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Der PavianDer Pavian

Der Pavian

Thriller

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Der Pavian — Inhalt

Schnell, witzig und ganz schön hart ... Ein sensationelles Debüt aus Schweden.

Adnan kommt direkt aus dem Gefängnis – er hat wegen eines Drogendelikts gesessen. Jetzt muss er dringend seine Schulden im Milieu bezahlen ... Magnus ist Detektiv. Er ermittelt immer hart am Rand der Legalität und hat eine Schwäche für schöne Frauen. Er bekommt einen merkwürdigen Anruf, den er zunächst für einen schlechten Scherz hält ... Amanda ist frisch gebackene Polizistin. Sie hat diesen Beruf aus einem sehr persönlichen Grund gewählt. Sie will diejenigen, die sie für den Selbstmord ihrer Schwester verantwortlich macht, um jeden Preis bestraft sehen. Zwei Männer stehen ganz oben auf ihrer Liste: ein Verbrecher und ein Polizist ... Schon bald finden sie sich alle drei in einem schier unentwirrbaren Geflecht aus Sex, Lügen und Intrigen zwischen Polizei und Unterwelt gefangen.

 

 

Erschienen am 01.04.2016
Übersetzer: Max Stadler
560 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8333-1017-1
Erschienen am 01.04.2016
Übersetzer: Max Stadler
560 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7774-5
»"Der Pavian" ist ein dreckiger Krimi, zeigt ein gewalttätiges Stockholm. Mafiosi vom Balkan und aus Russland haben das Sagen, Polizisten sind käuflich und immer geht es auch um Sex, frauenverachtend und widerlich. Anna Karolina Larssons zeigt eine Welt aus Lügen, Intrigen und erschreckender Brutalität. Spannend bis zur letzten Seite.«
rbb Inforadio

Leseprobe zu »Der Pavian«

1

Fuck, fuck, fuck! Adnan warf erneut einen Blick in den Rückspiegel. Der verdammte Saab folgte ihm immer noch. Kein Zweifel. Sie waren hinter ihm her. Vollgas oder sterben. Scheiße!

Er hatte ihn an der Tankstelle bemerkt, der Wagen stand schief geparkt. Adnan dachte nicht weiter darüber nach. Tankte einfach und atmete eine paarmal tief durch. Er liebte den Geruch von Benzin. Schüttelte den Zapfhahn, bloß kein Tropfen auf den Lack. Er fuhr mit dem Finger über die Motorhaube. Keine Kratzspuren. Diamantschwarz. Er hatte das Teil gewachst wie Karate Kid [...]

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1

Fuck, fuck, fuck! Adnan warf erneut einen Blick in den Rückspiegel. Der verdammte Saab folgte ihm immer noch. Kein Zweifel. Sie waren hinter ihm her. Vollgas oder sterben. Scheiße!

Er hatte ihn an der Tankstelle bemerkt, der Wagen stand schief geparkt. Adnan dachte nicht weiter darüber nach. Tankte einfach und atmete eine paarmal tief durch. Er liebte den Geruch von Benzin. Schüttelte den Zapfhahn, bloß kein Tropfen auf den Lack. Er fuhr mit dem Finger über die Motorhaube. Keine Kratzspuren. Diamantschwarz. Er hatte das Teil gewachst wie Karate Kid persönlich. Wax on, wax off, wax on, wax off. Er wäre vor Stolz fast geplatzt, als er die Schlüssel kriegte. Mit dem Wagen wuchs er. In Sachen Respekt. Er sah, wie die anderen gafften. Er war jemand. Er und der Wagen – der reinste Magnet für Bräute.

Er checkte die Kleine an der Kasse, als er bezahlte. Große Brüste. Er warf eine Schachtel Gummis auf den Tresen, dann noch eine zweite. Neue Zeiten waren angebrochen. Herrliche Zeiten! Endlich wieder nageln nach anderthalb Jahren Selbstversorgung im Knast. Nicht sehr geil in einer kleinen Zelle mit kahlen Betonwänden und einem harten Minibett. Da brauchte es ordentlich Fantasie.

Der Scheißsaab war direkt hinter ihm losgefahren. Raus auf den Drottningholmsvägen. Sie hatten ein anderes Auto dazwischengelassen. Hielten sich wohl für schlau. Auf dem Ulvsundavägen waren sie in die Nebenspur gewechselt. Wieder direkt hinter ihm. Fuck, fuck, fuck! Diesmal würden ihn Milorads Männer massakrieren. Ihm lebend die Haut abziehen.

Beim letzten Mal hatte man ihn aus Gnade verschont. Seine Ehre war im Arsch. Er hatte ihre dreckigen, ekligen Stiefel geküsst. Sie abgeleckt. Die Jungs hatten ihn ausgelacht. Gelacht, wie es nur Jugoschweine können. Sie wollten ihre Kohle.

»Mit Zinsen macht das dreihundertfünfzig Riesen«, hatte Milorad mit seiner heiseren, tiefen Stimme gesagt, die selbst einem Tauben Angst gemacht hätte. Er hatte seinem Gorilla einen Blick zugeworfen, der besagte: noch einen Tritt. Der Gorilla hatte ausgeholt wie zum entscheidenden Elfer im WM-Finale und ihn mitten auf dem Solarplexus getroffen. Er hatte zum Glück keine besonders gute Technik, aber der Tritt war trotzdem von heftiger Wirkung. Alles schwarz. Panikattacke. Die Lunge versagte den Dienst. Ein verhinderter Adrenalinrush. Er lag da wie ein beschissenes Baby. Zusammengekrümmt. Sie standen um ihn herum. Eine Wand aus dreckigen Stiefeln. Lachten. Traten. Spuckten. Pissten auf ihn. Lachten noch mehr. Schmierten ihm Dreck ins Gesicht. In den Mund. Dreck mit Anabolika-Urin. Dreck mit Anabolika-Urin von drei Jugoslawen. »Du und dein Araberkumpel, ihr habt eine Woche. Dann kriegt ihr was anderes zu fressen.« Mehr Gelächter. Mehr Tritte. Das hatte er durchgemacht. Nie wieder!

Der Saab noch immer im Rückspiegel. Er brauchte jetzt einen guten Einfall. Aber mit einem Maximalpuls waren geniale Gedanken unmöglich. Er sah die Shell-Tankstelle vor sich auf der linken Seite. Rechts – ein Villenviertel. Da konnte er sie bestimmt abschütteln. Immerhin hatte er eine Wahnsinnskarre. 520 Pferde unter der Motorhaube. Er drückte das Gaspedal durch und vergrößerte den Abstand ein wenig. Die Villen zischten vorbei. Er umklammerte das Lenkrad und bog in die Siedlung ein. An der ersten Kreuzung schwenkte er abrupt nach rechts. Die Reifen quietschten. Er lenkte gegen. Schlingerte. Fand zurück in die Fahrspur. Nächste Kreuzung, wieder rechts. Bald hatte er den Saab abgeschüttelt.

Fuck! Betonsperren auf der Straße!

Bremse.

Rückwärtsgang.

Wieder ab.

Verdammt!

Scheinwerfer tauchten im Rückspiegel auf und kamen näher. Bamm! Sein Kopf knallte gegen das Lenkrad. Ihm wurde schwindlig. Er musste weg. Noch eine Tracht Prügel würde seine Ehre niemals überleben. Seine Mama auch nicht. Und dabei hatte sie das letzte Mal nur eine Beule an seiner Stirn und einen abklingenden blauen Fleck unter seinem Auge gesehen. Sein Vater hatte ihm vorwurfsvoll erklärt, dass sie danach mehrere Wochen lang nicht richtig geschlafen hatte. Adnan hatte versucht, seinen Eltern möglichst aus dem Weg zu gehen, aber zur Schulabschlussfeier seines kleinen Bruders Samir hatte er wohl oder übel sein demoliertes Gesicht zeigen müssen. Inzwischen hatte er sich wieder halbwegs erholt und sah aus wie vorher. Und trotz der zahlreichen Schläge hatte seine Nase, die nicht hakenförmig war wie bei den meisten Arabern, ihre gerade Form behalten.

Durch den Aufprall hatte der Wagen eine halbe Drehung gemacht. Adnan drückte wieder aufs Gas. Der Saab wie eine notgeile Schwuchtel am Hintern. Bamm – ließ sich zurückfallen – bamm – ließ sich zurückfallen. Scheiße, er hatte keinen Bock, gefickt zu werden! Drückte heftiger aufs Gas. Das schien den Saab noch mehr anzuturnen. Krachte mit noch mehr Wucht hinten drauf. Bamm. Adnan verlor die Kontrolle über den Wagen. Ein Baum. Er riss das Lenkrad herum. Drehte sich wie eine Eisprinzessin. Eine Runde, zwei Runden. Zählte bald nicht mehr mit.

Dann war Stopp. Zwei Gedanken: raus, losrennen. Aber: Die Scheinwerfer des anderen Wagens waren nur wenige Zentimeter von der Tür entfernt. Aus den beiden Lichtern wurden auf einmal tausend auf der Netzhaut. Jemand riss die Beifahrertür auf. Eine kräftige Handfläche traf sein Gesicht. Plötzlich lag er wieder mit der Fresse im Dreck. Die Gedanken wirbelten umher. Seine Beine waren noch im Wagen. Seine Arme wurden festgehalten. Er versuchte, sich loszureißen. Protestierte. Warf sich hin und her. Protestierte noch mehr. Der Griff wurde härter.

Plötzlich spürte er Stiche in den Augen, als würde jemand mit einem Messer darauf einhacken. Es brannte. Die Tränen flossen. Diese Säcke hatten Tränengas! Sie brüllten wie die Irren. Adnan brüllte auch. Mitten im ganzen Tumult: ein Brüllen, das zu hell klang für das, was abging. Etwas stimmte nicht. Überhaupt nicht. Plötzlich fiel der Groschen. Erleichterung. Bullen. Es waren Bullen. Er war gerettet. Er würde nicht sterben. Nicht heute. Nicht jetzt.

»POLIZEI, bleib liegen, verdammt noch mal! Sonst wird es nur schlimmer!« Die Bullenhure schrie wie eine Wahnsinnige. Andere auch. Gewicht von Körpern auf seinen Armen.

Die Erleichterung verwandelte sich in Wut. Für wen hielten die sich?

»Verdammte Schwachköpfe! Ihr habt mich um ein Haar totgefahren!« Das Tränengas ließ ihn flennen wie eine hysterische Braut. Totale Erniedrigung. Der Rotz floss nur so raus. »Tränengas! Ihr feigen Wichser!«

»Das ist kein Tränengas. Das ist OC-Spray. Wenn du mal kurz Ruhe gibst, dann können wir dir helfen. Es ist nicht gefährlich.«

Der Strom an Rotz nahm zu. Stürzte aus seiner Nase. Blieb am Kinn hängen. »Geht mir doch am Arsch vorbei, was das für ein Zeug ist! SCHEISSE!« Seine Augen brannten.

»Es ist nur Chili, nichts Schlimmes.«

Wenn die Bitch nicht gleich die Klappe hielt, würde er sie kaltmachen. Scheiß auf die Folgen. »Verdammt!«

Eine tiefere Stimme: »Ich weiß, dass es sehr wehtut, aber wenn du dich jetzt beruhigst, können wir dich aufrichten, und dann wird es bald besser.«

»Ich bin ruhig, verdammte Scheiße!«

»Lass die Arme locker.«

Adnan minderte die Spannung in seinen Oberarmmuskeln, die er wenige Stunden zuvor noch bis zum Platzen aufgepumpt hatte. Besser, er spielte mit.

»So, schön. Wir setzen dich jetzt auf. Bleib ruhig.«

Er versuchte, die Augen zu öffnen, um zu sehen, wer ihn da anzwitscherte. Seine Lider zwinkerten jedoch unkontrolliert. Er konnte nur drei Personen ausmachen, vielleicht vier, als es ihm gelang, die Augen einen Sekundenbruchteil lang offen zu halten.

Der Polizist mit der Zwitscherstimme streckte die Hand aus. »Da hast du ein Feuchttuch«, sagte er.

Adnan nahm das Tuch und rieb sich die Augen. »Aaaahh, das wird ja nur schlimmer!«

»Versuch, die Augen zu öffnen. Das ist schwer, aber die frische Luft hilft. Je mehr du blinzelst, desto schneller geht es vorüber.«

Vielleicht war es doch nicht übel, den Rat anzunehmen.

»Warum bist du abgehauen?«

»Woher sollte ich bitte wissen, dass ihr Bullen seid?«

»Wer sollten wir denn sonst sein?« Die Bitch mischte sich ein.

»Du, mit dir rede ich nicht.« Adnan wollte ihr einen bösen Blick zuwerfen, merkte aber rasch, dass das ein Fehler war. Seine Augen tränten mehr als vorher und der Druck breitete sich bis in seinen Schädel aus. Er bekam kaum Luft. Hyperventilierte. Konzentrierte sich, damit man es ihm nicht ansah.

»Hol tief Luft. Ich weiß, dass es sich schlimm anfühlt.«

»Und woher weißt du das?«

»Wir haben es selbst ausprobiert. Sonst dürfen wir es nicht verwenden.«

Adnan knurrte etwas, sagte es aber nicht laut. Wahrscheinlich hatten sie mal einen kleinen Tropfen getestet, aber keine ganze Dose! »Habt ihr dann auch ausprobiert, euch gegenseitig zu erschießen?«

»Du, Adnan, wir versuchen hier, nett zu sein. Wie du uns behandelst, werden wir dich behandeln. Das ist fair, oder?« Die Zwitscherstimme schien der Chef zu sein.

»Nett! So benehmt ihr euch also, wenn ihr nett seid? Fahrt mich fast tot und sprüht mir Tränengas in die Fresse.«

»Das ist OC-Spray, aus Chili gemacht. Das ist nicht gefährlich.« Die Bitch kam immer wieder mit ihrem Chili.

Dieses Mal ließ er sich nicht zu einer Antwort herab. Am besten man beachtete sie gar nicht. Er hatte nicht vor, mit einer Bullennutte zu reden.

»Wir haben Leuchtsignale gegeben und die Stoppkelle gezeigt. Hast du das nicht gesehen?«

Hatte er nicht. Auf seiner Netzhaut hatte er nur Jugoslawen, Dreck und Urin gehabt. Zerstörte Ehre. »Woher wisst ihr überhaupt, wer ich bin?«

»Wir arbeiten mit dem Nova-Projekt. Kennst du das?«

Plötzlich wuchs er. Vor Stolz. Vom flennenden Weib zum gefürchteten Kriminellen. Er war auf der Nova-Liste! So gefürchtet, dass er im größten Bullenprojekt vorkam, in dem die kriminellsten Typen aus Stockholm erfasst waren. Er war einer der Größten in der Stadt, vielleicht im ganzen Land. Krass.

»Ich weiß, was ihr macht«, sagte er.

»Hast du was dabei?«

»Ich hab aufgehört mit dem Scheiß.« Reflexartig fuhr seine Hand über die rechte Hosentasche. Das geschah automatisch. Unmöglich zu kontrollieren. Die Gewohnheit, immer ein paar kleine Tütchen mit portioniertem weißen Pulver herumzutragen. Oder noch öfter: die Reste davon.

»Was hast du denn in der Tasche?« Die Bitch starrte auf seine rechte Hosentasche. »Wir werden dich sowieso durchsuchen, also kannst du es gleich rausholen.«

»Durchsucht mich doch, wenn ihr meint. Ihr werdet nichts finden.« Er war sauber. Hatte weder was genommen noch gedealt, seit er in den Knast gewandert war.

»Du kannst dich aufrichten. Wann hast du das letzte Mal was genommen?«

»Hast du eine lange Leitung? Ich hab mit dem Scheiß aufgehört.«

»Was hast du früher genommen?« Die Bitch ging ihm ernsthaft auf den Sack.

»Das könnt ihr selber nachschauen. Ihr scheint ja viel über mich zu wissen.«

»Aber ich frage dich jetzt. Unsere Unterhaltung läuft nicht ganz rund, habe ich den Eindruck. Alles ist deutlich geschmeidiger, wenn du kooperierst und ein paar Fragen beantwortest.«

Adnan protestierte, indem er schwieg.

»Was hast du vorhin durchs Fenster geworfen?«

Von was redeten die da?

»Stell dich nicht dumm, wir werden so oder so nachsehen.«

Plötzlich fiel ihm ein, dass er ein Kaugummipapier aus dem Wagen geworfen hatte, als er nach dem Tanken losgefahren war. War das der Grund für diesen ganzen Zirkus? Ein Kaugummipapier! Extrascharf mit Pfefferminzgeschmack. Danach konnten sie seinetwegen suchen. Hoffentlich lange.

Die Zwitscherstimme schaltete sich ein. »Du hast vor Kurzem anderthalb Jahre wegen Besitz von Narkotika abgesessen, stimmt das?«

»Wenn ihr das sagt.«

»Du willst doch nicht gleich wieder in den Bau, oder? Du hast schließlich keinen Führerschein. Fahren ohne Fahrerlaubnis ist eine Straftat.«

Adnan blinzelte, um einen Blick auf die Polizisten um ihn zu erhaschen.

»Aber dafür gehe ich doch nicht in den Knast! Meine Vorstrafen sind alle getilgt.« Er wischte sich das Gesicht ab.

»Man hat sie dir wahrscheinlich erlassen, weil du gleichzeitig wegen Drogendelikten verurteilt worden bist. Aber auf Fahren ohne Fahrerlaubnis steht bis zu ein Jahr. Denk also ein bisschen nach. Wem gehört der Wagen überhaupt?«

»Einem Kumpel.«

»Wie heißt der?«

»Warum? Er hat mit der ganzen Sache nichts zu tun.«

»Ich wollte nur so nett sein und deinem Kumpel … Diar verraten, dass er gerade seinen nagelneuen Wagen losgeworden ist.«

»Ihr könnt nicht den Wagen nehmen!«

»Du, Adnan, wir tun nie etwas, das wir nicht dürfen. Du bist in den letzten Monaten dreimal in diesem Wagen angehalten und noch viel öfter damit gesehen worden. Also bist du der Nutzer, und der Wagen wird beschlagnahmt. Du solltest dir eine gute Geschichte ausdenken. Deinen Kumpel dürfte das nicht sehr freuen, oder?«

»Hey, stellt mir einen Strafzettel aus, macht, was ihr wollt, aber nehmt nicht den Wagen! Ich hab ihn nur ausgeliehen!« Adnan bekam jetzt ernsthaft Schiss.

»Du weißt, dass wir nur unsere Arbeit tun. Wir haben zwei gute Gründe, den Wagen zu nehmen. Der erste ist, dass du regelmäßig ohne Führerschein fährst, der zweite, dass du Schulden beim Fiskus hast. Für die ist das doch merkwürdig, dass du ihnen fast eine halbe Million Kronen schuldest und dann in einem Auto durch die Gegend kutschierst, das praktisch dasselbe wert ist.«

»Aber das ist doch verdammt noch mal nicht mein Wagen!« Das hier lief richtig mies. Er schwitzte. Seine Augen tränten noch immer. Die Nase lief auch.

»Adnan, ich verstehe genau, wie ihr das macht. Es ist überhaupt nicht ungewöhnlich, dass ihr Autos, Häuser und Ähnliches unter den Namen von Verwandten, Freunden und so weiter laufen lasst, nur um eure ja – tja, wie sollen wir es nennen – schwarzen Einkünfte zu verbergen. Aber diesmal funktioniert das leider nicht.«

Es war vorbei. Finish. Er wusste es. Ein Schlag in den Magen. Schlimmer als beim letzten Mal, als der Gorilla ausgeholt hatte. Diars Karre beschlagnahmt. Diars Ein und Alles. Adnan hatte sich den Wagen geliehen, während Diar im Knast saß. Erst wollte er ihn nur einmal nehmen. Dann hatte Diars Schwester angerufen und ihn gebeten, sie zu fahren. Da war es plötzlich legitim geworden. Daraus entwickelte sich eine schlechte Angewohnheit, und Adnan war jeden Tag rumgekurvt.

Diar: Der Typ hasste körperliche Aktivität. Hatte sicher zehn Kilo verloren, seit er im Knast war. Adnan hatte ihn bei der Gerichtsverhandlung gesehen. Sah aus, als käme er aus einem Arbeitslager. Die Klamotten hingen an ihm herab. Seine Wangen waren eingefallen. Eigentlich könnte Diar total bullig sein. Das lag in seinen Genen. Wenn er nur mal seinen knochigen Arsch ins Fitnessstudio bewegen würde. Aber dem Kerl war das egal. Fand, dass Bodybuilder ihre Zeit vergeudeten.

Adnan hatte versucht, ihm zu verklickern, was aufgepumpte Muskeln wert waren: Bräute, Respekt, der Neid der anderen. Mehr Bräute. Die Liste war noch länger. Aber Diar kümmerte das nicht. Ihm reichte ein geiles Gefährt.

Ein Gefährt, mit dem jetzt die Bullen davonfuhren. Scheiße!

Adnan stützte sich mit der Hand ab und sprang über die Sperre zur U-Bahn. Das war eine alte Gewohnheit. Aber seine verwirrten Augen schätzten die Höhe falsch ein. Der rechte Fuß blieb hängen, und er fiel kopfüber nach vorn. Die Handgelenke knackten. Ein Knie knallte auf den Boden.

Zwei Mädchen unterbrachen ihr Simsen und kicherten.

Adnans Reaktion: schnellstens wieder hoch! Nicht hinken. So tun, als wäre nichts geschehen. Er nahm die Rolltreppe zur U-Bahn, die bereits eingefahren war, er musste mit dem schmerzenden Knie rennen, um sie noch zu erwischen.

Er sah sich selbst in der Fensterscheibe, während der Zug durch den schwarzen Tunnel rauschte. Wandte den Blick ab. Ausnahmsweise war er nicht zufrieden mit dem, was er sah. Ein hochrotes Gesicht mit erniedrigtem Blick. Seine Augen tränten nicht mehr, waren aber noch immer rot unterlaufen. Schlimmer als bei einem Kater. Das Hirn leer. Seine Hose war nach dem Angriff der Bullen voller Dreck. Seine Handflächen zerschürft nach dem Sturz, nun klebten die Bazillen von halb Stockholm darauf. Sein Knie pochte. Arschgefickt vom Leben.

Er hatte nicht die geringste Lust, die U-Bahn zu nehmen. Das Transportmittel der arbeitenden Menschen.

Einen ganzen Monat malochen, den Lohn dann im nächsten bekommen – nichts für Adnan. Das sollten die normalen U-Bahn-Kunden ruhig machen.

Schnelle Jobs mit Sofortbezahlung, das war eher Adnans Ding.

Vor langer Zeit hatte er einmal versucht, dies seiner Mutter klarzumachen, aber sie hatte es nie kapiert. Sie hatte ihm die Ohren vollgejammert von wegen, dass eine gute Ausbildung wichtig sei und dass er gute Noten haben müsse. Dann würde er einen guten Job bekommen. Aber Adnan checkte die Konsequenz: je besser die Noten, desto mehr Knete. Aber trotz guter Knete – die Kohle war immer vor Monatsende zu Ende.

Er konnte das bei seinen Eltern beobachten. Sein Vater schuftete sogar am Wochenende, um ein bisschen was dazuzuverdienen. Seine Mutter versuchte, das Geld so zu verwalten, dass es mit zwei hungrigen Jungen reichte. Der Vater nie zu Hause. Kein Familienleben. Aber sie hielten zusammen, das gehörte zu ihrer Kultur. Und Adnan wusste, dass sie sich irgendwo tief drin liebten. Aber wer wollte denn bitte so etwas?

Nein, die Art von Arbeit, mit der die Pendler ihr Leben ruinierten, war nichts für Adnan.

Ein geiles Auto, das war der Bringer. Nur nicht an diesem Scheißtag.

Er konnte ja keinen Kumpel anrufen. »Du, hab Diars Benz vercheckt, kannst du mich holen …« Niemals! Er hatte Diar verraten. Einen Eid gebrochen. Die Bullen hatten ihn gefickt. Schlimmer als die Jugoschweine.

 

2

Dreizehn Polizisten warteten darauf, dass die Lagebesprechung für die Nachtschicht begann. Einige der Kollegen waren noch in der Garage und führten die obligatorische »Kontrolle vor Abfahrt« durch. Der Ölstand wurde untersucht, das Scheibenwaschwasser, das Kühlwasser, der Luftdruck in den Reifen, Sirenen, Blaulicht, Blinker, Scheinwerfer. War das Absperrband da? Hatten sie alle Formulare dabei? Den Strafzettelblock? Die Sitze wurden angehoben – es kam manchmal vor, dass ein Kiffer es schaffte, ein wenig Gras aus der Unterhose zu pulen und an den erstbesten Stellen zu verstecken. Die Liste dessen, was zur Kontrolle gehörte, konnte noch verlängert werden, wenn man zu den gewissenhaften Beamten zählte. Wer seine Liste abgekürzt hatte, trank Kaffee aus der Selecta-Maschine der Dienststelle oder aß den letzten Rest aus der Essensbüchse.

Amanda war spät dran und schaufelte ihre selbstgemachte Lasagne in sich hinein. Sie hatte sie in der Mikrowelle aufgetaut und damit erreicht, dass sie an den Rändern brennend heiß und in der Mitte noch immer gefroren war. Aber sie schlang dennoch alles hinunter. Wenn man einmal unterwegs war, konnte man nicht wissen, ob man noch mal etwas zu essen bekam.

Zwanzig Sekunden bevor der Zeiger auf zehn Uhr rückte, trat sie eilig in den Besprechungsraum und schluckte den letzten Bissen hinunter.

»Das war knapp«, sagte Marcus, der seelenruhig an dem länglichen Tisch hockte.

Amanda wusste, dass er auf eine Torte anspielte. Wer zu spät kam, wurde so lange von den Kollegen bearbeitet, bis etwas Leckeres auf dem Kaffeetisch stand. Das waren ungeschriebene Regeln. Eine Torte war auch die Strafe bei selbst verursachten Verkehrsstörungen, falschem Alarm oder anderen unbesonnenen Vorkommnissen. Die Jury neigte zu Schuldsprüchen und plädierte nur selten auf Freispruch. Mit anderen Worten: Es stand praktisch immer eine Torte im Pausenraum.

Sie legte ihr tragbares Funkgerät ab. Die Stühle waren nicht angepasst an uniformierte Polizisten, die schwere Gürtel um die Hüfte trugen und deren Umfang durch die daran befestigten Dinge deutlich vergrößert wurde: Pistole, OC-Spray, Schlagstock, Handschellen, Reservemagazin, Funkgerät. Sie hatten sich schon oft beklagt, dass die Armlehnen an den Stühlen unpraktisch waren, aber dies zu ändern war nur einer von vielen Vorschlägen, die von den Leuten ignoriert wurden, die über das Inventar entschieden. Die Stühle waren ein wiederkehrendes Gesprächsthema. Eine Petitesse, konnte man finden, aber sehr nervig für diejenigen, die jeden Tag damit leben mussten.

Alle fanden ihre eigenen Varianten, um sich hinzusetzen. Die rechte Hüfte anwinkeln, sodass die Waffe unter der Armlehne landete, die linke Hüfte anwinkeln, sodass das Funkgerät unter der anderen Platz fand. Die erfindungsreichsten Kollegen brachen die Lehnen einfach ab.

Amanda fragte sich, was während der bevorstehenden Nachtschicht passieren würde. Man wusste nie, was kam. Das war eine der schönen Seiten des Berufs.

Der westliche Teil der Stadt bot eine ganze Bandbreite von Leckerbissen. Kista: mit dem Einkaufszentrum, in dem sich der Kampf der Kulturen abspielte und wo lauter Kleptomanen rumliefen. Hässelby: das Königreich der Sozialfälle. Vällingby: Sammelplatz der Alkoholiker. Bromma: die Heimat der Hells Angels, dazu all die Flugzeuge, die in Richtung Flughafen über die Häuser hinwegdonnern. Sundbyberg: ein Loser-Vorort, in dem identitätssuchende, rappende Jungen Fuß zu fassen versuchen – Möchtegern-Hiphopper, Möchtegern-Ganoven. Alvik: ungelenke, picklige Kinder von reichen Eltern, die im Leben wohl nur einen einzigen Satz gelernt haben: »Mein Daddy ist übrigens Anwalt.« Nockeby: ein psychisch Gestörter neben dem anderen. Auf der anderen Seite der Brücke, das schöne Drottningholm: das vielbesuchte Schloss der königlichen Familie mit verrückten Stalkern. Ekerö: entlaufene Kühe. Solna: Fußballhooligans. Rinkeby, Tensta, Hjulsta, Akalla: Hier gab es jede Art von Leckerbissen, außer dem »Mein Daddy ist übrigens Anwalt«-Satz. Drogen in Unmengen: braun, grün, weiß. Und so fort. Kleine Ganoven, große Ganoven, Ganoven, die sich gegenseitig ausraubten.

Einsatzchef Nils Söderling leitete die Lagebesprechung und erklärte, wer mit wem in welchem Wagen fahren würde. Er berichtete, was seit der letzten Schicht passiert war, was in der bevorstehenden zu beachten war und wer an diesem Tag Namenstag hatte. Letzteres war zu Nils’ Markenzeichen geworden, etwas, worüber alle grinsten, wenn Kollegen von außerhalb anwesend waren und sich nach dem Sinn fragten. Einen echten Sinn gab es nicht, der Namenstag war nur eine Sache, die angesprochen werden musste, um die Lagebesprechung abzurunden.

Was für einen Scheißjob hatten sie da bloß gewählt? Amanda sah, wie ihr Kollege Tobbe sich eine Träne von der Wange wischte. Beide waren froh, dass sie bei dem unfassbaren Auftrag, den sie soeben hinter sich gebracht hatten, einander zum Partner gehabt hatten.

Sie hatten ein totes Baby im Astrid-Lindgren-Krankenhaus identifiziert. Ein Junge, der nur vier Monate alt werden durfte. Seine Eltern waren wegen Kindesmords festgenommen worden. Ein vieldiskutiertes Phänomen: shaken baby syndrome.

Eine Krankenschwester hatte sie zum Zimmer geführt. Sie ging schweigend mit gesenktem Kopf vor ihnen her. Zu hören war nur das langsame Schlurfen ihrer Schuhe auf dem Boden. Sie öffnete die Tür und gab ihnen mit einer Handbewegung zu verstehen, dass sie eintreten sollten. Es war ein dunkler Raum, der von einer Kerze erhellt wurde. Die Wände waren kahl und von sterilem Weiß. Zu der sparsamen Möblierung zählte ein Stahltisch, der an der Wand stand. Darauf lag eine gelbe Decke, die leicht gewölbt war.

Die Krankenschwester ging hin und hob die Decke so vorsichtig an, dass man glauben konnte, es läge eine tickende Bombe darunter. Stattdessen kam ein steifer menschlicher Körper zum Vorschein, der zu klein war, um dort zu liegen. Die Haut ganz hell, fast durchsichtig. Die Lippen eisblau. Die Augen geschlossen. Augen, die die Welt nicht mehr erforschen durften.

Es war vollkommen unwirklich. Ein Baby, das nicht warm war, das nicht um Aufmerksamkeit buhlte. Ein Baby, das nicht plapperte, nicht schrie.

Still. Stumm.

Jemand hatte einen Teddybären mit einer roten Halsschleife danebengelegt.

Tobbe drehte sich bei diesem Anblick weg. Amanda verstand ihren Kollegen: Er hatte selbst ein einjähriges Kind. Sie schrieb den Namen »Hugo Lindström« auf das Identitätsband und befestigte es um den Knöchel des Babys, das Handgelenk war zu schmal. Dann benachrichtigte sie den Transportdienst, der Hugo zur Obduktion in die Gerichtsmedizin bringen würde. Hugo, der ganz allein war.

Mit seinem Teddybären.

»Sorry, dass ich das vorhin nicht hingekriegt habe.« Tobbe lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze.

Amanda steuerte den Streifenwagen durch die dunklen Straßen. »Kein Ding.«

»Ich bin froh, dass ich mit dir unterwegs bin.«

»Ich weiß, beim nächsten Mal bin ich diejenige, die es nicht hinkriegt.« Sie lächelte Tobbe zu, und er sah dankbar aus.

Sie dachte, dass das nie geschehen würde. Dass sie etwas nicht packte. Sie hatte es seinetwegen gesagt. Wollte nicht, dass er sich schämte. Ein großer starker Polizist mit Waffe und Schlagstock, der weinte. Aber das war okay. Sie wünschte, sie wäre in der Lage zu weinen. Das hatte sie seit Jahren nicht mehr getan. Nicht mehr, seit … Sie ließ den Gedanken nicht zu.

Es war eine Weile still. Das Einzige, was man hörte, waren die Scheibenwischer, die auf die niedrigste Geschwindigkeit eingestellt waren. Sie bekämpften den feinen Nieselregen, der eingesetzt hatte, als sie mit dem kleinen Hugo fertig gewesen waren. Ein Regen, bei dem man keine Tropfen spürte. Man wurde nur nass. Gemütlich, solange man im Wagen saß.

Sie machte das Radio an und stellte Bandit auf 106,3 ein. Edsel Dope brüllte aus den Lautsprechern: »… die motherfucker die motherfucker die …«

»Oh, vielleicht nicht gerade das, was wir im Moment brauchen.« Sie streckte die Hand nach dem Radio aus.

»Nein, nein, lass nur. Wir können ja nicht ewig rumheulen.«

Sie beugte sich vor und drehte stattdessen lauter.

»… die motherfucker die motherfucker die …«

Nach ein paar Minuten donnernder Metal-Musik sah Amanda, dass Tobbe sein normales Ich wiedergefunden hatte. Der kleine Hugo war in den berühmten Rucksack gestopft worden. Bei den meisten Polizisten, die seit einer Weile Dienst leisteten, war dieser Rucksack bis oben hin voll.

Sie fuhren weiter durch die Stockholmer Nacht. Kreuz und quer durch das Industriegebiet. Schauten beim Solvalla Camping vorbei. Im Dunkeln liegende Villen in Äppelviken. Sie kauften frisch gebackene Brötchen in einer Bäckerei. Stoppten ein paar Autos und führten Alkoholkontrollen durch. Plötzlich vibrierte das Handy in ihrer Hosentasche. Amanda ratterte im Kopf ein paar Namen herunter, von denen die SMS sein könnte. Die Sekunden der Ungewissheit, bevor man den Namen auf dem Display sah, waren immer spannend. Würde es eine nette Nachricht sein? Oder eine noch nettere? Oder nur eine von ihrer Mutter? Zufrieden las sie den Namen: Adnan.

Adnan von vorgestern. Ein seltsames Gefühl breitete sich in der Magengegend aus. Freude? Sie hatte gespürt, dass er sich melden würde. Die Frage war nur gewesen, wann. Zwei Tage: schneller als erwartet. Die ungeschriebene Regel besagte doch drei, oder?

Sie las die Nachricht: wie stehts? will dich trefen.

Analyse: wie stehts – was meinte er damit? War sie nur ein Kumpel?

Will dich trefen – er wollte sie auf jeden Fall wiedersehen. Als Kumpel? Wann? Der Rechtschreibfehler ärgerte sie. Kein LG oder War schön, dich getroffen zu haben. Nicht einmal ein Smiley. War er schüchtern? Traute er sich nicht, zu zeigen, was er empfand? War er überhaupt interessiert?

»Was grinst du denn?« Tobbe sah zu ihr und auf ihr Handy, das vielleicht etwas zu viel von ihrer Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hatte, wenn man bedachte, dass sie am Steuer saß.

»Nur eine SMS.«

»Jetzt komm schon!«

»Ich hab vielleicht jemanden kennengelernt.«

»Aha, wen? Jemanden von der Dienststelle?«

Sie versuchte, das Handy in die Hosentasche zu stopfen und sich gleichzeitig auf die Straße zu konzentrieren.

»Auf keinen Fall. Man kann nicht mit einem Polizisten zusammen sein.«

»Dachte ich mir schon.« Er knuffte sie. »Erzähl schon!«

»Ich weiß eigentlich nicht sehr viel über ihn. Wir haben uns nur kurz unterhalten. Er wirkt nett.«

»Wo habt ihr euch denn kennengelernt?«

Sie überlegte kurz, ob sie ehrlich sein sollte oder nicht. »Im Supermarkt.«

»Was, echt?«

»Das ist doch romantisch, oder? An der Kühltheke im Supermarkt. Er sah verdammt gut aus, also bin ich einfach zu ihm hingegangen und hab angefangen, über die Hühnchen dort zu reden.«

Tobbe lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze und lachte. »Du hast doch einen Knall!«

»Ich weiß. Aber man kann auch nicht zu Hause hocken und darauf warten, dass jemand an die Tür klopft.«

»Da hast du recht. Das war mutig.«

»Was blieb mir anderes übrig? Er sah total heiß aus.«

»Ich sage ja, dass es mutig war! Aber bevor ich meine Genehmigung erteile, muss ich wissen, was er für ein Auto hat.« Tobbe, der Autofetischist. Er war ein Fanatiker und kannte jedes Fabrikat, jedes Modell, jedes Wagenteil, jede Schraube.

»Einen Mercedes.«

»Gut.« Er nickte. »Modell und Farbe?«

»Schwarz. Keine Ahnung, welches Modell.«

»Ein schwarzer Mercedes. Klingt nach Ganove.«

Nicht schlecht geraten. Adnan Nasimi war ein Schwerkrimineller und stand auf der Nova-Liste. Sie hatte nicht vor, dies Tobbe oder irgendjemand anderem zu verraten. Sie wusste, dass sie ein hohes Risiko einging, aber es musste sein. »Ja, wer weiß das schon in dieser Stadt.«

»Hast du dir das Nummernschild aufgeschrieben?«

»Ha, du kennst mich. Hab ich schon überprüft. Das Auto läuft nicht auf ihn. Ich werde noch ein bisschen nachforschen müssen.«

»Ja, da ist was faul.«

»Vielleicht hat er den Wagen ausgeliehen.«

Sie zog es vor, nicht zu erzählen, was sie über den Wagenhalter herausgefunden hatte. Er tauchte in sämtlichen polizeilichen Registern auf. »Ich werde ein bisschen nachbohren, wenn ich ihn das nächste Mal treffe.«

»Ihr seht euch also wieder?«

»Ja, zumindest wenn ich seine SMS richtig deute. Warum seid ihr Kerle so schlecht darin, euch klar auszudrücken?«

»Was stand denn drin?«

»›Wie steht’s? Will dich treffen.‹ Schreibt man so was?«

»Klar, er will dich halt sehen.«

»Aber man stirbt nicht davon, ein bisschen ausführlicher zu sein.«

»Er will dich treffen. That’s it.«

»Glaubst du, er will mit mir ins Bett?«

»Klar will er das.«

Sie wurden vom Polizeifunk unterbrochen, der in der vergangenen halben Stunde ungewöhnlich still gewesen war. Eine männliche Stimme erklang: Drei null an drei. 33-3120. Over.

Tobbe nahm das Mikrofon. »Solna, ich höre. Kommen.«

Fahrt zum Maltesholmvägen Nummer 73 in Hässelby, dort haben wir eine Frau, die vergewaltigt worden ist. Wohnung 5, an der Tür steht Didriksson. Over.

»Verstanden. Over.«

Der Türcode lautet 3588, ersten Informationen zufolge fand die Vergewaltigung nicht in der Wohnung statt. Eine Freundin der Frau hat uns angerufen.

»Ja, verstanden, wir sind unterwegs. Over.«

Over and out.

Amanda schluckte und versuchte, unberührt zu wirken. Aber die Vergangenheit ließ sich nicht ausschließen. Die Erinnerung an ihre Schwester und an das, was ihr widerfahren war, brach über sie herein und beherrschte ein paar Sekunden lang ihre Gedanken. Dann zwang sie sich zurück in die Gegenwart und bemühte sich, die Fassung zu wahren. Offenbar glückte es ihr, denn Tobbe schien nichts bemerkt zu haben.

»Du hast dir die Adresse gemerkt, oder?«, fragte er.

»Ja, ja, logisch.«

Sie schaltete das Blaulicht ein und schlängelte sich durch den spärlichen nächtlichen Verkehr. Ließ die Sirene aus, da es keinen Sinn hatte, wie die Irren zu einer Vergewaltigung zu rasen, bei der der Täter nicht mehr vor Ort war. Ein bisschen Blaulicht reichte vollkommen. Es war trotzdem schön, schnell zu fahren.

In der Wohnung war es warm und stickig, der Schweiß lief ihnen unter der Schutzweste herab. Es stank nach Urin, und als Amanda am Badezimmer vorbeikam, sah sie ein Katzenklo neben der Toilette, das vermutlich die Ursache war. Im Wohnzimmer stand ein abgenutztes Stoffsofa an der Wand, und auf dem Couchtisch lagen Zigarettenstummel, die von dem überfüllten, als Aschenbecher dienenden Teller gefallen waren. Stella Didriksson kauerte auf einem Sessel und starrte Amanda und Tobbe mit vom Weinen geröteten Augen an. Die Mascara hatte schwarze Streifen auf ihren bleichen Wangen hinterlassen, ihre braunen Haare hingen in Strähnen herab.

»Sie hat mich angerufen und gesagt, dass sie vergewaltigt wurde.« Stellas Freundin fing an, auf Amanda und Tobbe einzureden, bevor diese sich überhaupt vorstellen konnten. »Dann wollte sie nichts mehr sagen, ich glaube, sie hat Angst um ihr Leben, so ist sie sonst nie.«

Amanda ging neben Stella in die Hocke. »Hallo, ich heiße Amanda. Ich weiß, dass es sehr schwierig ist, darüber zu sprechen, aber du musst dich vor uns nicht schämen. Wir haben viele Frauen getroffen, denen ähnliche Sachen passiert sind.«

Stella nickte.

»Willst du erzählen, was passiert ist?«

Stella schüttelte den Kopf.

»Dann werde ich dir eine Frage stellen, auf die du bitte entweder mit Ja oder Nein antwortest. Wurdest du heute Abend vergewaltigt?«

Stella schien zu zögern, dann murmelte sie: »Ja.«

»Dann muss ich dich fragen, warum du uns nicht mehr erzählen willst.«

»Ich will einfach nicht.«

»Magst du nicht, dass mein Kollege zuhört?« Amanda deutete mit einem Kopfnicken auf Tobbe.

»Nein, das spielt keine Rolle. Aber ich wollte gar nicht, dass ihr überhaupt herkommt. Emma hat euch gerufen, ich hätte ihr echt nichts sagen sollen.«

Stella schluchzte auf und verbarg das Gesicht in der Armbeuge. Amanda wartete eine Weile und gab ihr Zeit, sich zu beruhigen.

»Wo ist es passiert?«

Stella schüttelte den Kopf und sagte nichts.

»War es im Freien oder in einem Haus?«

»In einem Haus.«

»Kennst du den, der es getan hat?«

Stellas Lippen zitterten, als sie antwortete: »Ich weiß, wer es ist.«

»Kannst du ein bisschen beschreiben, was passiert ist?«

Stella änderte plötzlich die Tonlage. »Ihr kapiert das nicht, ich kann nichts sagen!«, schrie sie. »Sonst kann ich gleich einpacken, das geht nicht!«

»Warum kannst du gleich einpacken, wie meinst du das?«

»Ich sage jetzt nichts mehr, das geht nicht.«

Amanda schielte zu Tobbe, der in der Türöffnung stehengeblieben war. Er schüttelte den Kopf, um zu zeigen, dass es keinen Sinn hatte. Amanda spürte, wie der Frust in ihr hochkam, aber es brachte nichts, die Frau unter Druck zu setzen.

»Stella, wir brauchen heute nicht mehr mit dir zu reden, aber ich hoffe, dass du dich irgendwann anders entscheidest. Offenbar hat er dich bedroht, und da ist es besonders wichtig, dass wir herausfinden, wer es ist. Du bist vermutlich nicht sein einziges Opfer.«

Stella saß schweigend da.

Amanda richtete sich auf, um die Beine durchzustrecken. Sie hatte ein wenig zu lange in der Hocke gesessen. »Dafür wollen wir aber, dass du mit ins Krankenhaus kommst für eine ärztliche Untersuchung. Es ist sehr wichtig, dass wir das jetzt machen, um noch Spuren zu finden.«

»Ich habe schon geduscht.« Stella kauerte sich noch tiefer in den Sessel.

»Das ist schade, aber es gibt vielleicht trotzdem Spuren und mögliche Verletzungen. Die Ärzte sind unheimlich kompetent, es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen.«

»Nein, ich will nicht.«

»Stella, was ist, wenn du eines Tages deine Meinung änderst und wir keinen Beweis haben?«

»Ich werde meine Meinung nicht ändern.«

»Warum? Was macht dir so eine schreckliche Angst?«

»Ich will einfach nicht. Ich weiß, wie das funktioniert, euer Zeug würde sowieso zu nichts führen. Am Ende würde einzig und allein ich in der Scheiße sitzen. Niemand würde mir glauben, warum sollten sie auch?«

Amanda verstand, was Stella meinte. Es stand Aussage gegen Aussage zwischen einem Mann und einer Frau, und außerdem war sie vollkommen zugedröhnt. Amanda entschied, den Drogenkonsum zu ignorieren und nicht zu vermerken. Das würde es noch unwahrscheinlicher machen, dass Stella irgendwann ihr Schweigen brach.

Amanda unternahm einen letzten Versuch: »Mir ist absolut bewusst, dass es für alle, die eine Vergewaltigung zur Anzeige bringen, ein langer Prozess ist und dass es nicht immer klappt. Vergewaltigungen geschehen fast immer ohne Zeugen. Deshalb müssen wir so schnell wie möglich erfahren, wer es ist, da es auch bei ihm Spuren von dir geben kann. Je mehr Zeit verstreicht, desto schwerer wird es, eine Verurteilung zu erreichen. Außerdem kannst du dazu beitragen, dass er nicht einer anderen dasselbe antut.«

Stella schwieg eine Weile und schien zu überlegen. Als sie antwortete, wusste Amanda, dass sie heute nicht weiterkommen würden, vermutlich auch morgen oder übermorgen nicht. »Er wird es wieder tun.« Sie blickte Amanda mit geweiteten Pupillen an. »Und er hat es vorher schon getan. Ist man irre und setzt man alles auf eine Karte, geht das auch mal schief. Aber ich überlebe. Und zwar immer.«

Es war fünf Uhr morgens, als Amanda und Tobbe die Wohnung von Stella Didriksson in Hässelby verließen. Keiner von beiden war sonderlich zufrieden, nachdem sie es nicht geschafft hatten, Stella zum Reden zu bringen. Das einzig Positive daran war, dass sie an diesem Morgen nicht länger bleiben mussten. Überstunden nach einer Nachtschicht waren die reinste Qual.

Da Stella eine ärztliche Untersuchung verweigerte, kamen auch Amanda und Tobbe um diese Prozedur herum. Amanda sah das Schild vor ihrem inneren Auge: NOTAUFNAHME FÜR VERGEWALTIGTE FRAUEN. Das Schild befand sich am Krankenhaus in Söder, und Amanda war schon mehrmals mit Frauen dort gewesen, die sich hatten untersuchen lassen müssen. Sie hatte nie verstanden, was dieses überdeutliche Schild sollte. Vielleicht diente es dazu, die Hälfte aller Frauen, die sich dorthin schleppten, zu verschrecken, weil sonst eine Überbelastung eintreten würde. Aber heute hatten sie ohnehin eine Patientin weniger, ganz unabhängig von dem, was auf dem Schild stand.

Sosehr Amanda Stella und die anderen Frauen verstand, die nicht die Kraft aufbrachten, die unzähligen Vernehmungen und Untersuchungen zu ertragen, so sehr verachtete sie sie auch. Wegen ihrer Schwäche liefen andere Gefahr, derselben Sache ausgeliefert zu werden. Wie ihre Schwester Sanna. Der Gedanke, dass es vielleicht hätte verhindert werden können, wenn nur eine sich getraut hätte auszusagen, machte sie stinkwütend.

An diesem Morgen vernahm Amanda beim Einschlafen Stellas Worte im Kopf: »Aber ich überlebe. Und zwar immer.« Warum hatte Sanna es nicht geschafft? Warum hatte sie nicht um Hilfe gebeten?

 

3

Im Gerichtssaal ging die Verhandlung in geordneter Form vonstatten, trotz der seltsamen Mischung von Leuten, die sich in dem Raum befanden. Ein älterer Beisitzer gähnte und nickte manchmal. War er überhaupt wach? Der Staatsanwalt versuchte, den Vorsatz des Täters zu belegen. Der Verteidiger tat das Gegenteil und fand alle möglichen Erklärungen für das Agieren seines Mandanten. In Magnus’ Ohren: lächerlich. Auf den Zuschauerrängen gab es zwei verschiedene Lager. Das eine bestand aus tätowierten Männern, die vor Testosteron nur so strotzten. Rasierte Schädel oder Pferdeschwanz, dazwischen nichts. Hemden, die sich über die Muskeln spannten. Zornige Blicke, aus denen die Verachtung für den Rest der Gesellschaft sprach. Verachtung für überhaupt alles, was existierte, außer ihnen selbst. Das andere Lager bildeten Magnus und ein paar seiner Kollegen. Sie waren gekommen, um Jeppe zu unterstützen, der bei einer Prügelei in einem Fitnessstudio in Sundbyberg eingeschritten war. Jeppe war Polizeiassistent, seit drei Jahren im Dienst, ein sogenannter Strich-PA, der auf der Schulterklappe einen Strich neben der Goldkrone trug. Magnus hatte ihn aus der Einsatztruppe abgeworben. Er mochte tatkräftige Kollegen. Nicht jeder war in der Lage, einen bulligen Rocker-Typen von den Einprozentern daran zu hindern, einen anderen im Fitnessraum mit einer Zehn-Kilo-Hantel niederzuschlagen. Wer kam überhaupt auf den Gedanken? Der Rocker hatte vermutlich auch nicht damit gerechnet, dass ein zufällig anwesender Dritter es wagen würde, einzugreifen. Deshalb saßen sie heute hier und beobachteten das Schauspiel. Denn Jeppe hatte den Einprozenter mit bloßen Händen gepackt. Eine Erniedrigung für die Rockergruppe. Pluspunkte für Jeppe. Anerkennung für das Raubdezernat. Rückenklopfer. Informanten hörten Gerüchte in der Stadt. Die Rocker wussten, wo Jeppe wohnte. Sie würden ihn umlegen. So lief es, und Bullen mussten damit zurechtkommen. Deshalb hielten auch sie zusammen wie Pech und Schwefel. Standen füreinander ein. Das System konnte einem Kollegen in einer Notlage nicht helfen. Man musste selbst schauen, wo man blieb, und man konnte sich nur auf die engsten Kollegen verlassen – wenn man sich selbst kollegial verhielt.

Mittagspause. Magnus und seine Männer verließen den Saal als Erste und stellten sich an den Eingang. Plauderten ein wenig. Ließen die Rocker vorbei. Musterten sie eingehend. Hatte einer von ihnen ein neues Tattoo? War ein neues Mitglied dabei? Welche Autos fuhren sie? Ironischerweise hatten sie keine Bikes dabei! Lustig – wie alte Schachteln in einer Strickgruppe, die lieber Kuchen als Stricknadeln mitbrachten. Die Einprozenter starrten zurück.

Anna Karolina Larsson

Über Anna Karolina Larsson

Biografie

Anna Karolina Larsson wuchs in Finspång auf, ging aber 2001 nach Stockholm um dort als Polizistin zu arbeiten. 2010 zog sie nach Malmö, wo sie auch heute noch mit Mann und zwei Kindern lebt. In Malmö begann sie, neben ihrer Arbeit bei der Polizei, zu schreiben.

Medien zu »Der Pavian«

Weitere Titel der Serie »Amanda Paller«

Amanda Paller ist frisch gebackene Polizistin. Sie hat diesen Beruf aus einem sehr persönlichen Grund gewählt. Sie will diejenigen, die sie für den Selbstmord ihrer Schwester verantwortlich macht, um jeden Preis bestraft sehen.

Pressestimmen

rbb Inforadio

»"Der Pavian" ist ein dreckiger Krimi, zeigt ein gewalttätiges Stockholm. Mafiosi vom Balkan und aus Russland haben das Sagen, Polizisten sind käuflich und immer geht es auch um Sex, frauenverachtend und widerlich. Anna Karolina Larssons zeigt eine Welt aus Lügen, Intrigen und erschreckender Brutalität. Spannend bis zur letzten Seite.«

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