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Die bittere GabeDie bittere Gabe

Die bittere Gabe

Roman

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Die bittere Gabe — Inhalt

Noch nie im Leben durfte die zehnjährige Lilly ihre Kammer auf Blackwood Manor verlassen. Die Menschen würden bei ihrem Anblick zu Tode erschrecken, so ihre Mutter. Umso erstaunter ist das Mädchen, als sie eines Tages mit in den Zirkus darf. Doch statt eine Vorstellung zu bestaunen, wird Lilly an die Freakshow verkauft und fortan als »Eisprinzessin« ausgestellt. Ihr Schicksal bessert sich erst, als sie entdeckt, wie gut sie mit den Elefanten umgehen kann. Aber erst zwanzig Jahre später wird ihr hartes Los gesühnt ...

Erschienen am 01.02.2018
Übersetzer: Sina Hoffmann
464 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31221-9
Erschienen am 01.02.2018
Übersetzer: Sina Hoffmann
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97859-0

Leseprobe zu »Die bittere Gabe«

 1    Lilly

Juli 1931

Blackwood-Manor-Gestüt

Dobbin’s Corner, New York

 

Der neunjährigen Lilly Blackwood kam es so vor, als würde sie zum hunderttausendsten Mal am Fenster der Dachkammer stehen, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sich das Fenster öffnen möge und sie die Luft von draußen riechen könnte. Am folgenden Tag war ihr Geburtstag, und sie hätte sich kein schöneres Geschenk vorstellen können. Gewiss würde Daddy ihr nach seiner Rückkehr aus Pennsylvania wieder ein neues Kleid sowie ein weiteres Buch schenken. Aber kurz vorher hatte [...]

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 1    Lilly

Juli 1931

Blackwood-Manor-Gestüt

Dobbin’s Corner, New York

 

Der neunjährigen Lilly Blackwood kam es so vor, als würde sie zum hunderttausendsten Mal am Fenster der Dachkammer stehen, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass sich das Fenster öffnen möge und sie die Luft von draußen riechen könnte. Am folgenden Tag war ihr Geburtstag, und sie hätte sich kein schöneres Geschenk vorstellen können. Gewiss würde Daddy ihr nach seiner Rückkehr aus Pennsylvania wieder ein neues Kleid sowie ein weiteres Buch schenken. Aber kurz vorher hatte es geregnet, und sie wollte doch so gern wissen, ob sich die Luft draußen anders anfühlte als die Luft drinnen. Lilly fragte sich, ob sich durch die Regentropfen wohl alles weich und kühl anfühlte, wie dann, wenn sie mit einem Schwamm gewaschen wurde. Oder war die Luft draußen so warm und stickig wie in ihrem Zimmer? Sie hatte Momma hundertmal angefleht, das Fenster gegen eines auszutauschen, das sich öffnen ließ, und dann auch das verschnörkelte Metallgitter vor dem Fenster abzunehmen, doch wie immer hatte Momma ihr überhaupt nicht zugehört. Wenn Momma wüsste, dass Daddy sie in einer anderen Kammer auf dem Dachboden spielen ließ, wenn sie in der Kirche war, würde Daddy ordentlich Ärger bekommen. Sogar noch mehr Ärger als dafür, dass er ihr Lesen und Schreiben beigebracht und ihr zum dritten Geburtstag eine Katze geschenkt hatte. Lilly seufzte, nahm das Fernrohr, das auf der Fensterbank lag, und hielt es sich vors Auge. Wenigstens war jetzt Sommer, sodass sie kein Eis von der Scheibe kratzen musste.

Daddy bezeichnete diese Tageszeit immer als Zwielicht, und tatsächlich sah es draußen so aus, als sei alles in nur zwei Farben getaucht – Grün und Blau. Die Kiefernreihe hinter dem Stall, noch hinter den Weiden, auf denen die Pferde grasten, sah wie der Filz aus, den Lilly für ihre Puppendecken benutzte. Über allem lagen Schatten, die von Minute zu Minute wuchsen.

Lillys Blick schweifte über den Waldrand, als sie nach dem Reh suchte, das sie dort gestern gesehen hatte. Dahinten stand der verwachsene Weidenbaum. Und da drüben befand sich der Felsbrocken neben dem Busch, der sich im Winter rot färbte. Dort der eingebrochene Baumstamm neben der Steinmauer. Und da hinten der – sie hielt inne und kehrte mit dem Fernrohr zur Steinmauer zurück. Hinter dem Wald, nahe den Eisenbahnschienen, die mitten über die dahinter liegende Weide führten, sah es irgendwie anders aus. Lilly ließ das Fernrohr sinken, blinzelte, sah noch einmal hindurch und keuchte. Mit einem Pfeifen füllte sich ihre Lunge, wie es immer passierte, wenn sie sich aufregte oder erschrak.

Ketten mit blauen, roten, gelben und grünen Lichtern – wie die, die Daddy an Weihnachten über ihrem Bett anbrachte – hingen über einem gewaltigen Haus, das aussah, als sei es aus einem Material gemacht, das Stoff ähnelte. Weitere Lichter leuchteten rund um andere Häuser herum auf, die wie dicke, kleine Geister wirkten. Zwar konnte Lilly die Aufschrift nicht erkennen, doch es gab auch Schilder, deren Buchstaben von bunten Glühbirnen beleuchtet wurden. An hohen Masten flatterten Fahnen, und eine Kette mit gelben Lichtern schwebte über den Eisenbahnschienen. Es sah aus, als hätte ein Zug angehalten. Ein wirklich sehr langer Zug.

Lilly setzte das Fernrohr ab und wartete darauf, dass ihre Lunge aufhörte zu pfeifen, bevor sie zu ihrem Regal hinüberging, um ihr Lieblingsbilderbuch herauszuziehen. Sie blätterte die Seiten durch, bis sie fand, wonach sie gesucht hatte – die bunte Zeichnung eines gestreiften Zeltes, das von Wagen, Pferden, Elefanten und Clowns umgeben war. Schnell huschte sie zum Fenster zurück, um die Form des Zeltes in ihrem Buch mit dem leuchtenden Haus auf der anderen Seite der Bäume zu vergleichen.

Sie hatte recht.

Es war ein Zirkus.

Und sie konnte ihn sehen.

Normalerweise sah sie von ihrem Fenster aus nur Pferde und Felder sowie Daddy und seine Helfer, die an den weißen Zäunen oder dem gelben Pferdestall arbeiteten. Manchmal lief auch Momma über die Wiese zum Stall hinüber, wobei das blonde Haar wie ein Schleier hinter ihr herwehte. Gelegentlich bogen auch Lastwagen in die Einfahrt zum Stall ein. Daddys Gehilfen führten dann Pferde in die Anhänger hinein oder aus ihnen heraus oder entluden Säcke und Heuballen. Einmal waren zwei Männer in abgewetzter Kleidung – Daddy nannte sie Herumtreiber – die Einfahrt heraufgekommen, woraufhin Daddys Gehilfen mit Schrotflinten in der Hand aus dem Stall gerannt kamen. Wenn Lilly Glück hatte, zeigten sich Rehe am Waldrand, huschten Waschbären am Zaun entlang zum Schuppen, in dem die Futtermittel gelagert wurden, oder eine Eisenbahn surrte auf den Schienen entlang. Wenn sie dann das Ohr an die Fensterscheibe presste, konnte sie das Tuckern der Lokomotive oder einen grellen Pfiff durch das Glas hindurch hören.

Doch nun befand sich draußen vor ihrem Fenster ein Zirkus. Ein echter Zirkus! Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie etwas, das sich nicht in einem ihrer Bilderbücher befand. Es machte sie glücklich, gleichzeitig war sie jedoch auch ein wenig verärgert über sich selbst. Wenn sie nicht den ganzen Nachmittag lang gelesen hätte, wäre ihr vielleicht nicht entgangen, wie der Zug angehalten hatte und dann entladen worden war. Sie hätte gesehen, wie die Zelte aufgebaut worden waren, und einen Blick auf Elefanten, Zebras und Clowns erhascht. Jetzt war es leider zu dunkel, um noch irgendetwas außer den Lichtern zu erkennen.

Sie legte das Buch beiseite und zählte die Bretter rund um ihr Fenster. Manchmal ging es ihr besser, wenn sie zählte. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Es half jedoch nichts. Sie konnte an nichts anderes denken als daran, was sie verpasst hatte. Sie presste das Ohr an die Fensterscheibe. Vielleicht konnte sie die Stimme des Anführers oder die Zirkusmusik hören. Doch das Einzige, was sie vernahm, waren die Luft, die in ihrer Brust pfiff, sowie ihr rasender Herzschlag.

Auf der Fensterbank erwachte Abby, ihre Katze, und blinzelte. Lilly schlang einen Arm um die orangefarben getigerte Katze, zog sie an sich und vergrub ihre Nase im weichen Fell des Tieres. Abby war ihre beste Freundin und die klügste, geschickteste Katze der Welt. Sie konnte auf ihren Hinterbeinen stehen, um Küsschen zu geben, und zur Begrüßung das Pfötchen heben. Sie konnte sogar auf Lillys Bett springen und auf Befehl wieder hinunterhüpfen.

»Ich wette, Momma geht in den Zirkus«, flüsterte Lilly. »Sie muss sich keine Gedanken machen, dass die Leute Angst vor ihr haben.«

Die Katze schnurrte.

Wie es wohl wäre, einen echten Elefanten vor sich zu haben?, fragte sich Lilly. Wie würde es sich anfühlen, seine faltige Haut zu berühren und in seine großen, braunen Augen zu schauen? Und wie wäre es, auf einem rosa-weißen Pferdchen in einem Karussell zu reiten? Oder inmitten von anderen Menschen umherzuschlendern und dabei Erdnüsse und Zuckerwatte zu essen? Oder einem echten, lebendigen Löwen bei seinem Auftritt zuzuschauen?

Seit Lilly denken konnte, hatte es immer wieder Zeiten gegeben, wenn das Licht aus war und sie sich in ihr Bett gekuschelt hatte, in denen ihr unaufhörlich die Vorstellung im Kopf herumgegangen war, wie es wohl wäre, ihre Kammer zu verlassen und die Treppe hinabzusteigen. Sie hatte genügend Bücher gelesen, um zu wissen, dass Häuser mehr als ein Stockwerk besaßen, und sie stellte sich vor, wie sie heimlich über den Dachboden schlich, ein Treppenhaus fand und dann die unteren Etagen von Blackwood Manor durchstreifte, um schließlich durch die Haustür hinauszugehen. Sie stellte sich vor, mit den Füßen auf der nackten Erde zu stehen, tief einzuatmen und zum ersten Mal in ihrem Leben etwas außer altem Holz, Spinnweben und warmem Staub zu riechen.

Eines ihrer Lieblingsspiele bei Daddys wöchentlichem Besuch war es, die verschiedenen Gerüche an seiner Kleidung zu erraten. Manchmal roch er nach Pferden und Heu, manchmal auch nach Schuhcreme oder Rauch, frisch gebackenem Brot oder – wie hatte er dieses Zeug genannt, das eine Mischung aus Zitronen und Zedern sein sollte? Kölnischwasser? Was auch immer es war, es roch jedenfalls gut.

Daddy hatte ihr von der Welt da draußen erzählt, außerdem hatte sie in Büchern darüber gelesen, doch sie hatte keine Ahnung, wie sich Gras zwischen den Zehen oder Baumrinde in der Hand anfühlte. Sie wusste, wie Blumen dufteten, da Daddy ihr jeden Frühling ein Blumensträußchen mitbrachte. Doch sie wollte durch eine Wiese voller Löwenzahn und Gänseblümchen laufen, Erde und Tau an ihren bloßen Füßen spüren. Sie wollte Vögel singen hören und das Geräusch des Windes im Ohr haben. Sie wollte einen Lufthauch und die Sonne auf ihrer Haut fühlen. Sie hatte so viel über Pflanzen und Tiere gelesen und könnte sie alle benennen, hätte sie nur die Möglichkeit dazu. Doch außer Abby und den Mäusen, die im Winter an der Sockelleiste entlangliefen, hatte sie noch nie ein Tier aus der Nähe gesehen. Ihr zweites Lieblingsspiel war es, sich Orte in ihrem Weltatlas auszusuchen und dann alles darüber zu lesen, was sie fand, um beim Einschlafen eine Reise dorthin zu planen und zu überlegen, was sie alles tun und sich anschauen würde, wenn sie einmal dorthin käme. Ihr Lieblingsland war Afrika; sie stellte sich vor, dort die Löwen, Elefanten und Giraffen zu beobachten. Und manchmal malte sie sich aus, wie sie das Dachfenster aufbrach, hinauskrabbelte, an der Seite des Hauses hinunterkletterte und dann zum Stall hinüberhuschte, um sich die Pferde anzuschauen. Denn nach allem, was sie in den Büchern über Pferde gelesen hatte, waren das ihre Lieblingstiere. Natürlich von Katzen einmal abgesehen. Pferde waren nicht nur stark und wunderschön, sie zogen auch Wagen, Schlitten und Pflüge. Sie ließen Menschen auf ihrem Rücken reiten und konnten den Weg zurück nach Hause finden, wenn die Menschen sich einmal verlaufen hatten. Daddy behauptete immer, dass die Pferde von Blackwood Manor zu weit vom Dachbodenfenster entfernt seien, als dass sie bestimmen könnte, wie welches Pferd hieß, daher dachte sich Lilly eigene Namen für sie aus – Gypsy, Eagle, Cinnamon, Magic, Chester, Samantha, Molly und Candy. Wie gern hätte sie sich ihnen einmal genähert, ihre Mähnen gestreichelt und wäre auf ihrem Rücken über die Felder geritten! Wenn da nur nicht diese dummen Metallgitterstäbe vor dem Fenster wären, von denen Momma behauptete, sie seien dort nur zu ihrem Besten. Dann erinnerte sie sich an Mommas Warnung, und so schnell, wie die Träume aufgetaucht waren, verwandelten sie sich in Albträume.

»Die Gitterstäbe sind da, um dich zu schützen«, sagte Momma. »Wenn jemand hereinkäme und dich sähe, hätte er nur Angst vor dir und würde versuchen, dir wehzutun.«

Als Lilly fragte, warum irgendjemand Angst vor ihr haben sollte, antwortete Momma, weil sie ein Monster sei, eine Abscheulichkeit. Lilly wusste nicht, was eine Abscheulichkeit war, aber es klang schlimm. Sie ließ die Schultern hängen und seufzte in die Stille des Raums hinein. Für sie würde es keinen Zirkus geben. Weder jetzt noch sonst irgendwann. Auch würde sie niemals den Dachboden verlassen dürfen. Die einzige Chance, die Welt zu sehen, boten ihr die Bücher. Daddy sagte, die Welt da draußen sei nicht so wunderbar, wie sie denken würde, und sie solle froh sein, ein warmes Bett und genug zu essen zu haben. Viele Leute hätten weder ein Dach über dem Kopf noch eine Arbeit und müssten für ein wenig Brot und eine Suppe Schlange stehen. Dann erzählte er ihr eine Geschichte, die von Banken und Geld und irgendeinem Zusammenbruch handelte, doch Lilly verstand nicht, wovon er da redete. Und besser ging es ihr dadurch auch nicht.

Lilly nahm Abby auf den Arm und setzte sich mit ihr auf das Eisenbett, das sich in einem mit Tapete verzierten Alkoven unter einer gerundeten Decke befand. Ihre Nachttischlampe warf lange Schatten auf den Dielenboden, was bedeutete, dass es bald dunkel sein würde und es höchste Zeit wurde, das Licht auszumachen. Sie wollte das nicht wieder vergessen und dann von Momma eine weitere Lektion erteilt bekommen. Momma hatte sie hundertmal davor gewarnt: Wenn jemand das Licht sah und man sie hier oben fand, würde man ihnen Lilly wegnehmen, sodass Lilly Momma, Daddy und Abby niemals wiedersehen würde. Doch in der vergangenen Woche hatte sie eines Abends ein neues Buch angefangen und darüber völlig vergessen, das Licht zu löschen.

Lilly setzte die Katze aufs Bett und betrachtete die Narben auf ihren Fingern. Daddy hatte recht, durch die Tinktur ging es ihr schon besser. Aber oh weh, wie die Flamme von Mommas Laterne sie verbrannt hatte!

»Wer mit der Rute spart, verzieht das Kind«, hatte Momma erklärt.

Lilly hatte eigentlich fragen wollen, ob irgendetwas in der Bibel darüber stand, auf die Lampe zu verzichten, aber sie traute sich nicht. Von ihr wurde erwartet, dass sie wusste, was in der Bibel stand.

»Ich frage mich, was Momma wohl tun würde, wenn sie wüsste, dass ich statt der langweiligen alten Bibel Daddys Bücher lese?«, fragte sie Abby. Die Katze rieb den Kopf an Lillys Arm, rollte sich zusammen und schlief abermals ein.

Schnell nahm Lilly die Bibel vom Nachttisch – sie traute sich nicht, sie irgendwo anders hinzulegen –, schob das Lesezeichen ein paar Seiten weiter und legte die Bibel wieder zurück. Momma würde prüfen, wie viel sie diese Woche gelesen hatte. Und wenn das Lesezeichen dann noch an derselben Stelle wäre, würde sie Ärger bekommen. Denn laut Momma waren die Heilige Schrift und das Kruzifix, das über ihrem Bett an der Wand hing, das Einzige, was Lilly für ein glückliches Leben brauchte.

Alles andere in dieser Kammer stammte von Daddy – so auch der geflochtene Weidentisch, der mit Spitzendeckchen, Silbertablett und Porzellantässchen vollständig für eine Teegesellschaft gedeckt war. Ebenso der dazu passende Schaukelstuhl und der Teddybär, der auf einem blau gepolsterten Stuhl neben ihrem Kleiderschrank saß. Das Puppenhaus mit den Miniaturmöbeln und den Püppchen, die kerzengerade dasaßen. Die kleinen Bauernhoftiere, die auf der Ablage über ihrem Bücherregal aufgereiht waren und alle in die gleiche Richtung schauten, als würden sie gleich ein Lied anstimmen. Drei Porzellanpuppen, von denen eine sogar die Augen öffnen und schließen konnte, mit spitzenbesetzten Kleidchen in einem Korbwagen. Und natürlich das Regal voller Bücher. Eine Weile hatte es so ausgesehen, als würde Daddy ihr alles schenken – bis Lilly das Märchen von Schneewittchen gelesen und ihn um einen Spiegel gebeten hatte.

Manchmal, wenn sie sicher war, dass alle schliefen, und draußen vor dem Fenster nichts als Finsternis herrschte, machte sie mitten in der Nacht das Licht an und versuchte, ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe zu betrachten. Doch es starrte ihr lediglich eine verschwommene, geisterhafte Maske entgegen, während sich die gewundenen Metallstäbe draußen wie Schlangen über Lillys Haut schlängelten. Sie starrte ihr weißes Spiegelbild an, berührte die Stirn, Nase und Wangen und versuchte verzweifelt, eine Geschwulst oder ein fehlendes Körperteil zu finden, doch nichts stand hervor oder war nach innen gedrückt. Wenn sie Daddy fragte, was mit ihr nicht stimmte, erwiderte er nur, in seinen Augen sei sie wunderschön und dies sei alles, was zähle. Doch wenn er das sagte, schaute er sie so komisch an, weshalb Lilly nicht glaubte, dass er ihr die Wahrheit sagte. Er würde mächtig Schwierigkeiten bekommen, wenn Momma das herausfände. Denn laut Momma war Lügen eine Sünde.

Gut, dass Lilly Daddy niemals verraten würde. Schließlich war er derjenige, der ihr Lesen und Schreiben und auch ein wenig Rechnen beigebracht hatte. Er war derjenige, der die Wände ihrer Kammer mit einer Rosentapete verschönert hatte und ihr neue Kleider und Schuhe kaufte, wenn ihr die alten zu klein wurden. Er war derjenige, der ihr Abby mitgebracht hatte und Lilly in andere Bereiche des Dachbodens ließ, damit sie gehen und sich recken konnte. Einmal hatte er sogar einen Plattenspieler zum Ankurbeln mit heraufgebracht und versucht, ihr Charleston und Tango beizubringen, aber es hatte sie zu sehr angestrengt, sodass sie aufhören mussten. Sie liebte jedoch die Musik und flehte ihn an, ihr den Plattenspieler dazulassen. Doch er nahm ihn wieder mit hinunter, da Momma böse geworden wäre, wenn sie es herausgefunden hätte.

Momma brachte Essen und lebensnotwendige Dinge, aber keine Geschenke. Sie kam jeden Morgen in Lillys Kammer – mit Ausnahme der Tage, an denen sie es vergaß – und stellte ein Tablett mit Toast, Milch, Eiern, Sandwiches, Äpfeln und Keksen hin, die Lilly über den Tag hinweg essen sollte. Lilly bekam Seife und saubere Handtücher, und Momma erinnerte sie stets daran, vor jeder Mahlzeit zu beten. Jeden Abend stand sie mit einem Schlüsselring in der Hand in der Tür und wartete darauf, dass Lilly sich vors Bett kniete, Gott um Vergebung all ihrer Sünden bat und ihm dafür dankte, dass er ihr eine Mutter geschenkt hatte, die sich so gut um sie kümmerte. Davon abgesehen kam Momma niemals in ihr Zimmer, um einfach nur zu reden oder ein wenig Spaß zusammen zu haben. Anders als Daddy sagte sie auch nie, dass sie Lilly lieb hatte. Lilly würde niemals ihren siebten Geburtstag vergessen, als sich ihre Eltern draußen vor ihrer Kammertür gestritten hatten.

 

»Du verziehst sie mit all deinen Geschenken«, hatte Momma Daddy vorgeworfen. »Es ist eine Sünde, wie viel du ihr schenkst.«

»Es tut doch niemandem weh«, hatte Daddy entgegnet.

»Dennoch müssen wir aufhören, Geld auszugeben.«

»Bücher sind nicht so teuer.«

»Mag sein, aber was machst du, wenn sie anfängt, Fragen zu stellen? Was, wenn sie nach unten kommen oder nach draußen gehen will? Wirst du dann Nein sagen?«

Zuerst hatte Daddy nichts darauf geantwortet, sodass Lilly schon Hoffnung geschöpft hatte. Vielleicht würde er sie trotz allem einmal mit nach draußen nehmen. Dann jedoch hatte er sich geräuspert. »Was soll sie denn sonst da drinnen machen? Wir könnten wenigstens versuchen, ihr einen normalen Geburtstag zu ermöglichen. Es ist nicht ihr Fehler, dass sie …«

Momma hatte gekeucht. »Es ist nicht ihr Fehler? Wessen denn dann? Etwa meiner?«

»Das habe ich damit nicht gemeint«, hatte Daddy entgegnet. »Niemand ist schuld daran. Manchmal geschehen diese Dinge eben einfach.«

»Nun, wenn du von Anfang an auf mich gehört hättest, hätten wir jetzt nicht …« Sie machte ein komisches Geräusch, als wären ihr die Worte im Hals stecken geblieben.

»Sie ist immer noch unsere Tochter, Cora. Abgesehen von dieser einen Sache ist sie vollkommen normal.«

»An dem, was sich da auf der anderen Seite der Tür befindet, ist ganz und gar nichts normal«, hatte Momma widersprochen, wobei sich ihre Stimme überschlagen hatte.

»Das stimmt nicht«, hatte Daddy protestiert. »Ich habe mit Dr. Hillman gesprochen, und er sagte …«

»Du meine Güte! Bitte sag, dass du das nicht getan hast! Wie konntest du mich so verraten?«, hatte Momma daraufhin geschrien.

»Na, na, Liebes, schon gut. Ich habe niemandem etwas gesagt. Ich habe nur Dr. Hillman gefragt, ob er so etwas schon einmal gesehen hat, ob er schon einmal ein …«

Mommas Schluchzer hatten seine Worte übertönt, und Lilly hatte ihre Schritte gehört, wie sie über den Dachboden davongeeilt war.

»Liebes, warte doch!«, hatte Daddy ihr hinterhergerufen.

Am nächsten Tag hatte Lilly damit aufgehört, vor jedem Essen zu beten; Momma hatte sie davon nichts verraten. Seitdem hatte sie ihre Befehle insgeheim auf jede nur mögliche Art und Weise missachtet. Momma hatte gesagt, es sei böse, sich den eigenen nackten Körper anzusehen, und sie hatte Lilly dazu gezwungen, die Augen zu schließen, wenn sie einmal wöchentlich mit einem Schwamm abgewaschen wurde, bis sie alt genug war, dies selbst zu tun. Nun betrachtete Lilly ihre milchig weißen Arme und Beine, wenn sie sich wusch, und musterte ihren dünnen weißen Leib und die rosafarbenen Brustwarzen. Hinterher schämte sie sich, aber sie war nicht absichtlich böse. Sie wollte einfach nur herausfinden, was sie zum Monster machte. Das Einzige, was sie mit Gewissheit sagen konnte, war, dass ihre Eltern anders aussahen als sie selbst. Momma hatte lockiges blondes Haar und eine rosige Haut; Daddy trug einen schwarzen Schnäuzer, hatte schwarzes Haar und eine sonnengebräunte Haut; Lillys Haut dagegen war weiß wie Mehl, und ihr langes, glattes Haar besaß die Farbe und Beschaffenheit von Spinnweben. Es war, als hätte Gott vergessen, ihr Farbe zu verleihen. War es das, was sie zum Monster machte? Oder etwas anderes?

 

In der Hoffnung, morgen mehr von dem Zirkus zu sehen zu bekommen, zog sie nun ihr Nachthemd an, kletterte ins Bett und löschte das Licht. Erst da wurde ihr bewusst, dass Momma gar nicht heraufgekommen war, um sich zu vergewissern, dass sie ihr Nachtgebet auch wirklich sprach.

Lilly rollte sich neben Abby zusammen und zog sie nah an sich heran. »Wahrscheinlich ist sie im Zirkus«, murmelte sie und schloss die Augen.

 

In der nächsten Nacht, nachdem Lilly den Zirkus zum ersten Mal von ihrem Fenster aus gesehen hatte, riss sie das Klappern eines Schlüssels in der Tür aus dem Schlaf. Sie setzte sich auf und tastete nach der Nachttischlampe, hielt dann jedoch inne, die Finger auf dem Schalter. Es war mitten in der Nacht, und wenn Momma das Licht sah, würde Lilly richtig Ärger bekommen. Vielleicht hatte Momma irgendwie herausgefunden, dass sie den ganzen Tag damit verbracht hatte, durch ihr Fernrohr den Zirkus zu beobachten, anstatt ihr Zimmer aufzuräumen und die Bibel zu lesen. Durch das Fernrohr sah der Zirkus winzig klein aus, und sie konnte längst nicht jedes Detail erkennen, doch ganz gleich, wie Momma sie bestrafen würde: Es war die Sache wert gewesen, dabei zuzuschauen, wie die Elefanten und Giraffen unter das große Dach gebracht worden waren. Es war es wert gewesen, die Menschenmenge draußen vor den Zelten und die Parade der Wagen, Clowns und kostümierten Darsteller zu beobachten. Es war der aufregendste Tag in ihrem Leben gewesen, und nichts würde ihr diesen Tag verderben können. Sie zog die Hand von der Lampe zurück und berührte mit dem Daumen die Finger, einen nach dem anderen. Eins, zwei, drei, vier. Die Tür öffnete sich, und Momma schob sich durch den Spalt, eine Öllampe in der Hand. Lilly beobachtete sie, wobei sich ihr Magen vor Angst zusammenzog. Sonst kam Momma nie so spät in ihr Zimmer. Selbst Abby hob ihren Kopf und war anscheinend ebenfalls überrascht, Momma hier zu sehen.

Momma – Daddy sagte, ihr richtiger Name laute Coralline – war eine hochgewachsene, schöne Frau, die ihr langes blondes Haar auf beiden Seiten stets nach hinten gesteckt trug. Der Ehering an der linken Hand war ihr einziger Schmuck, und im Namen der Sittsamkeit und Bescheidenheit sowie zur Ehre Gottes trug sie ausschließlich schlichte Röcke und vernünftige Schuhe. Daddy sagte, Momma ziehe sich die besten Kleider und Pelze an, wenn sie zu wichtigen Abendessen und Gesellschaften gehe, jedoch nur, weil jedermann da draußen dies so erwarte. Lilly verstand nicht, warum Momma ihr Aussehen veränderte, doch Daddy meinte, das sei in Ordnung. Einmal hatte Daddy ihr ein Bild von Momma gezeigt, auf dem sie sich in Schale geworfen hatte, doch Lilly hatte sie darauf gar nicht erkannt.

Daddy erzählte gern die Geschichte, wie er Momma zwischen dem Stall und dem runden Pferch entdeckt hatte. Dort hatte sie auf einem Fass gesessen und den Pferden beim Grasen auf der Weide zugeschaut. Mommas Vater, ein pensionierter Priester der Pfingstgemeinde, der davon träumte, ein Gestüt zu besitzen, war hergekommen, um einen Zuchthengst zu kaufen. Daddy fand, dass Momma das schönste Mädchen war, das er je gesehen hatte. Doch es sollte noch ein halbes Jahr dauern, bis sie mit ihm sprach, und noch ein weiteres halbes Jahr, bevor sie endlich einwilligte, mit ihm zu Abend zu essen. Aus irgendeinem Grund trauten Mommas Eltern Daddy nicht. Doch schließlich spazierten Momma und Daddy Hand in Hand durch die Apfelplantagen, und dann heirateten sie. Wenn Daddy zu diesem Teil der Geschichte gelangte, wurde sein Gesichtsausdruck immer ganz traurig, und er sagte, dass Momma es als Kind und Jugendliche zu Hause nicht leicht gehabt habe.

Nun trat Momma in einem geblümten Kleid und rosafarbenen Schuhen mit hohen Absätzen in Lillys Kammer. Ihre Lippen waren rot geschminkt, dazu trug sie einen gelben Hut. Lilly konnte den Blick nicht von ihr abwenden. So hatte sie Momma noch nie gesehen, jedenfalls nicht persönlich. Mommas Wangen waren gerötet, und sie atmete schwer, als sei sie die Treppe heraufgelaufen.

Lilly drehte sich der Magen um. Daddy sollte erst morgen aus Pennsylvania zurückkommen, und er hatte ihr versprochen, dass sie dann als Allererstes ihre Geburtstagsgeschenke bekommen würde. Schon vor langer Zeit hatte er ihr erklärt, dass sie sich keine Sorgen zu machen bräuchte, wenn er und Momma ausgingen, da seine Gehilfen immer unten seien, falls sich einmal jemand wegen eines Pferdes melden sollte. Wenn Daddy und Momma etwas »zustoßen« würde, würde der Gehilfe einen Brief lesen, der in Daddys Schreibtisch lag. Dann würde er Lilly auf dem Dachboden finden und wissen, was zu tun sei. Lilly wusste zwar nicht so genau, was »zustoßen« bedeutete, doch sie ahnte, dass es nichts Gutes war. Was, wenn Momma nun gekommen war, um ihr zusagen, dass Daddy etwas »zugestoßen« war und er nie mehr zurückkehren würde?

Lilly fuhr mit der Zunge an jedem einzelnen Zahn entlang und zählte, während sie darauf wartete, dass Momma endlich etwas sagte. Eins, zwei, drei, vier …

Dann lächelte Momma.

Momma lächelte nie.

»Ich habe eine Überraschung für dich«, verkündete sie.

Lilly blinzelte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Daddy brachte Überraschungen mit, nicht Momma. »Wo ist Daddy?«, brachte sie gerade so eben über die Lippen.

»Zieh dich an«, befahl Momma. »Und beeil dich, wir haben nicht viel Zeit.«

Lilly schob ihre Bettdecke zurück und stieg aus dem Bett. Abby setzte sich auf, streckte die Vorderbeine aus und tapste mit ihren Pfoten auf der Bettdecke herum. »Kommt mich jemand besuchen?«, fragte Lilly.

Außer ihren Eltern hatte noch nie irgendwer diese Kammer betreten. Eines Winters war sie krank geworden, sodass Daddy einen Arzt rufen wollte, doch Momma hatte sich gewehrt, weil der Doktor sie mitnehmen und »wegbringen« würde. Also hatte Daddy drei Tage lang Lillys Stirn abgewischt sowie mit Senfpulver eingerieben und warme Brustwickel gemacht. Niemals würde sie seinen traurigen Gesichtsausdruck vergessen, als sie aufgewacht war und ihn gefragt hatte: »Daddy, wohin würde man mich ›wegbringen‹?«

»In eine Anstalt für kranke Menschen«, hatte Daddy erwidert. »Aber mach dir keine Sorgen, du bleibst hier bei uns.«

Jetzt beobachtete Momma, wie Lilly ihr Kleid von der Rückenlehne des Schaukelstuhls nahm. Lilly bekam weiche Knie. Was, wenn jemand kam, um sie »wegzubringen«?

Momma gluckste. »Nein, Lilly, es kommt dich niemand besuchen.«

Lilly warf Momma einen Blick zu, sie hatte ein flatteriges Gefühl im Magen. Momma lachte nie. Vielleicht hatte sie von dieser seltsamen Flüssigkeit getrunken, die Daddy manchmal in einem silbernen Gefäß mit nach oben in ihre Kammer brachte. Lilly hatte keine Ahnung, welches Getränk es war, doch seine Augen wurden dann immer ganz glasig, und sein Atem roch danach seltsam. Manchmal lachte er dann mehr als sonst. Wie nannte er es? Whisky? Nein, das war unmöglich. Momma würde niemals Whisky trinken. Alkohol zu trinken, war eine Sünde.

»Warum muss ich mich anziehen, Momma?«

»Du hast heute Geburtstag, erinnerst du dich?«

Lilly runzelte die Stirn. Momma waren Geburtstage egal. »Ja«, brachte sie mühsam hervor.

»Und ich bin sicher, dass du draußen den Zirkus gesehen hast.«

Lilly nickte.

»Nun, da gehen wir jetzt hin.«

Lilly starrte Momma mit offenem Mund an. Ihre Beine zitterten auf einmal, ebenso die Arme. »Aber … was … was ist, wenn mich jemand sieht?«

Wieder lächelte Momma. »Keine Sorge, das Zirkusvolk ist es gewohnt, Leute wie dich zu sehen. Niemand außer den Darstellern wird dort sein. Denn gegen meinen Willen hat dein Vater sich durchgesetzt und den Zirkusbesitzer dafür bezahlt, eine besondere Vorstellung für dich zu veranstalten.«

Gänsehaut breitete sich auf Lillys Armen aus. Irgendetwas fühlte sich komisch an, doch sie konnte nicht genau sagen, was. Sie blickte zu Abby hinüber, als wüsste vielleicht die Katze die Antwort. Doch Abby starrte ihr nur mit neugierigem Blick entgegen. »Daddy hat aber gesagt, dass er erst morgen zurückkommt«, entgegnete Lilly.

Momma lächelte, doch der Ausdruck in ihren Augen veränderte sich. Und die obere Gesichtshälfte sah aus wie in Situationen, wenn Lilly großer Ärger bevorstand. Die untere Hälfte hingegen, als hätte Lilly diesen Menschen noch nie zuvor gesehen. »Er ist früher heimgekommen«, erwiderte Momma.

»Wo ist er denn dann?«, fragte Lilly. »Er kommt doch immer gleich zu mir, wenn er zu Hause ist.«

»Er wartet drüben beim Zirkus auf uns. Und jetzt beeil dich!«

»Warum kommt er dann nicht und holt mich?«

Daraufhin stürmte Momma auf sie zu und hob in einer jähen Bewegung die Hand. Diese traf Lilly quer über die Wange, sodass sie zu Boden fiel. Abby sprang zur Seite und kroch mit angelegten Ohren zur Wand.

»Du undankbare Ausgeburt des Teufels!«, schrie Momma. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht an mir zweifeln sollst?«

»Es tut mir leid, Momma«, rief Lilly weinend.

Momma trat ihr mit dem Fuß in die Seite. »Was habe ich getan, dass ich mit dieser Plage gestraft bin?«, zischte sie. »Jetzt runter auf die Knie und beten!«

»Aber Momma …« Lilly schluchzte so heftig, dass sie nicht aufstehen konnte und kaum Luft bekam. Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht, während sie zum Bett kroch und sich daran hochzog. Dabei pfiff und rasselte die Luft in ihrer Brust.

»Senk den Kopf und bitte um Vergebung!«, befahl Momma.

Lilly faltete die Hände unter ihrem Kinn zusammen und zählte dabei die Finger. Eins, zwei, drei, vier. »Lieber Gott«, stieß Lilly zwischen ihrem pfeifenden Atem hervor. Fünf, sechs, sieben, acht. »Bitte vergib mir, dass ich an meiner Momma gezweifelt habe und dass ich ihr auf so viele Arten das Leben schwer mache.« Neun, zehn. »Ich verspreche, mich ab jetzt auf dem rechten Weg zu halten. Amen.«

»Und nun zieh dich an«, trieb Momma sie an. »Wir haben nicht mehr viel Zeit.«

Lilly erhob sich und zog sich mit zitternden Händen die Unterwäsche an, bevor sie sich ihren gewohnten Spielkittel über den Kopf streifte. Die Seite, wo Momma sie getreten hatte, tat ihr weh, und ihr lief die Nase.

»Nicht das«, ordnete Momma an. »Such ein besseres Kleid.«

Lilly zog den Spielkittel wieder aus und humpelte zum Schrank. Sie zog ihr Lieblingskleidungsstück hervor, ein gelbes Satinkleid mit einem Kragen aus Spitze und Rüschenärmeln. »Ist das hier gut?«, fragte sie und hielt das Kleid hoch.

»Das wird reichen. Jetzt such deine besten Schuhe raus. Und kämm dir die Haare.«

Lilly zog das Kleid an und band den Gürtel auf dem Rücken. Dann kämmte sie sich das Haar – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Bürstenstriche – und setzte sich anschließend aufs Bett, um die Lacklederschuhe überzustreifen. Abby sprang zu ihr aufs Bett und rieb sich an Lillys Arm. Lilly streichelte sie kurz, erhob sich und stand dann mit schmerzenden Rippen und klopfendem Herz in der Mitte der Kammer. Momma öffnete die Tür, trat beiseite und wartete darauf, dass Lilly hindurchging.

Auf diesen Moment hatte Lilly ihr ganzes Leben lang gewartet. Doch jetzt wollte sie mehr als alles andere auf dem Dachboden bleiben. Sie wollte nicht nach draußen. Sie wollte nicht in den Zirkus gehen. Das beklemmende Gefühl in ihrer Brust wurde stärker und stärker.

»Lass uns gehen«, sagte Momma streng. »Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.«

Lilly schlang die Arme um den Oberkörper und ging auf die Tür zu, während sie keuchend große Mengen Luft einatmete. Dann hielt sie inne und blickte zu Abby zurück, die ihr vom Fußende des Bettes zuschaute.

»Die Katze wird hier auf dich warten, bis du zurückkommst«, erklärte Momma. »Und jetzt beweg dich!«

 

 2    Julia

November 1956

Hatfield, Long Island

 

Die achtzehnjährige Julia Blackwood sah sich im Supermarktgang verstohlen nach links und rechts um, ob auch niemand sie beobachtete. Der Laden war klein, vielleicht nur knapp zehn Meter breit und zwölf Meter lang, und sie konnte über die Regale hinweg in jede Ladenecke schauen. Ein pickeliger Teenager saß auf einem Stuhl hinter der Verkaufstheke, kaute Kaugummi und starrte auf einen Schwarz-Weiß-Fernseher, der über der Kasse hing. Ein Radio im Regal hinter ihm spielte Only Fools Fall in Love von Elvis Presley, während eine grauhaarige Dame neben einer geöffneten Kühlschranktür Eier auf ihre Unversehrtheit hin überprüfte.

Julia holte tief Luft, ging in die Hocke und tat so, als müsse sie ihre fleckigen Leinenschuhe binden. Dann blickte sie sich ein letztes Mal verstohlen im Gang um, schnappte sich eine Dose Frühstücksfleisch vom mittleren Regal, ließ sie in ihre Tasche gleiten, richtete sich schnell wieder auf und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Der Junge hinter der Verkaufstheke kratzte gedankenverloren an einem Pickel herum, während sein Blick immer noch gebannt auf den Fernseher gerichtet war. Julia atmete erleichtert auf und ging ohne Eile den nächsten Gang entlang, während sie so tat, als würde sie die Lebensmittel sehr genau begutachten. Schnell nahm sie einen kleinen Apfel von der Auslage, ließ ihn in die Tasche gleiten und lief zur Verkaufstheke.

»Dürfte ich bitte den Schlüssel für die Kundentoilette haben?«, fragte sie den Jungen.

Ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, griff der Junge unter die Verkaufstheke und reichte ihr einen Schlüssel, an dessen Bund eine braune Kaninchenpfote als Glücksbringer hing. Dann ließ der Junge eine Kaugummiblase knallen und grinste sie an. »Hab heute Morgen eine neue Seife hingelegt.«

Julias Wangen färbten sich dunkelrot, und sie musste dagegen ankämpfen, auf dem Absatz umzudrehen und fortzulaufen. Der Junge wusste genau, warum sie die Kundentoilette benutzen wollte. Es war bereits das vierte Mal in ebenso vielen Monaten, dass es in ihrem Zimmerchen über dem Schnapsladen kein fließendes Wasser gab – wenngleich dieses Mal durch zugefrorene Rohre und nicht wegen unbezahlter Rechnungen –, und sie hatte sich seit drei Tagen weder die Haare gewaschen noch geduscht. Natürlich würde bei der Arbeit niemand sagen können, ob sie nun gebadet hatte oder nicht, aber wer wollte sich schon gern ein Spiegelei und mit Röstzwiebeln bedeckte Burger von einer Kellnerin mit fettigen Haaren servieren lassen? Der Diner von Big Al war ohnehin schon so ein schmieriger Laden, dass dem nicht noch nachgeholfen werden musste. Sie schluckte ihren Stolz hinunter, nahm den Schlüssel von dem Jungen entgegen und stapfte in den hinteren Teil des Ladens.

In der kalten, grün lackierten Kundentoilette stank es wie im Inneren eines Mülleimers – nach verdorbenem Essen und miefigen Socken. Schmutz färbte die Fugen zwischen den zerbrochenen, zusammengestückelten Bodenfliesen dunkel, und ein gezackter gelber Riss verlief quer über die Toilettenbrille. Julia wusch sich die Hände in dem Waschbecken, das auf silberfarbenen Beinen stand, und trocknete sich mit den braunen Papiertüchern ab; dann aß sie den Apfel, so schnell sie konnte, während sie damit kämpfte, den beißenden Gestank von altem Urin zu ignorieren. Als sie damit fertig war, zog sie sich bis auf die Unterhose und den BH aus, legte die preiselbeerfarbene Kellneruniform gefaltet auf ihren Mantel und packte beides auf den Spülkastendeckel – der einzige Ort, der hier halbwegs sauber aussah. Bibbernd schrubbte sie sich das Gesicht und die Achselhöhlen mit den Papiertüchern und der Kernseife, bevor sie sich das Haar im Becken wusch und dabei versuchte, sich nicht komplett nass zu machen. Das Wasser war eiskalt, und die grobkörnige Seife sorgte dafür, dass sich ihr Haar wie Stroh anfühlte – doch wenigstens war es jetzt sauber. Nachdem die letzte Seife ausgewaschen war, benutzte sie erneut ein paar Papiertücher, um das überschüssige Wasser aus den Haaren zu drücken. Danach zog sie sich wieder an, bürstete sich Knoten aus dem Haar, drehte es zu einem Dutt hoch und betrachtete sich in dem angelaufenen Spiegel.

Das unaufhaltsame Voranschreiten der Zeit, seit sie vor drei Jahren von zu Hause weggelaufen war, ließ sich an den hervorstehenden Wangenknochen und den dunklen Ringen unter den Augen ablesen. Die sonnengebräunte, weiche Haut war blass und fahl geworden durch Schlaf- und Sonnenmangel. Sogar das helle Haar, das einmal weißblond wie Engelsflügel gewesen war, kam ihr nun dunkler und dünner vor. Die Fingernägel waren bis zum Nagelbett abgekaut, und die Schultern ragten spitz unter dem Stoff ihrer Uniform hervor. Julia trat näher an den Spiegel heran, um die gelben Überreste eines Veilchens rund um ihr linkes Auge zu begutachten. Zum Glück war es mittlerweile fast verschwunden. Wie bist du bloß an einem Ort wie diesem gelandet? Wie konnte es passieren, dass du Lebensmittel aus einem Supermarkt stehlen und dir die Haare in einer öffentlichen Toilette waschen musst? Du hättest ein Jahr länger warten und aufs College gehen sollen, weit weg von Blackwood Manor. Mutter hätte für alles bezahlt. Stattdessen hast du das Ausgehverbot nach neun Uhr abends und die Beichte am Sonntag gegen Doppelschichten und einen kontrollsüchtigen Freund eingetauscht, der dich schlägt und das Geld schneller zum Fenster hinauswirft, als du es verdienen kannst. Vielleicht hatte Mutter recht. Du wirst es zu nichts bringen. Welchen Sinn hat es dann, es überhaupt zu versuchen?

Mutter – mit all ihrer Verachtung und ihren knochigen Fäusten – war eine Frau, die Regeln aufstellte und Regeln befolgte. Und erwartete den gleichen Gehorsam von allen Menschen um sie herum. Zu den zahllosen Regeln von Blackwood Manor – wo gewisse Zimmer abgeschlossen blieben und der Zutritt zu ganzen Stockwerken verboten war – hatte Julia dreimal täglich beten, ihr Zimmer makellos rein halten, ihre Aufgaben pflichtbewusst erledigen, beste Schulnoten bekommen und die Richtlinien der Schule genau befolgen müssen. Sie konnte die Pferde ihrer Eltern aus der Ferne sehen, doch es war ihr nicht erlaubt, den Stall zu betreten. Denn schließlich war der Stall ein Betrieb und kein Spielplatz. Make-up, Tellerröcke, Caprihosen und hautenge Pullover waren inakzeptabel; Kleider mussten eine züchtige Länge aufweisen. Am allerwichtigsten jedoch war, dass sie niemals vergessen durfte, dass schlimme Dinge geschehen würden, wenn sie sich nicht an die Regeln hielt.

Nachdem sie sich den Großteil ihres Lebens gefragt hatte, warum ihre Eltern sie überhaupt bekommen hatten, schien ihr die einzige Lösung für alle Probleme zu sein, von zu Hause wegzulaufen. Ja, sie bekam Kleidung, Nahrung und alle materiellen Dinge, die sie brauchte. Doch Mutter war zu beschäftigt mit Beten, Saubermachen, Kochen und dem Aufstellen von Regeln, um ihr eine Orientierungshilfe zu sein oder Zuneigung zu schenken. Ihr Vater, den sie für den warmherzigeren von beiden hielt, nahm sie nur an Weihnachten und zum Geburtstag einmal in den Arm. Die meiste Zeit verbrachte er im Stall bei den Pferden oder trank in seinem Arbeitszimmer hinter verschlossenen Türen, während immer und immer wieder die gleiche verkratzte Schallplatte – Little White Lies – spielte.

Jahrelang hatte sie sich gefragt, was es wohl bedeutete, wenn ihr Vater wegfuhr, um wieder zu genesen oder Hilfe zu bekommen. Es war eine angespannte Zeit, noch mehr als sonst, eine Zeit des Weitermachens und Sich-Verstellens, des »Normal«-Seins und Nicht-Jammerns. Die Blackwoods offenbarten niemals ihr Seelenleben oder schütteten ihr Herz aus. Als Julia zwölf wurde, eröffnete Mutter ihr die Alkoholsucht ihres Ehemannes und erklärte, diese sei Julias Schuld, weil sie ein so schwieriges Kind sei.

Julia dachte an den Tag zurück, an dem ihr Vater gestorben war. Der Himmel war blau und wolkenlos gewesen. Eine sanfte Brise hatte geweht, die nach Kiefern geduftet hatte. Wer hätte schon damit gerechnet, dass er an einem so wunderschönen Tag starb?

Julia hatte den Kirchenbesuch ausfallen lassen, um zum See zu gehen. Es war der letzte Sommerferientag, ein schwüler Tag, genau richtig, um zu schwimmen. Eines der beliebten Mädchen der Schule hatte Julia endlich eingeladen, mit ihm und seinen Freundinnen zur Landbrücke mitzukommen. Als es Zeit geworden war, zur Kirche zu gehen, hatte sich Julia im Badezimmer eingeschlossen und so getan, als sei sie krank. Solange sie es schaffte, vor Mutters Rückkehr wieder hier zu sein, wäre alles gut.

Doch als Julia nach Hause kam, stand ein Polizeiwagen in der Einfahrt; die frühe Nachmittagssonne spiegelte sich in der verchromten Stoßstange und der Windschutzscheibe. Dann erblickte sie Mutter auf der Eingangstreppe, eine Hand am Geländer, woraufhin ihr das Herz in die Hose rutschte. Hatte sich Julia mit der Zeit vertan? Hatte etwa Mutter die Polizei gerufen, weil Julia bei ihrer Rückkehr nicht in ihrem Zimmer gewesen war? So oder so stand ihr eine Menge Ärger bevor. Als Mutter sie die Einfahrt hinauflaufen sah, kam sie die Stufen heruntergestürmt und auf sie zumarschiert. Ihr Gesicht war wutverzerrt, ihr langer Rock hatte sich um ihre Beine gewickelt.

»Wo bist du gewesen?«, schrie Mutter.

»Ich … ich …«, stotterte Julia.

»Raus mit der Sprache!«

»Ich war mit ein paar Freundinnen schwimmen. Heute ist der letzte Tag vor Schulbeginn, und sie haben mich noch nie eingeladen. Ich wusste, dass du mich nicht gehen lassen würdest, deswegen …«

Mutter schlug sie, fest und mitten ins Gesicht. »Ich habe dir doch gesagt, dass etwas Schlimmes passiert, wenn du dich nicht an die Regeln hältst!«

Julia presste eine Hand auf die Wange, ihre Augen brannten. »Was meinst du damit? Was ist passiert?«

Mutter tastete, ohne hinzuschauen, nach dem Geländer der Veranda; ihr Gesicht war plötzlich ganz grau. »Dein Vater …«

Julia fing an zu zittern. So hatte sie Mutter noch nie gesehen. »Was ist mit ihm?«, rief sie. »Bitte sag!«

»Dein Vater hatte einen Autounfall.«

Julia hielt den Atem an. »Geht es ihm gut?«

Mutter starrte sie an und schüttelte den Kopf, als könnte sie ihre eigenen Worte nicht glauben. »Er ist tot.«

Der Boden unter Julias Füßen schwankte mit einem Mal, und fast hätten ihre Knie nachgegeben. Einen Moment lang hatte sie das Gefühl zu fallen. Doch dann wurde ihr klar, dass sie es irgendwie geschafft hatte, stehen zu bleiben. »Was ist passiert?«, hörte sie sich wie in Zeitlupe fragen.

»Er hat nach dir gesucht«, erklärte Mutter. Dann verzog sie das Gesicht. Die Trauer in ihren Augen verwandelte sich in Wut und Hass, der Mund verzerrte sich zu einem höhnischen Lachen. Dann hob sie die Arme und schlug mit ihren knochigen Fäusten auf Julias Kopf und Schultern ein. »Das ist deine Schuld!«, kreischte sie. »Das ist allein deine Schuld! Du bist schuld an allem!«

Julia riss die Arme hoch, um sich zu schützen, doch Mutters Schläge prasselten nur so auf ihren Kopf ein, auf die Brust und ins Gesicht, selbst nachdem sie Julia zu Boden geschlagen hatte. Am Ende zerrte die Polizei sie von ihr weg, jedoch erst, als Julias Lippe aufgeplatzt und ihre Wangen und Schultern mit Blutergüssen übersät waren.

In jener Nacht stahl Julia das Geld aus der Blechbüchse im Gewürzregal, ignorierte dabei den Blick von Jesus auf der Schmuckdose, packte ihre Tasche, verließ Blackwood Manor und schwor sich, nie wieder zurückzukehren. Ab jetzt würde es keine Ausgangsverbote mehr geben, keine strengen Regeln mehr, keine Abendgebete und wöchentlichen Beichten, keine abgeschlossenen Zimmer, keine Vorwürfe und Schuldzuweisungen wegen Vaters Trinkerei. Von diesem Tag an würde sie nur noch tun, was sie wollte. Julia würde ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Und sie würde nie mehr zulassen, dass irgendwer ihr für irgendetwas die Schuld gab.

Blieb nur die Tatsache, dass sich nichts wie geplant entwickelt hatte. Natürlich war die neue Freiheit zu Beginn großartig gewesen, als sie den Bus nach Long Island genommen und sich dort an der Strandpromenade mit Leuten angefreundet hatte. Nachdem sie ihren Schmuck versetzt hatte, war sie eine Meile vom Strand entfernt zusammen mit Kelly, einer Kellnerin aus einer Bar, und Tom, einem Veteranen aus dem Koreakrieg, in eine Wohnung gezogen. Die ersten Monate vergingen wie in einem Nebel aus Musik, Partys, Bier und Marihuana. Dann zog Kelly wieder nach Hause zurück, der Winter kam, die Strandpromenade schloss, und Julia ging das Geld aus. Sie konnte nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wie es passiert war, doch sie und Tom zogen in ein billiges Zimmer in der Stadt um, und von da an war Schluss mit Spaß und Freude. Tom hatte Schwierigkeiten, über längere Zeit einen Job zu behalten, und er warnte sie immer wieder, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn sie ihren nicht behielt.

Julia verließ die Kundentoilette des Supermarkts, gab den Schlüssel mit der Kaninchenpfote dem pickeligen Jungen zurück und verließ den Laden. Beim Betreten des Supermarkts hatte es noch geschneit, doch inzwischen hatte es aufgehört.

Der Neuschnee ließ die Straßen heller und freundlicher wirken. Das Stadtviertel war immer noch heruntergekommen und schmutzig, überall lag Müll herum, doch insgesamt sah es nicht mehr ganz so schlimm aus wie gestern ohne den Schnee. Big Al’s Diner befand sich in der Nähe der Straßenecke und wurde von einem Schnapsladen mit Gitterstäben vor den Schaufenstern und einem Pfandleihhaus mit einem durchnässten, zerrissenen Teppich vor der Eingangstür flankiert.

Julia knöpfte den Mantel zu, zog den Kopf ein, um sich vor der Kälte zu schützen, und versuchte, den Schneematsch zu ignorieren, der durch ihre Leinenschuhe drang. Kurz berührte sie die Dose Frühstücksfleisch in ihrer Tasche, um sicher zu sein, dass sie immer noch da war, und wünschte sich, sie hätte dazu noch etwas anderes mitgehen lassen. Wenn sie in zehn Stunden von der Arbeit nach Hause ging, würde das Frühstücksfleisch auf einer Scheibe Weißbrot Toms und ihr Abendessen sein, genauso wie an den vier vergangenen Abenden. Heute war Zahltag, doch ihr komplettes Gehalt würde für die Miete draufgehen. Sonst stünden sie Ende der Woche auf der Straße.

Als sie den Diner erreichte, lief sie am Haupteingang vorbei, ging um die Ecke und bog in die dahinter liegende Gasse ein. Big Al hatte die fixe Idee, dass die Mitarbeiter nicht durch den Haupteingang kommen durften, als sei sein Diner ein feines Restaurant und nicht etwa ein billiges Schnellrestaurant. Der Geruch von Speck und Bratkartoffeln wehte durch die kalte Luft der Gasse, und trotz des Apfels, den sie vorher gegessen hatte, knurrte Julias Magen vor lauter Hunger. Ein Junge in einer zerrissenen Jeans und einem weißen T-Shirt wühlte im Müllcontainer neben der Treppe des Hintereingangs zum Diner. Neben dem Jungen schnüffelte ein dünner brauner Hund in der Luft und wartete geduldig darauf, dass sein Besitzer etwas zu essen fand. Als der Hund Julia erblickte, wedelte er mit dem Schwanz und trottete auf sie zu, ein Bündel aus Pfoten, Ohren und Fell. Julia bückte sich, um den Kopf des Hundes zu kraulen.

»Hey, Kumpel!«, begrüßte sie ihn. Dann richtete sie sich auf und wandte sich an den Jungen. »Du weißt ja, was Big Al mit dir macht, wenn er dich hier draußen noch mal erwischt, oder, Danny?«

Mit weit aufgerissenen Augen wirbelte der Junge zu ihr herum. »Ach, du bist das!« Erleichtert atmete er auf.

Er war neun Jahre alt, hatte haselnussbraune Augen und struppiges, kaffeebraunes Haar. Julia hatte ihn im vergangenen Jahr kennengelernt, als er mit seinem Hund vor dem Pfandleiher um Kleingeld gebettelt hatte.

»Wo ist dein Mantel?«, fragte sie ihn.

Danny zuckte mit den Schultern. »Den brauchte mein Bruder.«

»Ist dein Vater wieder arbeitslos?«

Danny nickte. »Und Mom ist krank.«

Julia holte die Dose Frühstücksfleisch aus der Tasche. »Hier, nimm das. Ich versuche, nach meiner Schicht mit mehr vorbeizukommen.«

Danny nahm die Dose, riss sie sofort auf, schüttete das gepresste Fleisch in seine Hand und biss ab. »Danke!« Dann brach er ein großes Stück ab und gab es dem Hund, der es mit einem Happs verschluckte.

»Gern geschehen«, erwiderte Julia. »Und jetzt verschwindest du hier besser.«

Danny grinste und lief die Gasse entlang, der dünne Hund ihm dicht auf den Fersen.

Julia stieg die Hintertreppe des Diners hinauf, klopfte an die Tür und trat einen Schritt zurück, um zu warten. Auf der anderen Seite der Tür ertönten Schritte auf dem gefliesten Boden. Jemand fummelte am Knauf herum, bis die Tür schließlich aufschwang. Vor ihr stand Sheila, eine der anderen Bedienungen.

»Wo warst du nur?«, flüsterte sie. »Deine Schicht hat vor zwei Stunden angefangen. Big Al ist kurz davor, dich rauszuschmeißen.«

Julia runzelte die Stirn. »Was meinst du damit? Mittwochs fange ich erst um zehn an!« Sie betrat den Diner und zog den Mantel aus.

»Heute ist Dienstag«, entgegnete Sheila.

»Mist!«, fluchte Julia. Sie hängte den Mantel an einen Haken, nahm eine Schürze vom Wäschekorb, der vor dem Kühlraum stand, band sie sich um und eilte in die Küche, während sie die Schürzenbänder im Rücken verknotete. Sheila folgte ihr.

Big Al kam durch die Schwingtür zwischen der Küche und dem Essbereich gelaufen. Seine Stirn war von Schweißperlen bedeckt, das grau melierte Haar hing ihm in den Augen. Wie sein Name schon erahnen ließ, war er ein großer Mann, über eins achtzig, mit breiten Schultern und kräftigen Beinen. Doch es war sein enormer Bauch, der ihm den Spitznamen »Big Al« eingebracht hatte. Mit einer speckigen Schürze bedeckt, hing er wie ein Belugawal über seinen Hosenbund.

»Na sieh mal einer an. Hat sich da doch noch jemand entschieden, heute zum Arbeiten aufzutauchen«, knurrte er wütend.

»Tut mir leid«, entschuldigte sich Julia. »Ich dachte, heute wäre Mittwoch.«

»Und ich dachte, es wär mein Geburtstag«, konterte Big Al. »Dass das der Grund ist, warum ich gleichzeitig bedienen und kochen muss.«

»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Julia erneut. »Ich habe einen Fehler gemacht. Wird nicht noch mal vorkommen.«

Big Al grunzte. »Ganz richtig, das wird nicht noch mal vorkommen. Ich halte deinen Gehaltsscheck bis nächste Woche zurück. Vielleicht hast du bis dahin herausgefunden, ob du diesen Job hier willst oder nicht.«

»Aber ich …«, stammelte Julia. »Bitte, Al. Ich brauche das Geld für die Miete.«

»Darüber hättest du dir Gedanken machen sollen, bevor du zu spät zur Arbeit kommst«, erklärte Big Al. »Und jetzt halt die Klappe und beweg deinen Hintern!«

Julia biss die Zähne zusammen und passierte die Schwingtür zum Essbereich. Sowohl die Theke als auch fast jede Tischnische waren besetzt. Sheila kam aus der Küche und balancierte zwei Teller mit Spiegeleiern und einen Teller mit Pancakes in der einen Hand sowie einen Teller mit French Toast in der anderen.

»Kannst du die Theke übernehmen?«, bat sie Julia. »Nur bis der Frühstücksandrang vorbei ist?«

»Klar.« Julia nickte. Sie schnappte sich Block und Stift und schaute, wer an der Theke als Nächstes bedient werden musste. Ein Mann in einem schwarzen Jackett mit einem Filzhut saß am anderen Ende der Theke, die Speisekarte lag geschlossen vor ihm. Julia machte sich auf den Weg zu ihm.

»Könnte ich noch Kaffee nachgeschenkt bekommen?«, rief ein Kunde, als sie an ihm vorbeiging.

»Ja, Sir«, erwiderte sie. Dann ließ sie Stift und Block in ihrer Schürze verschwinden, nahm die Kaffeekanne, füllte den Becher des Mannes auf und ging anschließend zu dem Mann mit Filzhut weiter. Sie stellte einen weißen Becher vor ihn auf die Theke.

»Kaffee?«, fragte sie.

»Ja, bitte.«

Julia schenkte ihm ein, stellte die Kanne auf der Theke ab und holte dann wieder Block und Stift hervor.

»Miss?«, rief jemand vom anderen Ende. »Wo bleiben meine Pancakes?«

Julia zwang sich zu einem Lächeln. »Ich bin gleich bei Ihnen.«

Genau in diesem Moment ertönte die Klingel über der Tür, und ein Mann in einem Nadelstreifenanzug und mit glänzenden Schuhen betrat den Diner. Er hielt einer Frau und einem kleinen Mädchen, die beide jeweils einen blauen Mantel trugen, die Tür auf. Das kleine Mädchen hielt die Hand der Frau, und beide lächelten, als sie in einer der Sitzgruppen Platz nahmen. Julia starrte sie an, während der Stift über dem Block in der Luft verharrte. Die kalte Luft draußen hatte ihre Nasenspitzen, die genau gleich aussahen, rot gefärbt und für ihre ebenso roten Apfelbäckchen gesorgt. Mutter und Tochter, dachte Julia. Die Mutter streifte ihre Handschuhe ab, lächelte und beugte sich über den Tisch, um dem Mädchen dabei zu helfen, die Fäustlinge auszuziehen. Das Mädchen fing an zu lachen, als die Mutter ihre Hände nahm und diese in ihren Händen rieb, um sie aufzuwärmen. Ob das kleine Mädchen wohl heute Geburtstag hat?, fragte sich Julia. Vielleicht gehen sie auch nur bummeln. Dann küsste die Mutter die Fingerspitzen des kleinen Mädchens, und Julia stiegen Tränen in die Augen. Sie suchte nach dem Mann im Nadelstreifenanzug, da sie annahm, dass er der Vater des kleinen Mädchens war. Doch er war in der Mitte des Diners stehen geblieben und sah sich um, als würde er nach jemandem suchen. Vielleicht hatte er sich verlaufen. Er sah nicht aus, als gehörte er in dieses Viertel.

»Ich hätte gern zwei beidseitig gebratene Spiegeleier«, erklärte der Mann vor ihr an der Theke. »Mit Toast und Butter.«

Julia blinzelte und sah den Gast an, als hätte sie kurzzeitig vergessen, wo sie war. Sie schüttelte den Kopf, um sich von ihren Gedanken loszureißen. »Äh, klar. Tut mir leid. Kommt sofort.«

Sie eilte in die Küche, um die Bestellung aufzugeben, und schalt sich selbst, dass sie sich derartig hatte ablenken lassen. Sie musste mit diesen Tagträumereien aufhören! Wenn Big Al sie dabei ertappte, wie sie Löcher in die Luft starrte, würde sie auf jeden Fall gefeuert, so viel stand fest. Doch manchmal konnte sie nichts dagegen tun. Der Anblick von Menschen, die sich so offensichtlich liebten, zog sie magisch an, insbesondere bei Eltern und ihren Kindern. Sie mochte es, wenn die Gesichter der Leute vor Zuneigung und bedingungsloser Liebe aufleuchteten – und die Tatsache, dass sie wussten, wie wichtig sie füreinander waren, ohne je ein Wort darüber verlieren zu müssen. Julia fragte sich, wie sich das wohl anfühlte.

»Ich habe schon vor zehn Minuten um Ketchup gebeten«, beschwerte sich eine Frau, als Julia an ihr vorbeieilte.

Julia griff nach einer Flasche Ketchup und stellte sie vor die Frau auf die Theke.

»Wo bleibt meine Rechnung?«, rief eine andere Frau.

»Ich schau schnell mal nach«, antwortete Julia. Sie legte die Bestellung auf die Durchreiche, klingelte und erkundigte sich nach den fehlenden Pancakes. Big Al reichte ihr einen Teller durch das Fenster und wischte sich die Stirn mit der Oberseite seines Arms ab, während er sie finster anstarrte. Julia nahm den heißen Teller entgegen und brachte ihn zu dem wartenden Kunden. Als sie zum anderen Ende der Theke zurückkehrte, stand dort der Mann im Nadelstreifenanzug hinter den Hockern. Julia reichte der Frau die Rechnung und wandte sich dann dem Mann zu, um ihn nach seinem Wunsch zu fragen.

»Kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte sie sich.

»Ich suche Julia Coralline Blackwood«, erwiderte er.

Mit einem Schlag war Julias Mund wie ausgetrocknet. War er ein Cop? War er gekommen, um sie wegen des Diebstahls im Supermarkt zu verhaften? Mit beklommenem Gefühl lächelte sie. »Sie arbeitet heute nicht. Kann ich ihr etwas ausrichten?«

Der Mann griff in die Brusttasche seines Anzugs, holte ein Foto hervor und drehte es um, damit sie es sehen konnte. Julia spürte, wie ihr alle Farbe aus dem Gesicht wich. Es handelte sich um ihr Highschool-Foto, aufgenommen in dem Jahr, als sie von zu Hause weggelaufen war. Wie war es in seinen Besitz gekommen? Und was wollte er?

»Ich bin Privatdetektiv, Miss Blackwood«, erklärte der Mann. »Ich bin vom Anwalt Ihrer Eltern angeheuert worden.« Wieder griff er in seine Tasche und zog dieses Mal einen Briefumschlag hervor. »Ich suche seit fast einem Jahr nach Ihnen. Das hier ist für Sie.« Er reichte ihr den Umschlag. »Einen schönen Tag«, sagte er, tippte sich grüßend an den Hut und verließ den Diner.

Julia starrte auf den Umschlag, ihre Hände zitterten. Mutter hatte sie gefunden.

Ellen Marie Wiseman

Über Ellen Marie Wiseman

Biografie

Ellen Marie Wiseman wurde in Three Mile Bay, einer kleinen Ortschaft im Bundesstaat New York, geboren. Sie besucht häufig ihre Verwandten in Deutschland und interessiert sich sehr für deutsche Geschichte und Kultur. Wiseman lebt zusammen mit ihrem Mann, ihren beiden Kindern und drei Hunden am Ufer...

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