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Der Schmetterlingsbaum

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Der Schmetterlingsbaum — Inhalt

Jeden Sommer ihrer Kindheit hat Liz auf den Obstplantagen ihres Onkels am Eriesee verbracht. Jeden Sommer hat sie darauf gewartet, dass ihr Lieblingsbaum sich orange färben würde, lodernd von unzähligen Schmetterlingen, die sich auf ihrer Wanderung dort niederließen. Jetzt ist Liz vierzig und zurückgekehrt, um als Entomologin den Monarchenfalter zu erforschen. Doch während sie auf dem verlassenen Gut umherstreift, steigen die Erinnerungen auf: Was ist geschehen in jenem Sommer, in dem so vieles zerbrach? Wohin ist ihr Onkel verschwunden, und wäre sie glücklich geworden mit Theo, ihrer ersten großen Liebe, dem mexikanischen Jungen, mit dem sie so viel mehr

verband, als sie ahnen konnte?

Mit Sensibilität und Sprachmacht lässt Jane Urquhart eine Familiengeschichte und eine Landschaft derart lebendig werden, wie es wohl nur eine der ganz großen kanadischen Erzählerinnen vermag.

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 14.04.2012
240 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7532-1

Leseprobe zu »Der Schmetterlingsbaum«

Schauen Sie aus dem Fenster.
Die Anbauflächen dieser Farm sind mittlerweile so vollständig
verwildert, dass mir schon Zweifel kommen, ob die Felder und
Plantagen je außerhalb meiner Erinnerungen, meiner Fantasie existiert
haben. Als ich Anfang zwanzig war, hatte sich das Gelände
bereits verändert – fast bis zur Unkenntlichkeit –, die Baracke der
Arbeiter verfiel, die Obstbäume blieben unbeschnitten und trugen
deshalb kaum Früchte. Aber das war in der Zeit, als meine Tante
anfing, einzelne Parzellen von ihrem Grund abzutrennen und an
Bauunternehmer zu verkaufen; [...]

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Schauen Sie aus dem Fenster.
Die Anbauflächen dieser Farm sind mittlerweile so vollständig
verwildert, dass mir schon Zweifel kommen, ob die Felder und
Plantagen je außerhalb meiner Erinnerungen, meiner Fantasie existiert
haben. Als ich Anfang zwanzig war, hatte sich das Gelände
bereits verändert – fast bis zur Unkenntlichkeit –, die Baracke der
Arbeiter verfiel, die Obstbäume blieben unbeschnitten und trugen
deshalb kaum Früchte. Aber das war in der Zeit, als meine Tante
anfing, einzelne Parzellen von ihrem Grund abzutrennen und an
Bauunternehmer zu verkaufen; ein Schritt auf dem Weg in eine Art
Zukunft, glaubte ich damals, zumindest eine finanzielle Zukunft
für sie, auch für meine Mutter, die unterdessen ebenfalls hergezogen
war. Meine Tante ist jetzt tot, und meine Mutter lebt an einem
Ort, der sich The Golden Field nennt, was ja nur ironisch gemeint
sein kann, zumal mit Blick auf das einzige Feld, das es dort noch
gibt, und sein düsteres Grau im schwindenden Licht.
Sicher, manche Spuren der Vergangenheit hielten sich noch
eine Weile: die Lattenzäune, die von einem der »Alten Urure«
stammten, wie mein Onkel sie zu nennen pflegte, und der eigenartige
Steinhaufen aus den von den Äckern geklaubten Feldsteinen.
»Die erste Ernte im Jahr ist die Steinlese«, lautete die Botschaft
an uns, die faulen Nachkommen. Mein Onkel wiederholte
sie oft, obwohl er in seinem Leben auch nur noch wenig gepflügt
hatte. Letztlich seien viele Feldsteine für den Bau dieses geräumigen
Farmhauses verwendet worden, erzählte er uns, dieses Haus,
das fest und beständig an seinem Platz steht, seitdem es errichtet
wurde; das war um die Mitte des blühenden neunzehnten Jahrhunderts.
Aber die allererste Ernte muss, meinem Onkel zufolge, das
Massaker
an vielen Hektar Wald gewesen sein, das notwendig
war, bevor man dort überhaupt Land bestellen konnte, ob Steinacker
oder goldenes Feld. Ich meine mich zu erinnern, dass in
meiner Kindheit noch Spuren von dem flachen Fundament des
ursprünglichen Blockhauses, in dem die waldrodenden Pioniere
gewohnt haben müssen, zu erkennen waren. Die waren allerdings
so versteckt, dass nur jemand wie mein Onkel sie finden, zeigen
und einen nachdrücklich zur angemessenen Würdigung auffordern
konnte. Ich weiß noch, wie er Teo auf die paar verstreuten
Steine aufmerksam machte, und Teo stand neben ihm, starrte gehorsam
zu Boden und blickte dann fragend zu mir her; wahrscheinlich
versuchte er mich, die verwöhnte Städterin, irgendwo
in den rauen Geschichten unterzubringen, die ihm mein Onkel
über die Gegend hier erzählte. Tote Kleinkinder, junge Männer,
die in Schneestürmen verlorengingen, durch Unwetter stolpernde
Pferde. Teo lauschte höflich, seine braunen Augen ruhten auf
dem ansehnlichen Gesicht meines Onkels, aber in der feuchten
Sommerhitze der achtziger Jahre, als die Farm ein florierender
Betrieb war, müssen
diese Geschichten einem Kind wie ihm völlig
unglaubwürdig erschienen sein.
Abends, wenn ich mein spärliches Geschirr abgespült habe,
kommt es vor, dass ich die prächtigen Möbel dieses alten Hauses
betrachte, eine Sammlung kalter Artefakte. Obwohl ich mit jedem
Tisch, jedem Stuhl vertraut bin, obwohl ich weiß, dass die Hände,
die sie entweder kauften oder bauten – und die Körper, die sie
berührten –, mich zu dem gemacht haben, was ich bin, scheinen sie
aus einer Kultur zu stammen, die so kurzlebig und fragil war, dass
niemand mehr ihre Merkmale aufzählen, geschweige denn für ihren
Fortbestand sorgen kann. Diese massiven, von meinem Onkel
und seiner Frau so geschätzten und gepflegten, bei der Entwicklung
der Familiengeschichten so ausführlich besprochenen Gebilde stehen
jetzt in der einen oder anderen Ecke, so tot wie der Großvater,
die Großtante, die ferne Verwandtschaft, die sie mit einer
Geschichte und einer Bedeutung ausgestattet haben. Heute frage
ich mich, wenn ich manchmal nachts wachliege, für wen ich all
diese Uhren eigentlich aufziehe, warum ich beharrlich Bilder und
Spiegel abstaube. Wie ein Verstorbener ungewisser Abstammung
in einem unentdeckten Grab habe ich alle Ausstattung, alle Beigaben,
die ich im Jenseits brauchen werde, sorgfältig um mich aufgeschichtet.
Nur dass ich lebendig bin und vierzig Jahre alt. Und im
Unterschied zu Ihnen glaube ich nicht an ein Leben nach dem Tod.
Noch etwas. Weil meine Tante Glas liebte und infolgedessen
auch das Spiel des Lichts, ist dieses Haus voller Spiegelungen.
Wenn man es am wenigsten erwartet, geraten einem plötzlich
Bilder des großen Sees in den Blick. Nordfenster, die Südfenstern
gegenüberstehen, geben zerstückelte Meeresansichten wieder,
Spiegel fangen das Licht vom See ein, und ab und zu tauchen auf
den alten Landschaftsgemälden unter Glas, die im Wohnzimmer
hängen, schemenhaft die Pappeln vom Seeufer auf. Glastüren
führen in Räume, wo der Blick bei geöffneten Läden weit über
den See hin gleitet. Zu manchen Tageszeiten sieht man, wenn man
eine der Glastüren öffnet, die von ihrem Zimmer auf die Terrasse
gehen, Wellen über diese Mauern huschen und einander zu einer
unsichtbaren Küste jagen. Im August flattern die Monarchfalter
vor blauem Seewasser, das sich im Glas einer Wettertür spiegelt,
und oft befiedert Gischt das Ziffernblatt der Wanduhr. Als junges
Mädchen nahm ich nie Notiz von diesen Spiegelungen; damals
war das Haus lediglich ein Aufenthaltsort, den man nach den
Vergnügungen des Tages nur unwillig betrat. Aber dieses vielfältige
Wechselspiel, diese ungewisse, veränderliche Bilderwelt, das
gehört jetzt mir. Es ist sonst niemand da, der es braucht.
Seit Mandys Beerdigung ist genau ein Jahr vergangen, wie Sie ja
sehr gut wissen. Ein volles Jahr ist es her, seitdem wir zum Luftstützpunkt
fuhren, um der Heimführungszeremonie beizuwohnen
und anschließend dem langsamen Trauerzug entlang der Straße
zu folgen, die zu Ehren der Helden des derzeitigen Krieges umbenannt
wurde. Es kam einem wie eine ausgedehnte Reise vor, obwohl
der Stützpunkt nur neunzig Meilen westlich von Toronto
liegt, wo die militärische Autopsie durchgeführt wurde. Als wir
uns der Stadt näherten, kamen wir unter Dutzenden Überführungen
hindurch, auf denen respektvolle Zuschauer mit Flaggen und
gelben Bändern standen. Ich hatte gelesen, dass immer Menschenmengen
die Straße säumen, wenn ein gefallener Soldat heimgeholt
wird. Dennoch waren meine Mutter und ich, und meine Vettern
ebenfalls, vom schieren Ausmaß der Anteilnahme überrascht und
gerührt. »Arme Mandy«, sagte meine Mutter jedes Mal, wenn wir
uns einer Überführung näherten. »Wer hätte das gedacht?« Auf
dem Luftstützpunkt hatte sie gesagt: »Arme kleine Amanda … Sie
hat mich immer Tantchen genannt, noch als ranghohe Offizierin.
« Dann fing sie zu weinen an, und ich legte den Arm um sie und
merkte, dass mir ebenfalls die Tränen kamen. Immer wieder ging
mir die Formulierung improvisierter Sprengkörper durch den Kopf,
und das im Tonfall des Militärsprechers, der ein paar Tage zuvor
die entsetzliche Nachricht überbracht hatte. Es war etwas zu Überraschendes
und Spielerisches an dieser Wortwahl – man dachte an
Springteufelchen, an Feuerwerke –, und wenn ich sie schon nicht
vollständig aus meinem Bewusstsein tilgen konnte, wollte ich sie
wenigstens umbauen, verlangsamen, ihr mehr Würde verleihen.
Zwei Tage später, als wir hier im tiefen Süden dieser nördlichen
Provinz eintrafen, kam ganz Kingsville zu unserem Empfang: alle
Highschool-Freunde von Mandy, die Frauen, die meine Mutter bei
der Pflege meiner Tante während ihrer letzten Krankheit unterstützt
hatten, der Bürgermeister und der Stadtrat und alle, die
meinen Onkel gekannt hatten, als er noch hier gewesen war.
Aus Anlass dieses schrecklichen Ereignisses waren verschiedene
Versuche unternommen worden, ihn zu finden. Don forschte Tag
und Nacht im Internet, und Shane hatte sich mit Interpol in Verbindung
gesetzt, sämtliche Botschaften wurden verständigt – es
half alles nichts. Was wenig verwunderlich ist – schließlich ist er
seit über zwanzig Jahren verschwunden. Er muss tot sein, sagte
Don an einem unserer alkoholgetränkten Abende in dieser oder
der folgenden Woche, sonst wäre er jetzt nach Hause gekommen.
Er kann natürlich tot sein, dachte ich; aber wäre er denn zurückgekommen,
falls er doch noch lebte und sogar in der Verfassung
wäre zu reisen? Das Drama in der Nacht, in der ihr Vater verschwand,
hatten weder Don noch Shane direkt mitbekommen.
Auch Mandy nicht, zum Glück; das Nachspiel allerdings erlebten
sie alle drei.
Ich hingegen war dabei gewesen, im Zentrum des Geschehens,
zum falschen Zeitpunkt.
Und wohin wäre er überhaupt zurückgekehrt – gesetzt den
Fall, er wäre dazu in der Lage gewesen? Von seinen älteren Verwandten
waren alle tot, auch seine Frau war tot, und seine tote
Tochter hatte sich unter den militärischen Ehren, mit denen sie
überhäuft worden war, derart verwandelt, dass er wohl nicht einmal
mehr seiner Erinnerung an sie hätte trauen können. Seine
Schwester, meine Mutter, ist noch da, aber nach den vielen Jahren
hat sie nicht mehr viel Ähnlichkeit mit der Frau, die er gekannt hat.
Und dann ich. Und die Farm – die existiert ja kaum noch.
Bis auf das Haus, in dem jetzt ich wohne.
In diesem letzten Sommer vor vielen Jahren, als wir noch zahlreich
waren und die Tage langsam durch den Kalender wanderten,
mehr oder weniger wie immer, da war mir die Farm meines Onkels
noch so sicher und unanfechtbar erschienen wie ein altehrwürdiges
Reich – er, der berühmte Obstzüchter vom Eriesee, der
Landwirtschaftskönig vom ältesten Teil des südwestlichen Ontario,
seinem Herrschaftsgebiet, an dem er uns hier am Esstisch
oder beim Lagerfeuer am Strand in Form seines Wissens- und
Geschichtenschatzes regelmäßig teilhaben ließ. Sogar heute, wenn
ich an einem Sommermorgen aufwache und auf die zwei letzten
Wiesen hinausblicke, die von Baumstümpfen, abgebrochenen
Zweigen und Seidenpflanzengewächsen übersät sind, erschrecke
ich über den verwilderten Zustand der Plantagen, und im ersten
Moment macht es mich stutzig, dass niemand auf den Feldern
und mit den Bäumen beschäftigt ist, keine Vorfahren und keine
Mexikaner – obwohl der Betrieb, wie gesagt, schon seit geraumer
Zeit stillgelegt ist.
Mit Obstplantagen kenne ich mich heute besser aus als früher.
Als die Sommercousine wurde ich ja nicht hineingeboren, wie
Mandy. Mandy hätte schon als Zehnjährige mit verbundenen Augen
einen Korb Früchte sortieren können: die reifsten ganz oben,
die zu früh geernteten als Bodenschicht. Ich sah ihr immer gern zu,
wie sie mit flinken Fingern, eine kleine Sorgenfalte auf ihrer glatten
Stirn, die Festigkeit oder Weichheit jeder Frucht prüfte. Später
erschien sie mir beim Äpfel- oder Birnensortieren eher wie ein professioneller
Croupier, der die Karten für Black Jack austeilt. Aber
als wir Kinder waren, empfand ich diese raschen, sicheren Gesten
als ein magisches Talent, und das beifällige Nicken meines Onkels,
wenn sie mit ihrer Aufgabe fertig war, machte es noch magischer.
Mandy konnte auch auf Bäume klettern und Kirschen in den wartenden
Schoß einer Planenschürze herunterschütteln, während ich
am Boden bleiben und die wenigen Früchte einsammeln musste,
die ins Gras gerollt waren. Nicht, dass man uns Kindern offizielle
Arbeiten aufgetragen hätte, wie es bei Teo der Fall war. Teo der
Pflücker. Er war wirklich ein scharfer Konkurrent für Mandy, wie
er so ganz auf seine Arbeit konzentriert seine kleinen braunen
Hände über den Boden huschen ließ.
Erdbeeren, Kirschen, Pfirsiche, Birnen, Tomaten, Äpfel: Das
war der Rhythmus des Reifens, in Gang gesetzt von meinem Ururgroßvater,
als die Farm noch ein Mischbetrieb gewesen war, dann
verbessert von meinem Urgroßvater und perfektioniert von meinem
Großvater, dem ersten Spezialisten unter den Obstbauern,
der von seinen Plantagen besessen war; die Viehwirtschaft und
den Ackerbau gab er auf, als wären sie nur Beiwerk gewesen und
für seine Vorfahren nicht Rettung vor dem sicheren Hungertod.
Ach, diese Vorfahren mit ihren langen Schatten und langen
Geschichten! Als Teenager wechselten Mandy und ich spöttische
Blicke, wenn mein Onkel wieder mit »den Sagas« anfing, wie
wir sie nannten, diesen Geschichten, in denen er das jeweilige
Familienoberhaupt pauschal als »Alten Urur« bezeichnete, statt
sich mathematisch durch die Generationen zurückzuarbeiten.
Ohnehin schienen alle früheren Butler-Männer Abgüsse ein und
desselben Prototyps gewesen zu sein: eigensinnig, verstockt, mit
einer Neigung zu brachialen Heldentaten unter den widrigsten
Umständen, Regentschaft um Regentschaft. Gebieter über beeindruckende
Körperkräfte, erzielten sie glorreiche Erfolge und fielen
spektakulären Pleiten zum Opfer. Auf den alten Fotos ähnelten
die Urure mit ihren weißen Vollbärten und strengen Mienen den
furchterregenden alttestamentlichen Gestalten von den Illustrationen
in der Familienbibel – vielleicht sogar Jahwe selbst. Wissen
Sie, die Religion hat auch in unserer Familie durchaus einmal eine
Rolle gespielt, aber es war eine unversöhnliche Religion, die mit
dem Fortschreiten der Generationen immer weniger maßgeblich
wurde, während alles, was sie nicht verzeihen wollte, an Bedeutung
gewann.
In unseren frühen Teenagerjahren standen Mandy und ich einander
am nächsten. Wir konnten uns mit Blicken verständigen
und neigten zu unbändigen Lachanfällen in den unpassendsten
Momenten. Diese Heiterkeitsausbrüche gingen oft auf Kosten
meines Onkels, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass er das
nie mitbekam. Was unserer Liebe zu ihm keinen Abbruch tat.
Ich glaube, wir versuchten uns ein wenig von seiner Macht und
seiner Präsenz zu befreien, die uns von frühester Kindheit an beherrscht hatten. Oder es war der Versuch, uns ein Stück weit von
dem genetischen Erbe zu distanzieren, auf dem er beinahe täglich
herumritt. Aber das war uns damals sicher nicht bewusst. Wir
waren Teil der Familie. Hätte uns jemand gefragt, hätten wir vermutlich
darauf beharrt, dass das Land unter unseren Füßen von
unseren Vorfahren geschaffen worden war, denn ohne sie hätte es
keine Obstplantagen gegeben und ohne Obstplantagen langfristig
kein Auskommen.
Ja, nachdem ich ihnen auch beim Verkümmern und Eingehen
zugesehen habe, weiß ich jetzt einiges über Obstpflanzungen. Von
der Kürze ihres Lebens kann ich ein Lied singen. Sechzehn Jahre,
maximal, sagte mein Onkel zu uns und jedem, der ihm zuhörte.
Gute Früchte trägt der Baum zwischen dem dritten und dem
zwölften Jahr, dann geht der Ertrag nach und nach zurück. Wenn
die Saison vorbei war, wurden die »alten« Bäume von den wenigen
Mexikanern, die noch für die restlichen Arbeiten geblieben
waren, beschnitten und ausgedünnt. Teo gehörte nie dazu; er war
zu dem Zeitpunkt immer schon mit seiner Mutter nach Hause und
wahrscheinlich in die Schule zurückgekehrt. Aber in diesem letzten
Sommer hatte ich erfahren, dass er im April schon da gewesen
war, frühzeitig genug, um die Berge von ausgeholztem Gestrüpp
und Abfällen des Vorjahres zu verbrennen. Ich kam ja immer erst
Ende Juni auf die Farm, aber von dem Feuer erzählte er mir, als ich
mit meiner Mutter aus der Stadt eintraf.
Als mich ein Auftrag vom Schutzgebiet-Forschungszentrum
hierherführte und ich das Haus übernahm, gab es noch eine letzte
heruntergekommene Pfirsich- und Apfelbaumpflanzung, und ein
paar Bäume darin trugen sogar noch. Die Kirschplantagen am See
waren gleich zu Beginn an Bauunternehmer verkauft worden, die
Stämme hatte sich ein Sägewerk geholt. Das Tomatenfeld hinter
dem Haus füllte sich nach und nach mit Wildblumen und – zum
Glück für mich und die Schmetterlinge – mit Seidenpflanzen. Ich
versuchte ein halbes Dutzend Apfelbäume ohne Hilfe der Spritzmittel, die ich wegen ihrer Schädlichkeit für die Schmetterlinge zu
hassen gelernt hatte, am Leben zu halten, aber die Bäume trugen
nicht mehr. Und dann hielt in ihrem Holz natürlich anderes Leben
Einzug, und die Plantagen starben nach und nach ab.
Was die Monarchfalter angeht, so wussten wir in den ersten
Sommern gar nicht, wo sie herkamen oder – je nach Sichtweise –
wohin sie verschwanden. Wir nahmen sie einfach als selbstverständliche
Begleiterscheinung des Sommers hin, wie unser Obst,
wie die Erdbeeren oder Maiskolben, die am Straßenrand verkauft
wurden, oder eben auch die Mexikaner. Es dauerte Jahre, bis die
Mitarbeiter der Forschungsstation an der Landzunge die Schmetterlinge
zu markieren begannen, um dem Verlauf ihrer Wanderungen
zu folgen, und weitere Jahre dauerte es, bis der Ort, an dem die
Exemplare aus unserer Region überwinterten, in mein Blickfeld
geriet.
Aber jeden Sommer staunten wir neu über den Schmetterlingsbaum,
wie wir ihn nannten. In den dazwischenliegenden Monaten,
wenn uns der Winter im Griff hatte und wir von Schule und allerlei
anderen Beschäftigungen in Anspruch genommen waren, vergaßen
wir das Schauspiel immer wieder, so dass es jedes Mal, wenn
wieder ein Sommer zu Ende ging, ein überraschendes Geschenk
war: ein Herbstbaum, der sich in einen brennenden Dornbusch
verwandelt – eine gewöhnliche Zeder lodernd von Flügelgeflatter.
Wenn wir vom Haus unsere Zufahrtsstraße entlangblickten, war
unser erster Gedanke immer, dieser eine Baum sei über Nacht
orange
geworden, während das Laub ringsum noch sein Sommergrün
bewahrt hatte; aber noch bevor das Phänomen vollständig
in unser Hirn eingedrungen war, fiel uns wieder ein, dass wir es ja
schon von früher kannten.
Nicht, dass die Schmetterlinge nicht schon den ganzen Sommer
da gewesen wären: Einen oder zwei sah man immer in der
Nähe von Blüten durch die Luft tanzen und Nektar trinken. Aber
nie traten sie in derart atemberaubender Zahl auf, bis der Tag des
Schmetterlingsbaums kam. Diese Heerschar, dieses dichtgedrängte
Geflatter bedeckte jeden Zentimeter Nadeln und Rinde oder
umschwebte den Baum in nächster Nähe in der Hoffnung auf
einen Landeplatz. Das Bild dieses Baums hatten wir in uns, wenn
der besondere Tag sich näherte, aber wir verloren kein Wort mehr
darüber, bis der Schock des ersten Anblicks verebbt und der Baum
und seine Bewohner ein Tatbestand geworden waren. Die Schmetterlinge
sind wieder auf dem Baum. Mehr als alles andere war es diese
Ankündigung, die das Ende der Saison einläutete, das Losungswort,
das uns mitteilte, dass die Spiele des Sommers vorbei waren.
Seltsamerweise hinterfragten wir das Vorkommnis damals
nicht. Den Aufbruch der Monarchfalter – den ich mir, nicht zu
Unrecht, wie einen riesigen orangefarbenen Schleier über dem
Baum vorstellte, der sich lüftete und dann in Richtung Ohio über
den großen See davonschwebte – hatte niemand von uns je mit
eigenen Augen gesehen. Sie überraschten uns, und dann waren sie
fort. Wir waren mit Jugend gesegnet. Wir hatten keine Zeit zum
Nachdenken.
Inzwischen bin ich alt genug, um Erklärungen zu verlangen,
und misstrauisch gegenüber Unvorhersehbarkeit und subjektiven
Eindrücken, und ich führe meine Feldforschung und meine Laborarbeit
mit einer Akribie durch, von der ich mir damals, als ich im
Bann jener Sommer stand, nicht hätte träumen lassen. Heutzutage
dreht sich alles um aufgespießte Schmetterlinge, markierte Flügel
und Langzeitaufzeichnungen.

Jane Urquhart

Über Jane Urquhart

Biografie

Jane Urquhart wurde 1949 in Geralton, Ontario, geboren, wuchs in Toronto auf und lebt heute wieder in einer Kleinstadt in Ontario. Sie gehört zu den erfolgreichsten kanadischen Schriftstellerinnen der Gegenwart.

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