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Die Beichte

Die Beichte

Eine dunkle Geschichte

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Die Beichte — Inhalt

Als Papst Pius X. im Jahr 1905 das Mindestalter für die Beichte auf sieben Jahre herabsetzte, begann ein großes Menschenexperiment: Kinder wurden seitdem systematisch in Scham und Schrecken gehalten. Die Furcht vor Sünde, Fegefeuer und ewiger Verdammnis schuf bei Generationen von Gläubigen ein Lebensgefühl der Angst. Es war kein Zufall, dass manche dieser Sünden Formen von Ungehorsam gegenüber den kirchlichen Autoritäten umfassten.

Vor allem aber hat die Beichte das Verhältnis vieler Gläubiger und katholischer Amtsträger zur Sexualität nachhaltig geprägt. Die Folgen sind bis heute spürbar – in einer Epoche von Säkularisierung und sexueller Befreiung haben gerade der Freiraum der Beichte und das Konzept der Sünde dem Missbrauch von Kindern Vorschub geleistet.

John Cornwell, selbst Katholik und einer der führenden Vatikanexperten, zeigt auf der Grundlage eigener Erfahrungen und vieler konkreter Beispiele, wie sehr die Beichte zum Repressionsinstrument geworden ist - und warum sie offiziell wieder mehr in den Mittelpunkt des Glaubens rücken soll. Ein sehr persönliches, leidenschaftliches Buch - und ein dunkles Kapitel abendländischer Kulturgeschichte.

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 14.01.2014
Übersetzt von: Helmut Dierlamm, Enrico Heinemann
384 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7653-3
»Provokant wird Cornwells Studie zur Geschichte und zur Gegenwart dadurch, dass er Papst Pius X. und sein Dekret "Quam singulari" in den Mittelpunkt seiner Abhandlung stellt. In ihm bestimmte Pius X. 1910, dass jeder Katholik von nun an einmal in der Woche, statt wie früher einmal im Jahr, zur Beichte gehen müsse. Und noch viel dramatischer: Pius X. führte damit die Kinderbeichte und die Erstkommunion für die erst Siebenjährigen ein. Zu Recht spricht Cornwell von einem "der gewagtesten Experimente an Kindern, die je im Namen des Christentums verordnet wurden".«
taz
»Der britische Theologe John Cornwell - der Priester hatte werden wollen, aber nach sieben Jahren im Seminar erkannte, dass er dafür nicht geschaffen war -, erzählt eine dunkle Geschichte von Macht und Unterdrückung, von Sünde und Missbrauch. Das "Bußsakrament", so schreibt er, sei durch die Drohung mit ewiger Bestrafung in der Hölle für die, die ohne Beichte sterben, ein Instrument der Angst und der Kontrolle. Schlimmer noch: Viele Priester hätten die intime Atmosphäre des Beichtstuhls zum Missbrauch von Kindern ausgenutzt.«
Neue Presse
»John Cornwell Licht in die dunklen Seiten eines Sakramentes. «Die Beichte - eine dunkle Geschichte» heisst sein präzis recherchiertes Sachbuch. [...]. Ein sehr leidenschaftliches und engagiertes Buch, das sich nicht als Hasstirade gegen die katholische Kirche liest sondern unendlich aufmerksam macht, was diese Beichte mit jungen Menschen anrichtet.«
SRF 2 "Das Sachbuchtrio in Kontext"
»Der Journalist und Autor Cornwell ist kein Kirchenhasser, aber ein kritischer Katholik, der in bald 50 Jahren immer wieder zu kontroversen kirchlichen, theologischen und politischen Fragen Stellung genommen hat. [...]. Anhand Hunderter von Briefen oder Interviews, die er nach eigenen Angaben mit Opfern geführt hat, kommt er zu der These, dass gerade die Beichte der schrecklich-ideale Ort war, wo Täter in Priester-Soutane Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchten. Immer wieder und geradezu erschütternd schildert Cornwell, wie katholische Priester die Machtposition des Sündenvergebers im Namen des Herrn ausnutzten, um sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen auszuüben - alles vor dem Hintergrund einer völlig verkorksten sexuellen Sozialisation der Täter selbst im katholischen Milieu der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. [...]. Eine fesselnde und lehrreiche, wenn auch deprimierende Lektüre.«
Deutschlandradio Kultur
»Ein Pluspunkt dieses Buches, das sei an den Anfang gestellt, ist die Glaubwürdigkeit des Autors. John Cornwell analysiert das Katholische Bußsakrament als Betroffener. […] Drei Teile hat sein Buch: Der erste Teil schaut zurück auf die Geschichte der Beichte. […] Im zweiten Teil des Buches stehen die „Beichtkinder“ im Mittelpunkt – ein Begriff, den Cornwell mit Bedacht gewählt hat. […] Der dritte Teil des Buches schließlich beschäftigt sich mit dem sexuellen Missbrauch im Beichtstuhl. Wie Priester Monate im beständigen Wechsel zwischen Angst vor Sünde und Vergebung der Sünde Abhängigkeitsverhältnisse zu den Kindern aufbauen bis sie das erschlichene Vertrauen schließlich schamlos ausnutzen: Der Beichtstuhl als Eldorado pädophiler Priester. […] Cornwell beschreibt ebenso unumwunden wie unaufgeregt die psychischen Grausamkeiten der Beichte; unaufgeregt und klar ist aber auch seine gesellschaftspolitische Analyse. […] Heute spielt die Beichte keine Rolle mehr. Die Beichtstühle in den Kirchen sind abgebaut oder dienen als Lagerraum für Putzmittel. Ob es eine Renaissance der Beichte geben wird, lässt sich aber noch nicht abschließend sagen. Papst Franziskus hat zwar in Italien einen Beichtboom ausgelöst, in anderen Ländern dominiert aber die Distanz. Wer diese Entwicklungen verstehen und ein dunkles Kapitel der abendländischen Kulturgeschichte kennenlernen möchte, dem sei „Die Beichte“ von John Cornwell dringend empfohlen!«
Deutschlandfunk "Andruck"
»Cornwell erzählt die Kirchengeschichte der Beichte von den Anfängen bis zur kriselnden Gegenwart. Einen besonderen Akzent legt er auf das Pontifikat Pius’ X. (1903-1914). Der legte fest, dass die erste Beichte schon mit sieben Jahren erfolgen sollte und nicht mehr wie bis dahin üblich mit 13. Viel zu kleine Kinder, kritisiert Cornwell, wurden mit Todsünden konfrontiert, viel zu intensiv wurden ihre Gedanken auf Reinheit von sexuellen Verfehlungen geprüft. Viel zu früh hätten Priester ohne Ausbildung in Pädagogik oder Kinderpsychologie unkontrollierten Zugang zu Kindern bekommen. Zahllose Kinder habe die katholische Kirche mit einem Bild vom grausamen Gott traumatisiert, schreibt Cornwell.«
Christ & Welt (Die ZEIT)

Leseprobe zu »Die Beichte«

Erster Teil

Eine kurze Geschichte der Beichte

Erstes Kapitel

Frühe Büßer und ihre Bußen

 

»Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!« Psalm 51,4

 

Am sogenannten Aschermittwoch tragen Christen in aller Welt ein dunkles kreuzförmiges Zeichen auf der Stirn, das den Beginn der Fasten- oder »österlichen Bußzeit« markiert – als ein Relikt aus der fernen Ursprungszeit des Beichtsakraments. Dieses Kreuz, bestehend aus der Asche von Palmzweigen vermischt mit Olivenöl, empfangen die Pönitenten am Morgen des Tages von einem Priester, der [...]

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Erster Teil

Eine kurze Geschichte der Beichte

Erstes Kapitel

Frühe Büßer und ihre Bußen

 

»Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!« Psalm 51,4

 

Am sogenannten Aschermittwoch tragen Christen in aller Welt ein dunkles kreuzförmiges Zeichen auf der Stirn, das den Beginn der Fasten- oder »österlichen Bußzeit« markiert – als ein Relikt aus der fernen Ursprungszeit des Beichtsakraments. Dieses Kreuz, bestehend aus der Asche von Palmzweigen vermischt mit Olivenöl, empfangen die Pönitenten am Morgen des Tages von einem Priester, der dazu die Formel spricht: »Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst!« Allerdings geht der Brauch, das Haupt von Büßern mit Asche zu zeichnen, auf noch ältere jüdische und christliche Versöhnungsriten für Sünder zurück.

Mit der Schuld – der individuellen wie kollektiven – befassten sich bereits eingehend die hebräischen Propheten und Dichter. »Meine Sünde«, schrieb der Psalmist, »steht mir immer vor Augen« (51,5). Der Trank des Sünders sei »bitter von Tränen«, sein Brot »Asche in seinem Mund«. Einen Vorläufer hat die rituelle Reue im jüdischen Jom Kippur, dem Versöhnungstag, an dem einen Tag und eine Nacht lang gefastet wird. Dieser Brauch, der sich über Jahrhunderte entwickelt hat, diente ursprünglich dazu, Missgeschicke und fehlerhafte Rituale bei Tempelopfern wiedergutzumachen. Im Buch Hiob steht zu lesen, dass die Niniviten, um Gottes Zorn abzuwenden, Sack und Asche trugen, fasteten und beteten. Mit der Zeit diente der Jom Kippur, wie er nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) weithin in Synagogen praktiziert wurde, auch zur Aussöhnung mit denen, die Unrecht erleiden mussten, und um Gott Reue zu bezeigen, wenn man sich gegen ihn vergangen hatte. Nach jüdischer Überlieferung mussten Sünden gegen Gott nur von Gott und Sünden gegen den Nächsten von ihm und von Gott verziehen werden. Den Weisen zufolge bewirkte Buße eine Befreiung von Schuld und eine Reinigung, durch die sich Männer und Frauen Gott wieder annäherten die zentrale Bedeutung der Versöhnung.[i]

In seinem Wirken brachte Jesus als Prophet eine reinere Tradition zum Ausdruck, in der anstatt des äußerlichen Rituals eine Umkehr des Herzens verlangt wurde. So sagte er über die »Sünderin« Maria Magdalena: »Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat.« (Lk 7,47) Kritiker, die daran zweifeln, dass das katholische Bußsakrament biblischen Ursprungs sei, berufen sich dabei auf die Geschichten von der Ehebrecherin, vom verlorenen Sohn, vom guten Schächer und von der Vergebung Petri für seine Verleugnung Christi, Erzählungen, die belegen, dass Vergebung auch ohne außenstehenden Mittler, Priester oder Beichtvater möglich sei. Jakobus und Johannes verkündeten, es sei für Christen notwendig, sich ihre Sünden gegenseitig zu beichten.[ii]

Als wichtigster Ritus, um Menschen von der Sünde loszusprechen, diente in der Urkirche die Taufe, die bekehrten Erwachsenen zuteilwurde – als Vergebung der Erbsünde Adams und Evas. Mit dem Taufwasser wurde die Entsühnung, die Jesus mit seinem Opfertod am Kreuz einst für die ganze Menschheit erreicht hatte, nun auch für den Einzelnen vollzogen. Dabei wurden den Katechumenen, den Taufbewerbern, hohe Hürden gesetzt: Ihrer Taufe voran ging eine lange Zeit der Gebete und der Enthaltsamkeit. Dabei mussten sie sich sogar von offiziellen Exorzisten ihre Dämonen austreiben lassen.

Als sich mit wachsender Stärke und Verbreitung der Urkirche auch die Verfehlungen unter den Gläubigen mehrten, bildeten sich Rituale zur Versöhnung als einmaliges Ereignis heraus. In der Frühzeit des Christentums konnten Glaubensbrüder, die wegen schwerer Sünden aus der Gemeinde ausgeschlossen worden waren, erst wieder eintreten, wenn sie eine Reihe schmerzlicher öffentlicher Zeremonien über sich hatten ergehen lassen.

Da Christen als gefährdete Minderheit häufig um ihre Existenz, ja um ihr Leben bangen mussten, stellten sündige Mitglieder, die schwere Verbrechen begangen hatten, für die Gemeinschaft als Ganzes eine Bedrohung dar. Auch herrschte die Überzeugung, dass der Jüngste Tag schon nahe sei, weshalb unbußfertige Sünder in der Gefahr der ewigen Verdammnis schwebten. Die Rituale der Umkehr wurden mit aller Härte, Melodramatik und vor allem in Gemeinschaft vollzogen: Büßer mussten zu Beginn der Fastenzeit barfuß, angetan mit Säcken, kahlgeschoren und mit beschmierten Gesichtern und Köpfen vor den Altar und den Bischof treten.[iii] Wenn die Gemeinde die langen Fürbitten an die Heiligen rezitiert hatte, erhoben sie sich und bekannten sich laut zu ihren Sünden, hauptsächlich zu Ehebruch, Gewalttaten und Götzendienst. In einer Zeremonie riefen Geistliche und Laien laut aus: »Indulgentia« (Gnade): »Erlöse uns von unserem Elend!« -- »Hilf allen Büßern!« Der christliche Schriftsteller Tertullian (* nach 150 † nach 220) beschrieb im zweiten Jahrhundert das Gebaren eines Büßers in Rom: »Er wirft sich inmitten der Kirchengemeinde nieder … Er ergreift den Saum ihrer Gewänder, küsst ihre Fußabdrücke und umklammert ihre Knie.« Der Kirchenvater Hieronymus (347-420) schrieb über eine verwitwete römische Büßerin, der Ehebruch zur Last gelegt wurde: »Der Bischof, die Priester und die Menschen weinten mit ihr. Mit zerzaustem Haar, blassem Antlitz, die Hände beschmutzt und das Haupt mit Asche bedeckt, schlug sie sich an die nackten Brüste und das Gesicht, mit denen sie ihren zweiten Ehemann verführt hatte. Sie zeigte allen ihre Wunden, worauf Rom, in Tränen aufgelöst, die Narben auf ihrem ausgemergelten Leib betrachtete.«[iv]

Die Wiederaufnahme von Büßern in die Gemeinde, über die häufig die Glaubensgemeinschaft entschied, fand traditionell am Gründonnerstag, also am fünften Tag der Karwoche, statt.

Das Ritual setzte sich nicht ohne Probleme durch. In der Frühzeit der Kirche kämpften radikale Gruppen dagegen, ausgeschlossene Christen wieder aufzunehmen. Kasuistische Streitigkeiten entbrannten, insbesondere um geschlechtliche Sünden, an denen sich die Urchristen mit obsessiver Besorgnis festbissen. Der einflussreiche Tertullian, von Beruf Anwalt und ein strenger Zuchtmeister, war überzeugt: Geschlechtsverkehr, selbst zwischen Verheirateten, verunreinige Leib und Seele. Auch unterzogen Frauen die Keuschheit des Mannes beständig einer harten Probe, weshalb sie nicht als vollwertige Menschen gelten konnten. Sie waren, so Tertullian in De Cultu Feminarum, das »Einfallstor des Teufels«, eine Bresche, durch welche die weltliche Verderbnis in die Festung der Kirche einfiel, um die keusche Gemeinschaft der männlichen Heiligen zu vergiften. Ewige Jungfräulichkeit war des Weibs höchste Tugend. Eine Witwe, die nochmals heiratete, beging gleichsam Ehebruch. Die Wonne des Höhepunktes galt Tertullian als Schande: »Spüren wir in dieser letzten Entäußerung der Lust nicht den Verlust unserer Seele?« Nach ihm waren die wichtigsten Todsünden – der Abfall vom Glauben, Götzendienst, Ehebruch und Totschlag – schlichtweg unverzeihlich, eine Argumentation, durch die später immer mehr reuigen Sündern die Wiederaufnahme in die Kirche verwehrt wurde und die Debatten darüber entfachten, wo Ehebruch begann und wo er endete.[v] So warf Bischof Cyprian von Karthago (* um 200 oder 210 † 258) die Frage auf, ob eine geweihte Jungfrau, die sich gegen die Keuschheit vergangen habe, als Ehebrecherin gelten könne, obwohl sie nicht verheiratet sei, eine Frage, die er nach langer Erörterung klar bejahte. Weil sie sich gegen ihren Gatten, Jesus Christus, versündigt habe, müsse sie die entsprechenden Strafen erleiden.

Mit der Zeit setzte sich unter den Christen allerdings die Überzeugung durch, dass mit der Wiederkunft Christi als Vollendung der Heilsgeschichte doch nicht mehr zu ihren Lebzeiten zu rechnen war.

 

***

 

Gut zwölf Kilometer vor der Küste Kerrys im Westen Irlands ragt über dem Atlantik ein windgepeitschter Felsen auf, auf dem die Reste des uralten Klosters Skellig Michael stehen, das schon im 6. Jahrhundert gegründet worden sein soll. Auf dieser unwirtlichen Insel gab sich einst eine Gemeinschaft von Mönchen in Abgeschiedenheit dem Gebet und der Buße hin. An Stätten wie diesen, die in den fernsten Winkeln der damals bekannten Welt lagen, entwickelte sich, noch ehe es den Begriff gab, eine frühe Form der Beichte.

Mit den Einfällen durch Westgoten und Franken – und dem Zusammenbruch von Zivilgesellschaften -, verlor ab dem 5. Jahrhundert die Praxis, aus der Gemeinde ausgeschlossene Gläubige mit aufwendigen Versöhnungsriten wieder aufzunehmen, allmählich an Bedeutung. Dagegen bildeten sich in Klostergemeinschaften in Irland, Schottland und Wales Formen einer regelmäßigen Buße im Privaten heraus, die unter der Führung von Kirchenältesten, Äbten und Äbtissinnen stattfand.

Als Mönche aus dem Norden auf Missionsreisen den europäischen Kontinent durchstreiften, verbreitete sich diese Praktik schrittweise auch außerhalb der Klöster. Diese »aurikuläre«, also »in ein Ohr« geflüsterte Privatbeichte, die gegenüber einem Mönch oder einer Nonne abgelegt wurde, trat an die Stelle des alten Konzepts einer Sündenvergebung, die durch die Gemeinschaft erfolgte. Ein entscheidender Unterschied zwischen dieser und der alten Form der Versöhnung bestand darin, dass neben den schweren, den Todsünden, nun auch minderschwere – lässliche -- Sünden gebeichtet wurden. Die Bußen fielen ebenso streng aus wie in der Vergangenheit, wurden aber ein Stück weit kodifiziert, indem Bischöfe, Abte und führende Missionare Kataloge mit »^^Bußtarifen« für bestimmte Sünden erstellten: Schlafentzug, Fasten, Pilgerfahrten, die allein oder in Gruppen unternommen werden mussten, oder eine Verbannung. Die heutigen christlichen Fastentage, der katholische Brauch, Freitags kein Fleisch (wohl aber Fisch) zu essen, sowie die beliebten Wallfahrten leiten sich von diesen Bußpraktiken her, die sich in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends herausbildeten. Bis heute praktizieren Pilger an der Wallfahrtsstätte St. Patrick's Purgatory auf der Insel Station Island im irischen Donegal County Formen der Selbstkasteiung, die an diese Bußen des 6. Jahrhundert gemahnen: Sie beten die ganze Nacht hindurch in der Kirche und schreiten am nächsten Tag, in Gebete versunken, barfuß über Felsen. Drei Tage lang nehmen sie nur eine einzige Mahlzeit zu sich, die aus trockenem Toast und Schwarztee besteht.

Die Handbücher, in denen die damaligen Bußtarife festgehalten waren, hießen später Bußbücher oder Pönitentialien. Zu den einflussreichsten zählt das des heiligen Columban von Luxeuil, der Klostergemeinschaften in Frankreich, der Schweiz und Italien gründete und einer der bedeutenden europäischen Missionare seiner Zeit wurde. Columban, der sein Werk um 600 verfasste, betont darin neben den Sünden des Tuns und Unterlassens und den Vergehen gegen andere und die Gemeinschaft auch die geistigen Sünden. Wenn einer auch nur »in Gedanken« danach trachte, zu töten, Unzucht zu treiben, zu stehlen, sich heimlich der Völlerei hinzugeben, sich zu betrinken oder einen anderen zu schlagen, »so verordne ihm für die schweren Sünden für ein halbes Jahr und für die minder schweren 40 Tage Buße bei Brot und Wasser«. Auch mahnt Columban, dass wir so, wie wir vor dem Abendmahl »Tod- und fleischliche Sünden« meiden müssten, »auch vor dem Bund des wahren Friedens und dem Band der ewigen Erlösung uns zügeln und von inneren Lastern und Krankheiten der siechen Seele reinigen« müssten.

In den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte konzentrierten sich die Pönitentialien auf die Sünden des Fleisches, die mit Enthaltsamkeit in der Ehe gesühnt wurden. Ausgiebig befassten sich ihre Autoren auch mit dem Abortus. So sollte einer Frau, die eine Schwangerschaft 40 oder mehr Tage nach deren geschätztem Beginn abbricht, dieselbe Buße auferlegt werden wie einer Mörderin. Nach Columbans Bußbuch muss ein Laie, der mit einer verheirateten Frau ein Kind gezeugt hat, seine Sünde dadurch abbüßen, dass er sich »drei Jahre von schmackhafteren Speisen und der eigenen Frau zurückhält«. Begeht ein Laie »auf sodomitische Art« Unzucht, »hat er sich also durch einen verweiblichten Verkehr mit einem Mann versündigt«, so muss er sieben Jahre Buße tun, »die ersten drei nur bei Brot, Wasser, Salz und getrockneten Erzeugnissen aus dem Garten. In den verbleibenden vier verzichte er auf Wein und Fleisch«. Besonderen Wert legte Columban in seinen Unterweisungen auf ein sittenstrenges Leben: »Wenn jemand seine Arme oder Knie entblößt, und sei es auch sitzend im Bad, ohne dass er sich von Schmutz reinigen muss, so erlege ihm auf, dass er sich sechs Tage lang nicht mehr wasche, das heißt, lasse den unflätigen Badende seine Füße bis zum nächsten Tag des Herrn nicht mehr waschen.«[vi]

Im irischen Bigotian Penitential aus dem 8. Jahrhundert beschäftigt sich der Verfasser mit der Masturbation. Wenn ein Priester durch sündige Gedanken »einen Erguss seines Samens verursacht hat«, so muss er eine Woche fasten. Hat er »sein Glied mit der Hand berührt«, so soll er drei Wochen Buße tun. »Derjenige, der durch leidenschaftliche Gedanken seinen Samen oft zum Erguss bringt, soll 20 Tage Buße tun.« Und weiter heißt es: »Derjenige, der seinen Samen ergießt, während er in der Kirche schläft, der tue drei Tage lang Buße. Wenn er sich selbst stimuliert, so tue er für die erstmalige Sünde 20 und für das zweite Mal 40 Tage Buße. Und wenn es öfter geschieht, so seien ihm zusätzliche Fasten auferlegt.«

Frauen sollten unter bestimmten Umständen vom Kirchgang ausgeschlossen werden. »Während ihrer Monatsregel sollen Frauen weder eine Kirche betreten noch die Kommunion empfangen«, heißt es im Bigotian Penitential. »Der mit seiner Frau während ihrer Monatsregel verkehrt, soll 20 Tage Buße tun.« Eine Schwangere darf mit ihrem Mann drei Monate vor der Niederkunft und anschließend während der Zeit der Reinigung nicht mehr verkehren: also 40 Tage und Nächte.«[vii]

Mit der Entwicklung der Bußbücher rückte auch die Rolle des Beichtvaters in den Blick. Ein Pönitentiale warnt vor dem Verbrechen, in der Beichte Erfahrenes weiterzuerzählen. In den Bußbüchern erörtert werden zudem Kategorien von Sünden, die neben Verstößen gegen die Zehn Gebote auch die Sieben Todsünden umfassen oder die aus dem Buch Levitikus, den Paulus-Briefen oder der persönlichen Weisheit des jeweiligen Verfassers entstammen.

Vorsätzlichen Taten werden jene ohne Absicht entgegengestellt: Der sündige Wunsch, der nur durch einen Mangel an Gelegenheit vereitelt wird, wiegt so schwer wie die ausgeführte Tat. Vorsätzliche Verbrechen erfordern eine größere Bußleistung als unüberlegte. So winken dem Mörder, der sein Verbrechen plante, zehn Jahre Verbannung, während derjenige, der in der Hitze des Gefechts getötet hat, nur sechs Jahre verbannt wird. Eine Sünde, die zur Gewohnheit geworden ist, wird härter abgebüßt als eine einmalig begangene.

Berücksichtigt wird zudem der Status des Sünders, je nach dem Grad der Verantwortung, den Privilegien und dem Bildungsstand. So trägt ein Bischof eine schwerere Schuld als ein Priester oder Laie, der dieselbe Sünde begangen hat. Mildernde Umstände gelten bei Kranken, Arbeitslosen und Armen. Einem reichen Büßer wurde gestattet, einen Stellvertreter dafür zu bezahlen, seine Buße zu übernehmen.

Die Pilgerfahrt, eine immer beliebtere Buße, beruhte auf dem Glauben an die Wundertätigkeit und Wirkkraft der Heiligenreliquien. Die Gebeine der Heiligen Petrus und Paulus zogen Gläubige in Scharen nach Rom als dem Zentrum der Christenheit. Dabei konkurrierte die Ewige Stadt allerdings mit Jerusalem. Während Muslime auf Pilgerfahrt nur Mekka zum Ziel haben, verfügten Christen von frühester Zeit an über eine Fülle an Wallfahrtsorten, zu denen nicht nur die zahlreichen Stätten mit Gräbern und Reliquien von Heiligen, sondern auch die übernatürlicher Erscheinungen und Begebenheiten zählten.[viii] So soll 490 in einer Berghöhle auf der Halbinsel Gargano, Italiens Stiefelsporn, der Erzengel Michael erschienen sein. Der Kirchenvater und Heilige Johannes Chrysostomos empfahl einen Besuch des Schreins an der Stelle, wo Hiobs Misthaufen gestanden haben soll, »wohin viele eine lange Pilgerfahrt, sogar zur See, unternehmen, und dazu aus den entlegensten Winkeln der Welt herbeieilen, ja aus dem fernen Arabien, um den Boden eines solchen Siegers zu küssen«. Ebenso beliebt war die Stätte des brennenden Dornbuschs am Fuße des Bergs Sinai. Im 9. Jahrhundert war nach Rom und Jerusalem eines der bedeutendsten Pilgerziele das galicische Santiago de Compostela, wo der Legende nach der enthauptete Leib des Jakobus – nach einer wundersamen Reise von Jaffa aus in einem Steinschiff -- gelandet sein soll. Den zahlreichen Pilgerberichten zufolge boten diese Reisen nicht nur Gelegenheit zur Buße, sondern dienten auch reichhaltigen Zerstreuungen, Lustbarkeiten und sexuellen Abenteuern. In dem spirituellen Gütertausch der damaligen Zeit konnten Wallfahrer darauf zählen, dass ihnen die Anwohner entlang der Pilgerrouten als Gegenleistung für besondere Gunstbeweise und ihren Segen Kost und Logis darboten. Für viele wurde die Pilgerfahrt so zu einer Lebensweise.

Die Bußen, die selbst Könige und Fürsten auferlegt bekamen, erzählen mitunter auch die Geschichte des Widerstreits zwischen Thron und Altar. So erlegte Papst Alexander II. (* um 1010 † 1073) Wilhelm dem Eroberer (*1027 † 1087) auf, in der heutigen Stadt Battle eine Abtei zu errichten, um so den Tod des angelsächsischen Königs Harald II. in der Schlacht zu sühnen. Ein spektakuläres Bußritual absolvierte 1077 Heinrich IV., der ^^spätere römisch-deutsche Kaiser. In seinem titanenhaften politischen Kampf mit Papst Gregor VII. um die Frage, wem in der lateinischen Christenheit der Vorrang gebühre, hatte dieser höchst bedeutende Reformpapst über ihn den Kirchenbann verhängt und so seine weltliche Autorität über die deutschen Fürsten, Bischöfe und das Volk unterminiert. In seiner als untragbar empfundenen Lage reiste der exkommunizierte römisch-deutsche König im tiefsten Winter zu Gregor, der in den hohen Bergen des Apennins in der Burg von Canossa residierte. Vor ihr kniete er barfuß und nur mit grobem Sackleinen angetan im Schnee drei Tage und Nächte nieder, um mit diesem selbstauferlegten Akt der Buße und Reue Absolution und Versöhnung zu erflehen. Wie Gregor anmerkte, lösten des Kaisers Klagen »bei allen, die sich dort aufhielten oder die die Kunde von dem Geschehen erreichte, so großes Mitleid und jämmerliches Erbarmen aus, dass sie sich mit Gebeten und Tränen für ihn einsetzten«. Am Ende gab Papst Gregor nach, befahl die Tore zu öffnen und sprach Heinrich mit einem Friedenskuss von seinen Sünden los.

Im nächsten Jahrhundert sah sich der englische König Heinrich II. (1133-1189) zur Buße gezwungen, um Vergebung für den Mord an Thomas Beckett zu erlangen: Er bekannte sich am 12. Juli 1174 öffentlich dazu, dass er an dem Verbrechen beteiligt gewesen war, und ließ sich in der Kathedrale von Canterbury von 80 Mönchen den Rücken geißeln.

Als die Ohrenbeichte weitere Verbreitung fand, tauchten Ergänzungen zu den Bußbüchern auf, die Priester in ihren pastoralen Aufgaben gegenüber den Büßern unterstützen sollten. Die Schriften Petrus Abaelardus' (1079-1142), des Theologen und Philosophen des 11. Jahrhunderts, der sich bekanntermaßen in Heloisa verliebte, geben einen Einblick in die Diskussionen und Debatten, die im Frühmittelalter über die Beichte geführt wurden. Abaelardus beklagt die Unwissenheit der Beichtväter, die das Wesen des Sakraments nicht verstünden oder es versäumten, den Pönitenten die Grundlagen mitzuteilen, auf denen sie Vergebung erlangen könnten, und sie so betrogen. Die korrupten Praktiken des Hoch- und Spätmittelalters vorausahnend, geißelte er Bischöfe, die dazu neigten, Pönitenten gegen Almosen gebührende Bußen zu erlassen. Die Tragweite der Beichte, die das Schicksal der individuellen Seele berührte, warf Fragen zur spirituellen Verfassung der Beichtväter auf – ob sie überhaupt geeignet seien, Seelen zu leiten. Ebenfalls im 11. Jahrhundert leistete Petrus Damiani (1006-1072), ein asketischer Benediktinermönch, der zum Bischof und Kardinal aufstieg, zum Thema einen schlüssigen Beitrag. Während er die Bußfertigen bekanntermaßen milde behandelte, begegnete er dem laxen Klerus mit unerbittlicher Strenge. Er rügte Bischöfe, die sich mit Schach die Zeit vertrieben, oder prangerte das Luxusleben von Klostervorstehern an. In seinem Buch Liber Gomorrhianus (»Das Buch von Gomorrha«) lenkt er die Aufmerksamkeit auf den sexuellen Missbrauch heranwachsender Knaben durch Geistliche. Der Zusammenhang macht deutlich, dass er sich dabei auf Ordenshäuser und Klöster bezieht, in denen Jungen als angehende Laienbrüder oder Novizen untergebracht wurden. Sein Augenmerk galt insbesondere den Nöten der Opfer von Sodomie. Damiani verfocht für alle Priester den Zölibat und zog gegen Homosexualität, gegenseitige Masturbation sowie gegen Schenkel- und Analverkehr zu Felde. Dabei war er überzeugt, zügellose Lust sei eine Ursache des Irrsinns.

 

[i] Siehe hierzu Cambridge History of Judaism, Bd. 4, Cambridge 2006, S. 941, sowie Roland de Vaux, Ancient Israel, (aus dem Französischen) London 1962, S. 507-510. (Dt.: Das Alte Testament und seine Lebensordnungen, Freiburg u. a. 1960-1962.)

[ii] Henry Charles Lea, A History of Auricular Confession, London 1896, S. 3f.

[iii] Siehe hierzu L. Duchesne, Christian Worship its Origin and Evolution, London 1904, S. 435-443 (original: Origine de culte crétien, Paris 1889), John Mahoney The Making of Theology, Oxford 1987, S. 2-5, sowie Robin Lane Fox, Pagans and Christians, London 1986, S. 336.

[iv] Zitiert nach Michel Foucault »Christianity and Confession« (Vortrag) in: The Politics of Truth, Los Angeles 1997, S. 207. Siehe ebenso Chloe Taylor, The Culture of Confession from Augustine to Foucault, New York 2009, S. 18f.

[v] Zum Körper, zur Enthaltsamkeit und zur Frauenfeindlichkeit bei Tertullian siehe Peter Brown, The Body and Society, London 1988, S. 76-82. (Dt.: Die Keuschheit der Engel: sexuelle Entsagung, Askese und Körperlichkeit am Anfang des Christentums, München und Wien 1991.)

[vi] The Irish Penitentials, hg. v. Ludwig Bieler und D. A. Binchy,Dublin 1975. S. 107.

[vii] Ebenda, S. 223.

[viii] Siehe hierzu Peter Brown, The Cult of the Saints: Its Rise and Function in Latin Christianity, Chicago 1981.

John Cornwell

Über John Cornwell

Biografie

John Cornwell, geboren 1940, ist Fellow am Jesus College in Cambridge und forscht am dortigen „Centre for Advanced Religious and Theological Studies“. Sein Buch "Wie ein Dieb in der Nacht" über den Tod Johannes Paul I. wurde von Anthony Burgess und Graham Greene als "Musterbeispiel für...

Pressestimmen

taz

»Provokant wird Cornwells Studie zur Geschichte und zur Gegenwart dadurch, dass er Papst Pius X. und sein Dekret "Quam singulari" in den Mittelpunkt seiner Abhandlung stellt. In ihm bestimmte Pius X. 1910, dass jeder Katholik von nun an einmal in der Woche, statt wie früher einmal im Jahr, zur Beichte gehen müsse. Und noch viel dramatischer: Pius X. führte damit die Kinderbeichte und die Erstkommunion für die erst Siebenjährigen ein. Zu Recht spricht Cornwell von einem "der gewagtesten Experimente an Kindern, die je im Namen des Christentums verordnet wurden".«

Neue Presse

»Der britische Theologe John Cornwell - der Priester hatte werden wollen, aber nach sieben Jahren im Seminar erkannte, dass er dafür nicht geschaffen war -, erzählt eine dunkle Geschichte von Macht und Unterdrückung, von Sünde und Missbrauch. Das "Bußsakrament", so schreibt er, sei durch die Drohung mit ewiger Bestrafung in der Hölle für die, die ohne Beichte sterben, ein Instrument der Angst und der Kontrolle. Schlimmer noch: Viele Priester hätten die intime Atmosphäre des Beichtstuhls zum Missbrauch von Kindern ausgenutzt.«

SRF 2 "Das Sachbuchtrio in Kontext"

»John Cornwell Licht in die dunklen Seiten eines Sakramentes. «Die Beichte - eine dunkle Geschichte» heisst sein präzis recherchiertes Sachbuch. [...]. Ein sehr leidenschaftliches und engagiertes Buch, das sich nicht als Hasstirade gegen die katholische Kirche liest sondern unendlich aufmerksam macht, was diese Beichte mit jungen Menschen anrichtet.«

Deutschlandradio Kultur

»Der Journalist und Autor Cornwell ist kein Kirchenhasser, aber ein kritischer Katholik, der in bald 50 Jahren immer wieder zu kontroversen kirchlichen, theologischen und politischen Fragen Stellung genommen hat. [...]. Anhand Hunderter von Briefen oder Interviews, die er nach eigenen Angaben mit Opfern geführt hat, kommt er zu der These, dass gerade die Beichte der schrecklich-ideale Ort war, wo Täter in Priester-Soutane Kinder und Jugendliche sexuell missbrauchten. Immer wieder und geradezu erschütternd schildert Cornwell, wie katholische Priester die Machtposition des Sündenvergebers im Namen des Herrn ausnutzten, um sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen auszuüben - alles vor dem Hintergrund einer völlig verkorksten sexuellen Sozialisation der Täter selbst im katholischen Milieu der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. [...]. Eine fesselnde und lehrreiche, wenn auch deprimierende Lektüre.«

Deutschlandfunk "Andruck"

»Ein Pluspunkt dieses Buches, das sei an den Anfang gestellt, ist die Glaubwürdigkeit des Autors. John Cornwell analysiert das Katholische Bußsakrament als Betroffener. […] Drei Teile hat sein Buch: Der erste Teil schaut zurück auf die Geschichte der Beichte. […] Im zweiten Teil des Buches stehen die „Beichtkinder“ im Mittelpunkt – ein Begriff, den Cornwell mit Bedacht gewählt hat. […] Der dritte Teil des Buches schließlich beschäftigt sich mit dem sexuellen Missbrauch im Beichtstuhl. Wie Priester Monate im beständigen Wechsel zwischen Angst vor Sünde und Vergebung der Sünde Abhängigkeitsverhältnisse zu den Kindern aufbauen bis sie das erschlichene Vertrauen schließlich schamlos ausnutzen: Der Beichtstuhl als Eldorado pädophiler Priester. […] Cornwell beschreibt ebenso unumwunden wie unaufgeregt die psychischen Grausamkeiten der Beichte; unaufgeregt und klar ist aber auch seine gesellschaftspolitische Analyse. […] Heute spielt die Beichte keine Rolle mehr. Die Beichtstühle in den Kirchen sind abgebaut oder dienen als Lagerraum für Putzmittel. Ob es eine Renaissance der Beichte geben wird, lässt sich aber noch nicht abschließend sagen. Papst Franziskus hat zwar in Italien einen Beichtboom ausgelöst, in anderen Ländern dominiert aber die Distanz. Wer diese Entwicklungen verstehen und ein dunkles Kapitel der abendländischen Kulturgeschichte kennenlernen möchte, dem sei „Die Beichte“ von John Cornwell dringend empfohlen!«

Christ & Welt (Die ZEIT)

»Cornwell erzählt die Kirchengeschichte der Beichte von den Anfängen bis zur kriselnden Gegenwart. Einen besonderen Akzent legt er auf das Pontifikat Pius’ X. (1903-1914). Der legte fest, dass die erste Beichte schon mit sieben Jahren erfolgen sollte und nicht mehr wie bis dahin üblich mit 13. Viel zu kleine Kinder, kritisiert Cornwell, wurden mit Todsünden konfrontiert, viel zu intensiv wurden ihre Gedanken auf Reinheit von sexuellen Verfehlungen geprüft. Viel zu früh hätten Priester ohne Ausbildung in Pädagogik oder Kinderpsychologie unkontrollierten Zugang zu Kindern bekommen. Zahllose Kinder habe die katholische Kirche mit einem Bild vom grausamen Gott traumatisiert, schreibt Cornwell.«

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