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Der Nachtregenbogen

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Roman

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Der Nachtregenbogen — Inhalt

„Das Problem mit den meisten Leuten, sagt Margot, ist, dass sie die wichtigen Dinge übersehen“ – in diesem langen, heißen Sommer im Süden Frankreichs ist ihre Schwester Margot Peas einzige Gefährtin. Noch nicht lange liegt der tödliche Unfall ihres Vaters zurück und ihre Mutter verlässt nur noch selten das Schlafzimmer. Pea macht Frühstück und schnappt sich Margot, um ihre Mutter nicht zu stören. Draußen im Pfirsichgarten lernen sie ihren Nachbarn Claude kennen, der die Pfirsichbäume bestellt.

Doch warum hat Margot kein eigenes Zimmer? Irgendetwas stimmt nicht.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.08.2013
Übersetzer: Katrin Behringer
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-8270-7614-4

Leseprobe zu »Der Nachtregenbogen«

Kapitel 1

Mamans Bauch ist am Herd und ihr Hintern stößt
gegen den Tisch, wo wir sitzen und malen. Ihr ausgestreckter
Arm rührt Tomatengerüche aus der Pfanne
in unsere Strümpfe. Sie singt nicht.
In der Küche ist es kühl, zumindest fast überall, nur
einer Hälfte von mir ist warm, weil ich in einem schmalen
Sonnenlichtstreifen sitze, der von draußen hereinfällt.
Der Rest von mir sitzt in dem Schattengitter, den
die Socken und Unterhosen auf dem Holzgestell über
unseren Köpfen werfen. Sie hängen schon seit fünfmal
schlafen dort, seit dem verregneten Nachmittag, als
w [...]

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Kapitel 1

Mamans Bauch ist am Herd und ihr Hintern stößt
gegen den Tisch, wo wir sitzen und malen. Ihr ausgestreckter
Arm rührt Tomatengerüche aus der Pfanne
in unsere Strümpfe. Sie singt nicht.
In der Küche ist es kühl, zumindest fast überall, nur
einer Hälfte von mir ist warm, weil ich in einem schmalen
Sonnenlichtstreifen sitze, der von draußen hereinfällt.
Der Rest von mir sitzt in dem Schattengitter, den
die Socken und Unterhosen auf dem Holzgestell über
unseren Köpfen werfen. Sie hängen schon seit fünfmal
schlafen dort, seit dem verregneten Nachmittag, als
wir Maman die ganze Zeit in die Quere kamen, sogar
als wir gar nicht im selben Zimmer waren.
Eine Fliege landet auf dem Rand der Butterdose,
eine andere auf meinem leeren Teller. Dann hüpft mir
eine auf den Arm, sodass die Härchen sich aufstellen.
Margot schaut ihnen zu. Ihre Augen rollen herum, dass
man fast nur das Weiße sieht, und ihre Augenbrauen
zappeln. Zwei andere Fliegen landen schlitternd auf der
Wachstischdecke.
Die Fliegen denken, unser Haus ist ein Flughafen, Pea, sagt sie.
Margot ist wie ich, aber sie ist auch nicht wie ich.
Ich bin fünfeinhalb und Margot ist erst vier, aber sie
ist groß für ihr Alter. Wir mögen beide Insekten und
Knuddeln und Insekten knuddeln und wir haben beide
Sommersprossen und grüne Augen, die blau und braun
schimmern, wie die von Maman. Im Sonnenlicht sind
Mamans Augen Kaleidoskope.
Wir sind aber nicht gleich, Margot und ich, das sieht
man schon an unseren Träumen. Ich träume immer
von Hexen, die mich jagen, oder von Picknicktagen am
Strand, bevor das ganze Sterben passiert ist – das sind
die besten Träume. Margot träumt von winzig kleinen
Menschen, die in unseren Schränken wohnen und donnerstags
immer Feste feiern, und von Puzzlespielen,
die sich von selbst zusammenbauen.
Frauen sind wie Autos und Männer sind wie Motorräder,
sagt Margot. Man muss Margot zuhören, denn
sie erklärt einem immer Sachen.
Motorräder haben keine Türen, aber Autos schon,
damit sich Leute reinsetzen können, erklärt sie mir. In
Frauen passen auch Leute rein. Und sie haben Türen
zum Rein- und Rausgehen.
Ich schaue auf Mamans großen dicken Bauch und
stelle mir die Tür vor. Die Tür habe ich noch nie gesehen,
was komisch ist. Aber den Türknauf, als er einmal
zwischen den Kleidern hervorgeschaut hat, dort,
wo früher ihr Bauchnabel war.
Klopf doch mal an, Pea, vielleicht macht das Baby dir
auf, sagt Margot.
In meinem Kopf sehe ich, wie das Baby Mamans
Bauch aufschließt, um Hallo zu sagen oder ein Paket
anzunehmen. Bevor ich es aufhalten kann, blubbert
mein Lachen zwischen meinen Lippen hervor wie eine
Himbeere. Mamans Kopf dreht sich in meine Richtung.
Peony, sagt sie (denn das ist einer meiner Namen)
und ihr Gesicht sind lauter graue Wolken. Dann dreht
sie sich wieder weg und rührt schneller.
Maman, sage ich.
Sie dreht sich noch mal um. Aber ich habe nicht daran
gedacht, mir was Wichtiges zu überlegen, was ich
ihr sagen könnte, also sage ich schnell das Erstbeste,
was mir einfällt.
Du hast eine Fliege am Fuß.
Das stimmt auch. Maman ist barfuß und unter einer
Ferse sehe ich ein kleines Fliegenbein hervorschauen.
Und einen kleinen Fliegenpopo.
Maman sieht mich einen Moment lang mit Augen
an, die sagen: Das ist alles deine Schuld, und dann lehnt
sie sich an den Tisch, um ihre Füße genauer zu untersuchen.
Sie nimmt einen Fuß von den Fliesen hoch,
verrenkt den Hals und mustert ihn über die Schulter
hinweg; dabei fallen ihre Haare wie ein roter Vorhang
an ihrem Rücken hinunter. Die Unterseite ihres Fußes
ist schwarz. Mamans Füße werden schmutziger als
meine, obwohl wir beide barfuß sind und über denselben
Boden laufen.
Der andere, flüstere ich.
Sie wechselt den Fuß. Da ist sie: die zerdrückte Fliege.
Sie pult sie mit den Fingerspitzen ab und setzt
langsam den Fuß wieder auf den Boden. Ihr Mund
wabbelt, als könnte er sich nicht für eine bestimmte
Form entscheiden. Sie betrachtet den Fußboden; ihre
Augen wandern über die Krümel, die kleinen Zwiebelstückchen
und Knoblauchhäute, die Katzenhaare und
den Schmutz von draußen. Auch der Tisch ist nicht
besonders sauber. Wir versuchen eigentlich immer,
nicht so viel Dreck zu machen, aber wenn es doch passiert,
komme ich nicht ans Waschbecken, um ihn aufzuwischen.
Jetzt bin ich still und warte darauf, was als Nächstes
passiert. Maman wirft die Fliege in den Mülleimer und
hält sich dann mit beiden Händen am Tisch fest und
wiegt sich vor und zurück, als ob in der Küche traurige
Musik wäre, die nur sie hören kann.
Hinter ihr brutzelt die Tomatensoße in der Pfanne.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, richtet Maman sich
auf und nimmt ihre Tränen mit nach oben.
Die Dunkelheit ist in meinem Bauch. Davor habe ich
am meisten Angst.
Ich hätte Maman nichts von der Fliege sagen sollen,
sage ich.
Ja, sagt Margot. Du hättest ihr sagen sollen, dass sie
heute wunderschön aussieht.
Das wäre besser gewesen, sage ich.
Macht nichts, sagt Margot. Tomatensoße mag ich
sowieso nicht. Sollen wir picknicken gehen?
Ich höre, wie oben die Dusche angeht. Auf dem Herd
spuckt die Pfanne Tomatensoße in die Luft und auf
den Boden. Manche Spritzer fliegen so hoch, dass sie
Flecken
auf unsere Kleider auf dem Wäschegestell machen.
Unsere Kleider, Töpfe und Pfannen, Knoblauchund
Zwiebelzöpfe, aufgefädelte Chilischoten und getrocknete
Würste, alle hängen an s-förmigen Haken
mit spitzen Enden, aber so hoch, dass ich nicht herankomme.
Alle kriegen Tomatenspritzer ab. Ich stehe
vom Tisch auf und drehe das Gas ab.
Komm, Pea, sagt Margot. Ich hab Hunger.
Draußen müssen wir die Augen zusammenkneifen,
so hell ist die Sonne. Ich habe meinen Hut vergessen
und spüre schon, wie meine Haare warm werden.
Manchmal wünsche ich mir, es würde nicht so heiß
werden hier, aber Maman hat gesagt, dass französische
Sommer viel schöner seien als die Sommer in England,
wo sie herkommt. Zumindest kann man sich hier immer
auf die Sonne verlassen, hat sie gesagt.
Wir stehen im Hof und überlegen, wo wir heute hingehen
sollen, obwohl die Antwort seit zwei Sommern,
einem Winter und einem Geburtstag immer die gleiche
ist. Das mit dem Überlegen ging los, als Maman
letztes Jahr aus dem Krankenhaus wiederkam. Sie war
nicht mehr dick, sondern ganz dünn, aber sie hatte
kein Baby dabei, obwohl sie es versprochen hatte. Sie
hat es im Krankenhaus gelassen, zusammen mit ihrer
Fröhlichkeit.
Wenn Papa zu Hause war, war trotzdem alles gut.
Er umarmte Maman die ganze Zeit und zwischen ihren
Ellbogen und Bäuchen gab es immer mädchenförmige
Lücken, in die ich mich reinquetschen konnte,
um mitzuknuddeln. Aber wenn er draußen bei der Arbeit
war, mussten wir auch immer raus zum Spielen,
wir durften nie drinnen bleiben. Meistens spielen wir
auf der unteren Wiese und manchmal auch auf dem
Windigen Hügel; die beiden Orte, zu denen Maman immer
Spaziergänge mit uns gemacht hat, bevor das mit
dem toten Baby passierte. An manchen Tagen frage ich
sie immer noch, ob sie nicht mitkommen will, aber sie
bleibt lieber drinnen. Obwohl gleich ein neues Baby
in ihr gewachsen ist, ist die Fröhlichkeit nicht wiedergekommen.
Dann ist Papa gestorben. Eines Tages im Frühling ist
er mit seinem Traktor über einen Hügel gefahren und
heruntergefallen und wurde zerquetscht. Das war tragisch,
hat der Pfarrer in der Kirche gesagt, aber danach
war es eine Katastrophe. Jetzt, wo Papa nicht mehr hier
ist, ist es nie besonders angenehm, zu Hause zu sein,
also müssen wir uns jeden Tag überlegen, wo wir hingehen
sollen.
* * *
Sonnige Seite oder schattige Seite?, will Margot wissen,
womit sie die gleiche Frage stellt, nur auf andere
Weise.
Wenn wir auf der sonnigen Seite um das Haus herumgehen,
kommen wir auf den Weg, der durch die
Pfirsichgärten und über die Dorfstraße bis zur unteren
Wiese führt. Wenn wir an der schattigen Seite entlang
und hinten um die Scheune herumgehen, können wir
die obere Weide überqueren und uns auf den Windigen
Hügel setzen.
Schattige Seite, sage ich. Ich möchte zu den Winkturbinen.
Die Turbinen sind höher als Häuser. Sie stehen weiter
drüben auf einem anderen Hügel, in zwei Reihen;
wie Engel mit drei Flügeln. Sie stehen mit dem Rücken
zum Meer und winken und wachen über die Dörfer
und Wiesen. Sie machen den Strom, der in unsere
Lichtschalter fließt, und deswegen weiß ich, dass es
nachts, wenn ich im Bett liege, hinter meiner Tür immer
noch ein bisschen Licht gibt, selbst wenn es sonst
überall dunkel ist. Ich brauche also keine Angst zu haben.
Die Dunkelheit ist einsam, die Turbinen winken
sie weg. Wenn ich beobachte, wie sie sich bewegen,
wenn ich sehe, dass sie immer noch da sind, wird alles
um mich herum langsamer, bis es nur noch das gleichmäßige
Im-Kreis-Drehen gibt, und ich vergesse, dass ich traurig bin.
Pea, schimpft Margot, du meine Güte, es ist Mittag.
Auf dem Windigen Hügel gibt es kein bisschen Schatten.
Wenn wir da jetzt hingehen, verbrennen wir wie Toast
und bekommen einen Sonnenstich und schmelzen.
Ich will ihr gerade widersprechen, aber Margot unterbricht
mich, was sie oft tut.
Heute bin ich die Maman, sagt sie, also musst du
tun, was ich dir sage.
Aber wir sind schon so lange nicht mehr auf dem
Windigen Hügel gewesen, sage ich.
Mensch, Pea, du hast doch noch nicht mal einen Hut
auf. Wir gehen zur unteren Wiese, und keine Widerrede.
Margot verschränkt die Arme. Außerdem können
wir dort planschen, fügt sie hinzu und blickt nach unten
auf meine gelben Sandalen.
Der Bach ist bestimmt kalt und ich habe ganz warme
Füße. Bestimmt fühlt sich der Bach gut an. Margot
weiß das. Margot weiß viele Dinge, noch bevor sie mir
überhaupt einfallen.
Warum sind Mamans Füße so schmutzig und meine
nicht?, frage ich sie.
Weil sie zu viel Zeit im Haus verbringt und es da
schmutzig ist, sagt Margot.
Früher ist es nie so schmutzig gewesen.
Stimmt.
Früher war sie auch nie so viel drinnen.
Papa hätte das nicht gemocht.
Ich mag es auch nicht, sage ich.
Kannst du dich dran erinnern, ob Maman schon mal
mitgekommen ist zum Planschen?
Ja, ist sie, sage ich. Ich kann mich genau erinnern.
Ihre Füße haben in den Wellen ausgesehen wie große
weiße Fische. Ihre Nägel waren rosa lackiert und sie
hat mit ihren Zehen unter Wasser gewackelt.
Ja, sagt Margot. Und jetzt sind ihre Füße schmutzig,
weil sie nämlich nicht genug planscht. Außerdem
knurrt schon mein Bauch, komm, lass uns losgehen,
Pea.
Ich habe Durst, sage ich.
Na, dann komm, sagt Margot.
Um aus dem Wasserhahn im Hof zu trinken, muss
man sich darunterknien. Dann läuft einem das Wasser
den Hals runter und die Kleider werden nass, aber sie
trocknen ja schnell wieder in der Sonne.
Wir brauchen auch Brot, sagt Margot.
Sylvie, die Brotfrau, hat unsere Baguettes wie immer
auf den Briefkasten gelegt. Es sind zwei Baguettes,
warm, als wären sie gerade erst aus dem Ofen gekommen,
und jedes ist in der Mitte mit etwas Papier
umwickelt. Seit Papa gestorben ist, essen wir nur
ein Baguette pro Tag, aber Sylvie bringt immer noch
zwei. Die hart gewordenen lege ich in eine Kiste vor
der Haustür und der Pfirsichmann nimmt sie später
mit für seine Schweine.
Ich breche die knusprigen Enden des Brots ab, eins
für Margot, eins für mich, und im Laufen pulen wir das
weiche Innere heraus. Auf dem Weg durch den Obstgarten
suchen wir unter den Bäumen nach heruntergefallenen
Pfirsichen. Es gibt ganz viele, mehr als wir
tragen können. Wir essen beide einen, reif und süß,
dann mache ich aus meinem noch nassen Kleid eine
Schürze, um die restlichen mitnehmen zu können.
Auf der unteren Wiese ist der Boden weicher und es
gibt überall Schatten. Auf dem Weg, der von der Straße
abgeht und nach unten führt, hüpfen wir zwischen
den Brombeersträuchern herum und sehen nach, ob
die Brombeeren schon reif sind, aber sie sind alle noch
grün und rot. Am Ende des Wegs begegnen wir Josettes
Eseln und wir schenken ihnen die knusprigen Reste unseres
Brots. Dann setzen wir uns an eine Stelle nah am
Bach, unter den Erlen und Eichen, wo lauter Löwenzahn
wächst. Irgendwo hoch oben in den Bäumen bohrt ein
Vogel Löcher.
Specht!, ruft Margot.
Das ist ja einfach, lache ich und am Kinn läuft mir
Pfirsichsaft herunter.
Gurr, gurr, macht ein anderer Vogel und ich rufe:
Taube!
Normalerweise gewinne ich bei diesem Spiel. Maman
kennt alle Vogelstimmen und früher hat sie immer
versucht, sie mir beizubringen: Kuckuck, Krähe, Amsel,
Möwe, Singdrossel … Auch die Federn hat sie mir
beigebracht. Vögel lassen die ganze Zeit ihre Federn
herumliegen, wie Geschenke. Früher, als Maman noch
gesungen und Kuchen gebacken hat, sind wir immer
zusammen auf Schatzsuche gegangen und haben Federn
und Blumen gesammelt. Zu Hause haben wir sie
dann auf Papier geklebt und Maman hat sie mit Magneten
am Kühlschrank befestigt oder mit Reißzwecken
an die Wand geheftet.
Margot und ich strecken unsere Ohren in den Himmel,
lauschen nach noch mehr Vögeln und versuchen,
ihre Stimmen auseinanderzuhalten. Es ist ziemlich
schwierig und wir sind lange Zeit beschäftigt, bis eine
große, dicke Hornisse angeflogen kommt und um mein
Gesicht herumschwirrt und herumsummt. Ich springe
auf. Sofort fängt Margot wieder an, mich herumzukommandieren.
Komm, schnell, sagt sie, wir müssen unsere Hände
und unser Gesicht waschen. Sie nimmt meine klebrige
Hand und führt mich nach unten zum Bach. Wir
kauern uns an den Rand des bräunlichen Wassers, waschen
uns in den Spiegelungen der Bäume die Hände
und wirbeln dabei halb fertige Kaulquappenfrösche unter
den Steinen auf.
Die Steine sehen anders aus, sagt Margot. Irgendwas
stimmt nicht mit ihnen.
Sie gucken aus dem Wasser raus, sage ich. Das ist,
weil es Sommer ist.
Ich weiß, was im Sommer passiert, sagt Margot, ich
kenne mich aus mit Regen und Schnee und Bergen,
aber sie gucken nicht nur aus dem Wasser raus. Sie haben
sich bewegt. Sieh doch mal.
Steine bewegen sich nicht, sage ich. Aber zur Sicherheit
gehe ich ein paar Schritte rückwärts. Von weiter
hinten kann ich das Muster erkennen. Die Felssteine,
die vorher überall im Bach verteilt waren, verlaufen
jetzt im Zickzack von einer Seite auf die andere, von der
unteren Wiese auf die untere Weide. Sie machen, dass
das Wasser langsamer fließt, sich um sie herum ansammelt
und an den Seiten herunterläuft. In dem ruhigen
Wasser in der Mitte drehen sich Wasserläufer im Kreis,
darunter glitzern silbrige Rückenschwimmer und winzige
Fischchen.
Brückensteine!, rufe ich. Komm, wir probieren sie
aus! Und ich stürme zum Rand des Wassers, strecke
meine Arme aus und will schon fast losgehen und drüberbalancieren.
Steine, die sich bewegen, sagt Margot leise.
Stimmt, sage ich. Ich weiche ein paar Schritte zurück.
Margot hat recht. Irgendwas stimmt nicht mit Steinen,
die sich bewegen. Ich sehe mir die Brückensteine
noch mal an. Sieben große Steine, die sehr schwer aussehen.
Zu schwer für Kinder.
Das war bestimmt eine Hexe, sage ich.
Hexen gibt es nicht, sagt Margot.
Auf der anderen Seite des Bachs stehen Nachtkerzen.
Ich will hinübergehen und sie pflücken.
Es war doch eine Hexe, sage ich. Siehst du die Blumen?
Was ist mit den Blumen?
Das machen Hexen extra, sie tun Sachen, die man haben
will, an Stellen, wo man nicht hingehen soll. Oder
sie bauen Häuser aus Kuchen, um dich anzulocken, und
dann stecken sie dich in einen Käfig und mästen dich.
Blumen sind aber keine Kuchen. Was willst du überhaupt
mit den Blumen?, fragt Margot.
Ich will Maman damit glücklich machen.
Glaubst du, dass die Blumen sie glücklich machen?
Na ja, immerhin sind sie gelb, sage ich. Ich weiß
nicht. Vielleicht gibt es ja gar nichts, das sie glücklich
macht.

Claire King

Über Claire King

Biografie

Claire King hat mit preisgekrönten Erzählungen in England für Aufsehen gesorgt. Nach ihrem Studium in Cambridge lebt und arbeitet sie nun in Südfrankreich. Dies ist ihr erster Roman.

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