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Der weiße Roman

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Der weiße Roman — Inhalt

Die Geschichte einer Liebe - dicht, intensiv und spannend wie ein Thriller von Jan Arnald - besser bekannt unter seinem Pseudonym Arne Dahl

An endlosen einsamen Stränden wie der Ninety Mile Beach in Australien beginnen Liebesgeschichten. Mirra und Ferrys Geschichte begann an diesem Ort, aber es sollte keine Liebesgeschichte werden. Nach einem brutalen Überfall und dem traumatischen Ende einer gemeinsamen Nacht verloren sich die beiden aus den Augen. Heute, 20 Jahre nach diesen Ereignissen, leben sie getrennt voneinander in Schweden. Mirra hat soeben erfahren, dass sie keine Kinder bekommen kann. Unter dem Eindruck dieser Nachricht öffnet sich in ihrem Gedächtnis eine Tür zur Vergangenheit. Mirra begreift, dass sie die weißen Flecken dieser fernen Nacht am Strand endlich mit konkreten Erinnerungen füllen muss. Ihre gemeinsame Geschichte mit Ferry ist noch nicht zu Ende...

»Jan Arnald ist ein brillanter literarischer Erzähler« (Svenska Dagbladet)

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.10.2017
Übersetzt von: Susanne Dahmann
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97889-7

Leseprobe zu »Der weiße Roman«

I

 

Introduzione

 

Maestoso ed adagio

 

Die Not macht einen Menschen mit
seltsamen Schlafgesellen bekannt.
Trinculo in »Der Sturm« von William Shakespeare

 

1

 

Trinculo

 

Es ist, als würde niemand sie wahrnehmen. Und doch wächst sie weiter. Ungesehen. Und erhält dabei ihre rechte Form.
Wir sind in Bristol, und wir schreiben das Jahr 1858. Es ist die Zeit der Industrialisierung, und doch auch wieder nicht.
Bristol, an der Grenze zu Wales, seit dem sechzehnten Jahrhundert der wichtigste transatlantische Hafen Englands. Das Zentrum des Dreieckshandels, in [...]

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I

 

Introduzione

 

Maestoso ed adagio

 

Die Not macht einen Menschen mit
seltsamen Schlafgesellen bekannt.
Trinculo in »Der Sturm« von William Shakespeare

 

1

 

Trinculo

 

Es ist, als würde niemand sie wahrnehmen. Und doch wächst sie weiter. Ungesehen. Und erhält dabei ihre rechte Form.
Wir sind in Bristol, und wir schreiben das Jahr 1858. Es ist die Zeit der Industrialisierung, und doch auch wieder nicht.
Bristol, an der Grenze zu Wales, seit dem sechzehnten Jahrhundert der wichtigste transatlantische Hafen Englands. Das Zentrum des Dreieckshandels, in dessen Zentrum wiederum die Sklaverei stand. Als Nordamerika Anfang des 19. Jahrhunderts keinen weiteren Import von Sklaven mehr zuließ, folgte eine Krise. Neuorientierung. Stattdessen nun Schiffe. Werften. Industriezentrum. Bristol wurde der große Emigrantenhafen. Hier versammelte Western Railway zukünftige Amerikaner aus allen Ecken Englands, nicht ohne die Glückssucher zuvor mithilfe eigener Schiffe gründlich geschröpft zu haben.
Der Dreieckshandel, sehr einfach, westlich genial: Alkohol, Perlen, Stoffe aus Europa nach Afrika holen, dort gegen Sklaven tauschen und Kurs nehmen auf Amerika, dort die Hälfte der Sklaven, die überlebt haben, im Austausch gegen Zucker, Baumwolle, Tabak abladen – zurück nach Europa. Das Dreieck ist vollendet.
Das Ende der Sklaverei trifft mit dem Sterben der Segelschiffe zusammen. Auf Dampfschiffen sind keine Sklaven transportiert worden, zumindest nicht offiziell. Die großen Schaufelräder taugten nicht für die Fahrt über den Ozean. In den 1830er-Jahren löste der Schwede John Ericsson das Problem durch einen Unterwasserpropeller. Die 1840er-Jahre wurden zum Jahrzehnt der Dampfschiffe, die Reedereien übertrumpften einander in Qualität wie Quantität. Die Krönung war die SS Great Eastern , die viertausend Passagiere befördern und einmal um die Erde fahren konnte, ohne Kohle nachbunkern zu müssen.
Der Mann hinter dem Meisterwerk trug den imposanten Namen Isambard Kingdom Brunel. Als französischer Ingenieur war er in ein England gekommen, das im Begriff stand, die Welt zu kolonialisieren. Die richtige Zeit und der richtige Ort für ein technisches Genie. Als Zwanzigjähriger baute er unter der Themse hindurch den ersten Unterwassertunnel der Welt. Ein paar Jahre später baute er die Eisenbahnstrecke zwischen London und Bristol. Sah, dass die meisten Passagiere Auswanderer waren, meinte, die Linie sollte sich um ein Dampfschiffnach New York vergrößern. So entstand 1839 die SS Great Western . Es folgen einige Jahre des Eisenbahnbaus in der ganzen Welt. Toscana, East Bengal Railway, die Strecke Melbourne –Williamstown in Australien. Brücken, weitere Dampfschiffe, Paddington Station. Und dann die Vision, die zu verwirklichen plötzlich möglich schien. Die Great Eastern, die große Schwester der Great Western, ohne Beispiel in der ganzen Welt. Brunels Lebenswerk. Nach einer Reihe von wirtschaftlichen und technischen Problemen lief die SS Great Eastern Ende Januar 1858 vom Stapel. Das größte Schiffder Welt.
Es gibt noch immer das Foto. Brunel an Deck, stolz, eine Zigarre im Mundwinkel, einen kurios hohen Hut auf dem Kopf, die Hände männlich in die Taschen der viel zu hochgezogenen Hosen geschoben, hinter sich eine riesenhafte Kettenwinsch. Während der Fotograf noch seine Kastenkamera zusammenpackt, erleidet Isambard Kingdom Brunel einen schweren Schlaganfall. Zehn Tage später stirbt er. Kurz bevor die Great Eastern sich auf die Reise um die Erde macht. Ohne ein einziges Mal Kohlen nachzubunkern.
Im Schatten von alledem – sie.
Sie heißt Trinculo – ein Männername, ein Narr in Shakespeares »Der Sturm«, von seinem ganzen Wesen her ein Paradoxon –, und sie ist eine Bark. In Bristol sind nach der großartigen Jungfernfahrt der Great Eastern alle Blicke auf die Dampfschiffe gerichtet. Nur ein einziger Typ von Segelschiffen wird überhaupt noch gebaut. Die Bark ist der perfekt ausbalancierte Mittelweg zwischen dem schweren, viele Matrosen benötigenden Vollschiffund dem auf offenem Meer so instabilen Schoner. Die letzte Hoffnung der Segelindustrie. Der achterliche Mast, der Besan, hat ein Gaffelsegel, wie der Schoner auch, während die anderen Masten Rahsegel tragen, wie das Vollschiff.
Aber was heißt schon Hoffnung. Das Segelschiffund die Industrialisierung passen nicht zusammen. Das sieht jeder. Das Segelschiffstarb mit der Sklaverei.
Als die Trinculo vom Stapel läuft, ist niemand da. Keiner feiert. Keine am Rumpf zerschlagenen Champagnerflaschen, um ihre Existenz zu bekräftigen. Völlig unbemerkt gleitet sie in das transatlantische Gewässer der Bucht von Bristol. Nicht einmal ihre Erbauer haben sie gesehen. Die haben von Dampfschiffen geträumt. Was sie unter den Händen hatten, gehörte nicht in die Gegenwart.
Sie entstand, ohne wahrgenommen zu werden.
Matrosen gibt es mehr als genug. Sie hätten staunen sollen über ihren eleganten Eisenrumpf, ihre wohlproportionierten hundertachtunddreißig Fuß, ihre gut verteilten dreihundertachtzehn Tonnen, über die optimale Platzierung der Masten und die Effektivität der Segelfläche. Doch sie scheren sich nicht darum. Die wenigen, die nicht lieber auf einem modernen Dampfschiffgewesen wären, sind entweder zu alt oder zu unbeweglich, um noch umgeschult zu werden. Oder sie sind ganz einfach übrig.
Übrig geblieben.
Jungfernfahrt. Die Trinculo ist die Krönung von Tausenden von Jahren der Entwicklung, und niemand bemerkt sie. Die Jahre vergehen, die Dominanz der Dampfschiffe wird immer eindeutiger. Sie aber segelt an die entferntesten Orte der Welt, ohne im Geringsten die Meere zu verunreinigen. Sie bunkert niemals Kohle nach.
Am Ende bleibt sie vor der Küste Afrikas liegen. Auf dem besten Weg, ein Wrack zu werden. Abfall. Niemand mag sich noch mit ihr abgeben.
Ein Jahr lang liegt sie dort. Manchmal paddeln die Kinder unbemerkt in der Dämmerung zu ihr hinaus. Manchmal spielen sie dort. Dann existiert sie wieder. Als Spielzeug, als Kinderabenteuer, als Mutprobe.
Sie beginnt zu rosten.
Aber dann sieht sie jemand. Ein Jäger des Glücks, ein Unternehmer, ein Mann der neuen Zeit. Fragt, wem sie gehört. Keiner weiß es. Er fragt herum, aber keiner weiß es. Schließlich macht er sich daran, den Rumpf entlang Buchstabe für Buchstabe den Namen aus den Algen freizukratzen.
»Trinculo«, sagte er schließlich, und zum ersten Mal wird ihr Name ohne Ironie genannt. Denn wer nennt schon ein Schiffnach einem shakespeare’schen Säufer? Und meint das auch noch ernst?
Er kauft sie, birgt sie, takelt sie wieder auf. Da ist wieder Leben in ihr. Die Segel füllen sich, die Rahsegel und das Besansegel, und die Winde der Sahara lassen sie auf den Ozean hinausschießen. Unter einem Himmel aus Sand, der das Deck rot färbt, wird sie wiedergeboren. Sie segelt über Riffs und durch Brandungen, in deren Nähe sie noch nie war. Sie landet in Melbourne. Ein Reeder mit Namen James Paterson kauft sie. Es ist das Jahr 1872, seit einiger Zeit ist Australien keine britische Strafkolonie mehr. Es ist jetzt ein eigenes Land, ist auf dem Weg, ein eigener Staat zu werden, mit Tatkraft für das, was werden will. Aber es hinkt hinterher, ist immer ein wenig im Hintertreffen gegenüber der westlichen Zivilisation. Hier gibt es noch Segelschiffe, hier fahren Vollschiffe und Schoner. Und natürlich gibt es hier Barken. Hier gibt es die Trinculo.
Sie hat eine neue Chance erhalten. In einer neuen Welt.
Australien ist groß. Die Entfernungen sind gewaltig. Sie segelt um den Erdteil, transportiert alles Mögliche, alles, was Paterson wünscht. Sie ist untadelig, niemand ahnt, dass sie dicht davor war, ein Wrack zu werden. Befehlshaber ist Kapitän Williams. Er sieht sie. Er weiß, wer sie ist. Er ist imstande, sie nach ihrem Verdienst einzuschätzen. Manchmal bleibt er noch an Bord, nur um sie zu bewundern. Ihre Grazie. Ihre Präzision. Ihre anspruchslose Vollendung. Dann kommt es vor, dass er sanft über die Reling streicht oder über den Besanmast. Aber er sagt nichts. Er redet überhaupt nicht viel. Es geht das Gerücht, er sei ein ehemaliger Strafgefangener, doch mit keinem Wort, mit keiner Silbe rührt er an das Vergangene.
Die Besatzung besteht nur aus neun Matrosen – deshalb segelt die Trinculo Jahr um Jahr weiter –, und die Männer wechseln schnell. Mit einer Ausnahme: Thomas Lefevre. Lefevre meint, einen Schicksalsgenossen aus der Strafkolonie zu erkennen, doch im Laufe der Jahre hat er aufgehört, darüber zu sprechen. Für Kapitän Williams gibt es die Vergangenheit nicht. Für den äußeren Kapitän Williams.
Die Jahre vergehen. Plötzlich will Kapitän Williams nicht mehr länger als nötig an Bord bleiben. Wenn die Trinculo in Melbourne festmacht, hat er es eilig, an Land zu kommen. Manchmal ist er nicht einmal der Letzte an Bord. Lefevre sieht ihm nachdenklich zu, wie er eiligen Schrittes über die Gangway läuft.
Die Trinculo nimmt nur selten Passagiere auf, der Erdteil hat ganz einfach nicht genügend Menschen. Umso mehr ist Kapitän Williams darauf bedacht, dass die blonde Frau ein Passagier ist wie jeder andere. Erstaunlicherweise geht sie nie an Land. Ein Passagier sollte doch irgendwohin unterwegs sein, Lefevre meint, dass das einen Passagier ausmacht. Es ist, als wäre sie schon zu Hause. Ihr Lächeln bringt die Trinculo zum Funkeln. Noch nie hat die lautere Bark so lebendig gewirkt. Schließlich geht die blonde Frau wieder in Melbourne an Land, genau dort, wo sie das Schiffbestiegen hat. Und wieder hat Kapitän Williams es eilig, von Bord zu kommen. Lefevre ist es, der auf der Trinculo klar Schiffmacht.
Als die blonde Frau das zweite Mal an Bord kommt, ist irgendetwas anders. Nicht Kapitän Williams, nicht dieser raue, dunkle, karge Mann, der den Blick fest auf den Horizont gerichtet hält. Nein, sie ist anders, Lefevre sieht es. Sie schimmert. Und sogar ein so hartgesottener Seebär wie Thomas Lefevre bemerkt die neue Rundung ihres Körpers. Die verändert sie, macht sie leichtsinniger, und als sie mit ein paar tänzerischen Schritten Kapitän Williams umkreist, da sind all seine Bemühungen, seine strenge Fassade zu wahren, vergebens. Da treffen sich ihre Hände, und Lefevre bemerkt von seinem Aussichtsplatz hinter dem Besanmast, dass die Ringe an ihren Fingern gleich sind.
Als sie das dritte Mal an Bord kommt, weiß Lefevre längst Bescheid. Es ist Ende Mai, der schlimmste Herbst seit Gedenken, und die Küste des Kontinents wird von Stürmen bis zur Orkanstärke umzingelt. Doch ist es wohl kaum deshalb, dass Kapitän Williams ein wenig besorgt aussieht, als die Trinculo den Naturhafen von Albany anläuft. Kein Sturm, kein Wetter hat ihn je beunruhigt. Aber früher ging es auch nur um ihn selbst. Als Lefevre die Gangway auf das immer noch sehr wenig besiedelte Westaustralien hinausschiebt, weiß er, wer sie zuerst betreten wird. Und doch wird er in Erstaunen versetzt, als er ihr die Hand hinstreckt. Sie kann sie nicht ergreifen, denn sie hat keine Hand frei. Als sie in dem beißenden Sturm an ihm vorbeigeht, wird ein Eckchen von der Decke, die um ihre Last geschlungen ist, hochgehoben und entblößt noch einen blonden Haarschopf. Da erst ahnt Lefevre die Dimension von Kapitän Williams’ Furcht.
Als die Ladung gegen Proviant und Frischwasser getauscht ist, ruht sich Lefevre an der Reling aus und betrachtet das sturmgepeitschte Meer, das ohne Ende bis zur Antarktis reicht, als Kapitän Williams neben ihm auftaucht, den Blick auf einen Horizont gerichtet, den nur er auszumachen vermag.
»We’re going to Hell«, sagt Kapitän Williams.
Lefevre nickt. Aber es ist nicht so dramatisch, wie es klingt. »Hell« ist Newcastle in New South Wales, zu jener Zeit schon einer der größten Kohle exportierenden Häfen. Die schwarze Stadt. Die Schlimmste aller Strafkolonien. Die Übelsten aller Verbrecher werden in die Kohlegruben geschickt. Straight down into Hell. Die Nachfrage nach Kohle nimmt immer weiter zu. Im Zeitalter der Dampfschifffahrt. Darum nickt der erfahrene Segler Lefevre: Es geht um die paradoxe Erkenntnis, dass ein SegelschiffKohle für Dampfschiffe transportiert. Straight from Hell.
»Wir segeln mit Ballast hinüber«, fährt Kapitän Williams fort.
Es ist eines ihrer üblichen kurzen Gespräche. Alles ist wie immer. Und doch nicht. Da liegt noch etwas in der heulenden Luft zwischen ihnen, etwas, was sich dort kaum im Gleichgewicht halten kann. Lefevre sieht zu seinem Kapitän auf, dem einzigen Mann, dem er jemals voll und ganz vertraut hat.
Er wagt zu sagen : » Es wird gut gehen, Kapitän. Wenn wir uns nur von der Shipwreck Coast fernhalten.«
Die tückischste Küste von Victoria, diesseits von Melbourne, zieht einer Sirene gleich Schiffe an und bringt sie in Seenot. Ihr Entdecker, Matthew Flinders, sagte im ersten Jahr des 19. Jahrhunderts über sie: »I have seldom seen a more fearful section of coastline.« Seeleute pflegen den Begriff Shipwreck Coast zu vermeiden, aber diese beiden können ihn aussprechen. Sie haben sozusagen Narrenfreiheit. Sie sind routiniert genug. Kapitän Williams bohrt den Blick in den für alle unsichtbaren Horizont. Er nickt.
Dann sagt er: »I’ve already been to Hell. Don’t wanna go back. «
Auch Lefevre nickt und begreift, was ihm hier verehrt worden ist: ein Bruchstück von Kapitän Williams’ Vergangenheit. In diesem Moment weiß Lefevre, dass er nicht zulassen wird, dass der Familie des Kapitäns etwas zustößt. Er selbst wird dafür sorgen, dass Kapitän Williams nicht wieder in die Hölle muss.
Die Trinculo läuft in den letzten Maitagen aus. Es gibt keine Anzeichen auf eine Wetterveränderung. Und der Reeder Paterson hat schon mitteilen lassen, dass Eile geboten ist. Den Dampfschiffen von Sydney mangelt es an Kohle.
Deutlich ist zu spüren, dass die Trinculo sich in hartem Wind wohlfühlt. Dafür ist sie gemacht. Auch die neun Matrosen lieben ihre Arbeit. Das ist Segeln. Das ist Seefahrt. Alles andere ist nur Warten, leere Zeit.
Die Trinculo stemmt das Heck gegen die Orkangewalt.
Auf der richtigen Seite der magischen Grenze. Ohne Probleme passieren sie Shipwreck Coast. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit jagen sie an der Südküste des Erdteils entlang. Auf einem wunderbaren Schlag kommen sie so nah an Tasmanien heran, dass sie den besonderen Duft der Insel wahrnehmen. Doch die nächste Kreuz verläuft nicht so wunderbar.
Die Trinculo ist schon im Orkan gesegelt, natürlich ist sie das. Und nie hat sie versagt. Doch damals waren das Schiff und Kapitän Williams noch eins. Thomas Lefevre spürt es in seinem tiefsten Innern, als sie die magische Grenze überqueren, und vielleicht, ja, vielleicht ist sein Vertrauen nicht mehr ganz dasselbe.
Sie reffen, was zu reffen ist. Die Matrosen werden von Böen, die man nicht länger beherrschen kann, hin und her geworfen. Nicht einmal der karge Blick von Kapitän Williams auf den Horizont kann sie noch bezwingen. Die Winde sind jetzt frei, sie sind heraus aus Äolus’ Sack, so wie die Plagen aus der Büchse der Pandora. Das erste Rahsegel wird vor der Südküste von Victoria zerrissen. Das zweite südlich der Gippslandküste. Und als auch das Besansegel nachgibt, wissen sie schon nicht mehr, wo sie sind.
Es ist stockfinstere Nacht, und sie haben keine Möglichkeit herauszufinden, wie nah an der Küste sie sich befinden. Lefevre versucht, mit den letzten Segelfetzen zu manövrieren, als er sieht, wie Kapitän Williams sich unter Deck begibt. Als er zurückkommt, hat er seine Familie bei sich. Das Gesicht seiner Frau leuchtet kreideweiß vor der pechschwarzen Nacht. Krampfhaft hält sie das kleine Bündel in ihren Armen. Kapitän Williams’ Blick sucht vergeblich den Horizont. Im selben Moment, in dem Lefevre seinen Kapitän zum ersten Mal ratlos sieht, verspürt er den Stoß. Er spürt, wie der Kiel der Trinculo von einem messerscharfen Riff aufgerissen wird, er wird über das Deck geworfen, und sein Kopf schlägt im Hellegatt hart auf. Während eine riesenhafte Welle ihn überspült und ihn an die Bewusstseinsgrenze schleudert, sieht er Kapitän Williams. Er hält seine Familie fest. Drückt sie an die Reling.
Lefevre erhebt sich. Er spürt das Blut von der Stirn pulsen. Die Welt färbt sich rot. Rot wie der Sand der Sahara. Er wischt sich das Blut aus den Augen, während die Welt anfängt zu krängen. Lefevre hört das brodelnde Wasser unter Deck einbrechen. Er sieht, wie sich die Matrosen an Masten, an der Reling und aneinander festklammern. Und die Trinculo krängt immer mehr.
Lefevre gelingt es, das Schott zum Taugatt aufzureißen, er schiebt die Hand in die schwarze Öffnung, reißt eine dicke Taurolle aus Manilahanf und einen dünneren Tampen heraus, hängt sich beides über die Schulter und taumelt auf Kapitän Williams zu.
Der Kapitän hält seine Familie fest, sein Griffist aus Eisen. Kein Blick, der eingefangen werden kann.
Lefevre schlingt das eine Ende der Taurolle in den dünneren Tampen, den er sich um die Brust legt. Er fühlt den Orkan, beurteilt ihn so nüchtern, dass es ihn fast erstaunt, und er ahnt, in welcher Richtung die Küste liegt. Allerdings weiß er nicht, wie weit sie entfernt ist. Es geht um den Versuch. Mit einem langen Tau der Trinculo. Niemand soll sagen, dass er nicht alles getan hat, was in seiner Macht stand.
Während er das andere Ende der Taurolle an der Reling festmacht, versucht er wieder, den Blick von Kapitän Williams zu fangen. Lefevre brüllt: »Achten Sie darauf, dass es läuft, Kapitän. «
Kapitän Williams scheint zu erwachen. Er sieht ihn mit einem Blick an, den Lefevre noch nie an ihm gesehen hat.
Lefevre zeigt auf die dicke Rolle Tau zu Füßen des Kapitäns und ruft wieder mit allem, was er an Stimme zur Verfügung hat: »Kapitän, achten Sie darauf, dass das Tau läuft.«
Kapitän Williams wendet sich ihm zu und sagt: »Sie ist zehn Monate alt.«
»Und wird noch tausend weitere leben«, brüllt Lefevre.
Da versteht Kapitän Williams. Er begreift, was Lefevre zu tun im Begriffist. Packt seinen Arm und sagt: »Danke, Thomas. «
»Versprechen Sie mir eins«, sagt Lefevre und wischt sich das Blut aus den Augen.
»Was?«, ruft Kapitän Williams.
»You tell me about Hell«, brüllt Lefevre und taucht ins Meer.
Kapitän Williams hält seine Familie umschlungen und sieht, wie Thomas Lefevre von der Dunkelheit verschluckt wird. Er sieht das Tau laufen. Er umfasst seine Familie noch fester, streicht über die Reling der Trinculo und flüstert ins Auge des Orkans:
»Lass mich jetzt nicht im Stich.«

 

2

 

In dem stickigen Zimmer findet ein seltsamer Tanz statt. Schwer zu glauben, dass keiner der anderen ihn sehen kann, jedenfalls reagieren sie nicht. Wahrscheinlich wird er als unerwünscht, irrelevant betrachtet. Zumindest auf dem Hintergrund der Ernsthaftigkeit, die alles beherrscht.
Da ist nur Tanz. Reine Bewegung. Die Wirklichkeit, die sich wie spielerisch aufhellt.
Sie will nicht an das Wort »Lichtreflex« denken. Das klingt so herabwürdigend, viel zu klein. Die Sprache verringert die Erfahrung, denkt sie und sieht auf.
Auch die Worte tanzen durch das Zimmer, die gesprochenen Worte, aber sie sind klobig und unschön. Sie ist nicht bereit, die Worte, deren Inhalt sie bereits kennt, in sich aufzunehmen.
Sie sehen sie an, fordern sie auf, als befände sie sich in derselben Wirklichkeit wie sie.
In der Wirklichkeit ist es natürlich ein Lichtreflex, der zwischen ihnen tanzt, über den niedrigen Tisch, hin zu den weißen Knien des Arztes, zurück über den Tisch, an den Handgelenken des Mannes, der neben ihr auf dem Sofa sitzt.
Aber bei ihr kommt er nie an.
Es ist, als würde er auf der Grenze zwischen ihm und ihr zögern. Als würde er die Mauer ahnen. Als würde er zögern, wie vor einem Da-capo-Zeichen, und wieder von vorn beginnen.
Dieser tanzende Fleck, der die Dunkelheit kleiner werden lässt.
Sie sehen ihn nicht. Ihre Blicke nageln sie fest, und nur sie. Jetzt noch mahnender. Sie jedoch sieht aus dem Fenster. Gegenüber ist ein weiterer Krankenhaustrakt, noch höher. Die Fensterreihen scheinen unendlich, in alle Richtungen. Sie kann nicht genau erkennen, woher der Tanz kommt. Sie wird ja nie geblendet. Der Tanz erreicht sie nicht. Also kann sie seinen Ursprung nicht erkennen.
Nein, denkt sie, nicht wie ein Da-capo-Zeichen. Jedes Mal, wenn der Tanz wieder von vorn beginnt, ist er ein wenig anders. Eher Variationen als Wiederholungen. Was zunächst willkürlich wirkte, eine herumirrende Hindin, scheint jetzt fast bewusst. Und der Tanz weist auf etwas hin, und auch wenn sie nicht weiß, worauf, macht sie doch einen ersten Schritt.
Sie nimmt ihr Handy und tippt darauf herum. Von außen sieht es aus wie eine Übersprungshandlung. Eine Verhaltensweise, in die man sich rettet, wenn die Weite der eigenen Seele nicht für das ausreicht, was man soeben gehört hat.
»Ich bin nicht sicher, ob Sie verstanden haben, was ich eben gesagt habe«, sagt der junge Arzt und zieht die Augenbrauen zusammen.
Warum hast du so buschige Augenbrauen?, denkt sie. Du bist doch jung, jünger als ich, viel jünger als R. Vielleicht bist du ganz einfach ein stark behaarter Mann.
» Ich weiß, was du denkst «, sagt R. mit seiner allerweichsten Stimme und legt den Arm um sie.
Dann sag es doch, denkt sie und lächelt. Sag doch, dass ich an die Körperbehaarung des jungen Arztes denke. Sag doch, dass ich mir vorstelle, wie behaart sein Schwanz ist.
»Ich denke also nicht, dass es irgendeinen Sinn hat, die Behandlung fortzusetzen«, sagt der junge Arzt. »Das würde bedeuten, die Hoffnung zu lange zu schüren.«
Was weißt du schon von Hoffnung?, denkt sie.
Was weißt du von Hoffnungslosigkeit.
R. will sie umarmen. Es wird eine linkische Geste daraus, deren Unbeholfenheit durch ihre mangelnde Reaktion nur noch verstärkt wird. Im selben Augenblick wird alles weiß. Sie begreift, dass so ein Schlaganfall abläuft. Alles wird einfach weiß. Wie die erste leere Seite im leer gewordenen Buch des Lebens. Dann kann man nicht anders, als von Neuem darin zu schreiben, mit krummen, im Schmerz herausgepressten Buchstaben, die nie mehr so werden wie früher.
Aber dann merkt sie, dass das Weiß etwas anderes ist. Eine Blendung. Die buschigen Augenbrauen des jungen Arztes erscheinen darin wie der Schnurrbart von Nietzsche. Sie wendet ihren sonnenblinden Blick zum Fenster und sieht in der unendlichen Reihe genau gegenüber eine Fensterscheibe kippen. Dann tanzt der Lichtreflex wieder. Nein, es tanzt wieder. Zwischen ihnen.
Als wollte es ihre Aufmerksamkeit erregen.
»Wir können immer noch adoptieren«, sagt R. tröstend.
»Medizinisch gesehen sind jedenfalls alle Möglichkeiten erschöpft«, fügt der junge Arzt hinzu. »Wir könnten die Behandlung natürlich noch fortsetzen, aber rein ethisch gesehen … «
Wenn er noch einmal »Behandlung« sagt, dann wird sie ihm die buschigen Augenbrauen abreißen und in seine Ohren stopfen.
Doch. Ja, es ist Musik. Der Tanz zeichnet einen Rhythmus, eine Melodie. Die beginnt, sich in ihrem Kopf zu formen. Gestalt anzunehmen. Ton anzunehmen. Und natürlich gibt es die Melodie nicht nur in ihrem Kopf.
»Natürlich gibt es professionelle Hilfe, wenn man in einem derart fortgeschrittenen Stadium der Behandlung mit jemandem sprechen muss«, sagt der junge Arzt. »Ich kann Ihnen einige Namen nennen, die ich persönlich kenne und für die ich mich verbürgen kann.«
»Kennen Sie Namen persönlich?«, fragt sie und bemerkt, wie R. zusammenzuckt. Wie er auf diese Art erstarrt, die andeutet, dass gerade ein Tabu überschritten wurde.
Nein, nicht andeutet. Eher demonstriert. Das Zimmer mit Eis überzieht.
Scheiß drauf. Plötzlich hakt sich eine Melodie in dem tanzenden Lichtreflex fest. Sie muss aufhören, das Wort zu denken. Das macht das Immaterielle so materiell. Sie will nicht im Materiellen sein. Nicht ausgerechnet jetzt, da das Besondere geschieht, dass sie tatsächlich denkt, es sei eine Melodie. Dass es wirklich eine Melodie ist. Erst jetzt schaltet sie.
Doch nein, das ist nicht möglich. Sie ist überspannt, sie bildet sich Dinge ein. Es ist eine Melodie von weit, weit her, und doch kennt sie sie, Note für Note. Eine, die sich vor sehr langer Zeit festgesetzt hat. Und je mehr sie den Tanz fixiert – nicht den Lichtreflex, sondern den Tanz –, desto mehr ist sie überzeugt. Zuerst davon, dass sie ganz einfach verrückt ist. Dann davon, dass es stimmt. Dass es die Intro ist.
Introduzione.

Jan Arnald

Über Jan Arnald

Biografie

Jan Arnald wurde 1963 geboren, lebt in Stockholm und Berlin. Unter seinem Pseudonym Arne Dahl ist er mit seinen Kriminalromanen um den Stockholmer Kommissar Paul Hjelm und die Sonderermittler der A-Gruppe international höchst erfolgreich. In Schweden genießt er auch als Autor literarischer Romane...

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