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Der PfandleiherDer Pfandleiher

Der Pfandleiher

Roman

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Der Pfandleiher — Inhalt

Sol Nazerman ist der Pfandleiher von Spanish Harlem. Sein Laden ist ein Umschlagplatz für verlorene Träume und verpfuschte Leben. Abends fährt er zurück nach Mount Vernon, wo er zusammen mit seiner Schwester, ihrem Mann und ihren Kindern lebt, die er mit den Erträgen seines Geschäfts unterstützt.

Sol ist dem Holocaust entkommen – anders als seine Frau und Kinder. Er musste miterleben, wie sie im Konzentrationslager ermordet wurden. Emotional abgestumpft beobachtet er die Verzweiflung, die ihn umgibt, und führt seine Pfandleihe mit der Härte und Verschlossenheit eines Gangsters. Erst ein dramatischer Einbruch in die Gleichförmigkeit seiner Tage löst seine Erstarrung und lässt ihn vielleicht einen ersten Schritt zurück ins Leben machen. Edward Lewis Wallants wichtigstes Buch ist eines der bewegendsten Werke der modernen Literatur.

€ 22,00 [D], € 22,70 [A]
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Barbara Schaden
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1183-1
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Barbara Schaden
352 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7691-5
»Von dieser Meisterschaft darf man sich in dem von Barbara Schaden nuancenreich ins Deutsche gebrachten Roman überzeugen: von Wallants Gespür für die verschiedenen Stimmungen der Stadt, die etwas Bedrohliches und Abweisendes hat; von seiner Fähigkeit, in knappen Strichen Porträts der vielen Nebenfiguren zu zeichnen [...]; von dem Mut, einen abweisenden, verletzlichen Charakter wie Nazerman so konsequent in den Mittelpunkt seines Romans zu stellen.«
Süddeutsche Zeitung
»Nicht feilschen, lesen!«
denglers-buchkritik.de
»Kaum zu glauben, dass dieser bewegende New-York-Roman erst jetzt auf Deutsch erscheint. Schon 1964 verfilmte Sidney Lumet die Geschichte von Sol Nazerman, dem Pfandleiher von Spanish Harlem. Mit eiserner Härte führt der Holocaust-Überlebende sein Geschäft – perfektes Material für ein zeitloses Drama.«
PLAYBOY
»Dieser Großstadtroman [...] ist das beeindruckende Psychogramm eines Mannes, der Unerträgliches überlebt hat und verständlicherweise die Liebe zum Leben und zu Menschen verlernt hat. Der Pfandleiher ist ein schwermütiger Roman, der die menschlichen Schattenseiten betont.«
leselebenszeichen.wordpress.com
»Edward Lewis Wallants wichtigstes Buch ist eines der bewegendsten Werke der modernen Literatur«
Szene Köln-Bonn
»Dem vergessenen Wallant ist ein großartiger Roman über die latenten Langzeitwirkung unbewältigter Traumata gelungen. Absolut lesenswert.«
biograph - Kultur Kino Düsseldorf
»Fazit: Oy, lesen, und zwar jedermann!«
academicworld.net
»Das Werk des früh verstorbenen Edward Lewis Wallant ist beklemmende, klassische und amerikanische Erzählkunst. Und Sol Nazerman, der sich selbst am liebsten vergessen würde, ist ein Mann, den man so schnell nicht vergisst.«
Südwest Presse
»Pflichtlektüre! […]. Auch die feinfühlige Übersetzung von Barbara Schaden mag dazu beitragen, dass die Lektüre dieser mehr als ein halbes Jahrhundert alten Prosa absolut lohnenswert ist. Ein Buch, das bewegt – und seiner berühmten Verfilmung einiges voraus hat.«
Nordkurier
»Als Betreiber einer Pfandleihe in Harlem agiert der Holocaust-Überlebende Sol Nazerman als eine Art kalter Schicksalsgott seines Viertels, bis sich die Ereignisse überschlagen. Bekannt geworden durch Sidney Lumets Verfilmung, liegt das düster-elegante Meisterwerk von 1961 endlich auf Deutsch vor.«
Der Tagesspiegel
»Träumer, Verlierer, Alltagskämpfer und sonstige kuriose Typen mit denen der Pfandleiher von Spanish Harlem Sol Nazerman zu tun hat. Ein Buch, das einen nicht mehr loslässt. Genial!«
Rouge Nation
»Gut 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung erschien der Roman jetzt auf Deutsch - ein düster beklemmendes, bewegendes, großartiges Buch.«
Öko-Test Magazin
»Diesen Roman des jung verstorbenen amerikanischen Autors kann man nun endlich nach mehr als 50 Jahren auch in deutscher Übersetzung lesen - und sollte es unbedingt tun.«
Lebensart Schleswig-Holstein
»Der Autor gibt seiner Figur am Ende des Romans eine neue Chance, der tiefen Verzweiflung zu entkommen. Gleichzeitig ist 'Der Pfandleiher' such ein eindrucksvoller Großstadtroman über ein New York, das es so heute nicht mehr gibt.«
Ostthüringer Zeitung
»Es muss genügen, dem allzu früh verstorbenen Schriftsteller Edward Lewis Wallant meisterhafte Fertigkeit zu bescheinigen und ihn für die Angst und die Gewalt, die er fühlbar zu machen verstand, in die Nähe von Dostojewski zu rücken.«
Neues Deutschland
»'Der Pfandleiher' wird damit zu einem modernen Klassiker, der sich die neue Übersetzung verdient hat und noch heute so frisch erscheint wie 1961.«
Hamburger Klönschnack

Leseprobe zu »Der Pfandleiher«

1

Seine Schritte knirschten auf dem festgebackenen Sand. Links von ihm war der Harlem River, rechts, auf der anderen Straßenseite, das Community Center, und dahinter lag die riesige, dicht besiedelte Stadt. Um halb acht Uhr morgens war es für New Yorker Verhältnisse ruhig. In dieser relativen Stille klangen seine Schritte schwer und schleppend und drangen ihm lauter, unmittelbarer in die Ohren als das Tuckern der Schiffe auf dem Fluss, als das Erwachen des Verkehrs auf der nahen 125th Street. Knirsch, knirsch, knirsch. Es klang fast so behaglich wie [...]

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1

Seine Schritte knirschten auf dem festgebackenen Sand. Links von ihm war der Harlem River, rechts, auf der anderen Straßenseite, das Community Center, und dahinter lag die riesige, dicht besiedelte Stadt. Um halb acht Uhr morgens war es für New Yorker Verhältnisse ruhig. In dieser relativen Stille klangen seine Schritte schwer und schleppend und drangen ihm lauter, unmittelbarer in die Ohren als das Tuckern der Schiffe auf dem Fluss, als das Erwachen des Verkehrs auf der nahen 125th Street. Knirsch, knirsch, knirsch. Es klang fast so behaglich wie Schritte auf sauberem weißen Schnee. Doch der Anblick der großen, massigen Gestalt mit dem aufgedunsenen Gesicht, den gleichgültigen, von den dicken Gläsern einer merkwürdig altmodischen Brille verzerrten dunklen Augen verscheuchten jeden Gedanken an Behaglichkeit. Cecil Mapp, ein kleiner magerer Neger, saß auf dem Holzbalken, der das Flussufer säumte, und litt unter einem monumentalen Kater. Trübäugig starrte er zu Sol Nazerman hinüber, dem Pfandleiher, und musste bei der Erscheinung des schweren, schlurfenden Mannes an ein metallenes Gefährt denken. Wie ein Panzer oder so was, dachte er. Der Anblick des großen weißen Mannes hob Cecils Laune merklich; diese unbeholfene, vorsichtige Gangart ließ eine Not ganz anderen Kalibers erahnen. Minutenlang vergaß Cecil seine rabiate Gattin, vor die er am Abend wieder hintreten musste, vergaß sogar, was für ein Elend es war, den ganzen Tag lang mit zitternden, unwilligen Händen Wände zu verputzen. Unwillkürlich lächelte er sogar, als Sol Nazerman näher kam, und er dachte heiter: Der Mann leidet! Er winkte ihm, hob dabei die Brauen, als begrüßte er einen Freund auf einer Party. „Ja hallooo, Mr Nazerman. Das wird ein richtig schöner Tag heute, meinen Sie nicht?“ „Ein Tag halt“, räumte Sol gleichgültig ein und blickte leicht zur Seite. Während er weiterstapfte, betrachtete er das ruhig dahinfließende Wasser. Ironischerweise fiel ihm die trügerische Schönheit des Flusses auf. Trotz seiner ölig grünen Trübheit, trotz der nicht identifizierbaren Gegenstände, die auf seiner schmutzigen Oberfläche trieben, war er in seinem beharrlichen Streben irgendwie eindrucksvoll. Sol starrte mit zusammengekniffenen Augen in den Augustmorgen: das trüb-goldene Licht auf den hintereinander gestaffelten Brücken, die Industriegebäude, die zufälligen Lichtreflexe entlang dem Fluss, die entfernt an eine bedeutsame, altehrwürdige europäische Stadt denken ließen. Dass Sol sich davon hätte blenden lassen, war allerdings nicht zu befürchten, die Beschädigungen an Körper und Geist waren ihm ständige Mahnung – einer wie er war gegen Illusionen gefeit. O ja, ja, ein netter, friedlicher Sommertag; still, gefahrlos, voller Menschen, die in der verschwenderischen, verheißungsvollen Hitze ihren Angelegenheiten nachgingen. Ein schläfriger Morgen in einer riesigen Stadt. Sol blickte im Gehen träge auf die verschachtelte Landschaft, und die Langeweile beschwerte seine Lider. Auf einmal hatte er das Gefühl eines Keulenschlags. Wie ein einfahrender Schmerz stand, hinter seinen Augen, ein unauslöschliches Bild, und er war sekundenlang blind für den rosigen Morgen – was er stattdessen sah, war eine flutlichthelle Nacht voller Schreie. Es entfuhr ihm ein Stöhnen, und er riss die Augen auf. Vor ihm lagen nur die übereinander geschichteten Details von tausend Gebäuden im stillen Sonnenlicht. Eine Minute später entsann er sich kaum noch der Höllenvision; er seufzte nur über die Erinnerung an einen kurzen Schmerz, und seine wie verglast wirkenden Augen waren so ausdruckslos und abweisend wie zuvor. Nach einer weiteren Minute gab er sich wieder den üblichen flüchtigen Spekulationen über seine Umgebung hin. Was war das hier eigentlich, dieser schäbige Abschnitt seines allmorgendlichen Wegs ins Geschäft, den er als kleine Entspannung empfand? Ein großes sandiges Dreieck, zwei Blocks weit gespannt, eine Brache, die einer sinnvollen Verwendung harrte, oder ein Grundstück, auf dem einmal etwas existiert hatte, über dessen Spuren sich aber diese dünne, anonyme Sandschicht gebreitet hatte. Städtischer Meeresstrand. Auf seinem Weg lag es nicht, er nahm einen Umweg in Kauf. Verstehe einer, worauf der Mensch so reagiert! Er kam gern hierher, das genügte. Vielleicht war es die liebreizende Szenerie, der bezaubernde, liebreizende Menschenschlag, der sich hier herumtrieb, Cecil Mapp zum Beispiel. Wie auch immer – in dieser zeitlichen Entfernung vom Schlaf verloren die Nachtträume ihre scharfen Kanten. Gedankenlos betrachtete er die bunt bemalten Schlepper, die breiten, verwitterten Frachtkähne, die alles beförderten, was sich denken ließ, und während er so dahinging, entledigte er sich aller Phantome seines Schlafs, und die vielfältigen kleinen Zermürbungen, mit denen ihm seine Schwester und ihre Familie zusetzten, schmerzten nicht mehr. Vielleicht war dieser kurze Umweg also eine Brücke zwischen zwei verschiedenen Atmosphären, eine Brücke, auf der er sich den Schutzmantel unerschütterlicher Geringschätzung wieder umlegen konnte. Als er den Scheitel des Sanddreiecks erreicht hatte und auf den gepflasterten Gehsteig wechselte, erlaubte er sich einen gedanklichen Abstecher in seinen aufgewühlten Schlaf. Nicht dass er sich an seine Träume erinnerte; er wusste nur, dass es schlimme Träume waren. Seit Jahren träumte er manchmal schlecht, erst in letzter Zeit kamen die Albträume häufiger. Sicher das Alter. Ab fünfundvierzig schwindet die Elastizität der Nerven, dachte er. „Ach was“, sagte er laut und zuckte die Achseln, wie um Erde über diese Innenschau zu werfen; in der diplomatischen Prekarität des Waffenstillstands hatte es keinen Sinn, die eigenen Toten vorzuführen. Doch als er vor seinem Laden anlangte, konnte er sich beim Anblick der drei Goldkugeln über der Tür eine Grimasse nicht verkneifen. Was ihn zu diesem Geschäft gebracht hatte, war doch nichts anderes als ein Witz, ein eher geschmackloser dazu. Dennoch hatte er, wenn morgens sein Blick auf das hässliche Zeichen seiner Zunft fiel, stets die absurde Vorstellung, dass dieses Symbol das Ergebnis eines besonders teuflischen, von einem unbekannten nächtlichen Peiniger verübten Vandalismus sei. Aus der Grimasse wurde ein frostiges Lächeln; es war ihm doch noch ein kleiner Rest Humor für gewisse kleine Gemeinheiten geblieben. Was machte es denn, wenn ein einstiger Dozent der Universität Krakau jetzt hinter den drei goldenen Kugeln eines Pfandleihhauses saß? Es war der weitaus harmloseste Streich, den ihm das Leben gespielt hatte. Und der Streich ging ja auch nicht allein auf seine Kosten, dachte er, während er die ausgeklügelte Serie von Schlössern aufsperrte, die zwei Alarmanlagen ausschaltete und die schweren Gittereinsätze herausnahm, die nachts die Ladenfenster schützten. Wirklich nicht, dachte er und sah sich gemächlich, zufrieden um. Dieser vielgeschmähte Beruf bescherte ihm einen Vorteil, den er nach wie vor hoch schätzte – Ungestörtheit. Er hatte ein großes Haus in Mount Vernon gekauft, in dem er mit seiner Schwester Bertha und deren Familie wohnte, und dass er sie nach wie vor unterstützte (für das Lehrergehalt seines Schwagers Selig waren großen Häuser in Mount Vernon unerschwinglich), trug ihm ein Zimmer mit Bad und eigenem Schlüssel, anständige Mahlzeiten und, das Beste, eine Privatsphäre ein, in der sie ihn nicht behelligten. Und so wie sie ihm ihren Lebensunterhalt verdankten, so stand er wiederum in der Schuld von Albert Murillio. Man braucht etwas nur weit genug zurückzuverfolgen – früher oder später findet man Schmutz. Sogar rettende Engel dürften Schmutzspuren an den Flügelspitzen haben. Er hatte für die Organisation United Jewish Appeal in Paris gearbeitet, und durch sie war er, über eine Stellenausschreibung des Pfandleihers Pearlman, nach Amerika gekommen. Zwei Jahre hatte er bei dem halbwegs anständigen Mann gearbeitet; dann steckte jemand jemand anderem, dass Sol Nazerman ein Mann ohne Bindungen und Verpflichtungen sei, und eines Tages setzte ihm eine kalte, monotone Stimme am Telefon einen Plan auseinander: Ein gewisser Albert Murillio werde über ein Pfandhaus, das Sol betreiben und dessen vorzeigbarer Eigentümer er, zumindest auf dem Papier, sein werde, nicht deklarierbare Einkünfte waschen. Die finanziellen Vereinbarungen waren für Sol unglaublich günstig, und deshalb fackelte er nicht lang, sondern sagte zu. Es lief wie geschmiert. Mit einem Beauftragten des unsichtbaren Murillio besprach Sol die Details, ein Buchhalter arbeitete ein Geschäftsmodell aus und beglich sämtliche Rechnungen, und siehe, ein neuer Pfandleiher war etabliert! Alles in streng logischer Weiterentwicklung: von den stolzen Menschenfreunden bei der UJA in Paris über den nicht-so-guten, nicht-so-schlechten Sam Pearlman bis hinunter zu Albert Murillio, einer teilnahms- und fühllosen Stimme am Telefon. Und Sol Nazerman war das alles ganz recht. Er scherte sich nicht um die Herkunft des Geldes; mochten die Murillios dieser Welt tun, was ihnen passte, solang sie keine persönlichen Forderungen stellten, solang sie seine Privatsphäre nicht verletzten. Der gegenwärtige Moment und vielleicht noch der unmittelbar nächste – weiter wollte er nicht denken. Jetzt, in dem kleinen abgeschiedenen Raum, in dem er tagsüber hauste, begann Sol mit seinem informellen Morgeninventar. Es war ihm ein finsterer Trost, die verschiedenen Gegenstände einfach nur zu berühren und ein bisschen hin und her zu schieben, das riesige, wahllose Sammelsurium der Dinge, die Menschen ins Leihhaus trugen, in die Hand zu nehmen und zu betrachten. Er zupfte an den Saiten einer verzogenen Geige, blies den Staub vom Objektiv einer japanischen Kamera, drehte den Einschaltknopf eines toten Radios ein paar Mal an und aus. Verstohlen wie ein Erwachsener, der sein Interesse an einem Kinderspielzeug verheimlichen will, schlug er ein paar Tasten einer alten Schreibmaschine an, dann brachte er mit der Rückseite des Fingernagels einen geblümten Porzellanteller zum Klingen. In einer Ecke unter dem Ladentisch fand er ein perlmuttbeschichtetes Opernglas, hielt es sich mit dem falschen Ende vor die Augen und ließ den Blick durch seinen Laden schweifen, der nun riesig und alt aussah, wie ein Museum für einen abseitigen Aspekt der Geschichte. Und währenddessen bereitete ihm die Empfindung einer Verwandtschaft, ja Gemeinschaft mit den vielen Generationen händereibender Shylocks eine nur halb eingestandene perverse Lust. Ja, er, Sol Nazerman, übte diesen uralten, verachteten Beruf aus; und er überlebte! Schritte ertönten, und er blickte auf. Sein Gehilfe Jesus Ortiz trat mit seinem strahlenden Banditenlächeln auf ihn zu. „Guten Tag“, schmetterte er auf Deutsch. „Hier bin ich! Jetzt können Sie das Geschäft beginnen lassen!“ Ortiz bewegte sich mit dieser leopardengleichen Geschmeidigkeit, bei der sich schwer sagen ließ, wo der Knochen aufhörte und der Muskel anfing. „Wäre ich dazu auf dich angewiesen …“ Sol runzelte die Stirn, um die Scheu zu verbergen, die ihn stets überkam, wenn der braunhäutige junge Mann morgens vor ihm stand. Sein Gesicht war von ausgesuchter Zartheit, diese schmale, gerade Nase, die hohen Wangenknochen, und der Mund, so geschwungen und beweglich wie bei einem Mädchen. Jesus Ortiz schien, wenn er sprach, mit der Perfektion seines Gesichts zu prahlen, als böte er es als eine Art trotzige Entschädigung für jeden begangenen Fehler dar. „Es ist schon nach halb zehn“, sagte Sol und schaute streng auf den Rechnungsstapel auf dem Ladentisch. „Ich weiß, ich weiß“, antwortete Jesus bedauernd und schüttelte seinen glatten schmalen Kopf, so dass sich eine einzelne glänzend schwarze Haarsträhne löste und in die Stirn fiel. „Es ist einfach so verflucht schwer, morgens aus dem Bett zu kommen.“ Mit gekonnter Bewegung warf er den Kopf zurück, so dass die Haarsträhne wieder an ihrem Platz landete. Finster musterte er eine aus der Vielzahl von Uhren, eine Standuhr, die, wie sie beide wussten, in chronischer Lähmung auf neun Uhr zwanzig verharrte. „Also wissen Sie, ich hab Ihnen doch gesagt, dass das alles hier wirklich geschäftsmäßig laufen muss. Diese Uhr sagt, es ist zwanzig nach neun, und ich muss drauf bestehen, dass Sie mein Gehalt kürzen, und zwar um exakt …“ „Du bist ein Schlaumeier, Ortiz.“ „Ach, kommen Sie, Sol, keine Sorge. Ich werde die nächsten paar Stunden so irrsinnig schuften, dass Sie mir wahrscheinlich das Anderthalbfache zahlen …“ Es war nur ein halber Scherz; denn er war tatsächlich von einer sonderbaren Begeisterung für seine Arbeit erfüllt, obwohl sie doch, wie ihm sein logisches Denken sagte, ein Beruf für Idioten war: Jesus Ortiz hatte das Drei- und Vierfache seines jetzigen Lohns mit riskanteren und lohnenderen Beschäftigungen verdient, mit Wagnissen, die alle seine Sinne und Reflexe forderten. Zehn Monate lang hatte er Marihuanazigaretten verkauft, und vor zwei Jahren, mit achtzehn, war er einmal an der Beute aus einem ausgeraubten Warenlager beteiligt gewesen. Aber es war immer eine tiefsitzende Nervosität in ihm, eine Neigung zu Empfindlichkeit und Schrecken – ein Gefühl, das er sich niemals hatte eingestehen wollen, um ihm nicht etwa nachzugeben. Hätte er es aber zur Kenntnis genommen, dieses Gefühl, so hätte er es womöglich mit der Erinnerung in Verbindung gebracht, wie er als Kind nachts hatte allein bleiben müssen, während seine sitzengelassene Mutter in der Innenstadt ein Bürogebäude putzte. Sie ließ immer die Wohnungstür offen, damit eine Nachbarin „hereinhören“ konnte, aber Jesus wusste, dass es niemanden gab, der seine Herzensschreie vernehmen konnte, und hatte deshalb inmitten der barbarischen Stimmen aller Nachbarschaften, in denen sie je gelebt hatten, ein schauriges Schweigen eingeübt. Die Nacht war Leere, Dunkelheit war Nichtsein. Später hatte sich dieses entsetzliche Vakuum sogar vor seiner Erinnerung versteckt, aber es blieben doch Reste, Ablagerungen, die sich als auffällige Verschrobenheiten äußerten. So fing er in den unpassendsten Momenten zu lachen an; einmal, als ihn ein paar weiße Jungen gepackt, ihm die Hose heruntergelassen und so getan hatten, als wollten sie ihn mit einem harmlosen kleinen Zweig entmannen, hatte er in derart irrer Begeisterung losgekräht, dass ihn die anderen sofort losließen und davonrannten. Jetzt ging er, wenn ihn die „Rastlosigkeit“ packte (seine Bezeichnung für diese befremdlichen, unheimlichen Anwandlungen), manchmal in die katholische Kirche, in der seine Mutter Gemeindemitglied war. Dort kniete er dann vor dem Kreuz, betete aber nicht, sondern gab sich einem seltsamen Tagtraum hin: Er dachte sich die bärtige Gestalt des Gekreuzigten als seinen nie gesehenen Vater, und die Vorstellung vom gemarterten Leib seines imaginären Erzeugers ließ ihn, während er dort kniete, grausam lächeln. Doch seltsamerweise empfand er gleichzeitig die Qual der Liebe, und sein Körper wurde dann zum Schauplatz eines rasenden, zermürbenden Kampfes. So dass er, wenn er aufstand, um wieder zu gehen, erschöpft und ausgelaugt war und das Gefühl hatte, er habe die „Rastlosigkeit“ vertrieben. Vor ein paar Monaten nun war ihm die Idee gekommen, „Geschäftsmann“ zu werden. Damit verband er die Vorstellung von Gediegenheit und unermesslicher Stärke, und in enthusiastischen Momenten schwebte ihm eine Kaufmannsdynastie vor, ein riesiges Kaufhaus mit seinem Namen in Gold als Geschäftszeichen. Und so kam es, dass er auf das Inserat geantwortet hatte, mit der Sol einen „aufgeweckten, lernwilligen jungen Mann als Gehilfen im Pfandleihhaus“ suchte. „Gründliche Einarbeitung ins Geschäft“, hatte darunter gestanden, und als Jesus eingestellt war und Tag für Tag mit dem massigen, unergründlichen Juden zusammenarbeitete, wurde ihm das magische Potenzial des „Geschäfts“ regelrecht zur Besessenheit, denn den Pfandleiher schien ein großes Mysterium zu umgeben, ein Geheimnis, das ihn, Jesus Ortiz, unendlich bereichern würde, wenn er es nur lüften könnte. „Derweil sehe ich dich immer noch herumstehen“, sagte Sol. „Wo du doch so irrsinnig schuften wolltest.“ Aber Ortiz hörte nicht zu; hingerissen starrte er auf die Papiere, die der Pfandleiher vor sich ausgebreitet hatte. „Sie zahlen alle Rechnungen per Scheck, oder?“, fragte er. „Ich meine, das ist die geschäftsmäßigste Art, oder? Wie machen Sie das, Sie schreiben auf diesen kleinen Wisch da, wie viel und an wen, und dann …“ Sol seufzte tief und entnervt. „Ja, Mann, Herrgott, ich soll hier doch was lernen, oder nicht? Viel beigebracht haben Sie mir bis jetzt ja nicht grad, so weit ich das sagen kann.“ „Ja, gut, morgen, erinnere mich morgen dran. Wenn es ruhig ist, morgen am späten Nachmittag, gehen wir vielleicht ein paar Dinge durch“, sagte Sol lustlos. „Okay“, antwortete Ortiz, und in seinem Gesicht blitzte dieses jähe, fast schockierend gegenstandslose Lächeln auf, das auf Sol manchmal wirkte wie ein rascher, spürbarer Kratzer auf der Haut. „Ich geh jetzt mal nach oben und ordne unsere Anzüge, und zwar rationell! Ich hab mir gedacht, ich sortiere sie nach Kategorie und nach Preis. Wir haben einen irren Haufen Sommeranzüge … Man vergeudet locker eine Stunde, bis man eine bestimmte Sorte Anzug gefunden hat, die jemand haben will. Ich hab mir einen Stoß Karten besorgt und mache jetzt Etiketten …“ „Da hast du ja viel vor. Wie kommt’s, dass du immer noch hier rumstehst und die Nase in meine Angelegenheiten steckst?“ Wieder verwirrte ihn Ortiz mit der eigenartigen Schönheit seines Lächelns. Es war etwas Gefährliches und Wildes in diesem glatten Gesicht, ein Ausdruck der Hinterlist und unberechenbaren Neugier; zugleich aber lag, seltsamerweise, auch eine ebenso nervenzermürbende wie flatterhafte Unschuld darin. Als hätte er irgendeine … was – eine seelische Reinheit? Ja, klar, der Junge hat Marihuana vertrieben, jedenfalls sagt das der alte John Rider, der Hausmeister, und wahrscheinlich war er auch Einbrecher und Zuhälter und wer weiß, was noch alles. Und doch … irgendein Gefühl sagte Sol, dass es bestimmte Gräueltaten gab, die dieser Junge niemals beginge. In Sol Nazermans Augen war das ungeheuer viel. Es gab sehr wenige Menschen, bei denen er gewillt war, wenigstens diese Begrenztheit des Bösen anzunehmen. „Jetzt fang schon an mit deinen großen Plänen, mit deiner Etikettierung.“ „Sie haben recht, Sol, keine Frage, Sie wissen ja, wie ich ticke. Ich brauch einfach ewig, bis ich in Gang komme. Aber jetzt fang ich an, passen Sie auf, ich bin Atomkraft, psch-scht.“ Und damit war er um die Ecke und auf der Treppe zum Dachboden, und dies mit der verblüffenden Geschmeidigkeit, die seinen Chef immer wieder aufs Neue erschreckte. Einen Moment lang, während er den Schritten auf der Treppe und dann über seinem Kopf lauschte, starrte Sol mit leicht benebeltem Blick, die Miene in scheinbarem Behagen erstarrt, auf die Stelle, an der er den Jungen zuletzt gesehen hatte. Flüchtig versuchte er, das ferne Echo der eigenen Jugend heraufzubeschwören. Reglos stand er da, den Kopf leicht geneigt, und in sein Gesicht trat ein leerer, schwebender, verletzlicher Ausdruck. Alle Uhren tickten oder surrten eine anonyme Zeit. Aber plötzlich fuhr er sich übers Gesicht, wie um einen unsichtbaren Schweiß abzuwischen. Eine zerklüftete Dunkelheit schloss sich um seine Abschweifung in die Vergangenheit, und er wandte sich stirnrunzelnd wieder seiner Buchhaltung zu. Es waren nur wenige geschäftliche Rechnungen aufgelaufen; die meisten betrafen private Ausgaben der Familie seiner Schwester. Hier eine niederschmetternde Telefonrechnung, dort eine Stromrechnung, doppelt so hoch wie die fürs Geschäft, die Rechnung für einen neuen Teppich, den Bertha gekauft hatte. Dann etliche Kleider für seine Nichte Joan, die Honorarnoten eines Dermatologen und eines Internisten für Selig, eine Rechnung der Kunstakademie, die sein Neffe Morton besuchte. Sols Lippen verhärteten sich, während er die Schecks auszustellen begann. Ein lautes Schellen ließ ihn aufblicken. Vor ihm stand Leventhal, der Polizist, und wippte auf den Fußballen. „Na, wie geht’s, Solly? Wie läuft das Geschäft?“ „Sie könnten mein erster Kunde des Tages sein. Wollen Sie Ihr Dienstabzeichen versetzen oder die Knarre vielleicht?“ „Geht nicht, Solly, die brauch ich für Ihren Schutz.“ „Ja, klar, für meinen Schutz“, sagte Sol sarkastisch. Leventhal hatte in letzter Zeit immer unverblümter seine Überzeugung bekundet, dass Sol etwas zu verbergen habe, wofür ihm, Leventhal, Gefälligkeiten gewisser Art zustünden. „Apropos Schutz: Wie lang, zum Teufel, waren Sie gestern Abend wieder hier?“, fragte Leventhal mit einem Ausdruck gütigen Tadels in seinem harten, blauwangigen Gesicht. „Warum fragen Sie?“ „Warum! Das sag ich Ihnen. Weil die Scherereien nicht ausbleiben, wenn Sie in der Gegend hier so spät noch ganz allein im Geschäft sind, Sie lechzen ja direkt danach. Alle anderen Ladenbesitzer schließen um sechs. Worum geht’s Ihnen, wollen Sie schnell reich werden oder was? Halten sich wohl für eine Art Doktor? Der Bereitschaftsdienst macht, falls irgendein Nigger plötzlich Kohle für Schnaps oder einen Schuss braucht. Seien Sie nicht dumm, Solly: Sie werden hier hübsch Ärger kriegen, und dann steckt bald das Dezernat die Nase in Ihr Geschäft, und was das bedeutet …“ Er zuckte vielsagend die Achseln. „Ich schätze Ihre Fürsorglichkeit, aber ich weiß, was ich tue. Machen Sie sich nur keine Gedanken um mich“, sagte Sol kalt und wandte seine Aufmerksamkeit ostentativ wieder seinen Schecks zu. „Na, na, jetzt seien Sie doch nicht so. Ist doch mein Beruf, dass ich mir Sorgen um Sie mache. Wo wären Sie, wenn es Recht und Ordnung nicht gäbe?“ „Ach ja, Recht und Ordnung.“ „Ich finde, Sie sollten kooperativer sein, Solly. Nehmen Sie meinen Rat so, wie ich ihn gemeint habe. Schauen Sie, wir sind schließlich Landsleute, wir müssen doch zusammenhalten gegen diese ganzen krummen gojim“, sagte Leventhal mit lässigem Lächeln. „Tatsächlich?“ Sol starrte den Polizisten mit eisiger, unerforschlicher Miene an. „Na, dann vielen Dank. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich habe zu arbeiten.“ Landsleute, unerhört! Wo war denn das jüdische Erbe, wenn einer sich eine schwarze Uniform anzieht und mit Schlagstock und Revolver bewaffnet? Sol hatte keine Freunde, aber wer seine Feinde waren, erkannte er sofort. „Okay, Solly, belassen wir’s dabei … vorläufig.“ Leventhal zuckte die Achseln, sah sich langsam, mit wichtigtuerischem Polizeigehabe um und verließ gemächlich und dreist den Laden, einen tonlosen Pfiff hinter sich herziehend. Und dann war es zehn, und das Geschäft begann. Ein weißer Mann Anfang zwanzig kam steif in den Laden und trat ans Schaltergitter. Er hatte weiches, zerzaustes Haar, das sich unter den geringsten Luftzügen und Gegenströmen hob und daher in dauerndem Gewoge war, so dass er mit seinem grünlich fahlen Gesicht wie eine treibende Wasserleiche aussah. Seine Kleider waren fadenscheinig, verrieten aber den konservativen Geschmack eines praktisch gesinnten, bürgerlichen Käufers. Er hielt eine Papiertüte mit beiden Armen an sich gedrückt und starrte den Pfandleiher mit argwöhnischer Eindringlichkeit an, ehe er sein Päckchen immerhin der Kante des Ladentischs anvertraute. „Wie viel geben Sie mir dafür?“, fragte er mit leiser, atemloser Stimme. „Wofür?“, fragte Sol ungeduldig zurück. „Dafür“, antwortete der Mann, und seine schwarzen Augen glommen über dem ausladenden Schwert seiner Nase. Sein Auftreten hatte etwas Theatralisches und leicht Verrücktes, und er klammerte sich an die Tüte, als müsste er sie gegen Sol verteidigen. „Dafür, dafür … was zum Teufel ist dafür? Ich sehe nur eine Papiertüte. Was verkaufen Sie? Bin ich Hellseher?“ Sols Tonfall war unwirsch, sein Ausdruck hinter den runden, schwarz gerahmten Brillengläsern aber professionell nichtssagend. „Das ist ein Preis für Redekunst“, sagte der zauselige junge Mann. „Ich habe ihn vor neun Jahren bei einem gesamtstädtischen Redewettbewerb gewonnen.“ Sol nahm die Tüte entgegen, die fettig-weich war und aus einer Million Knitterfalten bestand. Er fragte sich, wo man solche Tüten bekam oder was man mit gewöhnlichen Tüten anstellen musste, damit sie sich anfühlten wie dünne alte Haut. Mit angewiderter Geste öffnete er sie. Es war eine Büste darin, poliertes gelbes Metall auf schwarzlackiertem Holzsockel. Eine Plakette aus dem gleichen gelben Metall trug die Inschrift:

DANIEL WEBSTER AWARDRedewettbewerb der staatlichen Schulen New York 1949
LEOPOLD S. SCHNEIDER

„Das ist Gold“, sagte Leopold Schneider. „Vergoldet“, korrigierte der Pfandleiher und klopfte auf Daniel Websters glänzenden Schädel. „Also ich werde Ihnen einen Dollar dafür leihen. Was zum Teufel fang ich damit an, wenn Sie’s nicht wieder abholen.“ „Einen Dollar!“ Leopold Schneider drückte sein ausgehungertes Gesicht an die Gitterstäbe wie ein aufgeregter Vogel. „Das ist ein wichtiger Preis. Wirklich – wissen Sie, dass es von zwanzigtausend Kandidaten zweitausend ins Viertelfinale geschafft haben und nur fünfzig ins Halbfinale. Und ich habe gewonnen! Ich habe den ‚Raben’ rezitiert und gewonnen, unter zwanzigtausend! Ich war der Beste von zwanzigtausend!“ „Gut, gut, Sie sind einer von zwanzigtausend, Leopold, vielleicht einer von einer Million. Deshalb leihe ich Ihnen einen Dollar … weil ich so beeindruckt bin.“ „Aber einer von zwanzigtausend. Sie glauben doch nicht, dass ich mich für einen lumpigen Dollar von dieser großartigen Auszeichnung trenne, oder!“ „Es gibt nur einen sehr kleinen Markt für Rednerpreise, auf denen Ihr Name eingraviert ist. Einen Dollar“, sagte Sol und senkte den Blick wieder auf seine Schecks. „Hören Sie, ich habe Hunger. Ich schreibe an einem großartigen, einem fantastischen Stück. Ich brauche nur ein paar Dollar, um durchzuhalten. Ich löse die Figur wieder aus, ich schwör’s Ihnen. Sie ist mehr wert als Geld …“ „Nicht für mich, Leopold.“ „Ich zahle Ihnen das Dreifache an Zinsen …“ „Einen Dollar“, sagte der Pfandleiher, ohne aufzublicken. Er hatte jetzt eine Spalte Zahlen zum dritten Mal zusammengezählt. „Was ist los mit Ihnen?“, gellte Leopold Schneider unvermittelt durch das stille Geschäft. Oben stockten Ortiz’ Schritte für einen Moment, als erwöge er, herunterzukommen und nach dem Rechten zu sehen. „Haben Sie kein Herz?“ „Nein“, antwortete Sol. „Kein Herz.“ „Was ist das nur für eine Welt!“ Sol fuhr bedächtig mit dem Finger die senkrechte Zahlenreihe abwärts. „Wenigstens fünf Dollar?“, wimmerte Leopold und blies dem Pfandleiher den sauren Atem des chronisch Hungernden ins Gesicht. Sol schloss die erste Spalte endlich ab und übertrug eine Sieben auf die zweite Spalte. „Also gut, drei Dollar, wenigstens drei armselige Dollar. Was macht es Ihnen?“ Sol hob sein graues, unergründliches Gesicht. Rund um seinen unerbittlichen, starren Blick tickten die Uhren. „Ich bin beschäftigt. Bitte gehen Sie jetzt. Ich habe sowieso keine Verwendung für das verdammte Ding.“ „Also gut, also gut, geben Sie mir den Dollar“, sagte Leopold in zitterndem Flüsterton. Sol griff in die Geldschublade und nahm eine Dollarnote heraus, die so fettig und ramponiert war wie Leopolds Papiertüte. Er riss einen Pfandschein vom Block, schrieb eine Beschreibung der Statue nieder und reichte ihn Leopold Schneider zur Auslöse. Dann addierte er weiter Zahlen. Leopold stand eine volle Minute wie erstarrt, ehe er sich umwandte und mit dem unbeholfenen Gang eines riesigen, unansehnlichen Vogels das Geschäft verließ.

Edward Lewis Wallant

Über Edward Lewis Wallant

Biografie

Edward Lewis Wallant wurde 1926 in New Haven, Connecticut, geboren. Nach dem Kriegsdienst studierte er in New York Gestaltung und arbeitete in der Werbung. Mit »The Human Season« (1960) und »Der Pfandleiher« (1961) zählte er rasch zu den bedeutendsten Autoren seiner Generation - neben Philip Roth,...

Pressestimmen

Süddeutsche Zeitung

»Von dieser Meisterschaft darf man sich in dem von Barbara Schaden nuancenreich ins Deutsche gebrachten Roman überzeugen: von Wallants Gespür für die verschiedenen Stimmungen der Stadt, die etwas Bedrohliches und Abweisendes hat; von seiner Fähigkeit, in knappen Strichen Porträts der vielen Nebenfiguren zu zeichnen [...]; von dem Mut, einen abweisenden, verletzlichen Charakter wie Nazerman so konsequent in den Mittelpunkt seines Romans zu stellen.«

denglers-buchkritik.de

»Nicht feilschen, lesen!«

PLAYBOY

»Kaum zu glauben, dass dieser bewegende New-York-Roman erst jetzt auf Deutsch erscheint. Schon 1964 verfilmte Sidney Lumet die Geschichte von Sol Nazerman, dem Pfandleiher von Spanish Harlem. Mit eiserner Härte führt der Holocaust-Überlebende sein Geschäft – perfektes Material für ein zeitloses Drama.«

leselebenszeichen.wordpress.com

»Dieser Großstadtroman [...] ist das beeindruckende Psychogramm eines Mannes, der Unerträgliches überlebt hat und verständlicherweise die Liebe zum Leben und zu Menschen verlernt hat. Der Pfandleiher ist ein schwermütiger Roman, der die menschlichen Schattenseiten betont.«

Szene Köln-Bonn

»Edward Lewis Wallants wichtigstes Buch ist eines der bewegendsten Werke der modernen Literatur«

biograph - Kultur Kino Düsseldorf

»Dem vergessenen Wallant ist ein großartiger Roman über die latenten Langzeitwirkung unbewältigter Traumata gelungen. Absolut lesenswert.«

academicworld.net

»Fazit: Oy, lesen, und zwar jedermann!«

Südwest Presse

»Das Werk des früh verstorbenen Edward Lewis Wallant ist beklemmende, klassische und amerikanische Erzählkunst. Und Sol Nazerman, der sich selbst am liebsten vergessen würde, ist ein Mann, den man so schnell nicht vergisst.«

Nordkurier

»Pflichtlektüre! […]. Auch die feinfühlige Übersetzung von Barbara Schaden mag dazu beitragen, dass die Lektüre dieser mehr als ein halbes Jahrhundert alten Prosa absolut lohnenswert ist. Ein Buch, das bewegt – und seiner berühmten Verfilmung einiges voraus hat.«

Der Tagesspiegel

»Als Betreiber einer Pfandleihe in Harlem agiert der Holocaust-Überlebende Sol Nazerman als eine Art kalter Schicksalsgott seines Viertels, bis sich die Ereignisse überschlagen. Bekannt geworden durch Sidney Lumets Verfilmung, liegt das düster-elegante Meisterwerk von 1961 endlich auf Deutsch vor.«

Rouge Nation

»Träumer, Verlierer, Alltagskämpfer und sonstige kuriose Typen mit denen der Pfandleiher von Spanish Harlem Sol Nazerman zu tun hat. Ein Buch, das einen nicht mehr loslässt. Genial!«

Öko-Test Magazin

»Gut 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung erschien der Roman jetzt auf Deutsch - ein düster beklemmendes, bewegendes, großartiges Buch.«

Lebensart Schleswig-Holstein

»Diesen Roman des jung verstorbenen amerikanischen Autors kann man nun endlich nach mehr als 50 Jahren auch in deutscher Übersetzung lesen - und sollte es unbedingt tun.«

Ostthüringer Zeitung

»Der Autor gibt seiner Figur am Ende des Romans eine neue Chance, der tiefen Verzweiflung zu entkommen. Gleichzeitig ist 'Der Pfandleiher' such ein eindrucksvoller Großstadtroman über ein New York, das es so heute nicht mehr gibt.«

Neues Deutschland

»Es muss genügen, dem allzu früh verstorbenen Schriftsteller Edward Lewis Wallant meisterhafte Fertigkeit zu bescheinigen und ihn für die Angst und die Gewalt, die er fühlbar zu machen verstand, in die Nähe von Dostojewski zu rücken.«

Hamburger Klönschnack

»'Der Pfandleiher' wird damit zu einem modernen Klassiker, der sich die neue Übersetzung verdient hat und noch heute so frisch erscheint wie 1961.«

Kommentare zum Buch

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