Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Blick ins Buch
Die außergewöhnlich ungewöhnlichen Vorsätze des Oliver ClockDie außergewöhnlich ungewöhnlichen Vorsätze des Oliver Clock

Die außergewöhnlich ungewöhnlichen Vorsätze des Oliver Clock

Jane Riley
Folgen
Nicht mehr folgen

Roman

Paperback
€ 15,00
E-Book
€ 12,99
€ 15,00 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung
€ 12,99 inkl. MwSt.
sofort per Download lieferbar
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Kostenlose Lieferung

Die außergewöhnlich ungewöhnlichen Vorsätze des Oliver Clock — Inhalt

In ihrem wunderbar charmanten Roman „Die außergewöhnlich ungewöhnlichen Vorsätze des Oliver Clock“ erzählt die englische Autorin Jane Riley eine warmherzige Geschichte über den Tod, die Liebe und die Wunderlichkeiten des Lebens. Es ist die Geschichte eines ganz besonderen Helden: Oliver Clock ist ebenso schrullig wie liebenswert, ebenso schüchtern wie wild entschlossen (zumindest in der Theorie), voller Sehnsucht nach Liebe und voller Angst, was sie mit sich bringen könnte. Denn: Ordnung ist sein ganzes Leben – Liebe ist Chaos pur  

Oliver Clock leitet das Bestattungsunternehmen seiner Familie – gestorben wird immer! –, führt Listen voller guter Vorsätze und sortiert seine Socken nach Farben. In der Floristin Marie hat er sogar die Liebe seines Lebens gefunden, traut sich nur nicht, es ihr zu sagen. Erst ein Schicksalsschlag lehrt ihn, dass Ordnung nicht alles ist, ein Plan noch lange kein Sieg und Sicherheit nicht genug. Er beschließt, sich zu öffnen: dem Unbekannten, dem Neuen, der Liebe – und der Unordnung, die das alles mit sich bringt .

„Eine anrührende, charmante Liebesgeschichte“ Daily Mirror

„Der schüchterne, sich selbst ständig schlecht machende Oliver ist ein ungewöhnlicher Held, aber ich glaube, niemand wird seinem Charme widerstehen können.“ My Weekly

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 31.05.2021
Übersetzt von: Sabine Thiele
384 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06188-9
Download Cover
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 31.05.2021
Übersetzt von: Sabine Thiele
384 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99823-9
Download Cover

Leseprobe zu „Die außergewöhnlich ungewöhnlichen Vorsätze des Oliver Clock“

Teil eins

Ich muss weniger Kuchen essen.

Ich muss aufhören, Infomercials zu schauen.

Ich muss mir ein Hobby zulegen –
Modellflugzeuge bauen vielleicht?

Ich muss einmal im Monat ins Kino gehen,
auch wenn ich keine Begleitung habe.

Ich muss die Liebe finden.

Kann ich das überhaupt?

Das gelbe Notizbuch

Man sagt, alte Gewohnheiten lassen sich schwer ablegen. Das stimmt. Aber man kann sich auch ganz schnell neue Dinge angewöhnen, wenn man allein lebt. Mit sich selbst zu sprechen, zum Beispiel. Oder die Vorräte in der Speisekammer alphabetisch zu sortieren, die [...]

weiterlesen

Teil eins

Ich muss weniger Kuchen essen.

Ich muss aufhören, Infomercials zu schauen.

Ich muss mir ein Hobby zulegen –
Modellflugzeuge bauen vielleicht?

Ich muss einmal im Monat ins Kino gehen,
auch wenn ich keine Begleitung habe.

Ich muss die Liebe finden.

Kann ich das überhaupt?

Das gelbe Notizbuch

Man sagt, alte Gewohnheiten lassen sich schwer ablegen. Das stimmt. Aber man kann sich auch ganz schnell neue Dinge angewöhnen, wenn man allein lebt. Mit sich selbst zu sprechen, zum Beispiel. Oder die Vorräte in der Speisekammer alphabetisch zu sortieren, die Socken in der Schublade nach Farben. Man kauft Mikrowellengerichte für eine Person, obwohl man doch besser kochen sollte, weil man das eigentlich wirklich gern macht. Man fertigt Listen mit Dingen an, die man gerne unternehmen möchte, stellt sich ein ganz neues Leben vor – alles vom gemütlichen Sofa aus.

Meine Listen klingen wie Neujahrsvorsätze. Allerdings schreibe ich sie das ganze Jahr über, wenn ich glaube, dass mein Leben ein bisschen frischen Wind braucht – ich kritzle sie in ein gelbes, eselsohriges Notizbuch, das ich schon seit Jahren habe. Eine angenehme Art der Abendgestaltung, wenn man sonst kaum etwas zu tun hat und auch niemanden, mit dem man seine Zeit verbringen könnte. Außerdem kann ich dabei gut von meiner Arbeit als Bestattungsunternehmer abschalten.

Eines Abends saß ich wieder mit Rotwein und einem mittelprächtigen Mikrowellen-Chicken-Cacciatore auf dem Sofa und träumte vor mich hin. Ich stellte das Essen auf den Couchtisch und nahm mein Notizbuch, schlug eine neue Seite auf und begann zu schreiben.

Du sollst nicht so dick werden, dass du nicht mehr bequem in einen Sarg in Standardgröße hineinpasst. (Ich muss endlich Sport machen.)

Ich weiß nicht, warum ich plötzlich mit leicht biblischer Anmutung schrieb, aber mir gefiel der gebieterische Ton, den ich bisher noch nie verwendet hatte. Es war irgendwie faszinierend, eine unbestimmte Menge von Menschen anzusprechen, auch wenn das Gebot nur an mich selbst gerichtet war. Es vermittelte mir die Hoffnung, dass ich es dieses Mal vielleicht wirklich vom Sofa schaffen und etwas von dem in die Tat umsetzen könnte, wonach ich mich sehnte.

Du sollst nicht so penibel auf Ordnung achten. (Ich darf auch mal schlampig sein.)

Prompt stupste ich gegen einen meiner Hausschuhe und starrte ihn an, wie er willkürlich und schief dastand, nicht mehr parallel zu seinem Gegenstück. Ich wusste, dass mir der Anblick keine Schweißausbrüche bereiten sollte, aber es war immerhin ein Anfang.

Du sollst dein Sozialleben ausbauen. (Ich muss mir Freunde suchen, die noch nicht gestorben sind.)

Mein Beruf brachte es mit sich, rund um die Uhr im Einsatz zu sein, was engere Kontakte zu anderen erschwerte. Potenzielle Dates kennenzulernen oder gar zu treffen wurde auch nicht leichter, denn mit der Zeit hatten alle meine früheren Singlefreunde geheiratet und Kinder bekommen. Dampfte man das Problem ein, wie beim Reduzieren einer Soße, ging es darum: Ich sehnte mich zutiefst nach einer Partnerin. Nach Liebe. Und am besten beides gleichzeitig.

Ich kaute am Stiftende und fragte mich erschrocken, ob mir nur noch eine Datingplattform blieb. Quelle horreur, wie Mum sagen würde. Doch falls ich mich irgendwo anmelden sollte, wie würde ich mich beschreiben? Junggeselle, neununddreißig Jahre, ausreichend fit für Spaziergänge (maximal), mit einigen überzähligen Pfunden und leicht gebückter Haltung. Gutes Herz und guter Zuhörer. Hält sich für einen Feinschmecker (abgesehen vom heutigen Mikrowellenessen und den sechs anderen Gerichten, die noch im Kühlschrank lagern). Menschen sterben, um ihn zu treffen, doch er sucht nach einer gleichgesinnten – lebenden – Frau, die die Liebe in sein Leben bringt.

Seufz.

Tatsächlich hatte ich bereits ein Auge auf jemanden geworfen, und das schon sehr lange. Wenn Marie nur wüsste, dass sie die gleichgesinnte Frau meiner Träume war, die mein Leben verschönern sollte. Wahrscheinlich gab es nur eine Möglichkeit, diese Hoffnung wahr zu machen.

Du sollst einen Weg finden, dass Marie mit dir ausgeht.

Marie mochte ja verheiratet sein, aber hatte sie nicht vor ein paar Wochen gesagt, dass sie unglücklich war? Die Vorstellung, sie nach einer Verabredung zu fragen, war so ungeheuerlich, dass ich lachen musste. Und nicht wieder aufhören konnte. Erst ein bestrumpfter Fuß, dann der zweite zuckte in die Luft, als ich unkontrolliert kichernd auf das Sofa zurückfiel und mich köstlich über die Dreistigkeit meines letzten Vorsatzes amüsierte.

„Gutes neues Jahr!“, sagte ich laut, auch wenn es ein feuchter Februarabend war, während ich dem unglaublichen Gedanken nachhing, mich auf ein Date mit der Frau zu treffen, die ich seit vierzehn Jahren insgeheim anbetete.

Dann stellte ich die Füße zurück auf den Boden, nahm die Fernbedienung und zappte durch die Sender. Nichts fesselte mich. Schließlich entschied ich mich für eine Dokumentation über Sterne und Galaxien, den Ton schaltete ich aus. Während ich den Wein austrank, wanderten meine Gedanken immer wieder zu Marie. Mein Geist klickte und surrte wie der alte Deckenventilator über mir, als könne er sich nicht entscheiden, ob er langsamer oder schneller werden wolle. Ein passender Vergleich. Will ich, oder will ich nicht? Soll ich mich zurückhalten oder mich hineinstürzen? Langsamer oder schneller werden?

Unsterbliche Liebe

Am nächsten Morgen fuhr ich zur selben Zeit wie immer zur Arbeit (um acht Uhr) und kam dort zur selben Zeit an wie immer (zwölf Minuten nach acht), parkte auf dem kleinen Hof hinter unserem Gebäude, wo vier Stellplätze für das Bestattungsinstitut Clock & Son reserviert waren, und ging zum Hintereingang. Ich schloss die Eingangstür auf, drehte das Schild auf „Geöffnet“ und trat auf den Gehweg, um wie immer die Umgebung zu betrachten und mir einen kurzen Moment lang die Schönheit des quirligen Lebens in der Innenstadt zu vergegenwärtigen, das im Gegensatz zu dem Tod hinter den schweigenden Mauern meiner Firma stand.

Ich atmete den vertrauten Geruch von Abgasen und Kaffee ein, während sich der dichte Morgenverkehr auf der King Street zu einem angenehmen Fluss entspannte. Die Wolken formten Bremsschwellen am Himmel. Der Wind peitschte alles um mich herum in neue Formen. Ich nickte den Passanten zu, doch sie schienen mich nicht wahrzunehmen. Es war mir egal. Ich bin niemand, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und habe die Kunst des Zuhörens gelernt – eine notwendige Eigenschaft in meinem Beruf.

Ich ging hinein und sah in der Leichenhalle nach unserer neuesten Klientin, die unser Thanatologe Roger Dewfield gestern fertig hergerichtet hatte. Anne Mulligan lag geborgen in einem unserer massiven Eichensärge, der mit weißem Satin ausgeschlagen war. Ich strich ihre Jacke glatt, zupfte den Kragen zurecht und schob eine Haarsträhne an ihren Platz. Man würde niemals vermuten, dass die Frau an einem anaphylaktischen Schock durch einen Bienenstich gestorben war, den sie sich beim Rasenmähen zugezogen hatte. Wie gelassen sie nun wirkte. Verschwunden waren die Angst wegen des Stichs und die Schwellungen. Ihr Kopf lag so, wie es sich gehörte, die Muskeln waren völlig entspannt, die Lippen umspielte ein leises Lächeln, die Haut war glatt und weich. Ihr Gesicht war herzförmig – das Kinn ein wenig spitz –, und darauf lag ein fürsorglicher Ausdruck.

Ich weiß, es klingt albern, aber ich unterhalte mich gern mit Leichen. Wenn ich ehrlich sein soll, lindert es meine Einsamkeit, und manchmal hilft es mir auch, die Dinge klarer zu sehen. Die unsinnigen Gedanken von den annähernd vernünftigen zu unterscheiden, die in meinem Gehirn herumrollen wie Smarties in einer fast leeren Packung. Mit Marie und Vorsatz Nummer vier war ich ins Bett gegangen und auch wieder aufgewacht. Die beiden waren mir in die Dusche gefolgt, mir aus meiner Unterwäscheschublade entgegengesprungen und auf meinem Toast gelandet, als hätten sie sich in Marmelade verwandelt. Würde mich dieser eine Vorsatz so lange verfolgen, bis ich etwas unternahm, mich in den Hintern piken und am Ärmel zupfen wie ein nerviges Kleinkind?

Bei unserem letzten Gespräch hatte Marie durchblicken lassen, dass sie unzufrieden in ihrer Ehe war, was mich zum Nachdenken gebracht hatte. War sie wirklich ernsthaft unglücklich, oder war es nur eine beiläufige Bemerkung, die auf so etwas wie die ärgerliche Angewohnheit ihres Ehemanns anspielte, beim Frühstück eine halbe Banane in der Küche liegen zu lassen? Oder dass er seine Kleidung auf den Schlafzimmerboden fallen ließ, was wirklich äußerst enervierend sein konnte, wenn es regelmäßig vorkam?

Marie war die Lieblingsfloristin von Clock & Son, schon seit Eröffnung ihres Ladens Alchemy Flowers vor vierzehn Jahren. Da war sie vierundzwanzig. Damals wie heute erinnerte sie mich an Kleopatra mit ihren schwarzen Haaren, den eindrucksvollen, mit schwarzem Kajal umrandeten Augen und der porzellanweißen Haut. Sie trug ihre Nägel kurz geschnitten, und ihre Finger waren lang und schlank, hier und da ein wenig von Dornen zerkratzt. Als wir uns kennenlernten, hatte sie gerade eine Beziehung hinter sich; ich war Single. Vier Monate später kam sie mit Henry zusammen und heiratete ihn etwa zwei Jahre danach. Vier Monate! Für die meisten Menschen wäre das genug Zeit gewesen, um auf den anderen zuzugehen. Ich hingegen? Tat nichts. Wo ich jetzt wohl wäre, wenn ich damals ein Blütenblatt oder zwei von meinem Mut gepflückt hätte? Ach, nicht auszudenken. Ich erinnere mich sogar noch, wie sie ihr erstes Bouquet vorbeibrachte: ein wunderschön symmetrisches Blumenarrangement in leuchtenden Farben, das de rigueur für die frühen Nullerjahre war. Und sie war pünktlich – genau wie ich. Bei unserem letzten Treffen in einem Café an der Hauptstraße, das zwischen unseren beiden Läden lag, besprachen wir ihren Auftrag für die Beerdigung des Präsidenten der Gesellschaft für Kakteen und Sukkulenten.

„Der Klient hat vor seinem Tod festgelegt, dass der ganze Sarg mit Kakteen und Sukkulenten bedeckt werden soll“, erklärte ich, „außerdem wünscht er sich große Skulpturen in Form seiner Initialen aus denselben Pflanzen. Also nicht die üblichen pastellfarbenen Gebinde.“

Marie nickte und machte sich Notizen. Aus Kakteen Buchstaben zu formen brachte sie nicht aus der Fassung.

„Du hast nur ein paar Tage“, fügte ich hinzu.

„Schau nicht so besorgt, Oliver. Ich mag Herausforderungen“, sagte sie. „Besser ein kniffliges Blumenarrangement als ein anstrengender Ehemann.“

Sie lachte dabei, doch als ich sie ansah, wandte sie den Blick ab. Da begann ich mir Gedanken zu machen, was sie damit gemeint haben könnte und wie unglücklich sie wohl wirklich war. Ich muss gestehen, dass ich mich für Henry nie hatte erwärmen können. Ich hatte angenommen, dass seine brüske, ziemlich arrogante Art eine weichere Seite verbarg, die nur ihm nahestehende Menschen zu sehen bekamen. Doch was war, wenn es gar keine weiche Seite gab und Marie genug hatte? Deshalb fragte ich: „Ist alles in Ordnung?“

„Ach, du weißt schon …“, meinte sie und winkte ab.

„Wenn du reden möchtest, bin ich ganz Ohr.“

„Danke, Oliver. Es ist nur … Nun, manchmal …“

Ich wollte mich noch weiter vortasten, doch da klingelte ihr Handy, und die Gelegenheit wurde aus dem Fenster in den Müllwagen gesogen, der gerade über die Straße rumpelte. Das Thema kam nicht mehr auf, aber ich musste ständig darüber nachdenken.

Konnte ich derjenige sein, der das Glück in ihr Leben zurückbrachte?

Ich warf erst einen Blick hinüber zu Anne, dann auf meine Uhr. Jean kam normalerweise nicht vor neun, weshalb ich Zeit hatte. Anne schien nichts dagegen zu haben, als Übungsobjekt zu dienen, und wenn ich mir vorstellte, sie sei Marie …

„Also“, begann ich und ging ans Ende des Sargs, um Anne anzusehen. „Ich habe mich gefragt …“

Nein, viel zu unsicher. Ich drehte eine Runde durch den Raum.

„Hey“, sagte ich beiläufig, „wollen wir bei Gelegenheit was trinken gehen?“

Nein. Wir gingen oft nach der Arbeit etwas trinken, und es war nie mehr als genau das: ein Drink nach der Arbeit.

Wie wäre es mit: „Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber weißt du noch, als du gesagt hast, dass du nicht glücklich bist? Mit Henry und so? Nun, vielleicht, also, ich könnte … Wir könnten …“ Ich zuckte ganz entspannt mit nach oben gedrehten Handflächen mit den Schultern, um zu zeigen, dass es mir egal war, ob sie zustimmte oder ablehnte, weil ich noch genügend andere Frauen hatte, die ich nach einem Date fragen konnte. Ha! Dann erhaschte ich in dem alten Spiegel am anderen Ende des Raums einen Blick auf meine Pantomime. Idiot. Ich schob die Hände in die Hosentaschen und ging zu Anne zurück.

Oder ich könnte ihr geradeheraus sagen, dass ich sie liebte. Es verkünden, als hätte ich alles Recht der Welt dazu.

„Ich liebe dich, Marie. Ich liebe dich, mehr gibt es nicht zu sagen.“

Oder vielleicht: „Verlass Henry für mich!“ Ich wiederholte den Satz, mit der Betonung auf „Verlass“ und „mich“.

Ich war Romeo. Figaro. Oder war es Don Giovanni? Ich war der umwerfende Verehrer, der Marie aus ihrer schrecklichen Ehe und vor ihrem abscheulichen Ehemann erretten würde und der ihr ein weitaus besserer Partner sein könnte als jeder andere. Ich riss die rechte Hand aus der Hosentasche. „O ja, Marie, ich liebe dich!“ Dabei stieß ich jedoch gegen den offenen Sargdeckel. Ich jaulte auf – zweimal – und betastete meine Knöchel. Ein roter Fleck breitete sich auf der Haut aus wie Farbe, und ich packte meine Hand fest, damit sie nicht abfiel. Vielleicht muss ich ins Krankenhaus.

„Was machst du da?“

Ich drehte mich um. Jean, unsere langjährige Verwalterin, stand in der Tür.

Verblüfft sagte ich das, was mir in den Sinn kam: „Du bist früh dran.“

Wie immer war ihre Frisur mit Haarspray betoniert und eine Brosche an ihrem linken Jackettaufschlag befestigt. Heute trug sie den silbernen Umriss eines Fahrrads. Nicht gerade das, was man bei einer Frau ihres Alters erwarten würde, doch Jean war immer für eine Überraschung gut.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie.

Ich versuchte zu lächeln, was eher zu einer Grimasse geriet. „Verdammte Särge“, meinte ich.

„Mr Mulligan ist hier. Er wartet draußen.“

Ich nickte. Jean ging. Ich ließ meine Hand los und verdrängte den Gedanken, Marie meine Liebe, bis dass der Tod uns scheide, zu verkünden und widmete mich meiner Arbeit.

Systematische Anleitung zur Organisation einer Beerdigung, Seite drei

Nachdem Mr Mulligan gegangen war, kam eine Ms Castor, dann ein Mr und eine Mrs Robertson. Ich stellte ihnen allen dieselben Fragen, die auf dem Fragenkatalog basierten, den mein Vater als Teil seiner Systematischen Anleitung zur Organisation einer Beerdigung 1977 in einem Ordner zusammengestellt hatte, als er selbst Clock & Son übernommen hatte. Wie heißen Sie? Wer ist der oder die Verstorbene? In welcher Beziehung stehen Sie zu ihm oder ihr? Wie ist der Tod eingetreten? Ist eine Erd- oder Feuerbestattung gewünscht? Möchten Sie den Afternoon Tea für zwanzig Dollar pro Kopf oder den für fünfzig Dollar? Spargelsandwiches oder Miniquiches? Die Liste ging noch weiter. Sie enthielt sogar Trauerfloskeln, die meiner Ansicht nach von Hallmark-Grußkarten stammten. Man dürfe sich ruhig daraus bedienen, hatte Dad mir einmal erklärt, „wenn du nicht weißt, was du sagen sollst“.

Als ich das Unternehmen erbte, folgte ich der Anleitung aufs Wort, bis ich herausfand, dass ich eigentlich bereits wusste, was ich sagen sollte. Nachdem ich den Ordner so oft durchgelesen hatte, wurde mir klar, dass ich jede Grußkartenbotschaft und jedes tröstende Wort darin auswendig konnte. Sie glitten mir so geschmeidig von der Zunge wie meine neu erworbenen Putzschuhe aus Mikrofaser über den staubigen Boden. Außerdem wusste ich nicht nur, was ich sagen sollte, sondern auch, wann. Dank Dads Ordner voller Ratschläge, meiner angeborenen Empathie und meines Mitgefühls konnte ich den Seelen meiner Kunden Hilfe bieten.

Nach den Robertsons hatte ich gerade noch genug Zeit, die übrig gebliebenen „Trostkekse“ zu essen – jede Woche waren es andere, je nachdem, worauf Jean gerade Lust hatte, oder, wenn Mum sich darum kümmerte, was gerade im Angebot war – und meine E-Mails zu lesen, bevor um vier Uhr eine Leiche gebracht und ich um sechs zu einem Pflegeheim gerufen wurde. Ich freute mich, dass ich die Frau eines Zahnarztes aufgeheitert hatte, der die Münder der meisten Menschen in der Gegend gekannt haben dürfte, indem ich vorschlug, bei der Trauerfeier Zahnseide zu verteilen. Außerdem erwähnte ich Maries Idee, den Blumenschmuck in verschiedenen Weißtönen zu gestalten. Ein ganz normaler Tag also.

Eine Woche später musste ich immer noch ständig an Marie denken und wie um alles in der Welt ich mein Dilemma lösen sollte. Mein drängender Wunsch, ihr näherzukommen, hatte unappetitliche Begleiteffekte: Mein Blutdruck stieg, und ich hatte Schmetterlinge im Bauch, was nicht nur verwirrend, sondern geradezu beunruhigend war. Da ich unter Stress oft zu Schokolade griff, kaufte ich eines Morgens auf dem Weg zur Arbeit einen Mars-Riegel. Ich wollte ihn später allein im Versorgungsraum essen, an den Einbalsamierungstisch gelehnt und die Ruhe genießend.

Zur Mittagszeit, als niemand anders im Geschäft und der Raum frei von Roger und seiner Arbeit war, eilte ich an meinen Rückzugsort. Ich wickelte den Riegel aus und biss mit geschlossenen Augen hinein, um den Geschmack auszukosten. Ich weiß nicht, wie viele Mars-Riegel ich im Lauf der Jahre gegessen habe, aber jedes Mal läuft mir schon beim Anblick das Wasser im Mund zusammen. Der saftige Karamell, der hohe Zuckergehalt und die cremige Konsistenz verlangen danach, die Delikatesse langsam zu verspeisen. Die Rettung in stressigen Situationen.

„Oliver?“

Ich riss die Augen auf. Ein Tropfen Schokoladenspeichel rann mir aus dem Mundwinkel. Mum stand in der Tür. Ich überlegte, ob ich so tun sollte, als würde ich den Versorgungsraum inspizieren, nachdem Roger in letzter Zeit etwas nachlässig geworden war. Vor Kurzem hatte er sogar ein Apfelgehäuse in der Perücke einer siebenundneunzigjährigen Dame vergessen. Oder sollte ich ihr einen Bissen anbieten? Doch Mum war schneller.

„Ein Mann möchte dich sprechen“, sagte sie.

„Mr Muir?“

„Er entschuldigt sich, dass er zu früh ist.“

„Kein Problem.“ Abgesehen davon, dass ich noch einen halben Mars-Riegel vor mir hatte.

„Kauf beim nächsten Mal einen für mich mit“, fügte Mum hinzu und tippte sich an den Mundwinkel, um mich auf den ungehörigen Schokoladenrest hinzuweisen. Ich wickelte den Riegel in ein Papierhandtuch, steckte ihn in meine Tasche und schaltete in den Arbeitsmodus.

 

Mr Muirs Frau war überraschend mit fünfundsechzig Jahren im Fitnessstudio an einem Herzinfarkt gestorben. Körperlich zwar in Topform, aber trotzdem durch und durch gestresst wegen ihres fordernden Berufs als Anwältin sowie einer Herzkrankheit, die in der Familie lag. Die arme Frau hatte die Figur einer Vierzigjährigen, jedoch das Herz eines fettleibigen Achtzigjährigen. Ich holte ihren Mann am Empfang ab, schüttelte ihm die Hand und führte ihn in mein Büro.

„Darf ich Ihnen einen Tee oder Kaffee anbieten, Mr Muir?“, fragte ich.

„Richard, bitte. Auf die Formalitäten können wir verzichten. Und nennen Sie meine Frau bloß nicht ›die Verstorbene‹, falls Sie das vorgehabt haben sollten. Sie heißt Shirley. Egal, ob tot oder lebendig.“

„Natürlich, Richard“, antwortete ich gemäß Seite drei aus Vaters Systematischer Anleitung, laut der man den Wünschen der Kunden unbedingt entsprechen musste, solange diese sich im Rahmen des Gewerbes und im Einklang mit dem Gesetz bewegten.

„Ich würde einen Tee nehmen“, sagte Richard.

Ich rief Jean und bat sie um zwei Tassen Tee und einen Teller mit Keksen. Das Macadamia-Shortbread hatte mir besonders geschmeckt, das sie letztens aufgetrieben hatte. Ich lächelte Richard zu und hätte den Mann, trotz seines Hustens, gern umarmt. Doch Seite zwei des Ordners machte unmissverständlich klar, dass man unbekannte Männer oder Frauen nicht umarmte oder küsste oder auf sonstige Art Zuneigung zeigte. Typisch Andrew Clock. Und doch fragte ich mich, ob eine Umarmung nicht manchmal das Richtige und – entgegen der Überzeugung meines Vaters – sehr willkommen gewesen wäre. Während ich noch überlegte, ob Richard wohl der Typ dafür sein könnte, klatschte er mir eine handgeschriebene Liste auf den Schreibtisch.

„Also“, sagte er. „Den Imbiss habe ich schon festgelegt.“ Er schob den Zettel näher zu mir. „Aber ich kann mich nicht für ein Foto für das Sterbebild entscheiden. Mir persönlich gefällt das hier, von unserer ersten Begegnung. Es ist körnig und schwarz-weiß, aber es zeigt die Frau, mit der ich verheiratet bin. Sie hat sich nicht verändert. Oder nur wenig.“ Er lehnte sich zurück und schniefte. Vielleicht fand er Umarmungen doch nicht gut. „Dann dachte ich, das hier wäre schön, es wurde in Italien aufgenommen. Da sind wir eine Woche nach ihrer Pensionierung hingefahren. Auf unseren Reisen ist sie immer aufgeblüht. Sie war so ein freier Geist. Oder dann hätte ich noch das hier, es ist recht neu; so werden die meisten Menschen sie wahrscheinlich in Erinnerung behalten.“ Mit heruntergezogenen Mundwinkeln breitete er die Bilder auf dem Tisch aus.

„Warum nehmen wir nicht alle drei?“, schlug ich vor. Richard kratzte sich am Bart, und man sah geradezu, wie es in seinem Gehirn arbeitete. „Ich weiß, wie schwer eine Wahl unter solchen Umständen fällt. Deshalb sollte man sich gar nicht erst mit Entscheidungen konfrontieren.“ (Das war mein Satz, nicht Dads, und auch wenn er eher nach Küchenpsychologie klang, brachte ich ihn gerne an, und ich wünschte, er wäre mir früh genug eingefallen, um in die Anleitung aufgenommen zu werden. Manchmal wich ich von den Ordnervorgaben ab, um die Dinge nach meinen Vorstellungen zu gestalten; nicht zu ausgefallen, aber ich hielt es vor Mum geheim, falls sie es missbilligen sollte.)

„Warum eine Auswahl treffen, wenn Ihnen alle gefallen?“, fuhr ich fort. „Wir könnten sie alle auf die Vorderseite drucken oder nur Ihr Lieblingsbild und die anderen beiden innen?“

Richard nickte, seine Miene so düster wie ein Montagmorgen. Ich zog die oberste Schreibtischschublade auf und holte eine Mappe mit Vorlagen für Sterbebilder hervor. „Sehen Sie, wir haben diverse Möglichkeiten.“ Ich lächelte, weil ein Lächeln immer die Stimmung hebt, wenn auch nur ein kleines bisschen.

Richard blätterte durch die Seiten, schien sie aber nicht wahrzunehmen. „Wie machen Sie das nur jeden Tag?“, fragte er. „Das ist doch scheiße, oder?“

„Der Beruf wäre sicher nicht für jeden das Richtige, aber er ist sehr befriedigend. Ich – wir“, sagte ich und deutete auf Jean, die mit Tee und Keksen gekommen war, „versuchen mit unserer Arbeit es den Hinterbliebenen leichter zu machen. Das … Beschissene erträglicher werden zu lassen.“

„Aber jeden Tag Trauer ausgesetzt sein? Ich wette, niemand kommt fröhlich hierher. Und wenn, dann zeigen sie es nicht.“

„Wir urteilen nicht darüber, wie Menschen trauern“, erklärte ich. Auch wenn wir das natürlich manchmal taten. Wie auch nicht, wenn ein Kunde hastig hereinstürzt, unser Mitgefühl ignoriert und den Eindruck erweckt, als würde hinter der ernsten Fassade gefeiert, und man könne den Gang zum Notar gar nicht abwarten.

Richard schnaubte, dachte über meine Antwort nach und sagte dann: „Na gut, dann nehmen wir das hier auf die Vorderseite.“ Er deutete auf das Schwarz-Weiß-Porträtfoto von Shirley. Sie trug das Haar zum Bienenkorb frisiert und lächelte schüchtern. „Drucken Sie es groß. Die anderen beiden nehmen wir auf die Innenseite. Die Bilder will ich aber zurück, und bitte zerknicken Sie sie nicht.“ Er fuhr mit der Hand über die Fotos, als wolle er die Trauer herausstreichen.

„Natürlich“, versicherte ich. „Sie wird so großartig aussehen wie im Leben.“

„Wann kann ich sie sehen?“

„Morgen. Roger richtet sie heute Nachmittag her. Und wenn Sie ihr etwas in den Sarg legen möchten …?“

Richard zuckte mit den Schultern.

„Sie müssen nicht.“

„Ihr Personal Trainer findet, ich sollte ihr eine kleine Hantel mitgeben. Sie hat schließlich gern trainiert. Aber dann dachte ich, dass der Sarg ja dann noch schwerer wäre, wegen der armen Teufel, die ihn schleppen müssen, und was ist mit der Feuerbestattung, und brennt Metall überhaupt …?“ Richard verstummte.

„Kein Problem. Wir können allen Wünschen nachkommen. Bringen Sie morgen mit, was Sie möchten. Vielleicht etwas Leichteres, etwa ein Handtuch oder Socken? Benutzt oder neu, das ist egal.“

„Tut mir leid, dass ich Ihren Job als scheiße bezeichnet habe. Das war unhöflich.“

Ich winkte ab. Es war unwichtig. Menschen sind nie sie selbst, wenn sie zu mir kommen.

„Bis morgen dann also“, sagte Richard.

Ich wollte ihm eigentlich die Hand schütteln, entschied mich dann aber für einen Klaps auf den Rücken. Er wirkte eher wie so ein Typ.

Jane Riley

Über Jane Riley

Biografie

Jane Riley, geboren in Neuseeland, lebt heute in Australien. Sie studierte französische und englische Literatur und war in der Öffentlichkeitsarbeit, in der Werbung und im Verlagswesen tätig. Sie arbeitete als freie Redakteurin und betrieb einen erfolgreichen Blog über Kreative verschiedener...

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden

Jane Riley - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Jane Riley - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Jane Riley nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen