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Der Schrecksenmeister

Der Schrecksenmeister

Ein kulinarisches Märchen aus Zamonien von Gofid Letterkerl

Neu erzählt von Hildegunst von Mythenmetz • Aus dem Zamonischen übersetzt und illustriert von Walter Moers

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Der Schrecksenmeister — Inhalt

In Sledwaya, der Stadt, in der »das Gesunde krank und das Kranke gesund« ist, spielt der neue Roman des zamonischen Großschriftstellers Hildegunst von Mythenmetz. Er handelt von der Auseinandersetzung zwischen Echo, dem hochbegabten Krätzchen, und Succubius Eißpin, dem furchtbaren Schrecksenmeister Sledwayas, der Faust und Mephisto in einer Person zu verkörpern scheint. Dieser lässt nichts unversucht, um sich mittels der Alchimie zum Herrn über Leben und Tod aufzuschwingen – und dazu braucht er nichts notwendiger als das Fett von Echo, der gezwungen ist, einen teuflischen Vertrag mit Eißpin abzuschließen.

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 01.04.2009
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-25377-2

Leseprobe zu »Der Schrecksenmeister«

Echo


Stellt euch den krankesten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt
mit krummen Straßen und schiefen Häusern, über der ein schauriges schwarzes
Schloss auf einem dunklen Felsen thronte. In der es die seltensten Bakterien
und kuriosesten Krankheiten gab: Hirnhusten und Lebermigräne,
Magenmumps und Darmschnupfen, Ohrenbrausen und Nierenverzagen. Eine
Zwergengrippe, die nur Personen unter einem Meter Körpergröße befiel.
Geisterstundenkopfweh, das Schlag Mitternacht begann und Punkt ein Uhr
verschwand, jeweils am ersten Donnerstag jedes Monats. [...]

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Echo


Stellt euch den krankesten Ort von ganz Zamonien vor! Eine kleine Stadt
mit krummen Straßen und schiefen Häusern, über der ein schauriges schwarzes
Schloss auf einem dunklen Felsen thronte. In der es die seltensten Bakterien
und kuriosesten Krankheiten gab: Hirnhusten und Lebermigräne,
Magenmumps und Darmschnupfen, Ohrenbrausen und Nierenverzagen. Eine
Zwergengrippe, die nur Personen unter einem Meter Körpergröße befiel.
Geisterstundenkopfweh, das Schlag Mitternacht begann und Punkt ein Uhr
verschwand, jeweils am ersten Donnerstag jedes Monats. Phantomzahnschmerzen,
die ausschließlich Leute bekamen, die schon Gebisse trugen.
Stellt euch eine Stadt vor, in der es mehr Apotheken und Heilkräuterläden,
Quacksalber und Zahnklempner, Krückenschreiner und Mullbindenweber gab
als sonst wo auf dem Kontinent! In der man sich mit »Ohwehohweh!« begrüßte
und mit »Gute Besserung!« verabschiedete. In der es nach Äther und Eiter
roch, nach Lebertran und Brechmitteln, nach Jod und Tod.
Eine Stadt, in der man nicht lebte, sondern vegetierte. In der nicht geatmet
wurde, sondern geröchelt. In der niemand lachte, sondern jeder nur jammerte.
Stellt euch einen Ort vor, an dem die Häuser so krank aussahen wie seine
Bewohner! Häuser mit buckligen Dächern und warzigen Fassaden, denen die
Schindeln ausfielen und von denen der Kalk rieselte. Die sich gegeneinanderlehnten
wie Schwindsüchtige, um nicht zusammenzubrechen. Die von Gerüsten
mühsam aufrecht gehalten wurden wie von Krücken.
Könnt ihr euch das vorstellen? Gut. Dann seid ihr in Sledwaya.
In jener Zeit lebte in dieser Stadt eine alte Frau, die ein Krätzchen* besaß,
welches sie Echo nannte. Diesen Namen hatte sie ihm gegeben, weil es ihr, im
Gegensatz zu all den gewöhnlichen Katzen, die sie vorher besessen hatte, mit
menschlicher Stimme antworten konnte.
Als die alte Frau starb – an Altersschwäche übrigens, ganz friedlich und im
Schlaf –, war dies das erste richtige Unglück, das Echo in seinem Leben widerfuhr.
Er hatte bis dahin ein grundgemütliches Hauskratzendasein geführt, mit
regelmäßigen Mahlzeiten, viel frischer Milch, einem Dach über dem Kopf und
einem gepflegten Kratzenklo, das zweimal täglich gereinigt wurde.

* Kratze, die: Zamonische Spielart der Hauskatze, von der sie sich äußerlich und in ihren
Eigenschaften nur darin unterscheidet, dass sie sprechen kann und zwei Lebern besitzt. A. d. Ü.


Nun aber fand sich Echo auf der Straße wieder, ausgesperrt von den neuen
Besitzern des Hauses, die so ganz und gar keine Kratzenfreunde waren. Und es
dauerte nicht lange, da war das Krätzchen, dem jegliche kriminelle Energie
fehlte, um sich im gnadenlosen Milieu der Straße durchzuschlagen, furchtbar
heruntergekommen und abgemagert. Von allen Türschwellen verjagt, von
streunenden Hunden gebissen und zerzaust, waren seine Lebensfreude, seine
gesunden Instinkte, selbst sein glänzendes Fell dahingegangen, und es wirkte
nur noch wie das Gespenst einer Kratze. Und wie Echo so erbärmlich auf dem
Trottoir hockte mit seinen verdreckten Haaren, die ihm büschelweise ausfielen,
und Passanten um etwas zu essen anflehte, da sah er sich auf dem tiefsten
Punkt seines Daseins angekommen.
Aber die Leute von Sledwaya, egal, ob Mensch, Halbzwerg oder Rübenzähler,
trotteten mitleidlos und mechanisch wie Schlafwandler an ihm vorbei,
wie es von jeher ihre Art war. Ihre Haut war bleich und blutarm, ihre Augen
von dunklen Ringen umschattet, ihr Blick glasig und freudlos. Sie gingen mit
gesenkten Köpfen und hängenden Schultern, und manche machten den Eindruck,
als würden sie gleich im Gehen oder Stehen ihr Leben aushauchen.
Viele husteten schrecklich, röchelten oder niesten, schnieften in große, oft
blutige Taschentücher, und manche trugen warme Wickel um den Hals. Aber
das war ein normaler Anblick. In Sledwaya sahen alle Bewohner alle Tage so
aus – und der Grund dafür kam gerade um die Ecke.

Eißpin, der sehr Schreckliche


Denn als ob diese trostlose Szene noch einer Krönung bedurfte, kam der Stadtschrecksenmeister
Eißpin des Weges. Wenn jemals ein Albtraum Gestalt annehmen
und durch die wirkliche Welt spazieren wollte, dann würde er die von
Eißpin wählen. Der Alte war eine wandelnde Vogelscheuche, eine entsprungene
Geisterbahnfigur, vor der alles Lebendige floh, vom kleinsten Käfer bis
zum kraftvollsten Krieger. Es schien, als stolziere er zu einer furchtbaren
Marschmusik, die nur er selber hörte, und jedermann wich seinem sengenden
Blick aus, um nicht geblendet, verflucht oder hypnotisiert zu werden. Eißpin
wandelte im vollen Bewusstsein, von allen gehasst und gefürchtet zu werden.
Er berauschte sich an diesem Wissen und ließ keine Gelegenheit aus, in den
Straßen von Sledwaya Angst und Schrecken zu verbreiten.
Er hatte sich eiserne Platten unter die Schuhsohlen genagelt, damit man
seinen strammen Schritt schon hörte, wenn er noch Straßenzüge entfernt war,
und seine knöcherne Amtskette klapperte wie das Skelett eines Gehängten
im Wind. Ein giftiger und galliger Geruch ging von ihm aus, ein Parfüm aus
all den Essenzen und Säuren und Laugen, mit denen er seine unseligen Experimente
veranstaltete. Diese Düfte, die jedem außer Eißpin selbst Atemnot
und Übelkeit verursachten, hingen beständig in seinen Kleidern und eilten ihm
genauso voraus wie sein Geklapper – eine Vorhut von unsichtbaren Leibwächtern,
die für den Stadtschrecksenmeister den Weg frei machten.
Alle flüchteten aus der Straße, nur das hagere Krätzchen blieb sitzen und
harrte aus, bis der schreckliche Eißpin um die Ecke kam und seinen stechenden
Blick auf die einzige Kreatur heftete, die es wagte, ihm im Wege zu sein.
Aber selbst vor diesem Blick floh Echo nicht, jede Angst war von ihm gewichen
– bis auf die einzige, zu verhungern, welche nun all sein Handeln
bestimmte. Selbst wenn ein Rudel wilder Werwölfe unter Anführung einer
Waldspinnenhexe um die Ecke gekommen wäre, hätte Echo in der sinnlosen
Hofnung ausgeharrt, dass ihm einer von ihnen ein Bröckchen Essbares hinwerfen
könnte.
So kam Eißpin immer näher, blieb schließlich vor dem Krätzchen stehen,
beugte sich zu ihm herab und sah es lange und erbarmungslos an. Der Wind
spielte mit seiner beinernen Kette, und in seinen Augen funkelte unverhohlen
die Schadenfreude über die Leiden eines Geschöpfes, das so dicht an der
Schwelle des Todes stand. Die Gerüche von Ammoniak und Äther, von Schwe-
fel und Petroleum, von Blausäure und Leichenkalk drangen wie spitze Nadeln
in Echos empfindsames Näschen, aber er wich keinen Fingerbreit.
»Almosen, Herr Stadtschrecksenmeister?«, winselte Echo kläglich. »Ich
habe furchtbaren Hunger.«
Eißpins Blick loderte noch dämonischer, und ein breites Grinsen erschien
auf seiner bleichen Fratze. Er streckte seinen langen dürren Zeigefinger aus
und kratzte damit über Echos hervortretende Rippen.
»Du kannst sprechen?«, fragte er. »Dann bist du gar keine gewöhnliche
Katze, sondern ein Krätzchen. Eines der letzten Exemplare deiner Gattung.«
Eißpins Augen verengten sich kaum merklich. »Wie wäre es, wenn du mir dein
Fett verkaufst?«
»Das ist mächtig komisch, Herr Stadtschrecksenmeister«, erwiderte Echo
höflich. »Macht ruhig Eure Scherze über einen, der mit einer Pfote im Grab
steht, denn ich habe etwas übrig für schwarzen Humor. Seht mir aber bitte
nach, dass ich darüber im Moment nicht lachen kann. Mir ist das Lachen im
Hals stecken geblieben, und da habe ich es runtergeschluckt, weil ich so großen
Hunger habe.«
»Ich scherze nicht!«, sagte Eißpin scharf. »Ich scherze nie. Ich rede auch
nicht von dem Fett, das du jetzt nicht auf den Rippen hast, sondern von dem,
das du dir anfressen sollst.«
»Anfressen?«, fragte Echo irritiert, aber plötzlich voller Hofnung. Allein
das Wort kam ihm nahrhaft vor.
»Es verhält sich so …«, sagte Eißpin und veränderte seine Stimme derart,
dass sie beinahe liebenswürdig klang. »Kratzenfett ist in der Alchimie
ein probates Mittel. Es konserviert Pestgeruch dreimal besser als Hundefett.
Leidener Männlein, mit Kratzenfett imprägniert, halten doppelt so lang wie
die gewöhnlichen. Es schmiert ein Perpetuum mobile besser als jedes Maschinenöl.«
»Freut mich zu hören, dass meine Gattung zur Herstellung eines solchen
Qualitätsproduktes in der Lage ist«, hauchte Echo kaum vernehmlich. »Aber
im Augenblick kann ich nicht mit einem einzigen Gramm dienen.«
»Das sehe ich selbst«, sagte Eißpin, jetzt wieder streng und von oben herab.
»Ich werde dich mästen.«
»Mästen«, dachte Echo. Das Wort kam ihm noch nahrhafter vor als anfressen.
»Ich werde dich füttern, wie du noch nie gefüttert worden bist. Ich werde
die Speisen höchstpersönlich für dich zubereiten, denn ich bin nicht nur ein

Virtuose der Alchimie, sondern auch ein Meister des Kochlöfels. Ich rede von
den raffiniertesten Leckereien – nicht von ordinärem Kratzenfutter. Ich rede
von Parfaits und Souflés. Von verlorenen Wachteleiern und Froschzungensülze.
Von Thunfischtatar und Vogelnestersuppe.«
Echo lief das Wasser im Mund zusammen, obwohl er von solchen Speisen
noch nie etwas gehört hatte. »Und was muss ich dafür tun?«
»Wie gesagt: das Fett. Wir Alchimisten brauchen es, aber es funktioniert
nur, wenn wir es auf freiwilliger Basis bekommen. Wir können nicht einfach
so losmarschieren und ein paar Kratzen abmurksen. Leider.« Eißpin seufzte
und zuckte mit den spitzen Schultern.
»Ja«, sagte Echo, »leider.« Ihm schwante nun, worauf der Schrecksenmeister
hinauswollte.
»Wir schließen einen Vertrag, wir zwei Freunde der Nacht. Heute ist
Vollmond. Ich verpflichte mich, dich bis zum nächsten vollen Mond – dem
Schrecksenmond – zu mästen, und zwar auf allerhöchstem Niveau. Parfaits
und SouÏés. Verlorene Wachteleier und …«
»Ich habe verstanden«, unterbrach Echo. »Komm bitte zur Sache.«
»Na ja, und dann bist du an der Reihe, deinen Teil des Vertrages zu erfüllen.
Es gibt leider noch keine Methode, einer Kratze das Fett zu entfernen, ohne
sie … na ja, du weißt schon.«
Eißpin deutete unter seinem Kehlkopf einen scharfen Schnitt mit dem
langen Nagel seines Zeigefingers an.
Echo musste schlucken.
»Aber ich garantiere dir eins!«, trumpfte Eißpin auf. »Die Zeit bis zum
Schrecksenmond wird die schönste deines Lebens! Ich werde dich in eine Welt
der Genüsse führen, die noch keine Kratze betreten hat. Ich werde dich auf
einen Gipfel der Feinschmeckerei tragen, von dem aus du auf all deine Artgenossen
und all die anderen Haustiere, die durchgedrehten Stockfisch aus
dem Napf fressen müssen, herabsehen kannst wie auf Ungeziefer. Ich werde
dir meinen geheimen Garten zeigen, der auf dem höchsten Dach von Sledwaya
gedeiht – wo es übrigens die verführerischsten Winkel und Verstecke für
eine Kratze gibt, die du dir erträumen kannst. Dort kannst du deine Verdauungsspaziergänge
absolvieren und von magenfreundlichen Kräutern knabbern,
wenn dir vom guten Essen einmal der Magen verstimmt ist – damit du
umgehend mit dem Schlemmen fortfahren kannst. Da wächst auch die köstliche
Kratzenminze.«
»Kratzenminze«, stöhnte Echo wollüstig.
»Aber das ist noch nicht alles. Oh nein! Du wirst auf den dicksten Kissen
schlafen, hinter dem wärmsten Kachelofen der Stadt. Ich werde in jeder Hinsicht
für dein Wohlbefinden sorgen. Und für deine Unterhaltung! Ich verspreche,
dass dies die kurzweiligste Zeit deines Lebens sein wird. Die abenteuerlichste.
Die lehrreichste. Du darfst mir bei der Arbeit zusehen, selbst bei den
geheimsten Experimenten. Ich werde dich in ein exklusives Wissen einweihen,
nach dem sich selbst erfahrenste Alchimisten die Finger lecken. Du wirst ja
nichts mehr damit anfangen können.« Eißpin lachte grausam. Dann richtete er
wieder seinen bohrenden Blick auf Echo. »Nun«, sagte er, »was ist?«
»Ich weiß nicht«, zögerte Echo. »Ich hänge ziemlich am Leben …«
»Ihr Kratzen habt doch acht Stück davon, sagt man«, grinste Eißpin und
entblößte dabei sein giftgelbes Gebiss. »Ich will nur ein einziges.«
»Verzeihung, aber ich glaube nur an ein Leben vor dem Tod, nicht an eins
danach«, sagte Echo.
Ein Ruck ging durch den Stadtschrecksenmeister, und er fuhr klappernd
hoch wie eine Gliederpuppe.
»Ich verschwende hier meine Zeit«, schnappte er. »Es gibt noch andere verzweifelte
Tiere in dieser Stadt. Auf Wiedersehen! Nein – auf Nimmerwiedersehen!
Adieu! Ich wünsche dir einen langsamen und qualvollen Hungertod.
Drei Tage, schätze ich. Höchstens vier. In schlimmster Agonie. Es wird sein,
als würdest du dich selber aufressen, von innen nach außen.«
Dieses Gefühl hatte Echo bereits seit mehreren Tagen. »Moment mal …«,
sagte er. »Volle Verpflegung? Bis zum nächsten Vollmond?«
Eißpin hielt in seiner Kehrtwendung inne und warf einen Blick zurück über
die Schulter.
»Jawohl! Bis zum nächsten Schrecksenmond!«, raunte er verführerisch.
»Feinschmeckerküche. Ach was: Feinstschmeckerküche! Ein See aus Milch, mit
gebratenen Fischen darin. Menüs mit so vielen Gängen, dass du das Zählen
vergisst. Das ist mein letztes Angebot.«
Echo überlegte. Was hatte er denn zu verlieren? Binnen drei qualvollen
Tagen mit leerem Magen zu sterben oder in dreißig mit vollem Bauch – das
war die Alternative.
»Kratzenminze?«, fragte er leise.
»Kratzenminze!«, versprach Eißpin. »In voller Blüte.«
»Abgemacht«, sagte Echo. Und er reichte dem Schrecksenmeister sein zitterndes
Pfötchen.

Das Haus des Schrecksenmeisters


Die Stadt Sledwaya war voller merkwürdiger Häuser, in denen sich merkwürdige
Dinge ereigneten, aber das Haus des Stadtschrecksenmeisters Eißpin
war das merkwürdigste, und die Dinge, die sich darin ereigneten, waren die
allermerkwürdigsten. Man hatte es in uralter Zeit auf einem Hügel errichtet,
sodass sein Anwesen nun über der Stadt thronte wie ein Adlerhorst. Von dort
war ganz Sledwaya zu überschauen, und es gab keinen einzigen Flecken im
Ort, von dem aus einem der Anblick der schaurigen Burg erspart blieb – ein
ewiges Mahnmal für die Allgegenwart des Schrecksenmeisters.
Das Schloss war aus schwarzem Gestein gemauert, dem man nachsagte,
es sei aus dem Herzen der Finsterberge geschlagen, und es war so krumm und
schief, dass es aussah wie ein monströses Gewächs aus einer anderen Welt.
Alle Fenster waren unverglast. Eißpin liebte es, wenn der Wind durch seine
Burg pfif und darauf spielte wie auf einer Dämonenflöte – selbst im eisigsten
Winter, denn er empfand keine Kälte. In etlichen der dunklen Löcher standen
seltsam krumme Fernrohre, mit denen der Schrecksenmeister jeden Flecken
der Stadt ausspionieren konnte, wann immer ihm danach war. In Sledwaya
kursierte das Gerücht, dass Eißpin die Linsen dieser Teleskope derart raƒniert
geschlifen hatte, dass sie ihn um alle Ecken, durch die Schlüssellöcher der
Türen und selbst durch die Kaminschlote in die Stuben spähen ließen.
Man mochte kaum glauben, dass dieses scheinbar planlos ineinandergeschobene
Gestein in all den Jahrhunderten nicht irgendwann zusammengebrochen
war. Aber wenn man wusste, dass seine Baumeister dieselben
waren, die auch die uralten Buchimistenhäuser in der Schwarzmanngasse von
Buchhaim errichtet hatten, dann verstand man, dass dieser Baustil tatsächlich
für die Ewigkeit ersonnen war. Dieses Schloss stand schon an seinem Platz, als
es noch gar keine Stadt mit dem Namen Sledwaya gab.
Eißpin hatte den geschwächten Echo unter seinem Mantel geborgen die
gewundenen Straßen zum Haus hochgetragen, wobei das Krätzchen vor Erschöpfung
eingeschlafen war. Dort angelangt, kramte er einen rostigen Schlüssel
aus seinem Umhang und öfnete die mächtige hölzerne Eingangstür.
Dann eilte er mit seiner federleichten Last durch hohe, von Fackeln und
Kerzen beleuchtete Korridore, an deren Wänden Gemälde in staubbedeckten
Holzrahmen hingen. Auf ihnen waren ausnahmslos Naturkatastrophen dargestellt,
Vulkanausbrüche, Riesenwellen, Wirbelwinde, Mahlströme, Erdbeben,
Feuersbrünste und Lawinenabgänge, alles mit größter Sorgfalt und Detailversessenheit
in Öl gepinselt – denn eine von Eißpins zahlreichen Begabungen war die Katastrophenmalerei.
Als er den nächsten Korridor betrat, erwarteten ihn dort drei erschreckende
Gestalten: ein Grauer Schnitter, eine Haselhexe und eine Zyklopenmumie.
Dies waren drei der gefährlichsten Kreaturen, die die zamonische Natur zu
bieten hatte, und die Wahrscheinlichkeit, ihnen an ein und demselben Ort
zu begegnen, war etwa so hoch wie die, von einem Blitz, einem Meteor und
einem Vogelschiss zur selben Zeit getrofen zu werden. Aber Eißpin beachtete
sie nicht einmal und hetzte mit wehendem Umhang unbehelligt an ihnen
vorbei. Denn sie waren erfreulicherweise tot – und mit größter Kunstfertigkeit
ausgestopft, weil auch die Gruseltaxidermie, das Ausstopfen von furchteinflößenden
Daseinsformen aller Art, eines der zahlreichen Steckenpferde des
Schrecksenmeisters war. Etliche düstere Winkel des Anwesens waren bevölkert
von solchen höchst lebendig wirkenden Kreaturen, denen man weder im
Dunkeln noch im Hellen gerne begegnete, nicht einmal in mumifizierter
Form. Eißpin aber schätzte ihre stumme Gesellschaft über alles und fügte
seiner Sammlung immer neue Exemplare hinzu.
Er stürmte eine gewundene steinerne Treppe hinauf, eilte durch eine Bibliothek
mit modrigen buchimistischen Büchern, durch eine Halle, die vollgestellt
war mit lakenverhangenen Möbeln. Im unruhigen Licht von flackernden
Kerzen harrten sie aus wie Gespenster von Sesseln und Schränken. Eißpin
durchquerte einen verwaisten Speisesaal, unter dessen hoher Decke Schwärme
von Ledermäusen* abenteuerliche Kunstflüge veranstalteten. Aber auch
seine schaurigen Untermieter beachtete er nicht, sondern stieg eine weitere
steinerne Treppe hinauf, die ihn in eine zugige Halle führte mit Käfigen aller
Art, vom Vogelbauer aus Bambus und Draht über den Hundezwinger aus
Eichenholz bis hin zum Bärengefängnis aus poliertem Stahl. Je höher Eißpin
kam, desto stärker blies der Wind durch die Fensteröfnungen und sorgte für
unablässig wehende Vorhänge und wirbelnden Staub. Aus den Kaminen drang
hin und wieder ein Stöhnen und Heulen wie von sterbenden Schlosshunden,
die in geheimen Kerkern zu Tode gefoltert wurden.

 

* Ledermaus, die: zamonische Verwandte der Fledermaus, ihr im Aussehen nur entfernt ähnlich.
Die Ledermaus besitzt einen mäuse- oder rattenähnlichen Kopf von bestürzender Hässlichkeit
und trägt statt eines Fells eine ledrige, fast undurchdringliche Epidermis. In Ernährungs-
und Sozialverhalten sind sich Fleder- und Ledermaus wiederum recht ähnlich, wie auch
in der unangenehmen Eigenschaft, gerne Blut zu trinken. A. d. Ü.

 


Schließlich gelangte der Schrecksenmeister an eine steinerne Pforte mit
eingemeißelten alchimistischen Symbolen – dies war der Eingang zum großen
Labor des Hauses, wo er die meiste Zeit verbrachte. Hier, so munkelte man,
machte er das schlechte Wetter, das so häufig in Sledwaya herrschte, hier züchtete
er Erreger für Grippeepidemien und Kinderkrankheiten, für Keuchhusten
und Nesselfieber, mit denen er die Brunnen vergiftete. Hier standen Säcke voller
Pollen von giftigen Pflanzen, die er aus den Fenstern seiner Burg schüttete,
um den Leuten Kopfschmerzen und Albträume zu bereiten. Hier dichtete er
Bannflüche und schuf Leidener Männlein, nur um sie zu quälen. Hier komponierte
er die grausige Musik, die des Nachts aus seinem Haus drang und die
Bewohner von Sledwaya um den Schlaf und manchmal sogar um den Verstand
brachte – es soll welche gegeben haben, die sich, völlig übernächtigt, erhängten,
um endlich Ruhe zu finden.
Denn Eißpin war der eigentliche Herrscher der Stadt, ihr ungekrönter Tyrann,
ihr schwarzes Herz und krankes Hirn zugleich. Und der Bürgermeister,
der ganze Stadtrat und sämtliche Bewohner von Sledwaya waren nur willenlose
Marionetten, die an Fäden hingen, die vom Schrecksenmeister gezogen
wurden.


Eißpins Werkstatt


Echo erwachte erst wieder, als er aus dem dunklen Umhang geholt wurde,
und er erblickte schlaftrunken das erstaunliche Laboratorium. Der Raum war
festlich von zahlreichen Kerzen erleuchtet, die zwischen Reagenzgläsern und
Eisenkesseln, auf Bücherstapeln und in vielarmigen Leuchtern brannten und
lange Schatten auf die Wände warfen. Ein vielstimmiges, verhaltenes Seufzen
und Stöhnen lag in der Luft, aber Echo konnte kein lebendiges Wesen ausmachen,
welches diese Laute hätte hervorbringen können. Daher schrieb er es
dem Wind zu, der durch die Fenster hereinwehte.
Das Labor lag im obersten Stockwerk des Gemäuers. Im Zentrum des Raumes
hing ein gewaltiger rußschwarzer Kupferkessel über einem Kohlenfeuer,
eine darin kochende Suppe warf dicke Blasen und verbreitete einen unangenehmen
Geruch. Die krummen und schiefen Wände wurden teilweise von
morschen Holzregalen verdeckt, welche mit wissenschaftlichen Apparaten,
Büchern, Pergamenten und ausgestopftem Getier überladen waren.
Hier und da hingen auch Eißpinsche Werke der Katastrophenmalerei oder
von alchimistischen Zeichen bedeckte Schiefertafeln sowie Karten mit astronomischen
Konstellationen und mathematischen Diagrammen. Über allem
wölbte sich eine Decke, die sich von dem Rauch und den chemischen Dämpfen,
die in all den Jahren emporgestiegen waren, zu einem welligen schwarzen
Holzmeer verzogen und verfärbt hatte. Von ihr herab hingen an Schnüren und
Ketten Planeten- und Mondgloben, astronomische Messgeräte, ausgestopfte
Vögel und präparierte Reptilien. Überall lagen uralte dicke Schwarten herum,
mit Umschlägen aus narbigem Leder und Schlössern aus angelaufenem Metall,
viele waren mit Notizzetteln gespickt und mit Staub und Spinnweben überzogen.
Dazwischen standen zahllose leere sowie mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten
oder Pulvern gefüllte Glasbehälter in allen Größen und Formen,
manche mit Leidener Männlein darin, die gegen ihre gläsernen Gefängniswände
klopften. Aus der ganzen Unordnung ragte ein rostiger Alchimistischer
Ofen hervor, wie ein Krieger aus Metall, der über ein Schlachtfeld wachte.
Echo wusste gar nicht, wohin er schauen und wovor er sich als Erstes
fürchten sollte, nachdem Eißpin ihn auf dem Boden abgesetzt hatte. So viele
befremdliche und bedrohliche Dinge unter einem einzigen Dach hatte er
noch nie gesehen. Als er in einem der unteren Wandregale einen ausgestopften
Zwergfuchs erblickte, der lebensecht das Gebiss fletschte, stellte er den
Schwanz hoch, krümmte den Buckel und begann zu fauchen.
Eißpin lachte. »Der kann dir nichts mehr tun«, sagte er. »Ich habe ihn ausgeweidet,
sein Fett ausgekocht, ihn mit Holzwolle und Spänen gefüllt und mit
siebenhundert Stichen wieder zugenäht. Um den Gesichtsausdruck hinzukriegen,
musste ich ein Drahtgerüst im Kiefer einziehen. Dein Fauchen sagt mir,
dass ich gute Arbeit geleistet habe.«
Echo fröstelte bei dem Gedanken, dass der Schrecksenmeister auch ihn
aufschneiden, ausweiden, entfetten und mit Holzwolle füllen würde, wenn
endlich Vollmond war. Vielleicht würde er auch bei ihm ein Drahtgerüst einziehen,
um ihn mit aufgestelltem Schwanz und rundem Buckel auszustellen,
zur Erinnerung an diesen denkwürdigen Augenblick.
»Nun der Vertrag«, sagte Eißpin, und er zog aus einem Papierstoß ein Pergament
hervor, das mit alchimistischen Zeichen bedeckt war. Er nahm Feder
und Tinte und begann unter Kratzgeräuschen auf der freien Rückseite zu
krakeln. Ihm beim Aufsetzen des Kontraktes zuzusehen bereitete Echo alles
andere als Vergnügen. Der Schrecksenmeister murmelte bei der Niederschrift
der Klauseln so wonnevoll vor sich hin und seine Augen funkelten derart
vor schamloser Bosheit, dass es wohl kaum zum Vorteil des Krätzchens sein
konnte, was er da festhielt. Echo hörte nur immer wieder Formulierungen wie
»verpflichtet sich unwiderruflich«, »unauflösliche juristische Bindung«, »strafrechtlich
unbarmherzig verfolgt« und Ähnliches. Aber eigentlich war es ihm
völlig gleichgültig, welche Unzumutbarkeiten der Schrecksenmeister da hinschrieb
– wenn es nur bald etwas zu essen gab.
»Da«, sagte Eißpin endlich. »Unterschreib!«
Er hielt Echo ein rotes Stempelkissen hin, und der drückte sein Pfötchen
erst darauf und dann unter den Text des Vertrages. Bevor er auch nur einen
Blick auf das Geschriebene werfen konnte, hatte Eißpin das Papier weggerissen
und in einer Schublade verstaut.
»Sieh dich um – das ist jetzt dein Zuhause!«, kommandierte er und wies mit
einer dramatischen Geste über den Raum. »Dein letztes Zuhause in diesem
Leben, also rate ich dir, jeden Augenblick ganz bewusst und intensiv auszukosten.
Stell dir einfach vor, du lägest im Sterben, aber ohne die Unannehmlichkeiten
einer schrecklichen Krankheit, ohne Schmerzen und Auszehrung! Du
kannst essen, was du willst, während du stirbst. Du darfst dich glücklich schätzen,
die wenigsten haben so einen schönen Tod. Ich werde mich bemühen, es
so kurz und schmerzlos wie möglich zu machen, wenn der Augenblick gekommen
ist. Darin habe ich Übung.« Er blickte versonnen auf seine dürre Hand,
die er erhoben hatte wie ein Henker, der dem Delinquenten das Todeswerkzeug
zeigt. »Nun lass uns gleich mit dem Mästen beginnen, wir wollen keine
weitere Sekunde deiner wertvollen Zeit mehr verschwenden.«
Echo erschauderte bei Eißpins herzloser Rede, aber er tat wie angewiesen
und nahm seine neue – seine letzte! – Wohnstatt in Augenschein. Er versuchte
seine Gefühle und Ängste unter Kontrolle zu bekommen, um sich vor dem
Schrecksenmeister keine weitere Blöße zu geben. Er wollte alles genauestens
unter die Lupe nehmen, denn er wusste aus Erfahrung, dass die Angst schneller
schwand, wenn man den gefürchteten Dingen ins Gesicht sah.
Als er seinen Blick schweifen ließ, fiel ihm auf, dass sich die Schatten an den
Wänden von der Stelle bewegt hatten. Die mächtige Silhouette des Alchimistischen
Ofens etwa, die eben noch ein Bücherregal bedeckt hatte, lag jetzt auf
einer grauen Schiefertafel, die mit mathematischen Formeln bekritzelt war.
Wie konnte das sein? Führten die Schatten in Eißpins Reich ein eigenes Leben?
Echo hielt in diesem merkwürdigsten aller Häuser von Sledwaya mittlerweile
so ziemlich alles für möglich. Aber Kratzen sind von nüchternem Verstand,
und so machte er sich daran, der Sache auf den Grund zu gehen. Wurden die
Lichtquellen vielleicht auf irgendeine mechanische Weise bewegt? Er stieg
vorsichtig über wurmstichige Bücher hinweg, zwängte sich zwischen Stapeln
aus vergilbten Papieren hindurch und drückte sich um die verstaubten Bäuche
von dicken Glasflaschen herum. So schlich er immer näher an eine der Kerzen
heran – um plötzlich vor einem tellergroßen Brennglas, das auf dem
Boden stand, stehenzubleiben. Echo erstarrte. Sein Vorsatz, keine Anzeichen
von Furcht mehr zu zeigen, war wie weggewischt. Denn was er durch diese
schmutzige Linse sehen musste, war so verblüfend, so erschreckend und unwirklich
zugleich, dass es all die anderen Sensationen des Laboratoriums über-
traf: Er sah eine grotesk vergrößerte Kerze, die ein schmerzverzerrtes Antlitz
aus wächsernen Tränen trug. Und zu seinem größten Entsetzen bemerkte er,
dass sie kaum vernehmlich seufzte und stöhnte und sich mühsam kriechend
mit dem Tempo einer Schnecke vorwärtsbewegte.
»Schmerzenskerzen«, erläuterte Eißpin, der in einer großen Schüssel rührte,
nicht ohne Stolz in der Stimme. »Eine meiner nebensächlichen alchimistischen
Kreationen. Sie entstehen, wenn man Kerzenwachs, ein Leidener Männlein
und Weinbergschnecken vom Gargyllener Bolloggschädel auf kleiner
Flamme ganz langsam einkocht. Ein paar alchimistische Ingredienzen spielen
natürlich auch noch eine Rolle. Der Docht ist aus dem Rückgrat einer Blindschleiche
und dem Nervensystem eines Ochsenfrosches geflochten. Diese Kerze
empfindet den Schmerz ihres Abbrennens sehr intensiv und verbringt ihr
ganzes Dasein in außerordentlicher Qual. Stell dir vor, dein Schweif stünde in
Flammen, solange du lebst. Von dieser Art von Qual rede ich.«
»Und was passiert, wenn man die Flamme löscht?«, fragte Echo, dem die
Betrachtung der gepeinigten Kreatur größtes Unbehagen bereitete. Er sah
jetzt, dass sich etliche der Kerzen des Laboratoriums auf ähnlich qualvolle
Weise fortbewegten, und wenn er die Ohren spitzte, konnte er ihr leises Gestöhn
von überall her hören.
»Dann würde sie natürlich nicht mehr leiden«, sagte Eißpin schrof. »Aber
was habe ich von einer Kerze, die nicht brennt? Und was von einer Schmerzenskerze,
die nicht ordentlich stöhnt vor Schmerz?«
Er fragte dies in einem Ton, als sei Echo nicht ganz richtig im Oberstübchen,
und stellte ihm kopfschüttelnd die Schüssel hin, in der er gerührt hatte.
Sie war gefüllt mit süßer Sahne. Er nahm eine Phiole aus einem Regal, aus der
er nur wenige Tropfen einer glasklaren Flüssigkeit in die Sahne fallen ließ –
und schon roch sie herrlich nach Vanille. Selbst dieser simple Trick kam Echo
wie Zauberei vor. Er riss sich vom Anblick der Schmerzenskerze los und fiel
über die Schüssel her wie ein Verdurstender.
»Vorsicht, Vorsicht!«, warnte Eißpin, nachdem das Krätzchen ein paar
Schlucke zu sich genommen hatte. »Nicht zu viel auf nüchternen Magen! Die
Sahne soll nur der Appetitanregung dienen.« Er nahm die Schüssel wieder weg
und stellte sie auf ein hohes Regal.
»Wir wollen ganz systematisch vorgehen. Man kann aus allem eine Wissenschaft
machen, auch aus dem Mästen. Also: Zähl mir zunächst einmal deine
Lieblingsspeisen auf, in der genauen Reihenfolge. Nummer eins: Was magst
du am allerliebsten?«
Eißpin nahm ein Blatt Papier und einen Bleistift und blickte Echo mit strenger
Miene an. Das Krätzchen warf die Stirn in Falten und forschte in seinem
Gedächtnis nach seinen Lieblingsspeisen.
»Am allerliebsten?«, fragte es. »Gebratene Mäuseblasen. Am allerliebsten
mag ich Gebratene Mäuseblasen von der Pinkelmaus.«
»Gut«, sagte Eißpin und notierte. »Gebratene Mäuseblasen von der Pinkelmaus.
Nicht gerade anspruchsvoll. Was noch …?«

Fett


Als Stadtschrecksenmeister hatte Eißpin das Schrecksenwesen von Sledwaya
zu verwalten. Seine Herkunft war unbekannt und legendenumwittert. Einige
behaupteten, er komme aus den Friedhofssümpfen, ein Nachtschattengewächs,
das auf Leichendünger gewuchert habe. Manche glaubten, er sei einer
der mysteriösen untoten Bewohner der Friedhofsstadt Dullsgard, die kein
Lebender betreten konnte, ohne selbst zum wandelnden Leichnam zu werden.
Es gab das Gerücht, er sei jener legendäre fünfte Apokalyptische Reiter, der
sich von den anderen vier getrennt hatte, um sich selbständig zu machen.
Manche schworen, er stamme gar nicht aus Zamonien, sondern sei von einem
fremden Kontinent über das Meer geflogen, auf seinen schwarzen Schwingen,
die er nur entfalte, wenn niemand zusah. Wieder andere behaupteten, Eißpin
stamme geradewegs aus Untenwelt, jenem legendären Reich der Finsternis
unterhalb Zamoniens, aus dem er an die Oberfläche gestiegen sei, um den
Boden vorzubereiten für eine Invasion des Bösen, die bald bevorstünde. So
verschieden diese Theorien über Eißpins Herkunft waren, eines war ihnen
allen gemein: Nicht ein einziger Bürger von Sledwaya hätte es jemals gewagt,
sie in Gegenwart des Schrecksenmeisters zu äußern.
Die meisten Gerüchte aber kursierten über Eißpins legendäre Sammlung
von Fetten. Dies waren keine pflanzlichen Fette, keine Oliven- oder Distelöle,
auch nicht die von Nüssen, Raps, Dreikraut, Rafunkel oder Mondblumenkernen
– um in Eißpins Sammlung aufgenommen zu werden, musste ein Fett
von einem Lebewesen stammen. Und selbst wenn es diese Voraussetzung
erfüllte, war der Schrecksenmeister immer noch sehr wählerisch. Ordinäres
Schweinefett, Rindertalg oder Entenschmalz suchte man in dieser exklusiven
Kollektion vergeblich. Denn Eißpin ließ nur Fette von Kreaturen zu, deren
Verzehr man allgemein ablehnte. Und je größer die Ablehnung war, je rarer
die Gattung, desto leidenschaftlicher begehrte der Schrecksenmeister sie
für sich.
So manch einer wird sich nur mit viel Widerwillen an den Gedanken
gewöhnen können, dass eine Krötenspinne* Fettreserven besitzt, und noch
mehr wird er sich gegen die Vorstellung sträuben, wie man sie aus dem Körper

* Krötenspinne, die: sehr unangenehme zamonische Arachnoidensorte, die genauso aussieht,
wie sie heißt. A. d. Ü.

des Untiers gewinnt. Wenn man aber einmal verinnerlicht hat, dass so etwas
und noch hundertmal furchtbarere Dinge zu Eißpins alltäglichen Beschäftigungen
gehörten, dann glaubt man gern, dass die Ereignisse im Haus des
Schrecksenmeisters die merkwürdigsten von ganz Sledwaya waren.
Der Stadtschrecksenmeister besaß das Fett von raren Schmetterlingen und
Murchen, von Trollferkeln, von Laub- und Werwölfen, von Krallamandern,
Leuchtameisen, Schneeschwalben, Sonnenwürmern und Mondanbeterinnen,
von Lochkrokodilen, Kraterkröten, Tiefseesternen, Quellenquallen, Tunneldrachen,
Mumienzecken und Stinkbären, von Ubufanten und Zamingos. Man
brauchte nur ein Tier zu nennen, dessen Vorkommen auf der Speisekarte
eines Restaurants allgemeine Empörung hervorrufen würde – und man
konnte sicher sein, dass Eißpin dessen Fett sein Eigen nannte. Er kannte zahllose
Methoden der Fettgewinnung, von der alchimistischen Absaugung über
die chirurgische Amputation bis hin zur primitiven mechanischen Fettpresse.
Aber die liebste war ihm immer noch das Auskochen. Und so brodelte in seinem
Laboratorium Tag und Nacht der mächtige Fettkessel und erfüllte das
Haus ohne Unterlass mit unappetitlichen Gerüchen.
Der Schrecksenmeister benötigte die Fette hauptsächlich zur Konservierung
von extrem flüchtigen Dingen. Dazu gehörten neben Gerüchen noch
Dämpfe, Nebel, Schwaden und Gase. Auch den Wrasen, die nebulöse Mischung
aus Dampf und Fett, die sein Kochkessel unablässig absonderte, konnte
Eißpin mit seinen alchimistischen Apparaten bei Bedarf einfangen und konservieren.
Er besaß abgesaugte Proben der berüchtigten Qualle von Nebelheim,
die er in Schnarkenfett eingelegt hatte; in seiner Sammlung befanden
sich Leichengas aus den Friedhofssümpfen, Aurapartikel von Irrlichtern,
Mundgerüche von Stollentrollen und Fürze von Schwefelunken. Eißpin hatte
Tausende von flüchtigen Stofen eingefangen und eingelegt, einen jeden in
einem anderen, seiner Meinung nach einzig passendem Fett.
Auf einer Holzbühne, die man über eine kurze Treppe betreten konnte,
stand das beeindruckendste Gerät des Laboratoriums, ein kühnes Konstrukt
aus Glasballonen, die teilweise mit brodelnden Flüssigkeiten, teilweise mit
Tierpräparaten gefüllt waren. Es bestand aus kupfernen Spiralröhren, knisternden
alchimistischen Batterien, Brennern, silbernen und goldenen Armaturen,
Messingbehältern, Baro- und Hygrometern, Drucktöpfen, Blasebälgen
und goldenen Ventilen. Das war der Eißpinsche Konservator, seine bislang
größte Erfindung, mit der flüchtige Substanzen eingefangen, konzentriert und
schließlich mit Fett ummantelt wurden.
Jedes Mal, wenn der Alchimist ein neues Präparat darin konserviert hatte,
röchelte und hustete die Maschine minutenlang und spuckte zum Schluss eine
Fettkugel aus, die etwa so groß war wie eine Orange. Eißpin schritt damit
feierlich die steinernen Treppen hinab in den Keller des Schlosses, wo es einen
niedrigen, aber weitgestreckten und grabeskühlen Raum gab, in dem er all
seine Fettkugeln säuberlich geordnet auf gemauerten Regalen lagerte, wie
Weinliebhaber ihre edlen Tropfen.
Echo kannte die Gerüchte über diese Sammlung, aber im Augenblick
dachte er nicht darüber nach, und schon gar nicht darüber, welch exklusive
Stellung er selbst bald darin einnehmen sollte. Vorläufig strich er nur hungrig,
neugierig und staunend durch das Laboratorium, während Eißpin an seinen
alchimistischen Geräten hantierte. Echo versuchte, die Schmerzenskerzen zu
ignorieren, weil ihr Anblick ihn frösteln machte. Wenn man diese bedauernswerten
Geschöpfe nicht näher betrachtete, wurden sie fast wieder zu ganz
normalen Kerzen, da sie sich derart langsam fortbewegten, dass man es mit
unaufmerksamem Auge gar nicht wahrnahm. Nur ihr leises Seufzen und Stöhnen
drang gelegentlich an Echos Ohren, je nachdem, in welchem Winkel er sie
gerade aufstellte.
Aber es gab noch so viel anderes zu entdecken in diesem merkwürdigsten
Raum im merkwürdigsten Haus von Sledwaya. Echo nahm eines der vollgekramten
Bücherregale näher in Augenschein. Pergamente, Briefe, Notizblätter,
Bücher und Tierpräparate waren hier unsystematisch eingelagert, und da sein
Frauchen ihm früh das zamonische Alphabet beigebracht hatte, konnte er
mühelos die Buchtitel des untersten Regals lesen:

 

Rektifikation für Fortgeschrittene

 

Die Siebenzahl der Sublimationen

 

Die Brennöfen der Seele

 

Sulfur, Salpeter, Salmiak – die drei großen S
der Alchimistenkunst


Golemkuchen und Alraunenauflauf – Die schönsten Rezepte
für den Alchimistischen Backofen


Antimon – Schlimmstes Gift und beste Medizin


Zoltepp Zaan – Leben und Werk


Mythos »Prima Zateria«

Schmerzempfindliche Metalle und der zartfühlende

Umgang damit


Zamomin – Fluch oder Segen?


Plötzlich hielt Echo inne. Er las:


Tabu Schrecksenverbrennung – von Succubius Eißpin


Ein Buch, von Eißpin selbst geschrieben? Da, noch eins:


Geständnissack und Glühender Gustav
Die besten Verhörtechniken für renitente Schrecksen
Von Succubius Eißpin


Dass der Schrecksenmeister einen Vornamen hatte, war Echo noch gar
nicht in den Sinn gekommen, weil ihn alle immer nur Eißpin nannten. Er
wusste in der Tat sehr wenig über seinen unheimlichen Gastgeber. Aber noch
weniger wusste er über Schrecksen.


Der Meister und die Schrecksen

Jede größere Stadt in Zamonien hat einen Schrecksenmeister, der die Angelegenheiten
der Schrecksen regelt. Er erteilt durchreisenden Schrecksen die
Wahrsage-Erlaubnis (oder auch nicht), prüft bei den ansässigen regelmäßig die
Geschäftsbücher, impft sie gegen das Schrecksenfieber (eine Krankheit, die nur
Schrecksen befällt, bei der sie wochenlang in eine prophetische Ekstase fallen –
in der sie nur allerschlimmste Dinge voraussagen, die wirklich niemand wissen
will), er führt ihre jährliche Entlausung durch und kassiert die Vorhersagesteuer.
Eißpin tat all dies in Sledwaya mit größtem Eifer und sperrte darüber
hinaus regelmäßig ein paar von ihnen aus reiner Willkür in den städtischen
Schrecksenturm, um sie tagelang mit musikalischen Darbietungen auf der
Kreischflöte und dem Gruselsack zu malträtieren.
Eißpin war auch ein fanatischer Befürworter der Schrecksenverbrennung,
jener zum Glück längst ausgerotteten mittelalterlichen barbarischen Unsitte,
die so viele unschuldige Schrecksen das Leben gekostet hatte. Die zamonischen
Gesetze ließen zu seiner großen Entrüstung nicht zu, dass er die Schrecksenverbrennung
praktizierte, aber er schrieb ohne Unterlass Anträge zu ihrer
Wiedereinführung an das nattiftoƒsche Justizministerium in Atlantis, sammelte
Unterschriften von Schrecksengegnern und hatte sogar eine Partei gegründet,
deren einziges Mitglied er selbst war. Eines seiner vornehmlichsten
Ziele war es, in jeder Stadt einen Scheiterhaufen aus Gusseisen zu errichten,
der exklusiv für Schrecksen bestimmt war und den er stolz den Eißpinschen
Schrecksengrill nannte.
Succubius Eißpin hatte ein Buch über den vorschriftlichen Bau dieses Grills
und seine Verbrennungstechniken geschrieben (besonders stolz war er auf
das Rüttelgitter, durch das die verbliebene Asche der verbrannten Schreckse
direkt in eine Aschenpfanne fiel) und ein anderes über Verhörmaßnahmen an
Schrecksen, das an Grausamkeit und Einfallsreichtum weit über die mittelalterlichen
Foltermethoden der Dunklen Epoche hinausging. Darin erklärte
er haarklein die Funktionen seiner zahlreichen Marterinstrumente, wie etwa
der Schrecksenquetsche, des Glühenden Gustavs und der Elektrischen Kupferdraht-
Geißel mit angeschlossener Alchimistischer Batterie. Oder den luftdichten
Eißpinschen Geständnissack aus Otternleder, der mit Disteln und Brennnesseln
gefüllt war und in den die Schreckse zusammen mit einer schwangeren
Viper, einem tollwütigen Fuchs und einem Kampfhahn eingenäht wurde, bis
sie sich schuldig bekannte. Nicht wenige aufgeklärte Bürger Zamoniens waren
darüber empört, dass ausgerechnet ein bekennender Schrecksengegner das
Amt des städtischen Schrecksenbeauftragten innehatte, aber es gab auch genug
Leute, die es befürworteten, wenn diese vagabundierenden Wahrsagerinnen
mit strenger Hand geführt wurden.
Und dafür konnte Eißpin garantieren. In keiner anderen Stadt Zamoniens
wurden den Schrecksen das Leben und die Ausübung ihres Berufes so schwer
gemacht wie in Sledwaya. Nur hier gab es das achthundert Punkte umfassende
Reglementarium Schrecksii, ein von bürokratischen und juristischen Gemeinheiten
nur so strotzendes Regelwerk, vom Meister selbst ausgetüftelt. Darin
war unter anderem festgelegt, zu welchen Tageszeiten und unter welchen
oft absurden Einschränkungen sie ihr Gewerbe betreiben durften und welche
Strafen sie im Falle der Übertretung erwarteten. So durften Schrecksen
weder nachts noch mittags oder spätnachmittags praktizieren, niemals bei
Nebel oder Schrecksenmond, nicht an Feiertagen, bei einem bestimmten Luftdruck
oder Temperaturen unter Null. Ferner nur in Häusern der sogenannten
Schrecksengasse, die keine Keller besitzen durften. Viermal im Jahr wurde eine
Schrecksensteuererklärung verlangt, die so kompliziert und kleinkariert war,
dass sie einen diplomierten nattiftoƒschen Steuerberater in den Wahnsinn
getrieben hätte. Schrecksen durften nur zu bestimmten Stunden einkaufen,
die alle innerhalb ihrer festgeschriebenen Arbeitszeit lagen, aber es war ihnen
untersagt, während ihrer Arbeitszeit ein Geschäft zu betreten.
Die Strafen reichten von empfindlichen Geldbußen bis zu monatelanger
Dunkelhaft, Verbannung in die Friedhofssümpfe und Zwangsarbeit in den
Schwefelminen der Dämonenklamm. Eine Schreckse bewegte sich in Sledwaya
ständig auf dem dünnen Eis der Illegalität. Denn Eißpins Regelwerk
war so raƒniert, dass er jeder Einzelnen zu jeder Tages- und Nachtzeit ein
Vergehen nachweisen konnte, selbst wenn sie schlafend im Bett lag. Die Folge
war, dass Sledwaya zuerst die zamonische Stadt mit dem geringsten Schrecksenanteil
und schließlich sogar fast ganz schrecksenfrei wurde, weil die meisten
Wahrsagerinnen ein Leben in anderen Städten oder selbst in der gefährlichen
Wildnis vorzogen. Daraus ergab sich zwangsläufig, dass für Eißpin fast
alle beruflichen Verpflichtungen entfielen und er sich noch intensiver seinen
sinistren Forschungen widmen konnte. So, wie es seit je sein Plan gewesen
war.

Knilschbrömen und Tarnkappenstör


»Kochen ist Alchimie – und Alchimie ist Kochen«, sagte Eißpin, als er damit
begann, Echo das Essen aufzutragen. »Vertraute Dinge zu vermischen und
daraus etwas vollständig Neues schafen, das ist das Wesen der Kochkunst wie
das der Alchimie. In beiden Disziplinen spielen Topf und Flamme eine wichtige
Rolle, es geht um das Aufeinanderabstimmen exakt bemessener Zutaten,
das Reduzieren von Substanzen, das Kombinieren von Altvertrautem und
bahnbrechend Neuem. Winzige Mengen der Zutaten und Sekunden der Garzeit
können über Gelingen oder Misslingen entscheiden. Ein gutes Essen zu
kochen, das finde ich so wichtig, wie eine Medizin zu erfinden. Jede Mahlzeit
ist eine Maßnahme gegen den Tod, nicht wahr? Und ist nicht eine ordentliche
Hühnersuppe die beste Medizin gegen so manche Krankheit?«
Eißpin hatte den restlichen Teil des Abends in seine Küche verlagert. Sie
befand sich in einem tieferen Stockwerk und erschien Echo wie der Gegenentwurf
zu dem chaotischen und unheimlichen Laboratorium. Hier war alles
blitzblank, wohlgeordnet, hell und freundlich. Hier gab es keine unheimlichen
Tierpräparate, keine mysteriösen Gerätschaften, keine verschimmelnden Bücher
und Schmerzenskerzen. Ein großer schwarzer Gusseisenherd im Zentrum
mit polierten Kupferkesseln, Pfannen und Töpfen darauf, ein riesenhafter
Esstisch mit vielen Stühlen drumherum und appetitlich sauberem weißen
Leinen, gedeckt mit Tellern, silbernem Besteck, Wein- und Wassergläsern, als
werde baldigst eine große Tischgesellschaft erwartet.
Weitere Pfannen und Töpfe sowie Küchengeräte aller Art, Schneebesen,
Kochlöfel, Hackmesser, Schaumkellen, Siebe, Teigrollen und vieles mehr hingen
an Haken an den Wänden oder von der Decke herab. In schönen dunklen
Holzregalen stapelte sich Geschirr in allen möglichen Formen und Farben. Ein
schneeweißes Spülbecken stand voll mit frisch gespülten Tellern. Ein großer
ofener Küchenschrank enthielt zahlreiche Gläser mit getrockneten Kräutern,
dazwischen lagerten Weinflaschen und Kochbücher. Ein anderer Schrank bestand
aus kleinen Schubladen mit handschriftlich beschriebenen Etiketten,
auf denen »Mehl«, »Zucker«, »Kakao«, »Vanille«, »Zimpinelle« oder irgendein
anderer appetitlicher Lebensmittelname stand.
In diesem Raum hatten die Möbel und Gegenstände keinerlei bösartige
oder gefährliche Absichten, sondern dienten einzig und allein der Zubereitung
von Essen.
Essen – was für ein nichtssagendes, fast beleidigend nüchternes Wort für
das, was Eißpin Echo im Verlauf des Abends kredenzte. Sicher, bei der alten
Frau war es dem Krätzchen nicht übel ergangen, aber zu essen gab es dort
immer das Gleiche: reichlich Milch und manchmal einen Fisch oder ein Stück
Huhn. Weshalb Echo bisher der Meinung gewesen war, dass die Schüssel
Gebratener Mäuseblasen, die sie ihm einmal zubereitet hatte, der Gipfel aller
kulinarischen Genüsse wäre. Er hatte ja keine Ahnung gehabt, dass man die
Kocherei in den Bereich der Hochkunst überführen konnte, wie ihm Eißpin
nun bewies.
Der Schrecksenmeister servierte als Erstes einen kleinen, geradezu winzigen
Kloß, der in einer durchsichtigen rotgoldenen Brühe schwamm. Echo,
der zwanglos auf dem Tisch hockte, beugte sich neugierig darüber, als ihm
der Teller zugeschoben wurde.
»Safranisierte Tomatenessenz«, raunte Eißpin. »Man gewinnt sie, indem
man nur die feinsten sonnengereiften Tomaten enthäutet und in ein Tuch gibt,
das über einen Topf gespannt ist. Lediglich die Erdanziehung sorgt in den
nächsten drei Tagen dafür, dass das Fruchtfleisch seine Flüssigkeit, säuberlich
gefiltert durch das frische Linnen, Tropfen für Tropfen an den Topf abgibt.
So gewinnt man ihren puren Geschmack – ihre Tomatenseele! Dann etwas
Salz und wirklich nur einige wenige Zuckerkristalle sowie zwölf – unbedingt
zwölf ! – Safranfäden hinzugeben und einen Tag lang bei sanftester Hitze –
es darf nie kochen, sonst verlässt die Seele der Tomate die Flüssigkeit, und sie
schmeckt nach gar nichts mehr! – auf kleinster Flamme simmern lassen. Anders
ist diese rotgoldene Färbung nicht zu erzeugen.«
Echo staunte, welche Geduld und Mühe Eißpin allein für eine Brühe aufgebracht
hatte. Sie duftete wunderbar.
»Nun der Kloß! Sein Fleisch stammt von jenen Lachsen, die nur in den klarsten
Bächen von Zamonien, denen von Vielwasser, leben. Ihr Wasser ist das
gefährlichste des Kontinents – so klar, dass man es oft nicht sieht, bis man hineingefallen
ist und darin ertrinkt. Die Lachse gelten als derart glücklich, dass
man sie angeblich in Vollmondnächten lachen hören kann, wenn sie die Stromschnellen
hinaufspringen, um zum Mond zu gelangen. Sie ernähren sich ausschließlich
von kleinen Flusskrebsen, die wiederum selbst als Delikatesse gelten
und, wenn sie Saison haben, fast mit Gold aufgewogen werden. Die Krebse
schmecken fruchtig, fast süß, und sie besitzen das Aroma von Aprikosen.«
Eißpin schmatzte leise, schloss die Augen und schien in Gedanken dem
Geschmack der Krebse nachzuschmecken.
»Aus dem Lachsfleisch bereite ich eine Farce«, fuhr er fort, »die mit ein
wenig Salz und ein paar Kräutern abgeschmeckt und mit winzigsten glasierten
Zwiebelwürfelchen in einem Reisblatt – so dünn wie der Atemhauch auf einer
Glasscheibe – zum Kloß geformt wird. Diesen Kloß hänge ich an einen Faden
über einen Topf mit delikatem blauen Tee, der sanft vor sich hin dampft. In
diesem zartblauen Dampf hängt der Lachsfarceklops genau siebentausend
Herzschläge lang – dann ist er auf den Punkt pochiert. Ich befreie ihn aus dem
Reisblatt, gebe ihn in die Tomatenessenz – und fertig! Probier doch mal!«
Als Echo zärtlich in den wohlriechenden Kloß biss, geschah etwas wirklich
Verblüfendes. Die ganze Welt um ihn herum verschwand, das Laboratorium
samt Eißpin hatte sich – nein, nicht in Luft, sondern in Wasser aufgelöst! Er
spürte es am ganzen Leib, sah Luftblasen vor seinen Augen aufsteigen, dicke
graue Bachkiesel unter sich und große fette Lachse, die neben ihm schwammen.
Und das Wasser war nicht nur um ihn herum, sondern sogar in ihm
selbst, in seinem Mund, seinem Hals – er atmete es regelrecht. Und dann wusste
er mit einem Mal, dass er ein Lachs war. Die Erkenntnis war so lebensecht
und überraschend, dass er einen Laut der Verblüfung von sich gab, der dicke
Luftblasen aus seinem Maul aufsteigen ließ, die ihm die Sicht versperrten. Und
dann, genauso plötzlich, wie es verschwunden war, war alles mit einem Schlag
wieder da: die vertraute Welt, die Küche und der Schrecksenmeister. Echo war
so verdattert, dass er vom Teller zurückwich und versuchte, sich das Wasser
aus dem Fell zu schütteln. Aber da war kein Wasser. Er war so trocken wie ein
Kaminscheit.
»Du warst für ein paar Momente ein Fisch, stimmt’s?«, fragte Eißpin und
wartete die Antwort gar nicht erst ab. »Nicht irgendein Fisch – du warst ein
Lachs! Du hast das Wasser in deinen Kiemen gespürt, nicht wahr? Obwohl du
gar keine Kiemen besitzt.«
»Allerdings«, antwortete Echo, immer noch verblüft. »Ich war so sehr
Fisch, wie man es nur sein kann. Ich habe das Wasser geatmet.« Er wollte mit
der Tatze einen Tropfen aus seinem rechten Ohr holen, aber es war so trocken
wie sein übriges Fell.
»Dann habe ich das Rezept richtig befolgt. Es stammt vom größten Lachskoch
von Vielwasser. Er hat sich sein ganzes Leben lang geweigert, etwas anderes
zuzubereiten als Lachs, und das hier war sein Lieblingsrezept. Bedien
dich!«
Echo zögerte nur kurz und genehmigte sich den restlichen Kloß – und war
sogleich wieder unter Wasser! Für eine Kratze ist das nicht der angenehm-
ste Zustand, aber da er jetzt wusste, dass es nur eine Illusion war, konnte
er den kulinarischen Zaubertrick diesmal sogar genießen. Er geriet in eine
Stromschnelle, wurde von einem wilden Wirbel aus Süßwasser und Luftblasen
abwärtsgerissen, tauchte kurz mit dem Kopf aus dem Fluss auf, sah einen
blauen und sonnigen Himmel – und saß plötzlich wieder auf Eißpins Küchentisch.
»Das war toll!«, rief er begeistert und schüttelte sich erneut. »Dass man so
etwas mit Klößen erreichen kann, ist allerhand.« Er machte sich daran, die
köstliche Tomatenessenz aus dem Teller zu schlabbern.
»Es handelt sich um eine sogenannte Metamorphose Mahlzeit«, erklärte
Eißpin, »ein alchimistischer Ableger der Kochkunst, der schon in der Frühzeit
der Alchimie gepflegt wurde. Heute ist das vom nattiftoƒschen Gesundheitsamt
verboten – ich hofe, du zeigst mich nicht bei den Behörden an.« Der
Meister grinste. »Die halluzinogene Wirkung kommt zum Teil von einer sehr
seltenen Sorte blauen Tees, der nur an den Rändern der Süßen Wüste wächst.
Und von diversen Kräutern in der Lachsfarce, die heute nur noch Alchimisten
züchten können – Schlafwurz, Phantasilie und Hypnian zum Beispiel. Würde
ich den Tee und die Kräuter höher dosieren, könntest du dich stundenlang wie
ein Fisch fühlen.«
»Tatsächlich?«
»Kein Problem. Aber das wäre ja nicht der Sinn der Sache, wenn du dich
hier stundenlang auf dem Tisch rumwälzt und glaubst, du seist ein Lachs. Es
ist immer eine Frage der Dosierung. So wie man eine Suppe auch versalzen
kann.«
»Verstehe«, nickte Echo. »Geht das nur mit Lachs?«
»Oh nein! Jede Sorte Fisch. Jede Tierart. Es geht sogar mit Pflanzen. Ein
Huhn. Ein Kaninchen. Ein Wildschwein. Alles, was man essen kann! Ich kann
dich in einen Steinpilz verwandeln, wenn du willst.«
»Ich bin beeindruckt«, sagte Echo. »Du hast viel versprochen, aber das übertrift
all meine Erwartungen.«
»Das ist noch gar nichts, Kleiner«, winkte Eißpin ab. »Das ist erst der Anfang.
Eine Vorspeise. Eine von vielen.«
Er räumte den abgeleckten Teller weg und stellte einen neuen hin. Echo
wunderte sich, dass von ihm ein unwiderstehlicher Geruch aufstieg, obwohl
er leer war.
»Unsichtbarer Kaviar«, erläuterte Eißpin. »Vom Tarnkappen-Stör. Der teuerste
und seltenste Kaviar überhaupt. Versuch mal einen unsichtbaren Fisch zu
fangen – mit der Hand, denn nur so ist es erlaubt, den Tarnkappen-Stör zu
jagen. Ich habe nur ein einziges winziges Kaviar-Ei davon ergattern können,
und ich kann dir sagen, dass ich dafür meine fragwürdigsten Beziehungen in
die Unterwelt von Sledwaya spielen lassen musste. An diesem Ei klebt Blut!«
Echo wich vom Teller zurück.
»Nicht direkt an dem Ei«, sagte Eißpin. »Im übertragenen Sinne. Es war
eigentlich für den Zaan von Florinth reserviert. Mir wurde mitgeteilt, dass
florinthische Glasdolche zum Einsatz kamen und einige Hilfsköche in Suppe
ertränkt wurden, um den Chefkoch des Zaans letztendlich davon zu überzeugen,
seinen Herrn um das Ei zu prellen. Er überlistete ihn, indem er ihm
ein herkömmliches Kaviar-Ei servierte, das er mit verbundenen Augen essen
musste, weil es dann angeblich noch intensiver schmeckt. Mit dem Zaan von
Florinth kann man so was machen, seitdem ihm in seinem Palast der Stuck auf
den Kopf gefallen ist.«
Derartig abenteuerlich organisierter Kaviar machte Echo wieder neugierig,
und er fahndete mit seiner Zunge auf dem Teller nach dem unsichtbaren Ei.
Plötzlich ereignete sich auf seinem Gaumen eine kleine Geschmacksexplosion,
die ihn wohlig erschauern ließ.
»Hmmm …«, machte Echo. So schmeckte also Kaviar vom Tarnkappen-
Stör. Himmlisch.
»Und jetzt sieh dir mal deine Zunge an«, befahl Eißpin und legte dem
Krätzchen einen silbernen Löfel hin, damit es sich darin betrachten konnte.
Echo beugte sich darüber, sah belustigt sein von der Löfelwölbung verzerrtes
Gesicht, öfnete das Maul – und erschrak fürchterlich. Denn er hatte keine
Zunge mehr.
»Nein«, grinste Eißpin. »Die ist nicht weg. Sie ist nur vorübergehend unsichtbar.
Sie erscheint wieder, wenn der Geschmack des Kaviars verschwunden ist.«
Echo blickte mit aufgerissenem Schlund auf den Löfel, starr vor Entsetzen.
Was war, wenn Eißpin sich irrte? Ein Kratzenleben ohne Zunge war so undenkbar
wie eines ohne Schweif. Aber tatsächlich: Je mehr sich der Geschmack
verflüchtigte, desto deutlicher war seine Zunge zu erkennen, bis sie wieder
ganz zu sehen war. Echo atmete auf.
»Wahrer Genuss sollte gelegentlich mit einem gewissen Nervenkitzel einhergehen
«, sagte Eißpin, der bereits wieder eine neue Speise in einer gusseisernen
Pfanne zubereitete. »Was wäre der Verzehr eines Bienenbrotes ohne die
Gefahr, dabei eine nichtentstachelte Dämonenbiene zu erwischen? Was wäre
ein gedämpfter Runkelfisch, wenn man nicht aufpassen müsste, sich an seinen
tödlich giftigen Gräten zu verletzen? Spürst du die beglückende Erleichterung,
deine Zunge wiederzuhaben? Auch das ist Genuss. Unbezahlbar.«
Eißpin stellte Echo einen neuen Teller hin.
»Keine Angst, davon fallen dir nicht die Haare aus, und es wächst dir auch
kein Horn auf dem Kopf. Das ist der gebratene Brömen eines Knilschs.«
Echo betrachtete den neuen Gang misstrauisch. »Was ist bitte ein Brömen?
Und was ist ein Knilsch?«
»Ein Knilsch ist ein Tier, das ausschließlich in Kanalisationen vorkommt
und sich von Dingen ernährt, die ich bei Tisch lieber unerwähnt lasse – ebenso
wie sein Aussehen. Wegen seiner dramatischen Lebensumstände besitzt der
Knilsch ein Organ, das zugleich verdaut wie ein Magen, entgiftet wie eine
Leber und filtert wie eine Niere: der Brömen. Und nicht nur das: Stell dir vor –
der Knilsch denkt auch noch mit seinem Brömen! Ein Superorgan, das in der
gesamten zamonischen Biologie keine Entsprechung hat. Der frische Knilschbrömen
ist eine Delikatesse, für die sich die Chefköche auf den Wochenmärkten
schon mal mit Filetiermessern duellieren.«
Echo musste aufstoßen, und er verspürte ein vages Unwohlsein. Er versuchte
sich einen Knilsch vorzustellen, aber als vor seinem inneren Auge eine
Kreatur aus filzigen Haaren und rosafleischigen Rüsseln Gestalt annahm, ließ
er es doch lieber bleiben.
»Warum gelten den Feinschmeckern gerade Dinge, die einen natürlichen
Widerwillen erzeugen, als höchste Delikatesse?«, fragte Eißpin. »Lebende Austern,
kranke Lebern von gestopften Gänsen, die Gehirne von kindlichen Kälbern?
Die ungeborenen Kinder von Fischen? Der Brömen eines Knilschs?«
Er gab gleich selber die Antwort. »Es ist der Reiz der Überwindung. Und die
Überwindung von Normen ist die größte Antriebskraft der Alchimie. Nicht
nur das Kochen, auch das Essen ist der Alchimie verwandt. Iss diesen Knilschbrömen,
analysiere mit Zunge und Gaumen seine Geschmacksbestandteile,
und du bist bereits dabei, ein Lehrling der Alchimie zu werden! Schließ die
Augen!«
Echo gehorchte, biss in das seltsame Organ und kaute andächtig. Da war
kein Geschmack, den er identifizieren konnte. Nichts, was ihn an irgendeine
Mahlzeit erinnerte. Es war, als würde er eine Speise zu sich nehmen, die man
auf einem anderen Planeten zubereitet hatte.
»Ich schmecke nichts, was ich bereits kenne. Es riecht fremd. Es schmeckt
fremd. Alles ist ungewöhnlich. Aber es ist interessant.«
Echo schluckte den restlichen Bissen hinunter.
Eißpin zeigte mit ausgestrecktem Finger auf die Kratze und triumphierte:
»Dann bist du ein Feinschmecker! Ein geborener Gourmet und ein Alchimist!«
»Bin ich das?«
»Kein Zweifel! Ein kulinarischer Ignorant hätte den Brömen eines Knilschs
sofort ausgespuckt. Kaum etwas anderes schmeckt so außergewöhnlich. Solche
Leute suchen nach vertrauten Genüssen – sie würden am liebsten immer
das Gleiche essen. Ein Gourmet aber würde von einer gebratenen Parkbank
probieren, nur um zu wissen, wie sie schmeckt. Und das ist das Wesen des
Alchimisten: Nichts Fremdes, nichts Neues, nichts Überraschendes kann ihn
schrecken. Im Gegenteil – er sucht danach. Bist du bereit für den nächsten
Gang?«
Und so ging es den ganzen Abend weiter: Nudeln mit Blattgold überbakken,
Katzenwels mit Garnelenbutter, Knurrhahn mit zwölf Soßen, Seespinne
mit Paprika-Cassonade, Glattbutt mit Zucchinischuppen, Sautierter Hummer
im Auberginen-Schifchen, Moorschneehuhnnierchen mit Morchel-Essenz,
Täubchen-Chartreuse mit Mangoldwickel, Midgardkaninchenzunge in Lavendelsauce,
Gefüllter Sumpfschweinschwanz auf Blauem Blumenkohl, Gabelbeinfleisch
in Melissengelee, Geeiste Seegurkensuppe mit gehobelten Langustenschwänzen
– immer in winzigsten Portionen, oft ein Bissen nur, damit die
Lust auf mehr nach jedem Gang erhalten blieb. Und dann erst die Desserts!
Eißpin kredenzte eine abenteuerliche Köstlichkeit nach der anderen und mit
ihnen jedes Mal eine erhellende Information, eine spannende Geschichte oder
irgendeine verrückte Legende. Echo hatte sich noch nie derart gut unterhalten
und gleichzeitig hervorragend verköstigt gefühlt. Er folgte dem Hantieren des
Schrecksenmeisters am Herd genauso gebannt wie seinen Ausführungen, während
er die einzelnen Gänge verschlang. Der Tyrann von Sledwaya zeigte ihm
völlig neue Seiten seiner Persönlichkeit: die des perfekten Gastgebers und
des charmanten Plauderers und Alleswissers, der nebenher mit leichter Hand
eine kulinarische Sensation nach der anderen zubereitete, um sie dann mit den
vollkommenen Manieren eines Oberkellners der Spitzengastronomie zu servieren.
Alles war auf den Punkt gegart, perfekt gewürzt, von der einzig richtigen
Temperatur und so harmonisch auf dem Teller arrangiert wie ein florinthisches
Blumengesteck auf dem Frühlingsmarkt. Echo war bezaubert. Die
Gedanken an Vollmond, Kratzenfett und baldiges Ableben waren völlig verflogen.
Und noch tief in der Nacht tischte Eißpin Gang um Gang auf, bis Echo
ihn schließlich um Gnade anflehen musste.
Zum guten Schluss trug der Meisterkoch das schon halb ohnmächtige
Krätzchen, welches nun doppelt so viel wog wie noch vor Stunden, in ein anderes
Zimmer, in dem ein großer Ofen stand und wohlige Wärme verströmte.
Er richtete ihm ein wundervolles, mit dicken Kissen gepolstertes Schlafkörbchen,
in dem Echo leise schnurrend entschlummerte.


Das Ledermausoleum


Als Echo am nächsten Morgen erwachte, fiel ihm sofort alles wieder ein: der
Kontrakt, der Schrecksenmond, das Kratzenfett, das Auskochen, das Ausstopfen
– er kletterte mit düsteren Gedanken aus seinem Körbchen und schlich
durch Eißpins unheimliche Behausung.
In der obersten Etage gab es weder ausgestopfte Korndämonen noch Haselhexen,
aber die Atmosphäre war für Echos Geschmack unbehaglich genug.
Das Sonnenlicht schien, sowie es durch die hohen Fenster fiel, gleich seine
Leuchtkraft einzubüßen, sich mutlos zu zerstreuen und in den endlosen Korridoren
zu verlieren. Die Abwesenheit von Stimmengewirr, wie er es aus der
Stadt gewohnt war, fiel ihm erstmals unangenehm auf. Hier lebte nur der
Staub, der mit den Luftströmen zu einer melancholischen Musik tanzte.
Echo betrat fröstelnd die große Halle mit den Käfigen, dieses Gefängnis
für Gefängnisse voller langer dünner Schatten, welche die Gitterstäbe warfen.
Mit eingezogenem Kopf lief er zwischen ihnen hindurch. Die Käfige waren
leer, doch jeder von ihnen erzählte die Geschichte eines von Eißpins Opfern,
und keine hatte ein gutes Ende. In einigen Holzverhauen steckten noch Zähne
und Krallen, die von verzweifelten Fluchtversuchen kündeten, und an manchen
Eisengittern klebte getrocknetes Blut. Sie alle, ob kraftstrotzender Bär
oder farbenfroher Paradiesvogel, ob Schlange oder Iltis, Ubufant oder Zamingo,
waren ihren letzten Weg über den Fettkessel und den Eißpinschen Konservator
gegangen und ruhten nun, auf einen Duft reduziert und eingeschlossen
in Fett, im Keller des Anwesens. Echo konnte sich keinen schlimmeren Ort
vorstellen. Alles erinnerte hier an den Tod.
Aber dennoch hatte er Hunger. Auch wenn er sich beim Einschlafen geschworen
hatte, die nächsten drei Tage nichts zu essen – jetzt waren sämtliche
Gänge verdaut, und Eißpins opulentes Menü hatte seinen Magen so mächtig
gedehnt, dass dieser ihm jetzt leerer vorkam als je zuvor. Echo begrif, dass
Hunger mit einem Fastenmagen erheblich besser zu ertragen war.
»Ah, da ist ja mein Naschkrätzchen!«, rief Schrecksenmeister Eißpin aufgeräumt,
als Echo zaghaft in das Laboratorium geschlichen kam. Er hantierte
an einer alchimistischen Waage, auf der er mit winzigen Bleigewichten ein
goldenes Pulver auswog. »Gut geschlafen? Wie wär’s mit einem kräftigen
Frühstück?«
»Danke der Nachfrage«, antwortete Echo. »Ich habe ausgezeichnet geschlafen.
Und ich verspüre tatsächlich ein gewisses Hungergefühl. Trotz des üppigen
Gelages gestern.«
»Ach was – Gelage!«, winkte Eißpin ab. »Das war gar nichts. Nur eine
Ouvertüre. Ein paar Vorspeisen.«
Echo strich verschüchtert durch das Laboratorium. Im Fettkessel verkochte
ein großer Vogel, dessen verkrümmter Krallenfuß aus der blubbernden
Brühe herausragte.
»Das ist ein Dododo«, erläuterte Eißpin, als er das Krätzchen vor dem Fettkessel
hocken sah. »Beziehungsweise: Das war ein Dododo. Der Letzte seiner
Art, fürchte ich.«
»Vielleicht bin ich auch der letzte meiner Art«, sagte Echo leise, während er
sich von dem schrecklichen Anblick abwandte.
»Das ist durchaus möglich«, rief Eißpin. »Durchaus möglich!«
Echo begann, Eißpins Natur zu begreifen. Es kam dem Schrecksenmeister
gar nicht in den Sinn, dass er mit seinen kaltherzigen Bemerkungen die Gefühle
seines Gegenübers verletzte. Die Gefühle seines Gegenübers waren ihm
vollkommen gleichgültig. Er sprach einfach nur aus, was er dachte, egal, wie
abscheulich es war.
Eißpin machte ein paar Eintragungen in ein Notizbuch, fing dabei an zu
murmeln und betete schließlich eine alchimistische Formel nach der anderen
herunter, worüber er Echo komplett zu vergessen schien. Der verharrte eine
Weile höflich schweigend, um die Konzentration seines Gastgebers nicht zu
zerstreuen. Plötzlich aber knurrte sein kleiner Magen so laut, dass es im ganzen
Laboratorium zu hören war, wodurch Eißpin aus seiner Litanei aufschreckte.
Er sah zu Echo herüber.
»Entschuldige bitte!«, rief er. »Die Arbeit! Ich habe heute einiges aufzuholen,
deswegen … Hör zu: Wie wäre es, wenn du dich beim Frühstück selbst
bedienst? Du musst dich nur aufs Dach begeben, wo alles zu deinem Wohlbefinden
arrangiert ist.«
»Aufs Dach?«, fragte Echo.
»Das Wetter ist schön, frische Luft ist gesund. Kratzen treiben sich doch
gerne auf Dächern rum, oder?«
Echo nickte vorsichtig. »Ja«, sagte er. »Ich mag Dächer.«
»Es gibt da nur eine Sache … eine … Formalität.«
»Die da wäre?«
»Die Ledermäuse.«
»Was ist mit denen?«
Eißpin heftete seinen Blick an die Decke des Laboratoriums. »Die Dachböden
meines Hauses gehören in gewisser Weise den Ledermäusen. Ein stillschweigendes
Abkommen. Ich lasse sie ungestört dort schlafen. Dafür erweisen
sie mir gelegentlich … Gefälligkeiten.«
»Du machst gerne Geschäfte mit Tieren«, stellte Echo fest.
»Wenn du aufs Dach willst«, fuhr Eißpin fort, »musst du durch den Dachspeicher,
und das ist das Reich der Ledermäuse. Du musst sie um Erlaubnis
fragen, ihren Hoheitsbereich durchqueren zu dürfen. Das ist alles. Nur ein Akt
des Respektes. Oder hast du Angst vor ihnen?«
Nein, Echo hatte keine Angst vor Ledermäusen. Das waren doch nur Mäuse.
Mäuse mit Flügeln, na und? Er fürchtete sich weder vor ihren verknitterten
Fratzen noch vor ihren Krallen und den spitzen Zähnen. Eine Kratze besaß
selber Krallen und Zähne, wesentlich wirkungsvollere als die der fliegenden
Mäuse. Sollten sie ruhig versuchen, sein Blut zu saugen, dann würde er ihnen
schon die Rangordnung zwischen Maus und Kratze klarmachen.
»Nein«, sagte Echo. »Ich habe keine Angst.«
Eißpin zog an einer Kette aus Knochen, die von der Decke herabbaumelte,
worauf ein Bücherregal samt Gerümpel knarzend im Boden versank und den
Blick auf eine ausgetretene alte Holztreppe freigab, die hinauf ins Dunkel
führte.
»Das ist der Weg zum Dachstuhl«, sagte er. »Zum Ledermausoleum, wie
ich es nenne – es hat ein bisschen was von einem Grabmal. Es sind schon ziemlich
morbide Viecher. Bestell ihnen schöne Grüße von mir!«
Eißpin wandte sich wieder seinen Pülverchen zu.
»Du kannst dich mit ihnen unterhalten – ich leider nicht. Wie ich dich
darum beneide, mit den Tieren reden zu können! Wie viele Geheimnisse der
Natur sie mir verraten könnten.«
Ja, das würde ihm gefallen, dachte Echo, sich mit den Tieren zu unterhalten.
Wahrscheinlich würde er sie auf Folterbänke spannen und sie nach
Strich und Faden verhören, mit Würgeeisen und Daumenschrauben.
»Geh ruhig rein«, rief Eißpin. »Viel Spaß auf dem Dach.«
Das Krätzchen stand jetzt vor dem Eingang und spähte ins Dunkel. Das
Holz der Treppe war uralt, wurmstichig und abgewetzt. Sie wirkte wenig einladend,
jede einzelne Stufe war auf ihre eigene Art verbogen und abgetreten.
Im schummrigen Licht glaubte Echo klafende Mäuler mit geborstenen Holzzähnen
zu erkennen, böse dreinblickende Augenlöcher und grimmige Treppengespenster.
Er musste sich zwingen, die erste Stufe zu betreten. Sie knarzte
bei der Berührung mit der Pfote gequält auf.
»Geh ruhig!«, rief Eißpin. »Sie hält meinen schweren Knochen stand, da
brauchst du dir mit deinem Fliegengewicht keine Sorgen zu machen.«
Zögerlich stieg Echo hinauf. Es roch tatsächlich wie in einer antiken Grabstätte,
die man seit Ewigkeiten nicht mehr gelüftet hatte, nach tausend Jahre
alter Luft und verfaulten Kadavern. Aber er erklomm tapfer Stufe um Stufe,
und je höher er stieg, desto finsterer und muƒger wurde es, dazu gesellte sich
bald ein stechender Geruch. Er hörte Eißpin unten an der beinernen Strippe
ziehen und das Regal knirschend an seine alte Stelle fahren.
»Keine Angst!«, rief der Schrecksenmeister. »Die beißen nur nachts!« Dann
wurde es vollständig dunkel.
Echos Kehle schnürte sich zu, und ein leichtes Zittern bemächtigte sich seiner
Beine. Dennoch kletterte er tapfer weiter, die Treppe mit seinen Pfötchen
vorsichtig ertastend. Er wollte diesen Akt des Respektes, wie Eißpin ihn genannt
hatte, so schnell wie möglich hinter sich bringen. Eigentlich war das eine
Unverschämtheit! Dass er sich mit ordinären Ledermäusen auseinanderzusetzen
hatte, um an sein Essen zu kommen, davon war nie die Rede gewesen. Der
saure Gestank war jetzt so penetrant geworden, dass er würgen musste.
»Ledermäuse?«, rief er.
Echo hatte nun die letzte Stufe erklommen, denn er konnte keine weitere
mehr ertasten. Der Boden unter seinen Pfoten fühlte sich uneben und steinig
an. Über ihm schien sich eine hohe Decke zu wölben – so viel immerhin konnte
er ausmachen bei dem wenigen Licht, das hier zur Verfügung stand. Nur
einige Sonnenstrahlen stachen wie silberne Nadeln durch die dunkelgraue
Kuppel.
»Ledermäuse?«, rief er noch einmal. Gab es hier überhaupt welche? Oder
war das alles nur ein schlechter Scherz von Eißpin, der ihn auf die Probe stellen
wollte? Aber Eißpin machte ja keine Scherze.
Echo stellte die Ohren auf. Doch, da war irgendwas. Irgendwer. Er hörte
mehrmals ein Geräusch, das so klang, als würde ein uraltes Buch, dessen Seiten
aneinanderkleben, ganz langsam aufgeblättert. Hier ein Knistern. Da ein
Zischen. Dort ein leises Fauchen.
»Ledermäuse?«, fragte er zum dritten Mal.
»Du wiederholst dich«, antwortete eine hohe dünne Stimme scharf und
feindselig aus dem Dunkel. »Ja, hier sind Ledermäuse. Was willst du von uns?«
Echo überlegte nicht lange. »Schrecksenmeister Eißpin schickt mich. Ich
muss aufs Dach. Dafür soll ich mir eure Erlaubnis holen.«
»Ach ja?« Die Antwort klang lauernd und höhnisch zugleich.
»Ja«, sagte Echo. Er entschied sich für ein forsches, selbstbewusstes Auftreten.
Keine Schwäche zeigen! Frechheit siegt.
»Aber wenn ich ehrlich sein soll«, fuhr er fort, »dann pfeife ich auf eure
Erlaubnis. Ich gehe so oder so aufs Dach. Ich brauche dafür nicht das Einverständnis
von irgendwelchen Mäusen.«
»Wir sind keine Mäuse. Wir sind Ledermäuse.«
»Mäuse, Ledermäuse – was ist der Unterschied?«, fragte Echo abfällig.
»Wir können fliegen.«
»Wir können beißen.«
»Wir können Blut saugen.«
Diesmal hatte Echo den Eindruck, dass es drei verschiedene Stimmen waren,
die ihm antworteten. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit,
und er konnte immer mehr erkennen. Da oben bewegte sich etwas.
Oder besser: Da oben bewegte sich die ganze Decke! Zuerst dachte er, es seien
die Häute von toten Tieren, durch die der Wind fuhr, hier von Eißpin zum
Trocknen an Wäscheleinen aufgehängt. Aber diese Bewegung war anderer,
lebendiger Natur. Lange ledrige Flügel entfalteten sich, spitze Krallen wurden
ausgefahren, Gebisse gebleckt, böse kleine Augen starrten ihn aus dem Dunkel
an. Wie eine einzige riesige Kreatur hingen die Vampire über ihm, dicht aneinandergeschmiegt,
allesamt mit dem Kopf nach unten. Echo hatte erwartet,
dass es mindestens einige Dutzend, vielleicht sogar ein paar hundert waren.
Nun bemerkte er zu seinem Entsetzen, dass sich da Tausende an das Gebälk
des Dachstuhls klammerten.
Seine Augen hatten sich endgültig an die Lichtverhältnisse gewöhnt – er
konnte jetzt auch sehen, was die Ursache des scharfen Gestankes war, der ihn
beinahe betäubte. Der harte steinige Grund unter ihm war in Wahrheit vertrocknetes
Ledermausexkrement – Echo stand mit allen vier Pfoten mitten in
der größten Kloake von ganz Sledwaya.
»Und was machst du, wenn wir dir die Erlaubnis verweigern?«, fragte es
von oben herab.
Echo brauchte dringend eine neue Strategie. Sich eine einzige Ledermaus
zu packen und sie vor den Augen der anderen ordentlich zu vermöbeln – das
war der Plan gewesen. Ein Exempel statuieren, kurz und schmerzvoll, dann
würden die anderen schon kuschen. Nun musste er sich eingestehen, dass es so
einfach nicht laufen würde. Ganz und gar nicht. Er sah sich einer unbezwingbaren
Übermacht ausgeliefert.
»Na«, fragte eine der Ledermäuse, »hat es dir die Sprache verschlagen?«
Echo versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen. Nur nicht die Nerven verlieren!
War das eine Falle? Ein Ritual? War er vielleicht ein Geschenk von Eißpin, eine
Opfergabe an die Bewohner seines Dachstuhls? Ihm war völlig klar, dass er in
einer Auseinandersetzung mit ihnen nicht die geringste Chance hatte. Sie würden
sich vereint auf ihn stürzen, sich gemeinsam fallen lassen und ihn unter
ihrer schieren Masse beerdigen wie unter einem ledernen Leichentuch. Sie
würden ihre spitzen Zähne in ihn schlagen und ihn binnen Sekunden aussaugen.
Nur eine blutleere Hülle, ein durchlöchertes Fell bliebe von ihm übrig,
wenn er jetzt noch eine weitere patzige Bemerkung oder eine falsche Bewegung
machte. Wo der Ausgang auf das Dach war, wusste er nicht, und der
Rückweg war versperrt. Er war in die Falle gegangen wie eine dämliche Ratte,
die ihre Pfoten nicht von einem Stück Käse lassen konnte. Frühstück auf dem
Dach! Echo selbst war hier zum Frühstück ausersehen.
»Wir erwarten eine Antwort!«, zischte es bedrohlich aus dem Dunkel.
Echo musste sich sehr genau überlegen, was er als Nächstes sagte. Wie redete
man mit viel zu vielen Vampiren, die man gerade tödlich beleidigt hatte?
Unterwürfig? Kess? Ehrlich? Verlogen? Das Einzige, was er wusste, war, dass in
seiner Ansprache auf jeden Fall der Schrecksenmeister vorzukommen hatte.
Wenn die Ledermäuse überhaupt vor irgendetwas Respekt hatten, dann vor
ihrem Hausherrn. Und jetzt fiel Echo wieder ein, dass jener ihn gebeten hatte,
ihnen Grüße auszurichten.
»Wie gesagt: Eißpin schickt mich«, rief er. »Schrecksenmeister Eißpin, euer
Hausherr. Der mächtige Eißpin, unter dessen Schutz ich stehe. In seinem Auftrag
bin ich unterwegs. Ich soll euch von ihm grüßen.« Echo versuchte, seine
Stimme so selbstbewusst wie zuvor klingen zu lassen, aber es gelang ihm
nicht.
»Ja, das erwähntest du bereits«, antwortete eine Ledermaus.
»Das ist sehr großzügig von ihm«, ergänzte eine andere.
»Großzügig?«, fragte Echo vorsichtig. »Die Grüße? Inwiefern?«
»Nicht die Grüße.«
»Sondern?«
»Sondern du.«
»Ich bin großzügig?«, fragte Echo begrifsstutzig.
»Nein – es ist großzügig von ihm, dass er dich schickt.«
»Wieso?«
»Nun, wir hatten schon lange keinen Nachtisch mehr, der miauen kann.«
Ein höhnisches Gezischel erhob sich, das unter den Ledermäusen wohl als
beifälliges Gelächter galt. Echo knickte instinktiv die Beine ein, unterdrückte
aber den Impuls, zu buckeln oder zu fauchen. Jetzt kam es auf das Gehirn an,
nicht die Krallen! Den feinen Unterschied nutzen, der eine Kratze von einer
Katze unterschied. Denken statt Handeln. Diplomatie statt Krieg.
»Ein Nachtisch?«, fragte er. »So früh am Morgen?«
»Für uns ist es später Abend. Wir machen die Nacht zum Tag und den Tag
zur Nacht. Wir haben gerade eine festliche Blutorgie unter den Leuten von
Sledwaya hinter uns, und jetzt kommt uns ein Nachtisch gerade recht.«
Eine Ledermaus rülpste ungeniert.
Echo duckte sich noch tiefer. Er war also tatsächlich eine Opfergabe! Nur
deswegen hatte Eißpin ihn gestern noch einmal aufgepäppelt. All das Gerede
vom Mästen war Täuschung gewesen. Er war nur ein Festbraten, den man
noch einmal gestopft hatte.
»Ich verstehe«, sagte er leise.
»Nein, tust du nicht. Niemand versteht die Ledermäuse.«
»So ist es, Bruder!«, rief ein anderer Vampir. »Niemand versteht die Ledermäuse!«
»Niemand!«
»Niemand!«
»Niemand!«
Nun blieb Echo nicht viel mehr übrig, als Zeit zu schinden. Und zu hofen,
dass ihm irgendeine Eingebung oder ein Zufall zu Hilfe kam. Sollte er laut
miauen? Nach Eißpin kreischen? Nein. Dann würden sie sich unverzüglich
auf ihn stürzen. Aber was sonst? In der Tierwelt gab es gewöhnlich nur zwei
Möglichkeiten, wie man sich verhielt, wenn man einem gefährlichen Gegner
gegenüberstand: Entweder man lief davon oder man grif an. Für Echo kamen
beide nicht infrage. Aber dafür hatte er eine dritte Möglichkeit. Er war sicherlich
die erste unter Eißpins Opfergaben, die sich mit den Ledermäusen unterhalten
konnte. Diesen exklusiven Vorzug galt es zu nutzen.
»Der Schrecksenmeister ist euch etwas schuldig?«, fragte er. »Werde ich
deswegen geopfert?«
»Was geht dich das an?«, giftete ein Vampir zurück.
»Nun, es ist nicht wirklich ein Trost, aber wenn ich schon sterben muss,
dann wüsste ich wenigstens gerne, warum.«
»Du bist hier nicht in der Position, Forderungen zu stellen!«
»Nun kommt schon, Leute!«, rief eine andere Ledermaus. »Das ist nur fair!
Wenn wir ihn schon kaltmachen, sollte er wissen, warum.«
»Wer sagt denn, dass wir fair sein müssen? Die anderen haben auch keine
blöden Fragen gestellt.«
»Die konnten ja auch nicht sprechen«, sagte Echo schnell.
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
Die Zustimmung kam von allen Seiten.
»Also ist Eißpin euch etwas schuldig?«, fragte Echo noch einmal.
»Hmmm …«, knurrte eine Ledermaus. »Das wäre zu viel gesagt. Wir schulden
uns gegenseitig nichts – wir leben in einer Zweckgemeinschaft. Der eine
gibt was, der andere gibt was zurück. Beiden Parteien geht es dadurch besser.«
»Das ist interessant!«, antwortete Echo und stockte gleich wieder. Worüber
unterhielt man sich mit Ledermäusen? Schon gingen ihm die Fragen aus.
»Aber sag mal«, rief jemand hoch oben im Dachstuhl, »wieso verstehen wir
dich eigentlich? Wir haben noch nie verstanden, was eine Katze gesagt hat.«
»Weil ich keine Katze bin. Ich bin eine Kratze.«
»Na, sieh mal einer an«, rief eine Ledermaus. »Ich hab gleich gerochen, dass
da irgendwas faul ist.«
»Mit mir ist gar nichts faul«, wagte Echo zu widersprechen. »Ich bin nur
keine Katze. Ich bin eine Kratze. Ich kann mit allen Lebewesen in ihrer jeweiligen
Sprache reden.«
»Tatsächlich? Du kannst wirklich alle Sprachen?«
Echo atmete tief durch. Das Gespräch war in Gang gekommen. Die Neugier
der Vampire war geweckt. Jetzt galt es, sie aufrechtzuerhalten.
»Na, jedenfalls konnte ich mich bis jetzt mit jedem Tier unterhalten, dem
ich begegnet bin.«
»Auch mit Mäusen?«
»Ich rede nicht mit Mäusen.«
»Nicht?«
»Ich könnte, wenn ich wollte. Aber ich tu’s nicht.«
»Warum nicht?«
Echo stutzte. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Dies war wirklich
nicht der geeignete Augenblick, seine Mäusefeindlichkeit zu betonen. Er versuchte,
mit einer Gegenfrage das Thema zu wechseln.
»Was tut ihr denn so Nützliches für Eißpin, dass er euch dafür Opfer bringt?«
»Er überlässt uns den Dachstuhl, damit wir etwas haben, wo wir im Dunkeln
schlafen können. Woanders würden wir ausgeräuchert. Dafür quälen wir
die Bewohner von Sledwaya ein bisschen.«
»Trinken ihr Blut.«
»Pinkeln in ihre Brunnen.«
»Kacken ihnen in die Kamine.«
Ein paar Vampire lachten schaurig.
»Wir infizieren sie mit Krankheiten, damit sie schwach bleiben und sich
nicht gegen Eißpin erheben können. Das ist unser Teil.«
»Wir sind Meister der bakteriellen Kriegsführung.«
»Virtuosen der Infektion.«
»Wir sind eine echte Pest.«
Wieder allgemeines zustimmendes Gezischel.
Echo kam ein Gedanke. Die Ledermäuse schienen sich auf ihre Bosheit tatsächlich
einiges einzubilden. Vielleicht konnte er hier einhaken.
»Ihr seid anscheinend sehr kreativ, was das Vertreten von Eißpins Interessen
angeht«, sagte er.
»Das kannst du laut sagen«, rief eine Ledermaus. »Wir putzen uns die
Zähne mit Unkenscheiße, bevor wir auf die Jagd gehen.«
»Wir trinken aus Friedhofspfützen, bevor wir in die Brunnen pinkeln.«
»Wir beißen die Kühe in die Euter und vergiften ihre Milch.«
»Jetzt verstehe ich, dass der Schrecksenmeister euch so respektiert«, sagte
Echo. »Ohne euch wäre er nur halb so mächtig. Aber …« Er hielt inne.
»Was aber?«
»Nichts. Das ist wirklich eine sinnvolle Zweckgemeinschaft. Jeder hat was
davon. Nur …« Er zögerte wieder fortzufahren.
»Nun rück schon raus mit der Sprache!«
»Was passt dir nicht?«
Echo räusperte sich. »Na ja, es ist schon toll, wie ihr all diese Krankheiten
und Angst und Schrecken verbreitet und so. Sehr einfallsreich. Efektiv. Aber
ich frage mich auch: Einem Tyrannen dabei zu helfen, die Bevölkerung einer
ganzen Stadt zu unterdrücken – ist das auch wirklich richtig? Ist das nicht vielleicht
sogar falsch?«
Eine lange Pause entstand.
»Volltrefer!«, dachte Echo. »Sie sind wie Kinder, die erst einmal darauf hingewiesen
werden müssen, dass sie so etwas wie ein Gewissen überhaupt besitzen.
Ist ja auch kein Wunder, wenn niemand mit ihnen spricht.«
Eine Ledermaus hustete trocken und sprach:
»Hör zu, Kleiner: Wir erzählen dir jetzt mal was über Richtig und Falsch.
Wir erzählen dir was über Recht und Unrecht.«
Eine andere Ledermaus sprach weiter: »Pass auf: Wir schlafen am Tag und
leben in der Nacht. Wir trinken Blut statt Wasser. Und wir sehen mit den
Ohren.«
»Ja, wir sehen mit den Ohren«, übernahm eine Dritte. »Oben ist für uns
unten und unten ist oben.«
»Oben ist unten und unten ist oben«, skandierten mehrere Vampire gemeinsam.
»Man findet uns hässlich, wir finden uns schön. Ihr findet euch schön, wir
finden euch hässlich.«
Als würden sie eine Stafette weiterreichen, sprach nun jeweils eine Ledermaus
einen Satz.
»Wundert es dich wirklich, dass wir eine andere Aufassung von Recht und
Unrecht haben?«
»Von Gut und Böse?«
»Von Richtig und Falsch?«
»Wir sind Vampire, mein Lieber!«
»Niemand versteht die Ledermäuse!«
»Niemand!«
»Niemand!«
»Niemand!«
»Falsch ist richtig und hässlich ist schön!«, kam es im Chor.
»Die Leute hassen uns, sie fürchten sich vor unserem Aussehen.«
»Sie räuchern uns aus, wo sie uns nur finden können.«
»Sie spannen Netze und schlagen uns mit Knüppeln tot, wenn wir uns darin
verfangen.«
»Das verstehen wir unter Unrecht!«
»Niemand versteht die Ledermäuse!«
»Niemand!«
»Niemand!«
»Niemand!«
Beifälliges Gezischel erhob sich und verebbte wieder.
»Eißpin hasst uns nicht.«
»Er fürchtet uns nicht.«
»Er stiftet uns einen Schlafplatz.«
»Er sorgt für unser Überleben.«
»Was sollen wir an ihm böse finden?«
»Er kocht Tiere!«, warf Echo ein.
»Na und – wer macht das denn nicht?«
»Ich mache das nicht!«, antwortete Echo fest.
»Nicht? Du bist Vegetarier?«
»Nein, ich bin kein Vegetarier. Aber ich koche keine Tiere.«
»Aber du isst sie.«
»Na ja, äh …«
»Hattest du einen Besitzer? Vor Eißpin?«
»Da war eine alte Frau. Sie ist tot.«
»Unser Beileid.«
»Und? Hat sie dir ab und zu ein Tier gekocht und serviert? Einen Lachs vielleicht
oder ein Hühnchen?«
Echo senkte den Kopf »Ja. Schon …«
»Und? Macht das deine ehemalige Besitzerin in deinen Augen zu einer bösartigen
Person?«
»Nein«, musste Echo zugeben.
»Und du? Hast du das gekochte Tier gegessen?«
»Ja.«
»Macht dich das in deinen Augen zu einer bösartigen Person?«
»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«
»Du denkst anscheinend überhaupt nicht gerne nach.«
»Hast du schon mal eine Ledermaus gefressen?«
»Niemals!«, rief Echo entschieden.
»Und eine Maus?«
»Eine Maus … ja, schon. Aber keine Ledermaus!«
»Hey! Eine Maus, eine Ledermaus – was ist der Unterschied?«
Allgemeines Gekeife erfüllte den Dachstuhl, und Echo begrif, dass er nur
immer tiefer in Schwierigkeiten geriet, wenn er sich auf ein derartiges Gespräch
weiter einließ. Diese Sorte von Mäusen war nicht auf den Kopf gefallen,
und es schien so, dass er vor seiner Hinrichtung zum Vergnügen der Vampire
auch noch gedemütigt werden sollte. Das wollte er sich ersparen. Wenn es
schon sein musste, sollte es schnell gehen.
»Jetzt hört ihr mal zu«, sagte er, gab seine kauernde Haltung auf und hob
selbstbewusst den Kopf. »Es tut mir leid, wie ich mich benommen habe, als
ich hier hereinkam. Ich hatte Angst, und ich wollte das überspielen. Ich habe
gedacht, ich hätte eine Abmachung mit Eißpin, aber ich habe mich anscheinend
geirrt. Ich habe euch nichts getan, daher sehe ich auch nicht ein, dass
diese Sache hier zum Tribunal wird. Also hört jetzt endlich auf, mich zu verhören
wie einen Schwerverbrecher, und tut, was ihr nicht lassen könnt! Ich
möchte euch nur noch darüber informieren, dass ich meine Haut so teuer wie
möglich verkaufen und so viele von euch mitnehmen werde, wie ich erwische.
Ihr mögt zwar viele sein, aber auch wenn ihr Blut saugen und fliegen könnt,
seid ihr, mit Verlaub, letztendlich doch nur Mäuse.«
Eine gute Abtrittsrede, das konnte so stehen bleiben. Das mit den Mäusen
im letzten Satz fand Echo am besten.
»Du hast eine Abmachung mit dem Meister?«, fragte nach einer langen
Pause eine Ledermaus.
»Er hat ein Papier aufgesetzt«, antwortete Echo.
»Ein Papier? Das ist ernst.«
»Was meint ihr damit?«
»Dass du definitiv eine Abmachung mit ihm hast. Das wirst du spätestens
dann merken, wenn du versuchst, sie zu brechen.«
»Welcher Art war denn der Vertrag?«, fragte eine andere Ledermaus.
»Er will mir das Fett abkaufen.«
»Du handelst mit Fett?«
»Es geht um mein Körperfett.«
»Du lügst ja wie gedruckt. Du hast doch kein Gramm Fett am Leib.«
»Noch nicht. Eißpin will mich mästen. Bis zum nächsten Vollmond. Dann
will er mir die Kehle durchschneiden und mein Fett auskochen.«
Wieder wurde es vollkommen still im Dachstuhl. Keine Ledermaus regte
sich. Echo hörte draußen den Wind pfeifen und mit den Dachschindeln klimpern.
Er vernahm den Schrei einer Krähe. Er hatte völlig vergessen, dass es
noch etwas anderes gab als das düstere Innere des Dachstuhls.
»Dann solltest du keine Zeit mehr verlieren und hinaus aufs Dach gehen«,
flüsterte eine Ledermaus.
Echo glaubte sich verhört zu haben. Er durfte gehen? Die Ledermäuse
waren jetzt vollkommen still.
»Ihr wollt mir die Erlaubnis geben, aufs Dach zu gehen?«
»Na klar. Ist nie eine Frage gewesen.«
»Ihr wollt mich nicht mehr töten?«
»Das wollten wir nie. Du hast uns selber draufgebracht, dich ein bisschen
zu veräppeln. Wir würden niemals jemandem ein Haar krümmen, der durch
die Geheimtür kommt. Denn das bedeutet, dass er Eißpins Gast ist.«
»Außerdem bist du ungenießbar.«
»Ungenießbar? Wieso das denn?« Echo war völlig verwirrt.
»Dein Blut schmeckt nicht.«
»Woher wisst ihr das?«
»Das können wir riechen.«
»Dein Lebenssaft taugt nichts.«
»Zu sauber.«
»Zu wenig Blutfett.«
»Du musst zwei Lebern haben oder so was.«
»Sag mal«, fragte die Ledermaus, die auch den Anfang des Gespräches
bestritten hatte, »wie ist eigentlich dein Name?«
»Echo.«
»Das ist aber ein sehr schöner Name.«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
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»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
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»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«
»Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!« »Stimmt!«,
kam es von allen Seiten.
Echo war vom plötzlichen Umschlagen der Situation noch völlig verdattert
und rang nach Worten.
»Danke«, sagte er schließlich und fügte hinzu: »Und, äh, wie heißt ihr?«
Eine Ledermaus räusperte sich und krächzte feierlich: »Mein Name ist Vlad
der Erste.«
»Mein Name ist Vlad der Zweite«, rief die neben ihr.
»Mein Name ist Vlad der Dritte«, krächzte die Nächste.
»Mein Name ist Vlad der Vierte.«
»Mein Name ist Vlad der Fünfte.«
»Mein Name ist Vlad der Sechste.
»Mein Name ist Vlad der Siebte.«
»Mein Name ist Vlad der Achte.«
»Mein Name ist Vlad der Neunte.«
»Mein Name ist Vlad der Zehnte.«
Erst nachdem sich Vlad der Elfte vorgestellt hatte, begrif Echo seinen
Fehler. Keine der Ledermäuse ließ es sich nehmen, ihren Namen aufzusagen,
und erst als Vlad der Zweitausendvierhundertachtunddreißigste den seinen
genannt hatte, zeigten sie Echo, der mittlerweile vor Kohldampf fast verging,
den verborgenen Weg hinaus auf das Dach.

Über Walter Moers

Biografie

Walter Moers, 1957 in Mönchengladbach geboren, ist der Erfinder des »Käpt'n Blaubär« und hatte auch große Erfolge mit den Büchern um »Das kleine Arschloch« und der Comic-Figur »Adolf«. 1999 stürmte der Roman »Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär« die Bestsellerlisten. Dem folgten inzwischen mehrere...

Medien zu »Der Schrecksenmeister«

Pressestimmen

Abendzeitung

Walter Moers treibt sein wortspieltriebhaftes Märchen so rasant durch Witz und Schock, dass sich die Damen Rowling und Funke nur mit dem Sprung zum Betthupferl retten können.

Kommentare zum Buch

Der Schrecksenmeister
Theresa Danneck am 13.12.2015

Das Ende der Schreckse muss Walter Moers sich fantasiert haben. Wie ich aus bestens informierten Kreisen weiss, ist sie (mit Hilfe der Kratze) dem Schrecksenmeister entkommen. Sie will nun ihre Kraefte buendeln um das STANDING der Menschen gegen despotische Schrecksenmeister zu unterstuetzen.

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