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Die Bibliothekarin von AuschwitzDie Bibliothekarin von Auschwitz

Die Bibliothekarin von Auschwitz

Roman nach einer wahren Geschichte

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Die Bibliothekarin von Auschwitz — Inhalt

Ein Ort des Schreckens. Acht Bücher, die alles ändern.

Im alles verschlingenden Morast des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau hat der Blockälteste Fredy Hirsch heimlich eine Schule aufgebaut. Ihr wertvollster Besitz sind acht alte, zerfallene Bücher. Fredy ernennt die 14-jährige Dita zur Bibliothekarin, sie soll die verbotenen Bände künftig verstecken und schützen. Dita, die schon früher Trost in Büchern gefunden hat, kümmert sich mit äußerster Hingabe um „ihre“ kleine Bibliothek. Und die Bücher geben zurück: Sie schenken Licht, wo nur noch Dunkelheit zu sein scheint, und bieten einen Anker, wo der Schmerz zu übermannen droht. Die Bücher begleiten Dita und die anderen Häftlinge durch die Zeiten der größten Verzweiflung, bis wieder ein neuer Hoffnungsschimmer zu erkennen ist.

Eine ergreifende Auschwitz-Geschichte über die Magie der Bücher, erzählt nach einer wahren Begebenheit.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 31.08.2020
Übersetzt von: Karin Will
464 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-470-7
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 31.08.2020
Übersetzt von: Karin Will
464 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99714-0

Leseprobe zu „Die Bibliothekarin von Auschwitz“

Kapitel 1
Auschwitz-Birkenau, Januar 1944

Die Offiziere tragen Schwarz. Sie begegnen dem Tod mit der Gleichgültigkeit von Totengräbern, und sie haben keine Ahnung, dass Alfred Hirsch über diesem alles verschlingenden Morast eine Schule gegründet hat. Sie wissen es nicht, und sie dürfen es nicht wissen. In Auschwitz gilt ein Menschenleben weniger als nichts, so wenig, dass man die Leute nicht einmal erschießt, denn Kugeln sind wertvoller als Menschen. In Auschwitz hat man Gemeinschaftsräume, in die Zyklon-B geleitet wird, weil das kostengünstig ist und man [...]

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Kapitel 1
Auschwitz-Birkenau, Januar 1944

Die Offiziere tragen Schwarz. Sie begegnen dem Tod mit der Gleichgültigkeit von Totengräbern, und sie haben keine Ahnung, dass Alfred Hirsch über diesem alles verschlingenden Morast eine Schule gegründet hat. Sie wissen es nicht, und sie dürfen es nicht wissen. In Auschwitz gilt ein Menschenleben weniger als nichts, so wenig, dass man die Leute nicht einmal erschießt, denn Kugeln sind wertvoller als Menschen. In Auschwitz hat man Gemeinschaftsräume, in die Zyklon-B geleitet wird, weil das kostengünstig ist und man mit einem einzigen Kanister davon mehrere Hundert Menschen töten kann. Der Tod ist hier zu einer Industrie geworden, die sich nur auszahlt, wenn man sie im großen Maßstab betreibt.

Die Klassenzimmer in dem Bretterverschlag bestehen nur aus einer Ansammlung von Schemeln. Es gibt keine Wände, auch die Tafeln sind unsichtbar, und die Lehrer malen mit ihren Händen gleichschenklige Dreiecke in die Luft, Zirkumflexe und sogar den Verlauf der Flüsse Europas. Etwa zwanzig Grüppchen von Kindern werden hier unterrichtet, jedes von einem eigenen Lehrer. Die einzelnen Gruppen haben so wenig Abstand voneinander, dass die Lehrer flüsternd unterrichten müssen, damit die Erzählung von den zehn ägyptischen Plagen nicht mit dem Rhythmus des Einmaleins durcheinandergerät.

Viele hielten das hier für unmöglich, in ihren Augen war Hirsch ein Verrückter. Wie sollte man Kinder in einem grausamen Vernichtungslager unterrichten, in dem alles verboten war? Aber Hirsch lächelte nur das für ihn so typische, rätselhafte Lächeln, so, als wüsste er etwas, das den anderen verborgen war. Es spielt keine Rolle, wie viele Schulen die Nazis schließen, pflegte er zu antworten. Wann immer jemand in einer Ecke steht und etwas erzählt und dabei ein paar Kinder um ihn herumstehen und ihm zuhören, ist dort eine Schule gegründet worden.

Die Tür zur Baracke fliegt auf, und Jakopek, der Aufpasser, läuft zur Kammer des Blockältesten Hirsch. Seine Holzschuhe hinterlassen eine Spur feuchter Lagererde, und die angenehme Sicherheit in Block 31 ist dahin. Von ihrer Ecke aus starrt Dita Adlerova wie hypnotisiert auf die Erdbröckchen. Sie wirken so unbedeutend, aber sie verunreinigen den Boden genauso, wie ein einziger Tropfen Tinte eine Schüssel Milch ruiniert.

„Sechs, sechs, sechs!“

Es ist das Signal, dass die SS im Anmarsch ist, und ein Raunen geht durch die Baracke. In dieser Vernichtungsmaschinerie namens Auschwitz-Birkenau, wo die Öfen Tag und Nacht Leichen verbrennen, ist Block 31 untypisch, eine Anomalie sogar. Er ist ein Triumph für Fredy Hirsch, der früher einmal als Sportler Kinder trainiert hat und jetzt in Auschwitz einen Hindernislauf gegen die größte Todesfalle der Menschheitsgeschichte absolviert. Er konnte die deutsche Lagerleitung davon überzeugen, dass die Eltern im Lager BIIb besser arbeiten können, wenn man die Kinder in einer Hilfsbaracke unterbringt. Der Abschnitt BIIb heißt auch „Familienlager“, weil Kinder im restlichen Lager so selten wie Vögel sind. In Auschwitz gibt es keine Vögel; sie gehen an den Elektrozäunen zugrunde.

Die Lagerleitung hat dem Bau einer Kinderbaracke zugestimmt, möglicherweise war es auch von Anfang an so geplant. Die Bedingung war, dass nur spielerische Aktivitäten stattfinden; alles Schulische ist ausdrücklich verboten.

Hirsch, der Blockälteste, steckt den Kopf aus der Tür seiner Kammer. Er muss kein Wort sagen, weder zu seinen Gehilfen noch zu den Lehrern, die alle zu ihm hinsehen. Sein Nicken ist kaum wahrnehmbar. Sein Blick ist ein Befehl. Er tut stets das, was nötig ist, und erwartet das Gleiche von allen anderen.

Der Unterricht ist vorbei, banale deutsche Kinderlieder, Spiele und Rätsel ersetzen ihn, damit es so aussieht, als hätte alles seine Ordnung, wenn die arischen Wölfe hier auftauchen. Normalerweise betritt die aus ein paar SS-Männern bestehende Patrouille zwar die Baracke, bleibt jedoch am Eingang stehen und sieht den Kindern zu. Manchmal klatschen die Männer Beifall zu einem Lied oder tätscheln einem kleinen Kind den Kopf. Anschließend setzen sie ihre Runde fort.

Aber Jakopek fügt dem üblichen Alarm noch etwas hinzu: „Inspektion! Inspektion!“

Inspektionen sind etwas völlig anderes. Man muss sich aufstellen, es gibt Durchsuchungen, manchmal werden die Kleinsten ausgefragt, in der Hoffnung, dass sie durch ihre Naivität etwas verraten. Bisher ohne Erfolg. Die Kleinsten begreifen mehr, als man denken würde.

„Der Priester!“, flüstert jemand, und ängstliches Gemurmel geht durch die Baracke. „Der Priester“ ist ein Unteroffizier der SS, ein Oberscharführer, der im Gehen die Hände immer in die Ärmelaufschläge seiner Uniformjacke steckt wie ein Geistlicher, auch wenn er nach allem, was man weiß, nur der Religion der Grausamkeit huldigt.

»Los, los, los! Juda, sag ›Ich sehe was, was du nicht siehst …‹!«

„Und was soll ich sehen, Herr Stein?“

„Einfach irgendetwas, Kleiner, ganz egal was!“

Zwei Lehrer heben verängstigt die Köpfe. Sie halten etwas in ihren Händen, das in Auschwitz streng verboten ist und das, wenn man es bei ihnen fände, einem Todesurteil gleichkäme. Mit diesen Gegenständen, die so gefährlich sind, dass ihr Besitz die Höchststrafe nach sich zieht, kann man nicht schießen und genauso wenig hauen, stechen oder schneiden. Was die erbarmungslosen Wachen des Reichs so sehr fürchten, sind nur Bücher – so alt, dass ihr Einband sich schon auflöst, zerfleddert und ramponiert, wie er ist. Aber die Nazis sind hinter ihnen her, sie jagen und verbieten sie obsessiv. In der Geschichte der Menschheit war dieses Merkmal allen Diktatoren, Tyrannen und Unterdrückern gemeinsam, ob sie nun arischer, afrikanischer asiatischer, arabischer, slawischer oder sonstiger Herkunft waren. Ob sie für die Volksrevolution, die Privilegien der herrschenden Klasse, für das Wort Gottes oder die militärische Ordnung kämpften und ganz gleich, welche Ideologie sie vertraten, in diesem Punkt waren sie alle gleich: Immer kämpften sie erbittert gegen das geschriebene Wort. Bücher sind gefährlich, weil sie Menschen zum Denken bringen.

Die einzelnen Gruppen haben ihre Plätze eingenommen, sie singen und spielen und warten auf die Wachen, aber ein Mädchen stört die Harmonie des beschaulichen Zeitvertreibs und rennt wild durch die Kreise aus Schemeln.

„Setz dich hin! Was soll das? Bist du übergeschnappt?“, schreien die anderen sie an. Ein Lehrer will sie am Arm festhalten, aber sie reißt sich los und läuft weiter, anstatt still zu sitzen und keinen Verdacht zu erregen. Dabei wirft sie einen Schemel um, und das Poltern bringt für einen Augenblick alle Aktivitäten zum Erliegen.

„Verflixte Göre! Du wirst uns noch alle verraten!“, schreit Frau Krizková sie an, rot vor Wut. Die Kinder nennen sie unter sich den „Truthahn“. Natürlich weiß sie nicht, dass sich eben das Mädchen, das sie gerade ankeift, diesen Spitznamen ausgedacht hat. „Setz dich zu den anderen Gehilfen, du dummes Ding!“

Aber das Mädchen bleibt nicht stehen, es rennt weiter, ohne auf die bösen Blicke zu achten, die schmächtigen Beine in den gestreiften Kniestrümpfen fliegen durch den Raum. Viele Kinder beobachten sie fasziniert. Sie ist sehr dünn, ohne schwächlich zu sein, und hat halblanges, braunes Haar, das von einer Seite zur anderen fliegt, während sie im Slalom durch die Gruppen läuft. Dita Adlerova bewegt sich inmitten von mehreren Hundert Menschen, aber sie läuft allein. Im Zickzacklauf gelangt sie in die Mitte der Baracke und drängt sich in eine Gruppe.

Verblüfft sieht die Lehrerin aus Brünn, wie die junge, keuchende Bibliothekarin vor ihr stehen bleibt. Dita, die weder Zeit noch Luft genug hat, um etwas zu sagen, reißt ihr das Buch aus der Hand, und die Lehrerin ist unvermittelt erleichtert. Als sie sich einen Moment später bedanken will, ist Dita schon ein paar Schritte weiter. Nur noch ein paar Sekunden, dann werden die Nazis da sein.

Ingenieur Maródi, der das Manöver mitbekommen hat, passt sie am Rand seiner Gruppe ab. Während sie weiterläuft, übergibt er ihr das Algebrabuch, als wäre es der Stab in einem Staffellauf. Dita flitzt zu den Gehilfen, die im hinteren Teil der Baracke so tun, als würden sie den Boden fegen. Noch im Lauf registriert sie, wie das Gemurmel in den Gruppen leiser wird, es flackert wie eine Kerzenflamme, wenn das Fenster geöffnet wird. Sie muss sich nicht umdrehen – sie weiß, dass die Tür aufgegangen ist und die SS-Wachen da sind. Sofort lässt sie sich zu Boden fallen, inmitten einer Gruppe elfjähriger Mädchen. Sie schiebt die Bücher unter ihren Kittel und verschränkt die Arme über der Brust, damit sie nicht herunterfallen. Die Mädchen beobachten sie aus dem Augenwinkel, während die Lehrerin ihnen hektisch zunickt, damit sie weitersingen. Dann sind die SS-Leute da. Ein paar Sekunden nehmen sie alles in Augenschein, dann brüllen sie eines ihrer Lieblingswörter: „Achtung!“

Es wird totenstill. Der Singsang und das „Ich sehe was, was du nicht siehst“ brechen ab. Niemand rührt sich. Aber inmitten der Stille hört man, wie jemand deutlich erkennbar die Fünfte Sinfonie von Beethoven pfeift. Der Priester ist ein Furcht einflößender Unteroffizier, aber selbst er wirkt nervös, denn heute wird er von einem noch unheimlicheren Mann begleitet.

„Gott steh uns bei“, hört Dita die Lehrerin flüstern.

Ditas Mutter hatte vor dem Krieg ein Klavier, weshalb sie Beethoven sofort erkennt. Diese Sinfonie hat sie schon einmal jemanden auf diese ganz eigene und präzise Art eines Musikliebhabers pfeifen hören, wird ihr klar. Es war nach dem dreitägigen Transport, eingepfercht in einem verriegelten Güterwaggon, ohne Essen, ohne Wasser, aus dem Getto Theresienstadt, wohin sie von Prag aus deportiert worden war und wo sie mit ihrer Familie ein Jahr lang gelebt hatte. Es war Nacht, als sie in Auschwitz-Birkenau ankamen. Niemals wird sie das metallische Scheppern vergessen, mit dem das Tor sich öffnete. Niemals den ersten Atemzug frischer, kühler Luft, in der es nach verkohltem Fleisch roch. Niemals das gleißende Licht in der Nacht – die Endstation war so hell erleuchtet wie ein Operationssaal. Dann die Befehle, die Gewehrkolben, die gegen die Beschläge der Waggons donnerten, die Schüsse, die Pfiffe, die Schreie. Und inmitten von all dem Chaos diese Sinfonie von Beethoven, gelassen und fehlerlos gepfiffen von einem Hauptsturmführer, den die eigenen SS-Männer fürchteten.

An jenem Tag kam der Offizier ganz nah an Dita vorbei, und sie sah seine tadellose Uniform, die makellosen weißen Handschuhe und das Eiserne Kreuz an seiner Uniformjacke, eine Medaille, die man im Kampf erwarb. Vor einer Gruppe von Müttern mit ihren Kindern blieb er stehen und tätschelte einem der Kleinsten mit der behandschuhten Hand den Kopf. Er lächelte sogar. Er zeigte auf zwei Zwillingsbrüder, und ein Gefreiter beeilte sich, sie aus der Schlange herauszuholen. Die Mutter hielt den Soldaten am Saum seiner Uniformjacke fest, sie sank auf die Knie und flehte ihn an, die Jungen zu verschonen. Der Lagerarzt ging gelassen dazwischen. „Nirgends wird man sie so behandeln, wie Onkel Josef das tun wird.“

Und in gewisser Weise sollte er recht behalten. Niemand in Auschwitz krümmte den Zwillingen, die Dr. Josef Mengele sich für seine Experimente aussuchte, ein Haar. Niemand hätte sie je so behandelt wie er in seinen makabren genetischen Experimenten, die klären sollten, wie deutsche Frauen Zwillinge bekommen konnten, um die arische Geburtenrate zu steigern. Dita erinnert sich, wie Mengele davonging, die Jungen an der Hand, wobei er unaufhörlich zufrieden weiterpfiff. Dieselbe Melodie, die jetzt in Block 31 erklingt.

Mengele …

Die Tür zur Kammer des Blockältesten öffnet sich mit einem leisen Quietschen, und Hirsch kommt aus seinem winzigen Verschlag, wobei er sich freundlich überrascht über den Besuch der SS gibt. Er begrüßt den Offizier, indem er laut die Hacken zusammenknallt; es ist eine förmliche Respektsbezeugung vor dem militärischen Dienstgrad, aber auch eine Möglichkeit, sich kämpferisch zu geben anstatt unterwürfig oder feige. Mengele würdigt ihn kaum eines Blicks, er pfeift immer noch, gedankenverloren und die Hände auf dem Rücken verschränkt, als ginge ihn das alles nichts an. Der Oberscharführer mustert die Baracke mit seinen beinahe durchsichtigen Augen, die Hände immer noch in den Ärmelaufschlägen seiner Uniformjacke, die vor seinem Leib, unweit seines Pistolenholsters, herabhängen.

Jakopek hat sich nicht geirrt. „Inspektion“, raunt der Priester. Die SS-Männer, die ihn begleiten, wiederholen den Befehl und verstärken ihn, bis er zu einem Schrei wird, der den Gefangenen in den Ohren gellt. Dita, die inmitten der Mädchen kauert, beginnt zu zittern, sie presst die Arme an den Leib und hört, wie die Bücher über ihren Rippen knistern. Wenn man die Bücher bei ihr findet, ist alles aus.

»Es wäre nicht gerecht …«, murmelt sie. Sie ist doch erst vierzehn und hat das Leben noch vor sich, alles liegt noch vor ihr. Dita fällt das ein, was ihre Mutter seit Jahren monoton wiederholt, wenn sie wegen ihres Schicksals jammert: »Es ist der Krieg, Edita … es ist der Krieg.«

Sie ist so jung, dass sie sich kaum noch erinnern kann, wie die Welt vor dem Krieg war. Genauso, wie sie die Bücher unter ihrem Kleid verbirgt, an diesem Ort, an dem man ihr alles genommen hat, bewahrt sie in ihrem Kopf auch ein Album mit Erinnerungen auf. Sie macht die Augen zu und beschwört eine Welt herauf, in der es noch keine Angst gab.

Sie sieht sich selbst als Neunjährige, Anfang 1939, vor der astronomischen Uhr auf dem Rathausplatz in Prag. Ein wenig verstohlen betrachtet sie das alte Skelett, das über die Dächer der Stadt wacht, mit seinen riesigen, leeren Augenhöhlen, die aussehen wie schwarze Fäuste.

In der Schule hat sie gelernt, dass die große Uhr ein harmloser Mechanismus ist, den Meister Hanus vor mehr als fünfhundert Jahren ersonnen hat. Trotzdem flößt ihr die Legende Angst ein, die von den alten Frauen erzählt wird. Ihr zufolge beauftragte der König Hanus mit dem Bau der astronomischen Uhr. Nach der Fertigstellung befahl er seinen Handlangern, Hanus zu blenden, damit dieser nie mehr ein ähnliches Wunderwerk für einen anderen Monarchen erschaffen konnte. Um sich zu rächen, steckte der Uhrmacher die Hand in das Uhrwerk und machte es auf diese Weise unbrauchbar. Als die Zahnräder sich verhakten, blieb die Uhr stehen und konnte jahrelang nicht mehr repariert werden. Manchmal träumt Dita nachts von der amputierten Hand, die sich durch die Zahnräder schiebt.

Das Skelett läutet ein Glöckchen, und das mechanische Schauspiel beginnt: eine Figurenparade, die die Bürger daran erinnern soll, wie dicht die Minuten aufeinanderfolgen und die Stunden sich drängen. Doch jetzt, da die Angst sie im Griff hat, wird Dita klar, dass ein neunjähriges Mädchen für so etwas noch keinen Sinn hat. Für ein Kind ist die Zeit noch träge und, wenn sie nicht vergehen will, ein regloses, zähes Meer. In diesem Alter erschrecken einen Uhren bloß, wenn neben dem Zifferblatt ein Skelett steht.

Dita umklammert die alten Bücher, die sie in die Gaskammer bringen könnten, und erinnert sich wehmütig an das glückliche Kind, das sie einmal war. Wenn sie mit ihrer Mutter in die Stadt ging, war sie immer gern vor der astronomischen Uhr am Altstädter Ring stehen geblieben, aber nicht wegen des mechanischen Schauspiels, sondern um verstohlen die hingerissenen Zuschauer zu beobachten, viele von ihnen Ausländer und nur vorübergehend in der Hauptstadt, die gespannt auf die Figuren warteten. Beim Anblick der ergriffenen Gesichter und des einfältigen Lächelns der Leute konnte Dita sich kaum das Lachen verbeißen. Anschließend gab sie ihnen dann immer Spitznamen. Mit einem Anflug von Wehmut erinnert sie sich, dass das eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war: allem und jedem Spitznamen zu geben, vor allem den Nachbarn und Freunden ihrer Eltern. Sie weiß noch gut, wie sie immer ein Stück hinter der Straßenbahn herrannte, die läutete, wenn sie um den Altstädter Ring herumfuhr und in Schlangenlinien in der Josephstadt verschwand, und wie Dita anschließend zum Laden von Herrn Ornest lief, wo ihre Mutter Stoff zu kaufen pflegte, aus dem sie für Dita Mäntel und Röcke für den Winter schneiderte. Sie weiß noch gut, wie sehr sie dieses Geschäft geliebt hat, mit der Leuchtreklame über der Tür, bei der die bunten Lämpchen der Reihe nach angingen und erloschen, bis das Ganze, am Ende angelangt, wieder von Neuem begann.

Wäre sie damals kein Kind gewesen, mit dem Schutzschild der kindlichen Unbefangenheit, dann wäre ihr vielleicht die lange Schlange vor dem Stand des Zeitungsverkäufers aufgefallen und auf dem Titelblatt der aufgestapelten Lidové noviny die reißerische Schlagzeile, in vier Spalten und in riesigen Lettern: „Die Regierung stimmt dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Prag zu.“

Dita öffnet kurz die Augen und sieht, wie die SS den hinteren Teil der Baracke durchsucht. Sie heben sogar die Zeichnungen an, die mit Drahtspitzen an den Wänden befestigt sind, um nachzusehen, ob darunter etwas versteckt ist. Kein Wort fällt, und die Geräusche von der Durchsuchung durch die Wachen sind deutlich zu hören in dieser Baracke, die nach Schimmel und Feuchtigkeit riecht. Und nach Angst. Es ist der Gestank des Krieges. Dita hat nur wenige Erinnerungen an ihre Kindheit, aber sie weiß noch gut, dass der Frieden nach der dicken Hühnersuppe roch, die jeden Freitagabend auf dem Herd köchelte. Wie hätte sie außerdem den Geschmack von durchgebratenem Lammfleisch vergessen können, oder den Geschmack von Eiernudeln und Nüssen? Die langen Tage in der Schule und die Nachmittage, an denen sie Himmel und Hölle und Verstecken spielte, mit Margit und anderen Schulfreundinnen, die in ihrer Erinnerung miteinander verschmelzen … bis zum Beginn des schleichenden Niedergangs.

Die Veränderungen kamen nicht schlagartig, sie vollzogen sich langsam. Aber einen Tag gab es, als sich Ditas Kindheit hinter ihr schloss wie die Höhle von Ali Baba. An jenen Tag kann sie sich noch gut erinnern. Das Datum weiß sie nicht mehr, aber es war der 15. März 1939.

Prag bebte bei Tagesanbruch. Die kristallenen Tropfen der Wohnzimmerlampe vibrierten, aber Dita wusste, dass es kein Erdbeben war, weil niemand herumrannte oder in Aufregung war. Ihr Vater trank seinen Morgentee und las mit gespielter Ruhe die Zeitung, als wäre alles in bester Ordnung.

Als ihre Mutter sie zur Schule brachte, zitterte die Stadt. In der Nähe des Wenzelsplatzes hörten sie es allmählich, dort bebte der Boden so sehr, dass es an den Fußsohlen kitzelte. Je näher sie kamen, desto deutlicher waren die dumpfen Laute zu hören. Das seltsame Phänomen faszinierte Dita. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, war es unmöglich, die Straße zu überqueren, auf der sich die Menschen drängten, und abgesehen von einer Mauer aus Rücken, Mänteln, Hälsen und Hüten konnte man auch nichts sehen. Unvermittelt blieb ihre Mutter stehen. Ihr Gesicht war angespannt, und sie schien auf einmal um Jahre zu altern. Sie machte auf dem Absatz kehrt und zerrte ihre Tochter an der Hand hinter sich her, ging über einen Umweg zur Schule, aber Ditas Neugier war stärker, und sie riss sich von der festen Hand ihrer Mutter los. Sie war klein und schmal, und so war es ein Leichtes für sie, sich durch die Menge zu zwängen, die sich auf dem Asphalt drängte, bis sie ganz vorne stand, wo die Prager Polizisten mit verschränkten Händen eine Barrikade bildeten.

Der Lärm war ohrenbetäubend. Graue Motorräder mit Beiwagen, die nacheinander vorbeifuhren, darin Soldaten in glänzenden Lederjacken und Motorradbrillen um den Hals. Ihre Helme schimmerten, sie kamen frisch aus den Fabriken in der Mitte Deutschlands, waren noch ohne jeden Kratzer, ohne Spuren des Kampfes. Dahinter kamen die Geschützwagen mit den gewaltigen Maschinengewehren, und danach die dröhnenden Panzer, die sich bedrohlich langsam wie Elefanten über die große Straße bewegten.

Dita weiß noch, dass ihr das Ganze wie eine Parade aus Automaten vorkam, so ähnlich wie bei der astronomischen Uhr am Rathaus. Nur noch ein paar Sekunden, dann würde sich eine Tür hinter ihnen schließen, und sie wären weg. Dann würde das Beben vorbei sein. Aber diesmal waren es keine Automaten, die mechanisch an ihr vorbeidefilierten, sondern Menschen. In den kommenden Jahren sollte sie lernen, dass beides manchmal kaum zu unterscheiden ist.

Sie war erst neun Jahre alt, aber sie hatte Angst. Da waren weder Musik noch Gelächter, weder Stimmengewirr noch Pfiffe … nur die stumme Parade. Was sollte dieser Aufmarsch aus uniformierten Männern? Wieso lachte niemand? Mit einem Mal fühlte sie sich an einen Leichenzug erinnert.

Die eiserne Hand ihrer Mutter zerrte sie weg. Sie entfernten sich in die andere Richtung, und vor Ditas Augen verwandelte sich Prag wieder in die lebenslustige Stadt, die ihr vertraut war. Es war, als würde man aus einem Albtraum aufwachen und erleichtert feststellen, dass alles war, wie es sein sollte. Aber der Boden unter ihren Füßen bebte immer noch. Die Stadt zitterte. Auch ihre Mutter zitterte. Sie schritt schnell aus in ihren eleganten Lackschuhen und zerrte Dita erbittert hinter sich her, weg von der Parade und weg von der monströsen Pranke des Krieges.

Aufseufzend umklammert Dita ihre Bücher, und voller Schwermut wird ihr klar, dass es jener Tag war und nicht der ihrer ersten Periode, mit dem ihre Kindheit zu Ende ging – als sie aufhörte, vor Skeletten und Geschichten über Geisterhände Angst zu haben, und begann, sich vor den Menschen zu fürchten.

Kapitel 2

Die SS hat mit der Durchsuchung der Baracke begonnen. Sie würdigen die Häftlinge kaum eines Blicks und befassen sich nur mit den Wänden, dem Fußboden und den Gegenständen. Die Deutschen lieben Ordnung; erst kommt das Gebäude, dann der Inhalt. Dr. Mengele dreht sich um, um mit Fredy Hirsch zu sprechen, der die ganze Zeit beinahe in Habachtstellung geblieben ist und sich keinen Millimeter vom Fleck gerührt hat. Dita fragt sich, worüber sie wohl reden. Was mag Hirsch diesem Offizier zu sagen haben, den selbst die Mitglieder der SS fürchten, um so dazustehen, ohne sichtbare Reaktion, aber offenbar aufmerksam? Nur wenige Juden wären imstande, ein Gespräch mit Mengele durchzuhalten, oder mit Dr. Tod, wie manche ihn nennen. Jedenfalls nicht ohne Zittern in der Stimme oder ohne spürbare Nervosität. Aber Hirsch wirkt, als würde er sich auf der Straße mit einem Nachbarn unterhalten.

Manche Leute denken, dass Hirsch keine Angst hat. Andere behaupten, er komme bei den Deutschen gut an, weil er selbst Deutscher sei, und wieder andere argwöhnen sogar, dass sich hinter seinem adretten Äußeren etwas Anrüchiges verbirgt.

Der Priester, der die Durchsuchung leitet, macht eine Handbewegung, die Dita nicht deuten kann. Falls der Befehl kommt, aufzustehen und Haltung anzunehmen, wie soll sie dann verhindern, dass die Bücher herunterfallen?

Die erste Lektion, die jeder Neuankömmling von den Alteingesessenen lernt, besteht darin, immer das oberste Ziel im Kopf zu behalten: überleben. Ein paar weitere Stunden, die sich zu einem Tag summieren, aus dem dann mit noch mehr Tagen eine Woche wird. Und so geht es weiter: niemals große Pläne machen, niemals große Ziele haben, immer nur überleben, in jedem Augenblick. Leben ist ein Verb, das nur im Präsens konjugiert wird.

Es ist die letzte Gelegenheit, um die Hand unter ihr Kleid zu schieben und die Bücher heimlich unter einen leeren Hocker in ihrer Nähe zu legen. Wenn sich erst einmal alle aufgestellt haben, wird niemand Dita wegen der Bücher beschuldigen. Schuld werden alle und niemand sein. Auch wenn man Block 31 mit Sicherheit schließen würde. Dita fragt sich, ob das wirklich so schlimm wäre. Ein paar Lehrer sollen anfangs rebelliert haben: Wozu Kinder unterrichten, die wahrscheinlich niemals lebend aus Auschwitz herauskommen werden? Hat es einen Sinn, ihnen etwas über Eisbären beizubringen oder ihnen das Einmaleins einzutrichtern, und sollte man ihnen nicht vielmehr etwas über die Schornsteine erzählen, aus denen ein paar Meter entfernt der schwarze Rauch der verbrannten Leichen aufsteigt? Aber Hirsch hat sie mit seiner Autorität und seinem Enthusiasmus überzeugt. Er hat gesagt, Block 31 werde für die Kinder eine Oase sein. Oase oder Fata Morgana?, fragen sich manche immer noch.

Am vernünftigsten wäre es, Dita würde die Bücher loswerden, um ihr Leben kämpfen. Aber sie ist unschlüssig. Der Unteroffizier steht vor seinem Vorgesetzten stramm und nimmt Befehle entgegen, die er sogleich gebieterisch weitergibt: „Aufstehen! Stillgestanden!“

Jetzt kommt Bewegung in die Menschen, alle stehen auf. Das Durcheinander rettet Dita. Sie lässt die Arme locker, und die Bücher rutschen unter ihrem Kleid nach unten. Aber dann presst sie sie wieder an sich, an ihren Bauch, so fest, dass sie das Knacken hören kann, als hätten die Bücher Knochen. Mit jeder Sekunde, die sie zögert, bringt sie ihr Leben mehr in Gefahr.

Die SS befiehlt ihnen zu schweigen, niemand rührt sich vom Fleck. Chaos stört die Deutschen am meisten, es ist ihnen unerträglich. Als man mit der „Endlösung“ begann, führten die blutigen Hinrichtungen bei vielen SS-Mitgliedern zu Widerwillen. Die vielen Leichen zwischen den Sterbenden, die mühselige Aufgabe, einen nach dem anderen abzuknallen, durch das Blutbad über die Leichen zu stapfen, die Hände der Sterbenden, die ihre Stiefel umklammerten wie Schlingpflanzen, das alles war ihnen zuwider. Seit es eine Lösung zur effizienten Ausrottung der Juden gibt, bei denen es in Zentren wie Auschwitz nicht zu chaotischen Situationen kommt, ist das ungeheuerliche, von Berlin diktierte Verbrechen kein Problem mehr. Es ist zu einer weiteren Routineaufgabe im Krieg geworden.

Die Leute stehen jetzt so vor Dita, dass die SS sie nicht sehen kann. Sie schiebt die rechte Hand unter den Kittel und erspürt das Geometriebuch. Sie spürt die rauen Seiten und streicht mit dem Finger über die Furchen des Gummi arabicums an dem zerschlissenen Buchrücken. So ein Buchrücken ähnelt einem umgepflügten Feld, denkt sie. Und da macht sie die Augen zu und drückt die Bücher fest an sich. Sie weiß jetzt, was sie von Anfang an gewusst hat: dass sie es nicht tun kann. Sie ist die Bibliothekarin von 31. Sie wird Fredy Hirsch nicht im Stich lassen, denn sie selbst hat ihn gebeten, beinahe angefleht, ihr zu vertrauen. Und er hat ihr vertraut, er hat ihr die acht geheimen Bücher gegeben und gesagt, dass dies nun ihre Bibliothek ist.

Vorsichtig steht sie auf. Den einen Arm drückt sie gegen den Körper, damit die Bücher nicht herunterfallen. Sie steht in der Mitte der Mädchengruppe und ist daher nicht ganz zu sehen, aber sie ist größer als die anderen, und ihre Haltung macht sie verdächtig.

Bevor der Oberscharführer die Häftlinge in Augenschein nimmt, erteilt er ein paar Befehle, und zwei SS-Mitglieder verschwinden in der Kammer des Blockältesten. Dita fallen die anderen Bücher ein, die sich in Hirschs Zimmer befinden, und ihr wird klar, dass der Blockälteste jetzt in großer Gefahr schwebt. Wenn man die Bücher bei ihm findet, ist es aus. Trotzdem ist es ein gutes Versteck, findet sie. Eine der Fußbodendielen in seiner Kammer lässt sich herausnehmen. Die Aushöhlung darunter ist groß genug, um eine kleine Bibliothek aufzunehmen. Die Bücher passen genau hinein, sodass es, selbst wenn jemand auf die Diele tritt oder dagegenklopft, nicht hohl klingt, und niemand würde auf die Idee kommen, dass sich darunter ein winziges Versteck befindet.

Dita ist erst seit ein paar Tagen die Bibliothekarin, aber für sie fühlt es sich an wie Wochen oder Monate. In Auschwitz geht die Zeit nicht vorbei, sie dehnt sich aus und verrinnt unendlich viel langsamer als im Rest der Welt. Ein paar Tage in Auschwitz machen einen Neuling zu einem alten Hasen, junge Menschen altern, widerstandsfähige zerbrechen.

Hirsch rührt sich nicht vom Fleck, während die Deutschen seine Kammer durchsuchen. Mengele, die Hände auf dem Rücken, hat sich einige Schritte entfernt und pfeift ein paar Takte Liszt vor sich hin. Vor der Kammer warten mehrere SS-Männer darauf, dass die anderen fertig werden, sie haben sich bereits entspannt und die Köpfe träge in den Nacken gelegt. Hirsch hält sich immer noch kerzengerade. Je mehr die Männer ihre Haltung vernachlässigen, desto aufrechter steht er. Er will nicht die kleinste Möglichkeit auslassen, mit jeder Bewegung, so unbedeutend sie auch sein mag, die Stärke der Juden zu demonstrieren. Es ist seine feste Überzeugung, dass die Juden viel stärker sind als die Nazis, dass die Nazis sie aus eben diesem Grund fürchten. Dass sie sie deshalb ausrotten wollen. Sie haben die Juden nur besiegt, weil die keine eigene Armee haben, aber er ist sich sicher, dass sich dieser Fehler nicht wiederholen wird. Er hegt nicht den geringsten Zweifel: Wenn das alles erst einmal vorbei ist, werden sie eine Armee aus dem Boden stampfen, die härter sein wird als alle anderen.

Die zwei SS-Männer verlassen die Kammer, der Priester hält ein paar Papiere in der Hand. Anscheinend haben sie sonst nichts Verdächtiges gefunden. Mengele nimmt die Blätter kurz in Augenschein und gibt sie dann geringschätzig an den Unteroffizier weiter, lässt sie beinahe in dessen Hand fallen. Es sind die Berichte, die der Blockälteste von Block 31 für die Lagerleitung abgefasst hat. Mengele ist bestens mit ihnen vertraut, denn Hirsch schreibt sie für ihn. Der Priester steckt seine Hände wieder in die etwas ausgeleierten Ärmelaufschläge seiner Uniformjacke. Er gibt seine Befehle mit leiser Stimme, aber jetzt kommt Bewegung in die Wachen. Sie kommen auf die Insassen zu und werfen dabei die Schemel um, die ihnen im Weg sind. Den Kindern und den neuen Lehrern ist die Angst deutlich anzumerken, Angstschreie und Schluchzer sind zu hören. Die Alteingesessenen machen sich nicht so viele Sorgen. Hirsch rührt sich keinen Millimeter. Nicht weit von ihm steht Mengele in einer Ecke und beobachtet das Geschehen.

Die älteren Insassen wissen, dass dies kein plötzlicher Akt des Vandalismus ist, die Nazis sind nicht mit einem Mal übergeschnappt und werden auch nicht anfangen, wild um sich zu schießen. Das alles ist Teil des Krieges. Es hat nichts mit dem Einzelnen zu tun. Die Schemel umzustoßen dient als Warnung davor, dass sie den Menschen jederzeit das Gleiche zufügen können. Auch Töten gehört zum Krieg.

Vor der ersten Häftlingsgruppe bleibt die Meute stehen. Ihr Vorgesetzter gesellt sich zu ihnen, und die Durchsuchung beginnt, beinahe in Zeitlupe. Immer wieder bleiben sie stehen und inspizieren die Insassen, durchsuchen einige von ihnen, mustern sie von oben bis unten, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich suchen. Die Gefangenen geben vor, geradeaus zu schauen, aber heimlich wechseln sie Blicke mit ihren Nachbarn. Eine der Lehrerinnen muss vortreten, eine hochgewachsene Frau, die Handarbeit unterrichtet und bei der die Kinder aus alten Schnürsenkeln, Spänen, zerbrochenen Löffeln oder Lumpen wahre Wunderwerke herstellen. Die Soldaten brüllen die Frau an, und einer schubst sie. Wahrscheinlich gibt es keinen richtigen Grund. Auch Brüllen und Schubsen gehören zur Routine. Die Lehrerin ist groß und schlank, sie wirkt wie ein Schilfrohr, das kurz vor dem Zerbrechen ist. Ein Stoß und noch mehr Gebrüll befördert sie auf ihren Platz in der Gruppe zurück.

Wieder gehen die Wachen weiter. Ditas Arm ermüdet, aber sie drückt die Bücher noch fester an sich. Die Männer halten bei der Gruppe neben ihr an, drei Meter von ihr entfernt. Der Priester hebt den Kopf und befiehlt einem der Männer vorzutreten. Professor Morgenstern ist Dita bisher noch nie aufgefallen. Er sieht harmlos aus und muss, den Falten unter seinem Kinn nach zu schließen, einmal beleibt gewesen sein. Er hat graue Locken, trägt einen zerschlissenen, viel zu weiten Nadelstreifenanzug und dazu eine Brille mit runden Gläsern, hinter denen seine kurzsichtigen Biberaugen hervorlugen. Dita kann die Worte nicht verstehen, die der Priester an ihn richtet, aber sie sieht, wie Professor Morgenstern ihm die Brille gibt. Der Oberscharführer nimmt die Brille und betrachtet sie; die Insassen dürfen keine persönlichen Gegenstände haben, aber niemand hatte bisher eine Brille gegen Kurzsichtigkeit für einen Luxusgegenstand gehalten. Dennoch untersucht der SS-Mann sie eingehend, bevor er sie dem Mann zurückgibt, doch als der Lehrer die Hand ausstreckt, um sie entgegenzunehmen, lässt der Priester die Brille fallen, und sie zersplittert auf einem Schemel, noch bevor sie auf dem Fußboden auftrifft.

„Dummkopf! Tölpel!“, schreit ihn der Unteroffizier an.

Professor Morgenstern bückt sich unterwürfig, um seine kaputte Brille aufzuheben. Als er sich aufrichten will, fallen ihm zwei zerknitterte Papiervögel aus der Jackentasche, und er muss sich erneut bücken. Dabei lässt er erneut die Brille fallen. Der Priester beobachtet seine ungeschickten Bemühungen mit kaum verhohlener Gereiztheit. Aufgebracht wendet er sich ab und setzt die Inspektion fort.

Mengele verfolgt alles von hinten, kein Detail entgeht ihm. Die SS-Männer mit den gekreuzten Knochen und dem Totenkopf an der Mütze und mit ihren Stiefeln, die alles zermalmen, bewegen sich ganz langsam vorwärts, sie betrachten die Insassen mit einem Hunger nach Gewalt, der ihre Augen vor Gier glitzern lässt. Dita spürt, wie sie näher kommen, wagt jedoch nicht hinzusehen. Unglücklicherweise bleiben sie genau vor ihrer Gruppe stehen, der Priester direkt vor Dita, kaum vier oder fünf Schritte entfernt. Dita sieht, wie die Mädchen vor ihr zittern. Ihr eigener Rücken ist feucht von kaltem Schweiß. Sie kann nichts tun: Wegen ihrer Größe sticht sie zwischen den Mädchen heraus, und sie ist die Einzige, die nicht in Habachtstellung steht und die die Arme stattdessen an den Körper presst. Ihre seltsame Haltung verrät sie. Dem unerbittlichen Blick des Priesters entgeht nichts. Er gehört, genau wie Hitler, zu diesen abstinenten Nazis, die sich nur am Hass berauschen.

Dita schaut geradeaus, spürt jedoch, wie der Blick des Priesters auf ihr ruht. In ihrem Hals formt sich ein Kloß aus Angst, sie kann kaum atmen und glaubt zu ersticken. Sie hört eine männliche Stimme und macht sich bereit, vorzutreten. Es ist aus …

Aber noch nicht. Sie bleibt stehen, als ihr klar wird, dass sie nicht die Stimme des Priesters hört, sondern eine andere, viel zaghaftere. Es ist die Stimme des unseligen Professors Morgenstern. »Verzeihen Sie, Herr Oberscharführer, wenn ich vielleicht auf einen Platz in der Reihe zurückkehren dürfte? Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind, ansonsten bleibe ich hier, bis Sie es befehlen. Ich möchte Ihnen auf keinen Fall Umstände bereiten …«

Der Priester dreht den Kopf und macht eine zornige Geste zu dem unbedeutenden kleinen Mann, der es gewagt hat, ihn unaufgefordert anzusprechen. Der alte Lehrer hat seine Brille wieder aufgesetzt, ein Glas ist gesprungen, und er schaut die SS-Männer von seinem Platz aus unendlich einfältig und gutmütig an. Der Priester geht ein paar Schritte auf ihn zu, hinter sich die Wachmänner. Jetzt wird er zum ersten Mal lauter: „Du jüdischer Volltrottel! Wenn du nicht in drei Sekunden auf deinem Platz bist, setzt es Stockhiebe!“

„Selbstverständlich, zu Befehl“, sagt der Mann demütig. »Bitte verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht verärgern. Ich wollte nur sichergehen, damit ich nichts Ungehöriges tue und gegen die Vorschriften verstoße. Weil ich mich nämlich nicht ungebührlich verhalten will und Ihnen auf die bestmögliche Weise dienen …«

„Zurück auf deinen Platz, du Trottel!“

»Zu Befehl, Herr Oberscharführer. Ich bitte nochmals um Entschuldigung. Es war nicht meine Absicht, Sie zu unterbrechen, vielmehr wollte ich …«

„Schweig, bevor ich dir eine Kugel in den Kopf jage!“, schreit ihn der Nazi erbost an.

Der Professor geht mit gesenktem Kopf nach hinten und stellt sich wieder zu seiner Gruppe. Dem Priester war nicht bewusst, dass die Wachmänner hinter ihm gingen, und als er sich jetzt fuchsteufelswild umdreht, stößt er mit ihnen zusammen. Es ist eine filmreife Szene, als die Nazis wie Billardkugeln zusammenprallen. Ein paar Kinder lachen unterdrückt, und die Lehrer stoßen sie alarmiert in die Rippen, um sie zum Schweigen zu bringen. Der sichtlich nervöse Priester wirft einen verstohlenen Blick zu seinem Vorgesetzten hinüber, dem düsteren Lagerarzt, der immer noch in einem dunklen Winkel steht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Der Priester kann zwar sein Gesicht nicht sehen, doch die Geringschätzung darin kann er sich lebhaft vorstellen. Nichts verachtet Mengele mehr als Inkompetenz und Mittelmäßigkeit.

Mit einer unwilligen Geste schiebt der Unteroffizier seine Leute beiseite und setzt seine Inspektion fort. Er kommt an Ditas Reihe vorbei, und sie drückt ihren eingeschlafenen Arm an sich. Auch die Zähne beißt sie zusammen. Sie spannt jeden Muskel an, bei dem das möglich ist. Aber der Priester ist verärgert, er denkt, dass er diese Gruppe bereits inspiziert hat, und geht an ihr vorbei. Noch mehr Gebrüll und Geschubse, irgendjemand wird gefilzt … und dann entfernt sich der Trupp langsam.

Die Bibliothekarin beginnt wieder zu atmen, obwohl sie weiß, dass die Gefahr erst gebannt ist, wenn die Männer die Baracke verlassen. Diese Leute sind wie Giftschlangen; sie können jederzeit zuschlagen, wenn man es am wenigsten erwartet. Ditas Arm schmerzt, weil sie ihn schon so lange nicht mehr bewegt hat. Es sticht wie von tausend Nadeln, aber sie wagt nicht, sich zu bewegen, aus Furcht, die Bücher könnten herunterfallen. Um den Schmerz zu vergessen, ruft sie sich den Zufall in Erinnerung, der sie in Block 31 geführt hat.

Antonio Iturbe

Über Antonio Iturbe

Biografie

Antonio Iturbe, geboren 1967, wuchs in Barcelona auf und hat bereits zahlreiche Bücher für Kinder und Erwachsene verfasst. Als Kulturjournalist hat er unter anderem für El Periódico gearbeitet, derzeit leitet er das Literatur- und Kulturmagazin Librújula, schreibt für El País und unterrichtet an...

Pressestimmen
histo-couch.de

„Antonio Iturbe ist ein bewegendes Stück Literatur gelungen, das auch stilistisch und in der Figurenzeichnung zu überzeugen weiß.“

belletristik-couch.de

„Mit viel Fingerspitzengefühl, aber gnadenloser Ehrlichkeit erzählt Antonio Iturbe die Geschichte über das Familienlager und deren Insassen.“

Kommentare zum Buch
Eindrucksvolles Buch basierend auf wahren Begebenheiten und Personen
Mareike91 am 30.09.2020

Der Holocaust ist eine der wohl dunkelsten Kapitel in der deutschen Geschichte. Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau stellte dabei einen der Eckpfeiler der Tötungsmaschinerie dar. Das Buch führt dem Leser auf drastische Weise vor Augen, was es hieß, dort als Gefangener oder gar als Kind inhaftiert zu sein. Täglich sterben hunderte, wenn nicht gar tausende Menschen: Die, die nach ihrer Ankunft nicht direkt getötet werden, müssen hart arbeiten, leben in überfüllten, kalten, dreckigen Baracken und bekommen kaum etwas zu essen. Gleichzeitig erzählt das Buch die Geschichte bewundernswerter Leute wie Dita und Fredy, die den Mut und die Hoffnung nicht verlieren und für ihr Überleben und eine bessere Zukunft kämpfen.   Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, die Stimmung ist - wie zu erwarten war - sehr düster und bedrohlich. Es gab einige Szenen, die mir die Tränen in die Augen treten oder mich fassungslos den Kopf schütteln lassen haben, weswegen ich beim Lesen immer mal wieder pausieren musste. Die Handlung wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, hauptsächlich aber aus Sicht der jungen Dita, die mir im Laufe der Buches sehr ans Herz gewachsen ist. Ebenso wie einige anderen Charaktere des Buches basiert sie auf einer realen Person und ist sehr authentisch dargestellt. Zudem gelingt es dem Autor, die Gefühle und Ängste der Charaktere realistisch rüber zu bringen, sodass man als Leser mit ihnen mitleidet und - bangt.   Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten und ist mit vielen Fakten und historischen Ereignissen wie beispielsweise die Nacht vom 8. auf den 9. März 1944, in der mehr als 1700 aus Theresienstadt deportieren Juden den Tod fanden, gespickt. Dadurch ist das Buch umso eindrucksvoller, aber auch schockierender. Mich hat es sehr bewegt und sprachlos zurück gelassen.   Fazit Eindrucksvoller Roman basierend auf wahren Begebenheiten sowie mit vielen Fakten rund um Ausschwitz gespickt und dadurch umso schockierender und bewegender. Ein absolut lesenswertes Buch, für das man sich aber definitiv Zeit lassen sollte, da es alles andere als leichte Kost ist.

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