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Der Ruf der Highlands

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Roman

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Der Ruf der Highlands — Inhalt

Liebe und Romantik in Schottland

Ein fesselndes Familienepos vor der atemberaubenden Kulisse der schottischen Highlands

Edinburgh, 1920: Lilis Glück scheint perfekt, als sie sich in den verwitweten Sean verliebt. Wären da nicht ihre Familien: Die beiden verfeindeten Clans setzen alles daran, die Verbindung zu verhindern. Eine Fehde, so alt wie die schottischen Hochmoore selbst, droht die zarten Bande ihrer Liebe zu zerstören. Werden Lilis und Seans Gefühle füreinander stark genug sein?

€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
480 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98011-1

Leseprobe zu »Der Ruf der Highlands«

Leseprobe

Prolog

Der kleine Seitenarm des River Conon nordwestlich von Muir of Ord in Strathconon trug seit Generationen zwei Namen. Für die einen hieß er Artair’s Burn, für die anderen Angus’ Burn. Für zwei Familien besaß er jedoch auch noch einen dritten Namen, Fuath-Burn, der Bach des Hasses, war es doch das Einzige, was die beiden Seiten verband: unbändiger Hass! Das graublaue Wasser aber floss davon ungerührt auch an diesem Sommertag gleichmäßig von seiner Quelle im Wald von Torrachilty kommend in den River Conon. Ein Schwarm brauner Forellen [...]

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Leseprobe

Prolog

Der kleine Seitenarm des River Conon nordwestlich von Muir of Ord in Strathconon trug seit Generationen zwei Namen. Für die einen hieß er Artair’s Burn, für die anderen Angus’ Burn. Für zwei Familien besaß er jedoch auch noch einen dritten Namen, Fuath-Burn, der Bach des Hasses, war es doch das Einzige, was die beiden Seiten verband: unbändiger Hass! Das graublaue Wasser aber floss davon ungerührt auch an diesem Sommertag gleichmäßig von seiner Quelle im Wald von Torrachilty kommend in den River Conon. Ein Schwarm brauner Forellen tummelte sich spielerisch darin. Auf der Lichtung, durch die der Fluss führte, graste ein Rudel Rotwild, das sich aus den kargen Bergen hinunter in das fruchtbare Tal gewagt hatte.

Plötzlich hielt das Leittier inne, hob den Kopf, stieß einen heiseren Schreckenslaut aus und stob in Richtung Wald von dannen. Das Rudel folgte ihm auf der Stelle. Einen Augenblick lang herrschte gespenstische Stille auf der Lichtung. Selbst die Vögel hatten aufgehört zu zwitschern.

Zwei Gestalten näherten sich mit schweren Schritten. Die eine von Norden, die andere von Süden. Es waren zwei Männer, beide gleichermaßen hochgewachsen und kräftig. Beide trugen sie die Kleidung der Hochlandbewohner, einen Kilt mit Hemd und Jacke, dazu dicke Strümpfe und derbe Schuhe. Und beide blickten ähnlich grimmig drein. Das aber waren auch schon alle Gemeinsamkeiten der beiden Männer, die nun jeweils auf ihrer Uferseite stehen geblieben waren. Der Mann, der von Norden gekommen war, hatte weizenblondes Haar, das ihm wirr bis fast in die Augen hing. Sein Gesicht war kantig und voller Bartstoppeln, sein Kilt, in dessen Tartan die Farbe Grün vorherrschte, verschlissen, sein weißes Hemd schimmerte fleckig. Über die Brust zog sich ein Riss im Stoff, und seine Schuhe waren mit einer Staubschicht bedeckt. Das Auffallendste an ihm aber waren seine wasserblauen Augen, so klar wie ein Bergsee. Er wirkte beinahe ärmlich, während der andere Mann einen wohlhabenden Eindruck machte. Dessen Kleidung war sauber und gepflegt, seine Schuhe waren geputzt, sein rundliches Gesicht glatt rasiert. Er hatte rote Locken, die neckisch unter seiner Mütze hervorlugten. Seine Kopfbedeckung besaß denselben Tartan wie der Kilt, in dem ein kräftiges Rot hervorstach.

Stumm und reglos standen sich die beiden eine ganze Weile gegenüber und musterten einander mit feindseligen Blicken.

»Warum hast du mich herbestellt? Für uns bist du schon vor vielen Jahren gestorben!«, rief der rot Gelockte schließlich über den Fluss.

Der Blonde lachte dröhnend. »Den Grund kennst du ganz genau. Du hast etwas, das mir gehört.«

Der Mann, der von Süden gekommen war, wurde blass. »Ich glaube, mein Lieber, du verkennst die Tatsachen!«, brüllte er zurück. »Das Land ist unser!«

»Was ihr euch genauso erschlichen habt wie die Collane, die euch nicht zusteht. Aber ich rede weder vom Land noch von der Ordenskette. Das weißt du ganz genau! Wo ist sie? Man hat mir gesagt, sie lebe in deinem Haus. Richte ihr aus, dass ich zurück bin.«

»Das werde ich nicht tun! Sie hält dich für tot, und das soll so bleiben.«

»Dann hole ich sie mir mit Gewalt.«

Der rot Gelockte lachte hämisch. »Das glaube ich dir gern. Damit kennt ihr euch ja aus, ihr Pack!«

Der Blonde machte einen Schritt nach vorn, versank bis zu den Knien im Wasser und drohte mit der Faust, aber der rot Gelockte zuckte nicht zurück. Im Gegenteil, sein mit Sommersprossen übersätes rosiges Gesicht lief feuerrot an, und er trat ebenfalls mit beiden Füßen in den Fluss.

»Was hat sie in deinem Haus zu suchen?«, schrie der Blonde. Auch seine Wangen hatten sich vor Zorn gerötet.

»Es ist auch ihr Haus«, gab der andere triumphierend zurück, »denn sie ist meine Frau.«

Er hatte seinen Satz kaum zu Ende gesprochen, als der Blonde sich ihm mit Riesenschritten näherte. Er war schon in der Mitte des Flusses angelangt und bis zu den Oberschenkeln im Wasser versunken. Der rot Gelockte aber war zurück ans Ufer geflüchtet.

»Komm her, Feigling!«, brüllte der Blonde. »Komm her und kämpfe! Tulach Ard!«

Der rot Gelockte zögerte einen Augenblick lang, doch dann sprang er ins Wasser und watete auf den Blonden zu. Ehe dieser sichs versah, hatte er ihm einen Hieb auf die Nase versetzt. »Wenn du es wagst, meiner Frau zu nahe zu kommen, bringe ich dich um. Sie erwartet unser zweites Kind. Jede Aufregung schadet ihr!«, schrie er, während der Mann, der aus dem Norden gekommen war, ins Taumeln geriet. Mit letzter Kraft hielt er sich auf den Beinen und wischte sich mit dem Ärmel das Blut aus dem Gesicht.

»Du Dummkopf! Und du glaubst wirklich, das erste ist von dir?«, spie er seinem Angreifer voller Verachtung entgegen. Dann holte er aus und versetzte dem rot Gelockten einen Schlag in den Magen. Der stöhnte laut auf, doch ehe er sich wehren konnte, hatte der Blonde ihn bereits zu Fall gebracht. Der rot Gelockte strampelte kurz unter Wasser, tauchte aber schon einen Augenblick später wieder auf und schnappte nach Luft. Bevor der Blonde ihn erneut unter Wasser drücken konnte, hatte der rot Gelockte die Beine seines Gegners gepackt. Das kam so überraschend, dass der Blonde ins Wanken geriet und rückwärts in den Fluss fiel. Diesen Augenblick nutzte der Rothaarige, um aufzuspringen. Der Blondschopf tauchte prustend aus dem Wasser auf, doch sein Feind hinderte ihn daran, sich aufzurappeln, und presste ihm den Kopf gewaltsam unter Wasser. Der Blonde schlug in seiner Panik wild um sich und strampelte mit den Beinen, doch der Rothaarige ließ seinen Gegner nicht an die Oberfläche kommen, bis dessen Widerstand immer schwächer wurde. Wie von Sinnen hielt der Mann, der von Süden gekommen war, den Kopf des anderen unter Wasser, und erst als sich sein Gegenspieler gar nicht mehr rührte, ließ er los. Der rot Gelockte griff nach dem Kopf des Blonden und zog ihn aus dem Wasser. Die wasserblauen Augen des Blonden waren vor Schreck weit aufgerissen, aber der Blick war erloschen. Der Rothaarige schüttelte ihn hin und her. Wie bei einer Stoffpuppe flog der Kopf zu beiden Seiten. Als der Rothaarige nach einer halben Ewigkeit begriff, dass er den Mann, der von Norden gekommen war, getötet hatte, schrie er aus Leibeskräften ihren Namen. Mhairie! Mhairie! kam das Echo von der steil aufragenden Felswand hinter ihm schauerlich zurück. Der Fluss aber floss ungerührt weiter, wie er es seit jeher getan hatte, doch er würde von diesem Tag an nur noch den einen Namen tragen: Eng Burn, der Bach des Todes.

1. Teil

Edinburgh/Inverness, November 1913 – Hogmanay

(schottisches Silvester und Neujahrsfest) 1913/1914

 

 

Farewell to the Highlands,

farewell to the North,

The birth-place of Valour,

The country of Worth;

Wherever I wander,

Wherever I rove,

The hills of the Highlands

for ever I love.

 

Robert Burns (1759 – 1796), schottischer Dichter

Aus: My Heart’s in the Highlands

2. Teil

Im Tal von Strathconon, Juni 1850 – Juli 1854

 

 

It’s a still, autumn morning, and it covers Loch Meig

And all the trees across the valley in a blaze of dying green

I’ve seen too many tail-lights, didn’t need to say goodbye

We’re just souls across a shrinking world

in a distant starlit night.

Please believe me something in me died

Leaving Strathconon

And your mountains behind

Please believe me something in me died

Leaving Strathconon

And your father’s home behind.

 

Aus dem Liedtext Leaving Strathconon

der schottischen Band Runrig

3. Teil

Highlands, April 1914 – Dezember 1914

 

 

Es ist das Herz,

das immer eher als der Verstand sieht.

 

Thomas Carlyle (1795 – 1881),

schottischer Philosoph, Historiker und Essayist

1

Edinburgh, 29. November 1913

Der raue Westwind pfiff durch die Häuserschlucht der Bell’s Wynd, einer der kleinen Gassen, die von der High Street abgingen und zu jenen düsteren Hinterhäusern führten, die teilweise noch aus dem Mittelalter stammten. Auch in der Hauptstraße wehte ein eisiger Wind. Trotzdem herrschte in den Gassen selbst an diesem kalten und ungemütlichen Tag geschäftiger Trubel. Überall im Windschatten hatten die Händler ihre Stände aufgebaut und verkauften ihr schottisches Gebäck in unterschiedlichen Ausführungen. Der süße Duft von Shortbread stieg Lili Campbell verführerisch in die Nase. Sie wohnte noch nicht lange wieder im Zentrum der Stadt, aber sie liebte das städtische Leben, bis auf die stinkenden schwarzen Rauchwolken, die aus unzähligen Schornsteinen in den Himmel qualmten. Sie konnte gut verstehen, dass man Edinburgh im Mittelalter auch Old Smokie genannt hatte. Abgesehen davon, dass es mittlerweile längst nicht mehr so viele Kamine auf engstem Raum gab, stank der Rauch, den sie ausstießen, noch genauso übel wie vor Hunderten von Jahren. Bis vor Kurzem hatte Lili ein Zimmer im Internat bewohnt, draußen im grünen Westen, aber ein liebeskranker Kollege hatte sie in die Flucht geschlagen. Ian Mackay, Mathematiklehrer an der St.-George’s-Mädchenschule, hatte ihr, nachdem sie einmal mit ihm einen Spaziergang zum Fluss unternommen hatte, regelrecht nachgestellt. Er hatte ein Stockwerk über ihr gewohnt und Abend für Abend schottische Liebeslieder am offenen Fenster gesungen. Als er ihr schließlich eines Tages überraschend im Klassenzimmer vor den kichernden Schülerinnen einen Blumenstrauß überreicht hatte, war sie noch an demselben Tag zur Direktorin gegangen und hatte darum gebeten, zu ihrer Mutter in die Stadt ziehen zu dürfen. Den wahren Grund hatte sie Miss Macdonald allerdings verschwiegen. Das gestrenge Fräulein hätte dem liebestollen Kollegen wohl sofort die Stellung gekündigt, und das hatte er Lilis Meinung nach dann doch nicht verdient.

Daran musste die junge Lehrerin denken, während sie schnellen Schrittes aus der Stadtmitte in Richtung Princess Street eilte, wo sich ihr Arbeitsplatz befand. Sie ging jeden Morgen zu Fuß. Das war gesund, und sie hatte vor Schulbeginn die Gelegenheit, ihren Gedanken nachzuhängen. Noch einmal schweiften diese zu ihrem hartnäckigen Verehrer ab. Er sah nicht einmal schlecht aus, und auch sein Alter störte sie nicht – er war an die zehn Jahre älter als sie –, aber er war ihr einfach zu langweilig. Wenn er über etwas mit Feuereifer sprach, dann über den Satz des Pythagoras und die euklidische Geometrie. Ein Thema, das Lili gar nicht ferner hätte liegen können. Sie unterrichtete nämlich englische Literatur und Musik. Einmal hatte er ihr sogar ein selbst gemachtes Liebesgedicht unter dem Türspalt hindurchgeschoben. Lili hatte nicht umhin gekonnt, kichernd den Rotstift anzusetzen. Ein Werk wie dieses aus der Feder einer ihrer Schülerinnen hätte dieser einigen Tadel eingebracht. Natürlich hatte sie den guten Willen gewürdigt, aber weder Inhalt noch Form des Machwerks hatten ihr Herz erweicht. Sie konnte zwar nicht mit Sicherheit sagen, wie der Mann sein musste, in den sie sich würde verlieben können, aber eines wusste sie genau: Er sollte eher ein Schöngeist oder zumindest ein profunder Kenner von Literatur und Musik sein.

Lili zog sich den Kragen ihres Wollmantels noch höher, als sie am Hals einen kalten Windhauch spürte. Zum Glück regnet es nicht, dachte sie mit bangem Blick zum Himmel hinauf. Noch schien die Sonne, aber von Westen her näherten sich bereits wieder bedrohlich düstere Wolken. Sie war nur froh, dass sie sich heute nicht am frühen Morgen im Dunkeln auf den langen Weg hatte machen müssen wie sonst im Winter. Heute herrschte nämlich Ausnahmezustand in der Schule, denn morgen war der St. Andrew’s Day zu Ehren des schottischen Schutzheiligen, der an der St. George’s immer besonders gefeiert wurde. Am Vorabend trafen jedes Jahr die Eltern der Schülerinnen ein, die hoch aus dem Norden, aus den Highlands, kamen. Sie durften ihre Kinder besuchen, die so kurz vor Weihnachten keine Ferien mehr bekamen. In den umliegenden Hotels bezogen sie Quartier, denn schon am Abend wurde bei Musik, Tanz und einem Haggis-Essen, dem schottischen Nationalgericht, in dem großen Festsaal der Schule ausgelassen gefeiert. Viele Mädchen hatten ihre Eltern seit den Sommerferien nicht mehr gesehen. Sie waren deshalb viel zu aufgeregt, um an einem Tag wie diesem dem Unterricht zu folgen. Deshalb musste auch Lili erst am Vormittag zur Schule, wo die Mädchen probten, was sie abends vor den Eltern auf der Bühne zum Besten geben würden. Der absolute Höhepunkt war in diesem Jahr die Aufführung eines Schwerttanzes, des Gillie Callum, der elfjährigen Isobel Munroy. Lili selbst hatte das begabte Mädchen dazu ermutigt, den Solotanz zu wagen. Wochenlang hatten die Tanzlehrerin Mademoiselle Larange und Lili mit Isobel geübt. Lilis Herzschlag beschleunigte sich bei dem Gedanken an den heutigen Auftritt ihrer heimlichen Lieblingsschülerin. Sie würde das Mädchen am Klavier begleiten, und da musste jeder Ton sitzen, um Isobel nicht aus dem Rhythmus zu bringen. Sie durfte ja beim Tanzen auf keinen Fall eines der beiden am Boden liegenden gekreuzten Schwerter berühren.

Eine wohlbekannte Männerstimme holte sie aus ihren Gedanken. »Guten Tag, Miss Campbell«, grüßte Ian betont förmlich.

»Hallo, Ian«, erwiderte Lili freundlich und blickte auf.

Aus seinem Gesicht sprach der reine Vorwurf, aber er schwieg. So verliefen ihre Begegnungen in der Schule stets, seit Lili in die Bell’s Wynd gezogen war, aber ihr war das lieber so. Endlich hatte er verstanden, dass sie kein privates Interesse an ihm hatte.

Lili war bereits auf dem Schulgelände angelangt und eilte geradewegs in den Festsaal, wo sie noch einmal mit Isobel proben wollte, doch als Lili den Saal betrat, fand sie ihre Schülerin in Tränen aufgelöst.

»Bella, was ist geschehen?«, fragte Lili erschrocken und legte ihr tröstend den Arm um die Schultern.

Das hochgewachsene Mädchen mit dem rot gelockten dicken Haar und einem Gesicht voller Sommersprossen blickte die Lehrerin traurig an. »Mein Vater«, weinte sie, zog einen zerknitterten Brief aus der Tasche ihrer Schulschürze und reichte ihn Lili wortlos. Die zögerte, Isobels Post zu lesen, doch nachdem das Mädchen sie regelrecht dazu aufgefordert hatte, vertiefte sie sich in die Worte. Ihr Vater besaß eine für einen Mann ausgesprochen geschwungene Handschrift. Bedauernd teilte er seiner Tochter mit, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu den Feierlichkeiten kommen könne. Er habe einen wichtigen Termin mit einem Kunden in Inverness, der es ihm wohl nicht möglich mache, pünktlich zur Aufführung in Edinburgh zu sein, und dann lohne es sich doch gar nicht mehr, wenn er käme. Man sehe sich doch bald in den Ferien, versuchte er sie zu trösten, doch das half alles nichts. Isobel war außer sich vor Enttäuschung.

»Ich werde nicht tanzen heute Abend. Ich bin sowieso nicht gut. Und jetzt, wo Daddy nicht einmal zuguckt …«, schluchzte sie zum Herzerweichen. Lili suchte nach tröstenden Worten, doch ihr fiel nichts Passendes ein, denn es war nicht das erste Mal, dass der Vater des Mädchens Termine im Internat kurzfristig absagte. Auch wurde Isobel stets von den Eltern anderer Mädchen aus den Highlands in die Ferien abgeholt, sodass Lili ihn auch noch niemals persönlich zu Gesicht bekommen hatte. Er war einer der wenigen Väter, die sie nicht kannte. Bevor Lili aber etwas sagen konnte, schwebte Mademoiselle Larange in den Saal, die elfengleiche, nicht mehr junge ehemalige französische Primaballerina, die früher um die ganze Welt gereist und umjubelt worden war.

»Was ist denn ier los?«, fragte sie in ihrem unvergleichlichen Singsang.

Lili hob die Schultern. »Ihr Vater wird höchstwahrscheinlich heute Abend nicht kommen, und jetzt will sie den Tanz nicht aufführen.«

Mademoiselle Larange kräuselte ihr schmales Näschen zum Zeichen, dass sie Isobels Verhalten ganz und gar nicht guthieß. »Mein liebes Kind, du biest ein begnadete Tänzerin, wir aben mit disch bis zum Umgefallen geübt und n’est pas fair aus persönlische Gründe alles werfen hin. Ein große Künstlerin braucht nischt nur Talent, sondern auch Durschaltevermögen und die Fäischkeit, bei die Sache zu bleiben. Wie stellst du disch das vor? Eute Abend wird erwartet, das jemand den Gillie Callum tanzt. Das ist der Öepunkt! Wir aben zwar nischt verraten, wer der ist, Mais pardon, wer außer disch kann das?«

Lili musste sich ein Grinsen verkneifen. Mademoiselle Larange sprach mit dem schrecklichsten Akzent, den Lili je gehört hatte, aber dafür mit Händen und Füßen. Und ihr Appell schien Früchte zu tragen, denn Isobels Tränen waren versiegt.

»Qui, du ast ein Pflischt. Und nun, Mademoiselle Cambelle, gehen Sie an der Piano!«

Lili folgte der Aufforderung der Tanzlehrerin und nahm auf ihrem Hocker Platz. Dass der Gillie Callum heute Abend am Klavier begleitet wurde, war eine Seltenheit. Gewöhnlich spielte ein Dudelsackspieler die alte Melodie, doch Isobel wollte unbedingt, dass Lili am Klavier dabei war.

Während die Tanzlehrerin ihren Platz im Zuschauerraum einnahm, drapierte Isobel mit äußerster Konzentration ihre zwei Breitschwerter auf dem Boden. Sie mussten so übereinander gelegt werden, dass zwischen den Klingen vier gleich große Felder entstanden, denn den Höhepunkt der Darbietung stellten die Schritte dar, die zwischen den Schwertern getanzt wurden.

Lili wartete, bis Mademoiselle ihr das Zeichen gab, und begann dann mit dem Klavierspiel. Mit einem Seitenblick musste sie feststellen, dass Isobel nicht bei der Sache war. Und schon wurde das Mädchen streng unterbrochen, und eine einzige Schimpftirade in schrecklichem Kauderwelsch prasselte auf die Unglückliche nieder. Mademoiselle Larange war auf die Bühne gesprungen und hielt Isobel eine Standpauke. Sosehr Lili vorhin die Worte der Kollegin befürwortet hatte, so übte sie ihrer Meinung nach nun viel zu viel Druck aus, der bei Isobel nichts als Trotz hervorrief.

Mit verschränkten Armen stand das Mädchen vor der Lehrerin und hatte die Lippen fest zusammengepresst. »Ast du nischt geört? Isch sagte, du sollst noch einmal machen!«, befahl Mademoiselle Larange mit schriller Stimme, doch Isobel rührte sich nicht. Die Französin warf ihrer Kollegin am Klavier einen hilflosen Blick zu. Lili dachte kurz nach, dann erhob sie sich.

»Komm, Bella!«, sagte sie mit weicher Stimme. »Wir unternehmen einen kleinen Spaziergang an der frischen Luft.« Sie blickte von ihrer Schülerin zur Tanzlehrerin. »Entschuldigen Sie uns, wir sind gleich wieder da!«

»Soit! Mais vite, vite!«, knurrte Mademoiselle Larange. Lili schlüpfte hastig in ihren Mantel und machte Isobel ein Zeichen, ihr nach draußen zu folgen. Der Wind hatte etwas nachgelassen. Dafür regnete es in Strömen, sodass Lili im Eingang stehen blieb.

»Ich kann nicht, das habe ich doch gleich gesagt. Warum muss mich die Moiselle dazu zwingen?«, beschwerte sich Isobel.

Lili seufzte tief. Dann wandte sie sich ihrer Schülerin zu und musterte sie mit ernstem Blick. »Mademoiselle Larange hat recht. Es wäre schade, wenn du vor lauter Enttäuschung, dass dein Vater nicht zur Aufführung kommt, alles hinwirfst. Es gibt doch so viele andere, die sich an deinem Tanz erfreuen würden.«

»Ich will aber für meinen Vater tanzen«, widersprach Isobel trotzig.

Wieder seufzte Lili. »Ich weiß, wie du dich fühlst. Weißt du, als ich meine ersten Konzerte in der Schule gegeben habe, war meine Mutter nie dabei. Was meinst du, wie oft ich die Lust am Klavierspielen verloren hatte? Aber dann waren da meine Lehrer, meine Mitschüler, die Eltern der anderen Mädchen …«

»Sie hatten wenigstens eine Mutter«, unterbrach Isobel Lili.

»Ja, aber dafür bin ich ohne Vater aufgewachsen.«

Das Mädchen blickte seine Lehrerin neugierig an. »Ist Ihr Vater auch gestorben, als Sie noch klein waren? Ich war sieben, als meine Mutter starb.«

»Nein, er ist …«, erwiderte Lili gedankenverloren, doch dann berichtigte sie sich rasch. »Ja, genau, er ist gestorben, als ich noch ein Baby war. Ich habe nicht einmal ein Bild von ihm, das ich in meinem Herzen bewahren könnte. Aber deshalb weiß ich, wie es ist, mit nur einem Elternteil aufzuwachsen, der dann für den Lebensunterhalt sorgen muss und nie Zeit hat.«

»Besitzt Ihre Mutter etwa auch so eine riesige Schafzucht wie mein Vater?«

Lili lächelte und schüttelte den Kopf. »O nein, das leider nicht. Sie arbeitet in einem Haushalt am Charlotte Square. Und immer, wenn es in der Schule Aufführungen gab wie am St. Andrew’s Day oder zu Burns Supper, fanden im Hause ihrer Herrschaften große Gesellschaften statt, für die meine Mutter große Mengen von Haggis zubereiten musste.«

Isobel sah Lili ungläubig an. Lili verstand das so, dass ihre Schülerin noch immer nicht ganz von den Worten überzeugt war, die ihre Lehrerin zur Verteidigung der alleinerziehenden Elternteile vorgebracht hatte. Deshalb setzte Lili nach.

»Natürlich ist es hart für uns, aber unsere Eltern tun es doch nicht aus böser Absicht, sondern, weil sie arbeiten müssen.«

»Ja, nein, ich …«, stammelte Isobel. »Es ist nur so, bei uns zu Hause … Onkel Craig und Tante Shona ermahnen mich immer, dass ich nicht bei den Dienstboten in der Küche hocken soll.«

Da erst begriff Lili, was Isobel so befremdlich erschien. »Ach so, du wunderst dich darüber, dass meine Mutter Köchin ist, nicht wahr? Ja, weißt du, nicht jeder wird mit einem silbernen Löffel im Mund geboren.«

»Natürlich nicht«, entgegnete Isobel verlegen. »Aber ich glaube, ich habe Sie verstanden. Vater würde sicher wollen, dass ich auch tanze, wenn er nicht dabei ist. Und die Moiselle und Sie, Miss Campbell, Sie haben so lange mit mir geübt. Es wäre undankbar, wenn ich mich sträuben würde.«

»Richtig, so spricht eine vernünftige Isobel Munroy.«

»Und Sie meinen wirklich, dass ich gut genug bin?«

»Du bist ein Naturtalent.« Lili legte den Arm um die Schultern des Mädchens und zog es mit sich fort.

Mademoiselle Larange war nicht da, als sie den Saal betraten.

»Komm schnell und sieh mir zu!«, schlug Lili ihrer Schülerin mit vor Begeisterung geröteten Wangen vor. »Ich mache dir die Schrittfolge noch einmal vor, während du den Gillie Callum singst.«

Hastig legte Lili ihren schweren Mantel ab, zog ihre klobigen Schuhe aus, stellte sich hinter die Schwerter und gab Isobel ein Zeichen, mit dem Gesang zu beginnen.

Das Mädchen besaß eine glockenhelle Stimme, viel zu virtuos für das deftige Lied, aber Lili fand den Einsatz und begann mit den Schritten. Wie oft hatte sie den Gillie Callum schon in dem kleinen Zimmer in der Bell’s Wynd getanzt! Sie bewegte sich so sicher und hörte dabei auf zu denken. Ihre Füße flogen wie von selbst hin und her. Als sie fertig war und sich verbeugte, ertönte aus dem Zuschauerraum Applaus. Erschrocken blickte Lili in die Richtung, aus der er gekommen war. Dort stand Mademoiselle Larange in Begleitung eines groß gewachsenen, schlanken Mannes mit roten Locken in der vornehmen Kleidung eines adeligen Hochländers. Das konnte Lili auf einen Blick erkennen. Die Männer in den Gassen von Edinburgh waren einfacher gekleidet und trugen keine Kilts, sondern einfarbige dunkle Hosen. So angezogen wie dieser Mann waren nur die wohlhabenden Väter der Mädchen aus den Highlands. Diesen aber hatte sie noch nie zuvor gesehen.

Lili lief rot an, denn Mademoiselle Larange und der Fremde klatschten immer noch begeistert.

»Sie ätten Tänzerin werden sollen, Miss Cambelle. Sie haben das im Blut. Aber nun vite, vite, ma chère Isobel!« Sie wandte sich an den Hochländer. »Aber Sie müssen gehen aus die Saal. Sonst ist nischt mehr Überraschung, Sir Niall.«

In diesem Augenblick stürzte sich Isobel mit dem Aufschrei »Vater!« von der Bühne und warf sich dem Mann in die Arme. Er schleuderte sie ein paarmal im Kreis herum, doch dann sagte er mit gespielter Strenge: »Du musst deine Kraft für den Auftritt bewahren, meine kleine Distel!«

»Aber wieso bist du doch gekommen, und schon so früh?«, fragte Isobel, deren Wangen sich vor Freude rosig verfärbt hatten.

»Ich habe Mister Macure, meinem Kunden, die Wahrheit gesagt. Dass meine kleine Tochter heute den Gillie Callum tanzen wird und ich den wegen unserer Besprechung wohl versäumen würde. Und da hat Mister Macure gesagt, dass das nicht infrage komme und wir unseren Termin wohl auf übermorgen verschieben müssten.«

»Ach, Dad, ich bin ja so froh!«, seufzte Isobel und fiel ihrem Vater noch einmal um den Hals.

Lili verfolgte diese innige Begrüßung zwischen Vater und Tochter mit wachsendem Interesse. Was für eine tiefe, warme Stimme er doch hat, dachte sie noch, als sie ihn raunen hörte: »Miss Cambelle, vielen Dank für den bezauberndsten Gillie Callum, den ich je gesehen habe …«

Lili musste sich das Lachen verkneifen, weil er ihren Namen in Mademoiselle Laranges Kauderwelsch ausgesprochen hatte.

»Noch mag er Ihnen vielleicht als der bezauberndste erscheinen«, erwiderte sie schlagfertig. »Aber warten Sie ab, bis Sie Ihre Tochter bewundern dürfen.« Sie hoffte, dass er nicht merkte, wie seine Anwesenheit und besonders sein Kompliment sie verunsicherten. Nicht jeden Tag sagte ihr ein so attraktiver Hochländer, dass sie bezaubernd tanze. Um ihre Unsicherheit zu überspielen, bemerkte sie nun hastig und bestimmt: »Und meine Kollegin hat recht. Sie müssen jetzt gehen. Wir werden noch einmal proben, und wenn Sie dabei zusehen, würde das viel zu viel vorwegnehmen.«

»Aber selbstverständlich«, entgegnete Sir Niall höflich und wandte sich gen Ausgang. Dort drehte er sich noch einmal um. »Darf ich fragen, ob Sie Isobel danach in meine Obhut übergeben könnten? Ich würde gern mit ihr ein wenig durch die Stadt bummeln und einkaufen. Nicht, dass wir in Inverness keine Geschäfte hätten, aber die Auswahl ist hier schon ein wenig größer.«

»Wenn Sie sie rechtzeitig zurückbringen, damit sie noch beim Schmücken des Saales helfen kann, habe ich nichts dagegen. Reichen zwei Stunden für Ihre Besorgungen?«

Der Mann aus dem Hochland lachte tief und voll. »Das kommt darauf an, was meine kleine Distel so alles braucht. Nein, machen Sie sich keine Sorgen. In zwei Stunden bringe ich sie wohlbehalten zurück.« Er deutete eine Verbeugung an, bevor er endgültig den Saal verließ.

Was für ein charmanter und interessanter Mann!, durchfuhr es Lili.

»Miss Cambelle«, riss Mademoiselle Larange Lili, die dem Hochländer immer noch nachstarrte, aus ihren schwärmerischen Gedanken. »Wir wollen probieren! Alors, bist du bereit, Isobel?«

»Ja«, erwiderte das Mädchen mit strahlendem Lächeln und stellte sich hinter den Schwertern auf. Dieses Mal tanzte sie wie eine junge Göttin. Selbst als Lili ein paarmal aus dem Takt geriet und sich im Ton vergriff, überspielte Isobel deren Patzer geschickt.

»Bravo!«, wurde sie von Mademoiselle Larange gelobt. »Und nun, du kannst gehen zu dein Papa. Vite, vite!«

Das ließ sich Isobel nicht zweimal sagen. Grußlos griff sie sich ihren Mantel und flog förmlich davon.

Lili aber traute sich kaum aufzublicken. Ihr war es entsetzlich peinlich, dass sie sich verspielt hatte. Das war doch sonst nicht ihre Art. Hoffentlich hat die Moiselle es nicht bemerkt, dachte sie noch. Doch da zwitscherte die Tanzlehrerin bereits in süffisantem Ton drauflos. »Isch kann Sie verstehen, Miss Cambelle, wenn isch noch im Alter zu eiraten wäre, isch würde diese Mann nischt mehr aus die Augen lassen. Er at zwei besteschende Vorteile: Er ist ein Witwer und ein Baronet. Mais, eute Abend, Sie sollten ihn einer kleiner Moment lang vergessen.«

Lili errötete bis in die Haarwurzeln. »Das hat doch nichts mit Sir Niall zu tun, wenn ich danebengreife«, schwindelte sie mit empörter Stimme.

»Isch verstehe, d’accord, Mais eines müssen Sie misch erklären. Warum aben Sie nie Ballet gemacht? Sie sind gut.«

Lili hob die Schultern. »Meine Mutter hatte nicht das Geld für den Unterricht, und mit fünfundzwanzig dreht man keine großen Pirouetten mehr«, erwiderte sie rasch.

»Aber mit fünfunswansisch ist man in die rischtige Alter zu eiraten, um nischt zu sagen, jetzt oder nie. Isch meine, Sie sehen aus wie keine zwansisch, aber andere in Ihre Alter aben eine Schar von Kindern. Vite, vite, kann isch nur sagen, sonst werden Sie eine alte Moiselle wie isch. Und nie ein Madame«, plapperte Mademoiselle Larange darauflos.

Lili aber zog es vor, diesen sogenannten Wink mit dem Zaunpfahl zu überhören und den Saal eilig zu verlassen. Sie hatte nämlich das ungute Gefühl, dass sie zum wiederholten Mal an diesem Vormittag rot geworden war. Aber ein Körnchen Wahrheit enthielten die Worte der Französin. Das konnte sie nicht leugnen. Sie wusste genau, dass sie nicht mehr endlos warten durfte, wenn sie einmal heiraten und Kinder haben wollte. Eigentlich machte ihr der Beruf große Freude und erfüllte sie voll und ganz. Gut, wenn der richtige Mann kommen würde, dann würde sie ihn vielleicht sogar aufgeben, doch dem war sie bislang noch nicht annähernd begegnet. Und sie konnte ihr Herz wohl kaum an einen unerreichbaren Baronet aus den Highlands hängen.

2

Edinburgh, 29. November 1913

Der Saal der St.-George’s-Mädchenschule war festlich geschmückt. Überall an den Wänden prangten die Wappen der Clans, und Girlanden mit Stoffdisteln hingen über den eingedeckten Tafeln, die strahlenförmig um die Bühne herum aufgestellt worden waren, damit jeder einen freien Blick auf das Geschehen dort oben hatte. Der Tisch am äußeren Rand war den Lehrern vorbehalten. Lili missfiel es außerordentlich, dass wieder einmal Ian Mackay den Platz neben ihr ergattert hatte, nur um sie vorwurfsvoll anzuschweigen.

Lilis Finger wurden eiskalt, als sie von der Direktorin nach deren Ansprache an die Eltern als die »ungewöhnliche musikalische Begleitung« der Schülerin Isobel Munroy bei deren Gillie Callum angesagt wurde. Und das lag nicht nur an ihrem dünnen hellroten Abendkleid aus Seide und Chiffon, das ihre Mutter ihr selbst genäht hatte. Aus Stoffresten, die ihr die Herrschaft geschenkt hatte, doch das war dem Kleid nicht anzusehen. Lili war sich sehr wohl bewusst, dass sie eleganter als ihre Kolleginnen wirkte, die an demselben Tisch wie sie saßen. Bis auf Mademoiselle Larange, die stets durch ihre modischen Extravaganzen hervorstach. Zu einem schlichten, einfach geschnittenem Kleid trug sie riesige Ohrringe in Schlangenform sowie Armreifen, die sich vielfach um ihre schmalen Handgelenke wanden.

Sie ist einfach eine Dame von Welt, dachte Lili bewundernd. Ob sie je so aufregt vor ihren Auftritten war, wie ich es gerade bin?, fragte sie sich, während Madame Larange ihr aufmunternd zunickte.

Daraufhin erhob sich Lili von ihrem Platz und machte eine kurze Verbeugung, bevor sie auf die Bühne zuging. Das Publikum applaudierte. Hoffentlich stolpere ich nicht, schoss es ihr durch den Kopf, während sie die Stufen hinaufschritt.

Mit einer grazilen Bewegung setzte sie sich ans Klavier und begann mit den ersten Takten.

»Wo ist der Dudelsackspieler?«, schallte es aus dem Saal zu ihr herauf, aber nun konnte sie nichts mehr aus der Ruhe bringen. Dachte sie jedenfalls, bis sie einen flüchtigen Blick in das Publikum warf und in ein Paar tiefblauer Augen sah. Beinahe hätte sie die falsche Taste erwischt, sodass sie sich nun eisern auf ihre Hände konzentrierte.

Lautes Klatschen ertönte, als Isobel aus dem hinteren Vorhang auf die Bühne trat und sich hinter den Schwertern aufstellte. Lilis Herz wollte vor lauter Stolz schier bersten beim Anblick ihrer Lieblingsschülerin, die einen karierten Rock trug, der, wie es sich gehörte, kürzer war als ein Kilt, welcher den Männern vorbehalten war. Mit feierlichem Ernst blickte das Mädchen ins Publikum.

Lili betete, dass alles gut gehen möge, und atmete auf, als sich Isobel anmutig in Bewegung setzte und ihre Beine rasant über die Klingen des Schwertes fliegen ließ. Sie wagte sogar einen Sprung, den sie nicht geprobt hatten, den sie aber so gekonnt ausführte, dass das Publikum ihr Zwischenapplaus spendete.

Jetzt kann nichts mehr schiefgehen, dachte Lili erleichtert und erhöhte das Tempo, dem Lili mühelos folgte. Immer schneller tanzten ihre flinken Füße wie bei einer Primaballerina innerhalb der vier Felder. Ihre ernsten Gesichtszüge hatten sich erhellt. Sie lächelte selig, was ihrer Aufführung noch einen besonderen Charme verlieh.

Auch Lili huschte ein befreites Lächeln über die Lippen. Als Isobel den Tanz beendet hatte und mit tosendem Beifall belohnt wurde, wagte Lili erneut einen flüchtigen Blick ins Publikum. Abermals blieb er an dem Gesicht von Isobels Vater hängen, der ihr ein anerkennendes Lächeln schenkte. Sie erwiderte es verlegen. Dann stand sie auf und verbeugte sich gemeinsam mit ihrer Schülerin.

»Die Kleine war gut, aber wo ist der Dudelsackspieler?«, brüllte es erneut aus dem Publikum. An der Stimme des Mannes war unschwer zu erkennen, dass dieser bereits angetrunken war.

Lili versuchte den störenden Zwischenruf zu überhören und lächelte nun tapfer von der Bühne hinunter. Da aber trat Isobel einen Schritt vor und rief laut ins Publikum: »Ich habe mir das Klavier zur Begleitung gewünscht und fand es wunderbar!«

Zur Bekräftigung ihrer Worte sprang ihr Vater von seinem Platz auf. »Wem es nicht gefällt, der soll gehen!«, donnerte er mit lauter Stimme.

Dafür erntete er zustimmenden Beifall, und der Störenfried wurde daraufhin von seinen eigenen Leuten nach draußen geleitet.

Noch einmal verbeugten sich Isobel und Lili, und aus dem Saal ertönte der Gillie Callum, gesungen von allen Gästen der Feier. Diesen Augenblick nutzte Lili, um die Bühne zu verlassen und an ihren Tisch zurückzukehren.

»Da hast du dir aber einen feinen Verehrer angelacht, meine Liebe. Für die Tochter der Köchin zu fein!«, zischte ihr Ian ins Ohr, kaum dass sie sich gesetzt hatte. Lili wurde feuerrot. Offenbar hatte der eifersüchtige Kollege den Blickkontakt zwischen ihr und Isobels Vater beobachtet. Bislang war sie ruhig geblieben, weil sie ihm einen Korb hatte geben müssen und er ihr leidtat. Diese Rücksichtnahme aber hatte er in dieser Sekunde verspielt.

»Wenn du noch einmal deine Nase in meine Angelegenheiten steckst oder dich ungefragt in meine Nähe setzt, erzähle ich Miss Macdonald, dass ich deinetwegen ausgezogen bin«, gab sie wütend zurück.

»Du wirst noch sehen, was du davon hast«, drohte ihr der Mathematiklehrer und kehrte ihr den Rücken zu. Lili aber atmete ein paarmal tief durch. Ob er wohl recht hat und Isobels Vater tatsächlich an mir interessiert ist?, fragte sie sich noch, als das Essen kam. Es gab eine Vorsuppe, auf die sie sich mit Heißhunger stürzte. Sie war den ganzen Tag über noch nicht richtig zum Essen gekommen. Sie hoffte, dass sie davon satt werden würde, denn der Hauptgang war nicht nach ihrem Geschmack. Das durfte sie nur nicht laut sagen, weil sie außer sich selbst keinen einzigen Schotten kannte, der Haggis nicht als seine Lieblingsspeise betrachtet hätte. Die einzige Zubereitung des Nationalgerichts, die wirklich Gnade vor ihren Augen fand, war die ihrer Mutter, aber das, was in der Schule als Haggis auf den Tisch kam, zählte sie nicht zu ihren Lieblingsgerichten. Deshalb füllte sie davon so viel oder so wenig auf den Teller, dass es nicht weiter auffiel, und bediente sich dafür reichlich bei den Kartoffeln und den Rüben. Sie hatte eine Verbündete, was ihre Abneigung gegen Haggis betraf: Mademoiselle Larange, der man es allerdings nachsah, dass ihrem französischer Gaumen der mit Herz, Lunge, Leber, Zwiebeln und Nierenfett gefüllte Schafsmagen nicht unbedingt genehm war. Mit einem Blick auf Lilis Teller schenkte die Moiselle ihr ein wissendes Lächeln.

Lili langte dafür beim Dessert noch einmal ordentlich zu. Sie liebte alle Arten von Pudding und konnte vor allem so viel davon essen, wie sie nur wollte. »Wie kannst du nur so schlank bleiben? Bei den Mengen, die du vertilgst?«, pflegte Lilis Mutter angesichts des gesegneten Appetits ihrer Tochter immer wieder zu fragen und war sich sicher, dass dies aus der väterlichen Linie kommen müsse. Davinia neigte nämlich zur Üppigkeit, was, wie Lili fand, sehr gut zu deren Beruf passte. Man sah ihr an, dass es ihr schmeckte. Väterliche Linie, dachte Lili, und ihr Gesicht verfinsterte sich. Über jene Familie wusste sie gar nichts. Kein Wunder, war ihr Vater doch schon vor ihrer Geburt gestorben. Nicht einmal gewusst hatte er von ihr, aber Davinia pflegte stets im Brustton der Überzeugung zu verkünden, dass er sie selbstverständlich geheiratet hätte, wenn er nicht vorher verunglückt wäre …

Lili versuchte, den Gedanken an ihre Herkunft energisch abzuschütteln. Immer wenn sie daran dachte, wie tapfer ihre Mutter sie beide durchgebracht hatte, stieg in ihr Wut auf ihren Vater hoch. Warum war er auch vom Pferd gestürzt, bevor er Davinia zum Altar hatte führen können? Dann wäre sie, Lili, wenigstens ein eheliches Kind gewesen. So aber musste sie mit diesem Makel leben, dass sie keines war. Heute war dies kaum mehr ein Problem, aber zu Schulzeiten hatte sie schwer darunter zu leiden gehabt.

Lili war froh, als Mademoiselle Larange sie in ein Gespräch über Ballett verwickelte. Das vertrieb ihre düsteren Gedanken im Nu.

Nach dem Essen löste sich die Gesellschaft rasch auf, weil die Mädchen ins Bett mussten, um für die morgendlichen Feierlichkeiten ausgeschlafen zu sein. Lili reckte den Hals, um nach Isobel zu sehen, doch ihr Platz und auch der ihres Vaters waren leer. Sie verspürte eine leichte Enttäuschung bei dem Gedanken, dass die beiden sich nicht einmal verabschiedet hatten, wobei sie sich nicht ganz sicher war, was sie mehr wurmte: dass der Vater das Fest grußlos verlassen hatte oder die Tochter …

Lili wollte gerade eine Girlande abnehmen, als die Direktorin an sie herantrat. »Miss Campbell, Schluss für heute! Sie haben Ihren Beitrag zu unserem Fest zu meiner vollen Zufriedenheit geleistet. Gehen Sie nur. Sie haben noch einen weiten Weg.« Sie blickte Lili wohlwollend an. »Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Arbeit«, fügte sie hinzu. »Selten hat eine so junge Lehrerin in kürzester Zeit Derartiges bewegen können.«

Lili machte dieses Lob verlegen. »Ich habe doch nichts Besonderes getan«, beeilte sie sich zu widersprechen.

»O doch. Sie wissen genau, wie verschlossen Isobel war, als sie auf unsere Schule kam, wie zurückhaltend und schüchtern. Und nun tanzt sie auf der Bühne und begeistert jedermann. Das ist Ihr Verdienst.«

Lili wurde rot. »Das Talent hat sie. Ich habe sie doch nur dazu ermutigt, es zu zeigen. Und Sie dürfen Mademoiselle Larange nicht vergessen. Sie hat sich genauso für die kleine Munroy eingesetzt.«

»Das schätze ich übrigens ebenfalls sehr an Ihnen – Ihre Bescheidenheit«, erwiderte die Direktorin. »Aber nun werden Sie meinen Anweisungen folgen und sich umgehend auf den Heimweg machen. Und bitte, nehmen Sie eine Droschke. Es treibt sich heute Abend allerlei Volk in den Gassen herum.«

Lili nickte. »Dann auf Wiedersehen, Miss Macdonald. Bis morgen.«

»Morgen?«, entgegnete die Direktorin. »Schon vergessen? Alle Lehrkräfte, die ihren Beitrag zu den Festlichkeiten geleistet haben, bekommen morgen frei. Ruhen Sie sich einfach ein wenig aus.«

»Tatsächlich, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Vielen Dank.«

Lili winkte der Direktorin noch einmal zu, bevor sie ihren Mantel holte und ins Freie trat. Die Luft war frisch und klar. Es hatte aufgehört zu regnen, und auch der Wind hatte nachgelassen. Lili warf einen flüchtigen Blick zum sternenklaren Nachthimmel hinauf und stieß einen tiefen Seufzer aus. Am liebsten wäre sie zu Fuß gegangen, aber nun hatte sie der Direktorin versprochen, sich einen Wagen zu nehmen. Vor dem eisernen Tor der Schule warteten bereits einige Droschken, um die Eltern der Schülerinnen in ihre Unterkünfte zu bringen. Lili reihte sich in die Schlange der Wartenden ein. Sofort wurde sie von allen Seiten auf die gelungene Vorführung der kleinen Munroy angesprochen.

»Darf ich Sie mit einer Droschke nach Hause begleiten, Miss Campbell?«, fragte nun plötzlich eine tiefe Männerstimme, die einen geheimnisvollen rauen Klang besaß, hinter ihr. Wie vom Donner gerührt wandte sie sich um. Dabei klopfte ihr das Herz bis zum Hals.

»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dass Sie meintwegen einen Umweg machen, würde ich in dieser selten klaren Nacht tatsächlich lieber zu Fuß gehen.«

»Nichts lieber als das«, entgegnete Sir Niall und reichte ihr seinen Arm. Zögernd hakte Lili sich bei ihm unter. »Ich wohne allerdings etwas weiter weg. Nahe der High Street«, bemerkte sie fast entschuldigend.

»Umso besser«, entgegnete der hochgewachsene Mann, dem sie knapp bis zur Schulter reichte.

Ihr Herz pochte immer noch laut, als sie sich von den wartenden Eltern entfernten, deren aufgeregtes Getuschel die Freude über dieses unerwartete Wiedersehen mit Isobels Vater ein wenig trübte. Nicht dass ich ins Gerede komme, weil ich vor allen Leuten mit ihm fortgehe, durchfuhr es sie eiskalt. Doch kaum, dass sie um die Ecke gebogen waren und sich den Blicken der neugierigen Hochländer entzogen hatten, entspannte sie sich. Was war schon dabei, wenn sie sich von einem Mann auf dem Heimweg durch die Nacht begleiten ließ?

»Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet«, bemerkte der Baronet mit ernster Stimme.

Lili zuckte zusammen. Es war ihr unangenehm, womöglich schon wieder für Isobels Auftritt gelobt zu werden.

»Es ist meine Aufgabe, mich um die Mädchen zu kümmern«, erwiderte sie schroffer als beabsichtigt.

Sir Niall Munroy blieb unvermittelt stehen und blickte Lili tief in die Augen. »Ich habe mir große Sorgen um meine Tochter gemacht, weil sie so in sich gekehrt und abweisend war, doch heute habe ich sie als völlig verändertes Kind erlebt. So fröhlich war sie selten. Und nun erzählen Sie mir nur nicht, dass Sie daran gänzlich unschuldig sind.«

Lili ließ seinen Arm los und trat einen Schritt zurück.

»Mademoiselle Larange und ich haben einfach nur erkannt, was für ein Talent in Ihrer Tochter schlummert. Und nicht ich habe es zuerst bemerkt, sondern meine Kollegin, die Bella im Tanzen unterrichtet.«

Ein Lächeln erhellte sein Gesicht. »Keine Sorge, ich habe der Mademoiselle meinen Dank ebenfalls ausgesprochen. Aber allein wie Sie meine Tochter nennen … Bella, so hat meine Frau sie immer gerufen.«

»Isobel hat mich darum gebeten«, erwiderte Lili mit einer Heftigkeit, die sie selbst erschreckte. Sie fügte hastig hinzu: »Wir sollten den Weg schneller fortsetzen. Ich sagte Ihnen ja bereits, dass ich nicht in der Nachbarschaft des Internats wohne.«

»Aber natürlich«, erwiderte Sir Niall höflich und reichte ihr erneut den Arm. Lili hakte sich zögernd ein. Sosehr sie seine Nähe genoss, plötzlich erschien ihr das alles viel zu persönlich. Es liegt an seinem Blick, dachte sie erschrocken. Er sieht mich nicht wie die Lehrerin seiner Tochter an. Ich erkenne da eine Sehnsucht, aber die kann unmöglich mir gelten.

»Sie müssten einmal ihre Briefe lesen, wie sie von Ihnen spricht. Miss Campbell sagt dieses, Miss Campbell meint jenes …«

Lili stellte erleichtert fest, dass sie bereits den Moray Place erreicht hatten. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Keine Frage, dass sie den Mann aus dem Hochland faszinierend fand, aber Ian Mackay hatte mit seinen vernichtenden Worten vorhin leider die Wahrheit gesprochen. Isobels Vater war ein reicher Baronet aus den Highlands und sie die Tochter einer Köchin.

»Ich mag Isobel, und sie tat mir schrecklich leid. Nicht ein einziges Mal in den zwei Jahren, seit Ihre Tochter bei uns ist, haben Sie der Schule einen Besuch abgestattet. Können Sie sich nicht vorstellen, wie sehr das Mädchen seinen Vater braucht, wenn es schon keine Mutter mehr hat …« Lili unterbrach sich hastig. Sie hatte schon, während sie sprach, gemerkt, dass es ihr nicht zustand, den Vater einer Schülerin in diesem anklagenden Ton zurechtzuweisen.

»Entschuldigen Sie bitte! Das war nicht fair. Ich bin selbst auch nur mit einem Elternteil, mit meiner Mutter, aufgewachsen, die, weil sie mir den Beruf meiner Träume ermöglichen wollte, unentwegt geschuftet hat und eben nie zu Schulaufführungen kommen konnte.«

Ehe Lili sichs versah, hatte Isobels Vater sie in den Arm genommen. »Sie müssen sich nicht entschuldigen«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ob Sie meine Tochter in Ihr Herz geschlossen haben, weil ihr Schicksal Sie an Ihr eigenes erinnert oder aus anderen Gründen, das ist mir gleichgültig. Für mich zählt nur, dass Sie ein Herz für meine Tochter haben und dass auch Sie ihr viel bedeuten.«

Lili blickte ihn aus ihren großen dunklen Augen irritiert an.

»Und ich kann meine Tochter sehr gut verstehen, denn Sie sind eine besondere junge Frau«, fügte er hinzu, ohne den Blick von ihr zu lassen.

Lili wurde trotz der winterlichen Kälte heiß. »Wollen wir weitergehen? Ich friere«, raunte sie wahrheitswidrig und mit belegter Stimme.

Wieder reichte ihr Isobels Vater seinen Arm, doch dieses Mal hakte sich Lili nicht bei ihm unter. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie die High Street erreichten, durch die laut grölende Männerhorden zogen.

Mit einem Seitenblick stellte Lili fest, dass sie nun an der Bell’s Wynd angekommen waren, doch sie ging daran vorbei, als würde sie diese Gasse nicht kennen. Es ging ihn nichts an, in welcher ärmlichen Gegend sie lebte. Stattdessen bog sie auf die South Bridge ein und führte ihn parallel zur High Street über Cowgate zurück in Richtung Grassmarket. Vor der St.-Giles-Kathedrale blieb sie stehen.

»Danke, dass Sie mich bis hierher begleitet haben«, sagte sie mit fester Stimme. »Dort wohne ich.«

»In der Kirche?«, fragte der Mann aus den Highlands, und ein Lächeln umspielte seine Lippen.

»Sie brauchen mich nicht bis ganz nach Hause zu bringen«, entgegnete Lili trocken. »Es sind nur noch wenige Schritte.«

Warum sage ich ihm nicht einfach, dass ich in einer der vielen winzig kleinen Wohnungen zu Hause bin? Dort, wo die einfachen Leute wohnen, durchfuhr es sie, doch im gleichen Augenblick erinnerte sie sich an Isobels Worte: Es ist nur so, bei uns zu Haus … Onkel Craig und Tante Shona ermahnen mich immer, dass ich nicht bei den Dienstboten in der Küche hocken soll.

Nein, er soll nicht wissen, aus was für Verhältnissen ich stamme, dachte Lili entschlossen.

»Gut, dann müssen Sie mir nur noch sagen, wo genau Sie wohnen, damit ich Sie morgen abholen kann«, fragte da der Mann aus dem Hochland interessiert.

»Wozu? Ich habe morgen meinen freien Tag«, erwiderte sie abweisend.

»Genau. Ich weiß. Und deshalb möchten wir mit Ihnen das Feuerwerk und die Dudelsackparaden erleben«, entgegnete er lächelnd.

Lili blickte ihn fragend an.

Er seufzte. »Es ist der ausdrückliche Wunsch meiner Tochter, dass Sie uns begleiten.«

Lili überlegte krampfhaft. Ihr Herz schrie danach, ihn wiederzusehen, während ihr Verstand dringend davon abriet, doch da hörte sie sich bereits antworten: »Gut, morgen Mittag um zwölf an dieser Stelle. Dann können wir die Dudelsackparade ansehen.«

Isobels Vater strahlte über das ganze Gesicht. »Ich freue mich darauf, Miss Campbell«, gurrte er, gab ihr überraschend einen Kuss auf die Wange und wandte sich zum Gehen, bevor sie überhaupt begriffen hatte, was geschehen war.

Lili starrte ihm mit offenem Mund hinterher. Ihre Knie waren so butterweich, dass sie sich an einem der eisernen Gitter abstützen musste, die St. Giles umzäunten.

3

Edinburgh, St. Andrew’s Day, 30. November 1913

Lili erwachte von einem merkwürdigen Geräusch. So als sei etwas zu Boden gefallen. Sie schreckte hoch und rieb sich die Augen.

»Mutter?«, rief sie, und als sie keine Antwort bekam, sprang sie aus dem Bett und wollte zum Zimmer ihrer Mutter eilen, doch diese lag stöhnend auf dem kalten Boden des Flurs.

»Um Himmels willen, was ist geschehen?«, schrie Lili außer sich vor Sorge, während sie sich neben ihre Mutter kniete und Davinia das Haar aus der schweißnassen Stirn strich.

»Ich weiß auch nicht … Plötzlich wurde mir schwindlig, und es zog mir die Beine weg.«

»Wir müssen einen Arzt holen.«

»Unsinn, ich bin doch nicht krank!«, widersprach Davinia und richtete sich energisch auf. »Reich mir die Hand!«, befahl sie. »Ich will sofort aufstehen.«

»Mutter, bitte, du bist umgefallen, du gehörst ins Bett!«

»Ins Bett? Heute am St. Andrew’s Day? Weißt du, wie viele Gäste Mrs Denoon erwartet?«

»Nein, und das ist mir auch völlig gleichgültig. Ich werde sie aufsuchen und dich entschuldigen.«

»Reichst du mir jetzt endlich die Hand?«, schnaubte Davinia.

Seufzend half Lili ihrer Mutter beim Aufrichten. Davinia war bereits fertig angezogen und strich das Kleid glatt, bevor sie sich durch ihr dickes, immer noch dunkelblondes Haar fuhr und nach ihrem Mantel griff.

Lili beobachtete das Ganze missbilligend. Ihre Mutter war weiß wie eine Wand, aber wie sollte sie sie daran hindern, ungeachtet dessen in das Haus am Charlotte Square zu gehen, um zu arbeiten? Davinia ließ sich von keinem Menschen etwas sagen, am allerwenigsten von ihrer Tochter.

»Mutter, bitte, sei nicht unvernünftig«, versuchte Lili ihr noch einmal ins Gewissen zu reden.

»Es war nur ein Schwächeanfall. Nicht der Rede wert«, lautete die barsche Antwort. Kaum hatte Davinia diese Worte ausgesprochen, als sie laut aufstöhnte und sich ans Herz griff.

Lili durchfuhr ein eiskalter Schrecken. Ihre Mutter war noch blasser geworden und stützte sich an der Garderobe ab.

»Komm, Mutter, ich bringe dich ins Bett«, sagte sie leise, doch Davinia stöhnte nur.

»Bis auf die Tage um deine Geburt herum habe ich noch keinen einzigen Tag lang meine Arbeit versäumt, und es gibt nur einen Grund, eine Ausnahme zu machen: wenn man mich mit den Füßen voran hier hinausträgt.«

Lili atmete ein paarmal tief durch. Sie wusste, dass jeder weitere Widerspruch sinnlos war. Und trotzdem konnte sie ihre Mutter in diesem Zustand nicht einfach auf die Straße lassen.

»Gut, wie du willst, aber nur unter einer Bedingung: Ich komme mit. Ich habe heute meinen freien Tag. Da kann ich dir in der Küche zur Hand gehen.«

Davinia lächelte gequält. »Ich kenne dich, mein Kind. Wenn du dir etwas in den Kopf setzt, dann kann man es dir um keinen Preis der Welt ausreden.«

»Von wem ich das wohl habe?«, erwiderte Lili und bat ihre Mutter, in der Küche auf einem Stuhl zu warten, bis sie sich angezogen hatte.

»Du behandelst mich wie ein gebrechliches altes Weib«, schimpfte Davinia, als Lili sie unterhakte, kaum dass sie auf der High Street angekommen waren. Wenigstens regnet es nicht, dachte Lili. Erst als sie an St. Giles vorbeigingen, fiel ihr siedend heiß ihre Verabredung mit Isobel und deren Vater ein, aber sie hatte keine andere Wahl. Ihre Mutter schnaufte bei jedem Schritt. Nein, sie wurde gebraucht. Und es kam ihr ganz gelegen, denn so musste sie keine schwierige Entscheidung treffen. Sie hatte gestern Abend nicht einschlafen können, weil sie sich mit der Frage das Hirn zermartert hatte, ob sie den Tag tatsächlich mit den beiden genießen oder nur hingehen sollte, um abzusagen. Ihr Verstand hatte ihr dringend von einem Treffen mit Vater und Tochter abgeraten, während sie sich tief im Herzen danach sehnte, den Baronet wiederzusehen. Kurz vor dem Einschlafen hatte ihr Gefühl gesiegt. Was machte schon der eine Tag? Selbst den Einwand, sie könne sich in ihn verlieben, hatte sie fortgeschoben. Das waren verklärte Nachtgedanken gewesen. Heute in der Morgendämmerung sah alles schon wieder ganz anders aus. Es war besser, wenn sie ihn nicht noch einmal traf, erst recht, da sie im Begriff stand, sich in ihn zu verlieben. Warum etwas vorantreiben, das keine Zukunft hatte?

Die Stimme ihrer Mutter riss sie aus ihren Gedanken. »Lili, träumst du? Ich habe dich schon dreimal gefragt, wie es gestern Abend war.«

»Entschuldige, ich habe gerade an etwas anderes gedacht. Gut, ja, es war sehr gut.«

»Gesprächig bist du ja nicht gerade«, bemerkte Davinia und blieb erneut stehen, um zu verschnaufen.

»Du lässt dich aber schon von Doktor Denoon untersuchen, nicht wahr?«, fragte Lili bang.

»Lili, ich habe dir doch bereits gesagt – sie haben heute Gäste. Da werde ich ihn wohl kaum mit meinen Wehwehchen belästigen.«

»Ach, Mom, du bist unmöglich!«, bemerkte Lili seufzend und hakte ihre Mutter nur noch fester unter.

Als sie am Charlotte Square Nummer fünf angekommen waren, blieb Lili zögernd stehen. Plötzlich missfiel ihr der Gedanke, dass Sir Niall und Isobel vergeblich bei der Kirche auf sie warten würden. Es war von hier aus nicht weit zur Schule, sodass sie Isobel wenigstens eine Nachricht überbringen lassen konnte.

»Mom, ich komme gleich nach. Ich habe schnell noch etwas in der Schule zu erledigen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie davon. Inzwischen war es Tag geworden, doch das machte wenig Unterschied. Dichte graue und schwarze Wolken hingen über der Stadt. Lili fröstelte. Sie beschleunigte ihren Schritt und überlegte, wem sie die Notiz wohl übergeben sollte, denn den Mädchen war es heute gestattet, länger zu schlafen. Sie hatte Glück. Gleich im Eingang traf sie auf Mademoiselle Larange, die wie jeden Morgen im Hof ihren Frühsport trieb.

»Aben Sie sisch verirrt? Sie aben doch freie Tag«, begrüßte die Französin sie.

»Ja, aber ich war mit Isobel und ihrem Vater verabredet, und nun muss ich absagen. Könnten Sie ihr beim Frühstück die Nachricht überbringen?«

»Das ist très schade. Monsieur le Baronet wird sein traurisch.«

Lili musterte ihre Kollegin missbilligend. »Mademoiselle Larange, wie Sie soeben richtig sagten, ist der Mann ein Baronet. Und ich bin das uneheliche Kind einer Köchin und eines Schwarzbrenners. Jedenfalls ist es das Einzige, was ich über meinen Vater weiß. Keine guten Voraussetzungen zum Eiraten, n’est pas?«

Mademoiselle Larange konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Wir leben nischt im Mittelalter, ma chère.«

Lili seufzte. »Bestellen Sie es ihr?«

»Mmh«, knurrte die Moiselle.

»Danke!«, rief Lili und machte sich im Laufschritt zurück auf den Weg zum Charlotte Square. Dort nahm sie den Dienstboteneingang und rannte die Treppe neben dem Hauptportal hinunter. Außer Atem gelangte sie in die Küche, die im Souterrain lag. Ihre Mutter war gerade dabei, Rührei für das Frühstück zuzubereiten. Ihr war die Anstrengung anzumerken, denn ihr Gesicht war schweißnass, und sie schnaufte in einem fort.

Lili zog ihren Mantel aus, nahm eine der weißen Schürzen vom Haken und band sie sich um.

»Was kann ich noch tun, Mom?«, fragte sie, während sie kochendes Wasser in eine Teekanne goss.

»Du kannst die Baked Beans und den Haggis von gestern warm machen.«

Lili machte sich an die Arbeit und fragte sich, was wohl der feine Sir Niall sagen würde, wenn er sie in einer Dienstbotenküche bei Handlangerdiensten beobachten könnte.

Nachdem sie das Frühstück in den Essensaufzug gestellt hatte, fragte sie ihre Mutter, ob sie nach oben gehen solle, um es zu servieren.

»Das kommt gar nicht infrage«, erwiderte diese empört. »Ich habe mich nicht umsonst all die Jahre krummgelegt, damit du die Herrschaften bedienst. Du bist Lehrerin, kein Dienstmädchen.«

»Mutter, ich kenne die Familie von klein auf. Sie haben uns immer unterstützt. Die werden schon nicht glauben, dass ich aus St. George’s geflogen bin, nur weil ich ihnen einmal das Frühstück …«

Weiter kam sie nicht, denn die Tür öffnete sich, und ein Freudenschrei ertönte. »Die kleine Lili! Wie schön, dass du uns mal besuchst!«

Lili fuhr herum und blickte in das sichtlich erfreute Gesicht von Mrs Denoon. Sie hatten einander seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen.

»Ich … ich helfe Mutter, sie fühlt sich nicht wohl, und da sie nicht zu Hause bleiben wollte, gehe ich ihr ein wenig …«

»Blödsinn!«, unterbrach Davinia ihre Tochter schroff. »Mir geht es blendend. Das Kind hat Langeweile.«

Mrs Denoons Blick wanderte von der Mutter zur Tochter und zurück. »Davinia, Sie sind leichenblass. Wenn Sie es nicht schaffen, sagen Sie bitte Bescheid. Bevor Sie umkippen, lasse ich mir den Haggis lieber liefern.«

»Ob Ihr Mann einmal einen Blick auf meine Mutter werfen könnte?«, fragte Lili rasch.

»Aber natürlich wird er sie untersuchen. Nicht, dass es wieder ihr schwaches Herz wie damals …« Kaum hatte Mrs Denoon das ausgesprochen, als sie sich erschrocken die Hand vor den Mund schlug.

»Wie … ein schwaches Herz?« Lilis Stimme bebte.

»Ach, gar nichts! Und nun lasst mich weiterarbeiten. Das Gerede regt mich auf«, brummte Davinia.

»Gut, dann verschwinde ich besser. Aber sag mal, Lili, wie geht es dir in der Schule? Ich höre ja nur Gutes.«

Lili wurde sichtlich verlegen, denn sie hatte es Mrs Denoons alter Freundschaft mit Rodina Macdonald zu verdanken, dass man ihr sofort eine Stelle in der St.-George’s-Mädchenschule angeboten hatte.

»Ich liebe meine Arbeit«, erklärte sie im Brustton der Überzeugung.

»Ich wäre gestern gern zu der Feier gekommen, aber ich hatte selbst Gäste. Bestell doch Rodina einen herzlichen Gruß von mir. Ich werde sie bald wieder einmal zum Tee einladen.«

»Das richte ich ihr gleich morgen aus«, versicherte Lili eifrig.

Kaum war Mrs Denoon aus der Tür, fiel Davinia wütend über ihre Tochter her. »Wie konntest du ihr nur vorjammern, dass ich krank sei?«, schimpfte sie.

»Und wie konntest du mir verheimlichen, dass du ein schwaches Herz hast?«, gab Lili nicht minder empört zurück.

»Ich muss das Frühstück servieren«, knurrte Davinia und war schon aus der Tür.

Lili bereitete sich indessen eine Schüssel mit Porridge zu und ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen. Ob sie bei Mrs Denoon unter vier Augen nachhaken sollte? Offenbar verheimlichte Davinia ihr etwas. Trotzdem stürzte sie sich mit Heißhunger auf ihr Frühstück. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie heute noch nichts gegessen hatte. Ihre Gedanken schweiften zu Isobels Vater. Sein Blick, seine warmen Worte, sein flüchtiger Kuss, all das kam ihr so lebendig in den Sinn, als wäre es gerade eben erst gewesen. Lili hatte schon immer eine Schwäche für die markigen, kraftvollen Männer aus dem hohen Norden in ihren Kilts gehabt. Einmal hatte sie ihrer Mutter gestanden, dass sie später am liebsten einen aus dem nördlichen Hochland zum Mann hätte. Davinia hatte sich daraufhin wie eine Furie gebärdet. Niemals solle sie sich auf einen ungebärdigen Highlander einlassen. Lili hatte das Thema nie wieder angeschnitten. Es hatte auch keinerlei Veranlassung dazu gegeben, denn ihr war keiner begegnet, der ihr Herz hätte höher schlagen lassen – bis gestern. Von dem Baronet aus dem Norden würde Lili ihrer Mutter allerdings lieber nichts verraten.

Als Davinia in die Küche zurückkehrte, war es mit der Ruhe vorbei. Erst musste die Küche gesäubert, dann das Frühstücksgeschirr geholt und gewaschen, danach eine Suppe zum Mittag zubereitet und schließlich das üppige Abendessen gekocht werden. Lili bedauerte ein wenig, dass sie nun gar nichts von den Feierlichkeiten dort draußen in der Stadt mitbekam. Aber immerhin hatte sie bei ihrer Mutter durchsetzen können, dass diese ihr die schwereren Arbeiten überließ. So hob sie die Wasserkessel, schleppte Töpfe und Pfannen, während der St. Andrew’s Day vorüberging, und war am Abend so müde, dass sie fast im Stehen eingeschlafen wäre.

Sie war gerade dabei, die letzten Teller vom Festessen abzuwaschen, als sie hinter sich jenes Geräusch vernahm, das sie heute Morgen aus dem Bett hatte aufschrecken lassen. Lili fuhr herum und erschrak. Ihre Mutter lag ohnmächtig auf den Küchenfliesen. Ohne zu überlegen, rannte Lili nach oben zum Esszimmer und platzte in die Abendgesellschaft. Die Herren tranken Whisky und rauchten Zigarren, während die Damen sich mit Drambuie zuprosteten, einem schottischen Whiskylikör.

Als Lili ohne anzuklopfen in den Salon stürmte, richteten sich alle Blicke auf sie. Doktor Denoon schien sofort zu begreifen, dass er gebraucht wurde, denn er sprang auf, entschuldigte sich bei seinen Gästen und folgte ihr.

»Sie ist einfach umgekippt. Das ist heute Morgen schon einmal geschehen, aber sie wollte partout nicht im Bett bleiben.«

»Das wird wieder das Herz sein«, bemerkte er und griff nach seiner Arzttasche, die immer einsatzbereit im Flur stand.

Davinia lag noch auf dem Boden, aber sie war schon wieder bei Bewusstsein und jammerte leise vor sich hin. Der Doktor zögerte nicht lange, sondern machte ihren Arm frei und gab ihr eine Spritze. »Wir tragen sie nach oben. Eines unserer Mädchen ist für ein paar Tage bei den Eltern. Nehmen Sie sie an den Schultern!«

Der Doktor hatte im Gegensatz zu seiner Frau irgendwann begonnen, sie zu siezen, nachdem sie den Kinderschuhen entwachsen war.

Entschlossen packte Lili ihre Mutter, die immer noch laut vor sich hinstöhnte, während Doktor Denoon sie an den Beinen ergriff. Mit vereinten Kräften hievten sie Davinia, die nicht gerade ein Federgewicht war, schließlich auf das Bett.

»Sie wird erst einmal schlafen«, erklärte der Arzt und machte ein besorgtes Gesicht. »Wie oft haben wir ihr schon gesagt, sie solle weniger arbeiten. Es ist ja nicht das erste Mal …« Er stockte, als er Lilis fragendes Gesicht sah. »Sie wissen gar nichts von ihrer schweren Herzschwäche, wie mir scheint.«

Lili schüttelte stumm den Kopf. »Aber ich hoffe, Sie werden mir endlich erzählen, was es damit auf sich hat.«

Der Doktor räusperte sich. »Ärztliche Schweigepflicht hin oder her, ich glaube, ich muss es Ihnen in aller Offenheit sagen: Ihre Mutter hat seit damals ein schwaches Herz. Sie ist zum ersten Mal zusammengebrochen, nachdem der Highlander nicht zur Hochzeit erschienen war.« Sein Gesicht hatte sich merklich verfinstert.

»Welcher Highlander? Welche Hochzeit?«, hakte Lili blitzschnell nach, während ihr Herz zum Zerbersten pochte.

Doktor Denoon fuhr sich nervös über den kahlen Schädel. Er räusperte sich.

»Ihr Vater! Aber entschuldigen Sie bitte, das ist mir nur so herausgerutscht. Mich geht das ja auch gar nichts an. Ich dachte, Sie wüssten …«

»Soviel ich weiß, kam mein Vater Gerald MacGregor aus den Lowlands und starb vor der Hochzeit«, murmelte Lili mit belegter Stimme, und sie ahnte dunkel, dass ihre Mutter sie belogen hatte. »Aber ich sehe an Ihrem Blick, dass diese Geschichte nicht stimmt. Bitte sagen Sie mir die Wahrheit.«

Doktor Denoon vergewisserte sich, ob seine Patientin auch wirklich schlief. Erst als er einen Augenblick lang ihrem schweren Atem gelauscht hatte, traute er sich zu sprechen.

»Selbst auf die Gefahr hin, dass Ihre Frau Mutter mir Gift ins Essen mischt, Sie haben ein Recht darauf zu erfahren, dass Ihr Vater nicht Gerald MacGregor hieß, sondern Gordon Makenzie und aus einem Hochland-Clan stammte. Er starb auch nicht, jedenfalls nicht, dass wir es wüssten, sondern erschien einfach nicht zur Hochzeit. Aber für Ihre Mutter war er seit jenem Tag gestorben, an dem sie vergeblich auf dem Standesamt gewartet hatte. Meine Frau und ich wollten herausbekommen, wo er abgeblieben war, aber Ihre Mutter hat es uns strengstens untersagt. Sie hat sogar mit ihrer Kündigung gedroht, falls wir uns eingemischt hätten, doch sie wurde nie mehr die Alte.«

»Heißt das etwa, Sie kannten ihn … ich meine … meinen Vater?«

»Flüchtig. Er hat uns einmal besucht, weil wir preiswert und nicht ganz legal Whisky bei ihm gekauft hatten. Und da sah er Ihre Mutter, die damals eine blühende Schönheit war, mit der jedermann ausgehen wollte. Aber sie hatte ihr Herz nun einmal an diesen Makenzie verloren. Man konnte es in gewisser Weise auch verstehen, er war ein hochgewachsener Bursche aus den Highlands, bestimmt über zehn Jahre älter als sie. Doch gerade das imponierte ihr offenbar besonders. Ein wenig wild war er für meinen Geschmack, aber er hat sie geliebt. Keiner hat verstanden, warum er sie sitzen ließ. Es lag wohl an seinem Charakter. Er war ein Getriebener, ein Abenteurer, aber mit einem tadellosen Stammbaum, er soll sogar aus adeliger Familie stammen …«

Lili spürte, wie ihr schwarz vor Augen wurde. Sie ließ sich gerade noch rechtzeitig auf einen Stuhl fallen, bevor ihr die Beine wegknicken konnten.

»Ihre Mutter kann sehr stur sein. Auch wenn sie mir den Hals umdrehen wird, Sie hätten das sonst nie erfahren. Und das ist nicht richtig. Man sollte schon wissen, wo seine Wurzeln liegen, und die sind bei Ihnen weit oben im Norden zu suchen.«

Lili atmete ein paarmal tief durch. »Danke, Doktor Denoon, das werde ich Ihnen nie vergessen.«

»Und Sie, Sie gehen nun schnell nach Hause. Sonst muss ich Sie auch ins Bett verfrachten. Schlafen Sie sich gut aus. Ihre Mutter bleibt über Nacht hier. Wenn etwas mit ihr ist, bin ich gleich da.«

Lili erhob sich langsam. Ihre Knie zitterten, aber sie schaffte es, sich auf den Beinen zu halten. Rasch kehrte sie in die Küche zurück, wusch den Rest des Geschirrs ab, putzte so lange, bis alles glänzte, zog ihren Mantel an und verließ das Haus am Charlotte Square. Draußen regnete es in Strömen, aber sie merkte es kaum. Wie betäubt eilte sie durch die nassen, dunklen Straßen und begegnete nur wenigen Menschen. Die Festlichkeiten waren längst vorüber.

Als sie schließlich schwer atmend die Stufen bis in den vierten Stock hinaufgestiegen war und die Tür aufschloss, zitterten ihr die Hände. Es rührte nicht nur von der klammen Kälte, die sie von draußen mitgebracht hatte, sondern von einer inneren Erregung, die sie am ganzen Körper frösteln ließ. Sie empfand unbändige Wut auf den Mann, der ihrer Mutter das angetan hatte. Und auf ihre Mutter, die, statt ihr die Wahrheit zu sagen, das Bild vom tödlich verunglückten Vater geprägt hatte. Und nun war er nur ein gewöhnlicher Lump, der ihre Mutter sitzen gelassen hatte. Dass er angeblich von vornehmer Herkunft war, machte die Angelegenheit nicht besser.

Ihr war so übel, dass sie es mit letzter Kraft schaffte, sich den Mantel auszuziehen, um sich dann voll bekleidet auf das Bett fallen zu lassen.

4

Edinburgh, 1. Dezember 1913

Es hatte alles so wunderschön begonnen. Lili stand in einem prächtigen Brautkleid vor dem Altar, Seite an Seite mit ihrem Bräutigam, Isobels Vater. Doch statt seines Gesichtes wandte sich ihr wie aus dem Nichts die grausame Fratze des Todes zu, ein steinerner Schädel, wie sie ihn einmal in einen Grabstein eingemeißelt gesehen hatte … da fing sie zu schreien an und wollte nicht mehr aufhören. Erst als sie sich im Bett aufsetzte, verstummte sie, doch ihr Herz pochte bis zum Hals. Zuerst wusste sie nicht, wo sie sich befand, doch bald konnte sie sich wieder orientieren. Sie holte tief Luft. Mit einem Blick auf die Uhr stellte sie fest, dass es höchste Zeit zum Aufstehen war, wenn sie pünktlich in der Schule sein wollte. Wie betäubt verließ sie das Bett, zog sich aus, wusch sich und kleidete sich um. Ohne Frühstück verließ sie das Haus und machte sich auf den Weg zur St. George’s. Es war so spät, dass sie es nicht einmal mehr schaffte, einen Abstecher zum Charlotte Square zu machen, um nach ihrer Mutter zu sehen.

In großer Eile betrat sie das Schulgebäude, als sie ihn erblickte. Lili hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass Isobels Vater sie auf dem dunklen Korridor erwartete.

»Was ist geschehen? Sie sehen ja entsetzlich aus. Sind Sie krank?«, fragte er besorgt, während er ihr einen Schritt entgegentrat.

»Nein, meiner Mutter geht es nicht gut, und ich musste ihr gestern bei der Arbeit helfen«, entgegnete sie hastig.

»Das tut mir leid. Ich wollte Sie nicht überfallen, aber ich musste Sie vor meiner Abreise noch einmal sehen.«

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie förmlich.

Der Mann aus dem Hochland schien verunsichert, denn er räusperte sich ein paarmal verlegen.

»Miss Campbell, ich … ich möchte Sie etwas fragen. Mir ist klar geworden, dass Isobel in Edinburgh nicht glücklich ist und dass sie wieder in meiner Nähe leben sollte. Ich möchte, dass sie nach den Weihnachtsferien zu Hause bleibt, aber ich kann sie nicht allein erziehen. Und da sie so große Stücke auf Sie hält, wollte ich Sie bitten mitzukommen …« Er verstummte und sah sie flehend an.

»Ich soll Isobels Hauslehrerin werden?«, fragte Lili verblüfft.

Sir Niall Munroy lief rot an. »Nein, Miss Campbell, ich möchte Sie um Ihre Hand bitten.«

Lili stockte der Atem. »Ich … ich … Sie … Sie können mich nicht heiraten. Meine Mutter ist Köchin, und Sie …«

Er war ganz nahe an sie herangetreten und berührte sacht ihren Arm. »Das ist mir völlig gleichgültig. Habe ich Sie nach Ihrer Herkunft gefragt? Nein, und es interessiert mich auch nicht. Denn Sie sind die Richtige, um Isobel eine gute Mutter zu sein. Und darauf kommt es an.«

»Sie wollen mich heiraten, weil Sie eine Mutter für Ihre Tochter brauchen?« Sie funkelte ihn empört an.

»Nein, Miss Campbell, weil ich Sie sehr mag. Deshalb.«

»Aber … ich … ich weiß nicht, ob …«, stammelte Lili.

»Ich verstehe, wenn Sie mir nicht sofort ihr Jawort geben. Ich kann warten und mache Ihnen einen Vorschlag: Kommen Sie mit uns in die Highlands, wenn ich Isobel in die Ferien abhole, und verbringen Sie das Weihnachtsfest und Hogmanay mit uns.«

»Das kommt alles so plötzlich«, erwiderte Lili mit heiserer Stimme.

»Bitte, denken Sie darüber nach, und schreiben Sie mir bitte, wie Sie sich entschieden haben. Ich muss mich nämlich sputen. Versprechen Sie mir, dass Sie mir eine Antwort geben?«

Lili schluckte trocken, bevor sie nickte. »Ich werde über Ihren Antrag nachdenken und Ihnen so schnell wie möglich antworten.«

Ehe sie sichs versah, hatte Isobels Vater sie in den Arm genommen und ihr einen Kuss auf die Wange gegeben. Lili stand immer noch wie gelähmt da, als seine Schritte schon längst verklungen waren.

Erst Ian Mackays schneidende Stimme holte sie in diese Welt zurück. »Miss Campbell, Sie wissen schon, dass sich seine erste Frau das Leben genommen hat, oder?«

Lili hatte das Gefühl, der Boden unter ihr gerate ins Schwanken. Sie hielt sich an der Wand fest. Er hatte sie offenbar belauscht. Was sind Sie nur für ein Mensch?, wollte sie dem Mathematiklehrer hinterherbrüllen, doch ihre Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie Miss Macdonald in Begleitung von Mrs Denoon auf sich zueilen sah. Deren sorgenvolle Mienen verhießen nichts Gutes.

»Sie wissen es schon?«, fragte die Direktorin.

»Was?«

Miss Macdonald holte tief Luft: »Ihre Mutter … sie ist heute morgen …«

Das war alles, was Lili noch hörte, bevor sie lautlos in sich zusammensackte.

5

Edinburgh, 23. Dezember 1913

Lili zog die Decke noch fester um ihre Schultern. Es war bitterkalt in der Bell’s Wynd, weil ein eisiger Wind durch alle Ritzen in das Innere der Wohnung pfiff. Sie war froh, gleich im neuen Jahr aus dieser zugigen Unterkunft ausziehen zu können, um wieder ins Internat zurückzukehren. Seit Miss Macdonald Ian Mackay auf frischer Tat dabei ertappt hatte, wie er im Lehrerzimmer in Lilis Fach gewühlt hatte, war der Weg frei für sie gewesen, denn die Direktorin hatte dem Mathematiklehrer sofort gekündigt.

Und wenn Lili ehrlich war, konnte sie es in dieser Wohnung ohne ihre Mutter auch kaum mehr aushalten. Ständig glaubte sie, ihre Stimme zu hören.

Wenigstens hatte Davinia eine schöne Beerdigung bekommen. Die Denoons hatten sich nicht lumpen lassen und eine ansehnliche Grabstätte auf dem Cannongate-Friedhof für sie erworben. Lili wusste nicht, wie sie ihnen danken sollte, und hatte darauf bestanden, ihnen das Geld abzustottern, aber die Denoons hatten sich geweigert, auch nur einen Penny von ihr anzunehmen. Im Gegenteil, sie hatten Lili am Tag der Beerdigung sogar ans Herz gelegt, in ihrem Haus zu leben, bis ihr früheres Zimmer in der Schule wieder frei würde. Lili aber konnte und wollte diese Großzügigkeit nicht ausnutzen, sondern behauptete, sie müsse die Sachen ihrer Mutter ordnen. Dabei hatte Davinia nicht viel mehr besessen als einige praktische Kleidungsstücke, ein feines Kostüm, eine Truhe mit altem Krempel und eine Kiste mit persönlichen Dingen. Um diesen Holzkasten machte Lili seit dem Tod ihrer Mutter vor drei Wochen einen großen Bogen. Ein paarmal hatte sie versucht, sich zu überwinden und den Inhalt zu begutachten, aber immer, wenn ihr der muffige Geruch von Mottenpulver entgegengeströmt war, hatte sie den Deckel rasch wieder zugeklappt. Doch nun wollte sie die Ferien nutzen, um die Kiste auszuräumen und nur das zu behalten, was sie wirklich an ihre Mutter erinnerte.

Manchmal dachte sie noch ganz flüchtig an den Antrag von Sir Niall Munroy, doch das änderte nichts an ihrer Entscheidung. Seit der eifersüchtige Ian den Selbstmord von Isobels Mutter erwähnt hatte, war die Angelegenheit für sie endgültig erledigt gewesen. Sosehr dieser Mann aus den Highlands es ihr auch angetan hatte, eine innere Stimme riet ihr seitdem davon ab, auch nur noch einen einzigen Gedanken an eine Ehe mit ihm zu verschwenden. Die ganze Sache war ihr unheimlich, wenngleich ihre zärtliche Zuneigung für Isobel durch das Wissen um den Freitod von deren Mutter nur noch gewachsen war. Sie kümmerte sich mehr denn je um ihre Lieblingsschülerin. Das Mädchen schien allerdings nicht zu ahnen, was für ein Angebot ihr Vater der Lehrerin unterbreitet hatte. Lili hoffte inständig, dass sich mit dem Korb, den sie ihm in knappen Worten per Brief erteilt hatte, sein Plan, Isobel nach den Ferien nicht mehr ins Internat zurückzuschicken, erledigt hatte. Was sollte der viel beschäftigte Mann dort oben in dem entlegenen Tal der Highlands schließlich allein mit seiner Tochter anfangen?

Ein wenig graute Lili vor der heutigen Verabschiedung der Kinder in die Weihnachtsferien. Mittags würde im Saal eine kleine Feier stattfinden, und es stand zu befürchten, dass sie bei der Gelegenheit auch Sir Niall über den Weg laufen würde.

Seufzend erhob sich Lili und nahm fröstelnd die Decke von den Schultern. Ob sie wollte oder nicht, sie musste sich umkleiden. In diesem unförmigen schwarzen Wollkleid ihrer Mutter konnte sie unmöglich zur Schule gehen, auch wenn es bei Weitem das wärmste Kleidungsstück war, das im Kleiderschrank hing. Ich werde Mutters Kleider der Nachbarin geben, der Witwe Laird, beschloss sie, während sie hastig das derbe Kleid gegen ein dünnes und elegantes tauschte.

Damit die Kälte gar nicht erst unter den Seidenstoff kroch, zog sie hastig einen dicken Mantel über, trank noch eine Tasse warmen Tee und verließ das Haus. Draußen wehte ihr ein solch eisiger Wind entgegen, dass es ihr fast die Luft zum Atmen nahm. Sie wickelte sich den Schal noch enger um das Gesicht. Es blieb ihr noch einige Zeit bis zu den Feierlichkeiten, doch sie hatte sich mit Absicht so früh auf den Weg gemacht, um sich im Lehrerzimmer der Schule noch ein wenig aufzuwärmen. Wenn sie nur an den prasselnden Kamin dachte, wurde ihr gleich behaglicher zumute, und sie beschleunigte ihren Schritt. Zum Bummeln war dieses Wetter beileibe nicht geeignet, auch wenn einige der festlich geschmückten Geschäfte zum Innehalten einluden. Doch wen sollte sie beschenken außer Mademoiselle Larange und Miss Macdonald? Zu dritt wollten sie den Weihnachtstag in der verlassenen Schule feiern. Ob ich wohl auch so ein altes Fräulein werde wie unsere Direktorin?, fragte sich Lili. Seit der Baronet aus den Highlands ihr einen Antrag gemacht hatte, befürchtete sie zunehmend, dass er der erste und letzte Mann sein würde, der sie jemals zu heiraten gedachte. Mit Abstand betrachtet sah sie diesen Antrag allerdings nicht mehr in derart rosarote Farben getaucht wie anfangs. Nein, er hatte bislang mit keinem Wort erklärt, dass er sie liebte. Ich mag Sie, hatte er gesagt. War das nicht zu wenig, um den Rest des Lebens miteinander zu verbringen? Es war übereilt von ihm gewesen, denn schließlich kannten sie einander wohl kaum so gut, dass sich Probleme des Standesunterschiedes zwischen ihnen so einfach vom Tisch wischen ließen. Wie immer, wenn sie über diesen Mann nachgrübelte, schlich sich sofort seine tote Frau in ihre Gedanken ein. Warum nur hatte sie sich umgebracht, obwohl sie mit ihm diese wunderbare Tochter hatte? Allein die Vorstellung davon jagte ihr kalte Schauer über den Rücken. Doch eigentlich gehörte das der Vergangenheit an, und sie ärgerte sich ein wenig darüber, dass ihre Gedanken doch immer wieder um den Baronet kreisten. Schließlich hatte sie ihm eine klare Absage erteilt. In knappen Worten hatte sie ihm geschrieben, dass sie seinen Antrag nicht annehmen könne. Allerdings hatte sie ihm keine Gründe genannt. Wie sollte sie auch? Sie konnte schlecht zugeben, dass einer der Gründe auch die Geschichte mit dem Selbstmord seiner ersten Frau war. Das Wissen darum bereitete ihr ein mulmiges Gefühl. So mulmig, dass sie sich beim besten Willen nicht überwinden konnte, ihm in das Haus zu folgen, in dem es womöglich geschehen war. Lili schüttelte sich. Im neuen Jahr werde ich aufhören, mir meinen Kopf über etwas zu zermartern, das mich gar nichts mehr angeht, nahm sie sich fest vor, als sie durch das Schultor trat.

Wie geplant traf sie viel zu früh in der Schule ein, aber ihr war nicht mehr nach einem Verweilen vor dem Kamin zumute. Dazu war sie viel zu aufgeregt. Eine Entscheidung zu treffen, wenn er sich weit fort in den Highlands befand, war die eine Sache, ihm Aug in Aug gegenüberzustehen, nachdem sie seinen Antrag abgelehnt hatte, etwas völlig anderes. Sie hoffte, dass er nicht allzu gekränkt war, doch das vermochte sie sich kaum vorzustellen. Andere Frauen in ihrer Lage hätten sich wahrscheinlich darum gerissen, ihm in die Highlands zu folgen. Lili konnte sich nicht helfen, doch der Gedanke, dass an ihrer Stelle bald eine andere Frau sein würde, versetzte ihr einen kleinen Stich.

Sie musste unbedingt etwas unternehmen, damit ihre aufgewühlten Gedanken zur Ruhe kamen. Vielleicht konnte sie sich im Saal nützlich machen. Dort waren die Hauswirtschafterinnen unter Mademoiselle Laranges Leitung damit beschäftigt, den Raum dezent zu schmücken. Die Weihnachtsdekoration war Jahr für Jahr ein stets wiederkehrender Kampf zwischen der Französischlehrerin und der Schulleiterin. Letztere hielt es nämlich streng mit einer alten Tradition der presbyterianischen Kirche, wonach man Weihnachten, wenn überhaupt, nur bescheiden feiern durfte. »Meine Damen, nun warten Sie doch die paar Tage bis Hogmanay, dann dürfen Sie tanzen, lachen und sich meinetwegen auch beschenken«, pflegte sie stets zu sagen, doch die Französin führte dessen ungeachtet alljährlich ihren Kleinkrieg gegen die strengen schottischen Weihnachtsbräuche.

»Dagegen kann sie doch nischs sagen, oder?«, fragte Mademoiselle Lili zur Begrüßung. »Isch meine, isch will fühlen wie zu Ause, wo isch diese Jahr nisch fahre nach Bordeaux.«

Lili lächelte beim Anblick des karg geschmückten Weihnachtsbäumchens auf der Bühne, von wo die Direktorin später allen schöne Ferien wünschen würde.

»Sie würde uns noch am fünfundswanzischsten schuften lassen, wenn die Kinder eute nicht nach Ause führen. Wo gibt es eine Land, wo diese Tag keine Feiertag ist? Mon dieu. Aben Sie Ihre Lied einstudiert?«

Lili nickte eifrig. Wenn es um Weihnachten ging, wurde die gute Mademoiselle Larange immer recht hektisch. Sie hatte Sorge, es werde eine schmucklose Veranstaltung wie in den ersten Jahren werden, als sie neu an die Schule gekommen war.

»Ja, der Chor klingt wie eine himmlische Heerschar, und unsere begabte junge Isobel singt wie ein Engel.«

Mademoiselle Laranges Blick verfinsterte sich. »Sie wissen, dass sie nach die Ferien nischt mehr zu uns kommt, n’est-ce pas?«

»Nein, das ist mir neu«, entgegnete Lili nicht ganz wahrheitsgemäß. Er hatte sie zwar vorgewarnt, aber dass Sir Niall seine Überlegungen in die Tat umsetzen würde, hatte sie arg bezweifelt. Und das, obwohl sie ihm nicht als Lehrerin für seine Tochter zur Verfügung stehen würde. Trotzdem wollte er sie mitnehmen? Das war grausam. In erster Linie für das Mädchen selbst. Wenn Lili nur daran dachte, wie verstockt Isobel aus den Highlands zu ihnen gekommen war. Und jetzt, wo sie endlich Kontakt zu den anderen Mädchen hatte, wollte er sie all dieser Beziehungen berauben? Nein, das war kein guter Plan. Ob sie mit Sir Niall sprechen sollte? Diesen Gedanken verwarf sie allerdings, kaum dass sie ihn zu Ende geführt hatte. Nach allem, was geschehen war, hielt sie sich nicht für geeignet, Sir Niall auf mögliche Fehlentscheidungen hinzuweisen. Sie sollte ihm lieber, wenn möglich, aus dem Weg gehen.

»Weiß sie es schon?«

»Isch glaube nischt. Mademoiselle Macdonald at es mir unter das Siegel der Verschwiegeneit erzählt. Aber isch dachte, Sie wüssten Bescheid. Der Monsieur hat sisch doch sehr für Ihnen interessiert.«

Lili biss sich auf die Unterlippe. Am liebsten würde sie die Mademoiselle einweihen, denn es wäre so erleichternd, endlich mit jemandem darüber zu sprechen.

Lili seufzte ein paarmal tief. Mademoiselle Larange musterte die Kollegin mit durchdringendem Blick.

»Sie aben doch etwas auf dem Erzen. Das sehe isch in Ihre Augen. Sie gucken wie ein verschreckte Ase vor die Jäger.«

Wider Willen musste Lili über diesen schiefen Vergleich schmunzeln.

»Sir Niall hat mir am St. Andrew’s Day seine Absicht angekündigt, dass er Isobel in seiner Nähe haben möchte, und mich gefragt …«

»Er will Ihnen abwerben? Mon dieu. Sie als Auslehrerin? Non, das ist nischt gut für Ihnen. Und da oben in die Norden. Da ist Schnee und Eis und kein Sonne.«

Da hörte sich Lili bereits stöhnen. »Er hat mich gefragt, ob ich ihn heiraten will.«

Ehe sie sichs versah, hatte Mademoiselle Larange sie in ihre knochigen Arme geschlossen und stieß eine Reihe spitzer Schreie aus. Dann ließ sie Lili los und musterte sie verzückt.

»Isch kann es mir zauberaft vorstellen. Sie aben das Zeug für ein Baronesse – oder wie heißt die Frau eines Baronet?«

Lili hob die Schultern. »Keine Ahnung, aber das soll mich nicht weiter kümmern. Ich habe seinen Antrag nicht angenommen.«

»Sie aben was? Isch öre wohl nischt rischtisch.«

»Sehen Sie, ich kenne den Mann doch gar nicht. Und so kurz nach dem Tod meiner Mutter kann ich eine solche Entscheidung auch gar nicht treffen.«

»Gerade jetzt. Sie müssen nischt mehr nehmen Rücksischt«, erwiderte die Französin ungerührt.

»Ja, gut, aber er liebt mich nicht, er braucht eine Erzieherin für seine Tochter …«

»Und Sie, lieben Sie ihm?«

Lili hob die Schultern. »Zuerst dachte ich, ich sei in ihn verliebt, aber inzwischen bin ich mir gar nicht mehr so sicher. Ich glaube, ich habe bloß Sorge, dass es meine letzte Chance ist, eine eigene Familie zu gründen. Noch dazu kommt er aus einer völlig anderen Welt. Das passt nicht zusammen. Tief in meinem Inneren sträubt sich etwas dagegen, alles hinter mir zu lassen und ihm zu folgen.«

»Das ist ganz normal, aber, ma chère, Mais, es kommt nicht jeden Tag ein Baronet vorbei, der at kein Frau.«

Lili heftete ihren Blick bedrückt zu Boden. Sie wollte auf keinen Fall aussprechen, was ihr solches Unbehagen bereitete, aber Madame Larange ließ nicht locker.

»Wovor aben Sie Angst?«

»Ian hat mir erzählt, dass sich seine erste Frau, die Mutter von Isobel, umgebracht hat. Wussten Sie das?«

»Nein, aber sie wird krank gewesen sein. Verrückt vielleischt. Umso mehr sollten Sie Isobel eine normale Leben bieten. Das Kind liebt Sie und könnte kein bessere Maman aben als Ihnen. Und Ian ist ein dummer Junge, Ihnen das auf der Nase zu binden. Das at er nur gemacht aus Rache, weil Sie ihm abgewiesen aben.«

»Aber ich kann doch keinen völlig fremden Mann heiraten!«

»Also, pardon, aber was isch für Blicke gesehen abe in die Saal. Das war nischt fremd, das war, wie sagt man … begehrlisch.«

Lili schüttelte unwillig den Kopf. »Lassen Sie uns das Thema beenden. Ich habe Sir Niall bereits einen Brief geschrieben, dass ich sein großzügiges Angebot leider ablehnen muss.«

Madame Larange seufzte theatralisch auf. »Schade, dass isch nisch jünger bin. Isch würde nisch zögern. Er sieht gut aus, er ist reisch, und er at eine geeimnisvolle Ausstrahlung.«

»Vielleicht ist es ja gerade das, wogegen ich mich wehre. Ich habe das Gefühl, man darf ihm nicht wirklich näher kommen.«

»Mon dieu, was wollen Sie mehr? Oder träumen Sie von eine Langweiler? Dann ätten Sie doch unsere Mathematiklehrer nehmen sollen.«

Lili lachte herzlich auf, wurde aber sofort wieder ernst. »Ich glaube, größere Gegensätze kann es gar nicht geben. Aber der Baronet ist auch so schrecklich ernst.«

»Was erwarten Sie von eine Mann, der sein Frau so grausam verloren hat? Isch meine, bringen Sie ihm zum Lachen!«

»Ich hätte gar nicht davon anfangen sollen. Ich habe seinen Antrag abgelehnt und stehe zu meinem Entschluss. Punktum.«

»Aber bedenken Sie, er geört zu die beste Gesellschaft. Oder ist es das, was Ihnen stört? Aben Sie Bedenken? Die kleine Tochter von die Köchin und …«

Lili musste schmunzeln. Sollte sie der Moiselle erzählen, dass ihr leiblicher Vater angeblich ebenfalls aus den besseren Kreisen der Highlands stammte? Sie entschied sich dagegen. Vielleicht war dieser Gordon Makenzie einfach nur ein gewöhnlicher Hochstapler gewesen, der sich hochtrabende Namen zugelegt und sie mit Titeln versehen hatte, um die Polizei zu foppen und von seiner Spur abzulenken. Schwarzbrennerei war schon lange kein Kavaliersdelikt mehr und wurde scharf geahndet.

»Nein, liebe Mademoiselle Larange, ich bezweifle nämlich, dass es den Sir interessiert, aus welchem Stall ich komme. Aber nun lassen Sie uns endlich damit aufhören. Ich habe ihm einen Korb gegeben – oder wollen Sie mich unbedingt loswerden?«

»O nein, Sie sind misch sehr an den Erz gewachsen! Wie ein Tochter. Sie würden misch sehr fehlen, aber wie für ein eigene Tochter, ich wünsche Ihnen der Glück, der Sie verdient aben.«

»Gut, dann freuen Sie sich, dass ich Ihnen erhalten bleibe. Übernehmen Sie übrigens übermorgen das Kochen?«

»Naturellement, Mademoiselle Macdonald würde doch sonst bei trocken Brot feiern. Wie letzte Jahr. Sie elfen mir?«

»Gern!«, erwiderte Lili, während sie auf die Bühne kletterte, um sich an das Klavier zu setzen. Nach ein paar Takten war der Saal erfüllt von den feierlichen Klängen des Liedes Angels, we have heard on high.

Lili gab anscheinend alles und konnte sich dennoch nicht von ganzem Herzen auf ihr Klavierspiel konzentrieren. Wie Kobolde spukten ihr die Worte der Französin im Kopf herum. War sie doch zu voreilig gewesen? Hätte sie sich nicht lieber eine Bedenkzeit ausbitten sollen, statt den Antrag des Baronets ohne weitere Erklärung kurz und bündig abzuschmettern?

Erst die energische Stimme der Direktorin riss sie aus ihren Gedanken.

»Miss Campbell, hätten Sie für einen Augenblick Zeit? Der Vater einer Schülerin wünscht Sie unter vier Augen zu sprechen.«

Lili zuckte zusammen. Sie ahnte dunkel, um wen es sich handelte, und auch, was er von ihr wollte. Auch Mademoiselle Larange warf ihr einen wissenden Blick zu, bevor Lili der Direktorin stumm ins Besprechungszimmer folgte.

6

Edinburgh, 23. Dezember 1913

Der hochgewachsene Mann aus den Highlands stand mit dem Rücken zur Tür und sah aus dem Fenster, doch als Lili in Begleitung von Miss Macdonald eintrat, wandte er sich um und reichte ihr förmlich die Hand.

»Mein Beileid.«

Lili schwieg.

»Sie kommen allein zurecht?« Ohne eine Antwort abzuwarten, war die Direktorin bereits an der Tür, doch dann blickte sie zurück. »Wollen Sie es sich nicht noch einmal überlegen, Sir Niall? Nehmen Sie Isobel nicht von der Schule.«

»Es tut mir leid, Miss Macdonald, aber sie gehört in meine Nähe. Und zu meiner zukünftigen Frau.« Dabei warf er Lili einen durchdringenden Blick zu.

Die Direktorin verließ seufzend den Raum.

»Haben Sie meinen Brief denn nicht bekommen?«, fragte Lili, nachdem der Baronet sie eine Zeit lang stumm gemustert hatte.

»Doch«, erwiderte er gequält, »aber ich verstehe Sie nicht. Ich habe mich Ihnen gegenüber geöffnet, wie ich es noch nie zuvor getan habe, und möchte wissen, was ich falsch gemacht habe. Warum geben Sie mir einen Korb?«

Wie kann er behaupten, dass er sich noch niemals so geöffnet hat? Schließlich war er verheiratet, hämmerte es in Lilis Kopf, doch sie schluckte ihre drängenden Fragen hinunter. »Ich vermute, Sie wünschen in erster Linie eine Mutter für Ihre Tochter, und ich weiß nicht, ob ich Ihre Erwartungen erfüllen kann. Wir beide, wir kennen uns doch gar nicht …«

»Das ist nicht wahr. Der kleine Abendspaziergang hat genügt, um mich in Sie zu verlieben.«

Ohne Vorwarnung war der Mann aus dem Hochland auf sie zugetreten, hatte sie in den Arm genommen und blickte sie voller Zärtlichkeit an. Eine Woge freudiger Erregung gemischt mit einem Anflug von Erschrecken durchflutete ihren Körper. Und als seine tiefe, sonore Stimme erklang, war jeglicher Gedanke an Gegenwehr wie weggewischt.

»Ich habe nicht aufgehört, an dich zu denken. Lili, ich habe dich vermisst, seit wir uns getrennt haben. Ach, ich bin nicht gut darin, meine Empfindungen auszudrücken, sodass ich lieber einen unserer großen Dichter bemühe und es mit seinen Worten sage. Wie lang und grausig ist die Nacht, entfernt von dir, o Liebe! O dass mein müdes Auge doch nicht ohne Schlummer bliebe. Wie heiter schwand der goldene Tag mit dir, o Liebe. Nun, da uns wir trennen, ist mir alles trübe. Wie matt dreht sich des Stundenrads Getriebe, …«

»… so matt und träge schlich es nicht bei dir.« Lächelnd führte Lili die Zeilen von Robert Burns zu Ende. Es rührte sie zutiefst, wie dieser stattliche, stolze Mann aus den Highlands den schottischen Nationaldichter zitierte, wenngleich an einigen Stellen eher frei.

Lili wollte ihm gerade mitteilen, dass sie den Sinn seiner Worte sehr wohl verstanden hatte, doch er kam ihr zuvor. »Ich habe deinen ablehnenden Brief immer und immer wieder gelesen, und wenn du mir hier und jetzt sagst, dass du nichts für mich empfindest, dann werde ich dich nicht länger belästigen, aber ich hatte den Eindruck, dass ich dir nicht gleichgültig bin. Und solange ich auf Gegenliebe hoffen darf, will ich nichts unversucht lassen, dich zum Mitkommen zu bewegen …«

»Sie haben ja recht«, raunte Lili zaudernd. »Gleichgültig sind Sie mir bestimmt nicht, aber …«

Lili brachte es nicht über die Lippen, ihn so vertraulich anzureden, wie er es tat.

Und sie schluckte die Worte hinunter, die ihr auf der Zunge lagen. Es schien ihr nämlich kein guter Zeitpunkt zu sein, ihn nach seiner ersten Frau zu fragen. Und überhaupt, sollte sie nicht endlich aufhören, darüber nachzugrübeln? Wahrscheinlich hatte die Ärmste tatsächlich an einer Gemütskrankheit gelitten …

Wie von selbst trafen ihre Lippen aufeinander, und sie küssten sich. Danach sah er sie mit verhangenem Blick an. »Sag Ja. Bitte. Du würdest mich zum glücklichsten Mann der Highlands machen.«

Lili holte tief Luft. In ihrem Kopf drehte sich alles, und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie spürte nur noch die Wärme und Geborgenheit in seinen Armen.

»Ja«, hauchte sie und dann noch einmal lauter: »Ja.«

Ohne Vorwarnung wirbelte er sie mehrmals durch die Luft. Als er sie wieder absetzte, sagte er lächelnd: »Ich heiße Niall. Und du? Ich kann dich ja schlecht Miss Campbell nennen.«

Zum zweiten Mal, seit sie ihn kannte, hörte sie diesen ernsten Mann nun aus tiefer Kehle lachen, und das gefiel ihr außerordentlich. Sollte in ihrem tiefsten Innern noch ein Rest von Bedenken gelauert haben, dieses Lachen spülte ihn fort.

»Ich heiße Lili, aber dass du Niall heißt, das weiß ich schon seit unserer ersten Begegnung. Mademoiselle Larange nannte dich Sir Niall«, erwiderte sie.

»Gut, Lili, dann sollten wir Isobel holen und ihr die Nachricht überbringen, dass sie eine neue Mutter bekommt …«

Bei aller Magie, die Lili in diesem Augenblick verzauberte, versetzten diese Worte Lilis Hochgefühl einen leichten Dämpfer.

»Niall, ich bin nicht ihre Mutter. Bitte verlange von deiner Tochter nicht, mich als solche zu betrachten. Ich kann ihre Freundin sein, ihre Lehrerin …«

»Lili, du wirst sie fortan durch ihr Leben begleiten. Wenn es dir lieber ist, nennen wir dich eben Stiefmutter. Komm mit, wir sagen es ihr gleich!«

Es war Lili plötzlich so zumute, als würde sie ein eisiger Hauch umwehen, doch sie widersprach Niall nicht. Stattdessen schluckte sie einmal trocken und bemerkte leise: »Vielleicht verraten wir es ihr erst nach dem Fest. Isobel ist so aufgeregt, weil sie die Solostimme bei unserem Weihnachtslied singt.«

»Wie du meinst.« Nialls Stimme klang ein wenig gekränkt.

»Weiß sie eigentlich schon, dass du sie von der Schule nehmen willst?«

»Nein, sie ahnt nicht das Geringste. Ich wollte erst sichergehen, dass du mit uns kommst. Ohne dich wäre sie sicher nicht so einfach nach Hause zurückgekehrt.«

Lili konnte nicht genau sagen, was sie an Nialls Worten störte, aber sie verursachten ihr ein gewisses Unbehagen und das Bedürfnis, den Raum schnellstens zu verlassen. War es diese Selbstverständlichkeit, mit der er über ihre Ablehnung hinweggegangen war?

»Entschuldige mich bitte. Ich muss zur Probe.« Das klang schroffer als beabsichtigt.

»Du verabschiedest dich ohne Kuss? Das ist aber ungewöhnlich für eine frisch Verlobte«, versuchte Niall zu scherzen. Lili hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, bevor sie davoneilte. Sie konnte sich nicht helfen, aber ihre warnende innere Stimme, diesem Mann blauäugig in die Highlands zu folgen, war noch nicht gänzlich verstummt.

Aber nun kann ich nicht mehr zurück, und ich bin schließlich kein Backfisch mehr, der alle paar Minuten seine Entschlüsse ändert, sprach sich Lili gut zu. Doch da mischte sich eine andere innere Stimme ein, die sie mit gnadenloser Strenge fragte, ob ein wenig Herzklopfen wirklich ausreichte, ihr bisheriges, durchaus erfülltes Leben einfach so hinter sich zu lassen.

Eine dritte Stimme meldete sich energisch zu Wort: Lili, mach dir nichts vor. Es zieht dich in die Highlands, du willst ihm folgen, doch du hast Angst vor dem, was dich dort erwartet, und vor allem vor dem Schatten einer Toten.

Lili fröstelte und beschleunigte ihren Schritt.

7

Edinburgh, 23. Dezember 1913

Im Saal warteten bereits Mademoiselle Larange und der Chor auf Lili. Die junge Lehrerin versuchte, sich wortlos an ihrer Französischkollegin vorbeizudrücken, doch die ließ sie nicht so ohne Weiteres passieren.

»Sie machen eine Gesischt, als ätten Sie ein Todesnachrischt erhalten.«

Lili stöhnte auf. »Nein, es ist nur alles ein wenig zu viel. Erst der Tod meiner Mutter und dann die überstürzte …« Sie stockte, bevor sie beinahe entschuldigend fortfuhr. »Ich konnte seinen Antrag nun doch guten Gewissens annehmen, denn er hat sich offenbar tatsächlich in mich verliebt. Ich bin also nicht als Gouvernante für Isobel gedacht, sondern es liegt ihm ernsthaft etwas an mir und …«

Weiter kam sie nicht. »Mon dieu! Sie werden ihn eiraten?«, schrie die Moiselle so laut, dass die Schulmädchen es hörten und allesamt zu den beiden Lehrerinnen herumfuhren. Sie kicherten um die Wette – bis auf Isobel, die Lili aus schreckensweiten Augen anstarrte.

»Sie verlassen uns doch nicht etwa, Miss Campbell?«, fragte sie mit zittriger Stimme.

Lili war mit einem Satz bei ihr und nahm sie in den Arm. »Nein, meine Kleine, keine Sorge, ich verlasse dich nicht.« Dann eilte Lili zum Klavier und spielte voller Inbrunst das Lied Angels, we have heard on high. Die Mädchen fanden mühelos ihren Einsatz und sangen aus voller Kehle mit, bis Isobels Stimme erklang. Die ersten Töne waren engelsgleich gesungen, bis sie in ein lautes Schluchzen übergingen.

Lili hielt erschrocken inne, sprang auf und schaffte es noch, Isobel bei den Schultern zu packen, bevor sie von der Bühne flüchten konnte. Das Mädchen aber versuchte, sich zu befreien, während es zischte: »Ich habe es doch selbst gehört. Sie werden heiraten und mich einfach verlassen wie …« Sie brach in Tränen aus.

Lili aber strich ihr tröstend über die roten Locken. »Nein, meine Kleine, ich lasse dich nicht allein. Ich komme mit in die Highlands. Ich heirate deinen Vater.«

Isobel starrte Lili ungläubig an. Mit den Worten: »Das erlaubt Großmutter nie!«, riss sie sich los und rannte zurück zu ihrem Platz.

»Miss Cambelle, machen Sie eine weitere Durschlauf, weil isch mit die Tanzgrupp auch noch ein Probe machen muss«, ertönte die Stimme der Tanzlehrerin ungehalten.

»Gewiss, Mademoiselle Larange«, beeilte sich Lili möglichst gefasst zu erwidern. Dabei pochte ihr das Herz bis zum Hals. Sie war völlig durcheinander, doch was hatte sie erwartet? Dass Isobel ihr um den Hals fallen und sie Mutter nennen werde? Aber dass sie ihr unverhohlen mit der Großmutter drohte? Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?, fragte sich Lili bang. Wir kommen aus zwei unterschiedlichen Welten. Wie soll das im Alltag bloß gehen?

Doch pflichtbewusst, wie sie war, eilte sie ans Klavier zurück und riskierte nur einen flüchtigen Blick zu der jungen Solosängerin hinüber. Isobels Miene war wie versteinert, aber sie sang fehlerfrei. Lili wandte sich hastig ab und vermied es während der gesamten Probe, die zu ihrer vollsten Zufriedenheit verlief, in Isobels Richtung zu blicken. Nach getaner Arbeit versuchte sie jedoch, ihre Lieblingsschülerin vor dem Verlassen des Saales abzupassen, vergeblich. Sie war ihr knapp entwischt.

Lili aber wusste nicht so recht, was sie mit sich anfangen sollte, bis die Feier begann. Durch ihren Kopf tobten die absonderlichsten Gedanken. Isobel hatte höchst befremdlich reagiert, aber warum? Sie mochten einander doch von Herzen, und Lili hätte ihr zu gern erklärt, dass sie nicht daran dachte, den Platz ihrer Mutter einzunehmen. Um sich abzulenken, beschloss Lili, ein paar Schritte durch den Park zu machen, denn gerade schien die Sonne so malerisch auf die winterlich kahlen Bäume. Es war eisig kalt und roch nach Schnee. Lili wickelte den Schal bis unter die Nase. Auf dem Kopf trug sie eine Fellmütze. So eingehüllt ging sie ein paar Runden durch den Schulpark, und tatsächlich, das beruhigte ihr aufgewühltes Gemüt wieder.

Bis sie ein Räuspern und eine zornige Stimme hinter sich vernahm. »Lili, warte, was hast du zu Isobel gesagt?«

Sie wandte sich zu Niall um. Dessen sichtlich wütender Gesichtsausdruck erschreckte sie, doch sie zeigte ihre Verunsicherung nicht. »Was meinst du damit?«, fragte sie kühl.

»Sag mir lieber, was du ihr gesagt hast. Sie ist völlig durcheinander.«

»Sie hat wohl mitbekommen, dass Mademoiselle Larange über meine Hochzeit gesprochen hat …«

Niall unterbrach sie scharf. »Mademoiselle Larange? Musste es denn gleich die ganze Schule erfahren? Außerdem warst du doch diejenige, die es ihr nach dem Aufritt sagen wollte.«

Lili funkelte ihn angriffslustig an. »Es war doch keine Absicht. Und eine Plaudertasche bin ich auch nicht, denn es gibt nur einen Menschen, der Privates von mir weiß, das ist unsere Französischlehrerin. Der habe ich zugeflüstert, dass ich heiraten werde. Was sie dann in ihrer unvergleichlichen Art laut hinausposaunt hat, sodass es die Mädchen mitbekommen haben. Daraufhin ist deine Tochter von der Bühne gerannt und hat mir unterstellt, ich wolle sie verlassen. Da habe ich ihr nach einigem Zögern gestanden, dass ich mit euch komme. Als deine Frau.«

Niall stöhnte gequält auf. »Ja, Kleines, ich weiß doch, dass du es nicht böse meinst, aber ich wollte es ihr selber sagen. Jetzt ist sie jedenfalls völlig durch den Wind …«

»Und sie ist der Meinung, dass deine Mutter dieser Heirat nicht zustimmen wird. Was bedeutet das? Musst du sie um Erlaubnis fragen?«

Abermals stöhnte Niall laut auf. »Nein, natürlich nicht. Es ist nur so, dass meine Mutter unüberbrückbare Differenzen mit meiner ersten Frau hatte und Isobel unter diesen Spannungen innerhalb der Familie sehr gelitten hat.«

»Ach so? Und nun vermutet sie wohl, dass deine Frau Mama mir gegenüber ähnlich unfreundlich gesinnt sein wird und dich umstimmen will. Warum hast du nicht erst sie gefragt, ob du mir überhaupt einen Antrag machen darfst?«

»Bitte, lass den zynischen Unterton! Das steht dir nicht. Ich lasse mir von meiner Mutter natürlich nicht dreinreden und werde dich vor ihrer spitzen Zunge schon zu schützen wissen.«

»Das sind ja schöne Aussichten! Und du meinst, es ist wirklich ein guter Einfall, mich deiner Familie zu Weihnachten gleich als deine Verlobte zu präsentieren? Ich meine, da weiß doch noch niemand von mir, oder?«

Niall kniff trotzig die Lippen zusammen.

»Das wird ja eine schöne Überraschung!«, fügte Lili spöttisch hinzu, wobei sie in demselben Augenblick über sich selbst erschrak. Wie rede ich eigentlich mit ihm?, durchfuhr es sie.

»Lili, falls du einen Rückzieher machen willst, dann sag es gleich. Wenn wir erst zu Hause sind, verlange ich, dass du mir bedingungslos vertraust. Da kann ich solche Zweifel nicht gebrauchen.«

»Werden wir eigentlich mit deiner Mutter unter einem Dach leben?«

»Ja, und nicht nur das. Auf Scatwell Castle leben außerdem mein Bruder, seine Frau und bis vor Kurzem auch meine verwirrte alte Großmutter, die aber inzwischen auf die andere Seite des Flusses gezogen ist. Sie kommt nur zu den Festen und wenn sie unbedingt muss. Weihnachten und Hogmanay werden wir allerdings in unserem Stadthaus in Inverness verleben, weil es in den letzten Tagen dort oben so sehr geschneit hat, dass wir das Tal nicht ungehindert erreichen würden. Und vor allem unsere Gäste nicht. So, und jetzt sag mir bitte, ob du mitkommst oder nicht. Oder ob du dich von dem Gerede einer Elfjährigen von unserer Heirat abschrecken lässt. Ich muss wissen, woran ich bin. Es war schon hart genug, dass du mir überhaupt einen Korb gegeben hast. Noch einmal will ich so etwas nicht erleben. Oder bist du wankelmütiger, als ich glaubte?«

Lili störte der unfreundliche Ton, mit dem er sie vor die Wahl stellte, aber hatte sie nicht damit angefangen? Sie bedauerte fast ein wenig, dass sie ihn derart schroff angegangen war. Es konnte doch nicht sein, dass sie sich stritten, bevor sie überhaupt verheiratet waren. »Ich bin alles andere als wankelmütig«, erwiderte sie daher eine Spur versöhnlicher. »Natürlich begleite ich dich, aber du solltest es mir nicht übel nehmen, wenn ich hin und wieder einen Zweifel hege. Schließlich gebe ich mein ganzes bisheriges Leben auf.«

»Also, daran wirst du ja wohl nicht sonderlich hängen. Hier bist du eine kleine Lehrerin, auf Scatwell wirst du eines Tages Herrin über ein riesiges Anwesen und eine Dame der schottischen Gesellschaft sein.«

Lili biss sich wütend auf die Lippen. Ihr missfiel die überhebliche Art, wie Niall mit ihr sprach. Und wieso erdreistete er sich, ihr vorzuschreiben, was sie zu fühlen hatte? Natürlich fiel es ihr schwer, Edinburgh und die St. George’s hinter sich zu lassen. Was bildete er sich eigentlich ein? Sie wollte ihrer Empörung gerade freien Lauf lassen, als sich Niall überraschend näherte und ihren Mund mit einem Kuss verschloss. Widerstrebend erwiderte sie seine Zärtlichkeit, doch dann vergaß sie allen Ärger, und die Knie wurden ihr weich. Wir schaffen das schon, redete sie sich gut zu, bevor sie sich völlig dem Rausch des Augenblickes hingab.

Als sich seine Lippen von den ihren gelöst hatten, sah Niall sie mit ganz anderen Augen an. Sein Blick war weich, seine blauen Augen schienen wie mit einem Schleier überzogen zu sein und wirkten geheimnisvoller denn je. »Ich gebe dich auch nicht wieder her. Niemals. Du gehörst mir«, flüsterte er.

Lili überhörte geflissentlich, wie besitzergreifend er über sie redete, sondern spürte immer noch der wohligen Hitze in ihrem Bauch nach.

»Verzeih, dass ich Isobel mit der Neuigkeit schockiert habe, aber sie fängt sich ganz gewiss bald wieder«, erklärte sie beinahe entschuldigend.

»Das hoffe ich auch, denn warum sollte sie dich weniger lieben, nur weil du nicht mehr ihre Lehrerin bist, sondern in Zukunft ihre Mutter sein wirst?«

Sofort machte sich in Lili wieder dieser innere Widerstand breit. Sie wollte nicht den Platz von Isobels Mutter einnehmen, sondern dem Mädchen Vertraute und Freundin bleiben. Sie wollte deren Talente fördern und ihr eine Schulter zum Anlehnen bieten. Und sie beabsichtigte, ihr jene Fröhlichkeit zu erhalten, die das Kind besonders nach seinem Erfolg beim Auftritt des Gillie Cullum entwickelt hatte.

Statt ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen, seufzte sie. »Wir werden schon gut miteinander auskommen.«

Mit einem flüchtigen Blick auf ihre einfache Armbanduhr, die ihr Davinia einst zum Examen geschenkt hatte, stellte sie fest, dass sie sich beeilen musste.

»Ich werde hinter der Bühne gebraucht. Ich muss den Mädchen noch einmal gut zureden, bevor es losgeht.«

Als sie sich daraufhin hastig umwenden wollte, hinderte Niall sie daran. Lili sah ihn irritiert an.

»Geh nie, ohne dich von deinem Mann verabschiedet zu haben!« Er lachte, doch dies hatte wenig gemein mit dem ansteckenden Lachen, das sie vorhin bei ihm erlebt hatte. Seine Augen strahlten etwas Unnahbares aus. Sie konnte nicht wirklich in ihnen lesen.

Lili hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und riss sich los. Warum stört es mich, dass er auf einem Abschiedskuss besteht?, fragte sie sich und hatte ihre Antwort gerade gefunden, als sie aus der Kälte des Parks zurück in das Schulgebäude schlüpfte. Es war nicht der Kuss selbst, der sie störte. Im Gegenteil, sie war als Kind niemals aus dem Haus gegangen, ohne ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange zu geben. Nein, es war vielmehr die Art und Weise, wie er ihn einforderte. Nicht zärtlich werbend oder spielerisch, sondern verbissen und herrisch. Würde sie sich je an einen solchen Umgangston gewöhnen und überhaupt jemals seine Erwartungen erfüllen können?

Lili wurde das Gefühl nicht los, dass mit Sir Niall etwas nicht stimmte. Du bist albern und siehst Gespenster, sprach sie sich energisch zu und eilte zum Festsaal.

8

Edinburgh, 23. Dezember 1913

Lili kam völlig außer Atem hinter der Bühne an. Sie stutzte. Die Mädchen standen in einem riesigen Pulk um Isobel herum, die wie von Sinnen schrie: »Und, wenn ihr es nicht glaubt, dann fragt sie doch selbst! Sie verlässt euch, weil sie meinen Vater heiratet.«

Lili konnte gerade noch hinter einem Pfeiler Deckung suchen, als das dutzendfache Protestgeschrei der Chormädchen losbrach.

»Du willst dich nur wichtig machen!«

»Du bist verrückt!«

Lili atmete tief durch und verließ ihr Versteck. Ehe sie sichs versah, war sie von einer Schar Mädchen umringt, die alle gleichzeitig auf sie einplapperten. Nur Isobel stand abseits, hatte die Hände vor der Brust verschränkt und beobachtete das Ganze mit einem Blick, den Lili bei ihr noch nie zuvor beobachtet hatte.

»Ruhe!«, brüllte Lili, so laut sie konnte. Augenblicklich verstummten die Mädchen. Lili blickte ernst in die Runde. »Nachdem Isobel das Geheimnis ausgeplaudert hat, muss ich wohl ein Geständnis ablegen. Ja, Isobels Vater hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden will, und ich habe seinen Antrag angenommen. Isobel verlässt die Schule, und ich ziehe mit Vater und Tochter in die Highlands.«

»Schön, dass ich das als Letzte erfahre«, ertönte nun die Stimme der schwer beleidigten Direktorin.

Lili lief rot an. »Ich weiß es doch erst seit Kurzem! Sie selbst haben mich ins Besprechungszimmer gerufen.«

»Ja, aber nicht, damit Sie sich Heiratsanträge machen und sich schnöde abwerben lassen, sondern weil ich dachte, Sir Niall wolle mit Ihnen über seine Tochter sprechen. Doch nun sehen Sie zu, dass Sie diesen Hühnerhaufen bis zum Auftritt beruhigt haben.«

»Jawohl, Miss Macdonald«, flüsterte Lili mit belegter Stimme und rief die Mädchen zur Ordnung. Ihr war unwohl zumute. Die Sache war irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Hätte sie es Isobel nicht zwischen Tür und Angel verraten, hätte diese sich vor den Chormädchen auch nicht mit der Neuigkeit brüsten können.

Lili atmete ein paarmal tief durch. Sie durfte auf keinen Fall mit den Gedanken abschweifen. Nun stand erst einmal der Auftritt im Vordergrund. Das war gar nicht so einfach, denn Lili fühlte sich während der gesamten Wartezeit von Isobels bitterbösen Blicken durchbohrt. Als sei Lili nicht mehr ihre Verbündete, sondern ihre Feindin. Vor dem Vorhang auf der anderen Seite wurden noch einmal Stühle gerückt, bis sich Miss Macdonalds klare Stimme erhob. Lili aber konnte sich partout nicht auf die Worte der Direktorin konzentrieren. Nein, sie fieberte nur noch dem Auftritt entgegen und betete, dass alles gut gehen möge. Doch dann erschien gegen ihren Willen der Mann aus den Highlands vor ihrem inneren Auge, und sie fragte sich, warum sie sich eigentlich mit derartigen Zweifeln marterte. Andere Frauen in meiner Lage würden über die kleinen Unstimmigkeiten großzügig hinwegsehen, einen gestandenen Witwer wie Niall zuckersüß umgarnen und ihn nicht mehr aus den Fängen lassen, mutmaßte Lili betrübt. Warum steckte sie nur so voller Widerspruchsgeist, beharrte auf ihrer eigenen Meinung und konnte es schwer ertragen, wenn man ihr das Gefühl gab, über sie bestimmen zu wollen? Wahrscheinlich war dies der Grund dafür gewesen, dass sie in der Vergangenheit selten eine Verabredung mit einem Mann gehabt hatte. Auf diese Weise wirst du keinen abbekommen, hatten ihr schon früher jene Mädchen in der Schule prophezeit, die es verstanden hatten, die jungen Männer um den Finger zu wickeln. Lili aber hatte meist schon gar keine Lust gehabt, überhaupt mit einem Verehrer auszugehen, weil sie an allen etwas auszusetzen hatte. Deshalb hatte sie stets behauptet, sie sei nicht spröde, sondern wählerisch. Doch Sir Niall war kein pickeliger Jüngling, sondern ein attraktiver Mann aus guter Familie, der ihr, Lili Campbell, einen Antrag gemacht hatte! Verdirb dir das ja nicht, liebe Lili!, redete sie sich schließlich gut zu und nahm sich fest vor, ihre Zweifel endgültig zu begraben.

»Miss Campbell, kommen Sie! Man hat uns angesagt«, hörte Lili nun die Stimme einer Schülerin eindringlich flüstern.

Lili schreckte hoch. Nun war sie doch mit ihren Gedanken abgeschweift.

»Stellt euch auf, wie wir es besprochen haben. Und du, Isobel, kommst nach, wenn der Chor auf der Bühne steht.«

Das Mädchen funkelte seine Lehrerin mit stummem Vorwurf an. Lili konnte nur hoffen, dass das impulsive Kind die Aufführung nicht platzen ließ. Obgleich es ihr letzter großer Auftritt in der St. George’s war, wollte Lili ihn ohne Skandal hinter sich bringen.

Nachdem sie am Klavier Platz genommen und festgestellt hatte, dass die Schülerinnen wie besprochen Aufstellung genommen hatten, starrte sie zum Vorhang und zählte die Sekunden. Was, wenn Isobel sich verweigern würde? Doch da teilte sich der schwere Stoff, und das Mädchen betrat unter dem Applaus des Publikums den Saal. Wie selbstbewusst sie mit einem Mal wirkt! Kein Vergleich zu vorher, schoss es Lili durch den Kopf.

Sie atmete auf. Was sollte nun noch misslingen? Sie warf Isobel einen ermunternden Blick zu und begann zu spielen. Der vielstimmige Gesang aus den Kehlen der Mädchen klang klarer und schöner als bei allen Proben. Und auch Isobel fand sicher ihren Einsatz und sang, als gehe es um ihr Leben.

Als das Lied zu Ende war, herrschte einen Augenblick lang Stille im Saal, bevor begeisterter Applaus aufbrandete.

Isobel knickste artig, und auch Lili erhob sich von ihrem Klavierhocker und führte eine anmutige Verbeugung aus. Sie blickte dabei ins Publikum und blieb an einem Paar blauer Augen hängen. Sie errötete, denn Niall schickte ihr einen Kuss auf die Bühne. Diese mutige Geste seiner Zuneigung nahm Lili mit einem Mal sämtliche Ängste und gab ihr jenes beschwingte Gefühl zurück, das sie bei seiner ersten Umarmung heute am Vormittag empfunden hatte. Es wird alles gut, dachte sie mit einem Anflug von überbordender Freude. Doch dann fiel ihr Blick auf Isobel, und sie erstarrte. Wo gestern noch kindliches Vertrauen und Zuneigung zu lesen gewesen waren, traf Lili auf ungeteilte Ablehnung. Das war nicht mehr jenes Mädchen, das ihr nicht von der Seite wich, sondern ein Kind, das ihr unmissverständlich zu verstehen gab, dass sie als neue Frau ihres Vaters alles andere als willkommen war. Der Hass, der aus Isobels Augen glühte, ließ keine andere Erklärung zu.

Lili wandte den Blick ab und suchte noch einmal den des Mannes aus den Highlands, der ausgerechnet sie, Lili Campbell, um ihre Hand gebeten hatte. Warum eigentlich mich? Gibt es dort, wo er lebt, keine attraktiven, heiratswilligen jungen Frauen?, durchfuhr es Lili, und sie versuchte, diesen Gedanken umgehend zu verscheuchen, denn wieder regten sich Zweifel, während sie eigentlich blind hätte vertrauen sollen. Niall aber lächelte ihr zu und formte mit den Lippen stumm drei Worte. Ich liebe dich.

9

Edinburgh, später Nachmittag, 23. Dezember 1913

Lili war nach dem Auftritt geradezu aus der Schule geflüchtet, natürlich nicht ohne sich von Niall zu verabschieden und für den nächsten Tag mit ihm zu verabreden.

Seit Stunden war sie schon damit beschäftigt, die wenigen Habseligkeiten ihrer Mutter zu ordnen und ihre eigenen Sachen für die Reise zu packen. Niall wollte schon in den frühen Morgenstunden des vierundzwanzigsten Dezember gen Norden aufbrechen. Mit dem ersten Zug. Lili hatte nicht widersprochen. Die Zeit, die ihr blieb, war zwar knapp, aber sie sollte genügen, um die Wohnung leer zu räumen.

Lili kniete vor der Kiste mit den persönlichen Dingen ihrer Mutter und wusste nicht recht, was sie damit anfangen sollte. Mitnehmen konnte sie den schweren Holzkasten nicht. Er war zu sperrig für die Zugreise, und sie wollte kein unnützes Zeug mit in die Highlands schleppen. Nein, beschloss sie seufzend, ich muss den Inhalt begutachten und fortwerfen, was nicht mehr zu gebrauchen ist. Natürlich fiel ihr der Gedanke schwer. Ihr war so, als würde sie ihre Mutter verraten. Doch dann hob sie den Deckel und griff beherzt in die Kiste, obwohl ihr der muffige Geruch für einen Augenblick den Atem rauben wollte. In der Hand hielt sie Fotografien und Papiere. Sie breitete alles vor sich auf dem wackeligen Tisch aus und verschnaufte erst einmal, bevor sie mit der Sichtung begann. Schon das erste Bild überraschte sie so sehr, dass sie einen leisen Pfiff ausstieß. Es war eine Ganzkörperfotografie ihrer Mutter, angefertigt in einem stadtbekannten Atelier. Unverkennbar Davinia. Lili staunte allerdings nicht schlecht über das schmale, schöne Gesicht der jungen Frau. Davinia hatte ihr zwar oft erzählt, dass sie einmal ebenso schlank gewesen war wie ihre Tochter heute, aber Lili hatte ihr das insgeheim nie so recht glauben wollen. Nun hielt sie den Beweis in Händen. Davinia war wirklich eine außerordentlich reizvolle Frau gewesen. Und wie ihre Augen strahlten! Da muss sie sehr verliebt gewesen sein, vermutete Lili und drehte das Bild um. Und tatsächlich, auf der Rückseite war eine Widmung: Meinem starken Mann aus den Highlands, meinem liebsten Gordon.

Lili wurde abwechselnd heiß und kalt. Was hatte ihre Mutter noch immer gepredigt? Nimm niemals einen Mann aus den Highlands! Lili konnte diese Warnung inzwischen sogar verstehen, nachdem sie doch erfahren hatte, dass dieser Kerl die arme Davinia so schnöde hatte sitzen lassen. Und noch etwas ließ ihr den Atem stocken. Hatte Doktor Denoon nicht behauptet, der Name ihres Vaters laute Gordon. Und nicht Gerald, wie ihre Mutter ihr einst anvertraut hatte? Und wenn der Doktor recht hatte, warum hatte Davinia sie ein Leben lang belogen?

Am liebsten hätte sie den Inhalt dieser verdammten Kiste auf der Stelle fortgeworfen, wenn da nicht diese brennende Neugier gewesen wäre. Ob es auch von ihm ein Bild gab? Mit zitternden Fingern ließ Lili die Fotografien durch die Hände gleiten. Es waren nicht viele. Sie zeigten ihre Mutter, alle in jenem Atelier hergestellt und wahrscheinlich nur zu einem Zweck gemacht: um den Mann aus den Highlands damit zu überraschen. Erst das allerletzte Bild zeigte nicht sie, sondern einen hochgewachsenen Mann mit hellem Haar. Er trug die schlichte dunkle Kleidung eines einfachen Edinburgher Arbeiters und hatte so gar nichts von den vornehmen Highlandern an sich, die Lili aus der Schule kannte. Sein Blick war verwegen und erinnerte eher an die Kerle, die zuhauf im Hafen von Leigh herumlungerten. Auch schien sein Haar noch nie mit einem Kamm in Berührung gekommen zu sein, denn seine Locken hingen ihm wirr in die Stirn. Und trotzdem war der Mann alles andere als unattraktiv. Lili konnte sich gut vorstellen, dass Davinia von seiner virilen Ausstrahlung fasziniert gewesen war. Sie hätte zu gern gewusst, welche Augenfarbe er gehabt hatte. Auf dem Bild wirkten die Augen sehr hell und wach. Ob das wirklich mein Vater ist?, fragte sie sich und drehte auch diese Fotografie um. Sie schluckte trocken, als sie in einer schön geschwungenen Schrift auf der Rückseite las: Wie lang und grausig ist die Nacht, entfernt von dir, o Liebe! O dass mein müdes Auge doch nicht ohne Schlummer bliebe. Wenn ich das hier erledigt habe, wirst Du meine Frau. Gordon Makenzie

Lili wurde unheimlich zumute. Da hatte ihr Vater Davinia mit demselben Gedicht von Robert Burns seine Liebe erklärt wie Niall Lili am Vormittag. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Und erneut stellte sie sich die Frage, ob es nicht vernünftiger wäre, mit ihrem Leben in Edinburgh auch diese Kiste hinter sich zu lassen. Als ihr Vater noch der gesichtslose Gerald MacGregor aus den Lowlands gewesen war, hatte sie sich nie sonderlich für ihn interessiert. Was hatte sich geändert, nur weil er ein zwielichtiger Mann aus den Highlands war, der nun ein Gesicht besaß?

Nein, ich sollte aufhören, in der Kiste zu wühlen, die Fotografien meiner Mutter und meine Geburtsurkunde mitnehmen, wenn sie sich denn überhaupt in dieser Kiste befindet, und den Rest vernichten, sprach sie sich gut zu, während ihre Hand wie von selbst nach dem Brief griff, der ganz oben lag. Lili erschrak, als ihr Blick auf den Absender fiel. Es war die Gefängnisverwaltung von Inverness.

Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen, und trotzdem konnte sie den Brief nicht aus der Hand legen. Vorsichtig drehte sie ihn um. Er war an Miss Davinia Campbell, bei Denoon, Charlotte Square 5 in Edinburgh, adressiert. Mit zittrigen Fingern zog Lili den Brief aus dem Umschlag. Keine Frage, es war ein offizielles Schreiben, datiert vom zwanzigsten November achtzehnhundertneunundneunzig. Lili schloss die Augen. Eine innere Stimme riet ihr dringend davon ab, diese Zeilen zu lesen. Sie atmete ein paarmal tief durch und riss die Augen wieder auf. Zu spät, schoss es ihr durch den Kopf. Jetzt kann ich nicht mehr zurück. Entschlossen heftete sie den Blick auf dieses schmutzige vergilbte Stückchen Papier.

 

Sehr geehrte Miss Campbell,

mit Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass unser Häftling Gordon Makenzie an den Folgen einer Typhusepidemie in unseren Mauern verstorben ist. Kurz vor seinem Tod bat er unseren Geistlichen, die Dinge, die er bei seiner Inhaftierung bei sich trug, an Sie zu schicken. Hiermit führen wir die Gegenstände einzeln auf: ein silberner Ordensstern des St.-Andrew-Ordens, einen Sgian Dubh und ein Clanabzeichen aus Zinn. Diese Gegenstände übersenden wir Ihnen mit getrennter Post. Die Gefängnisverwaltung Inverness

Alister McLarren

 

Lili schnappte laut hörbar nach Luft. Ihr Vater war also im Gefängnis von Inverness an Typhus gestorben, während Davinia ihr zeitlebens das Märchen vom schrecklichen Unfall kurz vor ihrer Geburt aufgetischt hatte. Dabei hatte sie all die Jahre von seinem Tod hinter Gefängnismauern gewusst, sich aber niemals etwas anmerken lassen. Lili stutzte. Oder doch? Plötzlich kamen ihr Bilder von ihrem zehnten Geburtstag Ende Oktober in den Sinn. Sie hatte ihn am Charlotte Square gefeiert. Sie erinnerte sich noch genau, wie stolz sie mit den anderen Mädchen unbehelligt durch das große Haus getobt war. Bis eine der Mitschülerinnen ihr gehässig an den Kopf geworfen hatte, das Haus gehöre den Herrschaften ihrer Mutter und sie sei doch nur ein Bastard. In dem Augenblick war ihre Mutter ins Zimmer gestürzt, hatte dem Mädchen eine schallende Ohrfeige verpasst und war dann weinend geflüchtet. Hätte Doktor Denoon bei den Eltern dieses Mädchens kein gutes Wort für Davinia eingelegt, hätte das Ganze sicher ein böses Nachspiel gehabt. Lili entsann sich nur deshalb so genau an jenen Tag, weil ihre Mutter danach noch lange mit vom ständigen Weinen geröteten Augen herumgelaufen war. Lili hatte damals geglaubt, ihr täten die Backpfeife und der Ärger leid, den sie den Denoons damit bereitet hatte. Wahrscheinlich hat sie an jenem Tag die Nachricht von Gordons Tod erhalten, mutmaßte Lili. Aber was war in den Jahren zuvor geschehen? Hatte Davinia die ganze Zeit über gewusst, dass er im Gefängnis saß, und auch, warum? Lilis Magen krampfte sich zusammen.

Nun gab es für sie kein Halten mehr. Sie wollte, ja, sie musste wissen, was sich damals ereignet hatte. Mit hochrotem Kopf blätterte sie die Briefe durch, aber sie fand nichts mehr von Interesse. Sie warf einen prüfenden Blick in die Kiste und stutzte. Der dunkelblaue Samt am Boden der Kiste war nicht glatt, sondern gewellt. Vorsichtig hob sie den Stoff an und stieß einen Pfiff aus. Darunter befanden sich jene Gegenstände, die die Gefängnisverwaltung ihrer Mutter einst geschickt hatte: ein silberner Orden mit der Distel darauf, der Sgian Dubh, ein traditionelles schottisches Strumpfmesser und ein Clanabzeichen. Offenbar hatte Davinia diese Hinweise auf die Identität des Kindsvaters gleich nach Erhalt in dieser Holzkiste verschwinden lassen, denn Lili hatte nichts davon je zu Gesicht bekommen. Vorsichtig nahm sie erst den Orden heraus, dann das Messer mit dem schwarzen Griff und zuletzt das Clanabzeichen. Da entdeckte sie am Boden der Kiste einen Briefumschlag. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie ihn vom Grund der Truhe barg. Sie erschrak, als sie die Schrift wiedererkannte. Es waren dieselben schön geschwungenen Buchstaben, mit der ihr Vater die Widmung auf der Rückseite seiner Fotografie verfasst hatte. Vor lauter Aufregung riss sie den Umschlag ein, während sie ungeduldig den Brief hervorzerrte. Er war datiert auf den April achtzehnhundertneunundachtzig, also auf einen Zeitpunkt, da ihre Mutter schon schwanger mit ihr gewesen war. Lilis Herzschlag wollte aussetzen, während sie diese Zeilen ungeduldig verschlang.

 

Liebste, Du musst stark sein. Ich konnte nicht zu unserer Hochzeit erscheinen und werde Dich niemals wiedersehen. Du weißt, ich musste hier oben im Norden etwas erledigen. Ich habe einen Menschen umgebracht. Es war ein fairer Kampf, doch das wird mir keiner je glauben. Nun werde ich im ganzen Land als Mörder gesucht.

Noch kann ich mich in den Highlands verstecken, aber wer weiß, wie lange noch? Ich könnte das Land verlassen, aber anderswo kann ich nicht leben. Deshalb werden sie früher oder später meiner habhaft werden. Und dann stehe ich zu meiner Tat, denn er war ein hinterhältiger Lump, der meiner Familie Übles angetan hatte. Er hat den Tod verdient. Bitte, versprich mir, dass Du Dir einen guten Mann nimmst, mit ihm eine Familie gründest und mich vergisst. Ich will nicht, dass Du mich womöglich im Gefängnis besuchst. Denn wenn sie mich kriegen, werde ich nie wieder in meinem Leben freikommen. Und bitte, Du musst mir schwören: Sprich nie wieder meinen Namen aus. Hörst Du? Nie wieder. Gordon Makenzie ist tot. Und such mich nicht. Ich werde leugnen, Dich zu kennen. Es ist besser so. Dein G. M. – nenne mich meinetwegen Gerald MacGordon –, der bis zu seinem letzten Atemzug, selbst wenn er ihn im Angesicht des Henkers tut, von dem einen Gedanken getragen und getröstet wird: dass er Davinia Campbell über alles liebt. Wir sehen uns wieder. In einem anderen Leben, mein Lieb.

 

Lili wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. So schrecklich die ganze Geschichte auch war, die Worte ihres Vaters trafen sie bis ins Mark. Wenn er auch nur annähernd ein solcher Mensch gewesen war, wie diese Worte sie glauben machten, dann konnte er kein mieser Verbrecher gewesen sein. Diese Rührung verflog, kaum hatte sie sich bewusst gemacht, dass ihr Vater offenbar einen Menschen auf dem Gewissen und ihre Mutter zu dieser lebenslangen Lüge verpflichtet hatte. Hätte er das auch von ihr verlangt, wenn er geahnt hätte, dass meine Mutter bereits ein Kind von ihm erwartete?, fragte sich Lili schockiert. Hätte er ihr dann verbieten können, dem Kind den Namen seines Vaters zu nennen? Hatte Davinia geglaubt, dass die Tochter diese Unterlagen finden werde, oder vielmehr gehofft, dass sie diese ungelesen fortwerfen werde?

Und was stand in ihrer Geburtsurkunde? Wie von Sinnen durchwühlte Lili alle jene Unterlagen, die sie vorhin lieblos aus der Kiste gekramt und zur Seite geworfen hatte. Und tatsächlich, ihre Geburtsurkunde befand sich darunter. Am ganzen Körper bebend suchte sie den Namen ihres Vaters, doch vergeblich, denn dort, wo er hätte stehen sollen, waren nur zwei Worte eingetragen: Vater unbekannt.

Lili saß eine Zeit lang wie betäubt mit der Geburtsurkunde in der Hand auf dem Fußboden. Absurde Gedanken wirbelten ihr ungeordnet durch den Kopf. Durfte sie Niall überhaupt noch heiraten, nachdem sie von dem Schicksal ihres Vaters erfahren hatte? Doch hatte er nicht mehr als deutlich gemacht, dass ihn ihre Herkunft nicht interessierte? Und überhaupt, was kümmerte sie dieser Mann, der zwar ihr Erzeuger war, der aber ansonsten nichts mit ihrem Leben zu schaffen hatte? Warum sollte sie sich Gedanken machen über einen Menschen, der seit weit über zehn Jahren tot war? Aber war es nicht ihre Pflicht als Tochter herauszubekommen, was hinter dieser Geschichte wirklich steckte? Was damals in den Highlands geschehen war?

Nein, denn einmal abgesehen davon, dass die wahre Herkunft ihres Vaters womöglich Lilis unbeschreibliche Sehnsucht nach dem Hochland zu erklären vermochte, was ging sie das Schicksal eines Mannes an, der niemals für sie da gewesen war? Wem sollte es nützen, wenn sie einem alten Geheimnis auf die Spur kam, nun da sie im Begriff stand, ein neues Leben anzufangen? Energisch nahm sie die Urkunde an sich. Sie würde sie zur Hochzeit benötigen, und ob sie Niall später einmal davon erzählen würde, stand auf einem anderen Blatt. Erneut griff sie zu dem Brief ihres Vaters.

Sie spielte kurz mit dem Gedanken, ihn zu vernichten, doch schließlich entschied sie sich anders. Zusammen mit dem Orden, dem Messer, dem Clanabzeichen, der Fotografie ihrer Mutter, ihrer Geburtsurkunde und dem Bild des Vaters stopfte sie seinen Brief in ihren Koffer. Nur das Schreiben der Gefängnisverwaltung riss sie in der Mitte durch und warf es in den Müll.

10

Edinburgh, 23. Dezember 1913, früher Abend

Lili versuchte seit mehr als einer Stunde krampfhaft, nicht mehr an die Geschichte mit ihrem Vater zu denken. Sie hatte ihre Sachen gepackt und ließ noch einen letzten Blick über die Möbel und die Kleiderkiste schweifen, die Lili Davinias Nachbarin, der Witwe Laird, vermacht hatte. Im Gegenzug dafür würde diese die Wohnung ausräumen. Da entdeckte sie neben dem Herd eine kleine Schachtel. Dort hatte ihre Mutter immer ihren Schmuck verwahrt. Lili öffnete sie vorsichtig. Vielleicht fand sie darin ein Abschiedsgeschenk für Miss Macdonald. Die Direktorin hatte Lili nach dem Fest vorgeschlagen, unter diesen Umständen ihre kleine Weihnachtsfeier, die für den fünfundzwanzigsten Dezember geplant war, auf den heutigen Abend vorzuverlegen. Als Abschiedsfeier sozusagen. Lili hatte die Einladung in die Schule dankbar angenommen, verstand sie dies doch als Versöhnungsangebot der Schulleiterin. Es wäre ihr schwergefallen, die St. George’s in Unfrieden mit Miss Macdonald zu verlassen. Außerdem hatte sie Niall ohnehin gebeten, sie am nächsten Tag in der Schule abzuholen. Und unter diesen Umständen würde sie auch dort übernachten, jetzt, da alle Schülerinnen zu Hause waren.

Lili warf einen Blick in die ärmliche Schatulle. Die Ausbeute war mager. Davinia hatte nicht mehr besessen als einen goldenen Ring und eine Kette. Der altmodische Schmuck wäre vielleicht etwas, womit sie Miss Macdonald eine Freude bereiten konnte, aber wenn sie der Direktorin etwas mitbrachte, benötigte sie auch ein Präsent für Mademoiselle Larange. Diese aber liebte das Ausgefallene und Luxuriöse, doch derlei hatte ihre Mutter Lilis Wissen nach nie besessen.

Schade, ich habe wirklich nichts für sie, dachte Lili betrübt, als ihr Blick noch einmal auf die Kleidertruhe fiel, die alte Sachen ihrer Mutter enthielt und die sie gar nicht erst geöffnet hatte. In ihrer Verlegenheit holte sie das jetzt nach und konnte kaum fassen, welche bunten und gewagten Kleider sie entdeckte. Darin hatte sie ihre Mutter niemals gesehen. Das Verrückteste war ein riesiger Hut mit Federn, ganz so, wie es in jungen Jahren ihrer Mutter einmal Mode gewesen war. Lili zog das Monstrum aus seiner Verpackung und setzte es auf. Auf ihrem Kopf sah es einfach nur lächerlich aus, aber Lili war sich sicher, dass die Französin diesen Hut formidable finden würde. Leider passte der Hut nicht mehr in den Koffer, sodass Lili ihn unter den Arm klemmen musste. Vernünftiger wäre es, mit dem schweren Gepäck eine Droschke zu nehmen, ging ihr durch den Kopf, während sie ins Kalte hinaustrat, sich noch einmal umwandte, um der Bell’s Wynd einen letzten Blick zu schenken, bevor sie die Stufen zur High Street hinaufstieg.

Dort hielt sie schwer atmend inne, doch sie wollte unbedingt noch ein letztes Mal den Weg zu Fuß durch ihr geliebtes Edinburgh gehen. Der Nachteil war allerdings, dass sie nur langsam vorankam, denn der Koffer war unglaublich schwer. Der Abschied von St. Giles, ein letzter Blick zum Schloss hinauf, all das nahm Zeit in Anspruch. Sie kam dann aber doch schneller voran, nachdem sie die High Street verlassen hatte und durch einen Park in Richtung Charlotte Square eilte. Nach allem, was sie inzwischen über ihren Vater in Erfahrung gebracht hatte, behagte es ihr zwar nicht sonderlich, Doktor Denoon noch einmal zu begegnen, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie konnte sich nicht einfach davonschleichen. Dafür hatten die Denoons zu viel für sie getan.

Als sie schließlich keuchend vor der Nummer fünf stand und ihr die Hausherrin öffnete, beschlich Lili ein merkwürdiges Gefühl. Es war ihr gar nicht bewusst gewesen, wie sehr sie an all dem hing, was sie zurücklassen musste. Wie viele Jahre war sie in diesem Haus ein und aus gegangen, hatte hier mit den Kindern des Hauses wie mit ihresgleichen gespielt, während ihre Mutter für die Familie gearbeitet hatte. Sie konnte gar nichts dagegen tun, dass ihr das Herz schwer wurde. Mrs Denoon aber bemerkte von alledem nichts. Sie strahlte beim Anblick der voll bepackten Lili.

»Nun, mein Kind, hast du es dir doch anders überlegt? Hier ist es bestimmt schöner als in der Bell’s Wynd. Ich habe nie verstanden, warum deine Mutter nicht mehr bei uns wohnen wollte, aber gut, sie –, sie war von seltener Sturheit. Schön, dass wenigstens du mit dir reden lässt.«

Lili räusperte sich ein paarmal, bevor sie antworten konnte, ohne dass ihr die Tränen kamen. Mit fester Stimme sagte sie schließlich: »Mrs Denoon, ich bin gekommen, um mich von Ihnen zu verabschieden.«

»Verabschieden?«

»Ja, ich werde heiraten und Edinburgh verlassen.«

Mrs Denoon stutzte, bevor sie nach Luft rang. »Aber Kind, komm erst einmal ins Haus! Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich meine, deine Mutter ist erst vor knapp vier Wochen von uns gegangen …«

Zögernd folgte Lili der Hausherrin bis in den Flur. Dort blieb sie stehen. »Mrs Denoon, ich wollte mich wirklich nur verabschieden. Morgen früh fahre ich mit meinem Verlobten nach Inverness.«

Mrs Denoon musterte Lili fassungslos. »Aber wieso? Wer ist dieser Mann?«

»Er stammt aus den Highlands. Sein Name ist Niall Munroy.« Absichtlich verzichtete Lili darauf zu erwähnen, dass er den Titel eines Baronets trug.

»Ach, Kind, ich freue mich doch so für dich. Ich wundere mich nur, dass es so schnell geht. Und dass deine liebe Mutter von gar nichts gewusst hat …«

»Er hat mir den Antrag gemacht, kurz bevor ich vom Tod meiner Mutter erfuhr.«

»Aber das ist doch auch noch keine vier Wochen her …«

Lili hörte den leisen Vorwurf in der Stimme der Hausherrin sehr wohl heraus. »Es ist der Vater einer Schülerin, die ich sehr mag«, erklärte sie beinahe entschuldigend. »Ein Witwer.«

»Und wie alt ist der Mann?«

Lili hob die Schultern. »An die zehn Jahre älter als ich, schätze ich«, erwiderte sie scheu und nahm sich insgeheim vor, Niall so bald wie möglich nach seinem wahren Alter zu fragen. Der Gedanke, dass sie das nicht einmal wusste, brachte sie innerlich aus der Fassung. So wenig kannten sie einander also!

»Und was tut er? Ich meine, was stellt er dar?«

»Er besitzt eine große Schafzucht«, erklärte sie hastig in dem Bemühen, weder seinen Reichtum zu erwähnen noch seinen Adelsstand.

Ehe sie sichs versah, hatte Mrs Denoon sie in die Arme geschlossen. »Ach, das freut mich für dich, mein Kind, wenn es auch sehr überraschend kommt. Was mich allerdings ein wenig stutzig macht, ist die Tatsache, dass du nicht strahlst, wie es einer glücklichen Braut gebührt.«

»Ich muss doch erst einmal alles verarbeiten. Erst bekomme ich einen Heiratsantrag, und bevor ich es meiner Mutter erzählen kann, ist sie tot. Und nun muss ich mich Hals über Kopf von allem verabschieden, was mir lieb und teuer ist. Von Ihnen, von meiner Stadt, meiner Schule und … Es fällt mir nicht leicht.«

»Ach, das verstehe ich doch nur zu gut. Ich bin damals der Liebe wegen von Aberdeen nach Edinburgh gezogen. Was glaubst du, wie schwer mir das gefallen ist! Aber dennoch: Wir wollen deinen Verlobten natürlich kennenlernen. Entweder ihr besucht uns, oder wir kommen in die Highlands. Du weißt doch, wir kuren jedes Jahr in Strathpeffer. Hoffentlich wohnst du nicht allzu weit davon entfernt, dann können wir dich bei der Gelegenheit besuchen.«

»Scatwell Castle liegt in der Nähe von Inverness.«

»Castle?« Mrs Denoon musterte Lili mit durchdringendem Blick.

»Ja, so nennt mein Verlobter sein Zuhause. Wahrscheinlich ist es nur ein besseres Farmhaus«, versuchte Lili sich herauszureden.

»Schon gut, mein Kind. Schade, dass mein Mann gerade unterwegs ist und Patienten besucht. Er hätte dir sicher auch gern Lebewohl gesagt.«

»Ja, das tut mir leid, aber ich muss zur Schule, Abschied feiern mit Miss Macdonald und Mademoiselle Larange. Ich schicke Ihnen auf jeden Fall meine neue Adresse, versprochen!«

»Gut, tu das. Dann bleibt mir nur noch, dir viel Glück zu wünschen. Und glaub mir, deine Mutter wäre stolz auf dich. Ach, ist das eine schöne Überraschung!«

Lili zögerte, doch dann umarmte sie Mrs Denoon herzlich. »Wir werden uns wiedersehen«, raunte sie, obwohl sie insgeheim befürchtete, dass es ein Abschied für immer sein werde. Deshalb wandte sie sich hastig zum Gehen, denn sie wollte nicht, dass Mrs Denoon ihre Tränen sah.

11

Edinburgh, Abend des 23. Dezember 1913

So schnell es ihr das schwere Gepäck erlaubte, eilte Lili weiter zur Schule. Kaum hatte sie die Eisenpforte geöffnet, als ihre Augen schon wieder feucht wurden. Sie konnte es nicht leugnen. Der Abschied fiel ihr mehr als schwer. Doch dann stellte sie kurzerhand den Koffer ab und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht.

Als sie den dunklen Flur entlangging, der zu den Privaträumen von Miss Macdonald führte, sah sie von fern ein Mädchen hinter einer Tür verschwinden. Sie stutzte. Schließlich waren die Kinder doch gestern alle abgeholt worden, und Isobel sollte mit ihrem Vater im Hotel übernachten.

Lili lief weiter und blieb unschlüssig vor der Tür des Schlafsaales stehen. Sie klopfte, bekam aber keine Antwort. Welches der Kinder mag bloß allein im Internat zurückgeblieben sein?, fragte sich Lili, als sie die Klinke hinunterdrückte und einen Blick in den Saal warf. Die Betten schienen alle unberührt, bis auf eines. Lili stockte der Atem. Es war das Bett von Isobel Munroy. Das wusste sie genau. Wie oft hatte sie das Mädchen in den Schlaf gesungen, wenn es wieder einmal aus seinen schrecklichen Albträumen erwacht war und eines der anderen Mädchen sie zu Hilfe geholt hatte. Lili stellte ihr Gepäck im Flur ab und näherte sich dem Bett.

Isobel lag auf dem Bauch und rührte sich nicht, auch dann nicht, als Lili sich behutsam auf die Bettkante setzte. Sanft tippte sie dem Mädchen auf die Schulter.

»Nicht erschrecken, ich bin’s nur.«

»Gehen Sie weg!«

»Aber was machst du denn hier? Ich denke, dein Vater hat dich für diese Nacht mit in sein Hotel genommen.«

»Gehen Sie weg!«

Lili atmete ein paarmal tief durch.

»Bitte dreh dich um und sieh mich an! Ich gehe, aber erst wenn wir beide miteinander gesprochen haben.«

Isobel blieb bewegungslos liegen.

»Gut, dann beantworte mir bitte nur die eine Frage. Warum bist du nicht bei deinem Vater?«

Isobel drehte sich um. Sie sah jämmerlich aus. Ihre Augen waren vom vielen Weinen verquollen, und sie wirkte noch blasser als sonst.

»O, Kleines, was ist mit dir?« Lili wollte sie umarmen. Isobel aber entzog sich ihr brüsk und zischte: »Fassen Sie mich nicht an!«, stieß sie hervor.

Lili zog die Hände rasch zurück.

»Ich wollte nicht mit. Und ich möchte auch die Schule nicht verlassen. Ich bleibe hier.«

»Aber das ist nicht möglich. Dein Vater wünscht sich so, dass du bei ihm lebst. Und das verstehe ich gut. Du bist doch auch nicht allein. Ich bin deine Freundin und komme mit.«

»Sie sind nicht mehr meine Freundin, Sie sind Papas Verlobte.«

»Isobel, ich will dir auch weiterhin eine gute Freundin sein. Sieh mal, ich kann doch niemals deine Mutter sein …«

»… aber Sie werden mich genauso verlassen wie meine Mutter. Und deshalb will ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben!«, schrie Isobel außer sich vor Zorn.

Lili zuckte zusammen. Noch niemals hatte sie das Kind so verzweifelt erlebt. Als Lehrerin hätte sie Isobel wegen ihres ungebührlichen Tons zurechtweisen müssen, als zukünftige Ehefrau ihres Vaters musste sie versuchen, diese plötzliche Ablehnung zu ergründen.

»Isobel, warum sollte ich dich verlassen?«, fragte Lili mit sanfter Stimme. »Ich verspreche es dir. Ich werde immer bei dir bleiben.«

»Sie lügen! Mom hat es auch versprochen und nicht gehalten.«

»Aber willst du mir nicht wenigstens Gelegenheit geben, es dir zu beweisen?«

Wie von Sinnen sprang Isobel vom Bett herunter und baute sich angriffslustig vor Lili auf.

»Lassen Sie mich in Frieden! Ich wünschte, Sie wären tot.« Noch während sie den letzten Satz herausschrie, rannte sie hinaus auf den Flur. Mit lautem Knall fiel die Tür hinter ihr zu.

Lili bebte am ganzen Körper. Sie blieb noch eine Weile auf der Bettkante sitzen. Selten hatte sie sich so hilflos gefühlt. Ihr fiel beim besten Willen nicht ein, wie sie dem verstörten Mädchen helfen sollte. Isobel hatte sich regelrecht in einen Hass gegen sie hineingesteigert. Lili ahnte, dass hinter Isobels Abwehr tiefe Ängste steckten, die mit ihr, Lili, wenig zu tun hatten. Doch es schmerzte, von ihrer Lieblingsschülerin derart gemein angegriffen zu werden. Doch was sollte sie tun? Einen Rückzieher machen, die Verlobung lösen und Niall bitten, Isobel auf der Schule zu lassen? Aber wäre sie überhaupt in der Lage, so einfach auf Niall zu verzichten, nur weil Isobel Probleme mit der neuen Frau des Vaters hatte? In diesem Augenblick verspürte sie eine tiefe Sehnsucht nach ihm. Gemeinsam werden wir es schon schaffen und eine glückliche Familie werden, redete sie sich gut zu, während sie den Schlafsaal verließ. Sie war noch nicht ganz bei der Tür zu Miss Macdonalds Räumen angelangt, als sich ihr schlechtes Gewissen meldete. Sie konnte doch unmöglich zulassen, dass die verzweifelte Isobel sich mutterseelenallein auf dem Schulgelände herumtrieb. Sollte sie nach ihr suchen? Sie seufzte. Nein, so schwer ihr die Einsicht auch fiel, aber sie war im Augenblick wirklich die Letzte, die dem Mädchen Trost spenden konnte. Entschlossen kehrte Lili um und klopfte bei Mademoiselle Larange.

»Schon ier? Dann komm isch gleisch zu unsere Miss Macdonald. Isch muss mir nur noch umzieen. Oh, was aben Sie für einen Ut unter dem Arm? Der ist ja großartisch.«

Lili blieb an der Tür stehen und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Der ist für Sie. Er gehörte meiner Mutter, und ich könnte mir vorstellen, dass er Sie hervorragend kleidet.« Lili reichte Mademoiselle Larange die originelle Kreation, die diese strahlend entgegennahm und gleich aufsetzte. Sie stellte sich vor den Garderobenspiegel und betrachtete sich. Der Hut stand ihr ausgezeichnet.

»Ich wusste doch, dass er wie für Sie gemacht ist.«

»Isch kann jeden Ut aufsetzen, sogar eine Kochtopf, aber isch glaube, Sie würde der auch steen.«

Lili machte eine abwehrende Handbewegung. »Nein, nein, für mich ist so etwas nichts!«

»Ach, Sie sind manschmal viel zu bescheiden und artisch. Sie können viel mehr aus Ihnen machen. Jetzt, wo Sie werden eine Lady Munroy. Isch abe mir schlau gemacht. Die Frau eines Baronet ist ein Lady. Und als feine Dame, da können Sie sisch leisten ein Extravaganz und nischt so brav wie ein Lehrerin.«

Lilis Blick verfinsterte sich. Einen Augenblick lang hatte sie ihr eigentliches Anliegen vergessen. Doch plötzlich stand ihr die ganze verfahrene Situation wieder lebhaft vor Augen.

»Pardon, isch wollte Ihnen nischt zu nahe treten. Es war eine Kompliment …«

»Keine Sorge, Sie haben mich in keiner Weise gekränkt. Mir bereitet etwas ganz anderes Kummer. Ich wollte Sie eigentlich bitten …« Lili stockte und holte noch einmal tief Luft, bevor sie fortfuhr. »Es geht um Isobel. Sie ist nicht mit ihrem Vater ins Hotel gezogen, sondern übernachtet heute ganz allein im Schlafsaal.«

»Kein Problem, Sie müssen nischt ier in mein Wohnung übernachten. Sie wollen sischer bei Ihr zukünftige Stieftochter sein.«

Lili blickte der Französin fest in die Augen. »Das wollte ich Sie nicht fragen. Ich wollte Sie eher bitten, ob Sie wohl nach ihr suchen könnten. Sie versteckt sich irgendwo auf dem Schulgelände, nachdem sie mir deutlich gemacht hat, dass ich nicht mehr ihre Freundin bin.«

Kaum hatte Lili den Satz zu Ende gesprochen, als ihr die Tränen kamen. Sie konnte nichts dagegen tun.

»Um Immels willen, ma petite, nein, nisch weinen! Das geht vorüber. Das ist nur Eifersucht. Sie liebt Ihnen doch. Setzen Sie sisch auf mein Chaiselong und warten Sie auf misch. Ich suche Isobel, bringe sie in ihre Bett und rede mit sie. Isch bin doch immer auch ein Freundin von die Kleine gewesen.«

Mademoiselle Larange schob Lili energisch vom Flur in den Salon.

»Ruhen Sie sisch aus. Es war viel su viel für Ihnen. Wenn isch zurück bin, dann gehen wir gemeinsam zu Mademoiselle Macdonald und feiern.«

Und schon war die Tanzlehrerin aus der Tür und ließ Lili allein in der Wohnung zurück. Allerdings war nicht daran zu denken, dass sie sich still hinsetzte. Sie vibrierte vor innerer Unruhe und durchquerte mehrere Male den apart eingerichteten Salon der Moiselle, bis sie vor einer Wand mit Fotografien stehen blieb. Sie zeigten die großen Erfolge der einstigen Primaballerina, doch auch hier hielt es Lili nicht lange. Ruhelos schritt sie auf und ab, während es in ihrem Kopf surrte wie in einem Bienenhaus. Wie auch immer sie in Bezug auf Isobel handelte, es schien verkehrt zu sein. In diesem Augenblick sehnte sie sich nach den ruhigen Bahnen, in denen ihr Leben noch vor vier Wochen verlaufen war. Und nach ihrer Mutter, die sie um Rat hätte fragen können. Ob Davinia den attraktiven Mann aus den Highlands wohl gemocht hätte?

Schließlich ließ sich Lili auf die Chaiselongue fallen. Sofort überfiel sie eine bleierne Müdigkeit. Kein Wunder, ging ihr durch den Kopf, nach allem, was heute schon geschehen ist! Ich habe mich verlobt, ich habe erfahren, dass mein Vater einen Menschen umgebracht hat und im Gefängnis gestorben ist, ich habe mir meine Lieblingsschülerin zur Feindin gemacht, ich habe die Bell’s Wynd hinter mir gelassen, und nicht nur das, sondern mein ganzes bisheriges Leben …

12

Edinburgh, Abend des 23. Dezember 1913

Lili erwachte von leisen Schritten und riss erschrocken die Augen auf.

»Isch wollte Ihnen nisch wecken. Schlafen Sie ruisch weiter. Isch sage Mademoiselle Macdonald Bescheid, dass Sie müssen sisch ausruhen …«

»Nein, nein, schon gut, ich bin wach«, erklärte Lili mit fester Stimme und setzte sich kerzengerade hin. »Was hat Isobel gesagt?«

»Dass sie schön in ihre Bett bleibt und kein Dummeiten macht und …« Die Französin seufzte. »… und dass sie an die Schule bleiben möschte. Aber isch abe geraten ihr, ihren Vater zu georschen.«

»Und hat sie mich erwähnt?«

»Nein, doch – sie at gesagt, dass sie über Ihnen nischt spreschen will.«

»Gut, dann lasse ich sie in Ruhe, bis sie vernünftig geworden ist.«

»Lassen Sie das Kind Zeit. Aber nun kommen Sie, Mademoiselle Macdonald asst Unpünktlischkeit.«

Lili fuhr sich flüchtig durch das Haar, strich den Rock glatt und entnahm ihrem Koffer die Kette und den Ring ihrer Mutter. Natürlich hatte sie kurz mit dem Gedanken gespielt, die beiden Schmuckstücke als Erinnerung zu behalten, aber erstens war ihr der Ring viel zu groß, und außerdem eignete sich der Schmuck eher für eine gesetzte Dame. Und er entsprach genau dem Geschmack der Direktorin.

Miss Macdonald begrüßte die beiden Kolleginnen herzlich und bat sie einzutreten. So streng sie manchmal in der Schule wirkte, so ungezwungen bewegte sie sich in ihren Privaträumen. Überraschenderweise wehte den Gästen der Geruch von gebratenem Truthahn entgegen.

»Mon dieu, Sie aben doch wohl nisch etwa ihre eiligen Prinzipien vergessen und eine Festessen gezaubert?«

Die Direktorin lächelte verschmitzt. »Ich war Ihr enttäuschtes Gesicht leid, Mademoiselle Larange. Aber trösten Sie sich, dafür essen wir morgen und übermorgen Haggis.«

»Aben Sie Erbarmen, das überlebe isch nisch!«

»Der Truthahn ist so groß, der reicht noch bis Hogmanay.Aber nun kommen Sie zu Tisch! Ich kann nur hoffen, dass auch Ihnen Ihre Henkersmahlzeit schmeckt, liebe Miss Campbell.«

Lili zuckte unmerklich zusammen. Natürlich kannte sie den Humor der Direktorin und ihre Vorliebe, die Dinge beim Namen zu nennen, nur fiel ihr bei der bloßen Erwähnung einer Henkersmahlzeit sofort ihr Vater ein, der ein Dasein hinter Gittern gefristet hatte. Und sie quälte sich erneut mit der Frage, ob sie Niall das doch lieber vor der Hochzeit ehrlich offenbaren sollte.

Ihre Grübeleien waren jedoch in jenem Augenblick verflogen, als Miss Macdonald den Braten auf den Tisch stellte. Eine solche Köstlichkeit hatte Lili bislang nur bei den Denoons genossen. Das werde ich in Zukunft öfter auf den Tisch bringen, dachte sie und fragte sich im gleichen Augenblick, ob es ihr je wohl gelingen werde, die Rolle der Tochter einer Köchin abzulegen. Denn sie würde in den Highlands bestimmt nicht selbst kochen müssen. Dafür gab es sicherlich Personal. Eine merkwürdige Vorstellung!

Als könne sie Gedanken lesen, erhob jetzt die Gastgeberin ihr Glas mit den Worten: »Ein Prosit auf unsere junge Lady Munroy. Ich habe zur Feier des Tages extra einen Champagner aus dem Keller geholt. Der ist nur für besondere Anlässe gedacht.«

»Exactement! Den letzten Flasch habe isch mit Ihnen zu Hogmanay im Jahre achtsehnundertneunundneunsisch um die Mitternacht getrunken«, erinnerte sich Mademoiselle Larange kichernd.

Sie prosteten sich mit den geschliffenen Champagnerkelchen zu.

»Und Sie sind mir wirklich nicht mehr böse, dass ich fortgehe?«, wollte Lili zaghaft wissen.

»Aber nein, mein Kind, in Ihrem Fall nicht. Und Sie dürfen mir glauben, dass ich mir in der Vergangenheit bei so mancher Junglehrerin, die ich an einen Ehemann verloren habe, gewünscht hätte, diese Ehe wäre nicht zustande gekommen. Aber Sie haben es gut getroffen. Da mache ich mir keine Gedanken. Die Munroys sind eine angesehene Familie, Sir Niall ist ein feiner Mann, und für Isobel gibt es nichts Wichtigeres, als wieder eine Mutter zu bekommen, nachdem ihre so grausam …« Miss Macdonald unterbrach sich erschrocken. »Entschuldigen Sie, das habe ich natürlich nicht sagen wollen. Es geht mich nichts an. Ich bin ein geschwätziges altes Weib, das viel zu viel redet.«

»Keine Sorge – dass Isobels Mutter sich umgebracht hat, das hat mir schon unser reizender ehemaliger Mathematiklehrer gesteckt«, bemerkte Lili trocken.

»So ein Dummkopf! Aber sprechen wir lieber über etwas Erfreulicheres.« Die Direktorin hatte einen roten Kopf bekommen, was besonders auffiel, weil sie von Natur aus eine besonders helle Hautfarbe besaß.

Lili war die Verlegenheit ihrer Gastgeberin nicht entgangen. Im Gegenteil, sie musterte Miss Macdonald neugierig. »Ich möchte gern alles erfahren, was Sie über diesen Fall wissen, sofern es Ihnen nichts ausmacht. Weder Niall noch Isobel kann ich danach fragen. Den Vater nicht, weil er den Tod seiner Frau mir gegenüber mit keinem Wort erwähnt hat. Und auch das Mädchen nicht. Seit sie weiß, dass ich ihren Vater heiraten werde, lehnt sie mich ab.« Lili blickte Miss Macdonald eindringlich an. »Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie darüber wissen!«

Die Direktorin richtete ihre Augen krampfhaft auf den Teller mit dem Braten.

»Lili, sehen Sie, das sind doch alles nur Gerüchte. Sir Niall ist ein verschlossener Mensch. Der hat die Sache nie erwähnt. Und es ist ja auch schon lange her. Über vier Jahre. Ich glaube, Sie sollten die alte Geschichte ruhen lassen und …«

»Bitte, sagen Sie mir, was Sie wissen! Und selbst wenn es nur unsinnige Gerüchte sind. Eines Tages werde ich sicher aus dem Mund meines zukünftigen Mannes die ganze Wahrheit erfahren. Aber ich werde den Verdacht nicht los, dass Isobels Verhalten mir gegenüber nicht nur bloßer Eifersucht oder der Angst entspringt, ich könne ihr den Vater wegnehmen, sondern dass es viel tiefer liegt. Sie scheint von der panischen Sorge getrieben zu sein, man könnte sie verlassen.«

Miss Macdonald wand sich. »Also, ich weiß nicht, ob man den dummen Klatsch der Hochlandbewohner einfach weitergeben darf. Diese Quelle ist nicht gerade zuverlässig. Sie kennen doch sicher Lady Ainsley aus Inverness, die Mutter von Murron.«

»Ja, sicher, sie hat ihren Mann doch letztes Jahr durch eine Krankheit verloren.«

»Sie redet gern über andere, besonders über Sir Niall Munroy, und es gelang mir nicht, sie in ihre Schranken zu weisen. Es war kurz nach dem Tod ihres Mannes, also ließ ich sie reden. Aber glauben Sie mir, es kam nichts als albernes Geplapper heraus.«

»Mademoiselle Macdonald, isch mische misch ungern ein, es geht misch auch gar nischts an, aber isch glaube, Mademoiselle Cambelle sollte alles wissen, was mit die Tod von Isobels Maman zu tun at. Isch glaube auch, das Kind ist durscheinander von die alte Geschischte. Sie war kein Bébé mehr, sie at es mitbekommen. Das ist kein gewöhnlisch Eifersucht, das ist mehr.«

Täuschte sich Lili, oder hatte sich der Blick der Direktorin verfinstert? »Ich weiß nicht … ich habe Sorge, dass ich mehr Schaden anrichte, als dass es jemandem nützen könnte«, murmelte sie.

»Bitte, erzählen Sie mir, was Sie wissen!«

»Sie sind ein Quälgeist, Miss Campbell! Gut, wenn Sie unbedingt wollen – aber behaupten Sie später nicht, das hätte ich Ihnen als Wahrheit verkauft. Ich zitiere nur die schwatzhafte Lady Ainsley.«

Sie holte tief Luft, bevor sie fortfuhr. »Also, die Lady soll ins Wasser gegangen sein. Aber in keinen tiefen See, sondern in einen Bach unweit des Anwesens der Munroys, in dem man unter gewöhnlichen Umständen nicht ertrinken kann. Vorher soll sie sich die Pulsadern aufgeschnitten haben, so tief, dass sie ohnmächtig wurde und vornüber ins Wasser fiel. Und … Isobel soll sie gefunden haben.«

Lili konnte sich gerade noch rechtzeitig die Hände vor den Mund pressen, um ihr Entsetzen nicht laut hinauszuschreien.

13

Inverness, später Nachmittag des 24. Dezember 1913

»Liebling, aufwachen, wir sind gleich da!«, ertönte eine sanfte Stimme an Lilis Ohr. Sie schreckte hoch und rieb sich verwundert die Augen. Nun war sie doch noch eingeschlafen. Während der ersten Stunden ihrer Reise bis nach Aberdeen war sie viel zu aufgeregt gewesen. Sie hatte die Nase förmlich gegen die Scheibe gepresst und sich an der vorüberziehenden Landschaft nicht sattsehen können. Immer wieder waren verwunschene Schlösser und Ruinen aufgetaucht. Kurz bevor sie in Aberdeen umgestiegen waren, hatte es zu schneien begonnen. Dicht waren die Flocken gefallen, und das Meer, das sich auf den letzten Meilen rechter Hand jenseits der Zugfenster erstreckt hatte, war fast nicht mehr zu sehen gewesen. Weiter im Norden hatte es aufgehört zu schneien. Dort war bereits alles unter einer dicken Schneedecke begraben gewesen: die wenigen Häuser, die Wiesen und die endlosen Hochebenen.

»Lass sie doch! Meinetwegen kann sie im Zug sitzen bleiben und gleich wieder zurückfahren«, giftete Isobel, die die ganze Fahrt über mit verschränkten Armen dagesessen und Lili keines Blickes gewürdigt hatte.

»Jetzt halt aber endlich deinen frechen Mund! Sonst kannst du die Festtage über wirklich auf deinem Zimmer bleiben. Ich erwarte von dir, dass du dich deiner neuen Mutter gegenüber anständig verhältst«, zischelte Niall. Ganz offensichtlich wäre es ihm peinlich gewesen, wenn die übrigen Mitreisenden etwas von den Unstimmigkeiten mitbekommen hätten.

»Die ist nicht meine Mutter, und das wird sie auch niemals sein!«, brüllte Isobel so laut durch das Abteil, dass die anderen Reisenden die Köpfe nach ihnen verrenkten.

Niall holte aus und versetzte seiner Tochter vor all diesen Gaffern eine schallende Ohrfeige. Lili war entsetzt. Nicht deshalb, weil diese Menschen sich zu fragen schienen, was da vor sich ging, sondern weil es für Isobel demütigend war, in ihrem Alter in aller Öffentlichkeit geohrfeigt zu werden. Sie verzog zwar keine Miene, aber dass sie entsetzlich darunter litt, ahnte Lili.

»Lass sie doch! Sie muss sich erst an die neue Situation gewöhnen«, bat Lili versöhnlich, woraufhin Niall sie wütend anfunkelte.

»Halt dich da heraus!«, zischte er durch die Zähne.

Lili beobachtete, wie die Damen gegenüber die Köpfe zusammensteckten und tuschelten. Niall verzog gequält das Gesicht. Ihm war die Erleichterung anzusehen, als der Zug endlich hielt.

Lili erhob sich seufzend und griff nach ihrem Koffer.

»Nein, den trägst du nicht selbst!«, herrschte Niall sie an und schob sie vor sich her aus dem Zug hinaus. Wenigstens nach ihrer Handtasche hatte sie noch greifen können.

Sie verstand zwar nicht, warum Niall das gesamte Gepäck einfach im Abteil zurückließ, aber sie tat, was er verlangte. Als Niall am Bahnsteig ehrerbietig von einem kräftigen älteren Mann begrüßt wurde und dieser nach dem Gepäck des gnädigen Herrn fragte, wusste Lili, warum sie nichts selbst hatte tragen dürfen. Das war Aufgabe des Kutschers, und es geziemte sich nicht für eine angehende Lady.

Auf dem Bahnhofsvorplatz wartete bereits eine Kutsche auf die Reisenden.

»Miss Isobel, du bist aber mächtig gewachsen!«, lachte der Kutscher, während er die Koffer einlud.

»Sag bloß nicht, dass ich jetzt eine junge Dame geworden bin!«, erwiderte das Mädchen hastig. »Denn ich will keine junge Dame sein. Die stellen nur dummes Zeug an.«

Lili zuckte zusammen. Damit war zweifelsohne sie gemeint.

Auch Lili warf der Kutscher einen forschenden Blick zu. Seine Augen waren wie ein offenes Buch. Darin stand die Frage geschrieben: Wer ist diese Frau?

Als Niall die unverhohlene Neugier seines Kutschers bemerkte, stellte er sie ihm ganz offenherzig als seine Verlobte vor, fügte aber verschwörerisch hinzu, er solle es nicht in der Küche ausplaudern, damit es sich nicht gleich im ganzen Haus wie ein Lauffeuer verbreite.

»Meine Mutter weiß nämlich noch nichts von ihrem Glück«, raunte er.

»Ich verstehe, Sir«, entgegnete der Kutscher mit verschwörerischer Miene und versprach hoch und heilig zu schweigen. Dann streckte er Lili seine kräftige Pranke entgegen, gratulierte ihr artig und erklärte höflich, er sei das Hausfaktotum, chauffiere die Herrschaft, arbeite im Garten und repariere hin und wieder etwas …

»Du bist viel zu bescheiden, Aidan«, mischte sich Niall lächelnd ein und wandte sich an Lili. »Wir wüssten nicht, was wir ohne ihn machen sollten, denn mein Bruder und ich haben zwei linke Hände.«

»Ja, das stimmt. Mister Craig ist besonders ungeschickt, aber dafür kann Mister Dusten mächtig anpacken. Wenn der etwas im Haus in Angriff nimmt, dann wird’s auch was. Der kann sogar die Kutsche reparieren. Wenn ich mal nicht mehr bin, dann …«, ergänzte Aidan eifrig und lief rot an, als ihn Nialls strafender Blick traf.

»Er ist aber nicht mein Bruder, sondern mein Cousin«, bemerkte Niall in scharfem Ton.

Diese Heftigkeit seiner Worte erregte Lilis Neugier, doch sie hütete sich davor, nachzufragen. Nialls zornig funkelnde Augen verrieten ihr, dass er auf seinen Cousin Dusten gar nicht gut zu sprechen war. Sie war überhaupt sehr gespannt auf den Rest der Familie. Eigentlich hatte er ihr noch gar nichts darüber erzählt. Außer dass er offenbar mit seinem Bruder, dessen Frau und seiner Mutter unter einem Dach lebte.

»Ist Mister Dusten denn schon in Inverness eingetroffen?« Mit der Art, wie abfällig er das Wort Mister über die Lippen brachte, bekräftigte Niall Lilis Vermutung. Ihr Verlobter und Dusten konnten einander nicht ausstehen. Ob der Cousin auch auf Scatwell Castle wohnte?

»Nein, leider sind weder er noch Lady Mhairie eingetroffen, aber es hat in den letzten Tagen im Tal entsetzlich geschneit. Vielleicht sind sie nicht mehr rechtzeitig nach Dingwall zum Zug gekommen.«

»Typisch für ihn. Er will sich doch bloß vor dem Fest drücken, und Großmutter lebt eh in ihrer versponnenen Märchenwelt«, schimpfte Niall, was Lili ebenfalls mit Verwunderung registrierte. Dass er so aufbrausend über seine Großmutter sprach, die offenbar geistig nicht mehr ganz auf der Höhe war, missfiel ihr.

»Träumst du?« Nialls Stimme riss Lili aus ihren Gedanken.

Sie wandte sich entschuldigend zu ihm um. »Nein, nein, es ist alles in Ordnung, ich bin nur etwas müde von der Fahrt.«

Niall half ihr galant in die Kutsche, deren Fenster so klein waren, dass sie von der verschneiten Stadt nicht viel zu sehen bekam. Doch kaum dass die Kutsche gehalten hatte, konnte sie ihre Neugier nicht länger zügeln und sprang ungeduldig wie ein Kind aus dem Wagen. Sie fand sich vor einem prächtigen Stadthaus wieder, das – nur durch einen Weg und eine Uferpromenade getrennt – an einem Fluss lag. Inzwischen war es dunkel geworden, aber die Straßenlaternen hüllten alles in ein milchiges, schläfriges Licht.

»Ja, das ist unser Geschäftshaus und unsere Bleibe über den Jahreswechsel. Das hat bereits Tradition, denn viele unserer Freunde leben in Inverness, und wir wären auf Scatwell recht einsam, weil sich keiner bei Eis und Schnee zu uns aufmachen würde. Aber gleich nach Neujahr fahren wir nach Hause«, erklärte Niall nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme.

»Und hier ist es nicht ganz so langweilig wie auf Scatwell«, fügte Isobel hinzu und schien für einen winzigen Augenblick vergessen zu haben, dass Lili für sie nicht mehr existierte.

»Hast du denn viele Freundinnen?«, fragte Lili rasch und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sich vor Freude über diese unverhoffte Annäherung ihr Herzschlag merklich beschleunigte.

»Viele nicht, meine beste Freundin ist Murron Cullon.«

Bei der Nennung dieses Namens zog sich Lilis Magen schmerzhaft zusammen. Sofort dachte sie daran, was deren Mutter über den Tod von Nialls Ehefrau verbreitet hatte, doch sie versuchte, es zu überspielen. »Ach ja, die kenne ich. Sie ist doch auch auf der St. George’s.«

Isobel aber hatte ihren Irrtum rasch bemerkt. Wütend funkelte sie ihre ehemalige Lieblingslehrerin an. Ganz nach dem Motto: Bilde dir ja nichts ein. Du bist nicht mehr meine Freundin!

»Jedenfalls darf Murron nach den Ferien zurück in die Schule und muss nicht mit Ihnen allein auf Scatwell bleiben, Miss Campbell«, zischte sie leise, damit ihr Vater es nicht mitbekam, doch Niall besaß ein scharfes Gehör.

»Mein liebes Kind, ich warne dich. Wenn du nicht sofort mit deinen Gehässigkeiten aufhörst, dann kannst du etwas erleben«, knurrte er.

»Keine Sorge, ich gehe freiwillig auf mein Zimmer und feiere nicht mit euch. Papa, aber wenn du glaubst, dass das eine Strafe für mich ist, hast du dich getäuscht. Ich bin doch froh, dass ich euch nicht länger sehen muss.«

Niall hob die Hand, um seiner Tochter erneut eine Ohrfeige zu verpassen, doch Lili ging dazwischen. »Bitte nicht, Niall!«

Er aber lief dunkelrot an. »Tu das nie wieder!«

Lili zuckte zusammen, denn seine Stimme klang gefährlich. Sie atmete tief durch und fühlte sich mit einem Mal ganz schrecklich verlassen. Was suchte sie hier in einer fremden Stadt, vor einem fremden Haus und mit einem Mann, der ihr plötzlich so fremd war wie die vielen Spaziergänger, die an der Uferpromenade entlangspazierten, eingehüllt in warme Mäntel?

Als sie seine Hand auf ihrem Arm fühlte, wäre sie der zärtlichen Geste am liebsten ausgewichen, dann aber ließ sie ihn gewähren. Auch als er sich bei ihr unterhakte, nachdem er die Haustür aufgeschlossen hatte, wehrte sie sich nicht, obgleich ihr sein schneidender Ton immer noch im Ohr nachklang.

Sie betraten eine Diele, die mit dunklem Holz vertäfelt war. »Hinter jenen Türen liegen unsere Geschäftsräume, aber wir wohnen in der ersten und zweiten Etage. Ich zeige dir gleich dein Zimmer. Dann kannst du dich frisch machen, und ich hole dich zum Essen ab. Wir sollten uns beeilen, denn ich möchte vermeiden, dass Mutter oder Craig dich vor dem Essen zu Gesicht bekommt.«

»Wäre es nicht besser, du stellst mich deiner Familie gleich vor? Damit nimmst du ihnen unter Umständen den Wind aus den Segeln. In meiner Gegenwart werden sie deine Entscheidung, mich zum Fest mitzubringen, doch wohl kaum kritisieren, oder?«

Lili warf Niall einen versöhnlichen Blick zu, erschrak jedoch angesichts seiner finsteren Miene.

»Ich hätte sie gern schonend auf deinen Besuch vorbereitet, aber wie denn? Ich habe doch keine klare Antwort von dir bekommen – ich meine bis gestern. Du hast mich mit deinem dummen Brief gefoppt und hingehalten. Und ich wollte Gewissheit, bevor ich dich der Familie gegenüber erwähne.« Niall versuchte zu lächeln, was ihm gründlich misslang.

»Und du, meine Liebe, hältst auch den Mund«, fauchte er seine Tochter an, die dem Geplänkel feixend zugehört hatte. »Du kannst schon vorgehen, aber kein Wort über Lili zu deinem Onkel oder deiner Großmutter!«

»Pah«, machte Isobel verächtlich. »Über die da doch nicht!«

»Isobel, ich warne dich!«, zischte Niall, doch da war seine Tochter bereits die Treppen nach oben gerannt und verschwunden.

Niall und Lili folgten ihr gemächlich in den ersten Stock. Neugierig blickte Lili sich in dem fremden Haus um. Sie gingen einen langen Flur entlang. Überall an den Wänden hingen Bilder von ernst dreinblickenden Hochländern in traditioneller Kleidung. Es waren üppige Ölgemälde, die diese hochgewachsenen Männer in Siegerpose und mit ihren Waffen zeigten. Auffällig war, dass bei jedem von ihnen ein Sgian Dubh deutlich sichtbar im rechten Strumpf steckte. Nialls Vorfahren, vermutete Lili, was sie unschwer an den roten Lockenköpfen und den sommersprossigen Gesichtern erkannte. Eine Familienähnlichkeit war nicht zu leugnen.

Vor einem der Bilder blieb Lili erstaunt stehen. Es zeigte eine Familie. Zwei Jungen kauerten vor dem Sessel, auf dem die Mutter saß, eine streng dreinblickende Dame in einem hochgeschlossenen dunklen Kleid, das ihr etwas Ältliches verlieh. Die beiden Knaben sahen einander entfernt ähnlich. Beide waren sie rot gelockt und hatten auffällig helle blaue Augen. Der Vater, ein breitschultriger Mann, auf dessen Gesicht der Anflug eines spöttischen Lächelns zu erkennen war, stand hinter dem Sessel seiner Frau und hatte ihr die Hand auf die Schulter gelegt. Trotz dieser scheinbar zärtlichen Geste wirkte er doch ganz fern. Als gehöre er nicht dazu. Noch einmal schweifte Lilis Blick zu den Kindern zurück, die vielleicht fünf und sechs Jahre alt sein mochten.

»Bist du das, Niall?«, fragte sie, während sie auf den älteren der Jungen deutete und dann den Mann an ihrer Seite musterte. Keine Frage, die Ähnlichkeit war frappierend.

»Ja, das bin ich«, knurrte er. »Liebling, es ist wirklich besser, wenn du dich erst einmal unsichtbar machst«, fügte er ungeduldig hinzu. »Ich möchte nicht, dass dich Craig oder Mutter erspäht, bevor ich ihnen deine Anwesenheit angekündigt habe.«

Lili sah ihm fest in die Augen. »Wenn du meinst. Aber du kannst dir vielleicht vorstellen, dass mir das mächtig gegen den Strich geht. Warum versteckst du mich? Schließlich möchtest du mich heiraten.«

Niall seufzte gequält auf. »Die Wahrheit?«

Lili nickte.

»Ich tue es, um dich zu schützen. Sowohl Craig als auch seine Frau Shona sowie Mutter sind nicht die taktvollsten Menschen auf Erden. Jedenfalls nicht, wenn wir unter uns sind. Wenn Fremde dabei sind, können sie sich erstaunlich gut benehmen, aber ich wünsche nicht, dass deine erste Begegnung mit ihnen zu einem Fiasko gerät. Als meine zukünftige Ehefrau werden sie dich von Anfang an als Familienmitglied betrachten und keinerlei Rücksicht auf Befindlichkeiten nehmen.«

»Schon gut, ich bleibe auf meinem Zimmer, bis du mich holst.«

»Hier ist es schon.« Niall öffnete eine Tür und ließ sie vorgehen. Lili rang nach Luft. Dies war kein kleines Gästezimmer, sondern ein riesiger Raum mit hoher Decke und edlen Möbeln. Er wirkte hell und freundlich, und Lili war sicher, dass er von einer Frau eingerichtet und bewohnt worden war. Als Lilis Blick an einem Ölgemälde hängen blieb, das eine schöne Frau mit dunkelblond gelocktem Haar darstellte, ahnte sie, wer hier einmal gewohnt hatte.

Niall erwähnte mit keinem Wort, dass er seine Braut im Zimmer seiner verstorbenen Frau unterbrachte. Er schien dies für das Normalste der Welt zu halten. »Es sind ja nur die paar Tage. Gleich nach Hogmanay fahren wir zum Schloss. Ach ja, bevor ich es vergesse, Isobel hat in der kurzen Zeit noch keinen Platz in der Mädchenschule in Inverness bekommen. Du wirst sie so lange unterrichten.«

Lili war verblüfft. Sie hatte nichts dagegen, ihrer künftigen Stieftochter Unterricht zu erteilen, im Gegenteil. Doch die Art und Weise, wie Niall ihr dies mitteilte, befremdete sie. Sie war gespannt, welche Überraschungen er noch für sie bereithielt.

»Eigentlich bist du nicht zum Arbeiten hier, und ich kann auch eine andere Lehrerin beschaffen«, bemerkte er beinahe entschuldigend.

»Nein, Niall, selbstverständlich übernehme ich diese Aufgabe. Ich freue mich doch, wenn ich mich nützlich machen kann. Ich hatte schon befürchtet, ich müsse den ganzen Tag faul herumsitzen und mich bedienen lassen.«

Zu Lilis großem Entzücken brach Niall wieder in jenes herzliche Lachen aus, das sie zu ihrem Bedauern viel zu selten bei ihm erlebte. In jenen Augenblicken wirkte er herrlich unbeschwert.

»O nein, an Langeweile wirst du auch später nicht leiden. Du wirst Schritt um Schritt Mutters Rolle im Haus übernehmen und große Verantwortung tragen. Bedenke, du bist dann immerhin Lady Lili Munroy.«

»Hoffentlich fühlt sich deine Mutter von mir nicht beiseitegedrängt.«

»Nein, sie weiß, wo ihr Platz ist. Schließlich hat sie das alles schon einmal erlebt, als Isobels Mutter den Haushalt führte, als …« Niall unterbrach sich verlegen.

Lili aber blickte ihn fragend an. Warum redete er nicht weiter über seine Frau? Und wann würde er ihr endlich von deren grausamem Selbstmord erzählen?

Doch Niall wandte sich energisch um. »Ich hoffe, du kommst allein zurecht. Spätestens zum Abendessen bin ich zurück, aber ruh dich noch ein wenig aus. Du siehst müde aus, Liebling.«

Niall zögerte, doch dann kam er noch einmal zurück und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

»Bis nachher«, murmelte er und ließ sie allein in einem Zimmer, von dessen einer Wand sie die wachsamen Augen eines Ölgemäldes anstarrten.

Lili rieselten kalte Schauer über den Rücken bei dem Gedanken, mit ihrer verstorbenen Vorgängerin das Zimmer zu teilen.

14

Inverness, 24. Dezember 1913

Lili ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Der Stil der Möbel war feinstens aufeinander abgestimmt. Der Damensekretär, der Kleiderschrank, der zierliche Sofatisch, der Rahmen des Bettes und der Bücherschrank waren aus Eibe gefertigt, die Sessel mit demselben Stoff bezogen wie das Chesterfield-Sofa. Wenn es nicht das Zimmer von Isobels Mutter wäre, ich würde mich hier durchaus wohlfühlen, denn es besitzt eine anheimelnde Atmosphäre, schoss es Lili durch den Kopf. Doch ein einziger Blick auf das Gemälde der eleganten blonden Dame in dem himmelblauen Kleid vertrieb ihr den Anflug von Wohlgefühl. Allem Anschein nach hatte in diesen Räumen eine verzweifelte Frau gelebt, die auf grausame Weise aus dem Leben geschieden war und deren Ableben Niall ihr gegenüber kaum für erwähnenswert zu halten schien.

Bei der Gewissheit, dass sich hinter dem Selbstmord von Nialls Frau ein schreckliches Geheimnis verbarg, spürte Lili ein Unwohlsein in sich aufsteigen. Um sich von derlei Gedanken abzulenken, erhob sie sich entschlossen und schlenderte zum Bücherregal. Wahllos nahm sie einen Band in die Hand. Es war ein dicker Wälzer über die Zucht von Scottish Blackface, einer, wie Lili als Lehrerin wusste, uralten Schafrasse. Sie stutzte. Ein solches Buch hätte sie in Nialls Bücherschrank erwartet, aber nicht bei seiner Frau. Vorsichtig schlug sie es auf. Ihr Blick blieb an der Widmung hängen. Meiner treuen Mitstreiterin und geliebten Frau Caitlin.

Lili las den Satz mehrfach und konnte sich nicht helfen: Das klang liebevoll und aufrecht. Er muss seine Frau wirklich geliebt haben, durchfuhr es sie überrascht. Was habe ich mir nur eingebildet?, redete sie sich streng ins Gewissen. Dass ihm seine Frau gleichgültig war? Jetzt weiß ich wenigstens, wie sie hieß: Caitlin. Aber warum nennt er sie nur Isobels Mutter?

Plötzlich kam Lili sich wie ein Eindringling vor, und doch zog sie der Schreibtisch der Toten magisch an. Auf leisen Sohlen näherte sie sich dem stilvollen Damensekretär, aber zu ihrer großen Enttäuschung lag lediglich ein Federhalter darauf. Sie zuckte zurück. Was hatte sie erwartet? Ein Tagebuch, das ihr ein streng gehütetes Geheimnis offenbarte? Einen Brief, in dem Caitlin der lieben Lili das Mysterium ihres Ablebens erklärte?

Lili trat einen Schritt zurück und schüttelte sich. Was war bloß mit ihr los, dass diese brennende Neugier Besitz von ihr ergriffen hatte? Und warum vermutete sie gleich irgendein düsteres Geheimnis? Sie schob es auf ihre Erlebnisse der letzten Tage. Wahrscheinlich ist es das Entsetzen, nachdem ich über meine eigene Herkunft so Schreckliches erfahren musste, mutmaßte sie, während ihr Blick zur Anrichte hinüberschweifte. Dort standen einige Rahmen mit Fotografien. Ohne zu überlegen, näherte sich Lili den Bildern und betrachtete neugierig eins nach dem anderen. Ein Bild zeigte Niall, Caitlin und die vielleicht zweijährige Isobel vor einem prachtvollen Gebäude. Lili verspürte einen Stich mitten ins Herz, als sie entdeckte, dass er den Arm zärtlich um die schmale Taille seiner Frau gelegt hatte. Dann sah sie sich das Gesicht der Frau näher an, und ihr stockte der Atem. Die Fotografie enthüllte eine Auffälligkeit, die auf dem repräsentativen Ölgemälde nicht zu erkennen gewesen war. Caitlin besaß eine enorme Ähnlichkeit mit ihr, Lili. Beide hatten dieses kräftige dunkelblonde Haar und einen ähnlich weich geschwungenen Mund. Ein schrecklicher Verdacht überkam Lili, und sie konnte sich beim besten Willen nicht gegen diesen Gedanken wehren. Hatte Niall sie nur deshalb so überraschend gebeten, seine Frau zu werden, ungeachtet ihrer Herkunft, weil sie ein jüngeres Ebenbild seiner Frau war? Lili liefen kalte Schauer über den Rücken. Ihr war die Lust vergangen, sich weitere Fotografien anzusehen, und sie wandte der Anrichte den Rücken zu. Stattdessen packte sie ihre Sachen aus dem Koffer in den Schrank, nur um etwas zu tun, aber es half nichts. In ihrem Kopf hämmerten ohne Unterlass die zweifelnden Gedanken, ob Niall wirklich sie meinte, als er um sie geworben hatte. Sie bebte am ganzen Körper, während sie aus ihrem Reisekostüm schlüpfte und eines der Kleider anzog, die ihre Mutter ihr genäht hatte.

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie die laut streitenden Stimmen erst vernahm, als sie sich unmittelbar vor ihrer Tür befanden.

»Mutter, das kannst du ihm nicht durchgehen lassen. Dass er uns eine hergelaufene Lehrerin ins Haus schleppt, deren Mutter eine Köchin war. Und wer war der Vater? Darüber konnte uns mein lieber Bruder nämlich gar nichts berichten. Er hat sie ja nicht einmal gefragt«, giftete eine Männerstimme.

»Mein lieber Junge, ich verstehe deine Empörung. Mir wäre es auch wesentlich lieber gewesen, er hätte stattdessen Lady Ainsley über die Feiertage zu uns eingeladen. Ich weiß doch auch nicht, warum es unbedingt ein junges Ding und die Tochter einer Köchin sein muss.«

Lili hegte keine Zweifel, dass Nialls Mutter und sein Bruder da draußen stritten und sie ganz offensichtlich nicht lauschend hinter dieser Tür vermuteten.

»Dann sind wir uns ja einig. Warum verlangst du nicht von ihm, dass er die kleine Lehrerin nach Hause schickt und sich bei der Wahl seiner zukünftigen Frau seiner Herkunft entsinnt? Schließlich hat er Vaters Titel geerbt.«

»Craig, fang nicht wieder damit an! So will es das Gesetz. Bedenke, seine Wahl hat auch einen Vorteil. Sie kommt aus Edinburgh, und was mit Caitlin geschehen ist, kann sich nicht wiederholen. Unter diesen Umständen sollten wir vielleicht sogar darüber hinwegsehen, dass sie unter unserem Stand ist. Außerdem hat sie das richtige Alter, um uns einen männlichen Nachkommen zu gebären. Und das ist bei Lady Ainsley vielleicht nicht mehr so einfach möglich.«

Lili hörte ein unwilliges Schnaufen. »Da magst du recht haben«, knurrte Nialls Bruder. »Trotzdem hätte er uns wenigstens vorwarnen können.«

Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gebracht, als Lili Nialls zischelnde Stimme hörte. »Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?«

Dann herrschte Stille, und Lili konnte sich bildlich vorstellen, was sich dort draußen vor ihrer Tür gerade abspielte. Wahrscheinlich versuchte Niall, seinen Verwandten durch Zeichen verständlich zu machen, dass sich seine Verlobte in dem Zimmer befand, vor dessen Tür sie sich gerade lautstark über Nialls Wahl ereiferten.

Dass dem so war, bewies das laut gestöhnte: »Aber doch nicht in ihrem Zimmer …«, das nun entsetzt aus dem Mund seiner Mutter durch die Tür bis zu Lili drang.

Lili wich einen Schritt zurück und versuchte, zum Sofa zu gelangen, bevor sich die Tür öffnen und man sie beim Lauschen ertappen würde. Schritte entfernten sich hastig. Sie erwartete jede Sekunde, dass jemand ins Zimmer stürzte, doch alles blieb still. Mit zitternden Knien ließ sie sich auf das Sofa fallen. Wo bin ich da nur hineingeraten?, fragte sie sich traurig. Plötzlich überkam sie die unbändige Sehnsucht, zusammen mit Miss Macdonald und Mademoiselle Larange die Reste des Truthahns zu verspeisen und danach vor dem lodernden Kamin mit ihnen Drambuie zu trinken, bis ihr ganz leicht zumute sein würde. Denn mit jedem Augenblick, den sie in diesem Haus weilte, wurde ihr schwerer und immer schwerer ums Herz.

15

Inverness, Abend des 24. Dezember 1913

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Lili wieder Schritte vernahm, die sich ihrem Zimmer näherten. Ohne anzuklopfen, trat Niall ein. Er war bleich und musterte sie durchdringend. »Lili, hast du gehört, was vorhin draußen gesprochen wurde?«, fragte er ohne Umschweife.

Lili kämpfte mit sich. Sollte sie sich dumm stellen oder zugeben, was sie wider Willen hatte mitanhören müssen?

»Lili, bitte, nun rede doch! Hast du etwas von dem Gespräch mitbekommen, das vor deiner Tür geführt wurde?«

Lili nickte seufzend.

»Was haben sie gesagt?«

»Vermutlich war es dein Bruder, der den Vorschlag machte, die nicht standesgemäße Tochter einer Köchin nach Hause zu schicken, und deine Mutter – ich nehme an, sie war es – hatte gehofft, dass Lady Ainsley das Fest mit euch verbringen würde und nicht ich …« Lili stockte, und ohne nachzudenken, rutschte ihr jene Frage heraus, die ihr auf der Seele brannte. »Niall, was ist mit deiner Frau geschehen? Warum hat sie sich das Leben genommen?«

»Du weißt davon?«

Lili nickte zerknirscht. »Es war in der Schule bekannt.«

»Sie war gemütskrank, und deshalb ist sie ins Wasser gegangen.«

Lili wollte ihm widersprechen, ihm auf den Kopf zusagen, dass er ihr etwas Wesentliches verheimliche, doch dann hielt sie lieber den Mund. Waren es nicht allein die Gespenster in ihrem Kopf, die hinter dieser ganzen Geschichte mit Caitlins Tod finstere Geheimnise vermuteten? Vielleicht war Nialls Frau wirklich nur ertrunken und hatte sich nicht vorher die Pulsadern aufgeschnitten. Und Miss Macdonald hatte vielleicht recht gehabt mit ihrer Behauptung, Lady Ainsleys Phantasie sei mit ihr durchgegangen.

»Und, wie hast du gemerkt, dass sie gemütskrank war?«, fragte sie vorsichtig nach.

Niall rieb sich gequält mit beiden Händen die Schläfen, als wolle er schreckliche Kopfschmerzen vertreiben.

»Das … das verlief schleichend. Sie fühlte sich verfolgt, wurde immer apathischer, nun wie das eben so ist, wenn jemand nicht mehr ganz richtig im Kopf ist. Aber bitte, tu mir einen Gefallen: Lass die Vergangenheit ruhen, ja? Ich belästige dich doch auch nicht mit Fragen nach deiner Herkunft.«

Lili zuckte zusammen. Wenn er wüsste, dachte sie beschämt und nahm sich fest vor, nicht weiter nachzubohren, doch da war ihr bereits die nächste Frage herausgerutscht: »Warum nennst du sie nie beim Namen, sondern immer nur Isobels Mutter?« Kaum dass sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, bereute sie die Frage bereits. »Verzeih, das geht mich nichts an. Es ist deine Sache.«

Täuschte sie sich, oder blitzte unbändiger Zorn aus Nialls Augen? »Frag mich nie wieder nach ihr, hörst du?«, zischte er. »Nie wieder!«

Lili war dermaßen erschrocken über seinen schroffen Ton, dass ihr Tränen in die Augen traten.

Sofort wich jeglicher Anflug von Wut aus Nialls Gesicht, und er legte ihr versöhnlich eine Hand auf die Schulter. »Bitte, verzeih meine grobe Art, aber ich möchte die ganze traurige Geschichte vergessen. Schon Isobel zuliebe. Wir wollen eine neue Familie gründen, deren Leben nicht von den Schatten der Vergangenheit belastet wird. Und auch Isobels Mutter hätte nicht gewollt, dass sie wie ein Spuk zwischen uns steht.«

»Dann hättest du mich vielleicht nicht in ihrem Zimmer unterbringen sollen«, bemerkte Lili bitter. »In diesem Raum fällt es mir wirklich schwer, mich der Gegenwart deiner ersten Frau zu entziehen.«

»Liebling, du hast völlig recht. Das war gedankenlos von mir. Ich habe dir das einzige freie Zimmer im Haus gegeben, aber ich hätte wenigstens vorher alle ihre Spuren beseitigen sollen. Das war lange schon fällig, aber wir haben das Zimmer einfach nicht mehr benutzt, seit Isobels Mutter … Nach dem Abendessen packst du deine Sachen und nimmst Großmutters Zimmer. Die stört es bestimmt nicht, wenn wir sie in Caitlins Räumen unterbringen. Im Gegenteil, den Vorschlag nimmt sie wahrscheinlich mit Freuden an. Oder wir bringen Dusten hier unter. Der hätte damit wahrscheinlich auch keine Probleme.« Bei den letzten Worten war Nialls Ton wieder schärfer geworden.

Lili kämpfte mit sich. So viele drängende Fragen lagen ihr auf der Zunge. Warum wurde er so wütend, und warum sprach er so abfällig über seine Großmutter? Und was hatte er gegen seinen Cousin Dusten? Lili schluckte die Fragen rasch hinunter, bevor ihr Mundwerk wieder schneller war, als ihr lieb war.

»Ja, ich wäre wirklich dankbar, nicht hier schlafen zu müssen«, entgegnete sie hastig.

»Dann kommen Sie, Lady Munroy! Begleiten Sie mich in die Höhle des Löwen«, versuchte Niall zu scherzen und bot ihr seinen Arm.

Eingehakt verließen sie das Zimmer. Am Ende des Flurs entdeckte Lili ihr gemeinsames Spiegelbild. Wir sind ein schönes Paar, stellte sie nicht ohne Stolz fest, als sie an dem riesigen Spiegel vorbeischritten.

16

Inverness, Abend des 24. Dezember 1913

Niall führte Lili in den zweiten Stock, wo schon auf dem Flur ein geschäftiges Treiben herrschte. Mädchen in weißen Schürzen, beladen mit Tabletts voll dampfender Speisen, huschten an ihnen vorüber.

Lili musste schlucken, als sie durch eine offene Flügeltür den Salon der Familie betrat. Es war ein riesiger Saal, der aus zwei Räumen bestand. Linker Hand gab es eine Sitzecke und einen Kamin, auch ein großer Flügel fiel Lili sofort ins Auge. Rechter Hand lag das Esszimmer. Über einer reich gedeckten Tafel hingen schwere Kronleuchter. Dagegen ist es bei den Denoons vergleichsweise bescheiden eingerichtet, schoss es Lili angesichts dieses Luxus durch den Kopf.

Sie kam sich vor wie in einem Märchen und hätte sich am liebsten gekniffen, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte. Dieses erhabene Gefühl schwand in dem Augenblick, als sich zwei Hälse nach ihr reckten und zwei Augenpaare sie neugierig und zugleich geringschätzig musterten. Craig und Shona, mutmaßte Lili, denn der Mann sah Niall entfernt ähnlich, wenn er auch nichts von Nialls geheimnisvoller Aura besaß. Schließlich wandte sich auch die dritte Person am Tisch nach ihr um. Die korpulente ältere Dame in dem hochgeschlossenen dunklen Kleid musterte sie prüfend aus kalten grauen Augen, erhob sich von ihrem Stuhl und reichte dem Gast ihre dickliche Hand. Eine Wolke von Lavendel stieg Lili in die Nase.

»Darf ich vorstellen? Meine Mutter, Lady Caitronia. Mutter, dies ist meine Verlobte Lili Campbell«, machte Niall die beiden Frauen steif miteinander bekannt.

»Willkommen, meine Liebe. Nun, das ist ja eine schöne Überraschung. Aber ich bin gleich wieder versöhnt, weil uns eine so hübsche junge Dame zum Fest ins Haus schneit«, entgegnete Nialls Mutter betont leutselig.

Kräftig schüttelte sie Lilis Hand. Ganz unverhohlen musterte sie ihre zukünftige Schwiegertochter dabei von Kopf bis Fuß. »Sehr erfreut, Miss Campbell. Ihr Name war mir bereits vorher geläufig. Wie oft hat Isobel Sie zitiert. Immer wenn ich ihr in den Ferien etwas verbieten wollte, pflegte sie zu sagen: Miss Campbell erlaubt das aber! Wo steckt das Kind überhaupt? Es müsste längst bei Tisch sein.« Die Gastgeberin wandte sich nun in strengem Ton an eine der beiden Hausangestellten. »Logan, bitte sag Isobel sofort Bescheid, dass wir essen wollen.«

»Ich habe bereits an ihre Tür geklopft, Lady Caitronia, doch sie hat nicht geantwortet«, erwiderte das junge Mädchen zaghaft.

»Logan, bitte hol das Kind her! Wo kommen wir hin, wenn wir zulassen, dass Isobel zu spät zu Tisch kommt? Und was ist das überhaupt für ein Benehmen? Sie hat mich bisher nicht einmal begrüßt. Dabei seid ihr bereits seit Stunden aus Edinburgh angekommen.«

Niall hatte bei den Worten seiner Mutter einen hochroten Kopf bekommen. »Ich bin natürlich davon ausgegangen, sie werde dir nach unserer Ankunft sofort Guten Tag sagen«, entgegnete er hastig.

»Sie ist wohl erschöpft von der langen Fahrt«, versuchte Lili, für Isobel in die Bresche zu springen.

Nialls Mutter warf ihr einen pikierten Blick zu. »Ich dulde kein unangemessenes Verhalten. Es gibt Regeln in diesem Haus, an die sich jeder zu halten hat. Und wenn ich das sage, dann meine ich es auch so.«

»Ich erledige das schon«, murmelte Niall und ließ Lili ohne ein Wort stehen. Sie blickte ihm verunsichert hinterher, doch seine Mutter deutete auf einen Platz ihr schräg gegenüber. »Setzen Sie sich dorthin, Miss Campbell!«

Zögernd umrundete Lili die Tafel und folgte der Aufforderung ihrer zukünftigen Schwiegermutter. Wohl war ihr nicht dabei, denn zu ihrer rechten Seite saß Craig und beäugte sie geradezu unverschämt. »Unglaublich, das ist einfach unglaublich …«, nuschelte er vor sich hin, wenn Lili ihn richtig verstand.

Lili betete, dass Niall schnell zurückkehren möge und Isobel sich dann nicht danebenbenehmen werde. Bei der Vorstellung, das Mädchen könne bei Tisch seine plötzliche Feindschaft zu seiner einstigen Lieblingslehrerin demonstrieren, noch dazu vor diesen Menschen, die ihrem Gast alles andere als wohlgesinnt waren, wurde Lili ganz flau im Magen. Ebenso wie beim Anblick des Essens, das auf der Tafel angerichtet war. Es gab Haggis. Lili konnte nur hoffen, dass dieser Haggis annähernd so gut zubereitet war wie der ihrer Mutter.

»Miss Campbell, Sie rümpfen ja die Nase. Aber wahrscheinlich betrachten Sie das Essen mit Kennerblick«, bemerkte ihr Tischnachbar mit unüberhörbar spöttischem Unterton. Lili wollte sich nicht provozieren lassen und überhörte diese Unverschämtheit. Dafür wies Lady Caitronia ihren Sohn scharf zurecht.

»Sie ist unser Gast, und du hast hoffentlich nicht vergessen, wie man sich Gästen gegenüber benimmt.«

Statt sich gegen diese Zurechtweisung seiner Mutter zu wehren, wandte sich Craig Shona zu und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin diese ungeniert kicherte.

Das brachte ihr einen strafenden Blick ihrer Schwiegermutter ein, die sich dann wieder betont freundlich Lili zuwandte. »Greifen Sie zu, Miss Campbell! Es ist reichlich da. Einige Gäste sind noch nicht eingetroffen wie mein Neffe Dusten und die Mutter meines verstorbenen Mannes.« Die Züge um Lady Caitronias schmalen Mund verhärteten sich. »Oder gehören Sie auch zu diesen jungen Frauen, die unbedingt dünn sein wollen?«, fragte sie lauernd und schien Schlankheit für eine ansteckende Krankheit zu halten.

»Ich kann essen, was mir schmeckt. Und das tue ich reichlich. Ich nehme niemals zu«, erklärte Lili beinahe entschuldigend, was ihr einen bitterbösen Blick von Craigs Frau einbrachte, die zwar nicht dick war, aber nicht annähernd so grazil wie Lili.

»Mir wurde gesagt, dass dürre Frauen keine Kinder bekommen können«, giftete die angehende Schwägerin nach einer längeren Pause.

Wahrscheinlich hat sie nach einer Spitze gesucht, die besonders verletzend ist, mutmaßte Lili, denn offenbar wusste hier jeder, dass sie, Lili, auch dazu dienen sollte, einen männlichen Nachfahren zu gebären. Und ehe Lili sichs versah, fragte sie ihre angehende Schwägerin bereits zuckersüß: »Und Sie, Shona – Sie sind doch Shona, nicht wahr? –, wie viele Kinder haben Sie denn?«

Shona wurde kalkweiß und wollte etwas erwidern, doch Lady Caitronia warf ihrer Schwiegertochter abermals einen warnenden Blick zu, bevor sie sich wieder an Lili wandte.

»Erzählen Sie, Miss Campbell, wie war die Reise?«

Lili atmete auf. Das war eine klare Ansage Lady Caitronias an ihren Sohn und dessen Frau, sich wie anständige Gastgeber zu benehmen. Endlich würde sich das Tischgespräch in harmloseres Fahrwasser begeben. Bereitwillig lobte Lili deshalb in höchsten Tönen, welch wunderschöne Landschaften sie am Zugfenster hatte vorbeiziehen sehen.

»Nachdem ich mich am Schnee sattgesehen hatte, bedauerte ich es sehr, nichts von den sagenhaften Grün-, Gelb- und Brauntönen der Hochebenen mitzubekommen. Wie man mir erzählte, ist diese Farbenpracht einzigartig. Ich ließ die Mädchen aus meiner Klasse, die aus den Highlands stammen, im Unterricht einmal Bilder ihrer Heimatorte malen. Ich war überwältigt angesichts der vielfältigen Schattierungen, mit denen sie den Herbst in den Highlands eingefangen haben …«

»Ist es Ihre erste Reise in die Highlands?«, unterbrach Lady Caitronia Lilis Schwärmereien. Dabei hätte sie noch gern von Isobels Bild erzählt, die nicht nur die Bäume und Hochebenen, sondern sogar das Wasser in rotbraunen Tönen gemalt hatte.

»Sie waren vorher noch nie in den Highlands?«, hakte Nialls Mutter nach.

»Nein, ich bin eigentlich kaum aus Edinburgh hinausgekommen. Bis auf einige Male, als ich mit Doktor Denoon und seiner Frau in Glasgow war.«

»Doktor Denoon? Darf ich erfahren, wer dieser Herr ist?«

Lili zuckte zusammen. Es war nicht die Frage selbst, die sie störte, sondern die Anmaßung, die in Lady Caitronias Stimme mitschwang. Ähnliches Unbehagen bereitete ihr Nialls Art, seit sie in Inverness angekommen waren.

Lili zögerte, die Frage zu beantworten, doch dann sagte sie mit klarer Stimme: »Aber natürlich dürfen Sie fragen, Lady Caitronia. Doktor Denoon und seine Frau, das sind die Herrschaften, für die meine Mutter arbeitete und die mich immer großzügig förderten. Unter anderem bezahlten sie meine Studien.«

Lilis und Craigs Blicke trafen sich. In seinen Augen ist ja förmlich die Enttäuschung zu lesen, dass ich bei der Erwähnung meiner Mutter nicht vor Scham unter den Tisch gekrochen bin, stellte Lili schadenfroh fest. »Oje, ich weiß gar nicht, ob Ihnen Niall von meiner Herkunft berichtet hat«, fügte sie zwitschernd hinzu. »Meine Mutter war Köchin, eine sehr gute sogar, und mein Vater, tja, man weiß so wenig von ihm, in meinen Papieren steht: Vater unbekannt.«

Sie legte eine kleine Pause ein, während sie sich an den entsetzten Gesichtern von Nialls Bruder und dessen Frau weidete. »Meine Mutter weigerte sich, seinen Namen preiszugeben«, fuhr sie genüsslich fort. »Aber sie waren ja auch nicht verheiratet. Er soll schon vor meiner Geburt gestorben sein. Man munkelt, er sei nebenher Schwarzbrenner gewesen, aber so genau weiß man es nicht.«

»O, mein Gott, ist das degoutant!«, entfuhr es Shona in manieriertem Ton.

»Finden Sie? Ich habe da völlig andere Erfahrungen gemacht. Sehen Sie, ich hatte in der Schule viel mit der feinen schottischen Gesellschaft zu tun, und auch dort gibt es Menschen, die sich durch einen guten Charakter auszeichnen, und andere, deren Benehmen zu wünschen übrig ließ. Genauso ist es bei unsereins. Meine Mutter war die mutigste, fleißigste und warmherzigste Frau der Welt.«

»Und Ihre Eltern stammten beide aus Edinburgh, nicht wahr?«, fragte Lady Caitronia nach, als lasse sie die niedere Herkunft ihrer zukünftigen Schwiegertochter völlig kalt.

Lili erstaunte dieser Gleichmut zwar ein wenig, aber vielleicht hatte Isobel auch übertrieben, als sie ihr prophezeit hatte, dass ihre Großmutter dieser Eheschließung allein aus Standesgründen niemals zustimmen werde. Und was hatte sie vorhin auf dem Flur noch zu Craig gesagt? Ach ja, die Hauptsache sei doch, dass sie, Lili, aus Edinburgh stamme. Warum ihr das wohl so wichtig ist?, fragte sich Lili und antwortete ohne Zögern. »Meine Mutter, ja, die ist in Edinburgh geboren. Ihre Mutter war schon Köchin. Mein Vater hingegen soll aus den Lowlands stammen. Aber das weiß ich nur, weil mir meine Mutter davon erzählt hat.« Und das ist ja nicht einmal gelogen, schoss es Lili durch den Kopf. Hätte ich ihre Kiste nicht geöffnet, ich würde es ja selbst immer noch glauben. Doch niemals würde sie diesen eingebildeten Snobs auf die Nase binden, dass ihr Vater vielleicht von vornehmer Herkunft war, dass er aber offenbar einen Menschen auf dem Gewissen hatte. Diese Blöße würde sie sich vor diesem Craig und seiner Frau niemals geben. Und auch nicht vor Niall. Hatte er ihr vorhin nicht deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich um ihre Herkunft keinen Deut scherte? Außerdem gab es noch einen weiteren guten Grund, ihm ihre Geheimnisse vorzuenthalten: Er verschwieg ihr ja auch hartnäckig die Umstände, wie und warum sich seine Frau umgebracht hatte. Nein, sie waren quitt. Er wollte eine unbelastete Zukunft. Die sollte er bekommen, obgleich sich Lili in diesem Augenblick kaum vorstellen konnte, dass sie mit dieser Familie unter einem Dach jemals wirklich glücklich werden konnte. Shona und Craig lehnten sie allein deshalb ab, weil ihre Mutter Köchin gewesen war. Lady Caitronia wirkte zwar an der Oberfläche freundlich, doch Lili traute ihr nicht. Sie besaß ungewöhnlich kalte Augen, war die heimliche Herrscherin über die Familie und sah in ihr ohnehin nur die Mutter eines zukünftigen Baronets.

»Sie haben sonst auch keinerlei Verwandte in den Highlands? Oder Vorfahren, die hier einmal lebten?«

»Nicht dass ich wüsste«, erwiderte Lili. Warum nur war es Lady Caitronia so überaus wichtig, dass ihre Familie keinerlei Beziehungen in die Highlands unterhielt? Der Verdacht, dass mehr dahintersteckte als eine bloße Höflichkeitsfrage, drängte sich angesichts der Hartnäckigkeit geradezu auf, mit der Lady Caitronia immer wieder darauf zurückkam.

»Nun greifen Sie endlich zu! Sonst vergessen wir vor lauter Plaudern noch das Wichtigste.«

Lili füllte sich daraufhin gerade so viel von dem Haggis auf, dass es nicht unhöflich wirkte. Dann heftete sie den Blick auf ihren Teller und tat so, als konzentriere sie sich voll und ganz auf den Genuss des schmackhaft zubereiteten Schafsmagens, und fragte sich zum wiederholten Male an diesem Tag, wo sie da wohl hineingeraten war.

17

Inverness, Abend des 24. Dezember 1913

Lili schreckte aus ihren Gedanken auf, als die Tür zum Salon so temperamentvoll aufgerissen wurde, wie es sich die dienstbaren Geister in diesem Haus niemals trauen würden. Sie blickte auf und beobachtete, wie ein Fremder mit forschem Schritt das Esszimmer durchschritt. »Guten Abend allerseits! Entschuldige bitte, Tante Caitronia, dass ich mich verspätet habe, aber ich hatte noch so viel zu tun. Ich sehe, ihr seid schon beim Essen.«

Statt einer Begrüßung fragte die Lady den hochgewachsenen Mann mit dem blond gelockten Haar und dem kantigen Gesicht ohne Umschweife: »Wo hast du Großmutter gelassen, Dusten?«

»Sie ist erschöpft von der Reise und lässt sich entschuldigen. Ich habe sie gleich auf ihr Zimmer gebracht und versorge sie nach dem Essen mit einer Portion Haggis. Deshalb bin ich ja auch nur gekommen, denn es ist ungelogen der beste Haggis, den es im Hochland … ach, was rede ich … in ganz Schottland gibt.« Er lachte jetzt aus voller Kehle. Dieses Lachen war dem nicht ganz unähnlich, das Lili an Niall so liebte.

Sein Lachen verstummte, als er den Gast erblickte. Es ging in ein wohlwollendes Lächeln über, während er interessiert fragte: »Und wer ist die junge Dame? Ich wusste gar nicht, dass wir ein so hübsches Familienmitglied haben.«

Lili wurde rot, und Shona funkelte den Cousin ihres Mannes wütend an. Er aber kümmerte sich nicht darum, umrundete den Tisch und reichte Lili die Hand zur Begrüßung. Sein Händedruck war warm und kräftig.

»Ich bin Dusten, das schwarze Schaf der Familie. Und Sie – sind Sie vielleicht das uneheliche Kind meines werten Onkels?«

»Dusten!«, fauchte Lady Caitronia.

»Das ist doch nur ein Scherz. Wir wissen doch, was für ein tugendhafter Mensch Onkel Brian war.« Der ironische Unterton war unüberhörbar.

»Ich finde es höchst unangemessen, wie du über meinen Vater Scherze treibst. Er ist tot, und du weißt genau, dass wir darüber untröstlich sind«, mischte sich Craig ein.

»Ach, wenn ihr doch nur eure Gesichter sehen könntet. Ihr wisst doch, in wessen Armen er gestorben ist. Ihr tut gerade so, als sei er ein Heiliger gewesen. Ich mache auch Scherze über meinen Vater, der noch viel länger tot ist. Und der war ebenfalls kein Unschuldsengel. Das verschweige ich auch nicht. Nun zieht doch nicht solche Gesichter!«

Er wandte sich wieder an Lili. »Aber nun verraten Sie es schon – wer sind Sie?«

»Sie ist meine Verlobte«, ertönte Nialls Stimme, der leise ins Zimmer getreten war, in scharfem Ton. Er eilte mit langen Schritten zu seinem Platz neben Lili und legte ihr besitzergreifend den Arm um die Schultern. Isobel war ihm mit gesenktem Kopf gefolgt und nahm wortlos auf der anderen Seite neben ihm Platz.

Dieses Verhalten missfiel Lady Caitronia. »Kind, was ist das für ein Benehmen? Begrüß bitte deine Großmutter, wie es sich gehört!«

Widerwillig stand Isobel noch einmal auf, trat auf Lady Caitronia zu und hauchte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

Dusten aber rührte sich nicht vom Fleck und starrte Lili fassungslos an. »Sie wollen meinen Cousin heiraten?«

»Ja, Dusten, mach den Mund zu. Du tust gerade so, als wäre das ein Verbrechen«, lachte Niall, doch das Lachen klang in Lilis Ohren gezwungen.

Ganz anders als das von Dusten. »Aber, aber, lieber Niall«, erwiderte er glucksend, »so habe ich es doch nicht gemeint. Ich wollte deiner Verlobten nur nicht unverhohlen und im Kreis der lieben Familie noch mehr Komplimente machen. Aber nun sage ich es rundheraus: Ich finde Sie bezaubernd, jedenfalls auf den ersten Blick.«

»Dusten, nun nimm endlich deinen Platz ein und lass uns in Ruhe essen«, ermahnte ihn seine Tante in strengem Ton.

Immer noch lachend bemerkte er: »Aber natürlich, liebe Tante Caitronia«, während er sich Lili gegenübersetzte. Als sich ihre Blicke trafen, zwinkerte er ihr verschwörerisch zu. »So geht es hier zu«, raunte er ihr über den Tisch hinweg zu. »Es herrscht ein rauer Umgangston, und zum Lachen geht man in den Keller.«

Lili schmunzelte. Ihr gefiel der herzliche und gut aussehende Mann.

»Dusten, ich habe genau gehört, was du meiner Braut zugeflüstert hast«, mischte sich Niall scharf ein. »Und ich wünsche, dass du sie in Zukunft mit derlei Unsinn über unsere Familie verschonst. Bedenke, es ist auch dein Nest, das du damit beschmutzt.«

»Ja, lieber Cousin, ich werde dich das nächste Mal vorher um Erlaubnis fragen, ob ich mit deiner Verlobten sprechen darf. Darf ich? Ich würde sie nämlich gern etwas fragen.«

Bevor Niall antworten konnte, kam ihm Lili zuvor. »Sie dürfen. Was wollen Sie wissen?«

»Wie Sie heißen, woher Sie kommen und warum Sie sich mit meinem Cousin verlobt haben. Nein, nein, das war ein Witz – aber Ihren Namen wüsste ich gern. Ich würde Sie ungern mit ›Nialls Braut‹ ansprechen.«

»Ich heiße Lili Campbell und komme aus Edinburgh, wo ich Isobels Lehrerin war.«

»Isobel. Dich habe ich ja noch gar nicht begrüßt. Lass dich in die Arme nehmen!« Dusten sprang auf, eilte um den Tisch herum und riss Isobel stürmisch an sich. Über das Gesicht des Mädchens huschte ein breites Lächeln. Sie mag ihn sehr, schoss es Lili durch den Kopf.

»Können wir jetzt endlich in Ruhe essen?«, keifte Shona.

»Und dich habe ich auch noch nicht richtig begrüßt«, lachte Dusten, näherte sich dem Platz der verdutzten Shona und gab ihr einen lauten Schmatz auf die Wange.

»Sag mal, hast du getrunken?«, fragte Craig. »Du bist doch sonst nicht so aufgekratzt.«

»Ja, sonst habe ich auch nicht so ein Glück wie heute«, erwiderte Dusten strahlend.

»Was ist geschehen? Hast du eine neue weibliche Bekanntschaft gemacht, die ausnahmsweise einmal nicht verheiratet ist?«, spottete Craig.

»Ihr werdet es ohnehin bald erfahren. Also sage ich euch lieber die Wahrheit, bevor ihr es anderswo aufschnappt und mir die Hölle heiß macht.« Er hielt inne und holte tief Luft. »Ich habe mir eine Herde roter Hochlandrinder gekauft und werde sie mit den kleineren schwarzen – den Kyloe-Rindern – kreuzen.«

Niall runzelte die Stirn. »Das bedeutet Arbeit, mein Lieber.«

»Ja und? Was willst du damit sagen?« Jeglicher freundliche Zug war aus Dustens Gesicht gewichen.

»Nun ja, du hast die Arbeit nicht gerade erfunden. Ich meine, wenn man das Verprassen deines Erbes nicht als Arbeit betrachtet …«

Dusten nahm wieder auf seinem Stuhl Platz und stöhnte. »Ich habe doch gewusst, dass ihr euch nicht für mich freut. Aber die Hauptsache ist doch wohl, dass ich an den Erfolg des Unternehmens glaube.«

»Aber du hast doch gar keine Erfahrung mit der Zucht solcher Tiere. Ich meine, um unsere Schafe hast du dich jedenfalls nie gekümmert«, bemerkte Niall stirnrunzelnd.

»Du irrst dich, ich habe mir inzwischen ein erhebliches Wissen angeeignet. Die Züchtung läuft hervorragend. Die rotbraunen Rinder sind robust und wie gemacht für das raue Klima des Hochlands. Außerdem tue ich mich mit einem erfahrenen Rinderzüchter aus Beauly zusammen. Der züchtet schon länger die schwarzen, die in unserer Gegend höchst selten sind, und wir versprechen uns eine Menge von den neuen Tieren, die wir züchten. Mein Geschäftspartner hat schon Anfragen aus aller Welt …«

»Doch nicht etwa der alte Dunbar?«, mischte sich Lady Caitronia empört ein.

»Hast du etwas gegen ihn? Alec Dunbar ist sehr erfolgreich mit seinen Rindern und der ideale Geschäftspartner, weil er absolut ehrlich ist.«

»Ehrlich? Dass ich nicht lache. Sag mir, hast du denn gar keine Ehre im Leib? Hast du vergessen, auf wessen Seite er stand, als Großvater …« Niall stockte und sprach den Satz nicht zu Ende. Dabei hätte Lili zu gern gewusst, worum es ging. Aber offenbar wurde absichtlich in Rätseln gesprochen, damit sie nichts mitbekam.

»Niall, das ist lange her. Fast fünfundzwanzig Jahre. Und Alec ist und war nicht der Einzige im Tal von Strathconon, der die Geschichte mit Großvater als ausgleichende Gerechtigkeit angesehen hat. Schließlich weiß hier doch jeder, wer das damals gewesen ist am Eng-Burn … «

»Halt deinen Mund!«, zischte Niall. »Und benutze diesen verdammten Namen nicht. Der Bach heißt Angus’ Burn!«

»Wie konnte ich das vergessen? Die Munroys haben das Recht und die Natur gepachtet. Wie konnte ich das nur vergessen?«

»Du brauchst gar nicht so zu spotten«, zischte Lady Caitronia. »Wir wissen ja, dass du jedem bösen Gerücht Glauben schenkst, wenn es sich nur gegen unseren Clan richtet. Dabei scheinst du nur zu vergessen, dass er genauso dein Großvater war. Und der kann sich nicht mehr gegen dieses Geschwätz wehren. Niall hat ganz recht. Hör endlich auf, über dein Fleisch und Blut herzuziehen!«

Dusten verdrehte genervt die Augen. »Nicht schon wieder diese Predigt, Tante Caitronia! Mich stört es einfach maßlos, dass ihr die Augen vor der Wahrheit verschließt. Ihr verseht Großvater mit einem Heiligenschein und stellt ihn als das arme Opfer dar. Das ist Heuchelei. Und wenn ich etwas zutiefst verabscheue …«

»Schluss jetzt! Über das Thema wird hier nicht mehr gesprochen. Schon gar nicht bei Tisch. Mach du nur gemeinsame Sache mit dem alten Verräter!«, schimpfte Lady Caitronia wenig damenhaft.

Es folgte ein eisiges Schweigen. Lili beobachtete, wie nun alle gleichermaßen wütend auf ihre Teller starrten und das Essen lustlos in sich hineinschlangen. Dabei schmeckte der Haggis hervorragend – fast so gut wie bei ihrer Mutter.

»Der Haggis ist vorzüglich«, bemerkte sie in die Stille hinein. Keiner reagierte, bis auf Dusten. Der warf ihr einen intensiven Blick zu. Seine Augen waren genauso tiefblau wie die von Niall, doch das war offenbar die einzige Gemeinsamkeit der beiden Cousins. Nialls Gesicht war wie versteinert. Auch Dusten blickte plötzlich sehr ernst. Was mag sie wohl so gegeneinander aufbringen? Und was hat es mit ihrem gemeinsamen Großvater auf sich?, fragte sich Lili. Die Stimmung war jedenfalls zum Zerreißen gespannt.

»Das ist nach dem Haggis-Rezept unserer Großmutter Mhairie zubereitet«, erklärte Dusten, und seine Miene erhellte sich sichtlich. »Sie, liebe Lili, hätten es früher einmal kosten sollen, als sie es sich nicht hat nehmen lassen, zu den Festtagen selbst zu kochen. Und wenn sie dazu am St. Andrew’s Day Robert Burns’ Ode an den Haggis deklamierte – ein wahres Vergnügen!«

Die übrige Tischgesellschaft hüllte sich weiterhin in Schweigen. Lili aber wandte sich höflich an Dusten.

»Dann ist es ja umso trauriger, dass sie heute nicht mit uns essen kann. Sie ist doch hoffentlich nicht krank?«

 

Über Amy Cameron

Biografie

Amy Cameron wurde in Aberdeen geboren, wuchs in London und Berlin auf und lebt heute in New York. Bis vor Kurzem arbeitete sie in einem Auktionshaus, doch dann kam ihr bei den Recherchen über ihre eigenen schottischen Wurzeln die Idee zu dieser Familiensaga. Nach dem großen Erfolg von »Der Ruf der...

Pressestimmen

Love Letter Magazin

»Amy Camerons Debütroman ist eine gelungene Mischung aus Familiensaga und historischem Liebesroman. Mit einer schwungvollen Schreibe und gut ausbalancierten Figuren schafft sie eine Geschichte voller düsterer Intrigen, Liebe und Hass.«

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