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Der unsichtbare Gorilla

Der unsichtbare Gorilla

Wie unser Gehirn sich täuschen lässt

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Der unsichtbare Gorilla — Inhalt

Christopher Chabris und Daniel Simons wurden durch ihr »Gorilla-Experiment« weltberühmt: Sie ließen einen Mann im Gorillakostüm durch ein Basketballspiel laufen – und die Hälfte der Zuschauer nahm ihn überhaupt nicht wahr. Überall lässt sich diese Unaufmerksamkeitsblindheit beobachten: Polizisten gehen an schweren Unfällen vorbei. Hollywoodfilme wimmeln von Fehlern. Denn unsere Wahrnehmung funktioniert absolut selektiv. Die Autoren entlarven die Beschränktheit unserer Wahrnehmung, unserer Fähigkeit zu erinnern und unserer Auffassungsgabe. Vor allem aber zeigen sie, wie oft wir völlig unbegründet auf unsere Intuitionen vertrauen. Und wie wir unserem Bewusstsein doch noch auf die  Sprünge helfen können.

€ 15,99 [D], € 15,99 [A]
Erschienen am 11.04.2011
Übersetzt von: Dagmar Mallett
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95295-8

Leseprobe zu »Der unsichtbare Gorilla«

EINLEITUNG

 

Illusionen im Alltag

 

Drei Dinge sind äußerst hart:
Stahl, Diamanten und sich selbst zu erkennen.
Benjamin Franklin, Poor Richard’s Almanack (1750)

 

Vor ungefähr zwölf Jahren führten wir an der Harvard-Universität mit einer Gruppe unserer Studenten ein einfaches Experiment durch. Zu unserer Überraschung ist es mittlerweile eines der bekanntesten psychologischen Experimente überhaupt. Es wird in Lehrbüchern und Psychologie-Einführungskursen behandelt. Zeitschriften und Fernsehsendungen haben darüber berichtet. Sogar das » Exploratorium « [...]

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EINLEITUNG

 

Illusionen im Alltag

 

Drei Dinge sind äußerst hart:
Stahl, Diamanten und sich selbst zu erkennen.
Benjamin Franklin, Poor Richard’s Almanack (1750)

 

Vor ungefähr zwölf Jahren führten wir an der Harvard-Universität mit einer Gruppe unserer Studenten ein einfaches Experiment durch. Zu unserer Überraschung ist es mittlerweile eines der bekanntesten psychologischen Experimente überhaupt. Es wird in Lehrbüchern und Psychologie-Einführungskursen behandelt. Zeitschriften und Fernsehsendungen haben darüber berichtet. Sogar das » Exploratorium « in San Francisco und andere Museen widmen ihm Exponate. Es ist deswegen so populär, weil es auf humorvolle Weise eine tiefe und unerwartete Erkenntnis darüber vermittelt, wie wir die Welt sehen – und darüber, was wir nicht sehen.
Sie werden dieses Experiment im ersten Kapitel näher kennenlernen. Im Laufe der Jahre haben wir viel darüber nachgedacht, und es ist uns dabei klar geworden, dass es ein Beispiel für ein grundlegendes Funktionsprinzip unseres Geistes ist. Wir alle glauben, wir seien in der Lage wahrzunehmen, was wir vor Augen haben, uns akkurat an vergangene Ereignisse zu erinnern, die Grenzen unseres Wissens einzuschätzen und Ursache und Wirkung korrekt zu bestimmen. Aber diese Annahmen sind oft unzutreffend, und hinter ihnen verbergen sich entscheidende Grenzen unserer kognitiven Fähigkeiten.
Wir müssen daran erinnert werden, ein Buch nicht nach seinem Umschlag zu beurteilen, weil wir dazu neigen, das äußere Erscheinungsbild für eine Entsprechung innerer, unsichtbarer Qualitäten zu halten. Man muss uns sagen, dass »ein gesparter Pfennig ein verdienter Pfennig« ist, weil wir eingehende Zahlungen anders betrachten als Geld, das wir bereits besitzen. Solche Sprichwörter dienen vor allem als Gegengewicht zu den Fehlern der Intuition. Auch Benjamin Franklins Spruch zu den drei »äußerst harten« Dingen lehrt uns etwas: Wir müssen die Überzeugung hinterfragen, dass wir uns selbst gut kennen. Im Alltag tun wir, als wüssten wir, wie unser Geist funktioniert und warum wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten. Es ist überraschend, wie oft das nicht der Fall ist.
Der unsichtbare Gorilla ist ein Buch über sechs Illusionen des Alltags, die entscheidenden Einfluss auf unser Leben ausüben: die Illusionen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Selbstvertrauen, Wissen, Ursache und Möglichkeit. Diese verzerrten Ansichten über unseren Geist sind nicht nur irreführend, sondern auch gefährlich. Wir schildern, wann und warum wir auf diese Illusionen hereinfallen, welche Folgen sie für uns haben und wie wir sie umgehen oder entschärfen können.
Das Wort » Illusion« ist hier eine absichtliche Anspielung auf optische Täuschungen wie die berühmte endlose Treppe von M. C. Escher: Selbst wenn man erkannt hat, dass mit dem Bild als Ganzem etwas nicht stimmt, kann man trotzdem nicht anders, als in jedem Teilstück das korrekte Bild einer Treppe zu erkennen. Alltagsillusionen sind genauso hartnäckig: Selbst wenn wir wissen, dass wir mit unseren Überzeugungen und Intuitionen danebenliegen, verschwinden sie deshalb noch nicht. Wir nennen sie Alltags-Illusionen, weil sie unser Verhalten buchstäblich jeden Tag bestimmen. Jedes Mal, wenn wir am Steuer telefonieren und dabei glauben, immer noch genügend auf den Straßenverkehr zu achten, sind wir Opfer einer Illusion. Jedes Mal, wenn wir annehmen, dass jemand, der sich falsch erinnert, notwendigerweise lügt, sitzen wir einer Täuschung auf. Jedes Mal, wenn wir jemanden zum Anführer wählen, weil er das meiste Selbstvertrauen ausstrahlt, steckt eine Illusion dahinter. Jedes Mal, wenn wir glauben, die Dauer eines neuen Projekts korrekt angeben zu können, ist das eine Illusion. Alltagsillusionen betreffen also eigentlich jeden Bereich unseres Lebens.
In unserem Beruf als Psychologieprofessoren arbeiten wir an der Konzeption und Durchführung psychologischer Studien. Je mehr wir uns über die Jahre mit dem Wesen des menschlichen Geistes befassten, desto klarer wurde uns, wie groß der Einfluss dieser Illusionen auf unser eigenes Leben ist. Auch Sie können einen solchen Röntgenblick in Ihr eigenes Gehirn entwickeln. Wenn Sie dieses Buch zu Ende gelesen haben, werden Sie einen Blick hinter den Vorhang werfen und einige der kleinen Zahnräder und Hebel sehen können, die Ihre eigenen Gedanken und Überzeugungen steuern. Wenn Sie über Alltagsillusionen einmal Bescheid wissen, werden Sie die Welt mit anderen Augen sehen, und zwar deutlicher. Sie werden erkennen, wie Illusionen sich auf Ihre eigenen Gedanken und Handlungen auswirken und wie Journalisten, Manager, Werber und Politiker sie – absichtlich oder versehentlich – benutzen, um zu verschleiern oder zu überreden. Die Einsicht in diese Alltagsillusionen wird Ihr Leben verändern, weil Sie die wahren Stärken und Schwächen Ihres Geistes erkennen. Vielleicht können Sie diese Erkenntnis sogar in Lust- und Geldgewinn ummünzen. Und vor allem werden Sie hinter diesen Schleiern, die unsere Sicht auf uns selbst und die Welt verzerren, einen Blick auf die Realität werfen können – vielleicht zum ersten Mal.

 

EINS

 

» Das hätte ich sehen müssen«

 

Etwa um zwei Uhr früh am kalten, bewölkten Morgen des 25. Januar 1995 entfernten sich vier männliche Schwarze vom Tatort einer Schießerei, einem Hamburger-Restaurant im Bostoner Viertel Grove Hall.1 Als ihr goldfarbener Lexus gerade davonfuhr, wurde über den Polizeifunk die Fehlinformation verbreitet, das Opfer sei ein Polizist. Polizisten mehrerer Bezirke lieferten sich daraufhin über mehr als 15 Kilometer eine rasante Verfolgungsjagd mit dem Lexus. In diesen chaotischen fünfzehn oder zwanzig Minuten kam unter anderem ein Streifenwagen von der Straße ab und rammte einen geparkten Lieferwagen. Schließlich kam der Lexus in einer Sackgasse am Woodruff Way im Viertel Mattapan zum Stehen. Die Verdächtigen verließen das Fahrzeug und flohen zu Fuß in verschiedene Richtungen. Einer von ihnen, der 24-jährige Robert » Smut« Brown, der eine dunkle Lederjacke trug, stieg auf der Beifahrerseite aus und lief entlang der Sackgasse auf einen Maschendrahtzaun zu. Der erste Wagen der Verfolger, ein ziviles Polizeifahrzeug, hielt links neben dem Lexus. Auf dem Beifahrersitz saß Michael Cox, ein erfahrener Beamter der Polizeieinheit zur Bekämpfung der Bandenkriminalität, der im Nachbarviertel Roxbury aufgewachsen war. Er sprang aus dem Auto und rannte Brown hinterher. Cox, ebenfalls ein Schwarzer, trug in jener Nacht Zivil: Jeans, ein schwarzes Kapuzenshirt und einen Parka.2
Cox erreichte den Zaun unmittelbar nach Smut Brown. Beim Überklettern des Zauns verhakte sich Browns Jacke im Drahtgeflecht. Cox griff nach Brown und versuchte ihn herunterzuzerren, trotzdem gelang es Brown, sich auf die andere Seite fallen zu lassen. Cox wollte den Zaun ebenfalls überklettern, um die Verfolgung fortzusetzen, aber als er eben zu klettern begann, traf ihn ein stumpfer Gegenstand – vermutlich ein Schlagstock oder eine Taschenlampe – am Hinterkopf. Er stürzte zu Boden. Ein Kollege hatte ihn irrtümlich für einen der Verdächtigen gehalten. Anschließend prügelten mehrere Beamte auf Cox ein ; sie traten ihm gegen Kopf, Rücken, Gesicht und Mund. Nach einigen Augenblicken rief jemand: » Halt, halt, er ist ein Cop, er ist ein Cop.« Daraufhin flohen die Polizisten und ließen Cox bewusstlos, mit Gesichtsverletzungen, einer Gehirnerschütterung und Nierenverletzungen auf dem Boden zurück.3
Inzwischen ging die Verfolgungsjagd weiter, und immer mehr Polizisten trafen ein. Einer der Ersten war Kenny Conley, ein großer, athletischer Mann aus Südboston, der vier Jahre zuvor, kurz nach seinem Highschool-Abschluss, in den Polizeidienst eingetreten war. Conleys Streifenwagen kam etwa zwölf Meter hinter dem goldenen Lexus zum Stehen. Conley sah, wie Smut Brown den Zaun überstieg, auf der anderen Seite zu Boden fiel und weiterrannte. Conley folgte Brown über den Zaun und verfolgte ihn etwa anderthalb Kilometer weit zu Fuß. Er stellte ihn schließlich mit vorgehaltener Waffe auf einem Parkplatz an der River Street und legte ihm Handschellen an. Conley war an dem Übergriff gegen den Beamten Cox zwar nicht beteiligt, aber er begann die Verfolgung Browns genau in dem Moment, als Cox vom Zaun gezerrt wurde, und er überkletterte den Zaun direkt neben der gerade stattfindenden Prügelei.
Zwar wurden die anderen Mordverdächtigen gefasst und dieser Fall als gelöst betrachtet, aber die Frage des Angriffs auf Officer Cox blieb offen. In den folgenden zwei Jahren versuchte man in einer internen Untersuchung der Polizei sowie vor einem Geschworenengericht zu klären, was damals in der Sackgasse geschehen war. Wer waren die Polizisten, die auf Cox einschlugen? Warum taten sie es? Hielten sie ihren schwarzen Kollegen einfach für einen der schwarzen Verdächtigen? Wenn ja, warum flohen sie anschließend, anstatt einen Notarzt zu rufen? Es kam wenig dabei heraus, und 1997 übergab die örtliche Staatsanwaltschaft die Sache an die Bundesbehörden, damit diese einer eventuellen Verletzung der Bürgerrechte nachgehen konnten.
Cox nannte drei Polizisten, die ihn seiner Aussage nach angegriffen hatten; sie stritten allerdings alle ab, irgendetwas damit zu tun zu haben. In den Polizeiberichten hieß es zuerst noch, Cox habe sich seine Verletzungen zugezogen, als er auf einer gefrorenen Pfütze ausgerutscht und gegen einen der Streifenwagen gefallen sei. Obwohl viele der nahezu sechzig Polizisten am Tatort wissen mussten, was mit Cox geschehen war, gab keiner von ihnen zu, etwas über den Angriff zu wissen. Hier als Beispiel die eidliche Aussage Kenny Conleys, der Smut Brown schließlich festnahm:

 

F: Sie sagen also aus, dass Sie ihm, wenige Sekunden nachdem Sie ihn über den Zaun steigen sahen, hinterherkletterten ?
A : Ja.
Und zu diesem Zeitpunkt sahen Sie keinen schwarzen Zivilpolizisten, der ihn verfolgte?
Nein, sah ich nicht.
Laut Ihrer Zeugenaussage gab es also überhaupt keinen schwarzen Zivilpolizisten, der ihn verfolgt hätte?
Ich habe keinen schwarzen Zivilpolizisten hinter ihm gesehen.
Hätte ihn einer verfolgt, hätten Sie ihn dann gesehen?
Ich hätte ihn sehen müssen.
Und wenn er den Verdächtigen festhielt, während dieser gerade über den Zaun stieg; wenn er sich auf ihn stürzte – hätten Sie das auch gesehen?
Das hätte ich sehen müssen.

 

Auf die direkte Frage, ob er es gesehen hätte, wenn Cox versucht hätte, Brown vom Zaun herunterzuzerren, erwiderte er: »Ich glaube, das hätte ich gesehen.« Conleys knappe Antworten klingen wie die eines vorsichtigen Zeugen, dessen Anwälte ihm geraten haben, möglichst nur mit » Ja « und »Nein« zu antworten und nichts von sich aus zu erzählen. Da er nach Cox die Verfolgung aufgenommen hatte, war er der ideale Zeuge. Seine hartnäckige Behauptung, Cox nicht gesehen zu haben, machte es den Bundesanwälten unmöglich, die Beamten anzuklagen, die Cox zusammengeschlagen hatten, und so kam es nie zu einer Anklage wegen Körperverletzung.
Der Einzige, der in diesem Fall überhaupt einer Straftat angeklagt wurde, war Kenny Conley selbst, und zwar 1997 wegen Meineides und Behinderung der Justiz. Die Staatsanwaltschaft war überzeugt, er sei ein Lügner, weil er unter Eid behaupte, etwas nicht gesehen zu haben, was sich doch unmittelbar vor seinen Augen zugetragen hatte. Laut dieser Theorie wollte Conley seine Kollegen decken – genau wie die Beamten, die die Prügelei in ihren Berichten verschwiegen hatten. Der prominente Bostoner Enthüllungsjournalist Dick Lehr schrieb kurz nach der Anklage gegen Conley, dass »der Cox-Skandal eine Mauer des Schweigens in der Bostoner Polizei enthüllt . . . einen geschlossenen Kreis von Beamten, die sich gegenseitig mit Falschaussagen schützen«.4
Kenny Conley blieb bei seiner Geschichte, und es kam zur Verhandlung. Smut Brown bezeugte, Conley sei der Polizist, der ihn festgenommen habe. Er sagte weiter aus, nach dem Überklettern des Zaunes habe er sich umgeschaut und neben der Schlägerei einen hochgewachsenen weißen Polizisten gesehen. Auch ein anderer Beamter bezeugte, dass Conley dort war. Die Geschworenen wollten nicht glauben, dass Conley bei der Verfolgung Browns zum Zaun gerannt war, ohne die Prügelei oder zumindest Officer Cox zu bemerken. Nach der Verhandlung meinte ein Geschworener: »Trotz des Durcheinanders konnte ich mir nur schwer vorstellen, dass er nichts bemerkt hatte.« Der Geschworene Burgess Nichols erklärte, ein anderer Geschworener habe ihm erzählt, sein Vater und Onkel seien Polizisten gewesen, und die bekämen beigebracht, »nichts zu übersehen«, denn sie seien schließlich »ausgebildete Profis«.5
Die Geschworenen konnten ihre eigenen – und Conleys – Erwartungen nicht mit Conleys Aussage vereinbaren, er habe Cox nicht gesehen, und befanden ihn für schuldig. Kenny Conley wurde wegen Meineides und Behinderung der Justiz zu 34 Monaten Haft verurteilt.6 2000, nachdem der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten seine Berufung zurückgewiesen hatte, wurde er aus dem Polizeidienst entlassen. Seine Anwälte verhinderten aber mit neuen Berufungsanträgen, dass er seine Haftstrafe antreten musste, und er begann, als Tischler zu arbeiten.7
Dick Lehr, der Journalist, der über den Fall Cox und die »Mauer des Schweigens« in der Bostoner Polizei berichtet hatte, traf Conley erst im Sommer 2001 zum ersten Mal persönlich. Nach dem Gespräch fragte sich Lehr, ob Conley nicht vielleicht doch die Wahrheit sagte über das, was er bei der Verfolgung Smut Browns gesehen und erlebt hatte. Er vereinbarte daraufhin für den Expolizisten einen Termin in Dans Labor in Harvard.

 

Gorillas mitten unter uns

 

Wir beide kennen uns seit mehr als zehn Jahren – Chris studierte damals Psychologie in Harvard, und Dan hatte dort gerade als Assistenzprofessor angefangen. Chris’ Büro lag auf demselben Korridor wie Dans Labor, und wir entdeckten rasch unser gemeinsames Interesse an Fragen der Wahrnehmung, Erinnerung und der gedanklichen Verarbeitung visueller Eindrücke. Der Fall Kenny Conley wurde gerade verhandelt, als Dan ein Proseminar zur Methodenlehre gab, bei dem ihm Chris assistierte. In diesem Seminar halfen uns die Studierenden bei der Durchführung mehrerer Experimente, von denen eines sehr bekannt geworden ist. Es beruhte auf einer genialen Studienreihe zu visueller Aufmerksamkeit und Bewusstsein, die Ulric Neisser, ein Pionier der kognitiven Psychologie, in den 1970er-Jahren durchgeführt hatte. Neisser war in Dans Abschlussjahr an die Cornell-Universität gewechselt, und ihre vielen Gespräche brachten Dan dazu, auf Neissers früherer bahnbrechender Forschungsarbeit aufzubauen.
Wir drehten einen kurzen Film, bei dem unsere Studierenden als Schauspieler und ein vorübergehend leer stehendes Stockwerk des Psychologie-Gebäudes als Set herhalten musste. In dem Film sieht man zwei Teams, die schwarze beziehungsweise weiße T-Shirts tragen. Die Teams laufen durcheinander und spielen einander Basketbälle zu. Dan filmte und führte Regie, während Chris die Handlung koordinierte und die abgedrehten Szenen durchsah. Der fertige Film wurde digital nachbearbeitet, auf Videokassetten gespielt, und dann schwärmten unsere Studierenden aus, um auf dem Harvard-Campus das eigentliche Experiment durchzuführen.8
Sie baten Freiwillige, sich das Video anzuschauen. Dabei sollten sie die Pässe der Spieler in Weiß zählen und die der Spieler in Schwarz ignorieren. Der Film dauerte nicht einmal eine Minute. Wenn Sie das Experiment selbst durchführen möchten, gehen Sie bitte jetzt auf die Webseite für dieses Buch unter www.theinvisiblegorilla.com, auf der wir Links zu vielen der hier besprochenen Experimente bereitstellen, darunter auch eine Kurzfassung des Basketball- videos. Sehen Sie es sich aufmerksam an und zählen Sie sowohl direkte als auch Prallwürfe.
Direkt nach dem Video fragten die Studierenden die Versuchsteilnehmer, wie viele Pässe sie gezählt hatten. In der vollständigen Version waren es übrigens 34 oder 35; aber ehrlich gesagt, kommt es darauf überhaupt nicht an. Die Zählaufgabe sollte lediglich sicherstellen, dass die Teilnehmer die Handlung auf dem Bildschirm genau verfolgten, getestet wurde aber nicht ihre Fähigkeit, Pässe zu zählen, sondern etwas ganz anderes : Etwa in der Mitte des Videos betrat eine Studentin im Gorillakostüm das Blickfeld, blieb mitten unter den Spielern stehen, sah in die Kamera, trommelte sich auf die Brust und verschwand wieder ; insgesamt war sie etwa neun Sekunden lang zu sehen. Nachdem wir die Freiwilligen nach den gezählten Pässen gefragt hatten, kamen die wichtigen Fragen:

 

F: Ist Ihnen beim Zählen etwas Ungewöhnliches aufgefallen ?
A : Nein.
Haben Sie außer den Spielern noch etwas gesehen?
Ja, da waren Aufzugtüren, und an die Wände war mehrmals der Buchstabe S gemalt. Keine Ahnung, wofür die S standen.
Ist Ihnenirgendetwas Anderes außer den Spielern aufgefallen ?
Nein.
Haben Sie einen Gorilla gesehen?
Einen was ? ! ?

 

Erstaunlicherweise fiel etwa der Hälfte der Teilnehmer der Gorilla überhaupt nicht auf! Das Experiment ist inzwischen vielfach wiederholt worden, unter verschiedenen Bedingungen, mit unterschiedlichem Publikum und in zahlreichen Ländern, aber das Ergebnis ist immer dasselbe: Etwa die Hälfte der Versuchspersonen sieht den Gorilla nicht. Wie kommt es, dass Menschen einen Gorilla, der direkt durch ihr Blickfeld vor ihnen läuft, sich ihnen zuwendet, sich auf die Brust trommelt und weggeht, nicht sehen? Was machte den Gorilla unsichtbar? Diese Fehlwahrnehmung resultiert aus einem Mangel an Aufmerksamkeit gegenüber Unerwartetem. In der Fachsprache nennt man das »Unaufmerksamkeits-Blindheit«, um diese Art des Nichtsehens von Blindheit zu unterscheiden, die auf ein Problem am visuellen Apparat zurückzuführen ist. Man übersieht den Gorilla ja nicht deshalb, weil man Probleme mit den Augen hätte. Wenn man seine Aufmerksamkeit einem bestimmten Bereich oder Aspekt des Sichtfelds zuwendet, neigt man dazu, Unerwartetes einfach nicht zu sehen, selbst wenn dieses Unerwartete auffällig und potenziell wichtig ist und sich genau dort befindet, wo man gerade hinsieht.9 Mit anderen Worten: Die Versuchspersonen konzentrierten sich so stark auf die Pässe, dass sie für den Gorilla vor ihrer Nase »blind« wurden.
Was uns veranlasste, dieses Buch zu verfassen, war allerdings weder die Unaufmerksamkeits-Blindheit im Allgemeinen noch die Gorillastudie im Besonderen. Dass einem Dinge entgehen, ist zwar eine wichtige Erkenntnis, aber was uns noch mehr auffiel, war, wie überrascht die Menschen waren, wenn man ihnen zeigte, was sie nicht gesehen hatten. Wenn sie sich das Video zum zweiten Mal ansahen, jetzt ohne die Pässe zu zählen, sahen alle den Gorilla sofort und waren schockiert. Einige meinten spontan: »Das soll ich nicht gesehen haben?!« oder »Das gibt’s doch nicht!« Ein Mann, der später von Dateline NBC für den Beitrag über unsere Studie das Experiment wiederholte, war überzeugt: »Ich weiß genau, dass der Gorilla beim ersten Mal nicht da war.« Andere Teilnehmer unterstellten uns, wir hätten die Videokassette heimlich ausgetauscht.
Die Gorillastudie belegt vielleicht drastischer als jedes andere Experiment den mächtigen und durchschlagenden Einfluss unserer Aufmerksamkeits-Illusion: Wir nehmen von unserer visuellen Umwelt sehr viel weniger wahr, als wir glauben. Wären wir uns der Grenzen unserer Aufmerksamkeit voll bewusst, würde diese Illusion verschwinden. Während der Arbeit an diesem Buch beauftragten wir das Meinungsforschungsinstitut SurveyUSA mit einer repräsentativen Befragung erwachsener US-Amerikaner über ihre Ansichten zur Funktion des menschlichen Geistes. Es stellte sich heraus, dass mehr als drei Viertel der Befragten meinten, solche unerwarteten Vorkommnisse müssten ihnen auffallen, selbst wenn sie sich auf etwas anderes konzentrierten.10 (Weitere Ergebnisse dieser Befragung werden wir im Verlauf des Buches besprechen.)
Es stimmt zwar, dass wir einige Aspekte unserer Umwelt sehr deutlich wahrnehmen, besonders diejenigen, auf die wir uns gerade konzentrieren. Aber diese detailreiche Wahrnehmung führt unvermeidlich zu dem Irrtum, wir nähmen alles um uns herum detailliert wahr. Wir wissen also, wie deutlich wir einige Aspekte unserer Welt wahrnehmen, verpassen aber all jene Aspekte unserer Welt, die gerade nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen. Unsere intensive visuelle Wahrnehmung verbirgt eine erstaunliche geistige Blindheit – wir nehmen einfach an, dass auffällige oder ungewöhnliche Objekte unsere Aufmerksamkeit wecken würden, aber in Wirklichkeit entgehen sie uns oft völlig.11
Seit unser Experiment 1999 unter dem Titel »Gorillas in Our Midst «12 ( » Gorillas mitten unter uns « ) in der Zeitschrift Perception publiziert wurde, ist es zu einer der meistwiederholten und am häufigsten besprochenen psychologischen Studien überhaupt avanciert. Wir erhielten dafür 2004 den sogenannten IgNobel-Preis (verliehen für »Leistungen, die einen zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen«). Es wurde sogar in einer Folge der Fernsehserie CSI erwähnt.13 Und wir zählen schon nicht mehr mit, wie oft wir gefragt werden, ob wir denn schon das Video mit den Basketballspielern und dem Gorilla gesehen hätten.

Christopher Chabris

Über Christopher Chabris

Biografie

Christopher Chabris ist Professor für Psychologie am Union College, New York.

Daniel Simons

Über Daniel Simons

Biografie

Daniel Simons ist Professor für Psychologie an der University of Illinois. Er gehört zu den Spitzenwissenschaftlern der kognitiven Psychologie. Sein »Gorilla-Experiment« von 1999 (zusammen mit Christopher Chabris) gilt als eines der berühmtesten Experimente der Psychologie.

Medien zu »Der unsichtbare Gorilla«

Pressestimmen

Natur und Kosmos

»In unterhaltsamen Kapiteln erzählen die Autoren Anekdoten und unterfüttern sie mit Fakten aus der Forschung. Erhellend «

Nürnberger Zeitung

»Das, was Chabris und Simons uns zu sagen haben, ist nicht nur schonungslos, sondern stellenweise auch ziemlich witzig und beruht auf einem der bekanntesten psychologischen Experimente überhaupt.«

Deutschlandradio Kultur

»Chabris' und Simons' Gorilla-Experiment gehört zu den Klassikern der psychologischen Forschung und demonstriert eindrucksvoll die Begrenztheit unseres Geistes. (…) Der Blick hinter die Kulissen der Forschung offenbart dabei, wie genau die Psychologen zu ihren Ergebnissen kommen und erklärt sehr anschaulich, wie sich komplexe Vorgänge unserer Wahrnehmung durch einfache Versuche beweisen lassen.«

Psychologie Heute

»Chabris und Simons schreiben anschaulich, schildern teilweise spektakuläre Beispiele und erzählen Geschichten – auch aus ihrem eigenen Leben. Ihr Buch ist, nicht zuletzt dank der gelungenen Übersetzung leicht verständlich, und es macht Spaß, es zu lesen. Jede Menge Aha-Erlebnisse.«

Maxima (A)

»Dieses Buch ist überaus interessant für alle, die sich für die Grenzen unseres Gehirns interessieren.«

Frankfurter Neue Presse

»Überraschende und klug komponierte Studien (...). Es ist ein Vergnügen, das Werk von Chabris und Simons zu lesen - und ein sehr lehrreiches und faszinierendes noch dazu.«

Inhaltsangabe

INHALT

EINLEITUNG Illusionen im Alltag

EINS »Das hätte ich sehen müssen«

Gorillas mitten unter uns

Kenny Conleys unsichtbarer Gorilla

Das Atom-U-Boot und der Fischtrawler

Zusammenstoß mit einem Quarterback

Harte Landung

Bitte nicht anrufen

Der überhörte Virtuose

Wer bemerkt das Unerwartete?

Wie viele Ärzte braucht man . . .

Was können wir gegen die Aufmerksamkeits-Illusion tun?

Aufmerksamkeit großgeschrieben

ZWEI Der würgende Trainer 65

Wie wir uns das Gedächtnis vorstellen

Widersprüchliche Erinnerungen

War die Windschutzscheibe nicht gerade noch zerschossen?

Professionelle Veränderungsentdecker

Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie reden?

»Ich saß neben Captain Picard«

Eine lebenswichtige Angelegenheit vergessen

Wo waren Sie am 11. September?

Erinnerungen sind zu schön, um wahr zu sein

Können wir unseren Erinnerungen jemals trauen?

DREI Was schlaue Schachspieler mit dummen Verbrechern gemeinsam haben

Wo sich jeder für unterschätzt hält

»Unfähig, ohne es zu ahnen«

Eine Vertrauenskrise

Manchmal steigt die Sahne nicht nach oben

Selbstvertrauen als Persönlichkeitsmerkmal

Warum David es mit Goliath aufnahm

Das Problem ist nicht die Selbstsicherheit, sondern unsere Vorliebe für selbstsichere Menschen

Eine selbstsichere Zeugin

VIER Lieber wie ein Meteorologe – oder wie ein Hedgefonds-Manager?

Warum es gut ist, sich wie ein nervtötendes Kind zu verhalten

Auch die besten Pläne . . .

»Immer wenn man denkt, man kennt sich aus . . . passiert etwas Unvorhergesehenes«

Illusorisches Wissen und eine wirkliche Krise

Mehr ist manchmal weniger

Die Macht der Gewohnheit

Neurogefasel und Gehirnpornos

»50-prozentige Chance auf schönes Wetter, und ich wünsch mir so ein bisschen, dass du hier wärst . . . «

Warum ist die Wissens-Illusion so hartnäckig?

FÜNF Vorschnelle Schlussfolgerungen 203

Gott in allem sehen

Ursachen und Symptome

Glauben ist kein Grund

Und was geschah dann?

»Ich würde gerne deinen Stein kaufen«

Die Impf-Hypothese

Was Mutter Teresa, Quentin Tarantino und Jenny McCarthy wissen

SECHS Schnell schlau werden! 249

»Mozarts magisches Genie«

Die Medien und die Folgen

Was dahintersteckt

Unterschwellige Pseudowissenschaft

Gehirntraining?

Wie man sein Potenzial wirklich freisetzt

Bringen Sie Ihren Kopf ins Spiel

Sport fürs Gehirn

SCHLUSSWORT Das Märchen von der Intuition

Wenn der erste Eindruck trügt

Marmelade und Verbrecher

Hilfe durch Technik?

Achten Sie auf unsichtbare Gorillas

ANMERKUNGEN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Schlusswort

DANK

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