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Die Chronik vom Aufstand der VampireDie Chronik vom Aufstand der Vampire

Die Chronik vom Aufstand der Vampire

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Die Chronik vom Aufstand der Vampire — Inhalt

Die Vampire sind unter uns! Als eine Leiche aus der Gerichtsmedizin einer Kleinstadt gestohlen wird, glauben die Behörden zunächst an einen Streich. Aber die Vorfälle häufen sich, immer mehr Tote verschwinden und kehren zurück - als Vampire. Die Saat des Vampirismus greift wie eine Epidemie um sich. Und die Vampire dürsten nicht nur nach Blut. Sie wollen Teil unserer Gesellschaft werden. Inmitten politischer Verwicklungen, religiöser Fanatiker und dem Wunsch nach Schutz von Minderheiten entbrennt ein Kampf um die Vorherrschaft über unsere Welt ... Dieses faszinierende Werk sprengt die Grenzen zwischen Horror und Politik und spielt auf erschreckende Weise mit den Ängsten unserer Zeit.

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erscheint am 01.10.2019
Übersetzt von: Andreas Decker
448 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-28216-1
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erscheint am 01.10.2019
Übersetzt von: Andreas Decker
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99434-7

Leseprobe zu „Die Chronik vom Aufstand der Vampire“

KAPITEL 1

15. MAI, DER URSPRUNG DIE ENTDECKUNG VON NOBI: TAG EINS

Dr. Lauren Scott
Forschungsärztin, Centers for Disease Control

„Lass die Toten ihre eigenen Toten begraben.“ Das sagte mein Vater immer, wenn er mit einem nutzlosen Vorhaben konfrontiert wurde. Das ging mir durch den Kopf, und natürlich das Blut, um das es während dieser ganzen Untersuchungen und Diskussionen immer wieder ging. Es mag merkwürdig sein, das von einer Ärztin zu hören, aber der Anblick von Blut hat mir seit frühester Jugend Angst eingejagt. Haben Sie je gesehen, wie ein [...]

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KAPITEL 1

15. MAI, DER URSPRUNG DIE ENTDECKUNG VON NOBI: TAG EINS

Dr. Lauren Scott
Forschungsärztin, Centers for Disease Control

„Lass die Toten ihre eigenen Toten begraben.“ Das sagte mein Vater immer, wenn er mit einem nutzlosen Vorhaben konfrontiert wurde. Das ging mir durch den Kopf, und natürlich das Blut, um das es während dieser ganzen Untersuchungen und Diskussionen immer wieder ging. Es mag merkwürdig sein, das von einer Ärztin zu hören, aber der Anblick von Blut hat mir seit frühester Jugend Angst eingejagt. Haben Sie je gesehen, wie ein Vogel gegen eine Scheibe fliegt und zu Boden fällt? So ein ähnliches Gefühl ist das. Als ich noch ein Kind war, sackten mein Puls und mein Kreislauf abrupt ab, und bumm! ging das Licht aus, alles wurde dunkel. Ich wachte auf dem Boden wieder auf.

Mit fünfzehn brachte mir ein Arzt geduldig die Methode der angewandten Anspannung näher, bei der man die Muskeln in Beinen, Oberkörper und Armen anspannt, um den Blutdruck zu erhöhen und auf diese Weise einer Ohnmacht vorzubeugen. Das war genial. Ich verbrachte Jahre damit, diese Übung zu perfektionieren – sämtliche Muskeln zu kontrahieren, bis es für mich zur Gewohnheit wurde –, denn schließlich musste ich mit dem Anblick von Blut umgehen können. Schon als Kind wollte ich unbedingt Ärztin werden.

Ich weiß, das behauptet jeder Arzt. Aber es stimmt. Mein Dad hat sich den Lebensunterhalt mit der Reparatur von Kühlschränken verdient, und ich habe ihn im Sommer oft begleitet. Ich fand es faszinierend, wie er vorsichtig die Rückwand abnahm, um das Innere des Motors zu enthüllen. Mit der Sorgfalt eines Chirurgen löste er die Drähte aus Adapter und Kompressor und zog sie ab. Er entfernte das Lötzinn, um die kaputten Kabel zu reinigen und zu ersetzen. Selbst bei einem Vogelnest aus Drähten wusste mein Vater ganz genau, welchen er herausziehen und reparieren musste. Ich betrachtete ihn gewissermaßen als Kühlschrankdoktor und stellte mir dabei vor, dass er alte Roboter operierte. Ich wollte auch ein Arzt wie mein Vater sein – aber ich wollte Menschen wieder in Ordnung bringen, keine Kühlschränke.

Meine Mutter war ähnlich präzise, wenn auch auf entschieden weniger produktive Weise. Sie stellte wie eine Verrückte sämtliche Tische und Gegenstände im Haushalt um, damit sie in der richtigen Reihenfolge dort standen! Durch die beiden wuchs ich mit einer extrem disziplinierten Persönlichkeit auf, was für den Medizinerberuf von Vorteil ist. Meine jüngere Schwester Jennifer war das genaue Gegenteil von mir. Mit zwölf war sie bereits mehr als zehnmal von zu Hause weggelaufen. Dabei ging es ihr gar nicht darum, dort wegzukommen; sie verließ das Haus einfach nur, um zum See oder zu einem Konzert zu gehen, oder auch bloß ins Einkaufszentrum. Nach einer Weile begriffen meine Eltern, dass Jenny lediglich das Leben kennenlernen wollte. „Sag uns das nächste Mal, wo du hinwillst“, brüllte mein Vater sie an, nachdem sie drei Tage lang verschwunden war – um wandern zu gehen. „Dann fahre ich dich hin. Verstanden?“ Was er auch sehr oft tat, bis sie endlich ihren Führerschein erhielt – was ebenfalls ein Kampf von fast epischen Ausmaßen wurde.

Beim Medizinstudium merkte ich schnell, dass alles richtig Invasive einen mit Blut in Berührung brachte. Darum konzentrierte ich mich auf Virologie. Als ich das erste Mal mit der Krankheit in Berührung kam, hatte ich gerade beim Center for Disease Control and Prevention (CDC) angefangen.

Das CDC ist eine Regierungsbehörde, deren Ziel es ist, die öffentliche Gesundheit und Sicherheit durch die Kontrolle und Vermeidung von Krankheiten, Verletzungen und Behinderungen zu schützen. Ich hatte kurz zuvor an der medizinischen Fakultät meinen Abschluss gemacht und wollte Forschungsärztin werden. Nach meiner Assistenzzeit hielt das CDC an meiner Universität einen Vortrag über die Vorgehensweisen in Fällen, in denen Ärzte mit neuen und ungewöhnlichen Symptomen konfrontiert werden. Die damit verbundenen deduktiven Schlussfolgerungen faszinierten mich – als wäre man ein Detektiv, der nach Mikroben und lebenden Zellen suchte. Mein Hintergrund in der Forschung und meine Erfahrungen in einem Labor der Biosicherheitsstufe 3 mit Pathogenen und tödlichen Wirkstoffen ließen meinen Lebenslauf wie maßgeschneidert für diese Behörde erscheinen. Zu der Zeit hatte ich bereits diverse Praktika bei der Weltgesundheitsorganisation in verschiedenen Drittweltländern gemacht, hauptsächlich in Westafrika. Also, das war ein idealer erster Job.

Bei einem mäßig gefährlichen Gesundheitsalarm im Land setzte man für gewöhnlich die junge und unerfahrene Anfängerin in Marsch – also mich. Darum zuckten meine älteren Kollegen auch nicht einmal mit der Wimper, als wir am zweiten April einen seltsamen, eher vagen Bericht aus Nogales, Arizona, erhielten. Es schien nicht mehr als ein Routinejob zu werden.

Deshalb schickte das CDC mich.

 

Die Anfrage aus Arizona war allerdings etwas dringlicher als gewöhnlich, weil Nogales eine Grenzstadt ist, und ehrlich gesagt weiß man nie, was man sich in solcher Nähe zu einem anderen Land einfangen kann. Darüber hinaus war das auch die Woche der Sonneneruptionspanik, was die Anspannung noch vergrößerte.

Ungewöhnliche Sonneneruptionen hatten Störungen bei Satellitenübertragungen, Radiosignalen und Transformatoren im Stromnetz verursacht. Natürlich war es nicht so dramatisch, wie es die Kabelsender darstellten – auf Fox News oder CNN gewann man den Eindruck, auf der ganzen Welt seien die Lichter ausgegangen, dabei erlebte das Land nur ein paar Störungen bei einigen Internetdiensten und GPS-Anbietern. Meine Schwester Jennifer und ich texteten oft und beschlossen, trotz der Internetprobleme in Kontakt zu bleiben. Wir schickten uns also die kitschigsten Postkarten, die wir finden konnten – vorzugsweise von Tankstellen oder Restaurants. Aber nun war das mit dem Internet doch störend, denn so konnte ich auf dem Weg nach Arizona nur wenige Anrufe mit Beamten in Nogales tätigen, um die Vorfälle zu besprechen.

Ich kam dort an einem glühend heißen Dienstagnachmittag an; als ich den Flughafen verließ, um ein Taxi zu finden, traf mich die heiße Luft wie ein Schlag ins Gesicht. Mein Kontakt in Nogales war Dr. Hector Gomez, der Leiter des städtischen Gesundheitsamtes, der ebenfalls als Coroner diente – wir wollten uns im Leichenschauhaus treffen, damit ich mir besagte Tote ansehen konnte. Ich schleppte drei Koffer mit, zwei davon enthielten meine Ausrüstung. Darunter befand sich mein Hazmat-Anzug und andere Schutzkleidung. Die CDC-Regeln besagten, dass ein Untersuchungsbeamter bei der ersten Besichtigung vor Ort einen alles verhüllenden, gegen Chemikalien resistenten Anzug zur Verfügung haben muss. Ich hatte in Betracht gezogen, einen Schutzanzug vom Typ 1 mit integrierter Atemluftversorgung mitzunehmen, aber das wäre vermutlich übertrieben gewesen. Davon abgesehen war er unglaublich schwer.

Das Büro des Coroners war klein und mit billiger Bleifarbe in einem trostlosen Grün gestrichen, die Möblierung war zweckmäßig. In der kleinen Lobby wartete ein junger Mann, den ich für Dr. Gomez hielt, zusammen mit einem weiteren Mann in Polizeiuniform nervös auf meine Ankunft.

Ich streckte die Hand aus und versuchte, älter und erfahrener zu klingen, als ich mich fühlte. „Ich bin Lauren Scott.“

Der Mann mit dem dunklen, buschigen Schnurrbart über den dicken Lippen ergriff sie. „Dr. Gomez. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Dr. Scott. Ich bin froh, dass Sie endlich da sind. Das ist Sheriff Wilson.“ Die hochgewachsene Gestalt in der Uniform tippte sich an den Cowboyhut. Der starre Ausdruck auf Wilsons faltigem Gesicht verriet mir, dass er sofort zur Sache kommen wollte.

„Sehr erfreut“, erwiderte ich. „Und nennen Sie mich doch bitte Lauren.“

„Wir sollten sofort beginnen.“ Dr. Gomez hantierte nervös mit dem kleinen Notizbuch in seiner rechten Hand herum. Beinahe so, als wäre er versucht, sich Notizen über unsere Unterhaltung zu machen. „Gehen wir in die Leichenhalle, dort können wir uns den Leichnam und die Unterlagen ansehen.“

Ich folgte ihnen durch einen langen Korridor, dann führte eine Treppe hinunter in den Keller. Es roch nach Formaldehyd und Alkohol, Leuchtstoffröhren flackerten in der eiskalten Luft. Es fiel schwer, keine Witze zu reißen oder die Flucht zu ergreifen. Dieses alte Gebäude schien einer Fernsehserie entsprungen. Auf einem Untersuchungstisch lag eine von einem grünen Tuch bedeckte Leiche. Als Dr. Gomez es anhob, fragte ich mich kurz, ob ich nicht besser doch den Anzug getragen hätte oder zumindest eine Schutzmaske. Ich war noch neu in dem Geschäft und davon besessen, mir keine Krankheit einzufangen – ganz im Gegensatz zu den im Dienst ergrauten Veteranen, die die Heißen Zonen bestenfalls mit Handschuhen betraten, geschweige denn mit Schutzanzügen.

Ich trat näher an die Leiche heran. Äußere Verletzungen waren keine zu erkennen.

„Wie lange ist sie schon hier?“

Dr. Gomez warf dem Sheriff einen Blick zu, der mürrisch die Unterlippe nach vorn geschoben hatte. „Vierundzwanzig Stunden.“

Im Nachhinein hätte ich bereits in diesem Augenblick Hilfe holen sollen, aber so wandte ich mich nur überrascht an Dr. Gomez. »Sie haben vor drei Tagen wegen einer Leiche angerufen, die an über neunzig Prozent des Körpers Blutergüsse und intradermale Kontusionen aufweist. Ich nahm an, dies sei die Leiche. Ich muss die richtige sehen.«

Sheriff Wilson und Dr. Gomez wechselten einen weiteren gequälten Blick. »Diese Leiche ist nicht länger … hier.«

Ich starrte sie einen Augenblick lang an, und ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Mund offen stand. „Was meinen Sie damit?“

„Anscheinend hat man sie aus dem Leichenhaus gestohlen“, antwortete Sheriff Wilson. »Wir untersuchen das noch. Ehrlich gesagt haben wir keine Ahnung, wie sie hier rausgekommen ist oder wer sie überhaupt stehlen sollte. Ich hoffe, es sind nur ein paar verfluchte Collegestudenten, die einen Streich spielen wollten.«

„Aha“, sagte ich. Ich zeigte auf die Leiche auf dem Untersuchungstisch. „Und wer ist das?“

„Eine weitere Leiche, die wir in der Schlucht gefunden haben und die die gleichen Blutergüsse auf dem Torso zeigte wie die vorherige“, antwortete Dr. Gomez.

Ich beugte mich über die Leiche. Am Kopf hatte man bereits Einschnitte vorgenommen. Ich warf Dr. Gomez einen Blick zu.

„Wir hatten irgendwie das Gefühl, dass wir vorankommen müssen“, sagte er. „Aber dann sind wir zur Vernunft gekommen und haben aufgehört. Entschuldigen Sie.“

„Als ich die Verhaltensregeln gemailt habe, hätte ich nicht an so etwas gedacht.“ Ich war verärgert, aber was konnte ich tun? Ich begann mit der äußeren Untersuchung. Die im Moment nur oberflächlich sein konnte. Ich legte mein iPhone auf einen kleinen Tisch und tippte die Aufnahme-App an.

»Keine offensichtlichen Anzeichen von Verletzungen, die auf die Todesursache hinweisen würden. Dem äußeren Anschein nach handelt es sich um eine Frau in den Dreißigern in entsprechendem Zustand. Einhundertfünfundvierzig Pfund. Keine besonderen Kennzeichen oder Tätowierungen. Bei der Drehung des Kopfes sehe ich zwei kreisrunde Wunden – Öffnungen – in der Nähe der Arteria carotis, von gleichem Millimeter-Durchmesser und unbestimmbarer Tiefe. Vielleicht ein Biss.«

Ich beugte mich näher heran und nahm einen schwachen Geruch war. Ein Blumenduft? Süßlich, aber seltsam unangenehm. Vermutlich billiges Parfüm. Ich rieb mir mit dem Handrücken die Nase. Der Duft hielt sich beträchtlich länger, als mir lieb war. Ich fuhr fort:

»Zur Klärung müsste eine Autopsie durchgeführt werden. Auf den ersten Blick scheint dies aber nicht die Todesursache zu sein, es sei denn, ein Gift wäre injiziert worden. Die Wunden wirken wie Zahnabdrücke, jedoch haben sie keine Ähnlichkeit mit mir vertrauten Bisswunden, weder von Menschen noch von anderen Säugetieren. Ich werde den Körper noch unter Vergrößerung untersuchen. Unter den Fingernägeln befindet sich kein Blut oder Gewebe, aber für weitere Untersuchungen wird ein Abstrich erfolgen. Die Zähne scheinen in gutem Zustand zu sein, zwei der oberen Backenzähne sind jedoch offenbar gelockert. Spekulationen über die Ursache sind zum jetzigen Zeitpunkt sinnlos. Eine chemische Analyse von Haaren und Blut muss sofort durchgeführt werden. Die Augen zeigen keinerlei Hinweise auf Hämangiome oder Petechien. Die Obduktion und die Untersuchung des Gehirns wird morgen früh durchgeführt.«

Dr. Gomez reichte mir eine Spritze. Ich nahm Blut- und Speichelproben, die ich in die Behälter für biogefährdende Stoffe gab. Ich hatte Probleme, genug Blut zu entnehmen. Ein einfaches Tasten zeigte, dass die Leiche ungewöhnlich blutleer war. Vielleicht vorzeitige Gerinnung. „Wo kann ich diese Proben schnell untersuchen lassen?“

„Die Universität von Arizona in Santa Cruz hat ein kleines Chemielabor“, sagte Dr. Gomez. »Ich kann heute Abend jemanden hinfahren lassen, die Labortechniker schulden mir noch einen Gefallen. Sie können es schnell machen. Es wird zwar keine besonders detaillierte Analyse sein, aber es ist ein Anfang.«

Ich blieb im Korridor stehen und wandte mich an den Sheriff. „Ich habe da eine Frage. Haben Sie menschliche Ursachen ausgeschlossen, bevor Sie mich angerufen haben? Ich meine, so etwas wie Mord oder dergleichen?“

Sheriff Wilson nickte. »Klar, aber die erste Frau war tot. Ich meine, es gab keine Vitalzeichen. Dann steht sie auf und verschwindet! Hector hat eine Haarprobe ins staatliche Kriminallabor geschickt, und dort sagte man uns, es gäbe ein paar nicht identifizierbare Substanzen oder dergleichen. Sie wollten, dass wir die Gesundheitsbehörde in der Hauptstadt informieren. Irgendjemanden mussten wir anrufen. Eine Bundesbehörde. Hector hier – ich meine Dr. Gomez – war der Ansicht, wir sollten das CDC rufen. Das nächste auf der Liste war das FBI.« Er lächelte. „Das tun wir vielleicht trotzdem noch.“

„Danke.“ Ich versuchte noch immer, alle Gedanken, die mir im Kopf umherschwirrten, unter einen Hut zu bekommen. „Ich richte mich erst einmal im Hotel ein. Lassen Sie uns dann zu der Schlucht fahren, wo man die Toten gefunden hat.“

Sheriff Wilson und Dr. Gomez nickten nur, während sie sich beide an der Wange kratzten.

 

Ich nahm mir ein Zimmer in einem schmuddeligen La Quinta, nicht allzu weit von der mexikanischen Grenze entfernt. In dieser Stadt gab es keine sehr große Auswahl. Ich warf meine Koffer aufs Bett und versuchte dann, ein Nickerchen zu machen, obwohl die ins Fenster eingebaute Klimaanlage wie ein kaputter Auspuff röhrte. Ich musste ausgeruht sein, wenn die Ergebnisse der Toxikologie kamen. Hoffentlich trafen sie eher früher als später ein.

Schon zu diesem Zeitpunkt war die Situation äußerst merkwürdig. Wer sollte eine Leiche aus dem Leichenschauhaus stehlen? Auch die Bisswunden fand ich seltsam. Und wo war das ganze Blut geblieben? Da hatte ich mich all die Jahre bemüht, Blut aus dem Weg zu gehen, und jetzt wünschte ich mir mehr davon. Immer ging es nur um Blut. Ich dachte an Macbeth: „Je näher am Blut, so näher am Verderben.“ Ich glaube, das hat mein Vater mir beigebracht. Im Nachhinein erscheint es umso passender, da ich mich seither ununterbrochen in Blut gebadet fühle.

Ich schickte die Bilder an mein iPad und stellte Ermittlungen an, welches Tier eine solche Wunde hinterlassen könnte. Außerdem versuchte ich, den lockeren oberen Backenzähnen eine Bedeutung zu entlocken. Welche systemische Erkrankung könnte dies verursachen? Diabetes und Krebs waren die offensichtlichen Kandidaten, aber der Körper erschien bei guter Gesundheit, also schloss ich diese Möglichkeiten aus. Eine andere Autoimmunkrankheit konnte ein Faktor sein, aber das würde weitere Tests erfordern. Ich nahm mir vor, daran zu denken, eine Gewebeprobe nach Atlanta zu schicken. Das war mein erster Soloauftrag; ich durfte nichts außer Acht lassen.

Gerade hatte ich den Kopf auf das flache Kissen gebettet, als mich ein Klopfen an der Tür beinahe senkrecht hochschießen ließ.

„Dr. Scott? Hier sind Sheriff Wilson und Dr. Gomez.“

Ich entriegelte die Tür und öffnete sie. Beide sahen wie Verkörperungen von Scham und Frustration aus.

„Tut mir leid“, sagte der Sheriff. »Wir haben versucht anzurufen, aber Ihr Handy muss stummgeschaltet …«

„Was ist passiert?“, unterbrach ich ihn. Zu diesem Zeitpunkt war ich vermutlich übermüdet. „Sind die Resultate schon eingetroffen?“

Wilson sah Gomez an, als würden sich beide vor der Antwort drücken wollen. Der Sheriff gewann den stummen Kampf. »Die neue Leiche. Sie ist … Nun ja, sie ist nicht länger im Kühlhaus«, sagte Dr. Gomez.

 

Auf dem Weg zum Leichenschauhaus versuchte Sheriff Wilson, das Ganze zu erklären. „Bei uns wurde noch nie eingebrochen.“ Das war meiner Meinung nach eine zweifelhafte Leistung. „Das ist aber noch nicht alles“, fuhr der Sheriff fort. „Der Posten an der Hintertür hat ausgesagt, die Frau sei auf ihn zugekommen und hätte mit einem chirurgischen Hammer auf ihn eingeschlagen. Danach weiß er nichts mehr.“

„Entschuldigung. Welche Frau?“

„Die Frau, die Sie gesehen haben. Die Leiche vom Tisch.“

Ich lachte. „Was? Das ist unmöglich.“

Einen Augenblick lang herrschte Stille im Wagen. Es war wie bei einem Film in der Endlosschleife, alle paar Meilen stand ein identischer Riesenkaktus am Straßenrand.

Als wir beim Leichenschauhaus eintrafen, untersuchte dort gerade ein Deputy den Tatort, den wir vor wenigen Stunden verlassen hatten. Der Mann sah aus, als würde er seine Schlüssel suchen. Mein Blick fiel auf den leeren Tisch, dann auf die Dinge aus dem Regal, die wie nach einem Erdbeben überall auf dem Boden verteilt waren. Auf dem Tisch lagen eine Rolle Verbandsmull und eine Schere.

Wilson entging mein Blick nicht. „Der Deputy hat gesagt, der Kopf der Frau sei bandagiert gewesen.“

Ich tauschte einen Blick mit Dr. Gomez. Er zuckte nur mit den Schultern. Wir gingen hinüber in den anderen Raum, wo ein weiterer Deputy, der nicht älter als neunzehn aussah, mit verbundenem Kopf auf dem Boden saß. Er wiederholte bereitwillig die Geschichte, während er sich ein Kältepack an die Schläfe hielt: »Eben noch war ich allein, dann war da plötzlich diese junge Frau …«

„Die mutmaßliche Leiche“, sagte ich.

Er nickte langsam. »Ja. Sie. Sie stand neben mir. Ich aß gerade einen Twix. Die Frau, sie …«

„Die mutmaßliche Leiche“, wiederholte ich.

Der Deputy hielt inne. Nervös blickte er zum Sheriff, dann fuhr er fort. „Ja. Die mutmaßliche Leiche. Sie trug Hosen. Und ein Sweatshirt. Keine Schuhe.“

„Im Korridor steht ein Spind“, sagte Sheriff Wilson. „Der wird von den Angestellten und Deputies benutzt, die im Leichenschauhaus Dienst haben. Er wurde aufgebrochen. Genau diese Kleidungsstücke fehlen.“

„Ich wollte sie fragen, was sie hier macht, aber irgendwie wollten die Worte nicht rauskommen.“ Der Deputy legte die Stirn seines schmalen Gesichts in Falten. „Und dann hatte ich sie endlich angesprochen, als mein Kopf mit dem Hammer Bekanntschaft machte.“

Ich nickte und gab mir alle Mühe, nicht angewidert dreinzuschauen. »Diese andere Leiche, die gestern verschwand. Gab es irgendwelche …«

Sheriff Wilson antwortete, noch ehe ich zu Ende gesprochen hatte. „Da fehlte auch Kleidung aus dem Spind.“

Ich konnte mir den Gedanken nicht verkneifen, dass der Deputy selbst halb tot aussah, so als wäre er auf Meth. Was nicht nur an dem Hammerschlag gegen seinen Kopf liegen konnte. Vermutlich war gutes Personal schwer zu finden. Da es nichts anderes zu tun gab – die Ergebnisse der vorläufigen Tests lagen noch nicht vor, es gab keine Leiche zu untersuchen, und alle waren hellwach –, fuhren wir hinaus in die Wüste zum Fundort der Toten.

 

In der Wüste war es noch dunkel, aber ich kann nicht beschreiben, wie dunkel es in Grenznähe in der Wüste wirklich wird. Wir befanden uns nur zehn Minuten vom Leichenschauhaus entfernt, und es hatte den Anschein, als hätten uns die Autoscheinwerfer in eine andere Welt geführt, die dem schwarzen Himmel näher war. Auf einer niedrigen Anhöhe hielten wir an, vor einem zweieinhalb Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten Metallzaun, vor dem alle paar Meter Zementpoller aus dem Boden ragten. Aus dem Süden kam ein kalter Wind; weder Vögel noch Tiere waren in Sicht. Vermutlich war das die Grenze – irgendwie ziemlich enttäuschend. Ich verließ den Streifenwagen und entdeckte zu meiner Überraschung, dass der Boden mit Gras bedeckt war. Kein Wüstensand.

Sheriff Wilson schlug mit der Hand gegen den Zaun. „Auf der anderen Seite wären Sie in Mexiko. Macht keinen großen Unterschied, was?“

So weit mein Blick reichte, erschien hinter dem Zaun alles ziemlich gleich. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass mich irgendwo aus dieser dunklen Ferne etwas anstarrte. Ich strengte die Augen an, um besser sehen zu können. In der Prärie fühlte ich nur Jahre voller Nichts. Es ließ mich frösteln und husten.

Die Scheinwerfer erhellten die niedrige Grube neben dem Zaun. Der kalte Wüstenwind bereitete mir eine Gänsehaut. Ich ging vor der Grube in die Hocke, sah aber bloß feuchte Erde. Dr. Gomez kauerte sich wie ein Baseballfänger neben mich und strich mit der Hand über den Boden.

Ein Lastwagenfahrer, der Computerschrott transportiert hatte, war gezwungen gewesen, wegen eines Motorschadens am Straßenrand anzuhalten. Er hatte die Leiche entdeckt. Niemand vermochte zu sagen, warum er diese abgelegene Route benutzt hatte, allerdings meinte der Sheriff, es bestünde der Verdacht, dass der Mann illegale Fracht transportiert hatte. Der Lastwagenfahrer hatte am Straßenrand auf den Abschleppwagen gewartet, als ihm eine Gestalt aufgefallen war, die schnell davonrannte. Dann hätte er ein Stück weit entfernt eine Hand gesehen. Als er sich das näher anschauen wollte, fand er die Leiche.

„Die Grenzpatrouille traf vor dem Abschleppwagen ein.“ Sheriff Wilsons Stimme klang körperlos und vom Scheinwerferlicht entrückt. „Die Beamten blieben bei der Toten, während sie den Zaun überprüften. Sie riefen uns. Den Rest der Geschichte kennen Sie.“

Ich leuchtete die Gegend mit der Taschenlampe ab. Dann schaufelte ich etwas Erde, die ich analysieren lassen wollte, in einen Plastikbeutel. Ich richtete das Licht darauf. Die Erde erschien rötlich. Ich warf dem Sheriff einen Blick zu. „Ist das getrocknetes Blut?“

Er nahm den Beutel, schob den Cowboyhut zurück und musterte den Inhalt mithilfe seiner kleinen Taschenlampe. „Könnte sein.“ Er gab mir die Probe zurück und richtete das Licht auf den Boden. Er strich mit der Hand umher, dann rieb er Daumen und Zeigefinger im Lichtstrahl aneinander. „Verdammt. Das sieht tatsächlich nach frischem Blut aus.“

Ich fragte mich, nach welchen Vorschriften die Grenzpatrouille arbeitete. Aber dann betastete ich mit dem Finger dieselbe Stelle wie Wilson. Im Nachhinein betrachtet sah die ganze Gegend natürlich wie ein aufgebuddeltes flaches Grab aus, aber an diesem frühen Morgen wirkte es wie lockere Erde an einem Zaun. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand von dem Massengrab auf der anderen Zaunseite.

 

Ungefähr gegen fünf Uhr morgens traf ich wieder bei meinem Hotel ein. Ich legte den Kopf auf das harte Kissen und dachte darüber nach, dem CDC ein Update zu mailen. Aber dort war man gerade mit einer weiteren Ebolapanik in Afrika beschäftigt, und in Minnesota hielten sich potenzielle Überträger auf. In den nächsten zwei Wochen würde niemand meinen Bericht lesen, wenn überhaupt.

Ich muss ungefähr eine Stunde geschlafen haben, bevor mich das Handy weckte. Dr. Gomez war am Apparat und sein Ton war drängend. Obwohl, um ehrlich zu sein, in der kurzen Zeit, die ich ihn kannte, hatte er stets so geklungen, als stünde er ein bisschen neben sich.

„Das Labor hat angerufen“, sagte er hastig. „Man will uns sofort sehen.“

 

Im Labor der Universität von Arizona in Santa Cruz – ungefähr eine halbe Stunde Fahrt von Nogales entfernt –, nahm ich mir einen Kaffee und rührte klumpigen Zucker hinein, während ich mich dem Professor und dem Medizinstudenten vorstellte, die uns erwarteten. Gomez sah aus, als hätte er zwei Tage lang nicht geschlafen. Er schüttelte Professor Chen die Hand, wie einem Bekannten. Chen war ein dürrer, lebhafter älterer Mann mit einer Professorenfrisur und zerknitterter Kleidung. Sein Assistent, Jimmy Morton, sah aus wie ein Hipster aus dem Besetzungsbüro. Er trug ein rotes Flanellhemd und einen Schnurrbart, der einer verdrehten Krawatte nicht unähnlich von seiner Oberlippe hing. Das Monokel musste er zu Hause gelassen haben.

Chen winkte uns zu seinem Computer. »Wir haben das Blut einem vorläufigen Test unterzogen. Im Moment ist hier nicht viel zu tun, also konnten wir es schnell erledigen, aber eines will ich Ihnen sagen. Das muss sich unbedingt ein Hämatologe ansehen.« Sein Blick funkelte wie ein Feuerwerk. „Bereiten Sie sich darauf vor, die Grenzen Ihres Verstandes gesprengt zu bekommen.“ Ein Mausklick, und auf dem Bildschirm erschien ein neongrünes und rotes HD-Bild in tausendfacher Vergrößerung. Es sah aus wie ein Computerspiel. „Ein Lichtmikroskopbild wäre besser, aber natürlich fehlt uns hier eine derartige Ausrüstung.“ Mit einem knorrigen Finger zeigte er auf die roten Kreise auf dem Bildschirm. »Sehen Sie sich die Blutplättchen an. Zuerst hielten wir es für eine Sichelzellenanämie, eine uns unbekannte Art. Aber schauen Sie hier. Es ist wie ein klassischer Fall von Leukämie. Doch bei unseren weiteren Tests wurde das nicht bestätigt. Manchmal befindet sich die Probe deutlich in einem Zustand der Hyperkoagulabilität, dann verschwindet der wieder.«

Sheriff Wilson hob die Hand. „Was bedeutet Hyper… was auch immer?“

„Das Blut hat die Tendenz, schnell zu verklumpen“, antwortete Jimmy. Insgeheim betete ich darum, dass er beim Sprechen anfing, seinen Schnurrbart zu zwirbeln. „Das ist schlecht, denn es kann zu lebensbedrohlichen Gerinnseln im Körper führen. Eine Person, deren Blut sich in einem solchen Zustand befindet, hätte überall Gerinnsel in den Adern.“

Professor Chen übernahm; dabei rieb er sich die schwieligen Hände. „Ehrlich, genau daran ist diese Person meiner Meinung nach gestorben.“

„Sie lebt“, sagte ich. Ich warf dem Sheriff einen Blick zu. „Mutmaßlich.“

Chen und Morton starrten uns an, dann wechselten sie einen Blick. „Wie soll das möglich sein? Das ist absurd“, sagte der Professor. Er wartete nicht auf eine Antwort, bevor er fortfuhr. »Sie werden das jetzt nicht glauben, aber das Blut verdünnt sich auf ein Niveau – ich meine, die Zellen zur Blutgerinnung mutieren zu einem Niveau, das Ähnlichkeit mit Ebola hat. Das ist mein Ernst.«

„Richtig“, bestätigte Jimmy.

„Das ist wie eine mir unbekannte Thrombozytose“, sagte Chen. »Die Probe muss für weitere Tests in das Labor der Universität von Arizona geschickt werden. Ehrlich gesagt sollten wir vermutlich Hazmat-Anzüge vom Typ 1 tragen, oder uns das in einem Labor der Sicherheitsstufe 4 ansehen. Ich wüsste nur zu gern, ob ein Niemann-Pick C1 Cholesterin-Transporter für die Übertragung so essenziell ist wie bei Ebola.«

„Ich muss dem CDC schnellstmöglich eine Probe zukommen lassen“, sagte ich. Der Bildschirm hielt mich in seinem Bann. Ich spürte den ersten Adrenalinschub. Hatte diese staubige alte Stadt tatsächlich ein neues Virus zur Welt gebracht?

Sheriff Wilsons Handy klingelte. Er trat zurück, um den Anruf entgegenzunehmen.

„Hämatologie ist offensichtlich nicht mein Fachgebiet“, sagte Dr. Gomez, „aber kann jemand in diesem besonderen Zustand lange überleben?“

„Das ist unwahrscheinlich“, meinte Professor Chen. »Vermutlich gibt es Ausnahmen, wie bei jeder Krankheit, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Organismus das aushält. Ebola tötet innerhalb kurzer Zeit, und das hier ist allem Anschein nach genauso schlimm. Wenn nicht noch schlimmer. Ich kann nur davon ausgehen, dass das die Todesursache war. Aber jetzt sagen Sie mir, diese Frau ist nicht tot? Das halte ich doch für sehr unwahrscheinlich.«

„Da sind wir einer Meinung. Aber es ist passiert“, sagte Dr. Gomez und zuckte mit den Schultern.

Sheriff Wilson trat wieder zum Computer. „Es gibt eine gute Nachricht. Wir haben eine Spur. Ein Mädchen namens Liza Sole wurde von ihrer Mitbewohnerin als vermisst gemeldet, und sie passt auf die Beschreibung unserer ehemaligen Leiche.“

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mitkomme?“, wollte ich wissen.

„Ich wollte Sie gerade darum bitten“, antwortete Wilson.

Wir landeten in einem älteren Apartmentkomplex nur drei Meilen entfernt. Die Sonne war aufgegangen, und ich spürte, wie mir jegliche Energie fehlte. Ich sehnte mich nach einer weiteren Tasse Kaffee, war mir aber ziemlich sicher, dass ich die so bald nicht bekommen würde. Seltsamerweise war mir der Geruch von Kaffee früher verhasst gewesen. Er erinnerte mich an die Sommer in Florida im Haus meiner Tante, das immer nach Kaffee roch und so gottverdammt heiß und schwül war. Für mich roch Kaffee nach Langeweile und Moskitos, aber das Medizinstudium verändert jede Gewohnheit und jede lieb gewonnene Ansicht.

Ich zählte in der Anlage ungefähr zwanzig Wohneinheiten – sie war alles andere als groß. Zwei Stockwerke und ein Parkplatz. Das war es schon. Wir stiegen die Treppe hinauf und suchten nach Apartment 221. Oben auf dem Treppenabsatz verfinsterte sich Sheriff Wilsons Miene.

„Was ist los?“, fragte Dr. Gomez.

„Einer meiner Deputies sollte uns hier treffen. Er hat durchgegeben, er sei bereits vor Ort.“ Stirnrunzelnd blickte er sich um. „Wissen Sie, wir sind ein kleines County. Ich erwarte, dass meine Männer zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden.“

Wilson klopfte ein paarmal an der Tür, wartete, überlegte kurz und drehte dann den Türknauf. Die Tür schwang auf. Dennoch blieb er unschlüssig stehen. Wir wechselten einen Blick. Mit einem tiefen Seufzen betrat der Sheriff die Wohnung.

„Ich glaube, ich habe da einen Hilferuf gehört“, sagte er mit wenig Überzeugung.

Wir traten ein, und ein seltsam vertrauter Geruch schlug mir entgegen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich ihn nicht unterbringen, aber jetzt weiß ich natürlich, dass es der gleiche süßliche Geruch wie sechs Stunden zuvor in Nogales gewesen war. Und natürlich hätten wir uns Schutzmasken aufsetzen sollen, bevor wir eintraten. Bei diesem Einsatz hatte ich bis jetzt so viele Protokolle verletzt, dass es ein Wunder war, dass ich später noch einen Job hatte.

Das Apartment sah aus, als wäre es schnell verlassen worden. Im Fernseher lief irgendeine Realityshow mit Prominenten. Auf dem Tisch im Wohnzimmer standen zwei Teller zur Hälfte verspeistes Sushi, daneben zwei Gläser Wein. Wilson und Gomez warfen einen Blick in die beiden Schlafzimmer, während ich mich in der Küche umsah. Nichts schien zu fehlen. Am Kühlschrank hing eine Karte mit Blümchenmuster, gehalten von einem SpongeBob Schwammkopf-Magneten. Die Überschrift in Druckbuchstaben verkündete: „DINGE, DIE LIZA DIESES JAHR TUN MUSS!!“ Ohne nachzudenken, zog ich sie vom Kühlschrank und steckte sie in die Jackentasche. Der Sheriff kam zurück ins Wohnzimmer und blickte sich erneut um. „Kein Zeichen von der Mitbewohnerin oder dem toten Mädchen“, sagte er. Die Frau, die die Vermisstenmeldung erstattet hatte, hieß übrigens Glenda Jones. Nicht, dass das jetzt noch von Bedeutung wäre. Wilson sah mich an. „Die mutmaßliche Leiche.“

Ich versuchte nicht einmal, mein Lächeln zu unterdrücken – und es hatte mein Gesicht noch nicht verlassen, als der Aufschrei von Dr. Gomez den Moment zerstörte. Wir rasten zum Korridor und rannten beinahe in Gomez hinein, der in die andere Richtung lief. Er zeigte hinter sich, worauf der Sheriff die Waffe zog.

„Im Badezimmer“, rief Gomez.

Wilson übernahm die Führung und befahl mir zu warten, aber ich blieb dicht hinter ihm, während wir uns dem Badezimmer näherten. Wilson trat ein und fuchtelte mit der Pistole herum. Es war ein kleines Badezimmer, also blieb ich in der Tür stehen.

„Nein, mein Gott, nein“, sagte Wilson. Er ging neben der Badewanne auf die Knie und steckte die Waffe weg. Ich trat ein und schaute über seine kniende Gestalt hinweg. In der Badewanne lag ein junger Mann in der gleichen Uniform wie der Sheriff. Sein Gesicht war weiß wie Schnee. Die Augen standen weit offen. Er war ganz eindeutig tot. Für den Moment.

 

Das war der Zeitpunkt, an dem die Geschichte eigentlich richtig losging. Ein Mädchen, das von den Toten auferstanden war, ein toter Deputy und eine vermisste Mitbewohnerin. Später sollte ich mir schwere Vorwürfe machen, dass ich nicht das FBI gerufen und die ganze Gegend sofort unter Quarantäne gestellt habe. Aber die Ereignisse entwickelten sich einfach zu schnell. Von diesem Augenblick in Liza Soles Badezimmer an folgte rasant eins aufs andere.

Natürlich wollte ich in dem Apartment Proben nehmen, aber es war nichts zu finden. Seltsamerweise gab es keine Blutlachen. Die von Dr. Gomez durchgeführte Autopsie erbrachte das Resultat, dass Deputy Shawn Miller durch Blutverlust gestorben war. Gomez verbrachte Stunden mit der Suche nach einer anderen Ursache, aber der Tod konnte nur auf die Entfernung allen Blutes zurückzuführen sein.

In meiner eigenen Untersuchung kam ich zu demselben Schluss. Zwei Löcher in der Halsschlagader wurden als einziger Grund für den Blutmangel festgestellt. Sonst gab es keine Verletzungen, keine Prellungen, Kratzer oder sonstige Platzwunden.

Dr. Gomez konnte es nicht glauben. Nicht einmal mit einem Fleischermesser hätte man das Blut auf so effiziente Weise ablassen können. Diesen ersten Tag verbrachte ich mit ihm zusammen und versuchte zu ergründen, wie man durch die beiden Löcher innerhalb weniger Minuten das ganze Blut aus dem Körper entfernen konnte. Deputy Miller war keine Stunde vor uns am Tatort eingetroffen, hatte seinen Bericht erstellt, sich in der Zentrale gemeldet und dann auf uns gewartet. Es erschien unmöglich.

Die Spurenmengen Blut, die Dr. Gomez und ich bei dem Toten fanden, wiesen dieselben Indikatoren auf wie die Proben der entflohenen Leiche aus dem Kühlhaus. Die Probe wurde nach Galveston, Texas, geschickt, zur Universität von Texas mit ihrem Biosicherheitslabor der Stufe 4. Sie schien dieselbe Struktur zu haben wie die vorherige Probe. Als man sie allerdings mit einem Elektronenmikroskop untersuchte, zeigte sie eine Mutation, die man als Marburg Virus identifizierte, ein hämorrhagisches Fiebervirus so schlimm wie Ebola. Meine Vorgesetzten erkannten den Ernst dieser Ergebnisse noch immer nicht, befahlen mir aber trotzdem, vor Ort zu bleiben, für den Fall, dass noch andere Personen Symptome des Virus zeigten. Ich konnte mir ausmalen, wie meine Wohnung in Atlanta nach einem weiteren Monat Abwesenheit aussehen würde. Und wie aufs Stichwort rief mich meine Mutter an. „Lauren, Gott sei Dank! Was ist los? Warum sieht deine Wohnung verlassen aus?“, überfiel mich ihr hysterischer Wortschwall. Ich hatte meine Schwester gebeten, alle paar Tage nach der Wohnung zu sehen, aber es hat noch nie etwas gebracht, eine Zwanzigjährige mit einem neuen Freund darum zu bitten, sich um eine wichtige Angelegenheit zu kümmern.

Es dauerte nur einen Monat, bis in Arizona und dann New Mexico weitere Leichen auftauchten. Allesamt blutleer, und bei allen verschwand zugleich auch eine andere Person aus demselben Haushalt. Den Leichen war entweder das Blut entnommen worden, oder sie zeigten dieselben Bluteigenschaften wie die erste Tote – Liza Sole.

Sole war eine achtundzwanzigjährige Frau aus Dallas, Texas, gewesen, die als Verkäuferin gearbeitet und ein paar Ehen hinter sich gebracht hatte, bevor sie wieder zur Schule gegangen war, um ihren Abschluss an der Universität von Arizona nachzuholen. Aber das war nicht von langer Dauer; sie lernte einen neuen Mann kennen und zog nach Nogales, Arizona, wo sie bei Pizza Hut arbeitete. Wie bei vielen ihrer früheren Beziehungen hielt auch diese nicht lange, und bald zog sie aus dem Haus ihres Freundes aus. Danach mietete sie sich ein Apartment, für dessen Unterhalt sie eine Mitbewohnerin brauchte. Sie fand welche über Craigslist, die aber meist nur kurz bei ihr wohnten.

Bei der schnellen Ausbreitung des Virus hätte das CDC mehr Interesse zeigen sollen, aber die Behörde war noch immer auf das in Afrika wütende Ebola konzentriert, das von zurückkehrenden Touristen und Beschäftigten im Gesundheitswesen in die Vereinigten Staaten eingeschleppt wurde. Meine Blutzellenkrankheit erhielt keine größere Aufmerksamkeit und eigentlich auch keine Geldmittel. Einen Monat nach dem ersten Vorfall machte man mich zur Leiterin des Nogales-Teams, aber der Begriff „Team“ war übertrieben. Es bestand noch immer nur aus mir, die Berichte nach Atlanta schickte. Personal zur Unterstützung gab es keines.

In meinen Berichten erfand ich für das Virus die Bezeichnung „Nogales organic blood illness“ (Nogales-Blutkrankheit). Abgekürzt NOBI. Ich hatte Sheriff Wilson seinem Fahndungsaufruf nach Liza Sole den Zusatz hinzufügen lassen, dass das CDC über sämtliche Spuren oder ähnliche Fälle unterrichtet werden sollte, da die Möglichkeit bestand, dass die Verdächtige eine ansteckende Krankheit verbreitete.

Ich konnte meine Vorgesetzten beim CDC jedoch nicht davon überzeugen, vor der Krankheit zu warnen. Eine offizielle Warnung hätte das FBI und andere Bundesbehörden gezwungen, sofort einen Alarm herauszugeben. Jede Strafverfolgungsbehörde im Land hätte Informationen zu NOBI erhalten. Ich will nicht behaupten, dass wir die Verbreitung dann hätten aufhalten können, aber es hätte einen gewaltigen Unterschied gemacht, bevor die Krankheit zur nationalen Gesundheitskrise wurde.

Es hätte Leben retten können.

 

Ungefähr einen Monat nach dem Vorfall mit Liza Sole ließ sich Dr. Gomez beim Gesundheitsamt von Nogales beurlauben, um sich meiner Untersuchung anzuschließen. Auf eigene Kosten folgte er mir in verschiedene Städte im Südwesten, um Toten und Vermissten nachzuspüren, die möglicherweise mit NOBI in Kontakt gekommen waren. Bald begleitete er mich in dem Auto, das ich auf Kosten der Regierung mietete, und er erwies sich als große Hilfe und angenehme Gesellschaft.

Anfangs folgten wir der Spur von Liza und der Krankheit durch Arizona. Es kam mir wie der spontane Ausflug zweier Collegezimmergenossen vor, die ihre ganze Habe in ihren Kleinwagen luden. Es fehlte nur die Kühltasche mit billigem Bier. Eine Kleinstadt schien mit der nächsten zu verschmelzen, unsere Akten wurden dicker und der Platz für unsere Kleidung knapper. Zehn Meilen bis zum nächsten Motel, und ich konnte es kaum erwarten.

Ich war völlig erledigt. Als wir ankamen, ließ ich meine Taschen einfach zu Boden fallen und sank auf das einfache Motelbett. Dr. Gomez – Hector – hatte sein Budget schon vor langer Zeit aufgebraucht und schlief in meinem Zimmer auf dem Boden. Er drückte sein dünnes Kissen gegen die rissige Tapete an der Wand. Es tat mir leid, dass Nogales County seine Forschung nicht bezahlen wollte und er dafür seine Ersparnisse verbrauchte. Aber diese Widrigkeiten ließen seine Entschlossenheit, die sich anbahnende Krise unter Kontrolle zu bringen, nur noch wachsen. Bei mir war es nicht anders.

Sein Bett auf dem harten Fußboden sah nicht sonderlich bequem aus. „Hey, Dr. Gomez“, sagte ich. Mit müdem Blick schaute er nach oben.

„Was ist, Dr. Scott?“

Ich wies mit dem Kopf auf das Bett. »Zuerst einmal, warum nenne ich Sie nicht Hector und Sie mich Lauren? Zweitens sehen Sie auf dem Boden wie ein Häufchen Elend aus. Warum schlafen Sie nicht im Bett? Da ist genug Platz für uns beide, und mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass ich Ihnen vertrauen kann. Und wenn nicht, prügle ich sie windelweich. Das schaffe ich bestimmt.«

Einen Moment lang starrte er mich an, als wollte er nicht vom Boden aufstehen. Vielleicht gehörte er ja zu den asketischen Typen, die sich sämtlicher Ausschweifungen enthielten und jeden Komfort verweigerten.

Doch dann stand Hector wortlos auf und ließ sich aufs Bett sacken. Er drehte sich auf die Seite und umklammerte das Kissen wie einen Rettungsring. Im Handumdrehen war er eingeschlafen. Ich lag angezogen auf der anderen Bettseite und träumte von Blutegeln.

Nach einem Monat hatten wir acht Todesfälle bestätigt, bei denen das Blut abgezapft worden war, und zehn Vermisste. Letztere stellten den verblüffendsten Teil unserer Untersuchung dar. Mir fiel keine plausible Theorie ein, warum ein paar Leute, die mit Liza Sole in Kontakt kamen, einfach verschwanden. Wenn sie sich das Virus eingefangen hatten, hätten sie dann nicht nach kurzer Zeit tot sein müssen? Entführte Liza sie? Folgten sie ihr aus freiem Willen? Brachte sie sie um und vergrub sie an einem abgelegenen Ort?

Aber dann machte Liza Sole endlich einen Fehler und wurde mehr als nur ein Mythos, und all unsere amtlichen Bekanntmachungen zahlten sich aus.

Zu dem Zeitpunkt hatten wir es mit sieben Leichen zu tun, die obduziert und für blutleer befunden worden waren. Es sah aus, als wäre der größte Teil des Blutes entfernt worden und der Rest im Körperinneren verdampft. Bei den Obduktionen fanden wir deshalb nur selten genug Blut, um es mit der Probe von der ehemals toten Liza Sole zu vergleichen.

Die Polizei von El Paso meldete uns eine achte Leiche, die in der Nähe des Grenzübergangs von Ciudad Juarez, Mexiko, gefunden wurde. Ein Polizist auf Patrouille fuhr in seinem Streifenwagen hinter einem leer stehenden Lagerhaus durch eine Gasse, wo er eine Person entdeckte, die sich über einen auf dem Boden liegenden Körper beugte. Der Officer richtete den Suchscheinwerfer auf sie. Die hockende Gestalt sprang auf und rannte mit großer Geschwindigkeit davon. Der Officer wollte nicht glauben, dass ein Mensch so schnell rennen konnte.

Er ging auf die Person am Boden zu. Es handelte sich um einen Mann, aus dessen Halsschlagader Blut spritzte. Bis zum Eintreffen des Krankenwagens war er tot, in der Gerichtsmedizin erinnerte sich jedoch ein Angestellter an das Rundschreiben der Polizei von Nogales. Als Hector und ich eintrafen, überzeugte mein Begleiter den Gerichtsmediziner, einen alten Studienkollegen, ihn an der Obduktion teilnehmen zu lassen. Basierend auf dem Zustand des Körpers und der inneren Organe kam Hector zu dem Schluss, dass das Opfer vermutlich demselben Virus wie Liza Sole ausgesetzt gewesen, aus irgendeinem Grund mit den einhergehenden körperlichen Veränderungen aber nicht zurechtgekommen war.

Allerdings hatten wir noch nicht ermitteln können, wie Liza Sole das Virus ohne offensichtliche schädliche Auswirkungen in sich tragen konnte. Ich hatte eine Krankheit mit einer – inoffiziellen – Sterblichkeitsrate von 50 %, wenn nicht sogar mehr. Eine Krankheit, die einige der Betroffenen verschwinden ließ und andere nach dem Tod zurück ins Leben holte. Und denen, die tot blieben, das Blut entzog.

Dr. Gomez und ich waren so damit beschäftigt gewesen, Toten hinterherzujagen, dass ich nicht einmal Zeit gehabt hatte, gründliche Statistiken anzufertigen. Alles stand planlos in meinem iPad und meinen Moleskin-Notizbüchern, die ich überall mit hinschleppte, aber meine Aufzeichnungen hinkten den aktuellen Fällen Wochen hinterher. Das soll keine Ausrede für die Vorwürfe sein, die man mir gemacht hat; ich gebe hier lediglich Fakten wieder.

Aber dann. In El Paso hatten wir endlich einen Durchbruch.

Wir holten Liza Sole ein.

Raymond A. Villareal

Über Raymond A. Villareal

Biografie

Raymond A. Villareal praktiziert als Rechtsanwalt in San Antonio, Texas. Sein erster Roman wurde bereits vor Erscheinen in einem Megadeal von 20th Century Fox für eine Verfilmung erworben.

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