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Der Zorn der VergessenenDer Zorn der Vergessenen

Der Zorn der Vergessenen

Teodor Szacki ermittelt

Taschenbuch
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Der Zorn der Vergessenen — Inhalt

Als im Ermland, im Keller eines alten Bunkers, ein Skelett gefunden wird, glaubt Staatsanwalt Szacki an einen Routinefall. Doch dann stellt der Rechtsmediziner fest, dass es sich bei dem Toten um einen Mann namens Najman handelt, der bei lebendigem Leib in Natronlauge aufgelöst wurde. Und während das Skelett vollkommen unversehrt ist, fehlten Najman zu Lebzeiten zwei Finger. Wenig später überstürzen sich die Ereignisse und machen den Fall zu Szackis bislang persönlichstem: Seine Tochter wird entführt, und der einzige Hinweis auf ihren Verbleib ist ein Foto von dem Ort, an dem Najman ermordet wurde. Von jetzt an zählt jede Sekunde …

€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.03.2018
Übersetzt von: Barbara Samborska
528 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31138-0
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 01.03.2018
Übersetzt von: Barbara Samborska
512 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97864-4

Leseprobe zu »Der Zorn der Vergessenen«

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Stellt euch ein Kind vor, das sich vor jenen verstecken muss, die es liebt. Es tut all das, was andere Kinder auch tun. Baut Türme aus Bauklötzchen, lässt seine Spielzeugautos zusammenkrachen, seine Plüschtiere miteinander reden und malt Häuser unter einer lachenden Sonne. Das Kind ist eben ein Kind. Aber die Angst macht, dass jetzt alles ganz anders aussieht. Die Türme stürzen nicht mehr ein. Die Autocrashs sind nur noch zaghafte Anstupser, keine Kracher mehr. Auch die Plüschtiere flüstern nur noch miteinander. Und das Wasser im Malbecher [...]

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Stellt euch ein Kind vor, das sich vor jenen verstecken muss, die es liebt. Es tut all das, was andere Kinder auch tun. Baut Türme aus Bauklötzchen, lässt seine Spielzeugautos zusammenkrachen, seine Plüschtiere miteinander reden und malt Häuser unter einer lachenden Sonne. Das Kind ist eben ein Kind. Aber die Angst macht, dass jetzt alles ganz anders aussieht. Die Türme stürzen nicht mehr ein. Die Autocrashs sind nur noch zaghafte Anstupser, keine Kracher mehr. Auch die Plüschtiere flüstern nur noch miteinander. Und das Wasser im Malbecher verwandelt sich rasch in eine Brühe von schmutzigem Grau. Das Kind hat Angst davor, hinauszugehen und das Wasser zu wechseln, und schließlich sind dann alle Farben mit der Brühe aus dem Becher verschmiert. Jedes weitere Häuschen, die lachende Sonne und die Bäumchen, alle tragen sie dasselbe böse Grauschwarz.

Von solcher Farbe ist an diesem Abend die ermländische Landschaft. Das verlöschende Dezemberlicht vermag keine Farben daraus hervorzuholen. Der Himmel, die Wand aus Bäumen, das Haus vor dem Wald und die sumpfige Wiese unterscheiden sich lediglich durch diverse Grautöne. Mit jeder Minute fließen sie immer mehr ineinander, bis sich schließlich die einzelnen Elemente nicht mehr voneinander unterscheiden lassen.

Ein monochromes Nocturne aus durchdringender Kälte und Leere.

Schwer zu glauben, dass in dieser toten Landschaft im Inneren des schwarzen Hauses zwei Menschen leben. Der eine kaum noch, dafür der zweite auf ebenso intensive wie ermüdende Weise. Verschwitzt, keuchend, durch das Rauschen des eigenen Blutes in den Ohren halb taub, versucht er, gegen den Schmerz in den Muskeln anzukommen, um die Sache so schnell wie möglich zu Ende zu bringen. Er wird den Gedanken nicht los, dass so was in Filmen immer ganz anders aussieht. Sie sollten nach dem Abspann noch eine Warnung bringen: »Sehr geehrte Damen und Herren, wir weisen darauf hin, dass die Durchführung eines Mordes in Wirklichkeit tierische Kräfte, eine gute Koordination der Bewegungsabläufe und vor allem eine hervorragende Kondition erfordert. Bitte machen Sie das zu Hause nicht nach.«

Allein das Opfer festzuhalten, ist eine Leistung. Der Körper setzt sich auf jede erdenkliche Weise gegen den Tod zur Wehr. Das einen Kampf zu nennen, fällt schwer, es ist eher etwas zwischen Krämpfen und einem epileptischen Anfall, alle Muskeln sind angespannt, und die Behauptung, dass das Opfer mit der Zeit schwächer werde, wie sie in Büchern schreiben, ist völlig falsch. Je näher das Ende rückt, desto stärker und vehementer versuchen die Muskelzellen, das noch verbliebene Restchen Sauerstoff zu nutzen, um den Körper zu befreien.

Was heißt, dass man ihnen diesen Sauerstoff nicht geben darf, weil sonst alles wieder von vorn anfängt. Was heißt, es genügt nicht allein, das Opfer festzuhalten, damit es nicht entkommt, sondern man muss es noch zusätzlich würgen. Und dabei hoffen, dass das nächste Strampeln das letzte sein wird.

Indes scheint das Opfer einen nicht enden wollenden Vorrat an Kraft zu haben. Beim Mörder ist das Gegenteil der Fall. Der heftige Schmerz seiner überlasteten Muskeln in den Schultern wächst, seine Finger werden taub und fangen an, ihm nicht mehr zu gehorchen. Er sieht, wie sie nach und nach, Millimeter für Millimeter von diesem schwitzenden Hals abgleiten.

Er denkt, er schafft es nicht. Und im selben Moment erstarrt der Körper unter seinen Händen. Die Augen des Opfers brechen. Zu oft hat er in seinem Leben schon solche Augen gesehen, als dass er es nicht erkennen würde.

Trotzdem kann er seine Hände nicht fortnehmen, mit aller Kraft würgt er den Leichnam noch eine Zeit lang. Er begreift, dass es seine Hysterie ist, die ihn lenkt, aber dennoch drückt er immer fester zu, ohne auf den Schmerz in seinen Händen und Schultern zu achten. Plötzlich rutscht der Kehlkopf unter seinen Daumen auf unangenehme Weise weg. Erschrocken lockert er den Griff.

Er erhebt sich und betrachtet die Leiche zu seinen Füßen. Sekunden vergehen, Minuten. Je länger er so steht, desto unfähiger wird er, sich zu bewegen. Schließlich zwingt er sich, nach seinem Mantel über der Stuhllehne zu greifen und ihn sich überzustreifen. Er sagt sich immer wieder, wenn er jetzt nicht schnell zu handeln beginnt, gesellt sich sein eigener Leichnam zu dem Opfer am Boden dazu. Er wundert sich, dass das noch nicht geschehen ist.

Andererseits, denkt Staatsanwalt Teodor Szacki, ist es nicht das, was ich mir am meisten wünsche?

 

FRÜHER

ERSTES KAPITEL

Montag, 25. November 2013

Wissenschaftler haben an Mäusen nachgewiesen, dass man das männliche Y-Chromosom völlig eliminieren kann, ohne die Fähigkeit zur Fortpflanzung zu beeinträchtigen. Aus der polnischen Filmkomödie »Sexmission« ist somit eine wissenschaftliche Möglichkeit geworden. Die Welt blickt weiterhin auf die Ukraine, deren Regierung endgültig erklärt hat, das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht zu unterzeichnen. In Kiew gehen Hunderttausende auf die Straße. Laut Statistik kennen mindestens 60% der Polen eine Familie, in der die Frau ein Opfer häuslicher Gewalt ist, 45% leben oder haben in einer Familie gelebt, in der es zu häuslicher Gewalt gekommen ist, 19% sind der Ansicht, Vergewaltigung in der Ehe gebe es nicht, und 11% meinen, es sei keine häusliche Gewalt, seine Ehefrau oder Lebensgefährtin zu schlagen. In seiner Testphase in Polen bricht der Pendolino einen neuen Geschwindigkeitsrekord: 293 km/h. Krakau, die Stadt mit der drittgrößten Luftverschmutzung in Europa, untersagt das Heizen mit Kohle. Die Einwohner von Olsztyn äußern sich dazu, was ihre Stadt am dringendsten braucht: Radwege, eine Sporthalle und ein wichtiges Festival. Und neue Straßen, um der Pest der Staus Herr zu werden. Eine kaum nennenswerte Unterstützung für den Bau des Straßenbahnnetzes, das Flaggschiff der städtischen Investitionen, lässt einen da schon staunen. Der stellvertretende Bürgermeister erklärt es so: »Mir scheint, viele Leute sind lange nicht mehr mit einer modernen Straßenbahn gefahren.« Der ermländische Herbst dauert an, es ist hässlich und grau, und egal, was das Thermometer anzeigt, alle spüren nur: Es ist verdammt kalt. Nebel hängt in der Luft, und in den Straßen herrscht überfrierende Nässe.

1

Staatsanwalt Teodor Szacki vertrat nicht die Ansicht, dass jemand den Tod verdient hätte. Keiner durfte einem anderen das Leben nehmen, ganz unabhängig von den Umständen, egal ob die Tat gegen das Gesetz verstieß oder mit seinen Buchstaben übereinstimmte. Daran glaubte er ganz fest, seit er denken konnte, aber jetzt, als er an der Kreuzung von Żołnierska- und Bahnhofstraße stand, spürte er, wie sein Dogma ins Wanken geriet.

Auf der einen Straßenseite Wohnblöcke, auf der anderen das Krankenhaus, daneben ein paar Pavillons, vor denen eine riesige Reklamefahne einen »Fellmarkt« ankündigte. Szacki überlegte einen Moment, ob das nur ihm in seinem Beamtenkopf zweideutig vorkam. Eine typische Kreuzung in der Metropole der Woiwodschaft, zwei Straßen schneiden sich, weil sie es irgendwo müssen, hier fährt keiner langsamer, um das Stadtbild hinter dem Wagenfenster zu genießen, die Leute fahren einfach weiter und Schluss.

Das heißt, sie fuhren nicht weiter. Sie fuhren bis zur Kreuzung, hielten an und standen da wie die Schafe, während sie auf grünes Licht warteten. In der Zwischenzeit verschmolzen ihre Füße mit dem Pedal, während des Stopps wuchsen ihnen lange Bärte, die sich auf ihren Knien bauschten, und an den Fingerspitzen formten sich die Nägel zu Krallen.

Als er gleich nach seinem Umzug hierher in der Gazeta Olsztyńska gelesen hatte, das Individuum, das den Verkehr in der Stadt verwaltete, glaube nicht an die grüne Welle, weil die Leute sonst zu sehr beschleunigen würden, was wiederum eine Gefahr im Straßenverkehr darstellte, hatte er zunächst gedacht, das sei ein guter Witz. Es war kein Witz. Kurz darauf hatte er erfahren, dass in dieser letzten Endes nicht mal großen Stadt, die man zu Fuß in einer halben Stunde durchmessen konnte und in der sich der Verkehr auf breiten Straßen abspielte, alle pausenlos im Stau standen. Die Leute liefen zwar Gefahr, vor Wut vom Schlag getroffen zu werden, aber – und hier musste man dem Beamten recht geben – wenigstens stellten sie keine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer dar.

Außerdem glaubte man in den Kreisen der Obrigkeit nicht daran, dass die Einwohner von Olsztyn ganz normal links abbiegen konnten, indem sie zuerst die entgegenkommenden Autos vorbeiließen. Deshalb und aus Sorge um ihre Sicherheit war an fast jeder Kreuzung das Linksabbiegen nicht gestattet. Alle Zufahrtsstraßen zur Kreuzung bekamen ihrerseits nacheinander grünes Licht, während der Rest brav dastand und wartete. Sehr lange dastand und wartete.

Deshalb fluchte Szacki laut, als an der Bahnhofstraße zweihundert Meter vor seinem Citroën die Ampel auf Gelb umsprang. Keine Chance, es zu schaffen. Er stoppte, nahm den Gang raus und seufzte tief auf.

Vom Himmel herunter kam so ein ermländischer Scheiß, kein Regen, kein Schnee, keine Graupeln. Dieses Etwas gefror, sobald es die Frontscheibe berührte, und selbst auf höchster Stufe wurden die Scheibenwischer mit dieser geheimnisvollen Substanz nicht fertig. Die Flüssigkeit aus der Scheibenwischanlage verschmierte sie nur. Szacki konnte einfach nicht glauben, dass er an einem Ort lebte, wo derartige atmosphärische Erscheinungen möglich waren.

Er bedauerte, dass Polen keine überseeischen Kolonien hatte, sonst wäre er Staatsanwalt auf einer paradiesischen Insel geworden und hätte betagte Rentnerinnen dafür verfolgt, dass sie Kellner und Rumbalehrer zu sexuellen Handlungen nötigten. Obwohl – bei dem Glück, das er hatte, würde sich die einzige polnische Überseekolonie bestimmt auf einer Insel in der Barentssee befinden, wo es keine Rentner gab, weil keiner auch nur die vierzig erreichte und die Kellner den Wodka im Kühlschrank lagerten, damit er nicht gefror.

Zum Zeitvertreib begann er sich vorzustellen, was er mit dem Straßenverkehrsbeamten von Olsztyn alles anstellen würde. Auf welch vielfältige Weise er ihn bestrafen und welchen Schmerz er ihm zufügen könnte. Ebenda geriet sein Dogma von der Nichttötung ins Wanken – je raffiniertere Torturen Szacki sich ausdachte, desto größere Freude und Genugtuung empfand er.

Es reizte ihn schon lange, einmal bei Rot über die Kreuzung zu fahren, wäre da nicht die Tatsache, dass er als Staatsanwalt seinen Strafzettel nicht einfach so bekommen, bezahlen und vergessen konnte. Wenn ihn die Verkehrspolizei erwischte, musste er wohl oder übel seinen Beruf angeben, und die Polizei musste ihrerseits seinem Vorgesetzten eine Information über den Zwischenfall zukommen lassen mit der Bitte, diesen Rowdy in Robe zu bestrafen. Für gewöhnlich endete das mit einer Abmahnung, aber es blieb in den Akten, würde seinen dienstlichen Werdegang besudeln und könnte sich, abhängig von der Bosheit seines Vorgesetzten, auf seine künftige Pension auswirken. Da Szacki den Eindruck hatte, dass sie ihn an seiner neuen Dienststelle ohnehin nicht mochten, wollte er sich auch nicht mit ihnen anlegen.

Als die Ampel endlich umsprang, fuhr er los, am Krankenhaus vorbei, ließ das Bordell und den alten Wasserturm hinter sich und bog in sanftem Bogen – nachdem er an einer weiteren Ampel noch einmal ausgiebig gewartet hatte – in die Kościuszko-Straße. Hier lohnte es sich, sein Auge schweifen zu lassen, vor allem zu dem Respekt heischenden, riesigen Verwaltungsgericht, das seinerzeit als Amtssitz für den Regierungsbezirk Allenstein in Ostpreußen erbaut worden war. Das Bauwerk war prächtig, majestätisch und erhaben. Wenn es nach Szacki gegangen wäre, hätte er in diesem Gebäude alle drei Büros der Staatsanwaltschaft von Olsztyn untergebracht. Er war der Ansicht, es sei nicht ohne Bedeutung, ob Zeugen über die breiten Stufen in solch ein Haus geführt wurden oder in einen Plattenbau aus den Siebzigern, wie der, in dem sein Anwaltsbezirk untergebracht war. Die Klienten sollten wissen, dass Staat Erhabenheit und Kraft auf steinernem Fundament bedeutete und nicht Einsparungen, Mängel, Provisorien, Linoleum und Ölfarben bis zur Höhe der Wandtäfelung.

Die Preußen hatten gewusst, was sie taten. Er war in Warschau geboren, und anfangs hatte ihn der Respekt der Bürger von Olsztyn vor den Erbauern ihrer kleinen Heimat gestört. Ihm hatten die Deutschen keine Bauten hingestellt. Sie hatten die Hauptstadt in einen Haufen Schutt verwandelt, deswegen war aus seiner Stadt nur die traurige Karikatur einer Metropole geworden. Er hatte die Preußen nie geliebt, aber man musste Gerechtigkeit walten lassen: Alles, was an Olsztyn schön war, was dieser Stadt Charakter verlieh, was bewirkte, dass sie interessant war wie die nicht alltägliche Attraktivität einer harten, spröden Frau aus dem Norden – all das hatten die Deutschen erbaut. Der ganze Rest war im besten Falle gleichgültig, meist aber hässlich. Und in seltenen Fällen wegen der architektonischen Scheußlichkeiten, mit denen man sie in übertriebenem Eifer zu verschönen gedachte, derart entstellt, dass Ermlands Hauptstadt wiederholt zum Gespött von ganz Polen geworden war.

Ihm ging das für gewöhnlich am Arsch vorbei, aber wäre er ein alter Deutscher gewesen, der eine sentimentale Reise in das Land seiner Kindheit unternahm, er wäre wohl in Tränen ausgebrochen.

Er fuhr die Kościuszko-Straße entlang, überquerte die Piłsudski-Straße, bog in die Mickiewicz-Straße ein, fuhr an der Kopernikus-Straße vorbei und fand an der Dąbrowszczaków-Straße einen Parkplatz. Beim Aussteigen dachte er nicht ohne Häme daran, dass man in jedem Ort in Polens wiedergewonnener Heimat den Straßen stark national gefärbte Namen verpasst hatte, hier eine Kreuzung einer simplen Schustergasse und einer Kesselschmied-Straße zu finden, war einfach ein Ding der Unmöglichkeit.

Das Lyzeum, zu dem er unterwegs war, trug, wie konnte es anders sein, den Namen Adam Mickiewicz’. Aber die Schüler der ersten Jahrgänge hier hatten nichts über den polnischen Nationaldichter gelernt, sondern über Goethe und Schiller. Wieder dachte er, dass ein Ort seine eigene Bedeutung hat, während er den düsteren Kasten aus rotem Backstein aus dem 19. Jahrhundert betrachtete. Eine ganz gewöhnliche, große Schule aus deutschem Nachlass, wären da nicht die neugotischen Verzierungen gewesen, spitze Giebel, Oculi und riesige Fenster im zentralen Teil des Gebäudes. Sie verliehen dem Bau einen strengen, kirchlichen Charakter, die Vorstellungskraft schob einem ein Horrorszenario von didaktischen Experimenten unter, in dem nichts so ablief, wie es sein sollte: Klosterschwestern mit verkniffenen Lippen und stumme Kinder in identischen Schuluniformen, die alle so tun, als hörten sie die tierischen Schreie ihres Mitschülers nicht, der zum dritten Mal unvorbereitet zum Unterricht erschienen ist. Man schlägt ihn nicht, nein. Er muss ganz einfach eine Unterrichtsstunde allein in dem kleinen Zimmer auf dem Dachboden verbringen. Nie ist jemandem dort auch nur ein Haar gekrümmt worden. Aber niemand ist je von dort als derselbe zurückgekommen. Die Schwestern nennen es »Nachhilfestunden«.

»Staatsanwalt Szacki?«

Für einen Moment betrachtete er abwesend die Frau, die an der Eingangstür vor ihm stand.

Schließlich nickte er und schüttelte die ihm dargebotene Hand.

Die Lehrerin führte ihn durch die Schulkorridore. Im Inneren gab es nichts Auffallendes, nur dass ihn einige Elemente – die sanften Bögen über den Türen, die dicken Mauern und die charakteristische Untergliederung der Holztüren in Quadrate und Rechtecke – an die Ferien mit seinen Eltern in einem Bauernhaus aus deutschem Nachlass in der Nähe von Koszalin erinnerten. Bestimmt könnte man hier noch denselben Geruch der alten Backsteinmauern wahrnehmen, wäre da nicht diese Mischung aus Teenagerhormonen, Deosprays und Bohnerwachs, die einem in der Nase kitzelte.

Ihm blieb keine Zeit zu überlegen, ob er sich nach seinen Lyzeumsjahren zurücksehnte und ob er noch einmal die Hölle der Jugend durchlaufen wollte. Sie waren bereits bei der Aula angekommen, wo die versammelten Schüler drei Frauen unterschiedlichen Alters, die soeben ihre Podiumsdiskussion beendet hatten und nun lächelnd dastanden, mit Beifall bedachten.

»Haben Sie eine kurze Ansprache vorbereitet?«, fragte ihn die Lehrerin flüsternd. »Die jungen Leute hoffen sehr darauf.«

Er nickte bestätigend, wobei er dachte, dass sogar das Strafgesetzbuch es einem erlaubte, in eigener Sache zu lügen.

Zygmunt Miloszewski

Über Zygmunt Miloszewski

Biografie

Zygmunt Miłoszewski, geboren 1976 und früher Journalist bei Newsweek Polen, katapultierte sich mit »Warschauer Verstrickungen« in die erste Reihe der osteuropäischen Autoren, die gerade die internationale Krimiszene aufmischen. Für das Buch erhielt er den Preis Wielki Kaliber, die höchste polnische...

Weitere Titel der Serie »Teodor-Szacki-Reihe«

Trilogie des polnischen Autors Zygmunt Miloszewski um den eigenwilligen Staatsanwalt Teodor Szacki, die in drei verschiedenen polnischen Städten spielt, ebenso unkonventionell wie faktenreich und spannend erzählt.

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