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Die Ballade vom Fetzer

Die Ballade vom Fetzer

Historischer Roman

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Die Ballade vom Fetzer — Inhalt

Köln 1803: Auf dem Alten Markt trägt sich die letzte öffentliche Hinrichtung in der Geschichte der Stadt zu. Geköpft werden soll Mathias Weber – »der Fetzer«. Doch hinter den Gräueltaten des berühmt-berüchtigten Räuberhauptmanns, der vom Volk mit Schrecken gefürchtet ist, verbirgt sich ein tragisches Schicksal, das ihn zu dem gemacht hat, der er ist ...

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Erschienen am 12.11.2013
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96284-1

Leseprobe zu »Die Ballade vom Fetzer«

Als Ludwig XVI. am 21. Januar 1793 in Paris durch die Guillotine hingerichtet worden war, erklärte nun auch England der französischen Revolutionsregierung den Krieg. Preußen und Österreich waren schon 1792 ein Bündnis gegen Frankreich eingegangen.

Intrigen, Machtgier und Fehler der militärischen Führung machten die verbündeten Armeen zu schwach. Anfang Oktober 1794 besetzte die französische Revolutionsarmee Köln, Bonn, Kleve und Koblenz, und kurze Zeit später war das linke Rheinufer die neue Grenze der französischen Republik. Die linksrheinischen [...]

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Als Ludwig XVI. am 21. Januar 1793 in Paris durch die Guillotine hingerichtet worden war, erklärte nun auch England der französischen Revolutionsregierung den Krieg. Preußen und Österreich waren schon 1792 ein Bündnis gegen Frankreich eingegangen.

Intrigen, Machtgier und Fehler der militärischen Führung machten die verbündeten Armeen zu schwach. Anfang Oktober 1794 besetzte die französische Revolutionsarmee Köln, Bonn, Kleve und Koblenz, und kurze Zeit später war das linke Rheinufer die neue Grenze der französischen Republik. Die linksrheinischen deutschen Gebiete gehörten nun zu Frankreich.

Über dreihundert machtlose Kleinstaaten bildeten damals das Deutsche Reich. So konnten die französischen Truppen, ohne auf ernsthafte Gegenwehr zu stoßen, auch die Städte am rechten Rheinufer besetzen.

Deserteure, Plünderer, Wegelagerer und Räuberbanden ängstigten und terrorisierten ungehindert die Bevölkerung in Stadt und Land. Noch gab es niemanden, der es mit Erfolg wagte, gegen diese Banden anzugehen. Noch war Krieg in Europa. Die Franzosen marschierten jetzt gegen Holland.

 

Dezember 1794

In den Militärbaracken vor Arnheim lagen die Soldaten auf ihren Pritschen. Die meisten hatten die Mäntel nicht ausgezogen, der Winter im Jahr 1794 war sehr kalt. Die Franzosen eroberten Holland. Niemand hatte sie bisher ernsthaft aufhalten können. Um Arnheim wurde noch nicht gekämpft. Die wenigen deutschen und holländischen Soldaten warteten hier als Vorposten auf den Krieg.

Hermann Plötz flüsterte mit seinem Freund Peter Hefrich. Die beiden Soldaten saßen dicht nebeneinander auf einer Pritsche. Auf dem Strohsack daneben lag ein junger Soldat. Er hatte die Augen geschlossen, aber Mathias Weber schlief nicht.

Hermann Plötz sagte leise: »Wir halten den Postwagen an. Dann reißen wir einen Geldkoffer von der Ladefläche und verschwinden.«

Sein Freund biss sich auf die Unterlippe und schüttelte den Kopf. »Mit dem Wagen fahren drei Soldaten als Wache. Das schaffen wir nicht.«

Mathias Weber öffnete die Augen. Er stützte sich auf den rechten Ellenbogen und zischte leise durch die Zähne. Die Flüsternden fuhren herum. Plötz fauchte: »Schlaf, du Zwerg!« Mathias Weber sagte ruhig: »Ich will ein Drittel aus dem Geldkoffer.«

Peter Hefrich war mit einem Satz bei ihm. »Du hast gehorcht!« Er packte ihn.

Es gab einen kurzen Kampf. Mathias war kleiner und schwächer. Hefrich presste ihm den Daumen auf den Adamsapfel. Mathias versuchte, die Hand von seiner Kehle wegzustoßen, schaffte es aber nicht. Mit einem Ruck zog er das rechte Knie an und stieß es dem Angreifer in den Unterleib. Stöhnend fiel der Soldat zur Seite und schlug zwischen den Pritschen auf den Boden. Mathias kniete sich über ihn und ballte eine Hand zur Faust. Doch Hefrich stöhnte nur und presste die Hände zwischen seine Beine.

Mathias Weber stand langsam auf und legte sich wieder auf seinen Strohsack. »Idiot!«, flüsterte Hermann Plötz.

»Ich werd den Postwagen überfallen«, sagte Mathias ruhig. Hefrich richtete sich mühsam vom Boden auf. Er versuchte zu lachen. »Du bist ein verdammter Angeber, Zwerg!«

Mathias ballte die Hände. »Nenn mich nicht Zwerg!« Er war klein, aber kein Zwerg, nur etwas kleiner als die anderen Sechzehnjährigen in der Truppe. Er war mager und hatte nur spärliches, weißblondes Haar. Die Nase war platt, die stumpfe Spitze nach oben gestülpt. Die fleischigen Lippen wirkten wie ein breiter Clownsmund in seinem schmalen Gesicht. Er hatte tief liegende schwarze Augen.

»Ich werd den Postwagen allein überfallen! Ihr müsst mir nachher nur mit dem Geldkoffer helfen.«

Sie waren schon eine Stunde durch den Schnee gestapft, endlich sahen sie die schwachen Lichter des Arnheimer Stadttores. Mathias blieb stehen. »Es muss jetzt eine halbe Stunde nach Mitternacht sein.« Die beiden anderen nickten.

»Hier beginnt die Steigung. Hier fährt der Postwagen langsamer. Hier freuen sich die Soldaten auf den Schnaps in Arnheim.«

Plötz und Hefrich begriffen nichts. Mathias zog sie vom Fahrweg. Sie warteten im Graben und schlugen die Stiefel aneinander und rieben sich mit den Handschuhen die Ohren.

Bald hörten sie ganz entfernt das Quietschen von Wagenfedern. Im blassen Licht der Nacht erkannten sie den schwachen Laternenschein der Kutsche, die sich wie ein schwarzes Ungetüm auf dem verschneiten Fahrweg näherte. Mathias ließ den Mantel zu Boden gleiten. Er zog ein breites Messer aus dem Gürtel und duckte sich an den Wegrand. Jetzt konnte er die vier Pferde deutlich sehen. Am Fuß der Steigung wurden sie langsamer.

Mathias sprang aus dem Graben. Das Hinterrad knirschte an ihm vorbei. Er klammerte sich mit der linken Hand an den Eckholm der Ladefläche, lief mit, wurde fast geschleift. In der freien Hand hielt er das Messer. Mit zwei Schnitten durchtrennte er die Lederriemen, die den letzten Koffer hielten. Der Geldkoffer kippte. Mathias ließ los und stürzte gleichzeitig mit seiner Beute auf den verharschten Fahrweg. Dabei verstauchte er sich die Hand.

Die Soldaten hatten nichts gemerkt. Der Postwagen rollte weiter.

Noch auf dem Boden liegend, packte Mathias den Koffer. Er zerrte ihn in den Graben. Seine rechte Hand schmerzte heftig. Hermann Plötz und Peter Hefrich rannten auf ihn zu. Rasch setzte er sich auf seine Beute.

»Hol mein Messer von der Straße«, befahl er Hefrich.

»Plötz, bring mir meinen Mantel, sonst gibt’s kein Geld.«

Die beiden waren größer und stärker als er, sie sahen sich an. Nach ein paar Sekunden ging Hefrich ohne ein Wort auf den Fahrweg und suchte das Messer. Plötz holte den Mantel. Mathias ließ die beiden den Geldkoffer tragen. Die schmerzende Hand bewegte er vorsichtig in der Manteltasche.

Weit auseinander gezogen glühten noch kleine Wachfeuer. Mathias, Plötz und Hefrich schlichen unbemerkt an den schlafenden Wachen vorbei. Am äußersten Feuer rief Mathias leise: »Halt, hier stört uns keiner.«

Im Widerschein der Glut versuchten sie, den Koffer zu sprengen. Erst als Plötz mit einem Stein auf die Riegel schlug, gaben die Schlösser nach. Plötz und Hefrich schoben Mathias einfach zur Seite. Hefrich riss den Deckel hoch, Plötz fiel auf die Knie, sie starrten stumm auf den Inhalt: Prall gefüllte Leinensäcke waren dicht um einen kleinen Kasten gepackt.

Mathias fasste sein Messer mit der linken Faust, warf sich zwischen die beiden Soldaten und stach in einen der Beutel. Dukaten quollen heraus. Hefrich griff mit beiden Händen nach dem Geld. »Ich bin reich!«

Mathias setzte ihm die Spitze des Messers auf den Handrücken. »Weg!«

Plötz umklammerte den Stein und holte weit aus. Da setzte Mathias Hefrich die Klinge an den Hals. »Weg! Ich teile!«

Hermann Plötz ließ den Stein fallen. Mathias stieß Hefrich vor die Brust. Dann griff er nach einem der Geldbeutel. Langsam entzifferte er: »Einhundert Dukaten«.

Es waren achtundzwanzig Leinensäcke in dem Koffer. Mathias teilte die Beute in drei Haufen. Ein Beutel blieb übrig. »Ich nehm noch den letzten.« Er sah die beiden lauernd an, doch sie widersprachen nicht. Dann zerschnitt er die Lederriemen, die um den kleinen Kasten geschnallt waren. »Glassteine«, sagte Mathias enttäuscht. Hefrich ließ die Steinchen durch die Finger rieseln. »Wertlos«, sagte er. Plötz nahm den Kasten und warf ihn ins Feuer. Einige Diamanten glitzerten in der Glut. Den leeren Geldkoffer versteckten sie hinter den Baracken.

Eine Stunde nach dem Morgenappell brachte ein Bote die Nachricht von dem Überfall ins Lager.

»Es muss eine Räuberbande gewesen sein«, berichtete der Mann. Mathias grinste verstohlen, als er das hörte, und lief in die Baracke. Er nahm einen seiner Dukatenbeutel und ging nach Arnheim. Bei einem Trödler kaufte er sich eine wärmere Uniform. In die Stiefelschäfte ließ er kleine Felle stecken. Er suchte noch einen schwarzen Mantel, einen Säbel und warme Handschuhe aus, zog sich um und überließ die alten Sachen dem Trödler. Seine rechte Hand war geschwollen und blaurot angelaufen. Er ging zum Bader und ließ sich eine Heilsalbe geben.

Als er ins Lager zurückkam, sah er Plötz und Hefrich zwischen grölenden Kameraden stehen. Branntweinflaschen kreisten von einem zum anderen. Plötz schrie betrunken: »Trinkt! Ich lade euch die ganze Woche ein. Ich habe Geld genug.«

Ein Unteroffizier hatte die Gruppe beobachtet. Mathias sah, wie er auf Hefrich zuging und ihm auf die Schulter tippte, ihn am Mantel packte und ihn auf die Seite zog. »Woher habt ihr plötzlich so viel Geld?«

Hefrich schwankte. »Gefunden. Lauter schöne Dukaten.«

Der Unteroffizier zog die Pistole und forderte Hefrich auf mitzukommen. Mathias rannte auf die beiden zu, stellte sich in den Weg und sagte drohend zu dem Unteroffizier: »Wir sind viele.« Dann nahm er den halb leeren Leinenbeutel aus dem Mantel. »Das ist für dich. Lass ihn laufen und halt’s Maul.« Der Mann zögerte nicht lange. Er versteckte den Beutel und ging zurück zu dem grölenden Haufen.

Im Januar 1795 überschritten die französischen Truppen die Waal. Kundschafter berichteten im Arnheimer Lager von ihrer Übermacht. Übereilt wurde der Rückzug angeordnet. Die Soldaten des kleinen Vortrupps rafften ihre Habseligkeiten zusammen.

Am Morgen des Abmarsches erschienen Peter Hefrich und Hermann Plötz nicht zum Appell, sie waren in der Nacht desertiert. Der Trupp zog sich über Groenlo bis nach Zwolle zurück. Mathias bestach einen Kutscher und durfte auf einem Pferdewagen mitfahren. Die meisten deutschen Söldner desertierten, und nur noch ein kleiner Haufen des Vortrupps erreichte Zwolle. Zelte wurden aufgeschlagen. Es war kalt.

Am Zahltag musste der kommandierende Offizier bekannt geben, dass kein Geld mehr da war, um den Soldaten den Sold zu bezahlen. Er löste die Truppe auf. Auch Mathias wurde entlassen. Er reiste mit der Postkutsche zurück in die Gegend von Krefeld. Hier kannte er sich aus. Zwischen Grefrath und Büttgen war er 1778 in einem Wirtshaus geboren worden.

Die Mutter war nach seiner Geburt im Kindbett gestorben. Den Vater hatte Mathias kaum gekannt. Der alte Weber hatte bei den Preußen gedient, war desertiert und hatte dann in einer Manufaktur bei Grefrath gearbeitet. Im Frühjahr 1784 war er nach einem Saufgelage gestorben. Der Scherenschleifer Franzis Gerards nahm den Jungen zu sich. Mathias begleitete Gerards von Ort zu Ort, sodass er fast nur in Wirtshäusern aufwuchs. Der Scherenschleifer zeigte ihm schon sehr früh, wie man reichen Bürgern die Geldbeutel aus den Taschen stiehlt, wie wichtig Beine und Füße bei einem Kampf mit stärkeren Gegnern sein können und wohin man einen Menschen schlagen muss, damit er bewusstlos wird und leichter zu berauben ist.

1789 hätte Mathias beinahe seinen Spielkameraden mit einem Knüppel erschlagen. Er hatte ihn Zwerg genannt.

Danach musste Mathias die Gegend verlassen. Mit Hilfe des Pfarrers von Büttgen war er auf das Gut der Gräfin von Efferen-Neersdonk in der Nähe von Vorst gekommen. Er war damals elf Jahre alt. Dort arbeitete er im Stall, lernte Jagen und Schießen. Abends gab ihm der Hausgeistliche Unterricht im Lesen und Schreiben. Mathias lernte leicht und gut, und der Pfarrer hatte gehofft, dass er es weiter als nur bis zum Stallburschen bringen würde. Doch dann war es zu einem Streit mit dem Gutsverwalter gekommen, der sich immer wieder über seinen kleinen Wuchs lustig gemacht hatte. Im Jähzorn war Mathias auf ihn losgegangen und hätte ihn wahrscheinlich umgebracht, wenn er nicht von einigen Knechten zurückgerissen worden wäre. Noch in der Nacht musste er das Gut verlassen. Er war nach Holland gegangen, wo die Söldnerheere der europäischen Fürsten versuchten, die Armeen der französischen Revolutionsregierung zurückzuschlagen. Mathias hatte sich anwerben lassen.

Tilman Röhrig

Über Tilman Röhrig

Biografie

Tilman Röhrig, geboren 1945, lebt in der Nähe von Köln. Der ausgebildete Schauspieler ist seit über vier Jahrzehnten als freier Schriftsteller tätig. Die größten Erfolge brachten ihm seine historischen Romane, die allesamt Bestseller und vielfach übersetzt wurden. Für sein literarisches Werk...

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