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Der Seelensammler

Der Seelensammler

Thriller

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Der Seelensammler — Inhalt

»Töte mich« ist in die Brust des Bewusstlosen eintätowiert. Doch eine andere Entdeckung schockiert das Notarztteam in der abgelegenen römischen Villa noch mehr: ein roter Rollschuh – das Andenken des Mörders an sein erstes Opfer, eine junge Frau. Als der Serientäter ins Koma fällt, scheint er seine gerechte Strafe zu erhalten. Doch der stumme Patient hütet ein grausames Geheimnis, denn erneut ist eine junge Frau verschwunden …

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 16.04.2012
Übersetzer: Christiane Burkhardt
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95473-0

Leseprobe zu »Der Seelensammler«

7 Uhr 37

Der Tote schlug die Augen auf.
Er lag in einem Bett auf dem Rücken. Das Zimmer war weiß, Tageslicht fiel herein. An der Wand gegenüber hing ein Holzkreuz.
Er sah die eigenen Hände neben dem Körper liegen, auf dem blütenweißen Laken. So als gehörten sie gar nicht zu ihm. Er hob die Rechte, hielt sie sich vors Gesicht, um sie genauer betrachten zu können. Dabei berührte er seinen Kopfverband. Er war verletzt, hatte aber keine Schmerzen.
Er wandte sich zum Fenster. In der Scheibe spiegelte sich schwach sein Gesicht. In diesem Moment kam die Angst. [...]

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7 Uhr 37

Der Tote schlug die Augen auf.
Er lag in einem Bett auf dem Rücken. Das Zimmer war weiß, Tageslicht fiel herein. An der Wand gegenüber hing ein Holzkreuz.
Er sah die eigenen Hände neben dem Körper liegen, auf dem blütenweißen Laken. So als gehörten sie gar nicht zu ihm. Er hob die Rechte, hielt sie sich vors Gesicht, um sie genauer betrachten zu können. Dabei berührte er seinen Kopfverband. Er war verletzt, hatte aber keine Schmerzen.
Er wandte sich zum Fenster. In der Scheibe spiegelte sich schwach sein Gesicht. In diesem Moment kam die Angst. Eine Frage quälte ihn. Doch noch quälender war die Erkenntnis, keine Antwort darauf zu haben.
Wer bin ich?


FÜNF TAGE ZUVOR

0 Uhr 03

Die Adresse lag außerhalb der Stadt. Wegen des schlechten Wetters und des Navis, das die Straße nicht fand, hatten sie länger als eine halbe Stunde bis zu dem abgelegenen Ort gebraucht. Hätte zu Beginn der Auffahrtsallee nicht die kleine Laterne gebrannt, hätten sie das Grundstück für unbewohnt gehalten.
Der Krankenwagen fuhr langsam durch den verwahrlosten Garten. Das Blaulicht entriss der Dunkelheit moosbedeckte Nymphen und verstümmelte Venusskulpturen. Die begrüßten sie mit einem schiefen Lächeln und ebenso eleganten wie unvollständigen Gesten. Sie tanzten regungslos, nur zu ihrem eigenen Vergnügen.
Da es gewitterte, wirkte die alte Villa wie ein sicherer Hafen. Es brannte zwar kein Licht, doch die Tür stand offen.
Das Haus erwartete sie.
Sie waren zu dritt: Monica, die junge Internistin, die in dieser Nacht Notdienst hatte ; Tony, ein Krankenpfleger mit viel Erfahrung bei Notfalleinsätzen, und der Fahrer, der im Krankenwagen sitzen blieb, während sich die anderen beiden zum Haus vorkämpften. Bevor sie es betraten, riefen sie laut nach dem Bewohner.
Keine Antwort. Sie gingen ins Haus.
Ein abgestandener Geruch schlug ihnen entgegen, und im langen Flur spendeten mehrere Lampen ein schwaches, orangefarbenes Licht. Rechts führte eine Treppe ins obere Stockwerk.
Im hintersten Raum lag ein lebloser Körper.
Sie eilten zu ihm, um Erste Hilfe zu leisten, und merkten, dass sie in einem Wohnzimmer standen. Bis auf den abgenutzten Sessel vor dem alten Fernseher waren alle Möbel mit weißen Laken verhängt. Tatsächlich war alles an diesem Ort irgendwie veraltet.
Monica ging neben dem auf der Erde liegenden, nach Luft ringenden Mann auf die Knie. Sie rief nach Tony und dem Notfallkoffer.
»Er ist schon ganz blau: Zyanose«, stellte sie fest.
Tony sah nach, ob die Atemwege frei waren, und presste ihm anschließend den Beatmungsbeutel an die Lippen. Monica leuchtete ihm gleichzeitig mit einer Stablampe in die Augen.
Er war höchstens fünfzig und bewusstlos. Er trug einen gestreiften Schlafanzug, Lederpantoffeln und einen Bademantel. Er wirkte ungepflegt, hatte sich schon seit Tagen nicht mehr rasiert, und sein Haar war ungekämmt. Mit einer Hand hielt er noch das Handy umklammert, mit dem er den Notruf – heftige Schmerzen in der Brust – getätigt hatte.
Das nächstgelegene Krankenhaus war die Gemelli-Klinik. Da es sich um einen Fall mit Dringlichkeitsstufe eins handelte, hatte die diensthabende Ärztin sofort den nächsten Rettungswagen genommen.
Deshalb war Monica jetzt hier.
Ein Tisch war umgestürzt, eine Schale zerbrochen: überall am Boden Kekse und Milch, vermischt mit Urin. Dem Mann musste beim Fernsehen schlecht geworden sein, und er hatte sich in die Hose gemacht. Typisch!, dachte Monica. Ein allein lebender Mann mittleren Alters bekommt einen Herzinfarkt. Schafft er es nicht, Hilfe anzufordern, wird er normalerweise erst gefunden, wenn er schon tot ist und Nachbarn der Gestank auffällt. Aber bei dieser abgelegenen Villa war nicht einmal das wahrscheinlich. Wenn der Mann keine näheren Verwandten hatte, hätten Jahre vergehen können, bis sein Tod bemerkt worden wäre. Das ganze Szenario kam Monica bekannt vor, und sie empfand Mitleid mit ihm. Zumindest so lange, bis sie sein Schlafanzugoberteil für die Herzmassage öffneten. In die Haut seines Brustkorbs war eine Botschaft tätowiert.
Töte mich.
Ärztin und Pfleger übersahen sie geflissentlich. Ihre Aufgabe bestand darin, Leben zu retten. Aber von diesem Moment an gingen sie mit besonderer Aufmerksamkeit vor.
»Die Sättigung sinkt«, sagte Tony, nachdem er den Wert vom Messgerät abgelesen hatte. Der Sauerstoff erreichte die Lunge des Mannes nicht.
»Wir müssen ihn intubieren, sonst verlieren wir ihn.« Monica holte das Laryngoskop aus dem Ärztekoffer und stellte sich hinter den Kopf des Patienten. Plötzlich sah sie in Tonys Augen etwas aufblitzen, das sie sich nicht erklären konnte. Tony war ein abgeklärter Profi, und trotzdem hatte ihn etwas zutiefst erschüttert. Etwas, das sich direkt hinter ihr befand.
Im Krankenhaus kannte jeder die Geschichte der jungen Ärztin und ihrer Schwester. Es hatte sie zwar noch nie jemand darauf angesprochen, aber sie sah sie durchaus: die mitleidigen, nervösen Blicke der Kollegen, die sich insgeheim fragten, wie man mit so einer Last weiterleben kann.
Genau diesen Gesichtsausdruck hatte der Pfleger jetzt, nur viel extremer. Deshalb drehte sich Monica kurz um und sah, was Tony gesehen hatte.
In der Zimmerecke lag einsam und allein ein Rollschuh, der direkt aus der Hölle zu kommen schien.
Ein roter Rollschuh mit goldenen Schnallen, der genauso aussah wie sein Gegenstück, das nicht hierher, sondern in ein anderes Haus, in ein anderes Leben gehörte. Monica hatte die Rollschuhe immer ein bisschen kitschig gefunden, aber Teresa meinte, sie seien retro. Teresa war ihr Gegenstück, ihre Zwillingsschwester. Und so kam es, dass Monica glaubte, sich selbst zu sehen, als Teresas Leiche eines kalten Dezembermorgens in den Flussauen gefunden wurde.
Teresa war gerade mal einundzwanzig gewesen, als sie erwürgt worden war.
Angeblich wissen Zwillinge immer, was gerade im anderen vorgeht, auch über viele Kilometer hinweg. Doch Monica konnte das nicht bestätigen. Sie hatte keinerlei Angst oder Gefahr verspürt, als Teresa eines Sonntagnachmittags nach einem Rollschuhausflug mit Freundinnen entführt worden war. Erst einen Monat später war ihre Leiche aufgetaucht, und zwar mit den Kleidern am Leib, mit denen Teresa verschwunden war.
Ein roter Rollschuh hatte noch an ihrem Fuß gesteckt und ausgesehen wie eine groteske Prothese.
Seit sechs Jahren bewahrte Monica ihn nun schon auf und fragte sich, wo der andere geblieben war – ja, ob die beiden Rollschuhe jemals wieder zusammenfinden würden. Immer wieder versuchte sie, sich das Gesicht desjenigen vorzustellen, der ihn behalten hatte. Immer wieder glaubte sie, es in dem eines fremden Passanten zu erkennen. Mit der Zeit war eine Art Spiel daraus geworden.
Und jetzt war Monica vielleicht mit der Antwort auf all ihre Fragen konfrontiert.
Sie betrachtete den Mann zu ihren Füßen. Seine rissigen, feisten Hände, seine Nasenhaare, den Urinfleck im Schritt. Er sah so gar nicht aus wie das Monster, das sie sich vorgestellt hatte. Stattdessen wirkte er völlig banal. Wie ein ganz normaler Mensch, dazu noch einer mit einem schwachen Herzen.
Tony riss sie aus ihren Gedanken. »Ich ahne, was gerade in dir vorgeht«, sagte er. »Wir können die Maßnahmen auch einstellen und den Dingen einfach ihren Lauf lassen. Du brauchst es mir nur zu sagen. Niemand wird je davon erfahren.«
Es war sein Vorschlag gewesen – vielleicht, weil ihm nicht entgangen war, wie ihre Hand mit dem Laryngoskop kurz vor dem röchelnden Mund gezögert hatte.
Noch einmal warf Monica einen Blick auf den Brustkorb des Mannes.
Töte mich.
Vielleicht war es das Letzte, was ihre Schwester gesehen hatte, als ihr die Kehle durchgeschnitten worden war. Nicht gerade ein Wort des Trostes, das eigentlich jedem zusteht, der diese Welt verlässt. Ihr Mörder hatte sich über sie lustig gemacht, ja, seine Lust damit noch gesteigert. Aber vielleicht hatte sich Teresa den Tod auch herbeigesehnt, um nicht länger leiden zu müssen. Vor Wut umklammerte Monica das Laryngoskop so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.
Töte mich.
Dieser Schuft hatte sich die beiden Worte aufs Brustbein tätowieren lassen, aber als es ihm selbst dreckig ging, hatte er den Krankenwagen gerufen. Auch er hatte Angst vor dem Tod.
Monica dachte nach. Alle, die Teresa gekannt hatten, sahen in ihr, der Schwester, nur eine täuschend echte Kopie, eine Wachskabinettfigur, die Nachbildung einer Verstorbenen. Für ihre Angehörigen war sie das, was ihre Schwester nie sein durfte. Sie konnten sehen, wie sie sich weiterentwickelte, suchten in ihr nach Teresa. Jetzt hatte Monica endlich die Chance, sich von ihr abzuheben, sich vom Gespenst ihrer Zwillingsschwester zu befreien. Ich bin Ärztin!, ermahnte sie sich. Gern hätte sie einen Hauch von Mitleid für den Menschen vor ihr empfunden oder wenigstens Ehrfurcht vor einer höheren Gerechtigkeit – etwas, woran sie sich orientieren konnte. Stattdessen spürte sie rein gar nichts. Also bemühte sie sich, irgendwie daran zu zweifeln, dass dieser Mann etwas mit Teresas Tod zu tun hatte. Aber sosehr sie sich auch anstrengte – es gab nur eine Erklärung, warum dieser Rollschuh hier war.
Töte mich.
Und in diesem Moment begriff Monica, dass ihre Entscheidung längst gefallen war.

 

6 Uhr 19

In Rom herrschte tristes Regenwetter. Lange Schatten umhüllten die Gebäude der Altstadt: ein Defilee stummer, tränenbenetzter Fassaden. Die Gassen, die sich wie Eingeweide um die Piazza Navona herum wanden, lagen wie ausgestorben da. Aber nur wenige Schritte vom Bramante-Tempel entfernt spiegelten sich die Fenster des alten Caffè della Pace im nassen Kopfsteinpflaster.
Dahinter sah man mit rotem Samt bezogene Stühle, Tische mit Platten aus grau durchzogenem Marmor, Statuen im Stil der Neurenaissance und das übliche Publikum: Künstler, vorwiegend Maler und Musiker, die den unvollkommenen Sonnenaufgang beklagten. Aber auch Antiquitätenhändler und andere Ladenbesitzer, die darauf warteten, ihre Geschäfte zu öffnen, sowie der ein oder andere Schauspieler, der nach nächtlichen Proben auf einen Cappuccino vorbeigekommen war. Sie alle suchten nach etwas Trost an diesem scheußlichen Morgen und waren ins Gespräch vertieft. Niemand achtete auf die beiden schwarz gekleideten Fremden, die sich hinter ein Tischchen am Eingang zurückgezogen hatten.
»Was machen deine Kopfschmerzen?«, fragte der Jüngere.
Der tupfte nicht länger die Zuckerkristalle um die leere Kaffeetasse auf und fuhr sich instinktiv über die Narbe an der linken Schläfe. » Manchmal rauben sie mir den Schlaf, aber sie sind nicht mehr ganz so schlimm.«
»Hast du immer noch diesen Traum?«
»Jede Nacht«, erwiderte der Mann und schaute auf, sodass man seine tiefblauen, traurigen Augen sah.
»Das geht vorbei.«
»Ja, das geht vorbei.«
Die darauf folgende Stille wurde nur durch das anhaltende Zischen der Espressomaschine unterbrochen.
»Es wird Zeit, Marcus«, sagte der Jüngere.
»Aber ich bin noch nicht so weit.«
»Wir können einfach nicht länger warten. Sie fragen nach dir. Alle wollen wissen, wie weit du bist.«
»Ich mache doch Fortschritte, oder etwa nicht?«
»Ja, das schon: Es geht dir jeden Tag ein Stückchen besser, und das beruhigt mich, wirklich! Aber der Erwartungsdruck ist enorm. Von dir hängt so einiges ab.«
»Aber wer ist denn so an mir interessiert? Ich würde mich gern mal mit diesen Leuten treffen, mit ihnen reden. Ich kenne nur dich, Clemente.«
»Das haben wir doch bereits besprochen. Es geht nicht.«
»Warum?«
»Weil es nun mal nicht geht.«
Marcus berührte erneut die Narbe – wie immer, wenn er nervös war.
Clemente beugte sich zu ihm vor, zwang ihn, ihn anzusehen. »Es dient deiner eigenen Sicherheit.«
»Es dient ihrer Sicherheit, meinst du wohl. «
»Das natürlich auch. «
»Ich könnte sie in Verlegenheit bringen, und das muss unbedingt vermieden werden, stimmt’s? «
Marcus’ Sarkasmus ließ Clemente ungerührt.
»Was stört dich denn so daran?«
»Dass es mich gar nicht gibt.«
Bei diesen Worten war seine Stimme schmerzverzerrt.
»Dass nur ich weiß, wie du aussiehst, gibt dir sämtliche Freiheiten, verstehst du das denn nicht? Die anderen kennen nur deinen Namen, ansonsten verlassen sie sich auf mich. Du bist also in keiner Weise eingeschränkt. Da niemand weiß, wer du bist, kann dich nichts aufhalten.«
»Warum?«, erwiderte Marcus heftig.
»Weil das, worauf wir Jagd machen, auch sie korrumpieren kann. Wenn alles andere fehlschlägt, wenn sämtliche Sicherheitsmaßnahmen versagen, gibt es wenigstens noch einen, de raufpasst. Du bist ihr letztes Bollwerk.«
In Marcus’ Augen blitzte Widerspruch auf. »Beantworte mir bitte eine Frage: Gibt es noch mehr von meiner Sorte?«
Nach einer kurzen Pause sagte Clemente: »Das weiß ich nicht. Das kann ich auch gar nicht wissen.«
»Du hättest mich im Krankenhaus lassen sollen …«
»So etwas darfst du nicht sagen, Marcus. Bitte enttäusch mich nicht!«
Marcus sah aus dem Fenster. Der Regen hatte nachgelassen, und die Passanten, die sich irgendwo untergestellt hatten, setzten ihren Weg fort. Er hatte noch viele Fragen an Clemente. Zu Dingen, die ihn betrafen, zu Dingen, die er nicht mehr wusste. Der Mann vor ihm war seine einzige Verbindung zur Welt, besser gesagt, er war seine Welt. Marcus hatte keinen anderen Ansprechpartner, hatte keine Freunde. Trotzdem wusste er Dinge, die er nie hatte wissen wollen. Dinge über Menschen und über das Böse, zu dem sie fähig sind. Dinge, die so schrecklich sind, dass sie einen jedes Vertrauen verlieren lassen und alles vergiften. Er musterte die Umsitzenden, die wohl keine so schwere Last trugen, und beneidete sie. Clemente hatte ihn gerettet, doch ihn gleichzeitig dazu gezwungen, eine Schattenwelt zu betreten.
»Warum ausgerechnet ich?«, fragte Marcus und wich weiterhin seinem Blick aus.
Clemente lächelte. »Hunde sind farbenblind.« Das sagte er jedes Mal, wenn er ihm diese Frage stellte. »Ich kann mich also auf dich verlassen?«
Marcus wandte sich wieder seinem einzigen Freund zu. »Ja. Du kannst dich auf mich verlassen.«
Ohne dem noch etwas hinzuzufügen, fasste Clemente in die Innentasche des Regenmantels, der über der Stuhllehne hing. Er zog einen Briefumschlag hervor, legte ihn auf den Tisch und schob ihn Marcus hin. Der nahm ihn mit der ihm eigenen Konzentration entgegen und öffnete ihn.
Drei Fotos befanden sich darin.
Das erste zeigte junge Leute bei einer Strandparty. Im Vordergrund sah man zwei Mädchen im Badeanzug, die sich am Lagerfeuer mit Bier zuprosteten. Das zweite zeigte nur ein Mädchen. Sie hatte die Haare zusammengebunden und trug eine Brille : Das Mädchen lächelte und zeigte hinter sich auf den Palazzo della Civiltà Italiana – ein Wahrzeichen des italienischen Neoklassizismus. Auf dem dritten Foto umarmte dasselbe Mädchen einen Mann und eine Frau, wahrscheinlich die Eltern.
»Wer ist das?«, fragte Marcus.
»Sie heißt Lara und ist dreiundzwanzig Jahre alt. Sie studiert hier in Rom im achten Semester Architektur, stammt aber von außerhalb.«
»Was ist ihr zugestoßen?«
»Das weiß keiner. Sie ist seit fast einem Monat verschwunden.«
Marcus konzentrierte sich auf Laras Gesicht, wobei er das Stimmengewirr und auch sonst alles um sich herum komplett ausblendete. Ein typisches Mädchen aus der Provinz, das plötzlich in die Großstadt verpflanzt wurde. Sehr hübsch, mit feinen Gesichtszügen, ungeschminkt. Marcus ahnte, dass Lara fast immer Pferdeschwanz trug, weil sie sich keinen Friseur leisten konnte. Wahrscheinlich ließ sie sich die Haare nur schneiden, bevor sie nach Hause fuhr. Auch die Kleidung war ein Kompromiss: Sie trug Jeans und T-Shirt, um nicht mit der Mode gehen zu müssen. Man sah ihr die Nächte an, die sie mit ihren Büchern verbrachte, die Abende, an denen sie nichts außer einer Dose Thunfisch aß – die letzte Rettung aller Studenten, wenn am Monatsende das Geld knapp wird und der Scheck der Eltern noch auf sich warten lässt. Sie war zum ersten Mal von zu Hause fort, hatte tagtäglich mit Heimweh zu kämpfen, das nur dadurch erträglich wurde, dass sie ihrem Traum, Architektin zu werden, hier ein Stückchen näher kam.
»Erzähl mir mehr.«
Clemente griff nach einem Block, schob die Tasse beiseite und überflog seine Notizen. »Am Abend ihres Verschwindens war Lara noch mit Freunden unterwegs. Auf sie hat sie ganz normal gewirkt: Sie haben sich so wie immer unterhalten, bis Lara dann gegen neun müde wurde und nach Hause wollte. Zwei ihrer Freunde – ein Pärchen – haben sie vor der Haustür abgesetzt und gewartet, bis sie das Gebäude betreten hatte.
»Wo wohnt sie?«
»In einem Altbau im Zentrum.«
»Gibt es noch weitere Mietparteien?«
»Etwa zwanzig. Das Gebäude gehört der Universität, und Laras Wohnung liegt im Erdgeschoss. Bis August hat sie mit einer Freundin zusammengelebt, die dann ausgezogen ist. Sie war gerade auf der Suche nach einer neuen Mitbewohnerin.«
»Gibt es irgendwelche Spuren?«
»Über ihre Telefonate konnte nachgewiesen werden, dass Lara zu Hause gewesen ist. Zwei mit ihrem Handy getätigte Anrufe sind dokumentiert: einer um 21 Uhr 27 und einer um 22 Uhr 12. Der erste dauerte zehn Minuten und galt der Mutter, der zweite ihrer besten Freundin. Um 22 Uhr 19 wurde ihr Handy aus- und dann nicht mehr eingeschaltet.«
Eine junge Kellnerin trat an ihren Tisch, um die Tassen abzuräumen. Sie ließ sich bewusst Zeit damit, um ihnen die Gelegenheit zu geben, noch etwas zu bestellen. Ohne Erfolg. Sie schwiegen, bis sie wieder ging.
»Wann wurde sie vermisst gemeldet?«, fragte Marcus.
»Gleich am nächsten Abend. Als sie am nächsten Tag nicht zur Uni kam, haben ihre Freunde mehrfach versucht, sie zu erreichen, aber es meldete sich immer nur der Anrufbeantworter. Gegen acht haben sie dann an ihrer Tür geklingelt, aber niemand hat aufgemacht.«
»Und was sagt die Polizei?«
»Am Tag vor ihrem Verschwinden hat Lara vierhundert Euro abgehoben, um die Miete zu zahlen. Aber die Universitätsverwaltung hat den Betrag nie erhalten. Glaubt man Laras Mutter, sind Kleidungsstücke und ein Rucksack aus ihrem Kleiderschrank verschwunden. Außerdem fehlt jede Spur von ihrem Handy. Deshalb geht die Polizei von einem freiwilligen Verschwinden aus.«
»Wie praktisch für sie!«
»Du kennst das ja: Wenn es keinen Hinweis darauf gibt, dass man das Schlimmste befürchten muss, wird die Suche nach einer gewissen Zeit eingestellt. Dann wartet man einfach ab.«
So lange, bis eine Leiche auftaucht, dachte Marcus.
»Das Mädchen hatte einen geregelten Tagesablauf. Sie verbrachte viel Zeit an der Uni und bewegte sich ansonsten ausschließlich in ihrem Freundeskreis.«
»Und was sagen die Freunde?«
»Dass es Lara überhaupt nicht ähnlich sieht, einfach so zu verschwinden. Allerdings soll sie sich in der letzten Zeit verändert haben: Sie war oft müde und zerstreut.«
»Gibt es keinen Freund, keinen Flirt?«
»Die Einzelverbindungsnachweise ihres Handys verzeichnen keinerlei Anrufe, die nicht ihrem Freundeskreis zugeordnet werden können. Niemand wusste etwas von einem Freund.«
»Internet?«
»Sie hat sich in der Bibliothek ihrer Fakultät eingewählt oder in einem Internetcafé am Bahnhof. In ihrem Eingangsverzeichnis wurden keinerlei verdächtige E-Mails gefunden.«
In diesem Moment wurde die Glastür des Cafés aufgerissen, und ein neuer Gast brachte einen kalten Windstoß herein. Alle bis auf Marcus, der seinen Gedanken nachhing, drehten sich genervt um. »Lara kommt wie jeden Abend nach Hause. Sie ist müde, wie so oft in der letzten Zeit. Ihr letzter Kontakt mit der Außenwelt ereignet sich um 22 Uhr 19, danach schaltet sie das Handy aus. Es verschwindet mit ihr und wird nie wieder eingeschaltet. Danach verliert sich jede Spur. Es fehlen Kleidungsstücke, Geld und ein Rucksack: Deshalb geht die Polizei von einem freiwilligen Verschwinden aus … Lara hat das Haus verlassen – vielleicht allein, vielleicht in Begleitung. Niemand hat etwas bemerkt.« Marcus musterte Clemente. »Warum müssen wir davon ausgehen, dass ihr etwas zugestoßen ist ? Warum überhaupt wir?«
Clementes Blick sprach Bände. Darum ging es, um Auffälligkeiten, im Grunde war es das, wonach sie suchten. Nach winzigen Rissen in der Maske der Normalität. Nach kleinen logischen Brüchen, hinter denen oft mehr steckte, als man zunächst dachte, nämlich eine andere, kaum vorstellbare Wahrheit. Und an dieser Stelle kamen sie ins Spiel.
»Lara hat das Haus nie verlassen, Marcus. Ihre Tür war von innen verschlossen.«

 

Donato Carrisi

Über Donato Carrisi

Biografie

Donato Carrisi, geboren 1973 in einem Dorf in Apulien, lebt in Rom. Er studierte Jura und spezialisierte sich in Kriminologie und Verhaltensforschung. Nach einer kurzen Tätigkeit als Anwalt arbeitet er heute als Drehbuchautor für Kino und Fernsehen. Sein Thriller »Der Todesflüsterer« war ein großer...

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