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Der Sohn der MörderinDer Sohn der Mörderin

Der Sohn der Mörderin

Jackman und Evans ermitteln

Taschenbuch
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Der Sohn der Mörderin — Inhalt

Er hat das Morden im Blut.

Eine Frau wird am Rande der Lincolnshire Fens brutal erstochen. Kurze Zeit später gesteht ein Mann namens Daniel Kinder den Mord. Ihm liege das Töten im Blut, genau wie seiner leiblichen Mutter, einer skrupellosen Serienmörderin. Doch die ermittelnden Detectives Rowan Jackman und Marie Evans plagen bald Zweifel an seiner Schuld, denn Daniel hat immer wieder Erinnerungslücken. Aus Mangel an Beweisen sind Jackman und Evans gezwungen, ihn gehen zu lassen. Innerhalb weniger Tage verschwindet Daniel – und das einsame Moor wird zum Schauplatz weiterer Morde …

Der Auftakt einer starken neuen Crime-Reihe aus England rund um ein außergewöhnliches Ermittler-Team. 

Joy Ellis kam über ihre Arbeit als Buchhändlerin zum Schreiben. Bei den Ermittlungsdetails ihrer Fälle verlässt sie sich auf ihre Partnerin, eine pensionierte Polizeibeamtin. Sie lebt in den Lincolnshire Fens, wo auch ihre Kriminalromane spielen.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 02.03.2020
Übersetzt von: Sonja Rebernik-Heidegger
400 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31521-0
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 02.03.2020
Übersetzt von: Sonja Rebernik-Heidegger
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99544-3

Leseprobe zu „Der Sohn der Mörderin“

Prolog

September 1993, Lincolnshire Fens

Der Mann joggte in gleichmäßigem Tempo durch die Fens. Er war auf dem Heimweg, und über die in der Dämmerung liegenden Felder hinweg sah er bereits die Lichter seines Cottages. In ein paar Hundert Metern würde er an den Toren der Haines-Farm vorbeikommen, und dann lagen die heiße Dusche und das kühle Getränk bereits in Reichweite.

Er bog um die Kurve und befand sich auf Höhe der Farm, als er plötzlich ausrutschte. Er fluchte und ruderte mit den Armen, um nicht auf dem unebenen Asphalt aufzuschlagen. Nachdem er [...]

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Prolog

September 1993, Lincolnshire Fens

Der Mann joggte in gleichmäßigem Tempo durch die Fens. Er war auf dem Heimweg, und über die in der Dämmerung liegenden Felder hinweg sah er bereits die Lichter seines Cottages. In ein paar Hundert Metern würde er an den Toren der Haines-Farm vorbeikommen, und dann lagen die heiße Dusche und das kühle Getränk bereits in Reichweite.

Er bog um die Kurve und befand sich auf Höhe der Farm, als er plötzlich ausrutschte. Er fluchte und ruderte mit den Armen, um nicht auf dem unebenen Asphalt aufzuschlagen. Nachdem er mühsam das Gleichgewicht wiedergefunden hatte, sah er nach, was ihn beinahe zu Fall gebracht hätte. Eine Öllache breitete sich unter dem Hoftor aus.

Er fluchte erneut. Seine teuren Laufschuhe waren ruiniert. Er warf einen wütenden Blick auf das alte Farmhaus, in dessen Küche Licht brannte. Immer noch fluchend beschloss er, nach Hause zu laufen, sich umzuziehen und anschließend ein ernstes Wörtchen mit George Haines zu wechseln. Es ging nicht nur um seine Laufschuhe. Viele Dorfbewohner kamen bei ihrem Abendspaziergang mit dem Hund an dem Tor vorbei, und die meisten waren schon älter. Wenn sie ebenfalls auf dem Öl ausrutschten, brachen sie sich womöglich die Hüfte oder das Handgelenk. Oder es passierte noch Schlimmeres.

Als der Mann auf seine Haustür zutrat, schaltete sich der Bewegungsmelder ein, und er wurde in helles Licht getaucht. Er warf einen missmutigen Blick auf seine Schuhe und erstarrte.

Die Flecken waren nicht ölig schwarz, sondern dunkelrot. Er berührte sie zaghaft mit den Fingern und roch daran. Sein Magen zog sich zusammen, und ihm wurde übel. Im nächsten Moment machte er auf dem Absatz kehrt und lief, so schnell ihn seine Beine trugen, zur Haines-Farm zurück.

Als das Tor in Sichtweite kam, wurde er langsamer. Er hatte Angst vor dem, was er finden würde. Er war in Lincolnshire geboren und aufgewachsen und hatte als Junge vom Land einige schreckliche Unfälle mit landwirtschaftlichen Maschinen miterlebt. Ihm fielen sofort Dutzende blutige Schreckensszenarien ein, die keinesfalls angenehm anzusehen waren.

Neben dem Haupttor befand sich eine kleine Tür, die meistens unversperrt war. Der junge Mann trat auf den betonierten Platz vor dem alten Farmhaus, und das Licht ging an. Sein Blick fiel auf den Farmer mit den feuerroten Haaren und der unverwechselbaren Jacke mit der fluoreszierenden Aufschrift „Haines-Farm“ auf dem Rücken.

George lag auf dem Bauch. Er hatte die Arme nach vorne gestreckt, seine Finger waren gekrümmt. Es sah aus, als hätte er verzweifelt versucht, in Richtung Straße zu robben.

Der Jogger schnappte nach Luft, als er den Traktor sah. O Gott! George Haines hatte sich selbst überfahren! Er hatte schon einmal miterlebt, dass sich plötzlich eine Bremse gelöst und das riesige Gefährt den ahnungslosen Fahrer einfach niedergemäht hatte.

Seine Beine! O Gott, seine Beine! Der Jogger schlug sich eine Hand vor den Mund und kämpfte gegen die Übelkeit an. Die Hose des Farmers war blutdurchtränkt.

„George?“ Der junge Mann war zwar kein Ersthelfer, aber er schaffte es, seinen Ekel zu überwinden und nach dem Puls des Mannes zu fühlen. Dabei berührten seine Finger etwas Glattes, Kaltes. Er zog angewidert die Hand zurück und taumelte rückwärts.

Der untere Teil von George Haines’ Gesicht war mit durchsichtigem Klebeband umwickelt. In diesem Moment wurde dem Mann klar, dass sein Nachbar keinen Unfall gehabt hatte. Hier war etwas sehr viel Schlimmeres passiert.

Er stolperte durch die Tür zurück auf die Straße, kauerte sich in den Graben, holte das Handy aus der Tasche und rief die Polizei.

 

Alle Lichter im Farmhaus brannten, und die tragbaren Scheinwerfer der Polizei und das blinkende Blaulicht tauchten die umliegenden Felder in einen unheimlichen Schein.

„Ist das der Typ, der ihn gefunden hat?“ Der ältere Polizeibeamte deutete auf den verschwitzten jungen Mann, der sich an einen der Streifenwagen lehnte. Jemand hatte ihm eine Decke über die Schultern gelegt, und sein ungläubiger Blick ließ auf einen massiven Schock schließen.

„Armes Schwein“, murmelte sein Kollege. „Aber wenigstens ist er nicht ins Haus gegangen. Dafür wird er eines Tages dankbar sein.“

„Im Gegensatz zu uns.“ Der Detective Inspector hob die Augenbrauen und grinste schief. Er hatte gehofft, in den Ruhestand treten zu können, ohne so etwas noch einmal erleben zu müssen. Er wusste aus Erfahrung, dass er den Anblick noch lange mit sich herumschleppen würde, und er fühlte sich betrogen, weil er seine Karriere mit einer derart grauenhaften Ermittlung abschließen musste. „Erzählen Sie mir noch schnell, was der Gerichtsmediziner zu dem Opfer hier gesagt hat, bevor wir reingehen.“ Er deutete mit dem Kopf auf die Leiche vor dem Tor.

Der Sergeant holte tief Luft und wiederholte Wort für Wort, was er vorhin erfahren hatte. Seine Stimme klang ausdruckslos, als würde er die Informationen irgendwo ablesen, aber der Inspector wusste, dass er nur versuchte, sich emotional abzugrenzen. In einem Fall wie diesem musste man die Gefühle außen vor lassen.

In einem Fall wie diesem. Der Inspector war sich ziemlich sicher, dass er hier der Einzige war, der schon einmal etwas Vergleichbares gesehen hatte. Diese Männer waren Dorfpolizisten. Sie hatten zwar oft mit allen möglichen Verbrechen zu tun und erlebten aufgrund der langen, geraden Straßen in der Umgebung mehr als genug tödliche Verkehrsunfälle, aber kaltblütiger Mord stand in den nebeligen Fens nicht gerade an der Tagesordnung.

„Der Doc geht davon aus, dass George Haines mit dem Traktor auf den Hof gefahren ist und den Motor ausgemacht hat. Er stieg aus der Kabine und drehte dem Angreifer dabei den Rücken zu. Dieser schlug ihm von hinten mit einer schweren Waffe mit scharfer Klinge in die Beine, etwa auf Höhe der Knöchel. Es könnte eine Axt gewesen sein, aber dem Winkel der Wunden nach zu urteilen war es eher eine Art Machete.“

Der Inspector sah eine Erntemaschine vor sich, die mit ihren unbarmherzigen Messern selbst die dicksten Stümpfe der Kohlköpfe abhackte und sie anschließend auf das Förderband verfrachtete.

„Das Opfer war sofort bewegungsunfähig. Die beiden Achillessehnen rollten sich wie Jalousien auf. Die Schmerzen waren höllisch, und er konnte nichts tun.“

Sie sahen zu den beiden parallel verlaufenden Blutspuren, die vom Traktor zum Tor führten. „Das Opfer versuchte davonzurobben und verblutete dabei langsam“, fuhr der Sergeant fort und schluckte. „Nach Hilfe schreien war unmöglich. Der Täter hat ihm Klebeband um den Mund gewickelt.“

„Aber der Mann ist vom Haus fortgekrochen. Also wusste er vermutlich, dass der Angreifer hineingegangen war.“

Der Sergeant warf einen Blick auf das Farmhaus, bevor er sich wieder an seinen Vorgesetzten wandte. „Wir sollten langsam reingehen, oder?“

Der Inspector nickte, und sie machten sich gemeinsam auf den Weg zur offen stehenden Eingangstür.

Lydia Haines war in der Küche. Es war ein warmer, freundlicher Raum, und es roch nach Kräutern, selbst gebackenem Brot, gemahlenem Kaffee und frischem Blut.

Die Zentrale hatte sie gewarnt, dass der Täter wie von Sinnen gewütet hatte und sie sich auf das Schlimmste gefasst machen mussten. Dass man sie sogar an die Möglichkeit einer psychologischen Betreuung erinnert hatte, sagte im Grunde alles.

Normalerweise wurde man erst im Nachhinein darauf aufmerksam gemacht.

„Mein Gott! Der war ja wirklich wie von Sinnen“, hauchte der Sergeant, und die Leere in seiner Stimme entging seinem Vorgesetzten nicht.

»Versuche, den Tatort als Gesamtes zu sehen, Junge. Nicht bloß das Opfer. Wir müssen so schnell wie möglich herausfinden, wer das getan hat – und warum. Der Täter darf nicht zu lange auf freiem Fuß bleiben.« Er sah sich um. Im Türrahmen stand ein uniformierter Beamter mit kalkweißem Gesicht. „Sind Sie aus dem Ort, Constable?“

„Ja, Sir. Ich habe den Notruf entgegengenommen. Ich war der Erste am Tatort.“ Er hielt kurz inne. „Damit habe ich meine Sünden abgebüßt.“

„Kennen Sie diese Leute?“

»Ja, ziemlich gut sogar. George Haines hat diesen Teil der Fens seit einer Ewigkeit bestellt. Und Lydia, seine Frau …« Er warf einen Blick auf die blutige Leiche auf dem Natursteinboden und schluckte. „Sie hat sich sehr in der Gemeinde engagiert. Sie war kaum wegzudenken.“

„Also nicht die Art Frau, die ermordet wird“, murmelte der Sergeant.

„Gib es die denn?“, fragte der Inspector.

„Ich meinte nur, dass manche Menschen eher zu Opfern werden. Und zu diesem Kreis zähle ich die Frau hier nicht.“

„Weil sie keine Hure ist? Oder ein Junkie?“ Der Inspector seufzte. „Okay. Also für mich ist sie als Opfer genauso gut denkbar wie jeder andere. Und irgendjemand da draußen sieht das genauso. Der Mörder hat viel Zeit darauf verwendet, sie in Stücke zu hacken. Er hat sie offenbar aus tiefstem Herzen gehasst.“ Er wandte sich wieder an den Dorfpolizisten. „Wohnten die beiden allein?“

„Nein, Sir. Aber Gott sei Dank sind die beiden Kinder heute mit ihrer Tante und dem Onkel im Kino. Ihr Cousin feiert Geburtstag. Etwa zehn Kinder waren eingeladen, darunter auch die beiden Jungen der Haines.“

„War das geplant oder bloß Zufall?“, murmelte der Inspector. „Lebt sonst noch jemand hier?“

„Ja, Sir. Der Betriebsleiter wohnt in einem kleinen Cottage auf der anderen Seite des Hofes. Und dann ist da noch eine Frau, die den beiden mit den Kindern und der Hausarbeit hilft. Eine Art Au-pair. Sie wohnt in einer kleinen Wohnung in dem umgebauten Schuppen neben der Garage. Keiner der beiden ist im Moment zu Hause, aber wir lassen nach ihnen suchen.“

„Namen?“

„Der Betriebsleiter heißt Ian Farrow. Er ist geschieden und bleibt angeblich gerne für sich. Das Au-pair kommt aus Frankreich und heißt Françoise Thayer. Sie ist seit etwa zwei Monaten hier und gibt sich ebenfalls kaum mit den Farmarbeitern ab.“

„Sind die beiden vielleicht zusammen?“

„Wir haben die Männer gefragt, aber falls es so ist, weiß niemand davon.“

„Okay. Einer der beiden ist jedenfalls der Mörder. Vielleicht aber auch beide“, erklärte der Inspector rundheraus.

Der Sergeant warf seinem Vorgesetzten einen zweifelnden Blick zu, doch er kannte ihn gut genug, um nichts darauf zu erwidern.

Der Inspector sah sich mit zusammengekniffenen Augen schweigend im Zimmer um. Es war eine typische, geschmackvoll renovierte Farmhausküche, in der die alten Besonderheiten erhalten und bloß durch notwendige, arbeitssparende Geräte ergänzt worden waren. „Es wurde nichts gestohlen, das heißt, es war kein aus dem Ruder gelaufener Einbruch. Außerdem kannten die beiden den Mörder. George wandte ihm beim Aussteigen aus dem Traktor freiwillig den Rücken zu, und Lydia wollte ihm gerade Kaffee eingießen.“ Er deutete auf die Stempelkanne, die neben der zerstückelten Leiche lag, und auf die beiden Kaffeebecher auf dem Küchentisch. „Laut Gerichtsmediziner ist Lydia zuerst gestorben, und George kam erst später. Nachdem alle anderen ebenfalls unterwegs waren, hat sie vermutlich für ihren Mörder Kaffee gekocht. Alles deutet darauf hin, dass sie vollkommen entspannt war. So entspannt wie ihr Mann, als er nach Hause kam.“ Er brach ab. „Tiere und Menschen haben oft ein untrügliches Gespür dafür, dass etwas nicht stimmt. Doch weder George noch Lydia haben Verdacht geschöpft. Es war einer der beiden, die ebenfalls hier auf dem Hof wohnen. Darauf verwette ich meine Pension.“

Er warf noch einen letzten Blick auf Lydia Haines, dann wandte er sich ab. „Lassen wir die Spurensicherung erst mal ihren Job erledigen, mein Junge. Wir müssen einen Mörder finden. Und wenn wir ihn geschnappt haben, ist er mit Sicherheit das schlimmste Ungeheuer, das du je gesehen hast.“



Kapitel 1

September 2015, Fenland Constabulary, Hauptdienststelle, Saltern-Le-Fen, Lincolnshire

DS Marie Evans war klar, dass sie besser nach Hause fahren sollte, doch das Adrenalin, das durch ihren Körper jagte, fesselte sie an den Schreibtisch. Obwohl sie sich ohnehin nicht auf die Arbeit konzentrieren konnte, weil sie ständig die Bilder vom Tatort vor sich sah. Wenn sie auch nur einen Moment lang die Augen schloss, war da wieder das dunkelrote Blut, das aus den zahllosen Wunden der übel zugerichteten Frau strömte und auf dem Boden eine Pfütze bildete. Es schien, als hätte sich das Bild in ihre Augenlider eingebrannt, und bei jedem Blinzeln war es wieder da.

Marie war schon lange dabei und hatte viele wirklich furchtbare Dinge gesehen, aber das, was heute in dem abgelegenen Haus am Rand des Marschlandes passiert war, war an Brutalität nicht zu überbieten.

Ihr Vorgesetzter, DI Rowan Jackman, war noch immer am Tatort. Marie lächelte. Jackman fuhr erst, wenn er sicher war, dass er nichts übersehen hatte. Aber nicht, weil er der Spurensicherung nicht vertraute. Er war eher wie ein menschlicher Schwamm, der nicht aufgab, bis er auch die allerkleinsten Informationen aufgesaugt hatte.

Marie sah den großen Mann vor sich, wie er kerzengerade mitten im schlimmsten Chaos stand und es trotzdem irgendwie schaffte, wie ein Fotomodell aus Country Life auszusehen. Seine blauen Augen wurden schmal, während er sich konzentriert in der Küche umsah und versuchte, dem Blutbad weitere unsichtbare Informationen zu entlocken. Marie wäre gerne noch mit ihm am Tatort geblieben, doch jemand musste den Einsatzplan für das Team zusammenstellen, und sie hatte sich freiwillig gemeldet. Wenn auch zögerlich.

Marie warf einen Blick auf die Uhr. Beinahe elf. Sie gähnte und loggte sich aus dem Computer aus. Sie hatte alles getan, was heute Nacht möglich war. Sie wusste nur nicht, ob sie nach Hause fahren oder sich über die mondbeschienenen Fens auf den Rückweg zu Jackman und dem Horrorhaus machen sollte.

Denn er war zweifellos noch dort.

Der grausame Mord hatte ihn härter getroffen als üblich, denn er hatte das Opfer gekannt. Nicht gut genug, um die Leitung der Ermittlungen infrage zu stellen, aber es reichte, um persönlich betroffen zu sein. Es war nie leicht, an einen Tatort zu kommen und plötzlich ein bekanntes Gesicht zu sehen. Es war, als wäre dieser Mensch anstelle einem selbst gestorben. Jackman hatte zwar nichts gesagt, aber Marie hatte es in seinen Augen gesehen.

Sie ließ sich in den Stuhl zurücksinken und betrachtete den Stapel Unterlagen, den sie in den letzten Stunden ausgedruckt hatte. Es waren vor allem Hintergrundinformationen über das Opfer, Alison Fleet, und ihren Mann Bruce, einen reichen Geschäftsmann. Alison war als Organisatorin von Wohltätigkeitsveranstaltungen stadtbekannt gewesen, und ihrem Mann gehörte die örtliche Brauerei, die er auch leitete. Sie schienen wie ein perfektes Paar mit einem perfekten Leben und keinerlei Feinden. Allerdings hatte Marie schon vor langer Zeit herausgefunden, dass der äußere Schein oft trog. Und selbst in diesem frühen Stadium der Ermittlungen hatte sie bereits eine Menge Unregelmäßigkeiten in dem „perfekten“ Dasein ans Tageslicht befördert.

Marie warf einen Blick auf den einzigen Kollegen, der immer noch im Büro hockte, und schüttelte den Kopf. „Geh nach Hause, Max. Du siehst echt scheiße aus.“

„Danke, Sarge, ich liebe dich auch“, erwiderte DC Max Cohen grinsend und fuhr sich mit der Hand durch die dicken, dunklen Locken. Er streckte sich gähnend. „Ich starte noch einen Suchlauf, dann verschwinde ich, okay?“

Marie nickte. „Aber wirklich nur einen. Schon was gefunden, was ich wissen sollte?“

„Nichts Weltbewegendes. Abgesehen davon, dass die perfekte Mrs Fleet doch nicht so sauber ist, wie wir zuerst dachten.“ Max sah sich die Unterlagen noch einmal durch und schüttelte den Kopf. „Hoffentlich täusche ich mich, aber ich schätze, wenn wir uns durch die Wohltätigkeitsgeschichten arbeiten, werden wir auf die dunkle Vergangenheit der heiligen Alison stoßen. Ich bin mir sicher, dass mehr hinter ihr und ihrem alten Herrn steckt, als die Leute ahnen.“ Er wandte sich vom Bildschirm ab. „Und bei dir, Sarge?“

„So ziemlich dasselbe. Geheimnisse über Geheimnisse.“ Marie verzog das Gesicht. „Von außen betrachtet blühte ihr Leben in den letzten zehn Jahren in den schönsten Farben, aber wenn man tiefer gräbt, beginnt es zu stinken.“

„Yippie“, meinte Max grinsend.

Marie mochte den jungen Mann mit dem starken Cockney-Akzent. Mittlerweile zumindest. Sie mochte das ganze Team. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, und das mussten sie bei dieser Art von Arbeit auch sein. Trotzdem war sie am Anfang nicht warm mit Max geworden, und es hatte nichts damit zu tun gehabt, dass er aus der Stadt kam. Wie die meisten Bewohner der Fens freute sie sich über Neuankömmlinge, denn ihr war klar, dass einige der kleinen Dörfer ohne den Zuzug bereits verwaist gewesen wären. Nein, Max war ein Klugscheißer, der nicht mit seiner Meinung hinterm Berg hielt, vor allem, wenn es um seinen jüngeren Kollegen DC Charlie Button ging. Doch Marie hatte bald erkannt, dass der Grund seiner Prahlerei in seiner Herkunft lag. Er stammte aus einer Großfamilie aus dem Londoner East End und musste sich schon von Kindesbeinen an gegen seine älteren Geschwister behaupten. Außerdem ließen sich seine Eltern scheiden, als er gerade dreizehn war, was auch nicht gerade zu seiner Persönlichkeitsbildung beigetragen hatte. Und auch wenn Max Charlie gerne aufzog, legte er sich mit jedem an, der es ebenfalls versuchte.

Inzwischen arbeiteten sie seit ein paar Jahren zusammen, und Marie wusste, dass Max Cohen immer hinter ihr stehen würde. Loyalität wurde bei ihm großgeschrieben.

Marie öffnete die Schublade und holte ihren Schlüsselbund heraus. Der Ruf des Tatorts war verlockender als der Gedanke an ihr warmes Bett. Während sie ihren Schreibtisch aufräumte, dachte sie daran, was sie draußen in dem verschlafenen Dörfchen Thatcher’s Hurn gefunden hatten.

 

Jackman und sie trugen bereits Schutzanzüge, als sie das hübsche alte Haus betraten. Sie bewegten sich langsam und schweigend nebeneinanderher und versuchten, sämtliche Informationen in sich aufzunehmen. Die „goldene Stunde“ nach der Entdeckung eines Mordes war oft entscheidend, denn die Beweise waren noch frisch und der Tatort noch nicht verunreinigt. Und auch die Zeugen konnten sich besser an Details erinnern. Marie hatte außerdem immer das Gefühl, als würde sich der Geist des Mörders noch am Tatort befinden. Es war wie eine langsam verblassende Erinnerung, und in diesen ersten Momenten waren die Schatten beinahe greifbar, bevor sie von dem emsigen Treiben der Spurensicherung vertrieben wurden. Es war nichts Übernatürliches, sondern bloß die Fähigkeit, ihre Umgebung richtig zu deuten und ihrer Intuition zu folgen.

DI Jackman hatte eine ähnliche Gabe, obwohl er aus einer vollkommen anderen Ecke kam. Er war dreizehn Jahre jünger und hatte eine akademische Laufbahn hinter sich. Dank seines Anthropologie- und Soziologiestudiums in Cambridge hatte er ein klareres Verständnis für die Gesellschaft und das menschliche Verhalten als die meisten Kollegen, doch seine Schlussfolgerungen waren immer wissenschaftlich begründet. Marie war hingegen eine einfache Streifenpolizistin, die sich zum Detective Sergeant hochgearbeitet hatte und auf ihr Bauchgefühl vertraute.

 

Marie sah sich im Büro um. Im Moment sagte ihr das verdammte Bauchgefühl, dass etwas an der Art, wie Alison Fleet den Tod gefunden hatte, nicht stimmte. Marie hatte am Tatort sofort das Gefühl gehabt, dass es wie eine Inszenierung aussah. Die üblichen Hypothesen waren nicht anwendbar. Aber was war dann passiert? Sie runzelte die Stirn. Noch ein Grund mehr, an den Tatort zurückzukehren und mit Jackman zu reden.

„Ich fahre noch mal raus nach Thatcher’s Hurn“, rief sie Max zu. „Und du gehst nach Hause und schläfst ein bisschen.“

Max hob zustimmend die Hand. „Okay. Die Suchanfrage hat sowieso nichts Neues ergeben. Gute Nacht, Sarge!“

„Entschuldigen Sie bitte, Sergeant Evans.“ Eine Sekretärin in Zivil trat vor Marie, als diese gerade gehen wollte. „Der diensthabende Beamte am Empfang möchte mit DI Jackman sprechen, aber ich finde ihn nicht, und sein Telefon ist auf Voicemail.“

„Er ist noch am Tatort. Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?“ Marie hoffte, dass die Antwort Nein lauten würde, doch die Frau nickte eifrig. „Ja, sicher. Könnten Sie vielleicht mitkommen?“

Maries Augen wurden schmal, und ihre Müdigkeit war wie weggeblasen. „Was ist denn los?“

„Der Sergeant hat jemanden im Verhörzimmer, der vielleicht von Interesse für DI Jackman sein könnte.“

Marie winkte Max zu. „Vergiss, was ich gerade gesagt habe. Komm mit!“

 

Der uniformierte Beamte mit dem zerfurchten Gesicht wirkte nachdenklich, als Marie und Max an den Empfangsschalter traten. Er runzelte die Stirn.

»Vielleicht verschwende ich hier nur Ihre Zeit, DS Evans, aber andererseits …« Er rieb sich das Kinn. „Ich meine, vielleicht ist er ja nur ein Verrückter. Davon gibt es hier weiß Gott genug.“

»Ich spüre da ein weiteres Aber …«

„Ja, weil mich der Kerl irgendwie stutzig gemacht hat.“ Er seufzte laut. „Gerade wenn man denkt, man kennt sie alle, kommt so einer.“ Er runzelte erneut die Stirn. „Aber sehen Sie am besten selbst.“

Er führte sie zu den Verhörräumen. „Er ist da drin. Viel Glück!“ Er öffnete ihnen die Tür und kehrte kopfschüttelnd zum Empfangsschalter zurück.

Der Mann war etwa fünfundzwanzig, hatte dichte, dunkelblonde Locken und blassblaue, durchdringende Augen. Seine Kleidung passte weder zum Wetter noch zur Tageszeit und war tropfnass.

Marie betrachtete ihn interessiert. Er sah nicht aus wie ein gewöhnlicher Drogenabhängiger oder Kleinkrimineller, und auch wenn seine Augen beunruhigend apathisch wirkten, zeugten sie von einer gewissen Intelligenz.

„Ich bin Detective Sergeant Marie Evans, und das ist Detective Constable Max Cohen. Wie können wir Ihnen helfen?“

Der junge Mann stieß ein kurzes, seltsames Lachen aus. Es schwebte zwischen ihnen in dem stickigen, engen Raum, und Marie erschauderte.

Einen Moment lang dachte sie, er würde nicht antworten, doch dann erklärte er mit klarer, fester Stimme: „Mein Name ist Daniel Kinder, und ich habe Alison Fleet getötet.“



Kapitel 2

„Was halten Sie von ihm?“

 Jackman fuhr gerade durch die Fens zurück zur Dienststelle und war nur schwer zu verstehen. Dort draußen war der Empfang ziemlich schlecht.

„Ehrlich gesagt weiß ich es nicht, Sir.“

„Ich glaube Ihnen kein Wort“, tönte es aus dem Telefon. „Er muss doch irgendeinen Eindruck auf Sie gemacht haben.“

„Ja, das hat er tatsächlich.“ Marie erinnerte sich noch gut daran, wie sie erschaudert war, als Daniel Kinder gelacht hatte. »Ich weiß nur nicht, ob er total verrückt und das Ganze reine Zeitverschwendung ist oder ob er wirklich ein …«

„Ein Mörder ist?“

„Ja, genau. Ein Mörder.“ Es gefiel ihr zwar nicht, aber so war es nun mal. „Ich habe beschlossen, mit dem weiteren Verhör auf Sie zu warten.“

„Haben Sie ihn verhaftet?“

„Ja, Sir. Das musste ich. Er hat immerhin einen Mord gestanden. Und ich habe sämtliche Vorarbeiten abgeschlossen. Ich habe ihn durchsucht, seine Kleidung beschlagnahmt und den Arzt geholt, damit er die Verhörfähigkeit bestätigt.“ Sie hielt kurz inne. „Er wollte keinen Anwalt, obwohl ich ihm dazu geraten habe. Sie müssen also unbedingt dabei sein, wenn ich das Verhör fortsetze.“

„Okay, ich bin in zehn Minuten da.“ Er legte auf und ließ Marie mit ihren verworrenen Gedanken allein.

 

„Also, bevor wir reingehen, will ich hören, was wir bis jetzt über diesen Mann wissen.“ Jackman rückte seine Krawatte zurecht, obwohl sie ohnehin schon perfekt in der Mitte seines makellos weißen, gestärkten Kragens saß.

Marie warf einen Blick in ihr Notizbuch. »Sein Name ist Daniel Kinder, und er …«

„Kinder?“, fragte Jackman, und seine Augen weiteten sich. „Ist er von hier?“

»Ja. Er wohnt mit seiner Mutter in einem dieser protzigen Häuser draußen am …«

„Am Riverside Crescent“, unterbrach er sie finster.

„Kennen Sie ihn, Chef?“

„Nein, aber ich kannte seinen Vater, Sam Kinder. Er stand vor ein paar Jahren in geschäftlichem Kontakt mit meiner Familie. Er ist vor einiger Zeit an einer fürchterlichen Tropenkrankheit verstorben. Bilharziose, glaube ich.“

„Ich dachte mir schon, dass unser Mann sich für einen Cracksüchtigen zu gewählt ausdrückt.“

„Daniel kenne ich nicht, aber seine Familie ist sehr angesehen. Sam Kinder war reich, und er hat außerdem Hunderten afrikanischen Dörfern einen Trinkwasserzugang ermöglicht. Er war selbst mit einer Wohltätigkeitsorganisation vor Ort, und dort hat er sich auch angesteckt.“ Jackman verzog das Gesicht. „Es war eine Ironie des Schicksals, dass er ausgerechnet an einer durch Wasser übertragenen Krankheit starb.“ Er hielt kurz inne. „Seine Frau Ruby habe ich nie kennengelernt, aber ich glaube, sie hatten bloß einen Sohn. Den Namen weiß ich nicht mehr.“

„Die Mutter ist offenbar gerade auf einer Reise durch Asien und versucht, ihre Trauer in den Griff zu bekommen. Den Sohn werden Sie hingegen gleich kennenlernen, und ich hoffe, dass er Sie genauso ratlos macht wie mich.“ Sie runzelte die Stirn. „Es wäre schlimm, wenn ich meine Menschenkenntnis plötzlich verloren hätte.“

„Na, dann sehen wir ihn uns doch mal an.“ Jackman wandte sich bereits der Tür zu, als er noch einmal innehielt. „Moment mal! Daniel Kinder? Das erinnert mich an was. Ist er nicht Journalist?“

„So weit bin ich noch nicht gekommen, Sir.“

„Also, wenn er derjenige ist, den ich meine, ist er verdammt gut.“ Er überlegte. „Aber das kann nicht sein, oder? Er ist eine dieser neuen, jungen ›Stimmen‹ der modernen Welt.“

Marie trat schulterzuckend auf die Tür zu. „Da muss ich passen. Im Moment sagt diese ›Stimme‹ jedenfalls, dass sie jemanden umgebracht hat.“ Sie öffnete die Tür. „Nach Ihnen, Chef.“

Sie betraten das Verhörzimmer, und Jackman war überrascht von der nervösen Energie, die von dem jungen Mann in dem Einwegoverall ausging. Er wartete, bis Marie ein neues Tonband in das Aufnahmegerät gelegt, die formelle Einleitung verlesen und noch einmal das Beisein eines Anwaltes empfohlen hatte. Sie warf Kinder einen hoffnungsvollen Blick zu, doch der schüttelte bloß den Kopf.

Zu Beginn des Verhörs begnügte Jackman sich damit, Daniel Kinders Reaktionen zu beobachten. Der Arzt hatte sein Okay gegeben, und seiner Meinung nach war kein Beisitzer notwendig, doch Jackman war sich da nicht so sicher. Etwas an dem jungen Mann beunruhigte ihn, ließ ihm ein Schaudern über den Rücken laufen.

Er hatte so etwas schon einmal erlebt, als er als Praktikant einen Gefangenen in den psychiatrischen Hochsicherheitstrakt begleiten musste. Aufgrund eines Verwaltungsfehlers hatte er mehr Zeit als gewollt mit dem „Patienten“ verbracht. Er hatte nicht gewusst, was er mit dem Mann reden oder wie er auf ihn reagieren sollte. Obwohl er es noch nie offen zugegeben hatte, machten ihm psychische Erkrankungen Angst.

Und jetzt, mit Kinder im Verhörzimmer, hatte er plötzlich dasselbe Gefühl. Der Mann war keine offensichtliche Bedrohung. Er gab sich nach außen hin betont ruhig, obwohl die Anspannung deutlich spürbar war. Doch seine Augen bereiteten Jackman Sorgen, denn sie erzählten eine ganz andere Geschichte, in der von Ruhe keine Rede war.

„Sie behaupten also, Alison Fleet getötet zu haben. Vielleicht könnten Sie mir erklären, wie und warum?“ Jackman lehnte sich nach vorne. „Oder vielleicht fangen wir mal mit der Frage nach dem ›Wo‹ an.“

Der Mann blinzelte einige Male hintereinander, dann kniff er die Augen zusammen, als müsste er sich konzentrieren. „In ihrem Haus in Thatcher’s Hurn. Es heißt Berrylands.“

Nichts, was er nicht ohne viel Aufwand hätte herausfinden können, dachte Jackman. Der Ort war in den Fünf-Uhr-Nachrichten namentlich genannt worden, und auch den Namen des Hauses hatte man nicht verschwiegen. „Und in welchem Zimmer haben Sie sie getötet?“

„In der Küche.“ Daniel Kinder sah ihm herausfordernd in die Augen.

Jackman blieb unbeeindruckt, doch er spürte, wie sich Marie kaum merklich versteifte. Der genaue Ort im Haus war nicht veröffentlicht worden. Dann dachte er allerdings an den Fernsehbericht. Jeder, der das Haus schon einmal von innen gesehen hatte, konnte anhand der Zelte, die zum Schutz vor Schaulustigen aufgestellt worden waren, ganz einfach ableiten, wo die Tat passiert war.

„Okay, Daniel, wie haben Sie sie umgebracht?“

„Ich habe sie erstochen.“

„Warum?“, fragte Jackman schnell.

Der junge Mann zögerte zum ersten Mal. Ein seltsamer Schauer durchlief ihn, und sein Hals und der Kopf zuckten, dann flüsterte er leise: „Weil ich es in mir habe.“

Diese Antwort hatte Jackman nicht erwartet. „Weil ich sie hasse“, oder: „Weil ich sie liebe und sie mich betrogen hat“, oder: „Weil ich eifersüchtig war“ – es gab immer einen Auslöser für einen gewaltsamen Ausbruch.

„Das haben wir alle“, erwiderte Marie leise. „Unter gewissen Umständen. Aber nur wenige begehen tatsächlich einen Mord. Es gibt immer einen Grund, Daniel. Einen Auslöser. Was war es bei Ihnen? Warum musste Alison sterben?“

Kinder atmete tief ein, bevor er antwortete: „Es hatte nichts mit ihr zu tun. Es hätte jeden treffen können. Es war mir vorherbestimmt, an einem gewissen Punkt in meinem Leben einen Menschen zu töten. Und dieser Mensch war nun mal Alison Fleet.“

„Womit haben Sie sie erstochen?“, fragte Jackman unvermittelt, um dem jungen Mann keine Zeit zum Nachdenken zu lassen.

„Mit einem Küchenmesser.“

Sie vernahmen Kinder beinahe eine halbe Stunde lang. Einige Fragen beantwortete er sofort, bei anderen blieb er vage und schien sogar ein wenig verwirrt, während er manche schlichtweg ignorierte.

Jackman lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Kinder eindringlich. Er wusste nicht weiter. „Würden Sie uns bitte einen Moment entschuldigen, Mr Kinder?“

Er sprach eine Erklärung auf Band, dass das Verhör unterbrochen wurde, und winkte Marie mit sich nach draußen.

Er entfernte sich ein Stück von der Tür und seufzte schwer. „Okay, er kennt ein paar Einzelheiten, aber bei Weitem nicht genug.“

„Nicht einmal wir wissen, was für ein Messer benutzt wurde. Aber sie wurde erstochen.“

„Ja, aber wie viele Arten, jemanden umzubringen, gibt es? Und ich spreche von einem gewaltsamen, blutigen Tod und nicht von einem perfiden Plan mithilfe von Tollkraut oder Arsen. Man kann jemanden erschießen, totschlagen, ertränken, erwürgen oder erstechen. Und was passiert in diesem Land am häufigsten?“

„Dass jemand erstochen wird.“

„Genau.“ Er schüttelte den Kopf. „Er hat geraten. Er hat es nicht getan.“

„Aber er gehört nicht zu den üblichen Geschichtenerzählern, oder?“, fragte Marie. „Und er ist auch kein gewöhnlicher Verrückter. Falls es so etwas überhaupt gibt.“

„Da stimme ich Ihnen zu.“ Jackman seufzte erneut. „Aber ich kaufe ihm seine Geschichte trotzdem nicht ab, und ich bin mir nicht sicher, wie wir die Sache anpacken sollen.“

„Setzen wir einfach das Gespräch fort, Sir. Sagen Sie ihm, dass Sie seinen Vater kannten. Vielleicht können wir den echten Daniel hervorlocken und herausfinden, was er vorhat.“ Sie hielt inne. „Er wirkt extrem angespannt. Ich will wissen, was einen offensichtlich intelligenten, jungen und aufstrebenden Journalisten dazu bringt, sich plötzlich als Mörder auszugeben.“

„Sie haben wie immer recht.“ Jackman lachte trocken, und sie kehrten gemeinsam ins Verhörzimmer zurück.

„Sie sind Sam Kinders Sohn, oder?“, fragte Jackman betont freundlich. „Er war ein Kollege meines Vaters. Ich war bestürzt, als ich von seinem Tod erfuhr.“

Daniel zog die Augenbrauen zusammen, dann entspannte er sich wieder. „Ich bin sein Adoptivsohn, Detective Inspector.“ Er klang feierlich, als hätten diese Worte eine tiefere Bedeutung. „Sein Tod hat meine Adoptivmutter und mich schwer getroffen.“

Jackman nickte. „Es war ein schwerer Verlust. Für seine Familie, aber auch für viele andere. Er war ein bedeutender Mann.“

Dieses Mal nickte Daniel. Doch im nächsten Augenblick riss er den Kopf hoch und schob herausfordernd den Unterkiefer nach vorne. „Aber was hat das alles mit dem Mord an dieser Frau zu tun? Sie haben doch verstanden, was ich Ihnen vorhin gesagt habe, oder?“

„Ich glaube nicht, dass Sie jemanden umgebracht haben, Daniel“, erklärte Jackman ruhig.

Wut flackerte in Kinders blassblauen Augen auf. „Doch, das habe ich! Warum glauben Sie mir nicht?“

Jackman beschloss, weiter Druck zu machen. „Weil Sie alles, was Sie uns erzählt haben, ganz leicht herausfinden konnten. Vor allem in Ihrem Beruf. Sie sind Journalist, um Himmels willen! Sie haben Freunde, Kontakte. Sie hören alles oder zahlen für die entsprechenden Informationen.“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Nein, Daniel. Ich weiß nicht, warum Sie das hier tun, aber Sie sind kein Mörder.“

Ohne Vorwarnung warf sich Daniel plötzlich über den Tisch und packte Jackman am Revers. „Sie müssen mir glauben! Verstehen Sie denn nicht? Sie müssen!“

Marie beugte sich, ohne eine Miene zu verziehen, vor und fixierte Daniels Hände mit eisernem Griff, während Jackman sich rasch in Sicherheit brachte. Daniel lag quer über dem Tisch und flehte die beiden schluchzend an, ihm endlich zu glauben.

„Okay, mein Freund, das reicht.“ Marie wandte sich an Jackman und flüsterte: „Ich glaube, er hat den Arzt verarscht. Wir brauchen ein umfassendes medizinisches Gutachten, bevor wir weitermachen können.“

Jackman nickte. Zwei uniformierte Beamte führten Kinder aus dem Zimmer.

„Der medizinische Gutachter soll ihn sich ansehen!“, rief Marie einem der Männer über Daniels Schreie hinweg zu. „Und haltet uns über seinen Zustand auf dem Laufenden!“

Jackman sah zu, wie die beiden Beamten den jungen Mann den Flur hinunterschleiften. „Heute Nacht können wir nichts mehr tun. Vermutlich gibt ihm der Arzt etwas zur Beruhigung, damit er bis morgen früh schläft. Und dann sehen wir weiter.“

„Sollen wir jemanden verständigen?“, fragte Marie. „Er hat etwas von einer Freundin gesagt, aber er wollte den Namen nicht verraten. Vermutlich macht sie sich schon Sorgen um ihn.“

„Wir schicken einen uniformierten Kollegen zu seinem Haus, für den unwahrscheinlichen Fall, dass sie zusammenwohnen. Ansonsten können wir ohne sein Einverständnis nicht viel tun.“ Jackmans Schultern schmerzten. Er streckte sich. „Fahren Sie nach Hause, Marie. Ruhen Sie sich aus. Dieser Fall wird alles andere als einfach.“

„Das dachte ich mir auch gerade. Bis morgen früh, Sir.“

Jackman sah ihr hinterher und dankte wie so oft einer höheren Macht, dass sie ihn mit einem Sergeant gesegnet hatte, den er tatsächlich mochte. Marie Evans war einmalig. Sie war beinahe so groß wie er, hatte dicke, kastanienbraune Haare, einen kräftigen Körperbau und muskulöse Arme und Beine. Sie verbrachte sehr viel Zeit im Fitnessstudio und war dadurch trainierter, als es für eine Fünfundvierzigjährige üblich war. Sie erinnerte Jackman immer ein wenig an eine präraffaelitische Schönheit in Ledermontur. Marie war auch eine sehr erfahrene Motorradfahrerin.

Er lächelte ihr nach, dann erschauderte er und erlaubte sich ein sorgenvolles Seufzen. Ein beklemmendes Gefühl packte ihn, und ihm wurde mit einem Mal klar, dass sie vor einer sehr großen Herausforderung standen. Es ging nicht nur um den Mord an dieser Frau, auch wenn das schlimm genug war. Es war das erste Mal, dass ihn eine Art Vorahnung beschlich, und es war kein angenehmes Gefühl.

Während er den verwaisten Flur hinunterging, kam ihm der Gedanke, dass dieser Fall vermutlich eine Katastrophe werden würde. Es war eine verworrene, düstere Geschichte.

Er ging zum Empfangsschalter und forderte einen Officer an, der zu Kinders Haus fahren sollte. Egal, was dieser Fall für ihn bereithielt – er hoffte nur, dass er ihm gewachsen sein würde. Er konnte nicht wie Marie auf eine langjährige Erfahrung zurückgreifen, und obwohl er wusste, dass sein Team hinter ihm stand, musste er sich in vielen Dingen erst beweisen. Egal, wie engagiert er war – und er war verdammt engagiert –, er war trotzdem ein zweiunddreißigjähriger Emporkömmling aus reichem Elternhaus. Das war zwar nett, wenn man auf Abzeichen und Karriere aus war, doch Jackman hatte anderes im Sinn. Er wollte einfach ein verdammt guter Polizist werden, und wenn er sich auf dem Weg dorthin den Respekt seiner Mannschaft verdiente, dann umso besser.

Er lächelte grimmig und kehrte ins Büro zurück.

Joy Ellis

Über Joy Ellis

Biografie

Joy Ellis ist gelernte Floristin und über ihr späteres Buchhändlerdasein selbst zum Schreiben gekommen. Bei den ermittlungstechnischen Details ihrer Fälle verlässt sie sich auf ihre Partnerin Jacqueline, eine pensionierte Polizeibeamtin. Die beiden leben zusammen in den...

Weitere Titel der Serie „Fenland Police“

Joy Ellis entführt die Leser in die düstere Stimmung der ostenglischen Lincolnshire Fens: In der starken Crime-Reihe aus England löst ein außergewöhnliches Ermittlerteam um einen Gerechtigkeit liebenden Cambridge-Absolventen und eine motorradfahrende Witwe die spannenden Fälle.
Pressestimmen
magazin-koellefornia.com

„Einen guten Kriminalroman hat Joy Ellis abgeliefert. Dieser Roman ist der Auftakt einer geplanten Reihe. Da kann man gespannt und freudig auf die Folgebücher warten.“

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