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Die chinesische SängerinDie chinesische Sängerin

Die chinesische Sängerin

Roman

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Die chinesische Sängerin — Inhalt

Seit dem Tag, an dem der leblose Körper seiner Mutter aus dem Haus getragen wurde, lebt William Eng im Waisenhaus. Als er im Kino die schöne Sängerin Willow Frost sieht, ist er überwältigt. Täuschend ähnlich sieht sie seiner Mutter. Entschlossen, den fernen Filmstar aufzuspüren, läuft er fort, schlägt sich auf den Straßen Seattles durch, sucht sie in Theatern und Lichtspielhäusern. Er muss Willow Frost finden. Er muss beweisen, dass sie seine Mutter ist, und endlich erfahren, was damals passierte. Vor dem Hintergrund der Großen Depression im Seattle der dreißiger Jahre hat Jamie Ford einen berührenden Roman über einen Jungen geschrieben, der nicht aufhört, an die Liebe seiner Mutter zu glauben, der alles wagt, um sie wiederzufinden.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.08.2015
Übersetzt von: Ulrike Thiesmeyer
400 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1025-6
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 31.03.2014
Übersetzt von: Ulrike Thiesmeyer
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7732-5

Leseprobe zu »Die chinesische Sängerin«

Sacred Hearts

(1934)

 

William Eng wurde von dem schnappenden Klatschen eines Ledergürtels geweckt. Dazu kreischten rostige Federn in seinem Bettgestell, ein ausgemustertes Stück aus Army-Beständen, auf denen die dünne, abgenutzte Matratze lag. Ohne die Augen zu öffnen, horchte er auf das Geräusch nackter Kinderfüße, die nervös über den kalten Holzboden huschten. Er hörte, wie Bettlaken schwungvoll zurückgezogen wurden, mit einem luftigen Rauschen, wie Segel, die sich im Wind blähten und bauschten. Und so ließ er sich, wie immer, von der günstigen [...]

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Sacred Hearts

(1934)

 

William Eng wurde von dem schnappenden Klatschen eines Ledergürtels geweckt. Dazu kreischten rostige Federn in seinem Bettgestell, ein ausgemustertes Stück aus Army-Beständen, auf denen die dünne, abgenutzte Matratze lag. Ohne die Augen zu öffnen, horchte er auf das Geräusch nackter Kinderfüße, die nervös über den kalten Holzboden huschten. Er hörte, wie Bettlaken schwungvoll zurückgezogen wurden, mit einem luftigen Rauschen, wie Segel, die sich im Wind blähten und bauschten. Und so ließ er sich, wie immer, von der günstigen Strömung seiner Fantasie woandershin treiben – weit weg von dem Sacred-Heart-Waisenhaus, in dem die Schwestern allmorgendlich die Bettlaken inspizierten und alle mit dem Gürtel züchtigten, die nachts ins Bett gemacht hatten.

Er hätte sich gern aufgerichtet, um sich am Fußende seines Betts aufzustellen, wie die anderen, aber das ging nicht, ihm waren die Hände gebunden – im wahrsten Sinne des Wortes: Sie waren links und rechts ans Bettgestell gefesselt.

„Sehen Sie, es funktioniert, ganz, wie ich gesagt habe“, sagte Schwester Briganti zu zwei Wärterinnen, deren dunkle Haut durch ihre gestärkten weißen Trachten noch dunkler wirkte.

Schwester Briganti hatte eine Theorie, was Bettnässen betraf: Sie führte es darauf zurück, dass Jungen sich nachts unsittlich berührten. Als Gegenmaßnahme fing sie an, Jungen zur Schlafenszeit ihre Schuhe an die Handgelenke zu binden. Als dies nichts nutzte, ging sie dazu über, ihre Hände ans Bettgestell zu fesseln.

„Es ist ein Wunder“, sagte sie, während sie das trockene Bettlaken zwischen Williams Beinen betastete und befühlte. Er beobachtete, wie sie sich bekreuzigte und dann innehielt, um an ihren Fingern zu schnuppern, wie auf der Suche nach Anzeichen, die ihren Augen und Fingern womöglich verborgen geblieben waren. Amen, dachte William, als ihm klar wurde, dass sein Bettzeug trocken war. Er wusste, dass Schwester Briganti, nicht anders als ein Waisenkind, sich angewöhnt hatte, stets auf das Schlimmste gefasst zu sein. Und sie wurde in dieser Erwartung nur selten enttäuscht.

Nachdem alle Jungen losgebunden waren, der letzte kleine Übeltäter bestraft worden und sein Wehgeschrei verstummt war, durfte William sich endlich waschen, ehe es Frühstück gab. Er starrte die lange Reihe identisch aussehender Zahnbürsten und Waschlappen an, die an Wandhaken hingen. Am Vorabend waren es noch vierzig gewesen, aber jetzt fehlte eine Garnitur, und sofort tuschelten die Jungen aufgeregt darüber, wer der Ausreißer sein mochte.

Tommy Yuen. William wusste die Antwort, als er sich im Waschraum umsah und kein Gesicht entdeckte, das seinem eigenen ähnelte. Tommy ist wohl in der Nacht weggelaufen. Damit bin ich der einzige chinesische Junge, der noch im Sacred Heart übrig ist.

Die Traurigkeit und Isolation, die er unwillkürlich empfand, wurde dadurch abgemildert, dass er heute Morgen immerhin keine Schläge mit dem Gürtel bekommen hatte. Und vollends verscheucht wurde sie durch das erwartungsvolle Lächeln der anderen Jungen, während sie sich das Gesicht wuschen.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Willie“, sagte ein sommersprossiger Junge im Vorbeigehen. Andere sangen oder pfiffen „Happy Birthday“ vor sich hin. Es war der 28. September 1934, Williams zwölfter Geburtstag – tatsächlich ihrer aller Geburtstag; anscheinend war es auf diese Weise leichter, den Überblick zu behalten.

Der 11. November wäre vielleicht passender, der Tag des Waffenstillstands, dachte William. Da einige der größeren Kinder hier im Sacred Heart ihre Väter ja im Großen Krieg verloren haben. Oder der 29. Oktober, der Schwarze Dienstag, als das gesamte Land ins Elend gestürzt ist. Seit dem großen Börsenkrach hatte sich die Zahl der Waisenkinder verdreifacht. Aber Schwester Briganti hatte entschieden, dass alle an dem Tag feiern sollten, an dem der ehrwürdige Papst Leo XII. sein Amt angetreten hatte – ein kollektiver Geburtstag, der mit einer Straßenbahnfahrt von Laurelhurst in die Innenstadt begangen wurde, wo jedem Jungen ein silberglänzendes Fünf-Cent-Stück ausgehändigt würde, um sich damit Süßigkeiten zu kaufen, ehe sie sich zur Feier des Tages einen Tonfilm im Moore Theatre ansehen durften.

Aber das ist noch nicht das Schönste, dachte William. Das Schönste ist, dass wir an unseren Geburtstagen, und nur an unseren Geburtstagen, nach unseren Müttern fragen dürfen.

 

Die Geburtstagsmesse war immer die längste des Jahres, länger sogar als die Messe an Heiligabend – für die Jungen zumindest. William bemühte sich, ruhig dazusitzen und nicht zu zappeln, während Pater Bartholomew sich langatmig und ohne ein Ende zu finden über die Heilige Jungfrau ausließ, als könnte sie die Jungen irgendwie von ihrem großen Tag ablenken. Die Mädchen saßen auf ihrer Seite der Kapelle, manche in Unkenntnis darüber, dass den Jungen heute ihr einziger Ausflug des Jahres bevorstand, während andere sie heftig darum beneideten. Unabhängig davon aber verwirrten die Ausführungen über die Heilige Maria bloß die jüngeren Neuzugänge im Waisenhaus, die größtenteils gar keine richtigen Waisenkinder waren – zumindest nicht so, wie die „Kleine Waise Annie“ im Radio oder in den Comicstrips der Sonntagszeitungen dargestellt wurde. Anders als das kleine, wuschelköpfige Mädchen, das jede noch so missliche Lage mit einem übermütigen „Menschenskind!“ kommentierte, hatten die meisten Jungen und Mädchen im Sacred Heart noch Eltern da draußen – irgendwo –, doch wo immer sie auch sein mochten, sie waren nicht in der Lage gewesen, ihre Kinder zu ernähren oder ihnen Schuhe zu kaufen. So ist Dante Grimaldi zu uns gekommen, überlegte William, während er sich in der Kapelle umsah. Nachdem Dantes Vater, ein Holzfäller, bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen war, hatte seine Mutter ihn in der Spielwarenabteilung des Wonder Store, dem großen Woolworth an der Third Avenue, zurückgelassen und nicht mehr abgeholt. Sunny Sixkiller wiederum hatte seine Ma zum letzten Mal in der Kinderbuchabteilung der neuen Carnegie Library in Snohomish gesehen, während man Charlotte Rigg im Regen auf den Marmorstufen der St. James Cathedral gefunden hatte. Ihre Großmutter, so wurde gemunkelt, hatte eine Kerze für sie angezündet und war sogar noch zur Beichte gegangen, ehe sie sich durch einen Seitenausgang davonmachte. Dann gab es noch andere, die mehr Glück hatten. Ihre Mütter kamen und setzten ihre Unterschrift auf stoßweise Formulare aus Durchschlagpapier, um ihre Kinder den Schwestern im Sacred Heart anzuvertrauen, oder dem St. Paul’s Infant Home für Kleinkinder gleich nebenan. Immer versprachen diese Mütter, in einer Woche auf Besuch zu kommen, und manchmal hielten sie auch Wort. Meistens aber dauerte es länger, aus der Woche wurde ein Monat, ein ganzes Jahr mitunter, oder sie blieben sogar ganz aus. Aber trotzdem, die Mütter all dieser Kinder hatten gelobt (im Angesicht Schwester Brigantis und Gottes), eines Tages wiederzukommen.

Nach dem Abendmahl wartete William, noch immer mit der faden Oblate im Mund, die oben an seinem Gaumen haftete, mit den anderen Jungen in einer Schlange vor dem Schulbüro. Wie jedes Jahr an diesem Tag unterzog Schwester Angelini, die Priorin von Sacred Heart, die Jungen einer körperlichen und seelischen Begutachtung. Sofern sie den Anforderungen genügten, durften sie hinaus in die Öffentlichkeit. William bemühte sich, seine Nervosität in den Griff zu bekommen. Er nahm sich ein Beispiel an den anderen und ahmte ihr freudiges, erwartungsvolles Lächeln nach, um möglichst fröhlich und präsentabel zu wirken. Dann aber dachte er an das letzte Mal zurück, als er seine Mutter gesehen hatte. Sie lag in der Badewanne ihres Apartments im alten Bush Hotel. William war nachts aufgewacht und durch den Flur getappt, um sich ein Glas Wasser zu holen, und dabei hatte er bemerkt, dass sie schon seit Stunden im Bad war. Er wartete noch einige Minuten, aber um eine Minute nach Mitternacht schließlich spähte er durch das verrostete Schlüsselloch. Es sah aus, als würde sie in der Wanne mit den Klauenfüßen schlafen, mit dem Gesicht in Richtung Tür, eine nasse schwarze Haarsträhne haftete an ihrer bleichen Wange, geschwungen wie ein Fragezeichen. Ein Arm hing schlaff über den Rand der Wanne, von ihrer Fingerspitze tropfte langsam Wasser zu Boden. Von der Decke hing eine einzelne Glühbirne, die immer wieder an- und ausflackerte, während der Wind wehte. Nachdem er einige Zeit vergeblich geschrien und gegen die Tür gehämmert hatte, lief William über die Straße zu Dr. Luke, der oberhalb seiner Praxis wohnte. Der Arzt brach die Badezimmertür auf, hüllte Williams Mutter in Badelaken ein und trug sie zwei Etagen die Treppe hinunter auf die Straße in ein wartendes Taxi, um sie ins Providence Hospital zu bringen.

Er hat mich allein zurückgelassen, dachte William, während ihm das zart rosafarbene Badewasser vor Augen stand, das gurgelnd und gluckernd im Abfluss verschwand. Am Boden der Wanne hatte er ein Stück Ivory-Seife und ein einzelnes lackiertes Essstäbchen gefunden. In das breite Ende war zur Zierde schimmerndes Perlmutt eingelegt. Das schmale vordere Ende aber wirkte merkwürdig scharf, wie angespitzt, und er fragte sich, wie das Stäbchen hierher in die Wanne kam.

Da riss ihn Schwester Brigantis Stimme aus seinen Gedanken. „Du kannst jetzt hinein, Willie“, sagte sie mit einem Fingerschnipsen.

William hielt die Tür auf, während Sunny herauskam; seine Wangen waren kirschrot, und seine Ärmel glänzten feucht, weil er sich die Nase daran abgewischt hatte. „Nun bist du dran, Will“, brummte er ihm zu und schniefte. Er hielt einen Briefumschlag in der Hand, zerknüllte ihn, als wollte er ihn wegwerfen, zögert dann aber und schob den Brief in die Tasche hinten an seiner Hose.

„Was stand drin?“, fragte ein anderer Junge, aber Sunny schüttelte nur den Kopf und ging durch den Flur davon, den Blick zu Boden gerichtet. Briefe von Eltern waren selten, nicht etwa, weil sie nicht kamen – es kam regelmäßig Post von Eltern ins Waisenhaus –, sondern weil die Schwestern sie den Jungen nicht aushändigten. Sie wurden aufbewahrt und als Belohnung für gutes Betragen ausgeteilt, oder als kostbare Geschenke an Geburtstagen und religiösen Feiertagen, obwohl manche Geschenke besser waren als andere. Manche Briefe waren hoffnungsvolle Lebenszeichen von Familien, die ihr Kind noch immer wollten. Andere lieferten den schriftlichen Beleg, dass ein weiteres einsames Jahr bevorstand.

Mutter Angelini empfing William mit einem freundlichen Lächeln, als er hereinkam und sich setzte, aber das Buntglasfenster hinter ihrem Schreibtisch aus Eiche stand offen, und in dem Raum war es zugig und kalt. Die einzige Wärme, die William spürte, kam von der ledergepolsterten Sitzfläche des Stuhls, auf dem kurz zuvor noch ein anderer Junge mit dem ganzen Gewicht seiner Hoffnungen gesessen hatte.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagte sie, während ihre spinnenhaften, runzligen Finger in einem dicken Hauptbuch blätterten, als würde sie nach seinem Namen suchen. „Wie geht es dir heute … William?“ Sie blickte auf und sah ihn über ihre staubige Brille hinweg an. „Es ist dein fünfter Geburtstag bei uns, nicht wahr? Wie alt also bist du dem Bibelkanon nach?“

Mutter Angelini erfragte das Alter der Jungen immer in Bezug auf die Bücher der Septuaginta. „Genesis, Exodus, Leviticus …“, ratterte William geschwind herunter, bis zum Zweiten Buch der Könige. Er hatte das Verzeichnis nur bis zum Buch Judith auswendiggelernt, denn dann würde er achtzehn und könnte dem Waisenhaus Lebewohl sagen. Da es seinen persönlichen Exodus versinnbildlichte, hatte er das Buch Judith unzählige Male gelesen, bis er Judith als eine Art Vorfahrin empfand – eine heroische, tragische Witwe, von vielen umworben, die ihr ganzes restliches Leben unverheiratet blieb. Dieses spezielle Buch reizte ihn aber auch, weil es nur semi-offiziell war, semi-kanonisch – eher Parabel als Wahrheit, wie die Geschichten, die er über seine eigene, lange verlorene Mutter gehört hatte.

„Gut gemacht, Master William“, lobte Mutter Angelini. „Gut gemacht. Zwölf ist ein wunderbares Alter – an der Schwelle zur Mündigkeit, zum Erwachsensein. Sieh dich nicht als Heranwachsenden. Sieh dich als einen jungen Mann. Das ist passender, findest du nicht?“

Er nickte, während er den Geruch von regennasser Wolle und Mentholsalbe wahrnahm und sich bemühte, nicht auf einen Brief oder auch nur eine lumpige Postkarte zu hoffen. Ein Bemühen, bei dem er kläglich scheiterte.

„Nun, ich weiß, dass die meisten von euch auf Nachricht von draußen hoffen – darauf, dass Gottes Mysterien eure Eltern mit Arbeit gesegnet haben, und einem Dach über dem Kopf, und Brot, und einem warmen Feuer, und dass jemand kommt, um euch abzuholen“, sagte die alte Nonne mit zarter Stimme und schüttelte den Kopf, wobei die schlaffe Haut unter ihrem Kinn wackelte wie der Kehllappen eines Truthahns. „Aber …“ Sie warf einen Blick auf ihr Hauptbuch. „Wir wissen, dass das in deinem Fall nicht möglich ist, nicht wahr, mein Lieber?“

Das ist anscheinend alles, was ich weiß. „Ja, Mutter Angelini.“ William schluckte mühsam und nickte. „Aber da heute mein Geburtstag ist, wüsste ich einfach gerne mehr. Ich habe so viele Erinnerungen an die Zeit, als ich noch klein war, aber niemand hat mir je erzählt, was aus meiner Mutter geworden ist.“

Er war sieben, als er sie das letzte Mal sah. Seine Mutter hatte ihm mit undeutlicher Stimme zugeflüstert: „Ich bin bald wieder da“, als sie zur Tür hinausgetragen wurde, aber vielleicht hatte er sich das bloß eingebildet. Ohne jede Frage real allerdings war der Polizist, ein riesiger Berg von einem Mann, der am Tag darauf auftauchte. Er verzehrte eine Handvoll Butter-Mandel-Kekse seiner Mutter und war sehr geduldig, daran erinnerte William sich, während er seine Sachen packte. Dann war William in den Beiwagen am Motorrad des Polizisten geklettert, und sie fuhren zu einem Kinderheim. William hatte seinen alten Freunden zugewinkt, als würde er auf einem Festwagen in der Golden Potlatch Parade mitfahren, die einmal jährlich in Seattle abgehalten wurde, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass er ihnen für immer Lebewohl sagte. Eine Woche später kamen dann die Schwestern und nahmen ihn mit. Hätte ich gewusst, dass ich unsere Wohnung nie wiedersehe, hätte ich ein paar meiner Spielsachen mitgenommen, oder wenigstens ein Foto.

William versuchte nicht hinzustarren, während Mutter Angelinis Zunge in ihrem Mundwinkel herumfuhr. Sie war in das Hauptbuch vertieft, und in eine Karteikarte mit einem offiziell wirkenden Siegel, die auf die Seite geklebt worden war. „William, da du alt genug bist, werde ich dir erzählen, was ich kann, obwohl es mich schmerzt.“

Dass meine Mutter tot ist, dachte William geistesabwesend. Mit diesem wahrscheinlichen Ende hatte er sich schon vor Jahren abgefunden, als sie ihm erklärten, dass sich ihr Zustand verschlimmert hätte und sie nie wiederkommen würde. Genauso, wie er sich damit abgefunden hatte, dass sein Vater für immer unbekannt bleiben würde. Tatsächlich war William sogar verboten worden, jemals von ihm zu sprechen.

„Soweit wir wissen, war deine Mutter Tänzerin im Wah Mee Club – und ziemlich bekannt. Eines Tages aber nahm sie eine Suppe aus Bittermelone und Karottensamen zu sich, um sich, nun ja, krank zu machen. Als das nicht funktionierte, hat sie sich in die Badewanne gesetzt und versucht, eigenhändig … einen bestimmten Eingriff bei sich vorzunehmen.“

Einen Eingriff vorzunehmen? Seine Mutter war Sängerin und Tänzerin gewesen. „Ich verstehe nicht“, flüsterte er, ohne ganz sicher zu sein, ob er mehr erfahren wollte.

„William, deine liebe Mutter wurde eilig ins Krankenhaus gebracht, aber sie musste stundenlang warten, und als sie endlich an die Reihe kam, war dem Arzt nicht ganz wohl dabei, eine Asiatin zu behandeln, besonders eine mit ihrem Ruf. Also hat er sie ins alte Perry Hotel überwiesen.“

William blinzelte und verstand ansatzweise, was damit gemeint war. Er kannte diese Einrichtung. An der Ecke Boren und Madison hatte er früher sogar oft mit anderen Kindern Fangen gespielt. Das unheilvoll wirkende Gebäude, daran erinnerte er sich, hatte ihm Angst eingejagt, sogar schon, bevor Gitter an den Fenstern angebracht wurden und das Haus auf den Namen „Cabrini-Sanatorium“ umgetauft wurde.

Mutter Angelini klappte ihr Hauptbuch zu. „Leider hat sie dieses Haus niemals verlassen.“

 

Als William mit den anderen schließlich am Moore Theatre an der Second Avenue ankam, hatten die kleineren Jungen vor lauter Eifer, ihre fünf Cent in Clark-Schokoriegel oder Sahnebonbons umzusetzen, ihre Mütter und Väter bald wieder vergessen. Schon nach wenigen Minuten hatten sie alle klebrig verschmierte Münder und schleckten sich genüsslich geschmolzene Schokolade von den Fingern ab.

William versuchte unterdessen den Gedanken abzuschütteln, dass seine Mutter ihre letzten Lebensjahre in einer Nervenheilanstalt verbracht hatte – einer Klapsmühle, einem Irrenhaus. Wenn er weiter so viel vor sich hin träumte, hatte Schwester Briganti ihn mal gewarnt, würde er eines Tages noch an einem solchen Ort landen. Das also ist ihr vielleicht passiert. Er streifte durch das Foyer und sah sich die Filmplakate an, und dabei sehnte er sich nach seiner Mutter, denn er erinnerte sich gut daran, wie sie sich mit ihm alte Filmdramen und Stummfilme in winzigen, zweitklassigen Kinos angesehen hatte. Sie hatte ihren Arm um ihn gelegt, entsann er sich, während sie ihm ins Ohr flüsterte und Geschichten von seinen Großeltern erzählte, die Berühmtheiten der Chinesischen Oper gewesen waren.

Er stand bei den Marmorsäulen im Foyer und bemühte sich, den Moment voll auszukosten, während er gierig die Silbermünze umfasst hielt, die er bekommen hatte. In den früheren Jahren hatte er gelernt, sein Geld nicht vorschnell auszugeben, sondern dem Duft schmelzender Butter und dem Knallen von Popcorn zu folgen. Er machte Sunny ausfindig, und sie warfen ihr Geld zusammen, um sich eine große Tüte Popcorn und dazu eine Orangenlimonade zu teilen. Während William vor der Tür des Kinosaals wartete, fiel ihm auf, dass noch hunderte weitere Jungen aus verschiedenen Missionsheimen, Einrichtungen und Besserungsanstalten hier waren. In ihren schäbigen, grau verwaschenen Uniformen sahen sie kränklich blass und eingeschrumpft aus, wie erstarrt in der Schlange stehend, ein Fresko von Lumpensammlern. Ihr Anblick machte William seltsam verlegen. Verglichen mit ihrer Kluft, die an Sträflingsanzüge erinnerte, kam er sich übertrieben fein gemacht vor, sogar in seiner schlecht sitzenden Jacke und den gebrauchten Knickerbockern, die viel zu groß waren und ihm zwei Handbreit über die Knie schlotterten. Und wenn er sein Getränk schlürfte, drückte sich sein Kinn gegen den Knoten aus schwarzer Seide, der nur entfernte Ähnlichkeit mit einer Schleife hatte. Trotz all ihrer Unterschiede aber hatten sie alle denselben erwartungsvollen Glanz in den Augen, während sie sich aufgeregt und voller Vorfreude vor dem Eingang drängten. Wie die meisten Jungen aus dem Sacred Heart hatte William darauf gehofft, dass sie Animal Crackers von den Marx Brothers zu sehen bekommen würden, oder einen Gruselfilm wie White Zombie – besonders, nachdem ihm zu Ohren gekommen war, dass das Broadway Theatre zehn Dollar Belohnung für jede Frau ausgelobt hatte, die es schaffte, eine Mitternachtsvorstellung durchzustehen, ohne einmal zu schreien. Leider hatten die Schwestern entschieden, dass Pioniere des Wilden Westens für ihre beeinflussbaren jungen Gemüter eher geeignet war.

Menschenskind, dachte William, ich bin schon froh, einfach mal rauszukommen, froh, überhaupt mal einen Film zu sehen. Sogar ein kurzer Stummfilm wäre mir recht gewesen. Sunny aber teilte seine Begeisterung nicht.

Als die leuchtend roten Türen endlich aufschwangen, legte Schwester Briganti ihm die Hand auf die Schulter und lotste Sunny und ihn eilig an ihre Plätze.

„Seid brav, ihr beiden, macht keinen Lärm, bleibt schön für euch und vermeidet jeden Blickkontakt mit den Platzanweisern“, flüsterte sie.

William nickte, verstand aber nicht ganz, was sie meinte, bis er nach oben schaute und sah, dass der Balkon voll farbiger Jungen und einiger junger Indianer wie Sunny war. Es musste noch einen Seiteneingang geben, in der Nebenstraße. Bin ich ein Farbiger?, überlegte William. Und falls ja, welche Farbe habe ich dann? Sunny und er teilten sich das Popcorn, und er ließ sich tiefer in den Sessel sinken, der mit violettem Samt bezogen war.

Die Saalbeleuchtung erlosch nach und nach, und die plüschigen Vorhänge öffneten sich. Ein mechanisches Klavier erwachte zum Leben und begleitete Schwarz-Weiß-Trickfilme mit Betty Boop und Barnacle Bill. Für die kleineren Jungen, das wusste William, war das der beste Teil. Schon bei den Vorschauen und der Movietone-Filmrevue würden den meisten von ihnen die Augen zufallen. Den Hauptfilm dann würden sie größtenteils verschlafen und in Technicolor träumen.

Als endlich die Filmrolle mit der Revue anlief, gelang es William, mit den anderen zusammen mitzusingen, bei Musiknummern von Jackie Cooper und den Lane Sisters, und er lachte ausgelassen über die drolligen Faxen von Stepin Fetchit, wie die übrigen Zuschauer auch. Er lachte sogar noch unbändiger als die Jungen oben auf dem Balkon. Dann aber senkte sich Stille über das Publikum, als eine neue Künstlerin „Dream a Little Dream of Me“ sang, wehmütig in die Kamera blickend. Zunächst dachte William, Sie sieht aus wie Myrna Loy in The Black Watch. Doch es war mehr als nur ein Schminkeffekt, sie war tatsächlich Chinesin, wie Anna May Wong, der einzige asiatische Filmstar, den er je gesehen hatte. Die älteren Jungen pfiffen anerkennend, angetan von ihrer aparten Erscheinung und honigsüßen Stimme, was ihnen einen scharfen Verweis von Schwester Briganti eintrug, die auf Lateinisch und Italienisch vor sich hin fluchte. William aber starrte wie gebannt auf die flackernde Leinwand und riss vor Staunen unwillkürlich den Mund auf, aus dem unbemerkt das Popcorn herauspurzelte, das er gerade hatte essen wollen. Die Sängerin wurde als Willow Frost vorgestellt – ein Künstlername, hätte William um ein Haar laut gesagt, gar keine Frage. Und das Beste war, Willow und Stepin und noch viele andere Movietone-Künstler würden LIVE IN EINEM THEATER IN IHRER NÄHE auftreten, in VANCOUVER, PORTLAND, SPOKANE und SEATTLE. Tickets JETZT erhältlich! BESORGEN SIE SICH EINS, EHE ALLE AUSVERKAUFT SIND!

Sunny stupste William in die Seite und sagte: „Mensch, was würde ich darum geben, diese Show zu sehen.“

„Ich … muss sie mir ansehen“, mehr brachte William nicht heraus, noch immer auf das Nachbild auf der Leinwand starrend, während die Anfangsmusik von Pioniere des Wilden Westens ertönte, die nach und nach leiser wurde und immer weiter entfernt klang, wie Oklahoma.

„Träum weiter, Willie.“

Vielleicht bildete er sich das nur ein. Oder vielleicht träumte er wieder einmal vor sich hin. Aber für William stand fest, dass er sie persönlich treffen musste, weil er sie einst unter einem anderen Namen gekannt hatte – da war er sich ganz sicher. Bei ihren Nachbarn in Chinatown war sie als Liu Song bekannt, er aber hatte sie einfach nur Ah-Ma genannt. Er musste diese Worte noch einmal aussprechen. Er musste herausfinden, ob sie ihn wiedererkannte, wenn sie seine Stimme hörte – nach fünf langen Jahren.

Denn Willow Frost ist vieles, dachte William, eine Sängerin, eine Tänzerin, ein Filmstar, aber zunächst und vor allem ist Willow Frost meine Mutter.

Jamie Ford

Über Jamie Ford

Biografie

Jamie Ford wuchs in der Nähe von Seattles Chinatown auf. Seine chinesischen Verwandten nannten ihn »Ji Mai«, was bald zu »Jamie« wurde. Er ist Absolvent der Squaw Valley Community of Writers. Nach dem Bestseller »Keiko« ist »Die chinesische Sängerin« sein zweiter Roman. Jamie Ford lebt mit seiner...

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