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Der Müllmann

Der Müllmann

Kriminalroman

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Der Müllmann — Inhalt

Hierzulande hält sich einfach niemand an die Regeln. Parken im Halteverbot, drängelnde Rentner an der Supermarktkasse, vorlaute Jugendliche in der Straßenbahn, die eigene Tochter, die immer zu spät nach Hause kommt. Und die einen für einen angepassten Spießer hält. Doch jetzt hat Heinrich genug – denn er ist der »Müllmann«, und es wird Zeit aufzuräumen. Die Gesellschaft von ihrem Abfall zu befreien. Schließlich hat Heinrich dafür den idealen Beruf – als Auftragskiller … Der Kultkrimi des Jahres!

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.12.2013
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98029-6

Leseprobe zu »Der Müllmann«

Leseprobe

 

Das Café gefiel mir. In einer ruhigen Seitenstraße in Bornheim gelegen, konnte man durch das Fenster mit dem goldenen Schriftzug eine kleine Grünanlage mit Platanen sehen, und eine junge Frau, die ihre Hund Gassi führte, der gerade an einer der Platanen genüsslich sein Geschäft verrichtete. Ich war gespannt ob sie die Hinterlassenschaft auch wegräumen würde.

Dann fiel mein Blick wieder auf jemanden, der genauso unappetitlich war wie das, was der Hund gerade entweichen ließ. Der coole Businessmann, der zwei Tische weiter saß.

Sein Name war [...]

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Leseprobe

 

Das Café gefiel mir. In einer ruhigen Seitenstraße in Bornheim gelegen, konnte man durch das Fenster mit dem goldenen Schriftzug eine kleine Grünanlage mit Platanen sehen, und eine junge Frau, die ihre Hund Gassi führte, der gerade an einer der Platanen genüsslich sein Geschäft verrichtete. Ich war gespannt ob sie die Hinterlassenschaft auch wegräumen würde.

Dann fiel mein Blick wieder auf jemanden, der genauso unappetitlich war wie das, was der Hund gerade entweichen ließ. Der coole Businessmann, der zwei Tische weiter saß.

Sein Name war Lucio Valente. Wie Katherina Valente. Ein Künstlername, den er sich ausdachte, weil Rossi ihm zu gewöhnlich war. Rossis gab es in Italien mehr als bei uns die Schmidts. Vielleicht sah er sich ja auch als ein Künstler. Oder dachte einfach, er brauchte einen klangvolleren Namen. Vielleicht hielt er sich auch für eine Art von Ein-Mann-Mafia, da konnte man ja auch nicht einfach nur Alfonso Rossi heißen.

»Ihr Latte Macchiato«, unterbrach Anette meine Gedanken. Ich nickte ihr dankend zu, schenkte ihr ein Lächeln, das sie mit einem Lächeln ihrerseits quittierte, auch wenn es etwas müde wirkte. Sie hatte mir vorhin schon erzählt, dass sie seit heute Morgen um vier auf den Beinen war, ihre Kleine hatte zurzeit einen Husten und deshalb ihre Mama die ganze Nacht lang wachgehalten.

Wenn man unseren Freund Lucio oberflächlich betrachtete, konnte man ihn für einen Banker halten. Davon gab’s in Frankfurt ja auch genug, aber die tummelten sich lieber unter Ihresgleichen am Börsenplatz, als in einem solchen Café viel zu wenig für den Kaffee zu bezahlen.

Dass Lucio sein Haar gelte war nur ein kleiner Hinweis. Die goldene Rolex ein anderer. Und das goldene Kettchen an seinem Handgelenk durfte auch nicht fehlen.

Auf der Straße, direkt vor unserem kleinen Café geparkt, sah man den nächsten Hinweis, einen feuerroten Ferrari. Rossi, halt. Dahinter, auf der Grünanlage, die junge Frau mit ihrem Hund, die sich unauffällig aus dem Staub machte. Vom Hundebaggy keine Spur.

Lucio war ein Zuhälter. So eine unschöne Bezeichnung, er wäre auch wohl der erste, der es abgestritten hätte. Nein, hätte er gesagt, er wäre ja nur ein Agent. Ein Vermittler. Er vermittelte abenteuerlustigen jungen Frauen günstig Wohnungen und Herrenbekanntschaften. Oder, wenn die Nachfrage vorhanden war, auch Damenbekanntschaften. Wenn seine Kunden nicht zufrieden mit dem Service der Damen waren, erklärte er den Damen freundlich und bestimmt, dass heutzutage die große Chance im Dienstleistungsgewerbe lag und man alles daran setzen sollte, eine Kundenbindung zu erreichen. Wenn’s dabei auch mal blaue Flecken gab … manche jungen Frauen heutzutage waren so ungeschickt, dass sie gleich zweimal in dieselbe Tür liefen.

Vorhin hatte eine junge Frau ihn aufgesucht, ganz offensichtlich eine Studentin, sie hatten sich kurz unterhalten, sie hatte sich angehört, was er zu sagen hatte, nur kurz gezögert und dann genickt. Jemand, die kurzentschlossen ihre Chance ergriff.

Wie gesagt, der Dienstleistungssektor hatte noch Wachstumschancen. Er gab ihr einen Schlüssel und erklärte ihr klar, dass er am Abend vorbeikommen würde. Die Art, wie sie ihn dabei musterte, sagte mir, dass sie darüber nicht so glücklich war, aber in ihrem erwählten Nebenjob musste man da wohl durch. Als sie ging, sah ich ein dickes Buch aus ihrem Rucksack ragen, irgendetwas mit Betriebswirtschaftslehre … vielleicht wollte sie einfach auch nur Unternehmerin werden und hatte gerade gelernt, wie man selbst zum Angebot werden konnte.

Nein, Valente war kein Zuhälter. Nur ein Agent. Wie in einer Künstleragentur. Oder sogar Unternehmer.

Unternehmungsfreudig war er ja. Weil sein Job so langweilig war, peppte er ihn ein wenig auf. Manche seiner Damen waren auch unternehmensfreudig und besuchten ihre Bekanntschaften auch mal zu Hause. Und weil er so ein lieber Kerl war, sorgten sie dafür, dass Lucio ebenfalls diese Bekannten besuchen konnte. Ohne dass seine Kunden davon wussten. Sonst hätten die hübschen Fotos wahrscheinlich deutlich weniger natürlich gewirkt. Wenn er schon mal in fremden Häusern stöbern kann, dann auch gleich richtig, schließlich weiß man nie, ob man nicht etwas findet, was man gebrauchen kann.

Die Geschäftsidee war genauso einfach wie einleuchtend. Die Bekanntschaften mit den großen Häusern besaßen dicke Brieftaschen und hatten meistens irgendetwas zu verlieren. Vielleicht auch nur das Geld der Ehefrau. Wenn Valente seinen Kunden dann anbot, diese Fotos gegen ein kleines Entgelt zu »verlieren«, würden sie sich schon nicht beschweren. Zum einen war er nicht gierig, zum anderen hatten sie meist mehr zu verlieren, als Lucio kostete. Diese Art der Erpressung musste wohl die zweitälteste Masche der Welt sein.

Nur hatte sich Lucio diesmal den falschen Deppen ausgesucht. Deshalb hatte er jetzt ein Problem.

Ich war jetzt seit sechs Jahren wieder zu Hause. Nach all dem Mist, den ich im Irak erlebte, hatte ich zuletzt doch etwas Glück gehabt. Keine Ahnung, warum sie den amerikanischen Piloten zu mir in die Zelle steckten, vielleicht nur, weil die anderen Zellen überfüllt waren.

Das musste man den Amis lassen, sie fackelten nicht lange. Drei Tage später ging die Tür zu unserer Zelle auf. Drei Marines standen davor, und einer fragte mich, ob ich Lust hätte, bei ihnen einen Flug zu schnorren. Und das, obwohl sie mich tragen mussten.

Man konnte über sie denken, was man wollte, aber ich war ihnen dankbar.

Nur, als ich wieder nach Hause kam, stellte sich heraus, dass man mich für tot gehalten hatte. Was mich, ehrlich gesagt, kaum wunderte. Schließlich hatte Gernhardt sich viel Mühe gegeben. Irgendwie schien niemand so richtig erfreut darüber zu sein, dass sich die Nachricht von meinem Tod als falsch erwiesen hatte. Zumal ich dazu neigte, der offiziellen Version zu widersprechen. Damit es nicht zu peinlich wurde, musterten sie mich aus gesundheitlichen Gründen aus, zahlten mir meinen Sold nach und legten eine fette Abfindung obendrauf. Schließlich wiesen sie mich deutlich darauf hin, dass es in meinem Interesse wäre, wenn ich meine Version der Ereignisse schnell vergessen würde.

Damit ich das auch klar und deutlich verstand, gab es noch ein kleines psychologisches Gutachten als Zusatzpräsent, das mir freundlicherweise einen gehörigen Knacks im Oberstübchen attestierte. Sollte ich also weiterhin darauf bestehen, die offizielle Version anzuzweifeln, brauchten sie nur mit dem Psycho-Wisch zu wedeln, und das Ganze löste sich in Wohlgefallen auf.

Nun, irgendwie hatten sie damit ja auch recht.

Dass ich mich ab und zu mit einer toten Ratte unterhielt, schien mir selbst auch nicht ganz normal.

Beschwer dich nicht. Es hätte schlimmer kommen können.

Das konnte man zwar so sehen, aber es kam auch so schon schlimm genug. Kaum zu Hause angekommen, erfuhr ich nämlich, dass mein nichtsnutziger Schwager meine Schwester ins Krankenhaus geprügelt hatte. Zwei Tage später war sie verschwunden. Zurück blieb eine blutverschmierte Küche und meine Nichte, Ana Lena.

 

Was das Glück anging, auf einer Zugfahrt von Berlin nach Frankfurt lernte ich Bernd kennen, der mir mit meinen Krücken und dem Gepäck half. Wir kamen ins Gespräch, und er erzählte mir von seiner Idee für ein krisensicheres Geschäft. Er hatte die Idee, ich das Geld, und wir taten uns zusammen. Bis jetzt so ziemlich die einzige Entscheidung in meinem Leben, die ich noch nicht habe bereuen müssen.

Viel besser hätte es gar nicht laufen können, und ich hatte nicht einen einzigen Grund, mich zu beschweren … außer dass mich die Langeweile beinahe umbrachte.

Bis ich einen Anruf von einem Freund aus alten Tagen erhielt. Jemand hatte seine Tochter entführt, und er wollte sie wiederhaben. Die Polizei kam in seinem Fall nicht infrage, die wären nur zu erfreut darüber gewesen, ihm endlich auf die Füße treten zu können.

Es gab da diese kleine Angelegenheit in St. Petersburg, bei der wir uns schon einmal zusammengetan hatten, um uns gegenseitig den Arsch zu retten. Und als der kleine Finger seiner Tochter mit der Post eintrudelte, legte Alexej ihn gleich auf Eis und dachte sofort an mich.

Und ich wiederum dachte sofort an einen anderen Freund, der solche Herausforderungen schon immer genossen hatte. Sein Spitzname war Brockhaus, und der Name war Programm. Es gab wohl auf der Welt keine Datenbank, die ihm nicht schon beim ersten Hackversuch bereitwillig vor die Füße fiel.

Ist schon irgendwie seltsam, dass einer meiner besten Freunde ein Hacker war, den ich wahrscheinlich nie in meinem Leben wiedersehen würde, und ein anderer sich dadurch auszeichnete, dass er eine Frau geheiratet hatte, die schwor, mich umzubringen, nachdem sie mich in Grund und Boden gevögelt hatte.

Ich war nicht gerade von der russischen Mafia begeistert, aber die chinesischen Triaden mochte ich noch weniger. Sie sind mir zu hinterhältig. Bei den Russen wusste man wenigstens, woran man war, bei den Chinesen war ich mir nie ganz sicher, ob sie lächelten, weil sie freundlich sein wollten, oder weil sie sich darauf freuten, einem demnächst die Haut in Streifen abzuziehen.

Damals, so schien es, hätte die kleinste Provokation zu einem Bandenkrieg geführt … und genau deshalb hatte Alexej mich dazu geholt. Ich war ansatzweise neutral. Wenn man das so nennen konnte.

Mit mehr Glück als Verstand und der Hilfe von Brockhaus war es mir möglich gewesen, das Problem mit minimalem Blutverlust zu lösen.

Danach sprach es sich herum, dass ich bereit war, mich diskret um diverse kleine Probleme zu kümmern. Seitdem hatte sich daraus ein netter kleiner Nebenjob entwickelt, der mir meist mit einem Auftrag mehr einbrachte als mein Anteil an unserer Firma im gesamten Jahr.

Als ich noch beim Geheimdienst tätig war, war Dankbarkeit nur ein eher abstrakter Begriff gewesen. Schließlich war es ja geheim, wofür man dankbar war. Wenn man es war. Nun aber zeigten meine Kunden ihre Dankbarkeit. Mit Freundschaft, Gefälligkeiten, Wohlwollen, aber meistens eben mit dicken Schecks.

Das eine Mal, als mich jemand anschließend hat umlegen wollen, war ja eine Ausnahme geblieben.

Es war also im Prinzip das Gleiche, was ich vorher für den Dienst getan hatte, nur besser bezahlt und weniger blutig. Bisher hatte ich auch noch niemanden töten müssen.

Gib schon zu, du hast es auch vermisst.

Auch das.

 

Letzte Woche hatte mich Marvin angerufen und mir sein Problem geschildert. Tatsächlich war ich überrascht gewesen, dass er von mir gehört hatte, aber eigentlich hätte es mich nicht verwundern müssen, schließlich gab es schon immer eine Verbindung zwischen Wirtschaft und der Unterwelt. Man wusste voneinander und stach sich nur ein Auge aus, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ.

Ich hatte allerdings selbst schon geschäftlich mit Marvin Schröder zu tun gehabt. Er besaß eine Import-Export-Firma, die hauptsächlich mit Metallschrott Umsätze machte. Marvin war etwa in meinem Alter, stets extrem gepflegt, hatte eine hübsche Frau, zwei erwachsene Kinder und einen Dalmatiner.

Er war außerdem so stockschwul, dass er wohl als Einziger letzten Winter keinen Heizungszuschlag hatte zahlen müssen. Wahrscheinlich hatte er den ganzen Häuserblock geheizt. Er war zudem vollständig geoutet. Letztes Jahr traf ich ihn auf einer Party, bei der er mir anvertraute, dass er einen der Kellner oberscharf gefunden hat. Seine Frau fand es wohl auch okay, so kamen sie sich wenigstens nicht in die Quere. Wenn ich mich nicht irre, hat sie an dem Abend eine der Hostessen abgeschleppt.

Von Marvin auf Lucio zu kommen, lag nicht gerade nahe. Schließlich vermittelte der ja Kontakte zu exklusiven Damen.

Marvin hätte auch zur Polizei gehen können, aber er wünschte eine diskrete Lösung. Womit wir beim Thema Windeln wären. Schwul sein war für Marvin kein Problem, aber dass er sich eine von Lucios Damen mietete, damit sie ein Kleid seiner Mutter anzog, ihm die Windeln wechselte und dann das Popöchen verhaute, das war ihm dann doch peinlich. Aber dass er Westerwellchen wählte nicht.

Man konnte Marvin leicht unterschätzen. Er war einer von diesen freundlichen Menschen, die nie laut wurden, immer ein offenes Ohr für andere hatten und sich um ihre Freunde kümmerten. Anfangs brauchte ich trotzdem eine Weile, um mich an ihn zu gewöhnen, vor allem als er noch an mir herumbaggerte. Er schien ehrlich enttäuscht, dass er nicht bei mir landen konnte.

»Wie, du bist noch nicht mal bi?«, hatte er mich ganz enttäuscht gefragt und dabei noch eine Schnute gezogen, die wohl sexy sein sollte. Aber nachdem das Thema dann erledigt war, entpuppte er sich als ein angenehmer netter Kerl, mit dem man Pferde stehlen konnte. Vielleicht gerade weil er schwul war.

Für seine Freunde würde Marvin alles tun. Aber wenn man ihm auf die Füße trat, dann konnte er ganz schnell richtig zickig werden.

»Ich kann mich über Lucios Service nicht beschweren«, hatte er mir erklärt. »Die Damen sind bezaubernd. Aber das letzte Mal ist er etwas zu weit gegangen. Schau selbst.« Er hatte den Monitor zu mir gedreht, damit ich besser sehen konnte, und nun sah ich zu, wie Lucio durch die Tür desselben Zimmers schlich, in dem Marvin und ich nun saßen. »Überwachungskamera«, erklärte Marvin und wies mit dem Finger hoch zur Decke. »Vor drei Jahren hatten wir einen Einbruch hier, und ich dachte, wenn es noch einmal geschieht, möchte ich wenigstens zusehen.«

Nun, das taten wir jetzt. Lucio ging zum Schreibtisch, durchsuchte zielstrebig die Schubladen und fand dann offensichtlich das, was er gesucht hatte. Eine Mini-CD.

»Das sind meine Kalkulationsunterlagen«, hatte Marvin säuerlich erklärt. »Alle meine Geschäftsdaten, Kontakte und Angebotsgrundlagen. Wenn sie in die falschen Hände fällt, bin ich erledigt. Ich will sie wiederhaben.«

»Ich dachte, es ginge um die Windelgeschichte?«

»Das?« Er schien ernsthaft amüsiert. »Meinst du wirklich, dass ich mich mit so einem Mist erpressen lasse? Ich hab meinen Spaß, es schadet keinem, und irgendwie ist es fast schon jugendfrei. Ich meine, jeder hat mal Windeln angehabt. Wenn mich damit jemand erpressen will, würde ich nur laut lachen. Aber diese CD kann mich ruinieren.« Er hatte sich vorgebeugt, und als ich in seine Augen sah, war ich froh, dass er nicht auf mich sauer war. »Besorg mir die CD. Und richte Lucio einen schönen Gruß von mir aus. Mach ihm klar, dass ich es nicht lustig finde. Und besorg mir Marcias Nummer. So grandios hat mich noch keine rangenommen.« Er hatte ungläubig den Kopf geschüttelt und geradezu empört hinzugefügt: »Er dachte wohl, ich bin ein Weichei, das alles mit sich machen lässt, nur weil ich manchmal Windeln trage!«

Richtig. Es war völlig schleierhaft, wie jemand nur auf so eine Idee kommen konnte.

Deshalb saß ich jetzt in diesem Café und überlegte mir, wie ich es einrichten sollte, ein kleines, aber intensives Gespräch mit unserem Freund zu führen. Eine Idee hatte ich ja schon. Schließlich wusste ich, wo er anschließend hingehen wollte.

 

Offenbar gefiel es unserem Freund Rossi zu Hause nicht, und er benutzte das Café als sein Büro. Er trug eines dieser Klemmtelefone im Ohr, hatte ein weißes Mac-Notebook mit Surfstick auf dem Tisch und war schwer beschäftigt. Es störte ihn nicht sonderlich, wenn andere mitbekamen, was er so tat. Und er war sich auch nicht zu schade, hier auch zwischendrin einfach mal eines seiner Mädchen zu ohrfeigen, weil sie ihm nicht den gebührenden Respekt gezollt hatte. Kein Wunder, dass Anette einen weiten Bogen um ihn machte. Alles in allem war er ein aufgeblasener kleiner Pascha, dessen selbstzufriedenes Grinsen mir gewaltig gegen den Strich ging. Nur heute fehlte dieses Grinsen. Offenbar gab es etwas, das ihn bedrückte. Vielleicht hatte er heute einen schlechten Tag.

Mal abwarten, dachte ich. Mit etwas Glück konnte ich ihm den Tag ja noch mehr versauen.

 

Ich hob die Hand, um Anette herbeizuwinken, mein Cappuccino war alle, und Lucio sah schon wieder auf seine Uhr. Zum dritten Mal innerhalb einer Minute.

Anette kam, ich schenkte ihr ein nettes Lächeln, das mit einem strahlenden Lächeln ihrerseits beantwortet wurde, und bestellte meinen zweiten Cappuccino. Ich war erst das dritte Mal hier, aber ich hatte mich bereits mehrfach mit ihr unterhalten und wusste zum Beispiel, dass sie es sehr bedauerte, nur so wenig Zeit für ihre kleine Tochter zu haben. Lucio hingegen rief sie immer noch mit dem Namen Babs, die, so Anette, schon seit drei Monaten nicht mehr hier arbeitete.

Anette wollte mir gerade noch etwas von ihrer Tochter erzählen, als die Tür aufging und nicht nur die kleine Glocke im Türrahmen bimmelte, sondern auch meine inneren Alarmglocken heftig läuteten.

Es war nicht nur die weite Lederjacke, auch nicht die Hand, die der Typ in der Jacke hatte (denn in Deutschland schätzte ich die Wahrscheinlichkeit grundsätzlich als höher ein, dass einer nachfühlte, ob er seine Brieftasche dabeihat, als dass er eine Waffe ziehen will) … es war die Art, wie er sich umsah und dann den Blick auf Lucio richtete.

Was die Wahrscheinlichkeiten anging: Diesmal war es keine Brieftasche … sondern eine Walther PPK. Die kleine 7.65er, die man aus den alten James-Bond-Filmen kannte. Ganz klassisch hier sogar mit einem Schalldämpfer.

So ein Ding hätte ich nicht verwendet, zu wenig Durchschlagskraft und nicht besonders zielgenau. Aber wenn man aus zwanzig Zentimeter Entfernung jemandem zweimal in den Kopf schoss, dann war derjenige meistens doch zuverlässig tot.

Genau das tat unser Neuzugang. Er trat an Lucio heran, zog die Waffe, schoss ihm zweimal in den Kopf, steckte die Waffe wieder ein, nahm Lucios Aktenkoffer, öffnete ihn, legte das Notebook und Lucios Handy hinein, klappte den Koffer wieder zu, sah einmal in die Runde, nickte mir freundlich zu und ging.

Den Koffer nahm er mit.

Ich sah es vom Boden aus, unter mir hatte ich Anette begraben, die heftig protestierte und mit den Fäusten gegen meine Brust trommelte. Offenbar bekam sie keine Luft.

Mist, dachte ich. Das wird Marvin gar nicht gefallen.

Und auch mir nicht. Vor allem nicht, dass der Kerl mir zugenickt hatte, als würde er mich kennen. Wenn dem so war, dann lag der Vorteil ganz auf seiner Seite, denn Sonnenbrille oder nicht, ich war mir sicher, dass ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte.

Anette fing an, unter meinem Gewicht zu keuchen, also rollte ich mich von ihr herunter, mittlerweile war die Gefahr ja wohl vorüber. Die anderen Gäste des Bistros sahen nur verständnislos zu Lucio hin, der nun langsam von seinem Stuhl rutschte. Eine ältere Dame hielt noch immer ihre Kaffeetasse hoch, schüttelte dann den Kopf, nahm einen Schluck und murmelte etwas von schlechtem Benehmen.

Niemand schrie.

Nur mein Telefon fing an zu klingeln. Ich ging dran.

»Hi, Heinrich, kann ich noch zu Oskar gehen?« Das war meine Nichte Ana Lena. Oskar war das Pflegepferd, an den sie ein Teil ihrer überschüssigen Energie verschwendete und ihr Sinn für Timing war perfekt. »Ich bin dann pünktlich wieder zu Hause!«

»Mach das«, sagte ich, während ich zusah, wie das Blut von Lucio heruntertropfte und die Pfütze auf dem Boden immer größer wurde. Irgendwie war mir im Moment nicht so sehr danach, die üblichen Diskussionen mit Ana Lena zu führen. Was vielleicht ein Fehler war.

»Was ist los?«, fragte sie und bewies wieder einmal ihr Gespür. Ihre Mutter war genauso gewesen, der hatte ich auch nur selten etwas vormachen können.

»Nichts«, antwortete ich ihr. »Bin nur gerade etwas beschäftigt. Sieh einfach zu, dass du pünktlich zu Hause bist.«

Ich legte auf und sah zu, wie ein junger Mann zu Lucio hinging und ihn mit der Fußspitze antippte. Ich schätzte ihn auf Ana Lenas Alter, also sechzehn oder siebzehn. Er hatte dreckig blondes Haar, das er sich mit lila Spitzen aufgehübscht hatte. Ob’s ihm half, von der Akne abzulenken, wagte ich zu bezweifeln.

»Ist er tot?«, fragte ein Mädchen, das kaum älter als vierzehn sein konnte.

»Ich glaube schon«, antwortete der junge Mann, um gleich darauf sagenhaften Scharfsinn zu demonstrieren: »Er hat zwei Löcher im Kopf und atmet nicht mehr.«

»Im Fernsehen sieht das anders aus!«, beschwerte sie sich und zog eine Schnute. »Irgendwie voll nicht echt!«, stellte sie fest. Ich fragte mich, was sie an der Szene auszusetzen hatte, für mich war die Sauerei blutig genug, offenbar hatte ich schon zu lange nicht mehr ferngesehen. »Das hat ja kaum geknallt«, erklärte sie dann auch prompt allen, die sich das Gleiche fragten.

»Und bluten tut er auch so gut wie gar nicht«, beschwerte sich der junge Mann. Keine Ahnung, was er wollte. Was hatte er erwartet? Einen Springbrunnen vielleicht? Die Pfütze wurde auch so mit jedem Tropfen größer.

»Hat schon jemand die Polizei gerufen?«, fragte ein älterer Mann über den Rand seiner Zeitung hinweg.

Anette war mittlerweile aufgestanden und sah sich nur fassungslos um.

»Sie sollten die Polizei anrufen, Fräulein«, schlug der ältere Mann gewichtig vor. »Schließlich ist das hier Mord. Dafür ist die Polizei zuständig.« Er faltete die Zeitung akkurat zusammen. »Hat jemand den Mörder genau gesehen? Man will sicherlich eine Beschreibung hören.«

»Es war ein Mann«, behauptete das Mädchen. Immerhin, das war schon was. Sie zündete sich eine Zigarette an. Wie man heutzutage noch in dem Alter mit Rauchen anfangen konnte, entzog sich meinem Verständnis. Zudem stand sie direkt unter dem Rauchverbotsschild. Nun, Mord war auch verboten.

Anette murmelte etwas Entschuldigendes in meine Richtung und eilte hinter die Theke, wo das Telefon an der Wand hing. »Auch so ein Italiener«, erklärte das Mädchen in der Zwischenzeit. »Oder es war ein Türke. Dunkelhäutig. Schwarze Haare hat er gehabt und stechende Augen.« Ihre Augen glänzten. »Und einen geilen Knackarsch.«

Die junge Frau besaß entweder eine beachtliche Beobachtungsgabe oder mehr als genügend Phantasie. Vielleicht auch einen Röntgenblick. Ich jedenfalls hatte durch seine Sonnenbrille die Augen nicht sehen können. Aber schwarze Haare hatte er gehabt, da hatte sie recht, und leicht gebräunt war er auch. Was den Knackarsch anging, konnte ich nicht mitreden, ich sah das wohl etwas anders. Vielleicht sollte ich Marvin dazu befragen.

Im Hintergrund hörte ich Anette, wie sie versuchte, dem Beamten auf der anderen Seite der Leitung zu vermitteln, dass hier tatsächlich jemand erschossen worden war. Ja, ganz sicher. Nein, er ist tot … Ja, Irrtum ausgeschlossen. Woher sie das weiß? Weil sie es gesehen hat. Ob er noch atmet … Anette schaute den Telefonhörer fassungslos an und holte tief Luft. Nein, er atmet nicht mehr. Deshalb wäre es ja auch ein Mord, den sie hier der Polizei meldet!

»Bedienung, können Sie mir bitte noch einen Kaffee bringen?«, fragte die ältere Frau höflich, der das Telefonat nun schon zu lange dauerte.

»Und mir die Rechnung«, fügte der Mann mit der Zeitung hinzu. »Ich habe jetzt wirklich keine Zeit, mich mit der Polizei herumzuschlagen!«

 

Ich gab gerne zu, dass es mich auch etwas irritierte. Zum einen befanden wir uns hier in einem Café in Bornheim und nicht in einer zwielichtigen Bodega in Kolumbien. Zum anderen machte man so etwas einfach nicht. Wenn so etwas schon nötig ist, dann erledigt man das doch bitte diskreter. Man geht nicht einfach so in ein Bistro, in dem ein Dutzend Zeugen sitzen, und ballert in der Gegend herum!

Und warum zur Hölle hatte der Kerl mir zugenickt? Egal was es zu bedeuten hatte, eines war jetzt sicher … es wurde kompliziert. Es hatte auch kaum Sinn, mich zu verdrücken, ich hatte hier gestern mit Kreditkarte gezahlt und Anette kannte meinen Namen.

Das Glöckchen an der Tür bimmelte erneut, diesmal war es der junge Mann, der sich mit Lucios prall gefüllter Brieftasche verdrückte. »Hey!«, rief das Mädchen und sprang auf, um ihm hinterherzurennen. »Gib mir was ab, du Mistkerl!«

»Die haben beide nicht bezahlt«, beschwerte sich der ältere Mann empört. Anette schüttelte nur den Kopf, seufzte und sah Hilfe suchend zu mir herüber.

»Mach dir keine Gedanken, Anette«, versuchte ich sie zu beruhigen, »die Polizei wird sie schon finden.«

»Bitte, ich möchte noch einen Kaffee!«, rief die alte Frau erneut und sah dann missbilligend auf die rote Pfütze herab, die sich langsam unter Lucios Kopf ausbreitete. »Und vielleicht sollte das mal jemand aufwischen«, fügte sie noch mit leicht tadelnder Stimme hinzu. »Ich finde, das gehört sich einfach nicht!« Damit hatte sie sicherlich auch recht. Auch wenn ich nicht ganz sicher bin, was genau sie meinte. So vorwurfsvoll sie den Toten ansah, konnte es auch sein, dass sie ihm vorwarf, hier unpassend verstorben zu sein.

 

Sieben Minuten später hielt ein Streifenwagen vor der Tür und zwei Polizisten stiegen aus, um ganz gemächlich hereinzustiefeln. Sie fanden Anette vor, die ältere Frau und mich, sowie einen weiteren Gast, der zwischenzeitlich hereingekommen war, um sich den Schlamassel ganz genau zu besehen. Lucio war das egal, er hing noch immer da, als würde er gleich vom Stuhl rutschen, hatte sich aber keinen Millimeter mehr bewegt.

Die Polizistin besaß langes, volles, üppiges, blondes Haar, blaue Augen und sah aus wie ein Rauschgoldengel in einer viel zu großen Uniform. Kaum einen Millimeter über der Mindestgröße sah sie im ersten Moment so aus, als ob man sie vor einem Windstoß beschützen müsste. Allerdings war sie es, die sich über den Toten beugte. »Der ist wirklich hin«, stellte sie ungerührt fest und richtete sich wieder auf. Sie zog einen Streifen Kaugummi aus ihrer Jackentasche und hielt sie ihrem Kollegen hin. »Du auch einen?«

Der schüttelte nur den Kopf, sprach in sein Funkgerät und bedeutete gleichzeitig Anette mit einer Geste, ihnen zwei Kaffee zu machen.

Ich fand es faszinierend. Seit den Schüssen waren nunmehr zwölf Minuten vergangen. Der Polizist ging geschäftig raus an die Tür und sah sich suchend um, als stünde der Mörder vielleicht noch irgendwo, sah erwartungsgemäß nicht viel und kam auch gleich wieder herein.

Hatte er damit vielleicht sogar das Richtige getan? War ja möglich, dass es das ja wirklich gab, dass der Mörder an der Ecke stand und zusah, was die Polizei so trieb. Heutzutage schien mir alles denkbar.

»Die Kripo ist gleich da«, teilte der Polizist uns dann gewichtig mit. »Ich muss Sie deshalb alle bitten, solange hierzubleiben, bis wir Sie vernehmen können!«

Das hatten sich auch andere schon gedacht, deshalb waren fünf Gäste zwischenzeitlich schon gegangen.

»Haben Sie auch fettarme Milch für meinen Kaffee?«, fragte die Polizistin höflich und kaute ihren Kaugummi.

Anette stellte der Polizistin wortlos eine Packung fettarme Milch auf die Theke und kam dann zu mir an den Tisch, um sich erschöpft in den Stuhl neben mir fallen zu lassen.

»Ich habe mich noch gar nicht bedankt«, sagte sie leise.

»Wofür?«

»Dass Sie mich beschützen wollten.«

Ich schüttelte den Kopf. »Nicht der Rede wert. Sie waren nicht in Gefahr.«

»Meinen Sie?«, fragte sie skeptisch.

»Er hatte es nur auf unseren italienischen Freund abgesehen.«

»Mag sein, aber das wussten Sie ja nicht.« Sie seufzte. »Ich komme wahrscheinlich zu spät nach Hause«, teilte sie mir bedrückt mit. »Mein Babysitter geht um sechs und dann ist meine Kleine alleine! Und mein Chef meint, ich soll das hier alles regeln, bis er kommt. Aber das ist erst um acht!« Sie sah mich fragend an. »Was meinen Sie, wie lange wird das mit der Vernehmung dauern?«

Ich zuckte die Achseln. Bislang hatte ich es vermeiden können, vernommen zu werden, mir fehlte darin die Erfahrung. Wenigstens in Deutschland. Eines war beruhigend: Wahrscheinlich würden keine langen Stöcke zum Einsatz kommen.

Aber ich musste zugeben, dass auch ich neugierig war, zu sehen, wie das hier weiterging.

»Der Gedanke zählt«, sagte sie, und ich sah sie fragend an, ich hatte den Faden irgendwie verloren.

»Als Sie sich auf mich geworfen haben«, erklärte sie. »Das war richtig ritterlich!« Die Art, wie sie mich ansah, war mir fast schon peinlich, ich war froh, als der Polizist sich vor uns räusperte und anfing, die Personalien aufzunehmen.

 

Draußen vor dem Bistro wurde es etwas voller, als ein weiterer Polizeiwagen und ein grüner Van ankamen. Die Kripo und die Spurensicherung, so wie es aussah. Ich sah auf die Uhr, seit den Schüssen waren zwanzig Minuten vergangen.

»Ist das Schmidt mit dt, t oder tt?«, fragte der Polizeibeamte. Schmitt. Mit Doppel-t. Schmidt hatte ja jeder. War wie mit Rossi, man will ja nicht die Masse sein.

»Schmitt. Mit zwei t bitte«, antwortete ich, allerdings etwas abgelenkt, da meine Aufmerksamkeit von einer Frau gefangen wurde, die gerade hereingekommen war.

Groß war sie und athletisch, vielleicht etwas jünger als ich, Ende dreißig also. Sie hatte ihr volles schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, dennoch sah man, dass es schwer zu bändigen war, diese Sorte Haar, die so fest ist, dass man ein Buch auf die Frisur legen konnte … Ich lächelte, weil ich mich gerade an ein junges Mädchen erinnerte, das mir frustriert genau das vorgeführt und sich darüber aufgeregt hatte, dass sie für ihr Haar angeblich eine Drahtschere brauchen würde.

Die Frau ging mir bis fast an die Schultern, trug Sportschuhe und Jeans, unter der sich ein fester Hintern abzeichnete, eine grüne Windjacke, zu drei Vierteln offen, darunter ein weißes T-Shirt mit dem Bundesadler darauf. Aber es war das fein gezeichnete, fast schon aristokratische Gesicht mit den dunkelgrünen Augen, das mich fesselte, vor allem das entschlossene Kinn. Das Mädchen mit den Drahthaaren und dem Buch darauf hatte das gleiche Kinn besessen. Marietta? Je länger ich sie ansah, desto sicherer wurde ich mir. Eines war sicher, von uns beiden hatte sie sich eindeutig besser gehalten.

Ja, das war Marietta. Kein Zweifel möglich. Vielleicht wurde das heute doch noch ein guter Tag. Nun, dachte ich mit einem Blick zu Lucio, nicht unbedingt für ihn, aber vielleicht für mich.

Bist du etwa nervös?

Das konnte man so sagen. Dass mir die Handflächen das letzte Mal so geschwitzt hatten, war jetzt gute zweiundzwanzig Jahre her. Bevor ich all meinen Mut zusammengenommen hatte, um sie zu küssen.

Und dann bist du Depp zur Bundeswehr gegangen.

Tja, noch eine dieser Entscheidungen, die man in Muße bereuen konnte. Vor allem wegen ihr. Marietta, wenn sie es wirklich war, widmete uns allen nur einen kurzen Blick, ein knappes Nicken zu den Streifenbeamten folgte, der Rest ihrer intensiven Aufmerksamkeit galt bereits schon Lucios sterblichen Überresten.

Bis jetzt hatte sie es noch nicht für nötig befunden, sich uns vorzustellen. Wer und was sie war, konnte man sich allerdings auch denken, ohne dass sie einen Ausweis vorzeigte. Sie trug eine Pistole im Gürtelholster, und als sie sich vorbeugte, um Lucio besser sehen zu können, rutschte die Windjacke hoch und man sah eine lederne Tasche für die Handschellen. Außerdem trug sie einen roten Slip.

Ich lehnte mich im Stuhl zurück und sah zu, wie sie in aller Ruhe die Szene in sich aufnahm. Sie ließ sich Zeit, während draußen ihre Kollegen mehr oder weniger geduldig warteten.

Nur einer, ein langer, schlaksiger Kerl in einem dunkelgrauen Anzug – wie Lucio trug auch er italienische Maßmode, vom Schuhleder bis zum Hemd und der Krawatte –, wagte sich hinein. Sie sah nur kurz auf und schenkte ihm ein feines Lächeln; er sagte nichts, stellte sich mit den Händen in den Hosentaschen daneben und sah sich die Sauerei ebenfalls gelassen an. Ich schloss messerscharf, dass dies ihr Kollege sein musste. Hageres Gesicht, volles strohblondes Haar, Lachfalten, ein permanent leicht amüsierter Gesichtsausdruck, lachende graublaue Augen, schmale elegante goldene Uhr. Wenn dies ein Film wäre, hätte man mit ihm nie die Rolle eines Kommissars besetzt … Ich konnte ihn jetzt schon nicht leiden. Was natürlich nichts damit zu tun hatte, dass sie ihn angelächelt hatte.

Schließlich wandte sich ihre Aufmerksamkeit dem Rest des Raums und damit auch uns zu, ich sah, wie sie methodisch die Augen schwenken ließ, konnte fast hören, wie sie sich im Geiste Notizen machte, sich alles einprägte.

Auch das kannte ich von ihr.

Ihr prüfender Blick war nun bei mir angekommen. Ich ging jede Wette ein, dass sie mit geschlossenen Augen genau beschreiben konnte, wo der Zuckerstreuer stand und wie meine Krawatte aussah … und jetzt erschien eine feine senkrechte Falte zwischen ihren Augenbrauen, bevor sich ihre Augen kurz weiteten, um dann geflissentlich wieder von mir wegzusehen.

Mein eigener Gesichtsausdruck war eher neutral, mir war nach Lächeln zumute, aber die Umstände schienen mir im Moment doch eher unpassend. Auch wenn Lucio wohl nichts dagegen hatte. Nur dass der mich im Moment wenig interessierte. Ich war viel eher neugierig, wie es Marietta in den letzten zwanzig Jahren so ergangen war.

»Guten Tag«, sagte sie dann. »Ich bin Hauptkommissarin Steiler, und dies ist mein Kollege Kommissar Berthold.« Sie musste geheiratet haben. Früher hieß sie Bordeaux. Wie der Wein. Sie sah sich im Raum um. »Sie sind alle Zeuge des Mordes gewesen?«, fragte sie dann.

Wir nickten brav. Ich auch. Nur war ich nicht so ganz bei der Sache.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Sie ist verheiratet. Vergiss es.

Ich unterdrückte einen Seufzer, und Marietta sah zu mir hin, aber nur kurz, da die alte Dame etwas zu vermelden hatte.

»Der nicht«, sagte sie und funkelte unseren Zaungast aus blassblauen Augen an. »Der ist erst nachher reingekommen.« Sie hob drohend einen Finger in seine Richtung. »Der da ist nichts anderes als ein Schaulustiger, der sich an dem Unglück seiner Mitmenschen labt!«

»Was tu ich?«, fragte dieser und schaute die ältere Dame etwas verwirrt an.

»Sich ergötzen!«, erklärte sie ihm. »Das ist unchristlich, junger Mann!«

»Ich mache nur meine Arbeit!«, protestierte er.

»Und Sie sind?«, fragte Marietta höflich. Die Sorte von Höflichkeit, bei der man in Deckung gehen sollte. Unserem Herrn hier schienen allerdings überlebenswichtige Instinkte abzugehen.

»Martin Landvogt.« Er lächelte gewinnend. »Ich bin freischaffender Journalist.«

»Sind Sie das?«, fragte nun Kommissar Berthold leise, wirkte dabei immer noch amüsiert. In etwa wie ein Haifisch. Die zeigten auch erst ihre Zähne, bevor sie zubissen.

Herr Landvogt nickte. »Dies ist ein öffentlicher Ort«, versuchte er es dann und setzte ein gewinnendes Lächeln auf.

»Dies ist vor allem ein Tatort«, erklärte Berthold. Er wies mit dem Finger auf die Tür. »Sie gehen jetzt dort hinaus, bis hinter die Absperrung und melden sich dann bei dem Kollegen in dem VW-Bus.« Er sah zu seiner uniformierten Kollegin hin, die immer noch an ihrem Kaugummi kaute und gleichzeitig den Kaffee schlürfte. Irgendwie fand ich das auch faszinierend.

»Wir haben seine Personalien«, beantwortete diese Bertholds unausgesprochene Frage. »Nur hat er als Beruf Künstler angegeben«, fügte sie vorwurfsvoll hinzu und nahm noch einen Schluck Kaffee. Anette hatte ihr vorhin nachgegossen, also war der Kaffee noch heiß … ihr Schlürfen füllte die momentane Stille, und sie wurde noch nicht einmal rot dabei.

»Das ist er wohl auch«, meinte Kommissar Berthold und sah diesen Landvogt mit einer steilen Falte zwischen den Augenbrauen an. »Ein echter Dichter, wenn ich mich richtig an Ihren letzten Artikel erinnere.« Mir schien das kein Kompliment zu sein. »Soll ich es Ihnen noch mal erklären? Oder möchten Sie in Handschellen rausgebracht werden?«

»Schon gut«, sagte Landvogt und hob die Hände. »Ich weiß, wo ich nicht erwünscht bin.«

»Wenn man es Ihnen erklärt!«, bemerkte die ältere Frau spitz, kurz bevor er die Tür erreichte. Der Herr Journalist blieb im Türrahmen stehen und grinste die ältere Dame breit an. »Noch mal, danke schön, dass Sie gepetzt haben!«, legte er nach und zog die Tür hinter sich zu.

»Ich habe nicht gepetzt!«, protestierte die Dame und schaute in die Runde, um Bestätigung zu erhalten. »Schließlich ist es nur die reine Wahrheit!«

»Sicherlich«, beschwichtigte Marietta sie. Für sie schien das Thema Landvogt jetzt erst einmal erledigt. »Sie drei wurden also Zeugen des Mordes?«

Anette nickte. »Wir drei und noch fünf andere Gäste.« Sie sah zu den Streifenpolizisten hinüber. »Das habe ich Ihren Kollegen auch schon gesagt«, teilte sie uns hoheitsvoll mit.

»Dann muss ich Sie alle bitten, mit aufs Präsidium zu kommen, damit wir Ihre Zeugenaussage aufnehmen können.«

»Das würde ich lieber hier machen«, kam der überraschende Einwurf von der Seitenlinie.

»Das geht leider nicht, Frau …« Marietta sah die ältere Dame fragend an.

»Mayer. Louise Mayer. Habe ich auch schon diesem netten jungen Mann gesagt«, meinte die Dame und lächelte freundlich, während sie mit ihrer Tasse den einen Polizisten ausdeutete. »Ich würde das gerne hier erledigen. Ich wohne um die Ecke, und nachher kommt meine Enkelin zu Besuch, und das käme mir jetzt gar nicht recht, irgendwohin mitzukommen.«

Falsche Antwort, dachte ich und lehnte mich entspannt zurück, um das Schauspiel zu genießen.

Offenbar war Marietta doch nicht mehr so impulsiv wie früher, denn sie blinzelte nur einmal, blieb aber ansonsten überraschend ruhig. »Sie wurden Zeuge eines Mordes«, erklärte sie.

»Ich weiß«, stimmte Frau Mayer höflich zu. »Ich habe es ja selbst gesehen!«

Jemand von der Spurensicherung, der um Lucio herum erst einmal mit dem Fotografieren angefangen hatten, hustete erstickt und erntete dafür einen amüsiert strafenden Blick von Kommissar Berthold.

Niemand konnte etwas dafür, wie er aussah. Wahrscheinlich war Kommissar Berthold sogar ein netter Kerl, wenn man ihn nur richtig kannte. Ich versuchte, nicht zu voreilig zu urteilen, aber dieser amüsierte Gesichtsausdruck ging mir mittlerweile gewaltig gegen den Strich.

Gut, dass du so gut wie nie eifersüchtig bist.

Ja, genau.

Mariettas Geduld schien jetzt doch langsam nachzulassen. Auch gegenüber alten Damen.

»Sie alle …«, sagte sie leise, aber sehr, sehr deutlich, »werden jetzt mit aufs Präsidium kommen.«

»Aber ich hab doch gar nichts getan!«, protestierte Frau Mayer.

»Bevor Sie hier irgendwas verwechseln, das war keine Bitte«, erklärte Marietta kühl. »Hier ist ein Mord geschehen, und es ist Ihre Bürgerpflicht, bei der Aufklärung dieser Straftat Hilfe zu leisten!«

»Von Ihnen, junges Fräulein, lasse ich mir keine Befehle erteilen!«

Kommissar Berthold räusperte sich und sein Lächeln war so charmant, dass sogar ich etwas blinzeln musste. Neben mir schluckte Anette und beobachtete den Kommissar wie ein hypnotisiertes Kaninchen mit tellergroßen Augen.

»Gnädigste …«, sagte Berthold und ergriff mitfühlend die Hand der alten Dame. »Wir benötigen wirklich Ihre Hilfe. Aber ich sehe ein, dass es Unannehmlichkeiten für Sie birgt … also werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie direkt wieder mit einem Streifenwagen nach Hause gebracht werden … und je länger wir hier die Arbeit der Kollegen behindern, umso länger wird es dauern. Ich bin mir sicher, dass wir Ihre Aussage schnell aufnehmen können, sie wird für den Verlauf unserer weiteren Ermittlungen sicherlich von größter Wichtigkeit sein, Ihre hervorragende Beobachtungsgabe haben Sie ja bereits hinlänglich bewiesen.«

»Meinen Sie?«, fragte Frau Mayer und wurde entzückend rot.

»Aber sicherlich«, antwortete der Kommissar und führte die alte Dame mit einer galanten Verbeugung zur Tür.

»Ich glaub das nicht …«, flüsterte Anette neben mir, ihr Blick noch immer wie gebannt auf den Kommissar gerichtet.

Ich auch nicht, aber ich war mir nicht sicher, ob wir dasselbe meinten.

 

»Ist das Ihr Beruf? Entsorgungsspezialist?«, fragte Marietta etwas später. Wir befanden uns im Präsidium auf der Miquelallee, ein schöner klassizistischer Bau mit hohen Gängen und großen lichten Räumen. Auch dieser Raum war hell und groß, aber deutlich überfüllt. Wir saßen an einem kleinen Tisch, den irgendwer mehr schlecht als recht an die rechte Wand gequetscht hatte. Bis jetzt hatte sie nicht das geringste Anzeichen dafür gezeigt, dass sie wusste, wer ich war.

Sie tut nur so.

Das war auch meine Meinung. Aber das hier war ihr Spiel, also hielt ich es für besser, mich an ihre Regeln zu halten. Wenigstens zum Teil. Wir saßen uns gegenüber, zwischen uns der Tisch, auf dem sich eine alte Remington-Schreibmaschine und ein Aschenbecher befanden. Schräg hinter ihr konnte ich einen modernen Computerarbeitsplatz sehen, jede freie Oberfläche war mit Akten vollgestapelt, und die Kabel von Monitor und Tastatur sowie einem Drucker, der aussah, als könne er auch ein Raumschiff fliegen, baumelten leer an der Stelle, an der sich wohl ein Computer befunden hatte. Irgendwann einmal.

Sie sah gerade auf ihr Schreibbrett hinab, auf dem wohl der Bericht des Streifenbeamten festgeklemmt war, der meine Angaben zur Person aufgenommen hatte, dann wieder zu mir zurück und hob eine Augenbraue an.

»Wollen Sie mir meine Frage nicht beantworten?«

Welche Frage?

Die nach meinem Beruf!

»Richtig. Meine Aufgabe ist es, schwierige Altlasten zu entsorgen oder zu recyceln. Früher nannte man das einen Müllmann.« Ich lächelte verbindlich, während ich es genoss, sie in aller Ruhe aus der Nähe anzusehen. Abgesehen von ein paar feinen Fältchen hatte sie sich kaum verändert. »Genauer gesagt, bin ich eher ein Berater. Ich vermittele zwischen den Entsorgungsunternehmen und den Kunden.«

»Man verdient offensichtlich nicht schlecht in dem Geschäft«, meinte sie dann, ohne von ihrem Schreibbrett aufzusehen. Schuhe, Anzug, Uhr, Krawatte und andere gern gesehene Zeichen des Erfolgs hatte sie schon vorhin verbucht. Mit einem Stirnrunzeln, als ob es ihr nicht gefiele, einen Maßanzug an mir zu sehen. Dabei sah ich gegen ihren Kollegen noch bescheiden aus. Warum der bei der Kripo war, verstand ich noch immer nicht, als Modell konnte er bestimmt deutlich mehr verdienen.

»Ich lebe davon«, stimmte ich bescheiden zu.

»Gut«, sagte sie dann und klemmte das Brett zwischen Schreibmaschine und Tisch. Sie fummelte ein wenig mit einem Formular und Durchschreibpapier herum, schob den Schlitten der Maschine mit einem »Kling« zurück und sah mich mit diesen dunkelgrünen Augen an.

»Erzählen Sie mir einfach mit Ihren Worten, was Sie gesehen haben«, sagte sie dann. »Dann gehen wir das Ganze noch einmal zusammen durch, und ich nehme Ihre Aussage auf.«

 

Ich war wohl doch kein so besonders guter Zeuge. Es war ein Mann, dessen war ich mir sicher. Er hatte eine Sonnenbrille auf. Und eine Lederjacke an. Ich wusste nicht mehr, ob er was gesagt hatte oder nicht. Er hatte diese kleine Pistole gezogen und geschossen. Dann war er gegangen. Ja, das Notebook hatte er wohl mitgenommen. So ein weißes Ding, fügte ich hilfreich hinzu.

Wenn du sie weiter provozierst, wird sie dir noch den Kopf abreißen!

Irgendwie hoffte ich es. Denn dann würde ich sie wiedersehen.

War der Mann groß, wollte Marietta wissen.

Nicht zu groß. Nicht zu klein. So irgendwie Durchschnitt. Europäer oder vielleicht auch nicht. Es tat mir wirklich leid, dass ich ihr nicht helfen konnte. Aber ich hatte ja erst aufgesehen, als alles schon fast vorbei war. Schließlich hat ja niemand mit so etwas rechnen können.

 

»Danke«, sagte sie später, viel später, und ihre Frustration war kaum zu hören. Ich setzte ganz akkurat meine Unterschrift auf die mit dem X bezeichneten Stellen in der Aussage.

»Wollen Sie mir nicht Ihre Telefonnummer geben, für den Fall, dass mir noch etwas einfällt?«, fragte ich sie mit meinem besten Lächeln.

So um der alten Zeiten willen? Damit wir uns verabreden, Wein trinken und hemmungslos leidenschaftlichen Sex haben können?

Ihre dunkelgrünen Augen pinnten mich an die dreckig weiße Wand hinter mir, als wäre ich ein Schmetterling auf einer Nadel. Oder irgendetwas anderes Krabbelndes mit viel zu vielen Beinen. Am Anfang war sie ehrlich freundlich gewesen, lächelte sogar hier und da mal, aber im Verlauf der Protokollierung meiner Aussage wich dieses Lächeln einem skeptischen Blick. Jetzt, wo wir fertig waren, sagte mir dieser Blick, dass sie ganz genau wusste, dass ich nicht kooperiert hatte. Zudem versprachen mir diese faszinierenden Augen, dass sie herausfinden würde, warum ich mich so stur stellte.

»Ich denke, Sie werden imstande sein, die Nummer des Reviers im Telefonbuch zu finden«, antwortete sie mir. Mit einem Lächeln. Keinem freundlichen.

Sie stand auf. »Vielen Dank, Herr Schmitt«, sagte sie dann noch. Der Sarkasmus war ebenfalls gut versteckt. Man musste schon wissen, dass er da ist, um ihn zu hören.

Gott, ist sie stinkig.

Ja, das war mir auch schon aufgefallen. Mir dagegen war eher nach einem breiten Grinsen zumute, allein ihr Anblick hatte mir den Tag gerettet.

 

Für mich gab es kein Taxi mit Blaulicht zum Bistro zurück. Ich durfte die S-Bahn nehmen. Spätestens hier verging mir das Grinsen. Eine deutsche Mitbürgerin mit Integrationshintergrund, Kinderwunsch und -wagen schob Letzteren jedes Mal erneut in die Lichtschranke der Tür. Sie nickte verständig, wenn man es ihr erklärte, sagte ja und noch einmal ja, zuckte schreckhaft zusammen, wenn man den Kinderwagen auch nur berührte … und schob ihn dann prompt erneut in die Lichtschranke.

Als es mir dann zu viel wurde und ich den Kinderwagen einfach festhielt, nachdem sie ihn wieder in die Lichtschranke schieben wollte, fing sie an zu kreischen, beschimpfte mich, drohte mir mit der Faust und spuckte wie ein Lama … um dann erstaunt mit großen Augen aufzusehen, als sich die S-Bahn endlich in Bewegung setzte.

 

Ich fragte mich, ob Kommissar Dressman sein Versprechen der alten Dame gegenüber gehalten hatte. Das Ganze hatte mich drei Stunden gekostet, die Hälfte der Zeit hatte ich nur warten dürfen, bis Marietta Zeit für mich gefunden hatte. Wenigstens stand mein Mercedes noch dort, wo ich ihn geparkt hatte, es hätte mir jetzt gar nicht in den Kram gepasst, hätte man ihn abgeschleppt. Nur ein Knöllchen verzierte meine Windschutzscheibe. Ein Knöllchen, das ich nicht bekommen hätte, hätte ich nicht meine Pflicht als Staatsbürger erfüllt. So wurde es einem also gedankt.

Doch manchmal hatte sogar ich etwas Glück. Auf der anderen Straßenseite sah ich den jungen Mann von vorhin aus einer Tür herauskommen. Den mit den lila Haarspitzen, der Akne und Lucios Brieftasche. Er schaute sich verstohlen um und schlich dann in die nächste Seitenstraße. Er hätte auch ein Schild hochhalten können.

Zwei Sekunden später kam er sichtlich erleichtert wieder heraus und verschwand wieder in der Haustür. Die kleine Seitenstraße war kaum mehr als eine Gasse, die zu einem Hinterhof führte. Man sah den üblichen Dreck und ein paar Müllcontainer.

Also öffnete ich den ersten Müllcontainer, und da steckte sie dann auch schon zwischen einer leeren Fischstäbchenpackung und einem Hüttenkäsebecher. Lucios Brieftasche. Scheinbar hatte sich der junge Mann mit der Akne nur am Geld bedient, denn der übliche Plunder befand sich noch darin. Kreditkarten, Quittungen und was man sonst so alles noch in die Brieftasche stopfte. Jede Menge Zettel mit Notizen drauf. Und Telefonnummern.

Besten Dank, mein Freund, dachte ich und ging zu meinem Wagen zurück.

Ich entfernte den Strafzettel und verstaute ihn in meiner Brieftasche, bevor ich einstieg und losfuhr. Nur verriet mir ein Blick auf die Uhr, dass es bereits zu spät war, dem Berufsverkehr zu entkommen.

Keine fünf Meter weiter musste ich in die Bremse steigen, weil mir ein Taxi die Vorfahrt nahm. Ich hupte, und der Taxifahrer, ein dunkelhäutiger Krauskopf, bewies, dass er sich in unsere Gesellschaft bereits hervorragend integriert hatte und zeigte mir den Stinkefinger.

Zwei Ampeln weiter bremste er so hart ab, dass ich ihm beinahe hinten aufgefahren wäre, während er wild gestikulierend ins Leere sprach, ein Fahrgast war weit und breit nicht zu sehen, also diskutierte er wohl gerade entweder mit seiner Frau oder mit der Zentrale. Wahrscheinlich verstand er kein Wort von dem, was man von ihm wollte.

Vor Jahren bin ich mal in einem Taxi in Berlin gefahren und kam auch an so einen Kameraden. Der hatte auch immer nur ja, ja gesagt, breit gelächelt, mit dem Kopf genickt und sich auch durch Handzeichen nicht dazu bewegen lassen, den kürzesten Weg zu nehmen. Der Mann war ein Genie. Selbst mit Absicht wäre es mir schwergefallen, mich auf einer Strecke von zwei Kilometern um fünfzehn Kilometer zu verfahren. Warum kam denn keiner mal auf den Gedanken, einen Deutschkurs an den Taxischein zu hängen?

Weil es einen Sinn ergeben würde?

Richtig. Gesunder Menschenverstand war in der Politik ja verboten.

Ich versuchte mich zu beruhigen. Es war nicht der Taxifahrer, der mir auf die Nerven ging, es war Lucio Valente. Irgendwie nahm ich es ihm persönlich übel, dass er sich von so einem Idioten hatte umlegen lassen.

Endlich war ich das Taxi los, es fuhr rechts ab und ich geradeaus weiter … nur um auf das Umleitungsschild zu starren, das mir die Durchfahrt blockierte. Mussten die ausgerechnet jetzt den Asphalt aufreißen?

Die Umleitung führte in die exakt falsche Richtung, ich folgte brav den Schildern, die dann einfach aufhörten, also versuchte ich, den Weg zurückzufinden und landete wieder bei der Umleitung. Irgendwie hatte ich es geahnt.

Diesmal fuhr ich so, wie ich es für richtig hielt, und siehe da, es klappte.

Dennoch, als ich zu Hause ankam, war ich fix und fertig. Und vier Stunden zu spät.

 

Ich kam mit dem Mercedes nicht zur Garage, Ana Lenas Vespa stand mitten im Weg, also atmete ich tief durch, stieg aus und schob ihren Roller zu Seite. Ich fuhr meinen Wagen rein, verriegelte das Tor von innen und ging durch den Garageneingang ins Haus. Schon dort hörte ich ihre Musik. Laut.

Immer mit der Ruhe, Heinrich, dachte ich. Sie kann ja nichts dafür, dass du so genervt bist. Zähle langsam rückwärts: Zehn-neun-acht-… Nein, für so einen Mist hatte ich nun wirklich keine Geduld mehr übrig.

Von der Garage aus ging es in den Flur, dann in die Küche, in der Ana Lena gewütet hatte. Da ich zu spät gekommen war, hatte sie sich offenbar selbst etwas gekocht … wenn man das so nennen konnte.

Suchte man einen Beweis dafür, dass nicht jeder Frau das Kochen in den Genen lag, dann konnte man den Zustand unserer Küche als Beleg dafür nehmen. Meine Nichte hatte es jedenfalls fertiggebracht, sogar die Ravioli anbrennen zu lassen.

Ich drückte mir einen Kaffee aus der Espressomaschine, die war so ziemlich das Einzige im Haus, um das ich mich nicht zu kümmern brauchte. Ana Lena wäre verloren ohne die braune Brühe und achtete stets darauf, dass die Maschine betriebsbereit war.

Meine Nichte lebte von Kaffee, aber wenigstens rauchte sie nicht. Dafür saß sie stundenlang vor dem verdammten Computer und … lass das, dachte ich, nahm mir meinen Kaffee, die Rechnungen vom Tisch im Flur und ging in mein Arbeitszimmer. Selbst bei geschlossener Tür konnte ich ihre Musik noch hören. Ich sollte hochgehen, sagte ich mir, aber ich war zu angefressen, das hätte nur wieder in einem Streit geendet.

Später.

Rechnungen, Werbung, Werbung, Rechnungen. Das Übliche, bis auf einen Brief von meinem Steuerberater. Und die Abrechnung von der Telekom. Gott sei Dank gab es Flatrates, sonst hätte mich Ana Lena noch arm gemacht. Und was noch? Werbung.

Vier neue E-Mails. Zweimal Spam, eine Auftragsbestätigung und eine Absage. Nichts Dringendes.

Langsam hatte ich mich wieder abgeregt, also rief ich Marvin an. Der natürlich nicht ans Telefon ging.

Also zog ich die Schublade auf, in der meine Zigaretten lagen, und zündete mir eine an, während ich überlegte.

Ich kannte diese Art der Hinrichtung, nur nicht aus Deutschland. In Mexiko oder in Kolumbien machte man es so, meist um jemandem eine deutliche Nachricht zu senden. Wie bei einem Drogenkrieg, da waren solche Morde an der Tagesordnung. Nur passte das nicht zu dem, was ich von Lucio wusste. Klar hatte er seinen Pferdchen auch den Stoff besorgt, aus dem die Träume sind, aber er hatte es nicht übertrieben.

Vielleicht war der Gute ja nicht nur Marvin auf die Füße getreten. Manche Leute sollen gereizt darauf reagieren, wenn sie erpresst werden. Aber gleich ein Mord auf offener Straße? So genau wusste ich es auch nicht, aber ich meinte mich zu erinnern, dass es gut fünfzehn Jahre her wäre, dass in Frankfurt das letzte Mal etwas Ähnliches geschehen war.

Also gut. Wenn Lucios Tod eine Botschaft sein sollte, für wen war sie bestimmt? Und warum hatte der Mörder mir zugenickt?

Ich nahm Lucios Brieftasche heraus und entleerte sie auf meinen Schreibtisch. Irgendwo in den Quittungen, Notizen, Zetteln und dem anderen Mist würde sich hoffentlich etwas finden lassen.

Das Telefon klingelte, es war Marvin.

»Du hast angerufen. Was gibt’s, hast du die CD bekommen?«, wollte er wissen.

Über Helmut Wolkenwand

Biografie

»Helmut Wolkenwand« ist das augenzwinkernde Pseudoynm des Fantasyautors Richard Schwartz. Er wurde 1958 in Frankfurt geboren, hat eine Ausbildung als Flugzeugmechaniker und ein Studium der Elektrotechnik und Informatik absolviert. Er arbeitete als Tankwart, Postfahrer und Systemprogrammierer und...

Pressestimmen

Freundin

Locker und schwarzhumorig plaudert sich Helmut Wolkenwand durch Verbrechen aller Art. Verboten gut.

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