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Die Angst, dein bester Freund

Die Angst, dein bester Freund

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Die Angst, dein bester Freund — Inhalt

Kann ich Angst als etwas Positives empfinden? Inwiefern ist sie eine intensive Lebenserfahrung? Und warum verhelfen meine Ängste mir zu mehr Unabhängigkeit? Für Extremkletterer Alexander Huber, der schwierigste Wände ohne Seilsicherung bestieg, ist Angst ein lebenswichtiger Begleiter. Er beschreibt, wie sie ihn auf seinen Touren antreibt, schützt und auch leitet. Erzählt, wie sie ihm fast das Bergsteigen nahm, als sie zur Last wurde. Und vermittelt dabei eindringlich, dass man kein Extremsportler sein muss, um aus der lähmenden Gedankenspirale herauszufinden. Und dass es sich lohnt, im Leben Risiken einzugehen und sich mit der Angst zu verbünden.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 14.09.2015
Mitautor: Lukas Eberle
192 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-40575-1

Leseprobe zu »Die Angst, dein bester Freund«

Einleitung

Die Angst hat ein Lob verdient, ein besseres Bild als jenes, das nur allzu oft gezeichnet wird. Die Angst hat viel in mir bewegt, mich weitergebracht. Sie hat viel für mich getan und wird es hoffentlich auch in Zukunft tun. Deswegen sind diese Zeilen auch ein kleiner Dank an die Angst. In den vielen Jahren, in denen ich rund tausend Vorträge gehalten habe, habe ich immer mit Begeisterung von meinen Aktionen in den Bergen gesprochen, vom Freiklettern, Free-Solo-Klettern, Speedklettern und von der Magie der großen Wände an den großen Bergen der [...]

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Einleitung

Die Angst hat ein Lob verdient, ein besseres Bild als jenes, das nur allzu oft gezeichnet wird. Die Angst hat viel in mir bewegt, mich weitergebracht. Sie hat viel für mich getan und wird es hoffentlich auch in Zukunft tun. Deswegen sind diese Zeilen auch ein kleiner Dank an die Angst. In den vielen Jahren, in denen ich rund tausend Vorträge gehalten habe, habe ich immer mit Begeisterung von meinen Aktionen in den Bergen gesprochen, vom Freiklettern, Free-Solo-Klettern, Speedklettern und von der Magie der großen Wände an den großen Bergen der Welt erzählt. Mir ist nicht entgangen, dass die Erfahrungen und der Umgang mit der Angst längst nicht nur für mich als Extremsportler wertvoll sein können. Angst kommt schließlich in jedem Leben vor, auch in dem meiner Zuhörer und bei jedem, der dieses Buch liest. Wahrscheinlich in einer anderen Form als bei mir, denn Angst ist wiederum auch etwas sehr Persönliches, Individuelles. Jeder hat seine ganz eigene Angst­liste. Wer kennt sie nicht, die Angst, seine Gesundheit zu verlieren, unheilbar krank zu werden? Wer fürchtet sich nicht davor, im Rollstuhl zu landen oder dass ein wichtiger, nahe­stehender Mensch bei einem Autounfall sein Leben verliert? Oder du schaust vom Balkon eines Hochhauses lieber doch nicht hinunter? Wer hat bei sich die Angst vor wilden Tieren, engen Fahrstühlen, rauschenden Volks­festen oder anderen großen Menschenansammlungen entdeckt? Oder davor, abends allein zu sein? Es gibt Menschen, die ihr ganz eigenes Problem mit Zügen oder Clowns haben. Anderen wird sofort schwindlig, wenn sie nur daran denken, dass sie bald ein Referat an der Universität oder im Beruf halten müssen, vor vielen Leuten sprechen sollen. Ganz egal, wie ihr selbst die Angst kennen­gelernt habt … fest steht: Die Angst ist in unserem Leben all­gegen­wärtig.

Nicht jeder muss ein Extremsportler werden. Aber es lohnt
sich, beizeiten mutig zu sein und ein gewisses Risiko einzu­gehen. Somit ist das Buch auch ein Plädoyer für den Mut, die Courage. Weil eben Mut und Angst untrennbar miteinander verbunden sind.

Wir alle reagieren ja erst mal auf die gleiche Art und Weise auf die Angst. Die Angst bringt Anspannung, da kommt keiner aus, in dieser Reaktion sind wir gefangen. Aber danach haben wir die Freiheit. Laufe ich davon, lasse ich es sein? Oder stelle ich mich, gehe ich das Problem an? Ich habe in meiner Lauf­bahn als Bergsteiger oft begreifen müssen, dass es der falsche Weg ist, der Angst aus dem Weg zu gehen. Das ist so, als ob man vor einem großen Berg steht und aus Angst, ihn anzugehen, dem Berg aus dem Weg geht. Anstatt mit dem Aufstieg zu beginnen, wechselt man ins nächste Tal, um am Ende festzustellen, dass der Berg auf der Rückseite noch genauso hoch ist wie auf der Vorderseite.

Gewiss, es macht Sinn, den Berg nicht blind und planlos zu attackieren. Besser, man sondiert die Lage, sucht einen sinnvollen Weg zum Gipfel. Da kann auch eine Querung zweck­mäßig sein. Man sollte sich aber stets bewusst sein, dass man irgendwann hinaufsteigen und den Höhenunterschied überwinden muss.

Bergsteigen ist hier nichts anderes als eine Metapher für das Leben, denn es ist ja nicht der Berg, den man bezwingt, sondern immer nur das eigene Ich. Jeder für sich sei angesprochen, die Gewohnheiten, die Routinen im Beruf oder in der Familie zu überdenken und zu hinterfragen. Etwas mehr Neugier, das eigene Leben zu erforschen und zu erkunden! Mehr Bereitschaft, unbekannte Wege zu gehen, andere Men­schen zu treffen. Immer wieder mal diese imaginäre Linie zwischen dem Altbekannten und dem noch Unbekannten zu überschreiten. Insofern will dieses Buch auch ein Plädoyer für mehr Pioniergeist im Alltag sein. Denn zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Ich bin kein Philosoph und schon gar keiner, der die Weisheit erfunden hat. Ich bin immer noch vor allem anderen ein begeisterter Bergsteiger. Einer, der euch gerne moti­vieren würde: Bringt euch ruhig in Situationen, vor denen ihr Angst habt. Wenn ihr auf eure Angst hören, wenn ihr sie zulassen könnt, wird sie euer Leben reicher machen. Denn der Weg ist meist dort, wo die Angst ist. Den Weg finden muss aber jeder für sich selbst.

 

Das Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann

Wer kennt es nicht, im Bett zu liegen, nicht schlafen zu können, aber auch nicht wirklich wach zu sein? Dieses unruhige Herum­wälzen von der einen Seite auf die andere. Kalter Schweiß… Der erholsame Schlaf wird zur Qual und so schnell sonst im Leben die Zeit verrinnt, hier bewegt sich nichts. Nach einer halben Ewigkeit schaut man auf die Uhr und es ist wieder mal nur eine Stunde vergangen. Tausend Gedanken drehen sich im Kreis, finden kein Ziel, bloß nutzloses Zeug. Vor meiner Hauptdiplomprüfung rechnete ich in den Albträumen sinnlose Aufgaben zur Quantenmechanik oder Thermo­dyna­mik. Vor einer großen Begehung kommt der Horror angesichts einer ausweglosen Situation am Berg.

Schon oft ist es mir passiert, dass ich Ziele lange in mir herum­getragen habe, ohne dass sie mich tief greifend beschäftigten, im Unterbewusstsein oder sogar in Träumen verfolgten. Sobald ich aber eine konkrete Entscheidung treffe, dass ich ebendieses Pro­jekt in wenigen Tagen tatsächlich realisieren will, ändert sich alles. Es ist kein theoretisch angedachtes Projekt mehr, das irgendwann vielleicht mal verwirklicht wird, sondern ein reales Szenario. Konkret und glasklar mit allen seinen Herausfor­derungen und Risiken. Der Adrenalinspiegel im Blut steigt. Der ruhige Schlaf weicht einem unruhigen Geist. Die Träume sind da. Ebenjene Art von Träumen, die einem die Nacht zur Qual werden lassen.

In der Nacht zum 1. August 2002, in den Stunden, bevor ich die Direttissima an der Großen Zinne ohne Seil, ohne Sicherung, ohne alles klettern wollte, ging es mir genauso. Der echte Albtraum. Eine schlaflose Nacht im Schlafsack, in meinem Auto oben am großen Parkplatz bei der Auronzohütte. Selbstgespräche, bei denen ich immer wieder versuche, mich selbst von meinem Kletterkönnen zu überzeugen. Davon, dass ich die Schwierigkeiten derart dominieren könne, dass ich alles im Griff habe. Aber gleichzeitig gibt es doch immer noch scheinbar unendlich viele Frage­zeichen. Es ist eine riesige Wand, Hunderte Meter, Tausende von Griffen und Kletter­zügen, endlos viele verschiedene Details, bei denen irgendetwas schieflaufen könnte.

Wenn man ohne Sicherung in einer senkrechten Wand unterwegs ist, dann ist das ein lebensgefährlicher Sport, und es soll keiner denken, dass mir das nicht bewusst wäre. Mache ich beim Free-Solo-Klettern einen Fehler, sterbe ich. So einfach ist das. Und dennoch bin ich nicht lebensmüde. So paradox es klingen mag, ich und mein Leben hängen in der Wand an meinen Fingerspitzen, und ich hänge doch wiederum an meinem Leben. Und ich hatte in den Bergen auch schon oft genug Angst, mein Leben zu verlieren. Aber ich kann dabei nur unterstreichen: Zum Glück habe ich Angst! Denn die Angst ist unser bester Freund in den Bergen. Ein hoffentlich treuer Begleiter, der uns mahnt, lenkt und leitet. Nur so überleben wir die Tatsache, dass wir im schwierigen, exponierten Gelände ständig einem potenziell tödlichen Absturz ausgesetzt sind. Doch wegen der Angst gehe ich mit der maximalen Kon­zent­ration vor, nehme mir bei jedem einzelnen Zug die doppelte Zeit, die optimale Position der Finger auf einem Griff zu erfühlen, um erst dann zuzugreifen. Dann aber ist es ein Zugreifen mit der doppelten Kraft, denn erst das Aufwenden dieser »doppelten« Kraft gibt mir die Überzeugung, in voller Ausge­setzt­heit, ohne Sicherung »sicher« unterwegs zu sein. Wobei – absolute Sicherheit gibt es nicht. Bergsteigen ist ein ernsthaftes Unterfangen und das Restrisiko ist im Vergleich zu vielen anderen Sportarten als durchaus signifikant anzusehen. Wenn mich jemand fragt: »Kannst du dir wirklich sicher sein, dass dir nie etwas passiert?«, dann antworte ich: »Nein, kann ich nicht.« Doch fragt mich jemand: »Bist du überzeugt davon, dass nichts passieren wird?«, sage ich: »Ja, ich bin aus tiefstem Herzen davon überzeugt.«

Angst schadet mir nicht, ganz im Gegenteil. Lasse ich Angst zu und beobachte, was sie mit mir macht, kann sie mir nützen. Nämlich dann, wenn sie mich warnt und ich mich wegen ihr besser konzentriere, meinen Fokus in einer brenzligen Situ­ation auf das Wichtige richte. Als Bergsteiger brauche ich die Angst, sie ist mein zuverlässiger Berater. Die Angst hilft mir, meine gefährlichen Aktionen zu überleben. Wäre ich ein angstfreier Bergsteiger geworden, wäre ich längst schon im Jenseits.

Tief im Schlafsack eingegraben, laufen ständig die wichtigsten Sequenzen an den Schlüsselstellen durch alle Windungen meines Gehirns. Ein Film spult sich vor meinem inneren Auge ab. Ich visualisiere die einzelnen Bewegungen, um mich im Traum davon zu überzeugen, dass alles gut ist. Doch ehrlich gesagt: Nichts ist gut! Mir geht’s beschissen. Da kommen wieder die schwarzen Gedanken und leider nur allzu deutlich. Ohne zu wissen, was eigentlich passiert ist, löst sich mein Körper plötzlich vom Fels. Ich bin sprachlos, will schreien und kann es doch nicht. Die Beschleunigung raubt mir den Atem. Ich will nicht verstehen, warum das jetzt geschieht, weshalb ich nun ins Bodenlose dem sicheren Tod entgegenstürze. Aber ich habe schon verloren. Es ist vorbei.

Bis es aber vorbei ist, dauert es im Traum noch ewig. Scheinbar endlos müht sich meine fiebernde Fantasie mit dem Moment ab, wenn ich unten im Schuttkar einschlage. Kann ich noch etwas wahrnehmen? Oder ist es einfach zu schnell, um irgendetwas zu begreifen? Wie geht das, in solch einem Moment das Bewusstsein zu verlieren? Eine Spirale dreht sich um die zentrale Frage, wie ich den Tod erlebe. Immer enger wird die Spirale, die Gedanken drehen sich schneller und schneller, bis ich schließlich wieder mal wirklich wach bin – schweißgebadet.

Quälend langsam wie bei einem Biwak bei minus 30 Grad Celsius verstreichen die Stunden und ich bin mehr als nur froh, als sich das erste Licht des Morgens zeigt. Es geht los. Aktion lässt den Gedanken weniger Spielraum. Endlich passiert etwas. Mit einem kleinen Rucksack laufe ich zum Paternsattel, um auf die Nordseite der Drei Zinnen zu wechseln. Diese mauer­glatten Wände! Die Drei Zinnen sind nicht nur so etwas wie das Wahrzeichen der Dolomiten. Neben ihrer unverwechselbaren, eindrucksvollen Gestalt vermitteln vor allem die Nordwände eine totale Unnahbarkeit. Abweisender und steiler können Bergwände gar nicht sein. Da ist es völlig egal, dass die Zinnen gerade mal knapp an die 3000 Meter heranreichen. Die Zinnen überzeugen nicht mit der Höhe, sondern durch ihre gnadenlose Steilheit.

Und mitten durch die Große Zinne will ich jetzt klettern – ohne Seil, ohne Sicherung, ganz allein. Von außen betrachtet ist es ein völliger Wahnsinn, sein Leben bewusst aufs Spiel zu setzen, doch letztlich nichts anderes als das, was die echten Pioniere taten. Welche Idealisten, Fanatiker und Träumer waren gerade jene, die die Zivili­sation Tausende von Kilometern hinter sich ließen, um die weißen Flecken der Erde wie die Pole zu erobern. Keiner konnte sich sicher sein, dass er seine Heimat je wieder erreichen würde. Jeder Einzelne von ihnen hatte Angst um sein Leben. Welches Manifest der Cou­rage hinterließen diese Pioniere der Nachwelt! Wie klein erscheint mir da jetzt mein Traum, eine überschaubar »kleine« Wand in den Alpen ohne Sicherung zu klettern. Aber doch, auch hier auf diesem scheinbar so überschaubaren Raum ergeben sich so viele Unwäg­barkeiten, unbekannte Momente, die aber weniger im Berg, sondern vor allem in uns selbst zu finden sind.

Ich werde mich wie ein Schiffbrüchiger in einem Meer aus gelbem, überhängendem Dolomit fühlen. Es wird keine Insel geben, auf die ich mich retten könnte, keinen Ort, an dem ich mich ausruhen könnte. Es ist ein Gefühl der Ausgesetztheit, wie es so offensichtlich und plakativ noch nicht zu sehen war. Und das macht dieses Unternehmen aber auch so ehrlich. Hier handelt es sich nicht um eine heimtückische, schwer zu erkennende Gefahr. Ganz anders als bei der Lawinengefahr spürt hier jeder die Todesgefahr des Abgrunds. Auch für mich war diese Urangst vor dem Absturz in den gnadenlosen Abgrund erst nach einer langen Phase der Vorbereitung kontrollierbar geworden. Das seilfreie Klettern kürzerer und leichterer Routen sowie das Kennenlernen der Direttis­sima beim Klettern in Seilschaft gaben mir irgendwann das nötige Selbstvertrauen. Denn nur, wenn die Angst in mir keine übermäßige Nervosität oder gar Panik auslöst, sondern nichts anderes als völlige Konzentration, ist die Angst mein bester Freund. Und nur dann lebe ich meine Passion.

Eine Stunde bin ich unterwegs gewesen, bis ich den Ein­stieg am Fuß der Nordwand der Großen Zinne erreiche. Eine Stunde, in der ich die reale Welt beiläufig wahrnehme. Wie tags zuvor und in der Nacht begleitet mich ein skurriler Zweikampf der Gefühle, der einmal meinen Schritt beschleunigt, mich unruhig macht und hetzt und mich später wieder ruhig werden lässt. Gerade dieser mentale Prozess ist aber beim Bergsteigen alles andere als negativ, sondern ein notwendiges Vorspiel der Gedanken vor dem großen Spiel selbst. Denn die Gefahr ist da, die Frage ist nur: Wie gehe ich damit um? Und offensichtlich hängen dann doch die meisten an ihrem Leben. Die geringe Zahl der Unfälle in der Geschichte des seilfreien Kletterns lässt zumindest darauf schließen, dass lediglich die wenigsten Akteure echte Desperados sind. Jedenfalls fühle ich mich wesent­lich weniger lebensmüde als die vielen Mount-Everest-Aspiranten, die glauben, sich den höchsten Berg der Erde erkaufen zu können. Doch mit dem Zahlen großer Summen wird der Berg zwar scheinbar kleiner, aber deswegen noch lange nicht weniger gefähr­lich. Die wenigsten Bewerber haben als Laien noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung, wie vielschichtig und komplex die Gefahren an einem Himalaja-Riesen sind. Ver­schär­fend kommt hinzu, dass auf dem Weg zum Gipfel bei zunehmend dünner Luft mit jedem Höhen­meter mehr und mehr die Vernunft verloren geht. Ihres Verstandes beraubt, schätzen sie den Gipfel höher ein als ihr Leben, und sie gehen so weit, bis nichts mehr geht. Dann wird an Ort und Stelle bei minus 50 Grad auf 8500 Meter Seehöhe biwakiert, als wäre ihnen das eigene Leben nichts mehr wert.

Besser also, wenn man ein reflektierender Mensch ist, der bewusst lebt, die Signale der Umwelt aufnimmt, sie verarbeitet, um dann mit gesundem Menschenverstand zu reagieren. Und das noch viel mehr, wenn ich ohne Sicherung klettere. Hier den Helden spielen zu wollen ist grundverkehrt. Man muss die Angst zulassen, sie zugeben, sich die Angst eingestehen und sie auch richtig ausleben. Erst dann wird sie kontrollierbar. Lieber stelle ich mir die Frage einmal zu viel als einmal zu wenig, ob ich am Ende in die Wand einsteigen soll oder nicht. Auch dann, wenn mich das Ganze fertig macht.

Am Einstieg wird mir ein erstes Mal klar, dass es vielleicht heute nicht der Tag sein wird, an dem ich mein Vorhaben realisiere. Würde ich aber heute abbrechen, so wird der Eindruck, den die Wand auf mich ausübt, unweigerlich steigen. Wo­möglich besteht ohnehin nur diese eine Chance? Erst jetzt wird mir diese Systematik bewusst. Es gibt keinen Versuch »einfach so«. Allein das Vorhaben, es heute versuchen zu wollen, macht mir deutlich, dass es nur das Heute geben kann. Entweder jetzt oder nie!

Die ersten 80 Meter sind nicht schwierig. Keine ernsthaften Probleme tauchen bis dorthin auf, dann kommt die erste Stelle im oberen siebten Grad – der Point of no Return. Wenn ich diesen Punkt überklettere, gibt es nur noch die Flucht nach vorne. Ent­scheide ich mich dort zum Weiterklettern, habe ich die Kon­sequenz zu tragen, die weiteren 500 Meter klettern zu müssen – ob ich will oder nicht. Ich spüre, dass ich es wohl zumindest versuchen muss. Heute oder gar nicht, vielleicht würde sogar ein einziges Mal umzudrehen vor der dritten Seillänge ausreichen, um von der erdrückenden Dimension der Wand erschlagen zu werden.

Noch einmal gehe ich am Wandfuß der Großen Zinne auf und ab. Ich setze mich wieder hin. Meine Gedanken, die voll und ganz von dieser Route gefangen sind, lassen es nicht zu, jetzt abzubrechen, und dieser Zwang macht es mir nicht leichter. Ich bin genau an dem Punkt angekommen, wo ich mir wünsche, dieses Projekt nie ins Auge gefasst zu haben. Aber ich habe keine Wahl mehr, ich muss heute die Entscheidung treffen. Nun bin ich das gehetzte Tier, kauere gespannt und warte auf das, was in den nächsten Minuten passieren wird.

Dann wird’s ernst. Ich kann ja nicht ewig warten. Mechanisch ziehe ich die Kletterschuhe an, ein kurzer Griff ins Magnesia und los geht’s, ich klettere die ersten vier Meter. Es läuft bescheiden. Ein Gedankenchaos beherrscht mich, ich fühle mich in vollem Umfang überfordert. Ich verliere mich selbst, bin total betäubt, spüre nichts – so geht es nicht. Ich steige wieder zurück, setze mich noch einmal am Einstieg hin.

Völlig frustriert geschieht erst mal gar nichts. Tief in mich versunken, lasse ich meinen Geist wieder Boden finden. Gott sei Dank versucht man ja immer, das Positive zu sehen – egal, wie übel es gerade ausschaut. Und ja, es gibt etwas Positives: Ganz offensichtlich ist mir mein Leben mehr wert als diese verdammte Wand! Diese Gewissheit nimmt mir ein großes Stück weit die Angst vor mir selbst. Ja, ich habe beizeiten Angst, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Und diese Angst habe ich auch hier vor der Direttissima. Wie oft wird von der hohen Kunst des Umkehrens beim Berg­steigen gesprochen und wie schwer ist es, sie wirklich umzusetzen. Wer ist bei der Entscheidung zum Umkehren nicht schon alles eingeknickt, wenn das Ziel kurz vor der Verwirk­lichung steht?

Mein Zurücksteigen hat mich aber nun auch weitgehend davon überzeugt, dass ich noch Herr der Lage bin und die notwendige Souveränität besitze, knapp vor der finalen Ent­schei­dung abzubrechen. Und das ist gut, die Gedanken werden wieder leichter und in meinem Denken entsteht die Vorstellung, dass ich jetzt tatsächlich die Freiheit besitze, bis zur ersten wirklich schwierigen Stelle hinaufzuklettern, um herauszufinden, wie es an diesem Tag um meine Kraft bestellt ist. Um die Kraft meiner Finger und noch viel mehr um meine mentale Kraft. Diese 80 Meter bis dorthin werden meine Teststrecke sein und erst dann, am Point of no Return, wird ernsthaft eine finale Entscheidung fällig. Für einige wenige Minu­ten habe ich diese nochmals hinausgezögert, aber noch viel wichtiger ist: Ich gebe mir die Chance, auf diesen Metern meinen Lauf zu finden. Ich fühle mich freier.

Ich bin so weit. Kletterschuhe, Magnesia und ich steige ein. Es beginnt leicht, eigentlich spielerisch, alles nur Kletterei in moderat schwierigem Gelände, das bei »Normalzustand« als Genuss zu bezeichnen ist. Während ich in den Stunden vor dem Durchstieg Angst hatte und übernervös war, verschwindet jetzt, als ich endlich in die Wand hineinklettere, unter dem reibungs­losen »Nor­mal­betrieb« des Kletterns die Betäubung. Nun scheinen die negativen Folgen der Angst in den Hinter­grund zu treten. Meine Welt reduziert sich jetzt nur noch auf die jeweils wenigen Quadrat­zentimeter des nächsten Griffes. Alles mich Umgebende tritt zurück und ich erlebe bloß noch mich selbst.

Ich bringe mein Leben als Einsatz in das Spiel und deswegen wird das Erleben jetzt so tief und intensiv. Nur wer verloren in der Wand direkt und unmittelbar der unbedingten Gefahr für das eigene Leben ausgesetzt ist, wird diese elementare Erfahrung machen, wird spüren, was das eigene Leben bedeutet. Angst empfinden, die mich stets wach und vorsichtig sein lässt. Die Angst, die mir das Überleben sichert. Und so erlebe ich auch hier in der Senkrechten das Wahrhaftige, frei von äuße­rer Einflussnahme, frei von äußerer Kontrolle – die komplette Reduktion auf mich selbst. Die totale Unmittelbarkeit des Todes offeriert ein ungetrübtes Bild auf die Bedeutung des Lebens. Oft genug ist man ja selbst Gefan­gener in seiner Umwelt, der bestehenden Ordnung in seinem Leben. Wenn ich dagegen jetzt den Schritt mache, am Point of no Return weiterklettere und damit unwiderruflich in diese Wand einsteige, dann ist es so, als würde ich die Türe hinter mir schließen. Bis zum Erreichen des Gipfels bin ich in einer anderen Wirklichkeit unterwegs. In einer Welt, in der nur ich existiere, einer Welt, die bloß für mich besteht.

Wie Watte legt sich diese veränderte Wahrnehmung um mich. Wie ein Schweben im Leeren, weit über dem Tal, beziehungslos zur Erde. Zumindest auch weit genug weg, um durch nichts mehr erreichbar zu sein. Ich handle jetzt nur für mich selbst, für mich allein.

Nach gut 60 Metern des Kletterns haben sich viele meiner Zweifel zerstreut, mit jedem Meter habe ich Vertrauen gewonnen. Vertrauen zu mir selbst, dass ich es kann. Noch einmal komme ich auf einem Felsband zu stehen. Jetzt wird es final, nun wird es ernst. Ich klettere in die dritte Seillänge hinein und nach vier Metern erreiche ich den Point of no Return: ein kleines Dach im oberen siebten Grad. Ich kenne die Stelle genau und ohne mir jetzt groß Gedanken zu machen, nehme ich mit der rechten Hand den ersten Griff über dem kleinen Dach, setze den linken Fuß und dann gibt es nur ein kurzes, kaum wahrzunehmendes Anhalten in der Bewegung. Die Ent­schei­dung ist jedoch längst getroffen und ich ziehe weiter, mit der linken Hand zum nächsten Griff, steige über die Dachkante. Gefühlt lag nicht hier, am kritischen Punkt, sondern am Einstieg die Schlüsselstelle – das Verlassen des Bodens war die mentale Barriere, die ich zu überwinden hatte.

Das Soloklettern erfordert sowohl Selbstüberwindung als auch Selbstkontrolle. Erstere hatte ich am Einstieg zu meistern. Und nun, 150 Meter über dem Boden, scheint es die viel einfachere Aufgabe zu sein, die Kontrolle über die Angst zu gewinnen. Ich habe das dazu notwendige Vertrauen, kenne die Route, ihre Schlüsselstellen und bin jetzt aus tiefstem Herzen überzeugt, die Schwierigkeiten jedes einzelnen Kletterzuges dominieren zu können. Meine Reise geht weiter, Meter für Meter hinauf in Richtung Gipfel der Großen Zinne, mit ruhigen, präzisen Bewegungen – und doch gewinne ich schnell an Höhe, weil ich ja keine einzige Sekunde mit Sicherungs­maß­nahmen »verschwende«. Alles habe ich vorher exakt einstudiert und spule nun das Programm Punkt für Punkt ab – fast wie eine Maschine, fast…

Nach acht Seillängen erreiche ich das große Band vor den Schlüsselseillängen. Alles ist bisher völlig reibungslos verlaufen, trotzdem bin ich 50 Minuten ununterbrochen geklettert. Alle Sinne, die mit der Bewegung befasst sind, standen ständig unter Strom, und ich merke, dass es sinnvoll ist, eine Pause zu machen. Ich lege mich flach auf das Band und starre lange Zeit mit bewegungslosem Blick nach oben in die Dächer. Die nächsten 120 Meter sind eindeutig die Schlüsselstelle der Direttis­sima, ein weit überhängendes Bollwerk aus gelbem Dolomit. 120 Klettermeter, drei Seillängen im achten Grad. Noch dazu kann ich die Stand­plätze in dieser Steilheit nicht wie in Seilschaft als Ruhepunkte benutzen. Ich muss die Schwie­rig­kei­ten in einem Zug hinter mich bringen – ohne die Möglichkeit des Rastens, weder für die Kraft noch für die Psyche. Das ist auch genau jener Abschnitt der Wand, in dem die Erstbegeher Dieter Hasse, Lothar Brandler, Jörg Lehne und Siegfried Löw zum großen Teil mit Haken, Hammer und Leiter unterwegs waren, während sie im Rest der Wand viel frei klettern konnten. Hier geht es zur Sache, und vor allem geht es hier im steilsten Teil der Wand auch um die Felsqualität. Die Nordwände der Drei Zinnen sind berüchtigt für ihren Bruch. Auch und gerade in den schwierigsten Stellen der Direttissima finden sich diese brüchigen Griffe, denen ich nicht auch nur in einem einzigen Fall mein Leben anvertrauen darf. Viel Zeit verwendete ich in der Vorbereitung darauf, die Solidität der Griffe zu bestimmen und Sequenzen herauszufinden, die es mir erlauben, auch die schwierigen Stellen mit soliden Griffen zu klettern. Damit ergab sich immer wieder die Notwendigkeit, mit wesentlich kleineren, dafür aber sicheren Griffen zu klettern. Ich steige letztendlich eine durchgehende, 120 Meter lange Seillänge am Stück durch, mit weit kleineren Griffen als denen, die man normalerweise verwenden würde. Daraus resultiert eine Schwie­rig­keit, die man gerne im soliden glatten neunten Grad ansiedeln darf.

Nach 20 Minuten setze ich mich wieder auf, ziehe meine Klet­terschuhe abermals fest, greife in den Magnesiabeutel und klettere los. Wie ein Arbeiter, der nach einer Pause seine Tätigkeit wieder aufnimmt. Allmählich gewinne ich an Höhe, die Ausgesetztheit nimmt zu wie auch die Leere unter den Füßen. Ich komme zum nächsten Hotspot. Mittendrin in den 120 Metern gibt es einen überhängenden, abdrängenden Schulterriss, den ich noch nie trocken erlebt habe und der vermutlich auch nie trocken wird. Aber auch hier habe ich eine Sequenz gefunden, die es mir möglich macht, an zwar kleineren, dafür aber trockenen Griffen zu klettern, bloß der linke Fuß kommt zweimal im nassen Riss zum Einsatz. Alles ist unter Kontrolle. Es geht weiter, ohne große Gedanken, stets im gleichen Rhyth­mus. Immer langsam, stets bedacht auf jedes kleine Detail.

300 Meter über dem Einstieg. Der letzte schwierige Meter vor dem nächsten Band und auch gleichzeitig die Schlüsselstelle liegt vor mir. Das ist der exponierteste Punkt der gesamten Direttis­sima. Alles unter mir bricht überhängend weg, alles um mich herum ist überhängend. Ich hänge ganz allein in dieser jetzt für mich so feindlichen Welt. Die Griffe, denen ich mich anvertraue, sind gut, meine Hände finden ihren Weg zum beruhigenden, staubtrockenen Magnesiapulver. Auch die Griffe auf den kommenden Metern sind gut, liegen aber weit auseinander. Athletische Züge, die entschlossenes Durchziehen verlangen. Noch einmal wandert der Blick nach unten. Der Puls ist ruhig. Ich sehe weit unten das Schuttkar, die kleinen Wege, die zu den Einstiegen der Nordwand führen. Es berührt mich nicht. Ich habe das Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann. Wenige konsequente Züge bringen mich in senkrechtes Gelände, noch zwei Meter und ich stehe auf dem kleinen Band. Die große Hürde ist übersprungen. Vor mir liegt nur noch eine überhängende Seillänge, dann bloß mehr vergleichsweise einfaches Gelände entlang einer Kaminreihe bis zum Gipfel.

Erst eine halbe Stunde nachdem ich hier angekommen bin, verlasse ich mein kleines Band und klettere durch die letzten ausgesetzten Meter. Es ist eigentlich nur eine kurze harte Stelle und wie zur Belohnung tauche ich direkt darüber in die Kamine ein. Tief im Berg versteckt, winde ich mich nach oben. Die Schwierigkeiten lassen nach, diktieren nicht weiter den Ablauf des Geschehens. Langsam, aber sicher werden meine Ge­dan­ken wieder frei. Wie von selbst steigt mein Körper nach oben, nimmt mich mit. Kleine Wolken ziehen die Nordwand herauf, lassen die Berge rundherum im Grau verschwinden. Je weiter ich nach oben komme, desto ruhiger werde ich. Und dann, am Ende, der Gipfel. Ein Moment, an dem es weder ein Gestern noch ein Morgen gibt. Ich lebe im Jetzt. Ich lebe das wahre Leben.

Alexander Huber

Über Alexander Huber

Biografie

1968 in Trostberg/Oberbayern geboren, gehört Alexander Huber zu den besten Bergsteigern und Kletterern unserer Zeit. Erste Erfolge gelangen dem Bergführer und Physiker im Sportklettern; er eröffnete weltweit die erste Sportkletterroute im oberen elften Grad. Die Route »Pan Aroma« als Highlight im...

Inhaltsangabe

Einleitung

Das Vertrauen in mich selbst, dass ich es kann

Die Leidenschaft als treibende Kraft auf dem Weg
zum Ziel

Im Zeitalter der Angst

Auf dem Weg zu neuen Horizonten

Die Feuertaufe

Klettern als Beruf – Courage als Erfolgsgrundlage

Der Weg in die Welt – Angst bei wichtigen
Entscheidungen

»Es ist wichtig, einen Angstgegner zu haben«

Die Ängste der Profis

Die Angst und ihr Imageproblem

Pioniere und Grenzgänger

Die Angst ist kein Feind, mach sie dir zum Freund!

Under full Speed

Von Geistern gejagt

Lebe das Leben

Der Weg ist das Ziel

Analphabeten der Angst

Bergsteigen ist nicht Golfspielen

»Angst macht dich nackt«

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