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Die Damen und das UngeheuerDie Damen und das Ungeheuer

Die Damen und das Ungeheuer

Kriminalroman

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Die Damen und das Ungeheuer — Inhalt

Unaussprechliche Dinge hat ein Unbekannter nachts der zutiefst schockierten Sonia Breakspear angetan. Charlie Mortdecai, Kunsthändler und Vielfraß, Bibliomane und Säbelfechter, und sein einäugiger, kampferprobter Diener Jock machen sich auf die Tätersuche, die durch unvorhergesehene alkoholische Exzesse und die auffällige Diskretion der Landbevölkerung erschwert wird. Steht die Tatsache, dass der Unhold am Tatort eine Kröte zurückließ, etwa mit den Relikten barbarischer Kulte in Zusammenhang? Mr. Mortdecais Scharfsinn und seine Bereitschaft zu rücksichtsloser verbaler Gewaltanwendung beginnen sich zu bewähren ...

Erschienen am 01.08.2017
Übersetzer: Dorothee Suttkus
224 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30957-8
Erschienen am 01.08.2017
Übersetzer: Dorothee Suttkus
192 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96598-9

Leseprobe zu »Die Damen und das Ungeheuer«

1

Bis die Klippen bröckeln, die Wogen sich breiten,

Bis die Tiefe die Gartenterrassen trinkt,

Bis die Macht der Wogen, die Kraft der Gezeiten

Die schrumpfenden Felder, die Felsen verschlingt,

Liegt hier nach dem Ende von allen Tagen

Auf den Trophäen, die er selber sich bot,

Auf eignem Altar von sich selber erschlagen

Leblos der Tod.

A Forsaken Garden

 

Die Inseln

Vor etwa siebentausend Jahren – auf ein paar Monate mehr oder weniger kommt’s nicht an – floss eine große Menge Wasser aus gutem Grund, an den ich mich im Moment nicht erinnere, aus der Nordsee [...]

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1

Bis die Klippen bröckeln, die Wogen sich breiten,

Bis die Tiefe die Gartenterrassen trinkt,

Bis die Macht der Wogen, die Kraft der Gezeiten

Die schrumpfenden Felder, die Felsen verschlingt,

Liegt hier nach dem Ende von allen Tagen

Auf den Trophäen, die er selber sich bot,

Auf eignem Altar von sich selber erschlagen

Leblos der Tod.

A Forsaken Garden

 

Die Inseln

Vor etwa siebentausend Jahren – auf ein paar Monate mehr oder weniger kommt’s nicht an – floss eine große Menge Wasser aus gutem Grund, an den ich mich im Moment nicht erinnere, aus der Nordsee und strömte über die flacheren Teile Nordwesteuropas, bildete dabei den Ärmelkanal und trennte nachhaltig England von Frankreich, sehr zur Genugtuung beider Seiten (denn sehen Sie: Wäre das nicht passiert, wären wir Engländer Ausländer, und die Franzosen müssten Brottunke essen).

Etwas später nagte die See an einigen zerklüfteten Stellen der französischen Küste und trennte höher gelegene Teile des Festlandes ab. Die so entstandenen Inseln nennt alle Welt »Kanalinseln«, weil sie es nicht besser weiß; ihr wahrer und altehrwürdiger Name lautet Les Iles Normandes. Es wurde behauptet, dass nicht sie zum Vereinigten Königreich gehören, sondern eher umgekehrt, denn sie waren – lange bevor Wilhelm England eroberte – Bestandteil des Herzogtums Normandie, und sie sind die einzigen Reste dieses Herzogtums, die Bestand haben. Sie sind der Krone gegenüber leidenschaftlich loyal, und der Trinkspruch lautet noch immer: »Auf die Königin – unseren Herzog.« Alle Inseln haben unterschiedliche, altertümliche und eigenartige Gesetze und Verfassungen wie auch eine Reihe recht seltsamer Gebräuche. Aber davon später.

Diese Insel

Sie heißt Jersey und besteht, wie jedes Schulkind weiß, aus Granit, Schiefer, Diorit und Porphyrit. Sie liegt schräg im Wasser und ist nach Süden ausgerichtet – was, dessen bin ich mir sicher, vorteilhaft für das Wetter ist. (Ich rede niemals über das Wetter, das ist etwas für Besitzer von Freizeitanlagen, Bauern und gewisse liebenswerte Verrückte, die sich das Dach der Admiralität als Lebensraum erkoren haben.) Die Küste ist wild und unvorstellbar schön.

Tabak und Schnaps sind billig, und die Einkommensteuer ist wohltuend niedrig, aber ich wage zu behaupten, dass diese Segnungen zusammen mit den teuren Privatschulen verschwinden werden, sobald die Sozialisten eine ausreichende Mehrheit erringen. Dann wird sie der Hafer stechen.

Die Leute

Hiervon gibt es viele Sorten. Zum einen sind da die Urlauber, die keiner Beschreibung bedürfen; hol sie der Teufel. Ihr Name ist Legion.

Zum anderen gibt es die Bauern, die alle alteingesessen sind und unaufdringlich und pottgesichtig die Insel zu ihrer eigenen stillen Zufriedenheit bewirtschaften. Sie haben hässliche alte Namen, hässliche alte Gesichter und abscheuliche alte Frauen. Ihre Arbeiter sind wie sie, trinken jedoch noch mehr. Wanderarbeiter kommen aus der Normandie, aus der Bretagne und sogar aus Wales und kümmern sich um die Narzissen-, Kartoffel- und Tomatenernte; sie sind klein, untersetzt und sinister wie Italiener aus den Abruzzen, und sie trinken am meisten von allen, aber wer wollte es ihnen verübeln?

Die dritte und bekannteste Sorte sind die reichen Einwanderer, die sich angesiedelt haben, um in den Genuss der besonderen Steuervorteile der Insel zu kommen. Die bescheidenen Steuern, die sie zahlen, blähen das örtliche Schatzamt in einer Weise auf, die der Eingeborene nur schwer verzeihen kann. Einige von ihnen sind totale Abstinenzler – ich vermute, das ist eine Art, reich zu werden –, aber die meisten sind ebenfalls ziemliche Trinker; Whisky kostet etwa genauso viel wie billiger Wein und schmeckt doch viel besser.

Sie haben so viel Geld mitgebracht, dass ich manchmal fürchte, die Insel könnte eines Tages unter seinem Gewicht versinken. Ihre Konversation ist brillant, solange man beim Thema bleibt, das heißt, dass es über die Breite ihres Salons nicht hinausgeht.

Horden von käuflichen Bankern und anderen, die sich Geld leihen, sind ihnen wie gefräßige Aasgeier hierhergefolgt, und jedes erstklassige Grundstück in St. Helier wird, sobald es zu haben ist, von diesen schamlosen Schluckspechten weggeschnappt. Das ist vermutlich eine schlechte Sache.

Es gibt eine Reihe weniger wichtige Kategorien wie Nobility und Gentry, portugiesische Kellner, indische Ramschhändler, durchreisende Barmädchen und betrunkene Schriftsteller, die aber, wenngleich durch die Bank nett, nur recht wenig mit unserer Geschichte zu tun haben.

Die Fauna

Die Stütze der Wirtschaft und das einzige große Säugetier neben der Jersey-Frau ist die Jersey-Kuh. Sie ist rehäugig, schön anzusehen und sondert wunderbar gehaltvolle Milch ab. Sie ist normalerweise angepflockt, denn der Weiden sind wenige, und Zäune sind kostspielig; im Winter wird sie in einen Plastikregenmantel »eingepackt«, und im Sommer trägt sie einen Sonnenhut. Ja, wirklich. Es gibt ein paar Schweine, aber ich glaube, keine Schafe, und deshalb wurde wohl auch ein bestimmtes Hochlandregiment nie hier stationiert. Es gibt sehr viele Pferde, und man kann zu jeder Stunde des Tages die Vorstadtkavallerie dabei beobachten, wie sie die Wege entlanghopst.

Tiere in freier Wildbahn sind selten, mit Ausnahme der Seevögel; die dominierenden Arten sind Elster und Spatz. Es gibt keine Jagdgründe und daher keine Wildhüter, weshalb die allgegenwärtige Elster alle Nestlinge verputzt; nur der Spatz, dieser Vogel der Venus, sticht die Elster aus, weil er, das stramme kleine Kerlchen, das ganze Jahr über sein Weibchen vögeln kann. Im Spätherbst sieht man manchmal seltene Vögel auf der Durchreise, die auf den Feldern noch ungeborener Narzissen rasten.

Die Flora

Diese besteht hauptsächlich aus Gras und Gartenarbeit, wobei Letztere oft eine schauderhafte Aufdringlichkeit entfaltet. Vereinzelt finden sich Adlerfarn und Stechginster auf Landparzellen, die der Baugenehmigung harren, aber der Rest ist Luxus: Frühkartoffeln, Narzissen, Anemonen, Tomaten und gelegentlich ein kümmerlicher Blumenkohl. Bestimmte Kohlsorten mit erstaunlich langen Stielen werden für die Touristen zum Fotografieren angebaut; die Einheimischen versichern ihnen, ohne das Gesicht zu verziehen, diese würden später zu Spazierstöcken verarbeitet, aber niemand, der alle Tassen im Schrank hat, würde das glauben, oder?

Die Gebäude

Diese gibt es in den Sorten düster, prätentiös und absurd. St. Helier gibt ein schönes Beispiel ab für architektonischen Spaß; sogar Sir John Betjeman[1] würde hier das Gesicht verziehen. Auf dem Land zeigt sich das charakteristische Gebäude als großes, grimmiges Bauernhaus aus leberfarbenem Granit mit riesigen Außenmauern und zu wenig Fenstern. Reiche Einwanderer reißen sie begierig an sich und modernisieren sie auf abscheuliche Weise. Das fertige Produkt ist dann zehnmal so viel wert wie ein vergleichbares Haus in England. Ich weiß nicht, ob das eine gute Sache ist oder nicht.

Die Sprache

Das ist eine etwas diffizile Angelegenheit. Der echte Einheimische der Handwerkerklasse spricht etwas, was genau wie Englisch klingt, bis man versucht, es zu verstehen. Dann stellt man fest, dass es klingt, als ob ein Australier versucht, einen Mann aus Liverpool zu imitieren. »Heimat« wird ausgesprochen wie »Oimat«, und die meisten Sätze beginnen mit der Wendung »My Chri[st]« und enden mit dem Ausdruck »eh?«. Es ist eine unschöne Sprache, und man lernt schnell, sie nicht zu mögen.

Gesetze und andere offizielle Verlautbarungen werden in einem wunderlichen, alten normannischen Französisch geschrieben, das einen an das Latein des Reichsgrundbuches Englands aus den Jahren 1085–86 erinnert. Mitglieder der großen alten Jersey-Familien können es angeblich noch sprechen, aber keiner wird sie dazu bringen, das zuzugeben.

Das echte Patois Jersiais ist etwas völlig anderes und unglaublich barbarisch. (Guinness es bouan por té.) Wenn ich Ihnen sage, dass das Wort »Jersey« für das lateinische »Caesarea« steht, wissen Sie wohl, was ich meine.

Schließlich können die meisten Geschäftsleute genügend Schulfranzösisch der modernen Art, um damit die Wanderarbeiter zu verblüffen, insbesondere weil Letztere gewöhnlich müde und betrunken sind.

Die Polizei

Es gibt eine kleine Truppe Männer, stationiert in St. Helier, die man Bezahlte Polizei nennt. Ich bin mir sicher, das gefällt denen. Sie entsprechen in etwa der englischen Polizei, nur sind sie zahlenmäßig weniger und nicht so rabiat. Sie haben Uniformen und Ausrüstung; sie scheinen ehrlich und liebenswert zu sein, sie prügeln die Leute nicht. Ganz im Gegensatz zu manchen anderen, die ich jetzt nicht nennen möchte.

Von wesentlich größerer Bedeutung (außerhalb von St. Helier) ist die Ehrenamtliche Polizei, die natürlich nicht bezahlt wird. Sie tragen keine Uniformen – es wird davon ausgegangen, dass man weiß, wer sie sind. Jede der zwölf Gemeinden hat einen Connetable; unter ihm stehen die Centeniers, von denen jeder theoretisch hundert Familien beschützt und diszipliniert und wiederum fünf Vingteniers anführt, die jeweils zwanzig Familien überwachen. Auf all diese Posten wird man gewählt, aber die Wahlen bieten selten Überraschungen, wenn Sie verstehen, was ich meine, und es gibt sowieso wenige, die sich nach diesen Ehren drängen.

In Jersey steht niemand rechtens unter Arrest, bevor nicht ein Centenier ihm mit seinem absurden, winzigen Dienstknüppel auf die Schulter geklopft hat (Sie können sich vorstellen, wie die Bezahlte Polizei diese Vorschrift mag), und es heißt, dass ein Centenier, der seinen Knüppel verlegt hat, einfach den Griff von der nächstbesten Kette der Klospülung abschraubt. Glücklicherweise befinden es die Centeniers nicht oft für nötig, Freunde, Nachbarn und Vettern zu verhaften, es sei denn, es handelt sich um ein schwerwiegendes Vergehen; auf diese Weise spart man eine Menge öffentlicher Gelder, und die meisten Klos bleiben intakt. Das funktioniert wirklich sehr gut. Der Centenier nimmt seinen vom rechten Pfad abgeirrten Nachbarn zu einem stillen Schwatz beiseite und bläut ihm die Furcht Gottes ein, womit er eine Wiederholung des Vergehens weitaus wirkungsvoller verhindert als ein kostspieliges Gerichtsverfahren, ein zur Bewährung ausgesetztes Urteil und jahrelange Meldepflicht bei irgendeinem stumpfsinnigen Bewährungshelfer mit einem sozialwissenschaftlichen Diplom der Technischen Hochschule Nersdley.

Eines der Häuser

Es gehört Sam Davenant und heißt La Gouluterie nach einer Sumpfwiese, die Teil des Grundstückes ist. Dieser Name leitet sich vermutlich von Simon le Goulue ab, der im Jahre 1540 Connetable der Gemeinde St. Magloire war, aber eifrige Altertumsforscher vermuten, dass einstmals goulues – dickbäuchige irdene Krüge, in denen Bohnen eingeweicht wurden – auf diesem lehmigen Feld getöpfert wurden. Ich habe den Verdacht, dass Simon oder einer seiner Vorfahren »le Goulue« genannt wurde, weil er selbst etwas von einem Bohnentopf hatte. Die wunderlichere Sorte Amateur-Altertumsforscher wird Ihnen natürlich versichern, dass der Name etwas mit Fruchtbarkeitsriten zu tun hat, aber das tun sie schließlich immer, nicht wahr?

Ein großer Teil des Gebäudes datiert aus dem 16. Jahrhundert, und es gibt Relikte früherer Zeiten sowie Hinweise auf eine religiöse Nutzung. Es besteht aus schön anzusehendem, rosafarbenem Granit der Art, die nicht mehr gefördert wird, und wurde mit Geduld und Liebe in einen Zustand der Bequemlichkeit und Würde gebracht. Es hat tourelles, rondelines, benitiers und so fort – ich bin mir sicher, Sie wissen, was all das bedeutet. Was mich angeht, so hab ich’s vergessen. Die Vorderfront befindet sich überwiegend auf der Rückseite – Türen, Terrassen und so weiter –, aber die eigentliche Vorderfront geht auf einen sonnigen, gefälligen Hof, auf dessen anderer Seite sich das »andere Haus« befindet, das Sams bestem Freund gehört.

Das andere Haus

Das gehört George Breakspear, der Sams bester Freund ist, und es heißt Les Cherche-fuites – ich weiß nicht, was das bedeutet. Im 18. Jahrhundert ist es ziemlich stutzerhaft herausgeputzt worden, und seine Fenster sind wegen des Granits, auf dem sie ruhen, alle etwas schief, wodurch es vor der eintönigen Symmetrie bewahrt wird, die den meisten Häusern jener Zeit eigen ist. Wie bei La Gouluterie befindet sich auch hier die Vorderfront überwiegend auf der Rückseite (Gärten, Teich usw.), und ebenfalls auf der Rückseite findet sich ein eigenartiger und reizvoller Vorbau mit konkaven Fenstern von der Art, die man in Jersey mit sogenannten »Kabeljauhäusern« in Verbindung bringt. Hierbei handelt es sich um Häuser, die zur Blütezeit der Kabeljauindustrie errichtet wurden, als Dutzende wagemutiger Jersey-Skipper sich zu den Grand Banks hinauswagten und sich plötzlich, zu Reichtum gekommen, wiederfanden. Auf einer Seite steht ein hässlicher viktorianischer Stall aus gelben Ziegeln mit einer Uhr, die nicht geht.

Beachten Sie also

diese beiden ansprechenden Häuser, die einander freundlich über die alte steinerne Apfelmostpresse in der Mitte des Hofes hinweg anstrahlen; beachten Sie ferner den seltenen und glücklichen Umstand, dass die Eigentümer dicke Freunde sind. (Die Tatsache, dass die Ehefrauen der Eigentümer den unentbehrlichen Plunder der jeweils anderen von Herzen verabscheuen, ist, so sollte man meinen, von untergeordneter Bedeutung, und tatsächlich kommt dies selten an die Oberfläche, nicht mal, wenn sie allein sind.)

Beachten Sie weiterhin

die Eigentümer dieser Häuser, angefangen mit George Breakspear von Les Cherche-fuites. George glaubt an Gott, aber nur in der Fassung der Church of England, wie sie im Fernsehen kraft des »Abkommens über gleiche Uhrzeit« propagiert wird, wiewohl er furchtbar »aufgeschlossen« ist, da er ein »paar ganz schön merkwürdige Dinge« in Indien und anderen vergleichbaren Gegenden gesehen hat. Seine Manieren sind zu gut, als dass er etwas von seiner Religiosität zeigen würde, und so sollte es auch sein. Er ist kein Dummkopf. Man könnte vermuten, dass er im Krieg ein Hauptmann im Rang eines Majors war; und in der Tat war er ein echter Brigadekommandeur, wurde mit zwei militärischen Orden und einer Menge weiteren Blechs ausgezeichnet, aber auch in diesem Punkt verbietet ihm seine allzu strenge Überzeugung, Rang und Ordensreichtum im Zivilleben auszuspielen. (Ich denke allerdings, dass das ein bisschen zu weit geht; es ist einfach ungehörig, seine Ehrungen zusammen mit den Parisern in der Nachttischschublade aufzubewahren. Ich ziehe allemal diese kontinentalen Husarenoffiziere vor, die nachts in ihren wunderbaren Operettenuniformen herumtorkeln, ganz im Gegensatz zu den englischen Gardeoffizieren, die, indem sie ihre Melone lüpfen, zu traurigen Imitationen solventer Börsenmakler werden. Offiziere sollten flott und finanzielle Wracks sein, Flittchen haben und vor allem Gläubiger, die sie mit der Reitgerte aus ihren Quartieren peitschen können, um ihnen fürs Frühstück Appetit zu machen, finden Sie nicht?)

George ist mittelgroß, hat ein durchschnittliches Aussehen und normales Gewicht. Seine Freunde erkennen ihn nicht immer, und damit wäre wohl alles gesagt, nicht? In seinem Lieblingssessel in seinem Klub wird er natürlich erkannt, weil er da ist, verstehen Sie? Die bessere Art Barkeeper erkennt ihn auch, aber das ist ihr Beruf.

Seine Kleidung ist dermaßen geschmackvoll und unauffällig, dass sie schon fast an Verkleidung grenzt; vielleicht wie ein Umhang, der einen unsichtbar macht.

Trotz der grauen Farbgebung weiß man irgendwie ganz sicher, dass, würden die Hunnen und Boches bei uns einmarschieren, George nicht nur höchst kompetent augenblicklich zu den Waffen greifen, sondern diskussions- und fraglos das Kommando übernehmen würde, indem er sich auf irgendeine altehrwürdige Parole, ein Losungswort oder Erkennungszeichen berufen würde, das wir alle auf der Stelle wiedererkennen würden, auch wenn wir es zum ersten Mal seit der Zeit hören, da König Arthur in den Wellen jenes Sees bei Avalon versank.

In der Zwischenzeit jedoch, hier und jetzt in Jersey, würde man ihn sicherlich nicht kennen wollen, denn er hört zu, wenn man erzählt; er schenkt einem große (aber nicht zu ordinär große) Drinks ein, lächelt nicht zu unglücklich, wenn man in Anwesenheit seiner Frau flucht, und falls die Party für seinen Geschmack zu lange dauert, macht er keine Ich-geh-ins-Bett-Geräusche; er verschwindet einfach still und, so kann man annehmen, materialisiert sich wieder in seinem Schlafzimmer. Er trinkt auf seine zurückhaltende Art eine ganze Menge; sehen Sie, auf Jersey gibt es keine Jagden, und dadurch werden die Wintertage ziemlich lang, es sei denn, man ist mit übermäßigem Sexhunger gesegnet.

Er schaffte mit knapper Not in Cambridge einen Abschluss und war Mitglied der dortigen Boxmannschaft – fast möchte man sagen »natürlich« –, und er ist gut über die Napoleonischen Kriege unterrichtet. Er gehört zu jenen beneidenswerten Menschen, die – wie die Absolventen des Oxforder Balliol College – felsenfest davon überzeugt sind, dass alles, was sie tun und denken und sind, richtig ist. Diese Unfähigkeit, an sich selbst Unzulänglichkeiten zu entdecken, ist natürlich eine Art Beschränktheit, aber wesentlich weniger schädlich als die Unfähigkeit, in sich selbst etwas Gutes zu sehen.

George kann nicht ganz verstehen, warum wir Indien aufgegeben haben, und er ist ein wenig verwirrt wegen Sues. Er putzt seine Schuhe selbst; sie sind alt, voller Risse und teuer.

Er ist – oder war – das, was man einmal einen Gentleman nannte, oder hab ich das bereits gesagt?

Georges Frau

heißt Sonia, obwohl ihre Freundinnen sagen, dass der Name auf ihrer Geburtsurkunde wahrscheinlich Ruby lautet. Es ist schwer zu sagen, warum sie und George geheiratet haben; manchmal erwischt man sie dabei, wie sie einander verstohlene Blicke zuwerfen, als ob auch sie sich das bisweilen fragen.

Sie ist eine Schlampe und ein Miststück, das sieht jede Frau auf einen Blick – übrigens auch die meisten Homosexuellen. Nette junge Männer mögen sich einreden, dass ihre schmachtenden Blicke allein ihnen gelten, obwohl sie doch in der Lage sein sollten zu erkennen, dass ihre Anweisungen an den Gärtner betreffs des Einpflanzens eine gleichermaßen klare Einladung zum Einbetten sind. George glaubt an sie, denke ich; aber genau wie bei Matildas Tante bringt ihn die damit verbundene Anstrengung manchmal fast um. Sie ist dank ihrer Natur, freien Entscheidung und Geschicklichkeit auffallend: Ihre Augen sind tiefblau und riesig, ihre Haut fühlt sich an wie eine Magnolienblüte, und ihr Haar ist so schwarz, dass es marineblau wirkt. Ihre Brüste – wenn sie durch einen zweckdienlichen BH hochgepresst und zusammengedrückt werden – gemahnen an nichts so sehr wie an den Popo eines hübschen Kindes, aber wenn sie nackt ist, hängen sie unerfreulich herab, da die Muskelspannung lang entschwunden ist. Ich ziehe zufälligerweise eine Brust vor, die ich in einer Hand halten kann, Sie nicht? Aber ich weiß, dass zum Beispiel die Amerikaner Quantität vorziehen.

Unter einer Schellackschicht von Kultiviertheit und Couchtischbüchern sind ihre Manieren und ihre Moral die einer erfahrenen Hure, die es geschafft hat, sich früh zur Ruhe zu setzen, und ihre Fertigkeiten jetzt nur noch dem persönlichen Vergnügen widmet. Darin ist sie wirklich gut. Wage ich zu behaupten.

Sie versucht überhaupt nicht, auf jung zu machen, aber dennoch ist sie auf subtile Weise falsch gekleidet (das gilt für diese und eine andere Beziehung). Sie trägt Kleider, die exakt drei Jahre zu jugendlich für sie sind – nie mehr, nie weniger –, und wie jene Männer, die es fertigbringen, stets einen Zweitagebart zu tragen – nie mehr, nie weniger –, genauso ist auch sie immer teuer gekleidet auf der modischen Höhe des Vorjahrs: weder ganz up-to-date noch ganz daneben.

Dies freut natürlich ihre Freundinnen mächtig, obwohl deren Mannsvolk oben erwähnte Tatsache nicht spitzkriegt und sowieso mehr damit beschäftigt ist, Sonias Brustwarzen zu bewundern.

Sie ist selbstverständlich eine vollendete Lügnerin – aber das sind sie ja schließlich alle, oder? (Oder sind Sie nicht verheiratet?) George ist durchaus klug genug, um ihre Lügen durchschauen zu können, aber sowohl Erziehung als auch gesunder Menschenverstand verbieten ihm selbiges.

Sonia und George haben zwei Söhne. Einer davon, ein kluges Kerlchen, sitzt gerade den Rest seiner Zeit in einer Schule namens Wellington ab; es macht Sonia nichts aus, einen schulpflichtigen Sohn zu haben – obwohl sie es fertigbringt, den Eindruck zu vermitteln, dass er in die Vorschule geht –, aber sie ist ein wenig ärgerlich ob der Existenz des anderen Sohnes, der das ist, was man erwachsen nennt. Er ist bewundernswert blöde und fliegt einen Hubschrauber für das Heer oder die Marine oder für sonst einen überlebten Schwachsinn. Ständig fliegt er wertvolles Fluggerät zu Bruch, was aber seinen Vorgesetzten nichts auszumachen scheint; sie kaufen ihm einfach ein neues. Schließlich zahlen sie nicht selbst dafür. Sie tun das.

Jetzt zu Sam Davenant,

und sofort entdecken wir einen falschen Unterton, eine gewisse Affektiertheit, denn seit Hunderten von Jahren ist niemand mehr »Sam« getauft worden. Sein wirklicher Name lautet natürlich Sacheverell. In der Schule wäre er lieber gestorben, als das zu enthüllen, aber heutzutage macht es ihm ziemlichen Spaß, wenn man es herausfindet.

Er neigt dazu, so zu tun als ob und hofft, dass man seinen Kardinalfehler, angeborene Faulheit oder accidie, als aufgesetzt durchgehen lässt. Sein unregelmäßiges Abdriften in manische Aktivitäten, von dem viel hergemacht wird, hilft ihm, damit Erfolg zu haben.

Er würde es für eine Schande halten, vormittags außerhalb des Betts angetroffen zu werden – es sei denn, er wäre die ganze Nacht aufgeblieben –, und hat seit zwanzig Jahren nicht mehr gefrühstückt.

Er ist nahezu unangenehm belesen. In der Öffentlichkeit ist er gewöhnlich in einen Schundroman in Taschenbuchausgabe vertieft; so gut wie sicher aber liest er in seinem Schlafzimmer Gibbon, Fénelon, Horaz und tous ces défunts cockolores. Andererseits leugnet er störrisch, jemals von Marcuse oder Borges gehört zu haben, wer immer sie sein mögen. (Was mich betrifft, so glaube ich unerschütterlich daran, dass man die Jugend so früh wie möglich mit Fénelon, Racine, Milton und Gibbon vertraut machen sollte; man kann nicht früh genug im Leben lernen, dass der Großteil der klassischen Literatur sowohl langweilig wie auch unwichtig ist.)

Sam ist lächerlich freundlich, leichtlebig, tolerant und hat für niemanden ein böses Wort, aber ich habe in ihm schon vor langer Zeit einen wahnsinnigen, eisernen Kern entdeckt, der ihn – wenn er sich schließlich doch provozieren ließe – zu einem wirklich schlimmen Feind machen würde. Früher spielte er ungewöhnlich gut Backgammon, bis die Lebewelt das Spiel entdeckte, woraufhin er es aufgab; so ist er nun mal. Ab und zu kann ich ihn beim Poker schlagen.

Irgendwie scheint er ziemlich reich zu sein, wenngleich niemand weiß, wie oder warum. Er macht dunkle Andeutungen, dass er in seiner Jugend Waffenschmuggel oder Schlimmeres betrieben habe – vielleicht auch Mädchenhandel –, aber ich tippe auf eine Reinigungskette in Nordirland; warum sonst sollte er von Nachrichten über Bombenanschläge in Belfast so beunruhigt sein?

Er ist groß, blass, hat lockiges Haar, wird ein wenig dick und ist ein bisschen älter als ich. Sagen wir, fünfzig.

Andererseits

ist seine Frau winzig, süß, einfältig und heißt Violet, falls Sie das glauben können. Sam nennt sie »Die Furchtsame«. In der Tat fürchtet sie sich vor fast allem, ich habe sie oft beobachtet. Sam behandelt sie mit belustigter Toleranz, betet sie insgeheim jedoch an, wenn ich mal aus den Frauenzeitschriften zitieren darf. Sie ist von einer nervös machenden Verletzlichkeit und kann erröten und in Ohnmacht fallen, ganz wie zu Opas Zeiten.

Bei seltenen Gelegenheiten ist sie eine geniale Köchin, meistens aber lässt sie das Essen anbrennen oder verdirbt es auf andere Art. Glücklicherweise ist Sam nicht gefräßig, und er kann kochen. Ich vermag keinerlei Wissen über ihre ehelichen Beziehungen vorzutäuschen, aber insgesamt glaube ich: eher nicht. Er behandelt sie mit so erlesener Höflichkeit, dass es verzeihlich wäre zu denken, er hasst sie, aber man läge falsch.

Etwas undefinierbar Mysteriöses haftet Violets Mutter an, von der immer als »die arme Mammi« gesprochen wird. Sie ist, vermute ich, entweder verrückt oder Alkoholikerin oder Kleptomanin oder etwas ähnlich Blödsinniges, und es gibt Zeiten, da ich mir über Violet selbst Gedanken mache: Ihre sprachlichen Gewohnheiten sind eigenartig, und sie pflegt Dinge zu sagen wie: »Kaninchen vermehren sich wie warme Semmeln.«

Und jetzt, als mein letzter Trick,

kommt der Erzähler ins Spiel, wenn Sie den zufälligen Umstand entschuldigen wollen, nämlich ich. Mein Name ist Charlie Mortdecai (ich wurde tatsächlich Charlie getauft; ich glaube, meine Mutter wollte meinen Vater auf den Arm nehmen), und ich bin ein Honble, weil mein Vater einer war – und mein Bruder (Gott lasse seine Seele verfaulen) ist ein Baron, was eine Art gescheiterter Viscount ist, könnte man sagen, falls man sich aus dieser Art Schwachsinn etwas macht. Was mein Vater tat.

Zurzeit wohne ich ein paar hundert Meter über die Felder von den beiden Häusern entfernt in einer Hälfte eines wunderschönen Herrenhauses (ein Herrenhaus ist – bei Grundstücksmaklern und anderen Immobilienhändlern – ein Haus mit zwei Treppenhäusern) namens »Wutherings« mit meiner wahnsinnig schönen, brandneuen österreichisch-jüdisch-amerikanischen Frau Johanna und meinem einäugigen, einzahnigen Handlanger Jock (ich bin, wie das Leben so spielt, Kunsthändler, wissen Sie; deshalb auch muss ich mir einen Gorilla halten). Ich wohne nicht ständig hier; so viel Geld, dass es sich lohnen würde, die Steuern zu umgehen, habe ich nicht, und meiner Frau ist es egal, sie ist zu reich. Eigentlich wohne ich in London, aber – obgleich ich dort nicht gerade persona non grata bin – eine spezielle Abteilung der Polizei sieht es irgendwie lieber, wenn ich mich für einige Zeit dort nicht blicken lasse. An den Gründen sind Sie sicher nicht interessiert, und im Kleingedruckten steht nicht, dass ich nicht ein bisschen zwielichtig sein dürfte, oder?

Genauso wenig sind Sie vermutlich an meinen Gründen, Johanna zu heiraten, interessiert; es möge genügen festzustellen, dass es nicht wegen ihres Geldes war. Sie liebt mich glühend – aus Gründen, die mir ein Rätsel sind –, und ich meinerseits habe sie mit der Zeit recht lieb gewonnen. Wir verstehen einander nicht im Mindesten, was vermutlich eine gute Sache ist, aber wir sind uns absolut darin einig, dass Mozart wunderbar und Wagner vulgär ist. Sie redet nicht viel, was der wichtigste Bestandteil einer glücklichen Ehe ist – in Runyons unsterblichen Worten: »Natürlich ist ’ne Puppe, die lieber zuhört, als selbst zu quasseln, zwangsläufig beliebt, denn wenn es irgendwas gibt, das die meisten Leute hassen und verabscheuen, dann ist das ’ne Quasselstrippe.« Wie auch immer, wir sind ganz wesentlich voneinander verschieden, denn sie ist dem Kontrakt-Bridge ergeben – eine Art irres Whist –, wohingegen mir Gin Rommé lieb und teuer ist, wovor es Johanna ekelt, weil es einfach zu geistlos ist und vielleicht weil ich immer gewinne. Sie ist wirklich eine erstaunlich schöne Frau, aber zu gut erzogen, um anderen Männern schöne Augen zu machen. Wir zanken uns nie; der Sache am nächsten sind wir einmal gekommen, als ich unerträglich war und sie sagte: »Charlie, Lieber, wer von uns soll das Zimmer verlassen?«

Unsere drei Häuser stehen in der Gemeinde St. Magloire, der kleinsten Gemeinde auf Jersey. Der Ort liegt eingekeilt zwischen St. Jean und Trinity und verfügt über ein eigenes kurzes Küstenstück an der Belle Etoile Bay, genau östlich – oder ist es westlich? – der Bonne Nuit Bay. Wunderschöne Namen, denke ich immer.

 

Über Kyril Bonfiglioli

Biographie

Kyril Emanuel George Bonfiglioli wurde 1928 in Eastbourne als Sohn eines italienisch-slowenischen Antiquars und einer englischen Mutter geboren. Nach seinem Militärdienst studierte er Englisch am Balliol College in Oxford. Er war – wie seine Hauptfigur Charlie Mortdecai – Kunsthändler, Herausgeber...

Weitere Titel der Serie »Charlie-Mortdecai-Reihe«

Charlie Mortdecai ist Erzähler und Protagonist aller Romane Bonfigliolis. Charlie ist ein Dandy, ein gerissener und snobistischer Kunsthändler mit höchst unmoralischem Charakter. Sein Gehilfe Jock, ein Ganove, erledigt die unfeineren Aufgaben, die anfallen, wenn man im Kunstgewerbe erfolgreich sein und gleichzeitig am Leben bleiben will.

Pressestimmen

dpa-StarLine

»Kyril Bonfiglioli hat mit seinem Helden Charlie Mortdecai eine Figur geschaffen, die im Genre des Kriminalromans ihresgleichen sucht. Zynisch, böse, aber auch witzig und intelligent wird alles durch den Kakao gezogen, was den Briten lieb und teuer ist.«

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