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Der Pflanzen-Messias – Abenteuerliche Reisen zu den seltensten Arten der Welt

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Der Pflanzen-Messias – Abenteuerliche Reisen zu den seltensten Arten der Welt — Inhalt

Ein Leben für den Artenschutz

Carlos Magdalena hat eine Mission, er will gefährdete Pflanzen vor dem Aussterben bewahren: von der kleinsten Seerose der Welt bis zu Bäumen mit über fünfzig Meter langen Wurzeln. Er reist zu den entlegensten Orten der Erde - von der Bergwelt Perus über die abgelegenen Inseln des Indischen Ozeans bis in die Tiefen des australischen Outbacks -, auf der Suche nach seltenen exotischen Arten. An seinem Arbeitsplatz in Kew Gardens widmet er sich der Erforschung dieser Pflanzen, entwickelt wegweisende neue Techniken, sie zu vermehren, und versucht alles, um sie in ihrem Wachstum zu stärken und ihren Bestand zu sichern. Sein Buch ist ein sympathisches und mitreißendes Zeugnis wahrer Leidenschaft, beseelt vom Wunsch nach einer besseren, grüneren Welt.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 02.10.2018
Übersetzt von: Kerstin Fricke, Barbara Neeb, Katharina Schmidt
288 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-89029-503-9
€ 18,99 [D], € 18,99 [A]
Erschienen am 02.10.2018
Übersetzt von: Kerstin Fricke, Barbara Neeb, Katharina Schmidt
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99191-9

Leseprobe zu »Der Pflanzen-Messias – Abenteuerliche Reisen zu den seltensten Arten der Welt«

Prolog
Ich stand vor dem Arbeitstisch im Gewächshaus. Es war ein frostiger Morgen in den Royal Botanic Gardens, Kew in London.
Vor mir ein Café-Marron-Baum, ein wunderschöner, immerblühender Strauch mit dunkelgrünen Blättern und schneeweißen, dem Jasmin ähnlichen Blüten. Das Exemplar war aus Stecklingen einer Pflanze von der Insel Rodrigues im Indischen Ozean herangezogen worden.
Eigentlich sollte ich sagen der Pflanze, denn es handelte sich um das einzige verbliebene Exemplar auf der ganzen Welt. Diese Art mit dem lateinischen Namen Ramosmania rodriguesi [...]

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Prolog
Ich stand vor dem Arbeitstisch im Gewächshaus. Es war ein frostiger Morgen in den Royal Botanic Gardens, Kew in London.
Vor mir ein Café-Marron-Baum, ein wunderschöner, immerblühender Strauch mit dunkelgrünen Blättern und schneeweißen, dem Jasmin ähnlichen Blüten. Das Exemplar war aus Stecklingen einer Pflanze von der Insel Rodrigues im Indischen Ozean herangezogen worden.
Eigentlich sollte ich sagen der Pflanze, denn es handelte sich um das einzige verbliebene Exemplar auf der ganzen Welt. Diese Art mit dem lateinischen Namen Ramosmania rodriguesi galt lange Zeit als ausgestorben. Über vierzig Jahre lang hatte man sie nicht mehr in der freien Wildnis gefunden, doch dann wurde sie 1980 von einem Schuljungen wiederentdeckt.
Stecklinge kann man nur eingeschränkt zur Vermehrung verwenden. Nur die generative Vermehrung über Samen kann das langfristige Überleben einer Art garantieren. Rein vegetativ vermehrte Pflanzen sterben über kurz oder lang aus. Experten hatten jahrelang versucht, Samen zu erhalten, doch ohne Erfolg.
Nun war ich an der Reihe. Würde ich das Rätsel knacken können?
Ich suchte mir eine Blüte, dann wickelte ich vorsichtig die Klinge des Skalpells aus. Ich führte sie an die Pflanze und hielt den Atem an.
Gleich würde ich den Schnitt machen, der über das Schicksal dieser Art entscheiden konnte.


Einleitung: Ein Messias-Manifest
Darf ich mich vorstellen? Ich heiße Carlos Magdalena und bin verrückt nach Pflanzen.
2010 hat mich Pablo Tuñón, ein Journalist, der für die spanische Zeitung La Nueva España über meine Arbeit geschrieben hat, »El mesías de las plantas« genannt. Ich habe den Verdacht, dass dieser Name zum Teil von meinem post-biblischen (wenn auch prä-hipstermäßigen) Bart und meinen langen Haaren inspiriert wurde, und davon, dass ich viel Zeit damit verbringe, Pflanzen zu retten, die kurz vor dem Aussterben stehen.
Dieser Spitzname erfuhr weltweite Verbreitung, als Sir David Attenborough ihn in einem Interview mit mir für »Kingdom of Plants« erwähnte, eine Dokumentarserie, die in den Royal Botanic Gardens, Kew gedreht wurde. Der »Pflanzen-Messias« wurde bald zu meinem Etikett in den Medien, für das ich von Freunden und Kollegen gleichermaßen verspottet wurde. Meine Familie stellte sich gern vor, dass meine Mutter auf den Balkon treten und rufen würde: »Er ist nicht der Messias, er ist nichts weiter als ein unartiger Bengel« – wie in dem legendären Film »Das Leben des Brian« von Monty Python.
Aber keine Angst. Ich leide nicht unter einem Messias-Komplex.
Kürzlich habe ich mal die Bedeutung des Wortes Messias nachgeschlagen. Es gibt verschiedene Definitionen: »ein Führer, der als der Retter eines Landes, einer Gruppe oder einer Sache angesehen wird«, »ein leidenschaftlicher Verfechter eines bestimmten Anliegens oder Projekts«, »ein Erlöser« und »ein Botschafter«. Ich versuche, all dem gerecht zu werden.
Meine Mission ist es, Ihnen begreiflich zu machen, wie wichtig Pflanzen wirklich sind; genau genommen bin ich von dieser Idee besessen. Ich möchte Ihnen alles über Pflanzen erzählen und was sie für uns tun, wie wichtig sie für unser Überleben sind und warum wir sie bewahren sollten. Pflanzen sind der Schlüssel zur Zukunft des Planeten – für uns und unsere Kinder –, doch sie werden von Milliarden Menschen jeden Tag als selbstverständlich angesehen, und wir haben oft keine Ahnung, welchen Nutzen sie uns bringen. Ich bin frustriert, manchmal auch wütend über diese Ignoranz und Gleichgültigkeit.
Selbst wenn wir die Augen vor dieser Tatsache verschließen, sind Pflanzen doch – direkt oder indirekt – die Grundlage von allem. Pflanzen liefern die Luft, die wir atmen; Pflanzen kleiden uns, heilen uns und beschützen uns; Pflanzen sorgen dafür, dass unsere Bedürfnisse tagtäglich befriedigt werden. Denken Sie nur an Medikamente, Baumaterial, Papier, Gummi für Autoreifen und Kondome, Baumwolle für Jeans und Leinen für Kleider. Nehmen Sie Brot, Bohnen, Tee, Orangensaft, Bier und Wein. Oder Coca-Cola. Dann überlegen Sie mal, dass Kühe Gras fressen, Silofutter oder Heu und uns danach mit Fleisch und Milch versorgen, dass Hühner Weizen und andere Körner aufpicken und für uns Eier legen, dass Schafe Gras vertilgen und uns Wolle schenken.
Sie sehen, Pflanzen sind unsere größten, aber auch bescheidensten Diener, sie sorgen täglich auf jede erdenkliche Art und Weise für uns. Ohne sie würden wir nicht überleben. So einfach ist das.
Im Gegenzug für ihre Großzügigkeit gehen wir übel mit ihnen um. Sie werden nicht wertgeschätzt und dramatisch unterschätzt. Wir behandeln sie nicht wie Diener, sondern wie Sklaven. Ihre Lebensräume werden zerstört, ihre Familien dezimiert. Sie werden in die Massenproduktion gezwungen und mit Chemikalien eingenebelt. Intensivzucht ist nicht nur Tieren vorbehalten, sondern betrifft auch Pflanzen, und der Preis für die Umwelt kann dabei ebenso verheerend sein (die unerträgliche Palmölgewinnung ist nur ein trauriges Beispiel dafür).
Wir vernichten Regenwälder, um Getreide auf einem Boden anzupflanzen, der dafür nicht geeignet ist. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was für Schätze Wälder für uns bereithalten, bringen wir Fauna und Flora an den Rand ihrer Existenz und rotten sie sogar aus. Während der Erforschung der Welt und der kolonialen Expansion führten wir Ziegen auf Inseln ein, wo sie gründlich die einzigartige, sensible einheimische Flora abgrasten, bis nichts mehr davon übrig war. Dadurch wurde der »grüne Kleber« entfernt, der den Boden stabilisierte, und es kam zu Erosion, die ganze Inseln wegschwemmte. Wir führten invasive Gräser ein: ein schleichender Erstickungstod, bei dem die heimische Flora in einer bösartigen Form von botanischem Kolonialismus unterdrückt wurde. Selbst heutzutage errichten wir immer offene Häuser auf fruchtbarem Ackerland, verlegen endlose Kilometer von totem Asphalt mit weißen Linien über das, was einst offene Wiesen mit wilden Blumen und Gräsern waren, und verschließen unsere Augen vor den Auswirkungen. Diese »Blindheit« den Pflanzen gegenüber hat weitere verheerende Folgen. Mit der Ausrottung der Pflanzen vernichten wir ja auch die Fauna. Vögel, Säugetiere und Insekten – alle für immer fort. Wir verschwenden kaum einen Gedanken daran, was wir damit anrichten, und wenn wir es gelegentlich doch tun, sind wir uns trotzdem der Folgen kaum ernsthaft bewusst.
Wir haben den jahrtausendealten Kontakt zu Pflanzen verloren: Seit der Industriellen Revolution hat die Mehrheit der Bevölkerung in entwickelten Staaten selten einen Bezug zu ihnen gehabt. Durch die Konzentration der Bevölkerung in den Städten hat sich dies immer weiter verstärkt.
Doch ein großer Teil dieses Problems besteht darin, dass Pflanzen nicht sprechen können, ganz egal, was wir ihnen antun, sie können sich nicht für ihre eigene Sache einsetzen, indem sie ihre Stimme erheben oder mit der Faust auf den Tisch hauen, vor dem Irrsinn ihrer Ausrottung warnen oder an ihre Bedeutung erinnern. Pflanzen bluten nicht, wenn sie aufgeschlitzt werden, sie können nicht schreien, wenn man sie verbrennt. Sie können keine Botschaft in einem Buch niederschreiben. Sie brauchen jemanden, der das für sie übernimmt.
Wenn sie nicht in der Lage sind, Samen zu produzieren, um ihr Überleben zu sichern, weil ihre Population so verstreut oder reduziert ist, oder wenn die wenigen Restexemplare sich gerade noch so am Leben halten können, dann brauchen sie jemanden, der an ihrer Stelle spricht. Sie brauchen jemanden, der sagt: »Ich lasse nicht zu, dass sie ausgerottet werden.« Jemanden, der etwas von Pflanzen versteht und sich leidenschaftlich für ihre Sache einsetzen und jedes erdenkliche Mittel nutzen wird, um ihr Überleben sicherzustellen.
Viele der großen botanischen Gärten weltweit wie die Kew Gardens dienen nicht nur der Allgemeinheit zur Bildung und Freizeitgestaltung. Sie sammeln und schützen seltene Arten, Nutzpflanzen ebenso wie Wildpflanzen, bewahren sie davor, in Vergessenheit zu geraten, und stellen sie der Forschung zur Verfügung, und das schon seit Generationen. Das kollektive akademische und gärtnerische Wissen ihrer Mitarbeiter ist unübertroffen, ihre Sammlungen sind weltberühmt. Obwohl sie engagiert und leidenschaftlich daran arbeiten, brauchen sie jemanden, der ihre Botschaft in der ganzen Welt verbreitet.
Und dieser Jemand will ich sein.
Ich will der Welt bewusst machen, was Pflanzen für uns leisten. Ich will, dass wir wertschätzen, was Pflanzen für uns tun. Ich will, dass wir ihre Bedeutung für unser Überleben und das unserer Familien verstehen – unserer Kinder, Großeltern und künftiger Generationen. Ich will, dass wir uns bewusst machen, dass wir ohne sie sterben würden, und mit uns das meiste, was an Land und in der Luft lebt. Ich will, dass wir uns für die Erhaltung ihrer Arten begeistern, dass wir entschlossen sind, niemals aufzugeben, selbst wenn nur eine einzige Pflanze auf der ganzen Welt übrig sein sollte. Ich will, dass wir die Bedeutung von Pflanzen so weit verstehen, dass wir bereit sind, etwas für sie zu tun.
Ein Messias kann keine Einstellungen verändern, wenn ihm die Anhänger fehlen, die seine Botschaft verbreiten. Wenn wir etwas bewahren wollen, sind Leidenschaft, Motivation und Handlungsbereitschaft gefragt. Es ist Zeit für eine Wende.
Ich will, dass mit diesem Buch die Wende beginnt. Die Menschen brauchen die Pflanzen genauso wie die Pflanzen den Menschen, und das Verbreiten dieser Botschaft beginnt mit mir und Ihnen.


1 
Genesis
Um zu verstehen, was einen Pflanzen-Messias antreibt, müssen Sie meine Wurzeln kennen.
Ich wurde 1972 geboren, in einer kleinen Stadt in Asturien, im Norden Spaniens. Meine Vorliebe für Landarbeit und meine Liebe zu Blumen habe ich wohl von meiner Mutter Edilia, einer Floristin, geerbt.
Obwohl meine Schwester und meine Brüder sich durchaus für die Natur interessieren, bin ich der Einzige, der daraus einen Beruf gemacht hat. Meine Schwester Claudia, die Älteste von uns Geschwistern, arbeitet bei einer spanischen Kaufhauskette. Mein ältester Bruder Falo, der als Vertreter gereist ist, ist leider vor fünf Jahren gestorben. Miguel ist Lkw-Fahrer, und Javi betreibt einen kleinen Musikclub. Ich bin der Jüngste. Wie in jeder Großfamilie decken wir eine enorme Bandbreite an Begabungen ab – es gibt den Sportlichen, den Künstler, den Musiker und den Naturfreund. Ich konnte mir immer etwas von meinen Geschwistern abgucken, genau wie von meinen Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen. Ich bin bestimmt ein Produkt der Interessen, Leidenschaften und Ängste unserer Familie.
Meine Mutter war beim Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs neun Jahre alt, und ihre Familie hat sehr viel Leid erlebt. In Asturien kam es häufig zu Aufständen. 1934 gab es einen Streik der Bergarbeiter, als die Anarchosyndikalisten ihre Unabhängigkeit von Spanien erklärten. Es entwickelte sich eine revolutionäre Erhebung, die von General Franco niedergeschlagen wurde, unter anderem unter Einsatz von Truppen aus Spanisch-Marokko. Heute wird der Bergarbeiteraufstand oft als Vorstufe zum Spanischen Bürgerkrieg angesehen, der wiederum als der Funke gilt, der den Zweiten Weltkrieg entzündet hat, daher kann man auch argumentieren, dass der Zweite Weltkrieg eigentlich in Asturien begonnen hat.
Der Bürgerkrieg hatte massive Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung, da durch ihn tiefe Gräben zwischen Republikanern und Faschisten entstanden. Selbst innerhalb der Familien wurde dieser Krieg ausgetragen: Es konnte vorkommen, dass man unwissentlich seinen Onkel oder den eigenen Vater erschoss. Meine Mutter erlebte den Krieg im Alter von neun bis etwa dreizehn Jahren, und in der Nachkriegszeit litten sie und ihre Familie unter schlimmen Rationierungen und einer faschistischen katholischen Diktatur. Dann brach erneut Krieg aus, diesmal in ganz Europa. Das waren bestimmt keine idealen Voraussetzungen für junge Menschen, um aufzuwachsen.
Nach dem Bürgerkrieg bestellten meine Mutter und ihre sieben Brüder und Schwestern Land, aber die Lebensmittel, die sie produzierten, wurden ihnen vom Staat weggenommen, und man ließ ihnen nur wenig für sich selbst. Mein Großvater baute auch stets etwas Tabak an und versteckte ihn in den Maisfeldern, damit die Armee ihn nicht konfiszieren konnte, aber irgendwie fand sie ihn doch immer.
Es waren harte Zeiten für die Familie: Sie hatte nur wenig zu essen und auch sonst kaum etwas. Jeder musste sich selbst versorgen, aber nicht im modernen hippen Sinn dieses Begriffes – das war bittere Realität. Der einzige Weg, um zu überleben.
Franco und seine Anhänger hatten eine faszinierende Einstellung zur Natur. Sie wollten die Agrarflächen vereinheitlichen und alles ausmerzen, was die Produktivität gefährdete. In früheren Jahrhunderten hatte man große Flächen der uralten Eichenwälder von Asturien und anderen Regionen Nordspaniens gefällt, die zu den Orten mit der größten Biodiversität in Europa zählten. Viel von diesem Holz wurde zum Bau der Galeonen verwendet, die als Erste bis nach Amerika vordrangen und dann zur »unbesiegbaren Armada« wurden. Franco holzte diese üppigen einheimischen Wälder noch weiter ab und verschlimmerte das Problem, indem er die einheimischen Arten durch endlose Reihen von Eukalyptusbäumen und Pinien ersetzen ließ. Das Ganze war wie eine ethnische Säuberung der Natur.
Als Folge davon kommt es in Spanien auch heute noch jedes Jahr im Sommer zu großen Bränden. Der Staat beschuldigt die Bürger, dass sie wild grillen oder Zigaretten aus dem Autofenster werfen. Aber ist es wirklich deren Schuld? Oder nicht eher die von Franco & Co., die die vielfältige Flora und Fauna zerstört und stattdessen eine äußerst brennbare Vegetation gepflanzt haben? Es gibt nun eine Bewegung, die Eukalyptusbäume zu fällen und durch einheimische Arten zu ersetzen, aber das Verfahren ist sehr teuer, und man muss wirklich jeden einzelnen Eukalyptusstumpf entfernen, da er sonst nach dem Zurückschneiden nur umso kräftiger nachwächst.
Viele Dörfer, einschließlich San Esteban de Dóriga, wo meine Mutter lebte, waren früher von Wäldern umgeben, die dort seit der Eisenzeit wuchsen. Man konnte in ihnen Bienen züchten, Beeren und Pilze sammeln und seine Kühe und Ziegen weiden lassen. Diese einheimischen Wälder bildeten Jahr für Jahr eine nützliche Ressource für die ganze Gemeinschaft. Man durfte nicht das gesamte Gebiet »brandroden«, aber man konnte einen Baum für den Eigenbedarf fällen und ins Dorf bringen.
Doch Franco wollte ganz Spanien bevölkern und alles einer praktischen Verwendung zuführen. Jedes Tier, das keinen Gewinn abwarf, galt als Schädling und musste ausgemerzt werden. Die Leute gingen in den Wäldern auf die Jagd, legten die »unproduktiven« toten Bären und Wölfe in den Kofferraum, fuhren damit in die Stadt und bekamen eine staatliche Abschussprämie. Statistiken aus ganz Spanien belegen, dass im Jahr 1969 150 Bären getötet wurden. In den 1980er-Jahren, als ich ein Kind war, gab es nur noch achtzig Exemplare.
Diese Statistiken zu lesen ist ernüchternd. Von 1944 bis 1961 betrug die Gesamtzahl aller in Spanien getöteten Vögel, Säugetiere und Reptilien 655 010 Exemplare. Darunter waren 1206 Steinadler, 11 105 Schwarzmilane, 47 739 Raben, 2278 Alpenkrähen, 103 322 Elstern, 1961 Wölfe und 10 896 Schlangen.
Gift war die verheerendste Tötungsmethode. Geier waren davon ebenfalls betroffen, da die Leute mit Strychnin versetztes Fleisch als Köder für andere Tiere auslegten und dann waren ihre toten Körper, von denen sich die Geier ernährten, ebenfalls vergiftet. Doch dabei wurde vergessen, dass Geier die Ausbreitung von Krankheiten hemmen. (Wenn beispielsweise eine Kuh an der ansteckenden Rindertuberkulose stirbt, fressen Geier die Knochen sauber und verhindern so, dass die Krankheit andere Tiere befällt.) Vielleicht haben die Leute ja gedacht, dass Gott das Land und die Tiere geschaffen hat, damit wir sie zu unserem Vergnügen töten können.
Obwohl Francos Maßnahmen die Zahl der Wildtiere drastisch dezimierten, kam es zum Glück zu keiner Massenausrottung. Und doch haben wir aus diesen Fehlern nichts gelernt. Auch heute fordern die Bauern, dass die Behörden Wölfe töten, obwohl sich dies bei einer dem Zufall überlassenen Jagd sogar negativ auf die Landwirtschaft auswirkt. Wenn Wolfsrudel auseinandergerissen werden, verursacht das mehr Schaden für die Bauern, weil einzeln lebende Wölfe mit größerer Wahrscheinlichkeit Viehbestände angreifen werden, da diese für sie eine einfache Beute darstellen. Und viel von dem Schaden, der Wölfen angelastet wird, wird tatsächlich von wilden Hunden verursacht, die ihrerseits zur Lieblingsbeute von Wölfen zählen. Eine komische Konsequenz.
Da ich schon als kleiner Junge diese Geschichten hörte, wurde mir früh die Bedeutung von Ökosystemen bewusst und damit, wie wichtig es ist, Pflanzen und Tiere zu schützen. Ich interessierte mich für Politik und erkannte, dass die mutwillige Zerstörung der Natur Teil des Wahnsinns der Menschheit ist.

Eingeklemmt zwischen dem Kantabrischen Gebirge und dem Meer ist Asturien einer der aufschlussreichsten Orte der Erde – wenn Sie sich für Naturgeschichte interessieren. An einem Ende ist die Region fünfzig Kilometer breit, um die zwanzig am anderen, und die Landschaft ist sehr abwechslungsreich und schroff. Flüsse stürzen direkt von den Bergen hinab ins Meer. Man kann auf 2500 Meter Höhe über dem Meeresspiegel stehen und auf eine raue Gebirgslandschaft blicken, obwohl man nur dreißig Kilometer von der Küste entfernt ist. Zwischen hohen Gipfeln finden sich Wasserfälle und einige Gletscherseen. Asturien ist einer der wenigen Orte, an denen die geologische Geschichte der Erde wirklich deutlich sichtbar ist, beginnend bei dem Tag, an dem das erste flüssige Felsgestein sich verfestigte. Man kann hier Fußspuren von Dinosauriern entdecken, aber auch Hügel aus Korallenfossilien oder Farnfossilien in den Kohleflözen.
Asturien ist ein unglaublicher Ort für die Tier- und Pflanzenwelt – und der perfekte Platz für ein Kind, um etwas über die Natur zu lernen. Es gibt etwa siebzig Schutzzonen (Landschaften, Reservate und Naturdenkmäler) und den ersten in Spanien ausgewiesenen Nationalpark: Picos de Europa. Das zerklüftete Kalksteinmassiv dieses Naturraums bestimmt den östlichen Teil der Region Asturien. Es ist sehr verwinkelt mit steilen, engen Tälern und Schluchten, die manchmal zunächst von Nord nach Süd und dann plötzlich von Ost nach West verlaufen. Es hat eher die Struktur eines riesigen runzeligen Fingerabdrucks, weshalb man zu einem Tal, das Luftlinie vier Kilometer entfernt ist, vielleicht zehn Kilometer auf der Straße zurücklegen muss. Darüber hinaus kann Asturien die größte Fläche an uraltem sommergrünem Wald Europas, die letzte überlebensfähige Population von Braunbären und die größte Wolfspopulation in Westeuropa für sich beanspruchen, von der größten Dichte an Ottern, Wildschweinen und Gämsen ganz zu schweigen.
In der Nähe des Ortes, an dem ich meine Kindheit verbracht habe, befinden sich der Nalón und sein größter Nebenfluss, der Narcea. Der Nalón entspringt in den Bergen in unberührten Wäldern, und in den zufließenden Bächen wimmelt es von Lachsen und anderen Wassertieren. (Manchmal denke ich, ich bin selbst wie ein Lachs, geboren in den Flüssen Nordspaniens und dann nach England gewandert.) Ich nenne den Nalón den Amazonas Asturiens. Genau wie der Amazonas hat auch der Nalón seinen Río Negro, seinen »Schwarzen Fluss«: In meiner Kindheit war das Wasser teils so dunkel wie Bitterschokolade, da es aufs Heftigste von Auswaschungen der Holzkohleproduktion verschmutzt wurde, aber ein Programm zur Wiederherstellung der Wasserqualität hat mittlerweile viel geholfen.
Das Dorf, in dem meine Mutter aufwuchs, San Esteban de Dóriga in der Nähe des Narcea, hatte zur damaligen Zeit nur dreißig Einwohner. Es ist von Wäldern, Hecken und Apfelgärten umgeben, und obwohl es zu Spanien gehört, ist es keinesfalls von der Sonne verbrannt – die jährliche Niederschlagsmenge in Asturien ist beinahe doppelt so hoch wie in London.
In Asturien war es üblich, zum Wohl der Allgemeinheit zusammenzuhalten. Wenn eine Straße gebaut oder ein Wald gesäubert werden musste, um Waldbrände zu verhindern, half jeder mit und opferte gratis seine Zeit. Ich bin sicher, dass es in Großbritannien irgendwann auch einmal so gewesen ist. Die Traditionen und Landschaften von Asturien mit seinen fast unberührten Gegenden haben meine Einstellung zu Habitaten in der Wildnis und ihrem Schutz stark beeinflusst.
Etwa dreißig Kilometer von dem Ort, an dem ich lebte, entfernt, liegt eine Industriestadt namens Avilés. Sie war – und ist – sehr stark kontaminiert und wurde erst kürzlich zu einer der Städte Spaniens mit der höchsten Umweltverschmutzung erklärt. Als ich klein war, konnte man die Stadt schon auf eine Entfernung von acht Kilometern riechen, und wenn Sie das Pech hatten, wirklich dorthin zu müssen, tränten Ihnen irgendwann unweigerlich die Augen oder Sie mussten ständig husten. 1980 berichtete die Zeitung El País, dass sechs von zehn Leuten wegen Atemproblemen wie chronischer Bronchitis in die Notaufnahme kamen.
Es scheint unglaublich, dass man in einem Umkreis von dreißig Kilometern diese beiden Gegensätze antreffen kann. Auf der einen Seite eine reiche Biodiversität, viele Tierarten und Pflanzen und eine raue Landschaft und auf der anderen Seite ein umweltverschmutzender industrieller Albtraum, der alles Leben in seinem Umfeld erstickt. Da ich beide Seiten aus nächster Nähe erlebt habe, wusste ich, für welche ich mich entscheiden würde.

Als ich fünf war, kümmerte ich mich um die Pflanzen in der Schule und wurde für meine Freunde dadurch zum Experten für Naturgeschichte. Wenn ich auf ihre Fragen keine Antwort wusste, ging ich nach Hause und fragte meine Mutter oder suchte in Büchern, bis ich etwas herausgefunden hatte. Als ich älter wurde, las ich alle sechs Bände einer Enzyklopädie der Naturwissenschaft von vorne bis hinten durch – und das zwölf Mal. Da die Bücher sehr teuer waren, sagte mein Vater, ich dürfte sie nur am Tisch lesen, aber ich nahm sie trotzdem mit auf die Toilette, schloss mich ein und verbrachte dort Stunden. Meine Familie besitzt diese Bände noch immer.
Naturgeschichte wurde bald meine große Leidenschaft und mein einziges Interesse. Ich kannte die Namen aller Fische in unserem Aquarium, der Vögel in der Stadt und der Pflanzen auf den Feldern und an den Umgehungsstraßen. Damals waren wir nicht so aufs Fernsehen fixiert und hatten keine sozialen Medien wie die Kinder heutzutage; um uns die Zeit zu vertreiben, spielten wir mit unseren Hunden, kümmerten uns um unsere Papageien oder andere exotische Vögel oder streiften durch die Natur. Ich lernte, wie ich für meine Haustiere sorgen konnte, schlug nach, woher sie kamen, und lernte alles über ihre Lebensweise. Wir hatten einen englischen Kanarienvogel namens Manolito. Er sang so laut, dass wir zum Mittagessen ein Tuch über seinen Käfig legen mussten – nur so konnten wir unser eigenes Wort verstehen. Ich hielt auch exotische Vögel wie Somaliweber, Bandamadinen und einen amerikanischen Rotkardinal (der wahrscheinlich mein Lieblingsvogel war). Mein Vater baute eine große Voliere im Obstgarten unserer Finca (die spanische Bezeichnung für ein landwirtschaftlich genutztes Grundstück, auf dem meist auch ein rustikales Wohnhaus steht). Und von da an wurde die Liste unserer Vögel und anderer Haustiere immer länger und länger. Am Ende waren es so viele, dass meine Eltern jeder Art von neuem gefiedertem oder pelzigem Familienzugang die Aufnahme verweigerten.
Ein Mann namens Félix Rodríguez de la Fuente wurde mein Held. Er war Doktor der Medizin und passionierter Jäger, deshalb verstand er viel von der Natur – um etwas zu fangen, muss man die Wege der Beute kennen. Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre belebten er und eine Handvoll Engländer die Kunst der Falkenjagd in Spanien neu, vor allem unter Zuhilfenahme von Büchern aus dem Mittelalter. 1974 wurde er Moderator der naturgeschichtlichen Sendung »El hombre y la Tierra« (»Der Mensch und die Erde«). Dort zeigte er beispielsweise, wie man einen Hühnerhabicht großzieht und wie man in der freien Natur ein Nest mit einem brütenden Paar findet. Dann kombinierte er Einstellungen des gezähmten Vogels mit Bildern vom wild aufgewachsenen Nachwuchs, damit die Zuschauer vergleichen konnten, wie diese Vögel lebten und ihre Beute fingen. Er zog auch einen Wurf Wolfswelpen auf und richtete sie zu Jagdhunden ab. So konnte er, wenn er ein Wolfsrudel bei der Rehjagd filmen wollte, seine Tiere freilassen und manchmal über mehrere Kilometer genau bestimmen, wo sie entlanglaufen würden, um dort an der Strecke mehrere Kameras aufzustellen und sie zu filmen. Ähnlich wie David Attenborough konnte er unglaublich gut erzählen – intensiv, dramatisch und manchmal schon fast poetisch. Die abgefahrene psychedelische Musik, mit der die Bilder unterlegt waren, ließen mich die Sendung nur noch mehr lieben.
Meine Mutter sagt, dass ich schon mit zwei Jahren, selbst wenn ich bereits tief und fest in meinem Bettchen geschlafen hatte, aus meinem Zimmer gekrabbelt kam, sobald die Titelmelodie zu der Sendung ertönte, um mich vor den Fernseher zu setzen und fasziniert auf den Bildschirm zu starren. Viele Jahre lang war ich ein Fan. Wenn man meine Freunde und Geschwister fragte, was sie später mal werden wollten, kamen Antworten wie Fußballspieler, Torero oder Feuerwehrmann, manchmal auch General. Ich wusste nicht, mit welchem Wort man den Beruf von Félix Rodríguez de la Fuente beschreiben konnte, aber ich wollte so sein wie er (und will es noch immer).
Einige der Bilder, die er schuf, sind nicht zu toppen. Ich glaube, dass zu der damaligen Zeit selbst Attenborough und die BBC so etwas noch nicht produzierten. Félix Rodríguez de la Fuente vermischte stimmungsvolle Beschreibungen und surrealistische Bilder mit Fachwissen. Da er sich in der Psychologie von Tieren auskannte, konnte er vorhersagen, was sie tun würden. Er legte zum Beispiel Aas in den Flugpfad eines Adlers und richtete Kameras auf die entscheidenden Stellen aus, da er wusste, dass der Adler irgendwann die Beute entdecken und sie sich holen würde, sodass er alles genau filmen konnte.
Am 15. März 1980, da war ich fast acht, hörte ich kurz nach dem Aufstehen die Nachricht, dass mein Held bei einem Flugzeugabsturz in Alaska gestorben war, als er ein Schlittenhunderennen filmte. Ich brach in Tränen aus. Wer würde sich nun so leidenschaftlich für die Natur einsetzen?

Ich war etwa fünf, als mein Vater unsere Finca kaufte. Sie lag oben auf einem Berg, etwa fünfzehn Kilometer vom Stadtrand von Gijón entfernt, also 25 Minuten Fahrt mit dem Auto von unserer Wohnung in der Stadt. Sie befand sich mitten in einem Wald, und da das meiste Land in der Umgebung Torfmoor war, gab es dort jede Menge interessanter Pflanzen. Mit sieben fand ich dort eine Drosera rotundifolia, auch Rundblättriger Sonnentau genannt. Das ist eine fleischfressende, rot behaarte Pflanze mit Drüsen an den Enden auf Blattoberfläche und -rändern, die wie Diamanten funkeln und Insekten anlocken, um sie zwischen ihren klebrigen Tentakeln zu ersticken. Aber mein Vater entwässerte das Moor, weil das damals so üblich war: Nur auf diese Weise würde das Land so nutzbar sein, wie Franco es befahl.
Erst Jahre später, als ich die Bedeutung von Ökologie besser verstand, wurde mir klar, was mein Vater dort getan hatte und welcher Konflikt an bestimmten Orten zwischen den Bedürfnissen der Menschen und denen der Natur besteht. Damals fand ich heraus, wie man Torfmoor am besten in Nutzland verwandeln konnte: indem man Gräben zur Entwässerung anlegte. Um die Produktivität des Bodens zu erhöhen, gaben wir noch Wagenladungen von gründlich verrottetem Kuhmist zu, den wir mit dem Torf vermischten, bis wir ein riesiges Feld von Mehrzweckkompost hatten, das sich über eine Größe von zwei bis drei Fußballplätzen erstreckte und mehrere Meter in die Tiefe reichte. Einen Streifen Land ließen wir unberührt, sodass dort die ursprünglichen Pflanzen überleben konnten.
In einem anderen Bereich der Finca erhob sich ein Hügel aus Lehm und Konglomeratgestein, daher lieh sich mein Vater einen Bagger aus und trug ihn ab. Etwas später verteilte er eine zwanzig Zentimeter hohe Schicht Kuhmist darüber, und so wurde aus dem Hügel eine schöne ebene Blumenwiese.
Meine Eltern begannen, Getreide für den Eigenbedarf anzubauen, außerdem legte meine Mutter einen Gemüsegarten an. Ich glaube nicht, dass irgendjemand damals eine genaue Vorstellung von »biologischen« Lebensmitteln hatte, aber meine Mutter misstraute einfach Nahrungsmitteln aus Massenproduktion. Sie stellte fest, dass die Eier aus dem Supermarkt allmählich an Geschmack verloren, und dachte, sie könnten Giftstoffe enthalten, daher kaufte sie ein paar Hühner und fütterte sie mit gesammelten Blättern und Gemüseabfällen – wir recycelten wirklich alles. Der Mais für die Hühner lockte viele Mäuse an, daher tötete meine Mutter sie und die Hühner fraßen sie ebenfalls. Ich konnte schon sehr früh beobachten, dass Hühner und Dinosaurier sehr viel gemeinsam hatten.
Auf der Finca gab es weder Fernsehen noch Bücher, daher wurde das Bestellen des Bodens zu unserer Hauptbeschäftigung, unserer Freizeitgestaltung, unserer ganzen Freude. Wir fuhren einmal pro Woche dorthin, und am Ende hatten wir 2000 Obstbäume auf dem Grundstück, darunter Pfirsichbäume, Apfelbäume und Kiwipflanzen.
Hier pfropfte und okulierte ich zum ersten Mal einen Obstbaum. Mit zehn hatte ich meine erste Kiwipflanze aus einem Samen herangezogen. Eines Tages unterhielt ich mich darüber mit einem lokalen Gärtnereibesitzer, der seine Pflanzen auf den Märkten in der Umgebung verkaufte, und erwähnte, dass sie niemals blühte.
Seine Antwort war deutlich. »Du dummer Junge. Wenn du Pflanzen aus einem Samen heranziehst, brauchen sie immer einige Jahre, bis sie blühen, und du wirst erst wissen, ob sie männlich oder weiblich sind, wenn sie das tun – außerdem wird die Frucht vielleicht nicht so gut.«
Stattdessen zeigte er mir, wie man pfropfte. Pfropfen ist ein gärtnerischer Kniff. Nehmen wir mal an, eine Pflanze produziert Früchte in gewünschter Qualität, aber ihre Wurzeln sind schwach. Dann tut ein Gärtner Folgendes: Er nimmt das Wurzelsystem einer anderen Pflanze (das ist die sogenannte Unterlage) und pfropft einen jungen Trieb der gewünschten Sorte (das Edelreis) darauf, sodass diese Pflanze auf den »ausgeliehenen« stärkeren Wurzeln wachsen kann. Für diesen Vorgang benötigt man scharfe Werkzeuge, saubere Schnitte und geschickte Schnitzarbeit, damit die Enden gut ineinanderpassen. Sobald das erledigt ist, dichtet man die Stelle ab, damit die Wunde nicht austrocknet, und wartet, bis die Schnittstelle verheilt. Wenn man etwas Übung hat, kann der gesamte Vorgang in ein paar Minuten erledigt werden. Wenn das Reis verdorrt, ist das Pfropfen misslungen … doch mit ein wenig Geschick erhält man so eine neue Pflanze.
Ich versuchte es zunächst mit vier oder fünf Exemplaren, davon gingen ein bis zwei ein, doch bei den anderen klappte es. Pfropfen ist wie eine Organtransplantation in der Pflanzenwelt, so etwas wie die Erschaffung einer Frankensteinpflanze. Man muss eine Abfolge von Schritten genau einhalten, geschickt mit einem scharfen Messer umgehen können und zahlreiche Schnitte in der richtigen Reihenfolge machen. Geschwindigkeit und Genauigkeit sind von höchster Bedeutung. Kleine Hände wie die von Kindern sind dafür übrigens bestens geeignet.
Der Gärtnereibesitzer hat den Kunden oft Wurzelstock und Edelreis getrennt voneinander verkauft, damit diese selbst pfropften, wobei er meinte: »Wenn der zehnjährige Carlos das kann, dann kriegen Sie das auch hin.«
Meine Mutter war die Gärtnerin bei uns. Sie kaufte seltene, schöne oder wohlschmeckende Obstsorten, um sie anzupflanzen. Sie konnte einen ganzen Tag damit verbringen, Kartoffeln einzugraben, ohne sich eine Pause zu gönnen, und baute mehr an als jeder andere: Sie zog eine Furche, dann setzte sie die Pflanzen ein, dann zog sie noch eine Furche und pflanzte wieder etwas. Schon im Alter von sechs oder sieben Jahren half ich ihr dabei.
Wir hielten auf dem Weg zur Finca am Markt an, um Babyzwiebeln oder Bratpaprika zum Anpflanzen zu kaufen. Meine Mutter ließ sich selbst bei Regen nicht von der Gartenarbeit abhalten. Wir arbeiteten hart, aber so kam es uns nicht vor. Mir machte das Pflanzen und Düngen Spaß – es fühlte sich nicht wie eine Pflicht an. Wir hatten eine Bodenfräse, Kettensägen (die ich bereits mit zehn oder zwölf Jahren erfolgreich schwang) und einen kleinen Traktor mit Hänger.
Als meine Eltern die Finca kauften, hatte meine Mutter zunächst Angst, dass ich in dem zum Grundstück gehörenden Teich ertrinken könnte – schon als kleines Kind hatten mich die Seerosen und Fische dort magisch angezogen – oder dass ich mich verirrte. Sie wachte auch öfter nach der Siesta auf und wusste nicht, wo ich war, denn ich war einfach allein losgezogen. Ich ging tatsächlich oft verloren (allerdings mehr in Bezug auf Zeit als auf Raum), wenn ich in den umliegenden Wäldern herumstromerte, um zu sehen, was ich dort finden konnte, und dabei von den Lauten der Vögel, einer Ansammlung von Farnen in der Ferne oder einfach von meiner Neugier immer weiter fortgelockt wurde.
Oft sorgte ich für Wirbel, wenn ich Wildtiere nach Hause brachte. Einmal adoptierte ich einen schwer verwundeten, ziemlich angriffslustigen Tölpel, den ich am Strand gefunden hatte. Als aus einem Frachtschiff nach einem Unfall Öl auslief und die Bucht verschmutzte, durfte ich zwei Papageientaucher aufnehmen. Da es bei uns keine Krankenstationen für Wildtiere gab, habe ich vermutlich versucht, diese Lücke zu füllen. Mit Unterstützung meiner Mutter konnte ich einige Tiere retten. Die, die sich erholten, wurden dann irgendwann »umgezogen« – also ausgesetzt, damit sie in ihr ursprüngliches Leben draußen in der Natur zurückkehrten. Unser Haus füllte sich zunehmend mit zusätzlichen Mitbewohnern, bis irgendwann der Punkt erreicht war, dass alle Tiere raus mussten, entweder indem wir sie durch das Fenster in die Freiheit entließen, oder indem sie ein neues Zuhause in der Voliere auf der Finca oder in irgendeinem fernen Zoo fanden.
Einmal stieß ich am Strand auf eine Lederrückenschildkröte, die fast eine halbe Tonne wog. Zum Glück für meine Familie war sie schon tot. Biologen schafften sie dann fort und fanden heraus, dass sie irgendwann in Venezuela markiert worden war. Das verblüffte mich total. Ich erfuhr, dass es diese Schildkrötenart bereits seit mehr als hundert Millionen Jahren gab und dass sie mehrere Ereignisse überlebt hat, die zu einem globalen, massenhaften Aussterben von Tierarten geführt hatten; dass sie sich überwiegend von Quallen ernährte, eines der am tiefsten tauchenden luftatmenden Meerestiere war (bis zu einer Tiefe von tausend Metern) und sich im kalten Wasser durch Bewegung warm hielt. Und schließlich endete dieses Exemplar an einer ziemlich kühlen Bucht in Nordspanien.
Wann immer meine Mutter in meiner Kindheit eine Pflanze entdeckte, erzählte sie mir alles darüber, was sie wusste: wie sie hieß, woher sie kam, wofür man sie verwenden konnte und wo sie sie schon mal gesehen hatte. Allmählich lernte ich alle Namen, obwohl ich sie nicht immer in meiner Enzyklopädie finden konnte, da meine Mutter einen lokalen Dialekt sprach (und Franco niemals die Existenz anderer Sprachen in Spanien anerkannt, den Menschen sogar verboten hatte, diese zu benutzen). Manchmal musste mein Vater am Straßenrand anhalten, damit meine Mutter mir eine Pflanze zeigen konnte; gelegentlich sammelten wir dann Samen oder Ableger ein.
Wenn wir Asturien verließen, um zum Beispiel an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen, kehrten wir mit einer großen Sammlung neuer Samen und Arten zurück, die wir auf der Finca einpflanzten. Als mein Vater später Vertreter einer Firma für Gartenbedarf wurde und Zimmerpflanzen aus Holland importierte, gab es immer ein paar Exemplare, die übrig blieben. Die Finca wurde zu unserem privaten botanischen Garten – obwohl man sie mit all den Tieren fast schon einen Zoo nennen konnte.
Das Augenmerk meiner Mutter galt aber nicht nur Pflanzen, sie war auch eine große Vogelbeobachterin. Mit vierzehn fing ich ebenfalls damit an, obwohl es diesen Begriff im Spanischen damals gar nicht gab. Man kannte diese Freizeitbeschäftigung bei uns einfach nicht. Vögel abschießen, ja, Vögel beobachten, nein. Ich erinnere mich, dass ich einmal einen Freund der Familie morgens um acht Uhr am Bahnhof traf. Er fragte mich, wohin ein vierzehnjähriger Junge denn um diese Uhrzeit wollte. Ich sagte ihm, dass ich unterwegs sei, um Vögel zu beobachten.
»Was willst du tun? Willst du welche schießen?«
»Nein, ich will sie beobachten.«
»Oh, das ist verrückt. Was hast du denn davon?«
Ich erklärte ihm, dass diese Vögel wirklich wunderschön seien, dass sie aus verschiedenen Ländern kämen, um hier zu überwintern, und dass ich einfach viele Dinge beobachten könnte, auch wenn ich vorher natürlich nicht genau sagen könnte, was. Sein Blick sprach Bände.
Während der Brutzeit gab es viele Gartenvögel im Dorf, meine Mutter fand ihre Nester und zeigte sie mir. Als ich noch ein kleiner Junge war, so vier oder fünf, kletterte sie zusammen mit mir bis in die Krone einer kleinen Pinie, um sich ein Stieglitznest anzusehen. Dabei benutzten wir die Äste wie Stufen. Sie konnte viele Vogelarten bestimmen und wusste, wann sie eintreffen würden. Ich erinnere mich, dass sie mir einmal, als sie den ersten Kuckuck des Jahres hörte, erklärte, wie dieser sein Leben als Ei in einem fremden Nest begann und wie man ihn an seinem Ruf und seinem Flugstil erkennen konnte. Sie erzählte mir von den Pirolen, die die Astgabeln von Erlen und Pappeln an Flüssen als Platz für ihre Nester bevorzugten – perfekte Körbe aus sorgfältig ausgewählten, miteinander verwobenen Halmen und Pappelflaum. Nach der Brutsaison schnitt sie einmal ein Nest ab, um es mir zu zeigen.
Mein Pate Paco, der sich ebenfalls gut mit Vögeln auskannte, musste den Rückgang einiger Arten, wie der Wachteln, beobachten, wenn er im Frühling mit der Sense das Gras auf den Feldern mähte. Dabei stieß er immer wieder auf Nester und tötete leider viele Vögel, weil sie sich versteckten, indem sie sich still verhielten und sich auf ihr Federkleid als Tarnung verließen, daher sah er sie erst, wenn es zu spät war.
Als ich zehn war und gerade von einer Reise nach Zentralspanien mit meinen Eltern zurückkam, fragte ich Paco, warum ich dort viele Störche gesehen hatte, aber noch nie bei uns in Asturien.
»Oh, aber es gibt welche«, sagte er. »Einige brüten immer in der Nähe einer Bar in einem Dorf namens La Espina, oben auf einem Hügel, bevor sie weiter nach Süden ziehen.«
Mit vierzehn war ich auf einem Treffen von Ornithologen, die berichteten, dass der Storch in Asturien seit den 1960er-Jahren ausgestorben sei. Da erzählte ich ihnen ganz cool das, was ich damals von Paco erfahren hatte. Sie besuchten die Bar und erkundigten sich bei den Besitzern. Diese erzählten, dass es bis in die 1970er-Jahre vor Ort Störche gegeben habe, und besaßen sogar Fotos von den Nestern. Es war einer der letzten Berichte über Störche, die in Asturien gebrütet hatten. Ich fand später heraus, dass Störche den Segelflug einsetzen und daher zum Bewältigen von Langstrecken thermische Strömungen benötigen. Daher verlassen sie selten kontinentale Klimazonen und meiden Asturien und die spanische Atlantikküste.

Die Schule frustrierte mich, vor allem in den ersten Jahren. Der Unterricht war veraltet, und man arbeitete mit drakonischen Strafen. Das System basierte nur auf der Leistung im Auswendiglernen. Niemand bewertete die Fähigkeit, das zu verstehen, was man lernte, oder ermutigte einen dazu. Wenn man es doch tat, fühlten sich die Lehrer unter Umständen sogar kritisiert oder provoziert. Sie verstanden einfach nicht den Wert von selbstständigem Denken oder Kreativität. Der Direktor meiner Grundschule war von »El Cantar de Mio Cid« (»Das Lied von meinem Cid«) besessen, einem mittelalterlichen Heldenepos über El Cid, den berühmten kastilischen Heerführer – ständig rezitierte er Passagen daraus. Schon von uns Fünfjährigen wurde erwartet, dass wir alle Wörter verstanden, sonst wurden wir bestraft.
Im Alter von dreizehn bis siebzehn Jahren besuchte ich eine katholische Schule, die von linksorientierten baskischen Nonnen geführt wurde. Diese gehörten der Theologie der Befreiung an – einer Bewegung, die davon überzeugt war, die Kirche müsste den Unterdrückten helfen. Das war ein krasser Gegensatz zu meiner vorherigen Schule. Während des Unterrichts langweilte ich mich oft. In meiner Fantasie ging ich zurück ins Dorf meiner Mutter, in die Berge, zu meinem Aquarium oder zu den Menschen, Orten und Dingen, die ich liebte. Ich konnte wochenlang Nachforschungen anstellen über Dinosaurier, Wolkenformationen, Vögel, Mineralien und Fische. Meist waren es allerdings Pflanzen, für die ich mich interessierte. Irgendwie schien ich immer in den botanischen Bereich zurückzukommen.
Meine Lehrer machten den Rorschachtest mit mir, für den man Tinte auf ein Papier gibt, dieses viermal faltet, bis sich ein Klecks ergibt, und dann muss man beschreiben, was man sieht. Einige Leute sehen nur eine Sache, manche zwei oder sogar drei – das Gesicht einer Frau, eine Wolke, die Küste von Australien …
Ich beschrieb mehr als sechzig. Dies schien ein Zeichen dafür zu sein, dass ich eine lebhafte Fantasie hatte. Die Lehrer fragten sich, ob das wohl pathologisch sei, aber ich hatte sicher einen Vorteil davon: Mein Verstand betrachtete ein Problem aus vielen Blickwinkeln, um zu Lösungen zu kommen, daher hatte ich viel mehr Optionen als die meisten.
Mit achtzehn hatte ich genug von unserem Bildungssystem. Was für einen Sinn hatte es, eine höhere Qualifikation in einem Land zu erwerben, in dem es über vier Millionen Arbeitslose gab? Wenn man Arzt oder Rechtsanwalt wurde, ging es noch, aber als Naturwissenschaftler? Es war sinnlos. Ich liebte die Natur, aber jeder erzählte mir, dass es unmöglich sein würde, meine Leidenschaft zu einem Beruf zu machen.
Obwohl ich seit meinem vierzehnten Lebensjahr Vögel beobachtete und einige Leute kannte, die Biologen waren, war dies doch ein äußerst schwieriger Studiengang und führte trotzdem zu dem höchsten Prozentsatz an Arbeitslosigkeit. Ich war am Verzweifeln. Damit ich irgendeine Beschäftigung hatte, beschloss ich, mit einem Freund eine Bar aufzumachen. Auch wenn mein Vater nicht gänzlich damit einverstanden war, erkannte er, dass ich jung genug war, um aus einem möglichen Misserfolg zu lernen und mich davon zu erholen. Unsere Bar, El Café de las Letras, schenkte tagsüber Kaffee aus und am Abend Alkohol. Sie wurde zu einem Treffpunkt für Intellektuelle und Philosophen, einem Ort, an dem Leute zusammensaßen, rauchten und über Politik und die Kunst diskutierten. Wir hatten Jazzbands und andere Livemusiker zu Gast und erwarben uns bald einen guten Ruf. Freitags und samstags kamen an die siebzig Leute ins Lokal und viele weitere versammelten sich davor auf dem Gehweg.
Nach ein paar Jahren verkauften wir die Bar, bezahlten unsere Schulden, und ich ließ diese Welt hinter mir. Da war ich 25. Ein Jahr danach bekam mein Vater Herzprobleme. Man sagte uns, dass er jederzeit sterben könnte. Erst da unternahm ich einen gezielten Versuch, mir Arbeit im Umweltschutz zu suchen, und begann eine Reihe befristeter Jobs.
Einer davon war, Austernfischer an der Küste zu beobachten und Strandspaziergänger davon abzuhalten, ihnen zu nahe zu kommen. Damals gab es nur etwa acht Paare Austernfischer in Asturien (inzwischen sind es bis zu zwölf), und sie brüteten auf kleinen Felsinseln in der Nähe von öffentlichen Stränden, die bei Ebbe erreichbar waren. Ich erfasste alles, was mit den Vögeln passierte, von dem Moment an, als das erste Ei gelegt war: ob Möwen kommen und sie angreifen würden oder wann sie fortflogen, um Futter zu besorgen … Ich musste jeden Moment ihres Lebens dokumentieren, damit wir mehr über sie lernen konnten. Diese Erfahrung lehrte mich, aufmerksam zu beobachten und jedes Detail zu vermerken. Um fünf Uhr morgens, noch vor Sonnenaufgang, kam ich mit meinem Teleskop an den Strand und blieb dann wie Buddha, der unter seinem Feigenbaum auf Erleuchtung wartete, bis Sonnenuntergang still sitzen. Ich sah zu, wie die Flut kam und ging, und das an fünf Tagen die Woche während der gesamten Paarungszeit.
Mein nächster Job beschäftigte sich mit der Agenda 21, einem internationalen Programm, mit dem man die Zahl der Wildtiere in Städten erhöhen und Projekte angehen wollte, um die Landschaft und die Umweltgesundheit zu verbessern, Lärmverschmutzung zu reduzieren und Feuchtgebiete zu renaturieren. Ich wurde vom Stadtrat eingestellt, um neue Konzepte dafür zu entwickeln. Im Laufe der Jahre hat man einige von meinen Ideen übernommen, aber längst nicht alle. Schließlich wurde im Osten von Gijón ein öffentlicher Lehrpfad angelegt, aber das Budget war klein, was die Sache erschwerte, und so konnte ich nicht alles umsetzen, was wirklich nötig gewesen wäre.
Ich übernahm auch einige Gartenarbeiten, aber das wurde erbärmlich schlecht bezahlt, und die Leute waren eigentlich nur daran interessiert, dass der Garten gepflegt aussah. Ich verband diese Tätigkeit mit ein wenig Landschaftsgestaltung und jobbte nebenbei noch in Cafés und Bars, darunter auch einer Szenekneipe am Meer, dem Varsovia, zu der Leute aus ganz Spanien kamen. Meine Schicht begann um ein Uhr nachts und endete um zehn Uhr morgens. Anschließend ging ich erst mal eine Runde im Meer schwimmen, wenn die Temperaturen es zuließen. Ich war ein echter Freigeist. In der Kneipe traf ich einige faszinierende Persönlichkeiten wie die Schauspielerin Amparo Larrañaga, den Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte und den Sänger Javier Gurruchaga. Ein Highlight war meine Begegnung mit Manu Chao, dem französisch-spanischen Leadsänger einer Band namens Mano Negra. Ich führte das Leben eines Künstlers, das mir das Selbstvertrauen gab, mich auf alle möglichen Menschen einzulassen, auch auf die depressiven, süchtigen und zornigen. Aber die Arbeit in der Bar machte mich nicht richtig glücklich, das schaffte nur die Natur, insbesondere die Pflanzen.

Ich war nun 28. Mein Vater war gestorben, ich hatte mich von meiner Freundin getrennt, und mein letzter Arbeitsvertrag war ausgelaufen. Viel von dem, was mich hier irgendwie hielt, war weg. Der ideale Zeitpunkt, das Land zu verlassen. Meine Mutter schmerzte das – niemand aus der Familie war je weggegangen –, aber sie erkannte, dass es für mich in Asturien keine Zukunft gab.
Ich hatte etwas Geld gespart und flog nach Gatwick. Ich würde versuchen, das Englisch zu sprechen, das ich in der Schule gelernt hatte, einen Job zu bekommen oder, wenn das nicht klappte, in ein anderes Land gehen. Ich wusste nicht, was passieren würde, aber ich wollte auf keinen Fall nach Hause zurück. Misserfolg war keine Option.
Mein erster Job in England war Aushilfskellner in dem jetzigen De Vere Selsdon Estate Hotel in Surrey. Innerhalb eines Jahres stieg ich zum Chefsommelier auf und verband meine Liebe zum Gartenbau mit dem Service: »Dieser Wein ist aus der und der Traube, die an kalkhaltigen Hängen mit einem pH-Wert von 7,5 wächst«, erzählte ich den Gästen dann, überglücklich, mein Wissen weitergeben zu können. Ich hatte von meinem Vater viel über Wein gelernt (mein Großvater kelterte Apfelwein – eine traditionelle Spezialität in Asturien). Wenn hundert Weine auf der Karte standen, dann lernte ich alles darüber (oder fast alles – und wahrscheinlich hätten auch Sie mir, wenn ich mit starkem spanischem Akzent den lateinischen Namen einer Rebsorte nannte und etwas darüber erzählte, wie der Wein in Eichenfässern reifte und zwar im Keller einer italienischen Winzerin, mehr geglaubt als irgendeinem blassen Jüngling, der so aussah, als hätte er noch nie einen Weinberg gesehen). Ein paar schauspielerische Qualitäten waren dabei sehr hilfreich. Große Wirkung erzielte ich auch mit den Fähigkeiten, die ich mir zu meinen Kneipenzeiten angeeignet hatte – so was wie fünf Teller auf einem Arm zu balancieren. Ich tänzelte so elegant zwischen den Tischen dahin, dass man mir den Spitznamen Nurejew gab.
Das war auch ein Weg, meine nervöse und kreative Energie zu kanalisieren. Mein Verstand stand niemals still, das Suchen nach Lösungen hielt mich auf Trab und machte mich effizienter. Es gab immer einen besseren, einfacheren oder schnelleren Weg.
Zum Hotel gehörte ein uralter Park mit Golfplatz, und es dauerte nicht lange, da gestaltete ich Blumenarrangements für spezielle Themenabende oder für die Weihnachtsdekoration. In einem Jahr zog ich mir eine Magen-Darmgrippe zu, daher wurde ich aus dem Service verbannt, und man schlug mir vor, mich um den Garten zu kümmern. Ich musste die englischen Bezeichnungen für die Geräte erst lernen – Spaten, Schaufel, Baumhippe, Rasenmäher –, auch für die verschiedenen Teile eines Parks, wie Terrasse, Allee und Laube.
An meinen freien Tagen besichtigte ich die einschlägigen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt – das Natural History Museum, den Londoner Zoo, das Übliche eben. Im November 2002 nahm ich die U-Bahn zu den Royal Botanic Gardens in Kew. Dort fühlte ich mich sofort zu Hause. Damals dachte ich zunächst, dass es sich einfach nur gut anfühlte, aber dieser Ort veränderte mein Leben.
Als ich durch die riesige Eisentür das Palmenhaus betrat, konnte ich gerade noch einen flüchtigen Blick auf eine üppige Pflanzenwelt erhaschen, ehe ich zeitweilig erblindete, da meine Brille wegen der Wärme und Feuchtigkeit im Inneren beschlug. Das dumpfe Echo der zufallenden Tür vermittelte mir den Eindruck, mich in einer Art Pflanzenkathedrale zu befinden. Dann schlug mir ein schwerer organischer Geruch ins Gesicht, die Quintessenz eines Regenwaldes. Instinktiv wusste ich, worum es sich handelte, obwohl ich niemals in einem gewesen war.
Mir wurde klar, dass ich mich an einem der Orte mit der größten Biodiversität der Welt befand, obwohl er künstlich erschaffen worden war. All diese Pflanzen hatten Schilder, auf denen ihre Namen und Informationen zu Art und Ursprungsgebiet aufgeführt waren. Doch anders als in einem Museum waren die Sammlungen hier lebendig und erfreuten sich bester Gesundheit. Gerade das machte diesen Ort zu etwas Besonderem, zusammen mit seiner Schönheit und der Tatsache, dass jeder Winkel mit Naturgeschichte besetzt war.
Und doch erkannte ich, dass ich etwas verändern konnte. Ich sah ein paar tropische Pflanzen im Schatten stehen, die eigentlich in die Sonne gehörten – es gab also noch Raum für Verbesserungen. Ich wollte dabei nicht etwa Kritik üben, sondern fand nur, dass ich helfen konnte. Ich beschloss, dass dies der Ort war, an den ich gehörte. Es war, wie wenn man sich verliebt: Natürlich kann man viel über Schönheit, Stil, Persönlichkeit erzählen, aber letztendlich empfindet man, wie man empfindet, nur aus einem einzigen Grund: aus Liebe. Ich nahm an, dass es Jobs oder Kurse in Kew geben musste, daher beschloss ich, meinen Lebenslauf dorthin zu schicken. Ich musste einfach einen Weg finden, wie ich dort reinkam.
Auf der U-Bahnfahrt nach Hause fand ich eine weggeworfene Zeitung. Darin stieß ich auf einen Artikel mit der Überschrift: »Die lebenden Toten«. Er berichtete davon, wie man in Kew versuchte, eine extrem seltene Pflanze namens Ramosmania rodriguesi zu retten. Ich war fasziniert. Der Reporter erklärte, dass die Pflanze, die nur auf der Insel Rodrigues beheimatet war, vierzig Jahre lang als ausgestorben gegolten hatte, bis sie zufällig von einem Schuljungen wiederentdeckt worden war. In Kew hatte man es geschafft, Stecklinge davon zu ziehen, die Blüten trugen, aber diese Blüten produzierten keine Samen. Samen waren aber der einzige Weg, wie man auf lange Sicht das Überleben der Pflanze in der freien Natur sicherstellen konnte. Sie war wunderschön und ihre Geschichte faszinierend, aber ihre Zukunftsaussichten leider düster.
»Ich habe diese Pflanze noch nie gesehen«, dachte ich. »Ich muss noch mal zurück.«
Es musste einfach einen Weg geben, um mich durch die Hintertür nach Kew hineinzuschmuggeln. Bei meinen Onlinerecherchen fand ich heraus, dass es dort eine Gartenbauschule gab. Ich schickte dem Rektor eine E-Mail und bat um einen Termin, damit ich meine Optionen erkunden und vielleicht die Pflanze sehen konnte.
Das Glück war auf meiner Seite, und im Dezember 2002 lud mich der Direktor Ian Leese freundlicherweise nach Kew zu einem Treffen ein. Er las meinen Lebenslauf und sagte all das, was ich nicht hören wollte: »Wir haben so viele Bewerber … viele davon bestens ausgebildet … Sie haben nicht so viel Berufserfahrung …«
Ich beschloss, etwas zu wagen. Diese Chance würde ich mir nicht entgehen lassen.
»Hören Sie, Mr Leese, ich weiß, dass mein Lebenslauf auf dem Papier nicht so toll aussieht, aber ich weiß etwas, was dort nicht steht. Ich weiß, dass ich diesen Ort brauche und dass dieser Ort mich genauso braucht. Es ist ganz einfach, wenn Sie mich fragen. Sie sagen mir, was ich benötige, um hier einen Job zu bekommen, und ich werde mir das aneignen.«
Ian lachte, aber der Ausdruck auf seinem Gesicht schien zu besagen: Das ist ein interessanter und völlig neuer Ansatz.
Er dachte einen Moment nach, dann sagte er: »Okay, wenn Sie so gut sind, wie Sie sagen, dann gibt es doch einen Weg, wie Sie uns das beweisen können: mit einem Praktikum. Sie arbeiten hier wie ein Mitarbeiter, werden dafür aber nicht bezahlt. Wenn Sie gut sind und die erforderlichen Qualitäten besitzen, wie Sie behaupten, werden Sie früher oder später einen Job bekommen. Haben Sie Ersparnisse, von denen Sie in der Zwischenzeit leben können?«
Glücklicherweise hatte ich die. Nun gab es keinen Weg zurück.
»In welchem Teil des Parks möchten Sie arbeiten?«, fragte Leese.
»In jedem – aber ich habe kurz einen Blick auf das Tropenhaus hinter den Kulissen geworfen, und das, was ich gesehen habe, sieht großartig aus.«
»Ausgezeichnet«, sagte er. »Wir haben nicht viele Leute, die mit tropischen Pflanzen arbeiten wollen. Dort sind viele höherrangige Mitarbeiter beschäftigt, daher werden Sie bestimmt auffallen.«
Damit war der Deal perfekt.

Carlos Magdalena

Über Carlos Magdalena

Biografie

Carlos Magdalena wurde 1972 in Spanien geboren und arbeitet als botanischer Hortikulturist in den Kew Gardens in London. Er hält weltweit Vorträge und ist Vorsitzender der International Waterlily and Water Gardening Society. Seine einzigartigen Fähigkeiten und sein Engagement für den Erhalt vom...

Pressestimmen

Schweizerischer Pflanzenfreund

»Fesselnd und sehr anschaulich beschreibt er seine Berufung, rund um den Globus Pflanzen vor dem endgültigen Aussterben zu bewahren.«

Inhaltsangabe
Prolog
Einleitung: Ein Messias-Manifest

1. Genesis
2. Kew Calling
3. Wiederauferstehung auf Rodrigues
4. Der Messias auf Mauritius
5. Sprechende Schildkröten
6. Berg und Tal
7. Die Pflanze aus dem Müll
8. Meine Wasserbabys
9. Victoria’s Secrets
10. Warme Seerosen
11. Heiße Ware
12. Bolivianische Botanik
13. Peruanische Pflanzen
14. Australiens Flora

Epilog: Jeder kann ein Messias sein
Danksagung
Glossar
Anmerkungen

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