach Stickens zu ziehen. Sie ist über sechzig, eine Altachtundsechzigerin und Feministin. Bei der bloßen Vorstellung, dass ich meine beginnende Theaterkarriere opferte und, Gott bewahre, tatsächlich meiner Ehe den Vorzug gab, hätte sie sich beinahe in ein abgedunkeltes Zimmer gelegt, ein paar Tabletten genommen und Delfinmusik aufgelegt.

Außerdem qualmt sie am Tag mindestens sechzig Zigaretten. Sie ist der einzige Mensch, den ich kenne, der tatsächlich Demonstrationen gegen das Rauchverbot organisiert hat. Alle ihre Klienten wissen, dass man sich nur mit mindestens zwei Päckchen unter dem Arm in ihr Büro wagen darf.

Deshalb klingt ihre Stimme normalerweise dunkel, kehlig und rau, ja fast ein wenig wie die eines Mannes, aber ... nicht heute. Sie hat mir vier Nachrichten hinterlassen, und zwar in einem Tonfall, der dazu geeignet ist, Menschen aus dem Schlaf zu reißen.

»Mein Gott, Annie, warum rufst du mich nicht zurück? Kannst du dich gnädigerweise bei mir melden? Und zwar ... jetzt?«

Ich höre die Nachricht ab, rufe sie sofort zurück ... und springe auf der Stelle ins Auto.

Und dann mache ich mich in blitzartiger Geschwindigkeit auf die lange, lange Fahrt nach Dublin.

 

Wenn man sich ans Tempolimit hält, braucht man von Stickens nach Dublin gute drei Stunden, und glauben Sie mir, es ist keine Strecke für zaghafte Menschen. Den Großteil kann man zwar auf der Schnellstraße zurücklegen, doch zuerst muss man mehr als fünfundsiebzig Kilometer auf schmalen, kurvigen Landstraßen hinter sich bringen. Jedenfalls schaffe ich es, aufgepeitscht vom Adrenalin,

a) ein Höllentempo vorzulegen,

b) nicht von der Polizei erwischt zu werden und

c) meinen eigenen Rekord zu brechen, indem ich, das Gaspedal durchgetreten und mit wild klopfendem Herzen, die Stadt in knapp zweieinhalb Stunden erreiche.

Am späten Nachmittag komme ich in Dublin an, entgehe dem schlimmsten Berufsverkehr und ergattere auf wundersame Weise einen Parkplatz in einem rund um die Uhr geöffneten Parkhaus, direkt in der Innenstadt und ganz in der Nähe von Hilarys Büro. Obwohl ich völlig durchgeschwitzt bin und kurz vor einem Herzinfarkt stehe, erinnere ich mich zu meinem eigenen Erstaunen sogar daran, die obligatorischen Marlboro Lights für sie zu besorgen.

»Annie, beweg deinen Arsch hierher und setz dich!«, lautet ihre Begrüßung. Das mag ein wenig unfreundlich klingen, muss bei Hilary allerdings eher als Liebesbeweis gewertet werden. Ich gehorche, trete ein und überreiche ihr, während wir einen Luftkuss austauschen, brav die Zigaretten.

Es ist über drei Jahre her, dass ich das letzte Mal einen Fuß in dieses Büro gesetzt habe. Seit unserem letzten Telefonat ist mindestens ein Jahr vergangen. Daher empfinde ich es als beruhigend, dass sich hier zum Glück kaum etwas verändert hat, obwohl ich so lange aus dem Verkehr gezogen war. Hilary hat noch immer dieselbe graue Igelfrisur, dieselben grauen Hosenanzüge, dieselbe dazupassende graue Hautfarbe. Dieselbe scharfe Zunge und dieselbe Reizbarkeit. Oh, und sie raucht noch immer Kette, als ernähre sie sich von den Dingern.

Ach, und noch etwas, bei ihr gibt es niemals Small Talk. Zeit ist Geld, weshalb sie immer sofort auf den Punkt kommt. Sie lässt sich hinter ihrem Schreibtisch nieder, wirft ein dickes Skript vor mich hin und beugt sich dann vor, um mich gründlich unter die Lupe zu nehmen.

»Sehr gut.« Mit einem Nicken mustert sie mich so prüfend wie ein Schönheitschirurg, während sie sich eine Zigarette anzündet.

»Äh ... Verzeihung, Hilary ... was ist sehr gut?«

»Du siehst noch genauso aus wie auf der Porträtaufnahme in deinem Lebenslauf. Das Einsiedlerleben auf dem Lande hat dich optisch kaum verändert. Wenigstens etwas.«

Ich kann aus dieser Bemerkung nur schließen, dass sie befürchtet hat, ich könnte in schlammigen Gummistiefeln, mit Stroh in den Haaren und einer Mistgabel in der Hand in ihrem Büro erscheinen. Obwohl das normalerweise der Wahrheit ziemlich nah kommt (Stickens ist nicht unbedingt Paris während der Modewoche), habe ich heute nicht die üblichen Jeans mit Wollpullover an, sondern mein bestes Buchhändlerinnenoutfit: einen warmen Wollmantel, ein Wickelkleid und einigermaßen ordentliche Stiefel ohne Schlammspritzer.

»Nein«, brummt sie. »Du siehst noch immer aus wie die Annie Cole von früher. Was eine gute Nachricht ist. Weil wir genau das brauchen.«

Die Wände ihres Büros sind mit Schwarz-Weiß-Fotos all ihrer Klienten bedeckt, und ich kann mein eigenes durch die Rauchschwaden erkennen. Es ist vor über vier Jahren entstanden, doch außer ein paar Falten und einigen überzähligen Pfunden ... nein, sehr verändert habe ich mich nicht. Dieselbe dunkle Haut, dasselbe lange, dunkle, in der Mitte gescheitelte und störrische Haar. Um es zu glätten, braucht man so viel Haarspray, dass die Ozonschicht aufschreit. Also alles genauso wie früher.

Komisch, aber der Anblick meines Fotos erinnert mich immer daran, wie sehr Dan und ich uns ähneln. Wir haben die gleiche Augenfarbe, Dunkelbraun, und beinahe könnten wir als Bruder und Schwester durchgehen. Oder wie Jules es so zartfühlend ausdrückt: Ich sehe aus wie er in Frauenklamotten.

Autsch.

»Okay, jetzt zum Geschäftlichen«, beginnt Hilary, beugt sich vor und legt die Zigarette am Rand eines Aschenbechers ab. »Die Arbeiten von Jack Gordon sind dir doch sicher ein Begriff.«

»Du meinst den Jack Gordon? Willst du mich auf den Arm nehmen? Ja, klar, natürlich sind mir die ein Begriff. Ich bewundere ihn«, platze ich heraus und frage mich, was das wohl werden wird.

Jack Gordon ist übrigens einer der jüngsten und angesagtesten Theaterregisseure in der Stadt und unbeschreiblich erfolgreich. Das ist kein Scherz. Schauspieler würden ihr letztes Hemd hergeben, nur um bei ihm vorsprechen zu dürfen, geschweige denn um für ihn zu arbeiten. Seine Inszenierungen sind stets rasant, provokant und unweigerlich Stadtgespräch der Kulturbeflissenen. Kurz und gut, er ist der Alexander McQueen der Theaterwelt.

»Dann lies das«, sagt Hilary und wirft mir ein gebundenes Manuskript zu.

Ich werfe einen Blick auf den Titel. Hochzeitsglocken. Von einem Dramatiker, dessen Name mir nicht vertraut ist.

»Es ist eine Mischung aus Komödie und Drama und wird sicher ein großer Erfolg«, fährt Hilary fort. »Die Handlung spielt in einem Wellnesshotel, wo eine Gruppe von Frauen verschiedenen Alters, aber alle aus derselben Familie, ein Wochenende lang einen Junggesellinnenabschied feiern, weil die eine von ihnen heiraten wird. Die Premiere fand im Oktober im National Theatre im Rahmen des Theaterfestivals statt, und die Vorstellungen sind noch immer ausverkauft.«

Allmählich klingelt bei mir etwas.

»Ja, richtig ... ich habe die Kritiken in der Zeitung gelesen«, erwidere ich aufgeregt, greife nach dem Manuskript und blättere darin herum.

Hilary zieht die Augenbrauen hoch, als könne sie es nicht fassen, dass wir in Stickens tatsächlich Zeitungen kaufen, anstatt per Brieftaube mit der Außenwelt zu kommunizieren. Doch das kümmert mich nicht, da ich inzwischen aufgeregt auf der Stuhlkante sitze und mich frage, was all das nur mit mir und meiner beschaulichen Welt zu tun haben mag. Das Stück läuft bereits, weshalb ich wohl kaum dafür vorsprechen kann, oder? Wäre ich da nicht ein paar Monate zu spät dran?

»Heute Abend um Punkt halb acht hebt sich der Vorhang. Ich habe bereits einen Platz für dich ergattert und möchte, dass du erscheinst«, spricht Hilary weiter und zieht so heftig an ihrer Zigarette, dass sich der Rauch fast aus ihren Zehen kräuselt. »Dann kannst du wieder zurück in die Prärie ...« Ich lasse ihr diesen Kommentar aus diplomatischen Gründen durchgehen. »... wo du die restliche Nacht damit verbringen wirst, das Manuskript zu lesen, als ob es um dein Leben ginge. Dann, morgen Nachmittag.«

»Aber, Hilary, ich verstehe nicht ganz ... das ergibt doch keinen Sinn. Die Rollen sind bereits besetzt, das Stück läuft ...«

»Wenn du mich vielleicht ausreden lassen würdest. Ich wollte dir soeben erklären, dass eine der Darstellerinnen gerade gekündigt hat. Sie ist schwanger und wird sehr bald aus der Produktion aussteigen. Offenbar ist sie schon im vierten Monat, und die Schwangerschaft lässt sich leider nicht mehr leugnen. Außerdem wirst du, wenn du das Stück liest, feststellen, dass die Rolle körperlich ziemlich anspruchsvoll ist, weshalb ihre Ärzte ihr geraten haben, so schnell wie möglich aufzuhören. Natürlich wegen der Gesundheit und Sicherheit des Babys.«

»Schwanger?«, wiederhole ich verdattert.

»Und jetzt kommst du ins Spiel. Jack Gordon hat sich daran erinnert, dich vor vielen Jahren in Die zwölfte Nacht gesehen zu haben. Das war natürlich, bevor du beschlossen hast, in Frührente zu gehen.«

Wieder beiße ich mir auf die Zunge und gehe nicht darauf ein. Im Moment bin ich viel zu aufgeregt, um mir die Mühe zu machen, mein Leben zu verteidigen.

»... und er glaubt, dass du dich vielleicht für die Rolle eignest ...«

»Das hat er tatsächlich gesagt?« Meine Stimme überschlägt sich fast, so sehr erstaunt es mich, dass sich der große Jack Gordon überhaupt noch an mich erinnert.

»Wenn du vielleicht einmal zwei Sekunden am Stück den Mund halten könntest, hätte ich die Möglichkeit, die wirklich gute Nachricht loszuwerden. Jack lässt diese Woche nur drei Schauspielerinnen für die Rolle vorsprechen. Und du, mein Kind, bist eine der drei Glücklichen.«

Zum ersten Mal seit meiner Ankunft stehe ich so unter Schock, dass ich keinen Ton mehr herauskriege.

Über Claudia Carroll

Biografie

Claudia Carroll lebt in Dublin und ist erfolgreiche Theater- und TV-Schauspielerin. Ihre Romane stehen ganz oben auf den irischen Bestsellerlisten und werden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

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Schweizer Familie

»Ein heiteres Buch.«

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