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Die Chroniken von Maldea

Die Chroniken von Maldea

Roman

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Die Chroniken von Maldea — Inhalt

Das Königreich Maldea befindet sich im Krieg. Karaian, der grausame König des Südens, setzt alles daran auch die Nordlande zu erobern – und sich die uneingeschränkte Macht zu sichern. Nur einer kann den dunklen Herrscher aufhalten: Der Feuerprinz, der letzte Drache. Und so lastet plötzlich das Schicksal des ganzen Reiches auf den Schultern des jungen Elias – in dessen Körper sich die uralte Drachenseele versteckt. Wird es der Feuerprinz schaffen, Karaian zu besiegen und Frieden ins Land einkehren zu lassen? Gemeinsam mit seinen Weggefährten bereitet sich Elias auf die alles entscheidende Schlacht vor. Abenteuer, Verrat und uralte Prophezeiungen begegnen den Kameraden. Und am Ende erhebt sich eine dunkle Macht, die stärker ist als alles bisher Dagewesene…

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.04.2016
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97361-8

Leseprobe zu »Die Chroniken von Maldea«

Prolog

 

Der Himmel verdunkelte sich und einzelne Regentropfen fielen auf das Heer Helwinns. Die Soldaten standen im Dreck und manche von ihnen schienen geneigt, sich hinter die schützenden Stadtmauern zurückzuziehen. Doch seine tapferen Nordländer würden sich dem Feind entgegenstellen. Sie waren das letzte Bollwerk des Nordens – das allerletzte Aufgebot.

Trotz des fortgeschrittenen Frühlings war es ungewöhnlich kalt. »Kein gutes Zeichen für eine bevorstehende Schlacht«, dachte Helwinn, aber er hütete sich, das laut auszusprechen. Der König spürte in [...]

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Prolog

 

Der Himmel verdunkelte sich und einzelne Regentropfen fielen auf das Heer Helwinns. Die Soldaten standen im Dreck und manche von ihnen schienen geneigt, sich hinter die schützenden Stadtmauern zurückzuziehen. Doch seine tapferen Nordländer würden sich dem Feind entgegenstellen. Sie waren das letzte Bollwerk des Nordens – das allerletzte Aufgebot.

Trotz des fortgeschrittenen Frühlings war es ungewöhnlich kalt. »Kein gutes Zeichen für eine bevorstehende Schlacht«, dachte Helwinn, aber er hütete sich, das laut auszusprechen. Der König spürte in seinen alten Knochen, dass dies seine letzte Schlacht werden würde. Die Rüstungen knirschten und verströmten den Geruch von Metall. Speere ragten aus den Reihen der Soldaten hervor und schienen mit ihren zum Himmel zeigenden Spitzen den Wettergott noch mehr zu erzürnen. Die Tropfen wurden dick und schwer und machten es durch den dichten Regenschleier fast unmöglich, das gegnerische Heer im Auge zu behalten. Es blitzte und ein Donnerschlag erschütterte die Erde. Unerbittlich trommelte der Regen mit zunehmender Kraft auf die Schilde, welche zum Schutz vor Pfeilschauern nach oben gerichtet waren. Die Fußsoldaten begannen, unruhig von einem Fuß auf den anderen zu treten und die Reiter hatten es immer schwerer, ihre verängstigten Pferde ruhig zu halten. Die ganze Armee wirkte wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen.

Helwinn blickte mit zusammengekniffenen Augen von seinem erhöhten Aussichtspunkt aus auf die Reihen der feindlichen Südländer und konnte den Soldaten ihre Angst nicht verübeln. Ihn selbst erfüllte jedoch eine merkwürdige innere Ruhe. Auch sein treues Reittier blieb ruhig und schien sich, wie er, mit dem baldigen Tod abgefunden zu haben. Wenn Karaian nur endlich angreifen würde … Dann hätte diese Warterei ein Ende. Als hätte der Heerführer auf der gegenüberliegenden Seite Helwinns Gedanken gelesen, bewegte sich der große Wall der Feinde nun näher auf Van’Valor zu. Vielleicht würde bald ganz Maldea in Karaians Hand liegen. Mit einem Kopfschütteln versuchte Helwinn, diesen pessimistischen Gedanken abzuschütteln, doch das war angesichts der Übermacht des Feindes nicht leicht. Schon verrückt, wie sich manche Wünsche erfüllen konnten. Denn Helwinn hatte schon als kleiner Junge von einem vereinten Maldea geträumt. Unter der Herrschaft Karaians würde sich dieser Traum jedoch in einen Albtraum verwandeln. Immerhin bezweifelte Helwinn, dies noch zu erleben. Es würde in die Geschichte Maldeas eingehen, dass der Norden unter seiner Regentschaft untergegangen war. Doch nicht kampflos! Wehmütig, jedoch entschlossen, sah der König ein letztes Mal zurück auf die stolzen Türme und Mauern seiner Stadt und gab dann den Befehl zum Angriff.

Die Schlacht hatte begonnen!

 

 

Seltsame Träume

 

Elias lag, wie die meiste Zeit seines bisherigen Lebens, auf den weichen Fellen seines Bettes. Doch irgendetwas war anders. Eine innere Glut schien ihn von innen zu verzehren, und das war kein Fieber. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Etwas näherte sich ihm. Große schwarze Schwingen breiteten sich über ihm aus, und glühende Augen starrten ihn an und bohrten sich in die seinen. Elias schrie. Urplötzlich verschwand das Bild wieder und der junge Mann öffnete die Augen. Es war alles normal. Beruhigend strahlte die Sommersonne durch das Fenster und beschien die alten Holzmöbel, die ihm so vertraut waren. Verschwitzt und mit zitternder Hand versuchte Elias, nach seiner verrutschten Decke zu angeln. Auf einmal ging die Tür auf und ein alter Mann betrat den Raum.

»Was ist passiert? Ich habe dich schreien gehört.« Bens braungebranntes Gesicht war in besorgte Falten gelegt.

Elias war gar nicht bewusst gewesen, dass er im Schlaf laut gerufen hatte. »Ach, es ist nichts. Ich habe nur geträumt.«

Doch innerlich schrie seine Seele bei der Erinnerung an den Traum immer noch auf. Das dunkle Wesen mit den großen Schwingen konnte nur ein Drache gewesen sein. Ein Drache!

In dem kleinen Dorf Alderun, das schon immer sein Zuhause gewesen war, sprachen nur ein paar alte Geschichtenerzähler von diesen Wesen. Er selbst hatte nie einen Drachen gesehen – niemand hatte das. Und doch … Der Drache hatte auf ihn so real gewirkt. Den heißen Atem hatte er fast spüren können. Konnte das ein ganz normaler Traum gewesen sein?

Ben schien Elias’ inneren Aufruhr nicht zu bemerken, seufzte erleichtert und hob die Decke auf. »War wohl ein Albtraum, was? So nass geschwitzt, wie du bist, sollten wir dich heute mal unters Wasser stellen.«

Elias versuchte, zu grinsen und sein pochendes Herz wieder zu beruhigen. Er liebte das belebende Gefühl von frischem Wasser auf der Haut. Auch wenn es für ihn jedes Mal eine Tortur war, sich dafür durch die Gegend zu schleppen. Er war zwar erst achtzehn, aber Elias fühlte sich, als wäre er schon älter als Ben, der immerhin der Älteste des Dorfes war. Langsam fuhr sich Elias mit dem rechten Handrücken über die Stirn. Sie glühte.

Elias seufzte schwer. Das Wunschbild eines sich über seinen Kopf ergießenden Wassereimers verblasste. Bedauernd wandte er sich an Ben, der immer noch sorgsam damit beschäftigt war, die entflohene Decke an den Rändern des Bettes festzustopfen. »Ben? Ich glaube, ich habe wieder Fieber.«

»Dann muss die Dusche wohl ausfallen«, meinte Ben mit einem mitleidigen Blick. »Ich werde dir einen nassen Lappen holen, damit du dich etwas frisch machen kannst.«

»Danke.«

Seit Elias denken konnte, war er unentwegt krank gewesen. Viele der Alten waren in ihrem ganzen Leben noch nicht so oft von Krankheiten ans Bett gefesselt worden wie er. Elias träumte gern von den wenigen Tagen, in denen er sich fast gesund gefühlt hatte. Vor Jahren hatte er sogar einmal mit anderen Gleichaltrigen richtig Fangen gespielt, worauf er besonders stolz war. Doch diejenigen, die damals mit ihm herumgetobt hatten, waren ihm größtenteils Fremde geworden. Sein Selbstmitleid, das nicht von den schon gewohnten Schmerzen, sondern vielmehr von der erzwungenen Isolation und der einhergehenden Einsamkeit herrührte, wurde von einem anderen Gedanken abgelöst: Mia. Hoffentlich kam sie ihn heute besuchen, dann könnte er ihr von seinem seltsamen Traum erzählen. Elias sah ihr lächelndes Gesicht vor seinem geistigen Auge und spürte, wie sich in seiner Brust eine andere Wärme breit machte, die nichts mit der Hitze zu tun hatte, die ihm seine blonden Haare an die Kopfhaut klebte. Mia vermochte es, ihm jedes Mal so detailliert das Leben außerhalb seines Zimmers zu schildern, dass es sich für ihn beinahe anfühlte, als sei er selbst dabei gewesen. Mia war sein Tor zur Außenwelt. Natürlich erzählte ihm auch Ben manchmal ein paar Geschichten aus dem Dorf und von sonstigen Geschehnissen in Maldea, aber er war kein so großer Redner. Ben war früher der Dorfschreiner gewesen und zeigte in seiner rauen, jedoch herzlichen Art seine Gefühle lieber durch Taten als durch Geschwätz, wie er es gerne nannte. Langsam ungeduldig, starrte Elias an die Decke und wartete darauf, dass Ben ihm den nassen Lappen brachte, um sich den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Vor Mia wollte er nicht noch kläglicher und erbarmungswürdiger aussehen als ohnehin schon. Seine Schwäche durch die Krankheiten war ihm ein wenig peinlich – besonders bei ihr, die so vor Energie und Leben strotzte.

Es war schon später Nachmittag, als Mia endlich in sein Zimmer eintrat. Wie immer spähte sie zunächst vorsichtig durch die Tür, um festzustellen, ob er schlief.

»Hallo, Elias.« Sie betrat den Raum und setzte sich mit einem strahlenden Lächeln neben sein Bett. Dabei nahm sie behutsam seine kalte Hand in die ihre – eine Geste, die bereits lange zu ihrem gemeinsamen Ritual gehörte, wenn sie ihn besuchte.

»Wie geht es dir? Ich habe eben von Ben gehört, dass du wieder Fieber hast.« Sorge zeichnete sich in ihrem Gesicht ab.

Elias suchte nach beruhigenden Worten. »Ja, das stimmt. Aber abgesehen davon geht es mir eigentlich ganz gut.«

Mia lächelte.

Bevor sie dazu kam, ihm nun den Tag zu schildern, fing Elias an, aufgeregt von seinem Traum zu erzählen. Mia lauschte ihm schweigend. Als er geendet hatte, runzelte sie die Stirn.

»Schon merkwürdig«, gab sie zu. »Über Drachen wird zurzeit viel gemunkelt. Hängt vermutlich mit der Prophezeiung und dem Geschehen in Van’Valor zusammen.«

Elias horchte auf. »Glauben denn die Leute daran, dass sich die Prophezeiung erfüllt und die Menschen durch einen Drachen von Karaians Tyrannei befreit werden? Schließlich hat schon seit Ewigkeiten niemand mehr einen lebenden Drachen gesehen.« Elias führte sich die Prophezeiung vor Augen: Wenn das Feuer des Nordens neue Hoffnung schöpft und der Wille des Drachen erwacht, wird die Dunkelheit vertrieben werden und die Türme von Van’Valor werden in Flammen stehen. Dann schüttelte er zweifelnd den Kopf. »Wahrscheinlich ist doch alles nur ein Mythos.«

Die Prophezeiung … Jeder kannte sie. Uralt und vor langer Zeit von einem Elb namens Inébis aufgeschrieben, von dem die Geschichten behaupteten, er sei ein Naramund gewesen – was auf Elbisch so viel bedeutet wie Zukunftssprecher. Wie der Name schon sagt, konnte ein Naramund die Zukunft voraussehen, und seine Visionen wurden meist über Jahrhunderte hinweg überliefert. Da Inébis erst vor ein paar Jahrhunderten durch die Welt der Menschen gepilgert war und seine Weisheiten, die er während seines übernatürlich langen Lebens angesammelt hatte, an Gelehrte weitergereicht hatte, war er der einzige Naramund, dessen Existenz die Menschen nicht völlig abstreiten konnten. Viele maßen deshalb dieser Prophezeiung eine besondere Bedeutung bei. Die Vorkommnisse in Van’Valor mussten die alte Weissagung wieder ans Licht geholt haben. Die Hauptstadt des Nordens wurde seit einiger Zeit von Südländern belagert. Da sie mehrere Tagesritte von Alderun entfernt lag und Informationen manchmal nur langsam zu dem kleinen Dorf vordrangen, hoffte Elias, dass Mia vielleicht an diesem Tag Neuigkeiten aufgeschnappt hatte. Es war Markttag, sodass ein paar fahrende Händler in Alderun eingetroffen sein mussten. Von ihnen erfuhren die Dorfbewohner, was in den weiter entfernten Orten geschah. Nach seinem Traum interessierte sich Elias ganz besonders dafür, was es mit dem Gerede über die Prophezeiung auf sich hatte und inwieweit das aktuelle Geschehen im Norden die allgemeine Beunruhigung rechtfertigte.

»Ist unsere Hauptstadt noch unter dem Banner des Nordens? Wie steht es um Van’Valor?«

Mia schüttelte traurig den Kopf. »Vor einer Woche hat Karaian die Stadt eingenommen. König Helwinn ist tot und die Händler haben Gerüchte in Umlauf gesetzt, dass Karaian ein Elb ist.«

»Was?« Elias konnte nicht fassen, was er da hörte, richtete sich schockiert ein wenig im Bett auf und fuhr sich mit der Hand durch sein blondes Haar.

Die Elben waren seit langer Zeit aus der Welt der Menschen verschwunden und hatten sich hinter die Berge zurückgezogen. Dass jetzt so plötzlich wieder eines dieser Wesen auftauchte, konnte kein gutes Zeichen sein.

Wie um ihn nicht weiter beunruhigen zu wollen, wechselte Mia plötzlich das Thema. »Ich habe heute fünfmal hintereinander direkt ins Schwarze getroffen.«

Ihr zufriedener Gesichtsausdruck erwärmte Elias’ Herz. Mia liebte ihren Bogen über alles und übte damit fast jeden Tag. Darum beneidete Elias sie, denn vermutlich würde er es nicht einmal schaffen, den Bogen auch nur zu spannen. Aber trotz des Gefühls von Bedauern: Elias freute sich, wenn Mia sich freute. Denn durch das starke Band zwischen ihnen, das ihre langjährige Freundschaft geknüpft hatte, hatte er fast das Gefühl, an Mias Leben teilzunehmen und somit gewissermaßen durch sie zu leben. Das war mehr, als er verdient hatte. Elias konnte ihr schließlich nichts Vergleichbares anbieten, was ihm manchmal Gewissensbisse verursachte. Die Zeit, in der Elias nun Mias Erzählungen lauschte, verging wie im Flug.

Irgendwann stand Mia zögernd auf und ließ seine Hand los. »Es tut mir leid, aber ich muss jetzt leider gehen. Die Händler werden sicher bald weiterziehen und ich wollte noch ein paar Besorgungen machen.« Mia seufzte. »Außerdem hat meine Mutter beschlossen, dass heute Waschtag ist. Sie braucht also auch noch Hilfe mit dem Haushalt.« Als sie auf dem Weg zur Tür war, hielt Mia noch einmal inne und drehte sich zu Elias um. »Morgen komme ich wieder. Versprochen.«

Elias hob schwach die Hand und deutete ein Winken an. Dann ging sie. Die Tür fiel mit einem leisen Knarren zu. Elias schloss die Augen, dachte an ihre wundervollen grünen Augen, ihr langes braunes Haar und schlief erschöpft ein.

 

Unter Mias raschen Schritten wirbelte trockene Erde auf. Sie hatte es eilig. Ihre Mutter Helen war nicht mehr die Jüngste und schuftete trotzdem den ganzen Tag. Wenn Mia zu spät kam und ihre Mutter die Wäsche schon abgehängt hatte, würde sich Mia die nächsten Tage Vorwürfe deswegen machen. Die Wäsche hing noch … Stolpernd ging Mia ins Haus, legte die paar Einkäufe, die sie auf dem Marktplatz besorgt hatte, ab und holte den Weidenkorb aus dem Schrank. Auf dem Rückweg in den kleinen Garten stieß sie fast mit ihrer Mutter zusammen.

»Mia, da bist du ja endlich! Lass uns das mit der Wäsche schnell zusammen machen. Ich möchte noch mit dir reden.«

Mia nickte. Was ihre Mutter wohl besprechen wollte? Sonst redeten sie zwar auch viel, aber ihre Mutter hatte nie zuvor so ernst geklungen und ihre Ankündigung schien bedeutungsschwere Worte zu prophezeien. Sie holten gemeinsam die Wäsche von der Schnur und legten diese mit geübten Griffen zusammen. Schließlich war der Korb voll und die Wäscheleine leer. Jetzt war es so weit. Sie setzten sich in der Küche an den Tisch. Eine ungewöhnliche Anspannung lag in der Luft.

»Was willst du mir sagen?« Mia sah ihre Mutter fragend an.

»Du warst vorhin wieder bei Elias, nicht wahr?«

»Ja, wieso?« Mia fand den Tonfall ihrer Mutter beunruhigend.

»Ich mag seinen Ziehvater und gegen ihn habe ich auch nichts …« Jetzt musste ja ein Aber kommen. »… aber ich finde, du solltest weniger Zeit mit ihm verbringen. Vielleicht steckt er dich irgendwann mit seinen Krankheiten an. Du bist eine gesunde Frau. Du solltest dir einen gesunden Mann suchen.«

Mia fühlte sich überrumpelt. »Mutter! Es hat doch keiner gesagt, dass wir heiraten! Elias ist mein Freund, und du wirst mir nicht den Umgang mit ihm verbieten!« Verblüfft bemerkte Mia, dass sie aufgesprungen war und ihre Finger sich in den Rand des Tisches gruben. Ihre Mutter schien genauso überrascht.

»Kindchen, ich habe dir nichts verboten. Natürlich darfst du ihn besuchen, doch du bist in einem Alter, in dem man sich langsam umsehen sollte, wer einen heiratet. Ich meine es nur gut mit dir.«

»Du weißt doch überhaupt nichts von ihm!« Zorn stand in Mias Gesicht. »Wenn du ihn nur einmal durch meine Augen sehen könntest. Er hat das größte Herz von allen, die ich kenne, und ist trotz seiner Leiden immer so zuversichtlich. Er hat ein solches Schicksal nicht verdient!«

Ihre Mutter seufzte. »Dein Vater ist schon so lange tot, und wenn ich einmal sterbe, bist du allein. Ich möchte dich doch nur gut versorgt wissen.«

Bilder ihres Vaters stiegen aus Mias Erinnerung auf. Sein verschmitztes Lächeln. Seine großen schwieligen Hände, die sie mühelos in die Luft hoben. Dann der Tag, an dem ihr Vater zum allerletzten Mal in den Wald zum Holzfällen aufgebrochen war. Das Gesicht ihrer Mutter, als sie vom schrecklichen Tod ihres Mannes gehört hatte. Wild rufende Männer, die mit Speeren, Äxten und Mistgabeln in den Wald stürmten, um den Bär zu töten, der ihren Vater zerfleischt hatte …

Traurig sackte Mia in sich zusammen und fing auf einmal an zu weinen. Sie wusste nicht, warum es so plötzlich aus ihr herausbrach, aber sie sagte: »Ich liebe Elias. Ich liebe ihn, Mutter. Und jeden Tag hoffe ich, dass er noch lebt. Ich habe Angst um ihn. Bitte nimm ihn mir nicht weg.«

Ihre Mutter, die ihr gegenüber saß, stand auf und setzte sich neben Mia. Tröstend legte sie ihre Arme um ihre Tochter und küsste sie zärtlich auf die Stirn.

»Na, na, na. Beruhig dich. Es wird ja alles gut.«

Mia bezweifelte das.

 

Elias befand sich in einer riesigen Höhle. Große Stalaktiten hingen von der Decke herab und gaben dem Raum ein bizarres Aussehen. Es wirkte fast so, als befände man sich in einem Schlund voller Zähne. Aus dem Dunkel schälte sich eine Silhouette. Stolz saß ein Echsenkopf auf einem langen gebogenen Hals. Spitze weiße Zähne blitzten auf, und katzenhafte, bedrohliche Augen starrten ihn an. Aus den Nüstern entwich Rauch. Elias versuchte, die Augen von dem durchdringenden Blick, der ihm eine Gänsehaut einjagte, abzuwenden. Der riesige Körper wurde größtenteils von fledermausartigen Flügeln verdeckt, die eine Spannweite von über fünfzehn Metern haben mussten. Das ganze Wesen war von oben bis unten mit glänzenden schwarzen Schuppen besetzt, die im schwachen Licht der Höhle bläulich schimmerten. Es war der Drache aus seinem Traum. Diesmal unterdrückte Elias den Schrei. Er hatte irgendwie damit gerechnet, ihm noch einmal zu begegnen. Zögernd schritt Elias näher an den Drachen heran. Die Krallen der Pranken hatten die Größe einer Hand. Der Drache ruckte mit dem Kopf. Elias blieb vor lauter Schreck wie erstarrt stehen. Der Kopf befand sich nun auf seiner Höhe. Elias spürte den heißen Atem des Tieres. Konnte man es eigentlich Tier nennen? Aus den Augen des Drachen sprach eine Weisheit, wie Elias sie noch nie gesehen hatte, nicht bei Menschen und auch nicht bei Tieren. Nein, das war kein Tier. Es war etwas anderes. Elias fiel kein Begriff außer Drache dafür ein. Es gab nichts Vergleichbares, keine Rasse, in die man dieses Wesen hätte einordnen können.

Der Drache schien ihm direkt in die Seele zu sehen, was Elias irgendwie unangenehm fand. Also überwand er einen Teil seiner Furcht und versuchte, es dem Wesen mit gleicher Münze heimzuzahlen. Er starrte den Drachen gleichermaßen an. Plötzlich schien sich ein Verständnis zwischen den beiden so unterschiedlichen Lebewesen aufzubauen. Elias schnappte nach Luft. Er meinte tatsächlich, die Seele des Drachen zu spüren, und dass der Drache seine spürte stand außer Frage. Elias fühlte das Leid, das dieses Wesen erlebt hatte. Er fühlte den Schmerz, als alle Drachen von der Welt verschwunden waren. Dann stutzte er. Was war das? Der Drache fühlte wie er. Er fühlte wie der Drache. Das konnte nicht sein! Oder doch …?

Elias durchlief es heiß und kalt. Der Drache lebte in ihm. Er war der Drache!

Abrupt riss der Faden ab, und Elias befand sich wieder in seinem Bett. Er hatte irgendetwas Absurdes geträumt. Was war es nur? Er konnte sich nicht erinnern. Schulterzuckend drehte er sich auf die andere Seite und versuchte, noch ein wenig zu schlafen.

Vielleicht kam der Traum ja wieder …

 

Mia seufzte, als sie in der Nacht am Fenster stand und in den endlosen Sternenhimmel blickte. Was diese Sterne wohl schon alles gesehen hatten? Sie wünschte sich, auch eines dieser funkelnden Lichter zu sein, dann hätte sie die Weisheit, die sie jetzt brauchte. Was konnte sie nur tun? Warum war ausgerechnet Elias die Zielscheibe für all diese Krankheiten? Er war ein von Grund auf guter Mensch und hätte so viel bewirken können. Mia rief sich sein Gesicht vor ihr geistiges Auge. Sein goldenes Haar, das aufrichtige strahlende Lächeln, die unergründlichen braunen Augen. Elias hatte schon immer etwas Mysteriöses an sich gehabt, etwas Faszinierendes, das sich Mia nicht erklären konnte. Aber ihre Mutter hatte nicht ganz Unrecht. Was erwartete sie für ein Leben, falls sie Elias tatsächlich heiraten sollte? Sie würde sich um ihn und um den ganzen Unterhalt selbst kümmern müssen. Außerdem, wer wusste schon, wie lange Elias noch leben würde? Doch sie liebte ihn. Dieses Gefühl konnte sie nicht einfach wegsperren, und das wollte sie auch nicht. Vielleicht empfand Elias ja das Gleiche für sie. Wenn das der Fall war … Ihr Herz hüpfte. Würde sie nicht alles in Kauf nehmen, nur um mit ihm zusammen zu sein? Ja, sie würde. Abermals wendete sie sich den Sternen zu. Der dunkelblaue Himmel war klar.

Doch halt, dort hinten beim Wald schien er heller zu sein. Entsetzen packte sie.

»Feuer!«

Im Wald war ein Feuer ausgebrochen! Mia befeuchtete kurz ihren Finger und hielt ihn in die Luft. Der Wind kam ungünstig. Das Feuer würde sich in Richtung Dorf verbreiten. Panisch weckte sie ihre Mutter. Auf dem Marktplatz stand eine Warnglocke, die in Notfällen betätigt wurde. Dort liefen Mia und ihre Mutter nun hin und weckten auf dem Weg noch andere Menschen, die ihre Rufe von der Straße aus hören konnten. Laut hallte die Glocke über die Häuser hinweg und bald standen die meisten Dorfbewohner auf dem runden Platz. Das Feuer hatte sich mittlerweile ausgebreitet, sodass man schon den Qualm sehen und den Brandgeruch riechen konnte. Jeder holte Eimer herbei, und schließlich hatte sich eine lange Schlange gebildet, die vom Brunnen bis hinein in den Wald reichte. Das Feuer kam näher. Eimer für Eimer wurde das Wasser transportiert.

»Mutter, das dauert zu lange! Das Feuer wird die Häuser erreichen!« Mia schrie die Worte, weil um sie herum so viel Hektik und Lärm herrschte.

Tatsächlich schien sich das Feuer von dem Wasser nicht beeindrucken zu lassen und brannte in hohen züngelnden Flammen weiter. Bald würde es das Dorf erreichen. Zeit verging und die Anspannung wuchs immer mehr.

»Da! Der Schuppen brennt!«, rief ein Mann plötzlich.

Mia erkannte, dass es Ben war. In rasendem Tempo griff das Feuer nun auf das Dorf über und fraß sich von Haus zu Haus. Rauch erfüllte die siedend heiße Luft. Mias Augen brannten, während sie einen Eimer nach dem anderen weiterreichte. Plötzlich hielt sie inne und trat aus der Löschschlange, die sich gebildet hatte, heraus. Elias! Wo war er? Mia rannte voller Sorge zu Ben. »Wo ist Elias?«

Ben riss die Augen auf. »Oh Gott! Er ist noch im Haus!«, schrie er und hastete los.

Mia folgte ihm. Wo hatte der alte Mann nur seinen Kopf? Wie hatte er Elias vergessen können? Das Feuer hatte bereits auf das Haus des alten Dorfschreiners übergegriffen. Fluchend riss Ben an der Tür. Sie klemmte. Mia erspähte ein offenes Fenster. »Ben! Ich klettere durchs Fenster. Vielleicht kann ich dir von drinnen öffnen.«

Ben nickte. Schnell schlüpfte Mia durch die schmale Öffnung und erkannte sofort das Problem. Ein Brett war von innen gegen die Tür gekippt, sodass das Schloss blockiert war. Mia trat es beiseite und öffnete Ben schwungvoll die Tür. Was nun folgte, wirkte auf Mia wie ein schrecklicher Traum. Die Treppe knarrte unter ihren raschen Schritten, dann waren sie in Elias’ Zimmer angekommen. Es war schon völlig verraucht. Mit großen Schritten ging Ben ans Bett und hob Elias hoch. Er rührte sich nicht! Kraftlos fiel Elias’ Kopf in den Nacken, als Ben ihn aus dem Haus trug. Mia lief besorgt an seiner Seite und starrte ständig auf das fahle, von blonden Haaren umrahmte Gesicht ihres Freundes. Als sie wieder am Marktplatz angekommen waren, der in diesem Moment der sicherste Ort im Dorf war, legte Ben Elias auf eine Decke, die ein älteres Ehepaar ihnen hilfsbereit hingelegt hatte. Mia beugte sich angsterfüllt über Elias und rüttelte an dessen bewegungslosem Körper.

»Elias! Elias! Wach auf!«

Doch er wachte nicht auf. Seine Augen blieben geschlossen und er sah aus wie tot. »Elias! Bitte … Elias!« Ben schob sie behutsam ein Stück zur Seite und kniete sich ebenfalls hin. Lauschend legte er ein Ohr auf die Brust seines Adoptivsohns und versuchte mit der Hand, Elias’ Atem zu erspüren.

»Er lebt!«

Sofort brachte man nasse Tücher und legte sie Elias auf die Stirn. Mia versuchte, ihm auch ein wenig Wasser einzuflößen, aber er schluckte nicht. Das Geschehen um sie herum nahm Mia nur noch verschwommen wahr. Die Menschen waren immer noch damit beschäftigt, das Feuer zu löschen, aber der Erfolg ließ auf sich warten. Erst in der Morgendämmerung verrauchte der letzte Rest der tosenden Flammen, und zurück blieben ein halbzerstörtes Dorf und die müden rußbedeckten Bewohner. Bis auf Elias schien keiner mehr als einen Reizhusten abbekommen zu haben. Alle hatten überlebt. Mia küsste ihre Fingerspitzen und berührte mit ihnen sanft Elias’ spröde Lippen. Er musste wieder aufwachen! Er musste einfach! Verzweifelte Tränen zogen auf ihren schmutzigen Wangen helle Linien durch den grauen Ruß.

Völlig übernächtigt rappelte sie sich auf. Sie wollte – nein, sie musste irgendetwas für Elias tun können! Entschlossen wischte Mia sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie hatte eine Idee. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Ben neben Elias Wache hielt, lief sie eilig die wenigen Schritte auf den kleinen Dorftempel zu, ohne auf die mitleidigen Gesichter zu achten, die ihr auf ihrem Weg hinterherstarrten. Da der Tempel auf der Mitte des Marktplatzes stand, war das Feuer an ihm vorbeigezogen, ohne Schaden zu hinterlassen. Mia öffnete die große zweiflügelige Eingangstür. Leise betrat sie den Tempel und neigte ehrfürchtig den Kopf. Im Zentrum des Bauwerks war ein Metallstab aufgestellt, auf dessen Spitze das Zeichen des Gottes Aeretorn ruhte: Ein Kreis, der ein Quadrat einfasste, welches wiederum ein Oval umschloss. In der Mitte des Ovals prangte ein leuchtend blauer Stein. Der Kreis stand hierbei für die Unendlichkeit, das Quadrat für die Weltordnung und Rechtschaffenheit und das Oval für das Leben. Der blaue Stein als der Lebensfunke und der Glaube an Aeretorn vereinte alle anderen Zeichen miteinander. Mia kannte einige Menschen, die dieses Symbol als Zeichen des Segens oder aber als bloßen Glücksbringer in Form eines Anhängers um den Hals trugen. Sie selbst hatte keinen. Die Anhänger waren meist aus kostbarem Silber gearbeitet. Das konnten sich ihre Mutter und sie nicht leisten.

Anstatt also, wie es sonst üblich war, den Anhänger zu küssen, ging sie zur Raummitte, streckte sich und berührte mit ihren Fingerspitzen den blauen Stein. Nach der heiligen Schrift, welche vor vielen Jahrhunderten im Namen Aeretorns niedergeschrieben worden war, und dem zuvor bereits über viele Generationen hinweg durch mündliche Überlieferung lebendig gehaltenen Glauben wurde verheißen, dass bei der Berührung des blauen Steins eine Verbindung zu dem Gott aufgebaut werden konnte. Gebete, die während dem unmittelbaren Kontakt mit dem blauen Stein gesprochen oder gesagt wurden, sollten auf diese Weise direkt zu Aeretorns Ohr vordringen. Mia stand lange in dieser ungemütlichen Position da und ihr einziger Gedanke war: »Rette Elias! Bitte, rette Elias!«. Das Morgenlicht drang nur mäßig durch das mittige Dachfenster und brach sich sanft in dem blau schimmernden Stein, der durch die Berührung mit Mias Hand mittlerweile eine angenehme Wärme ausstrahlte. Als Mia ihren Arm herunternahm, weil er wegen der gestreckten Haltung langsam zu kribbeln anfing, fühlte sie sich schon etwas besser. Sie hatte nun das Gefühl, alles, was in ihrer geringen Macht stand, getan zu haben, um Elias wieder aufzuwecken. Das einfallende Sonnenlicht war inzwischen langsam von milchig-weiß zu warmem Gelb geworden und beleuchtete nun auch die reich verzierten Wände des Tempels, die sowohl den ein oder anderen Dorfheiligen zeigten als auch Engel und Dämonen. Das Licht strahlte besonders auf die gutmütigen Gesichter der Engel, die Mia zu sagen schienen, dass ihr Gebet bereits erhört worden war. Mit ein wenig mehr Zuversicht verließ sie den kleinen Tempel, um sich erneut an Elias’ Seite zu begeben und über ihn zu wachen, bis er wieder aufwachte. Sie hoffe sehr, dass ihr Gebet dabei helfen konnte. Denn was blieb ihr sonst anderes übrig, als hilflos neben Elias’ Körper zu sitzen und abzuwarten.

Jasmin Rollmann

Über Jasmin Rollmann

Biografie

Jasmin Rollmann wurde 1990 in Freiburg geboren und ist Studentin der Vergleichenden Kultur- und Religionswissenschaft. Schon früh entwickelte die Autorin eine große Leidenschaft für das geschriebene Wort und verfasste zunächst Kurzgeschichten für ihre jüngeren Geschwister, bis sie schließlich mit...

Weitere Titel der Serie »Chroniken von Maldea«

Trilogie um die Abenteuer von Elias, der zugleich Sjen'Avalas, der letzte Drache ist. Er ist der einzige, der laut einer Prophezeiung das Königreich Maldea in den Frieden führen kann.

Pressestimmen

Oberhessische Presse

»Ein spannender Debüt-Roman in einer fantastischen Welt mit glaubhaften Figuren und - trotz aller Fantasie - einer fesselnden, realistischen Geschichte.«

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